Auf das berühmte Kaiser-Karls-Bad

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Johann Christoph Gottsched: Auf das berühmte Kaiser-Karls-Bad (1733)

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Ihr aufgethürmten Berg' und Felsen!
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Die ihr, mit aufgereckten Hälsen,
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Oft höher, als die Wolken steht;
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Dabey die Töpel, seicht an Fluthen,
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Durch hundert schlanke Weidenruthen,
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Auf fortgespülten Steinen geht.

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Berühmte Thäler, deren Seiten,
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Schon seit der großen Sündfluth Zeiten,
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Der steilsten Berge Wand umgab!
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Von Süd und Ost, und Nord und Westen
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Blickt, zwischen dünnbelaubten Aesten,
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Ein nackter Fels auf mich herab.
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Der Himmel ist mir halb verstecket,
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Ein dicht umzogner Vorhang decket
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Mir fast der Sterne größte Zahl.
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Bey Nacht, wenn ich mit Neutons Röhren
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Den Ring Saturns, den Mars will ehren,
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Verbergen sie sich auf einmal.

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Auch Sonnenlicht und Mond erscheinen
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Uns täglich später, als wir meynen,
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Entweichen ehr, als anderswo.
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Beglückte Bürger flacher Höhen!
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Ihr könnt den Tag weit länger sehen,
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Euch macht ein früher Morgen froh!

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An beyden Ufern unsers Flusses
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Stehn Wohnungen des Ueberdrusses,
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Der Krankheit und der Traurigkeit.
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Hier sieht man abgezehrte Wangen,
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Gebeine, deren Kraft vergangen,
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Und Herzen, voller Gram und Leid.

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Galen! was deiner klügsten Jünger
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Erfahrungsreicher Zauberfinger
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In manchem Puls umsonst berührt;
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Wofür du selbst in hundert Säften,
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Und ausgekochter Kräuter Kräften,
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Kein Stärkungsmittel ausgespürt;

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Das kömmt mit ungezählten Schaaren,
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Durch Berg und Thal hieher gefahren,
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Wo die Natur sich weiser zeigt;
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Als alle, die mit stumpfen Sinnen,
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Ein allzuschweres Werk beginnen,
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Das aller Aerzte Hochmuth beugt.
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Das bleiche Fieber kömmt geschlichen,
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Das Hauptweh, sammt den Lendenstichen,
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Der Magenkrampf, der Gliederschmerz,
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Das Podagra, die Nierensteine,
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Die Gelbsucht, angelaufne Beine,
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Und ein von Schwermuth krankes Herz.

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Verdorbne Mägen, das Erbrechen,
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Die Blähungen, das Seitenstechen,
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Die Schlafsucht, und Unfruchtbarkeit;
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Den Wahnwitz sieht man hieher eilen:
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Und allen Hülfe zu ertheilen,
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Ist dieß berühmte Thal bereit.

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O wundervolle Wasserquelle!
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Wer senkte dich auf dieser Stelle,
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Bey Berg und Felsen, in den Grund?
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Wer lehrte dich aus tiefen Schlünden
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Den Weg in freye Lüfte finden!
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Wer that uns deine Kräfte kund?

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Die Vorsicht wars! die weis im Stillen
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Den Abgrund mit der Glut zu füllen,
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Die ein so heilsam Wasser kocht.
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Sie treibt es durch verborgne Röhren,
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Und läßt die Menschen rauschend hören,
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Was in versteckten Adern pocht.

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Der Boden raucht; es dampft vom weiten:
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Es quillt und dringt auf allen Seiten
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Ein siedend Naß durch Kieß und Sand.
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Dort sprudelt gar bey lautem Sausen,
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Ein stärkrer Stral, mit Schaum und Brausen,
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Als man im größten Springbrunn fand.

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Er spritzet mannshoch von der Erden,
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Und will dem Menschen nutzbar werden,
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Und beuth ihm seine Heilkraft an.
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Kommt! ruft er, mir die Noth zu klagen;
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Hier hat der Himmel euren Plagen
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Ein neu Bethesda kund gethan!

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Wer er wagts, das Wasser auszumessen,
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Das täglich quillt, und ehedessen
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Jahr aus Jahr ein geflossen ist?
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Hier trinken oft viel hundert Gäste,
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Viel andre baden auch aufs beste:
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Doch wird im Prudel nichts vermißt.

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Und käme Xerxes mit den Heeren,
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Die, Ströme trinkend auszuleeren,
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Der Durst in dürren Wüsten zwang:
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Doch hätt es ihm in ganzen Wochen,
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An vollen Bächern nicht gebrochen,
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So viel auch jeder Kriegsknecht trank.

91
Viel hundert Zentner gehn verlohren,
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Die der zu reiche Quell gebohren:
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Sie eilen mit der Töpel fort.
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Der Fisch entweicht den warmen Wellen;
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Sucht anderwärts die kühlern Stellen,
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Und meidet sorgsam diesen Ort.
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Zwar fehlen Dir nicht Lorberreiser,
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Davon das Laub unsterblich grünt:
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Doch hast Du uns Dir mehr verbunden,
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Da Du den Wunderbrunn gefunden,
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Der so viel tausend Kranken dient.

102
Hier steht Dein Bild in Stein gehauen,
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Und läßt uns Hirsch und Hunde schauen,
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Dadurch Du dieses Bad entdeckt:
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Der Hirsch entflieht: der Hunde Bellen
106
Verräth, was in den heißen Quellen
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Für ein natürlich Wunder steckt.

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Wie eifrig ward nicht von den Alten,
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Das Federvieh, so Rom erhalten,
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Im hohen Capitol verehrt!
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O
112
Das diesen Wunderbrunn erfunden,
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Nicht doppelt größrer Ehre werth?

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Die ihr der Erden Innres kennet,
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Der Berge Zahl und Lage nennet,
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Worinnen Harz und Schwefel glimmt:
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Sagt doch, sind nie entdeckte Grüfte
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Und unerforschte Felsenklüfte,
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Auch einer hellen Glut bestimmt?

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Ists wahr? was nährt denn solche Flammen?
121
Was führt den Zunder hier zusammen,
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Der so viel tausend Jahre brennt?
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Ists nicht? Was kann den Quell erhitzen,
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Den man bey ungeschwächtem Spritzen,
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Drey hundert Jahre siedend kennt?

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Glimmt noch ein Funken von dem Brande,
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Der in des Erdballs erstem Stande,
128
Dieß ganze Rund in Glut gesetzt?
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Nährt ihn ein Rest erloschner Kohlen,
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Die in dem Schwefelkieß verholen
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Ein unterirrdscher Bach benetzt?

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Genug! es lodert in der Erden!
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Ein Fels muß hier zum Kolben werden,
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Der Panaceen von sich sprüht.
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O Allmacht! deine Wunderwerke
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Begreift kein Mensch in voller Stärke;
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So klar er ihren Ausbruch sieht.

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Noch mehr! wer schafft der Berge Ritzen,
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Die Last von Salzen auszuschwitzen,
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Die jährlich in dem Brunnen quillt?
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Und die, durch unabläßigs Sieden
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Vom heißen Wasser abgeschieden,
143
In jeder Woche Zentner gilt?

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Giebts Felsen, die aus Salz bestehen,
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Dadurch die heißen Bäche gehen,
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Und deren Zoll sie heilsam macht?
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Warum verzehrt sich in der Stille
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Nicht ihres ganzen Vorraths Fülle,
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Den längst der Quell ans Licht gebracht?
150
Ihr Spötter jener Rechnungskünste,
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Die, hoher Meßkunst zum Gewinnste,
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Mein großer Leibnitz längst erfand!
153
Hier zeigt sich das unendlich Kleine,
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Die Stäubchen aufgelöster Steine,
155
Ein unsichtbar zermalmter Sand.

156
Zwar gleicht das Wasser den Crystallen:
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Doch, läßt es ihn im Fließen fallen;
158
So überzieht er Holz und Laub.
159
Die Haselnuß, die Distelklette,
160
Umschränkt ein Stein von harter Glätte,
161
Ein dicht umher gegoßner Staub.

162
Aegypten mag mit Balsamschwämmen
163
Die Wirkung der Verwesung hemmen,
164
Und Leichen aus den Grüften ziehn:
165
Hier thut das Karlsbad dieß Geschäffte,
166
Schafft Mumien durch Felsenkräfte,
167
Und heißt der Körper Fäulniß fliehn.

168
Wie hart ist die versteinte Rinde!
169
Wie braunroth spielt sie! Wie geschwinde
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Erzeugt sich solch ein Prudelstein!
171
Wie dauerhaft, wie schön zum Schleifen!
172
Wie fein zu sehn, zart anzugreifen,
173
Muß solch ein seltnes Kunststück seyn!

174
Was seh ich dort in dunkeln Schatten,
175
Sich für Gesellschaft zahlreich gatten,
176
Wo schlanker Linden Laub sie deckt?
177
Man sieht sich die Geschlechter mengen:
178
Sie gehn gepaart in langen Gängen,
179
So weit sich ihr Gebieth erstreckt.

180
Dieß Paar ist ernsthaft; jens will scherzen:
181
Doch herrscht die Lust in aller Herzen,
182
Und Gram und Schwachheit zeigt sich nicht.
183
Wo bin ich? Sinds Elyserfelder?
184
Der Unterwelt gepriesne Wälder,
185
Wovon der Dichter Lehre spricht?

186
Sind dieß die Geister der Beglückten,
187
Die sich der Oberwelt entrückten,
188
Hier ewig sonder Gram zu seyn?
189
O! schiffte mich doch Charons Nachen,
190
Mich alles Jammers frey zu machen,
191
In die so selgen Auen ein!

192
Was säumt er, mich dahin zu führen,
193
Wo Seligkeit und Lust regieren,
194
Und wo ein steter Frühling blüht?
195
Ich irr! ich bin am Töpelrande;
196
Allwo man auf dem flachen Sande,
197
Für Kähne, lauter Brücken sieht!

198
Wie trügt der Augenschein von ferne!
199
Je mehr ich alles kennen lerne,
200
Je mehr entdeck ich unsre Welt!
201
Hier ist kein Sitz der Tugendhaften;
202
Hier herrschen tausend Leidenschaften,
203
Die jeder Busen in sich hält.
204
Die Eifersucht, der Stolz, die Liebe,
205
Geiz, Rachgier, Neid und hundert Triebe,
206
Bestürmen die geputzte Schaar.
207
Die Eitelkeit auf Glück und Ahnen,
208
Und angeerbte Ritterfahnen,
209
Legt sich vor andern häufig dar.

210
O! wär ich nach gebrauchtem Brunnen,
211
Der Lüste Tummelplatz entrunnen,
212
Der hier, wie anderswo sich zeigt!
213
Kommt Musen! laßt uns wieder fliehen:
214
Denn eurem ruhigen Bemühen
215
Sind Böhmens Fluren nicht geneigt.

216
Doch nein:
217
Ihr ungemeiner Zepter zieret
218
Die Staaten auch mit Witz und Kunst.
219
Ihr Kaisersitz ist vorgegangen;
220
Hebt an mit Wissenschaft zu prangen,
221
Und bloß durch Ihre Gnad und Gunst.

222
Kommt! laßt uns ihm noch näher rücken,
223
Um alle Wunder zu erblicken,
224
Womit Sie diese Zeit verklärt,
225
Kommt! stimmt von neuem eure Seyten,
226
Ist eurer besten Lieder werth.

227
Besingt, wie Sie das Recht beschützet;
228
Singt, wie Ihr Heer im Felde blitzet;
229
Wie Sie Gewerb und Handel liebt;
230
Wie Sie des Misbrauchs Macht umdämmet.
231
Und aller Waaren Einbruch hemmet,
232
Der Deutschlands Feinden Kräfte giebt.

233
Besingt, zur Freude der Provinzen,
234
Wie
235
Dereinst zum Herrschen tüchtig macht.
236
O! kann ich dieß nach Werth besingen,
237
So mag mir weiter nichts gelingen:
238
Ich hab ein ewig Werk vollbracht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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