O Geist der Weisheit! dessen ZugDen Sinn der Sterblichen von wilder Thiere Toben

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Johann Christoph Gottsched: O Geist der Weisheit! dessen ZugDen Sinn der Sterblichen von wilder Thiere Toben Titel entspricht 1. Vers(1733)

1
O Geist der Weisheit! dessen ZugDen Sinn der Sterblichen von wilder Thiere Toben,
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Zur Einsicht und Vernunft erhoben,
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Die Wahn und Einfalt niederschlug.
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Du Geist der Wissenschaft und Kunst!
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Der durch ein höher Licht die Barberey gestöret,
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Und Menschen Menschen seyn gelehret;
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Belebe mich vorjetzt mit deines Triebes Gunst,
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Und laß es dießmal mir gelingen
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Von deinem Heiligthum und liebsten Sohn zu singen.

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Es hört mich ein
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Des
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Ein
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Das längst den Künsten gnädig war.
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Ihr heitres Antlitz stärkt die Kraft
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Der Musen, die sonst leicht bey Furcht und Gram erliegen:
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In dem was andre schreckt, in Kunst und Wissenschaft.
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O möcht ein Stral von Ihren Blicken,
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Nach oft gespürter Huld, mich selber mir entrücken!

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Da, wo der Pleiße feuchter Rand,
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Die fette Meißnerflur mit sanfter Fluth erfrischet,
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Da wo sie sich mit Wellen mischet,
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Die ihr die Baare zugesandt;
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Wo sonst ein slavisches Geschlecht,
24
Der
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Ja bis in Thüringen gedrungen,
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Bis ihn der große Karl durch Tapferkeit geschwächt:
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In wilden
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Ist

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Wer will im dunkeln Alterthum
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Der größten Städte Grund und Stiftung recht erfahren?
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Wuchs doch
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Zu dem erlangten Flor und Ruhm.
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Der Berge Mooß und tiefer Schacht,
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Versteckt den ersten Keim, die Wurzeln junger Eichen;
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Doch wenn sie an die Wolken reichen,
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Erstaunt ein Wandersmann vor ihrer Zweige Pracht.
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Kein Wunder, wenn wir gleichfalls lesen,
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Daß

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Kein Schimpf für dich, berühmte Stadt!
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Die Vorsicht hatte dich schon damals ausersehen
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Zu allem was hernach geschehen,
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Und dich empor gehoben hat.
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So weit der Saal und Muldenfluß,
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So weit die Elster sich in krummen Ufern schleichet,
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Blüht keine Stadt die dir nicht weichet,
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Dir nicht in Demuth selbst den Vorzug geben muß.
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So hoch hast du durch tausend Proben,
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Von Witz und Wissenschaft und Handel dich erhoben!

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Wodurch
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An Reichthum
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Dadurch kannst du, o
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Das alles gründet auch dein Lob!
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Hat sich im
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Den Preis der schönsten Stadt erstritten;
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Stammt
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Was Wunder? daß auch deine Mauren
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Durch kluger Bürger Fleiß, erwachsen, stehn und dauren.

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Zinst dir kein weiter
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Kein tief und breiter Strom durch Segel, Flagg und Masten,
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Der
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Und Kostbarkeiten aus
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Siehst du hier keine Wimpel wehn,
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Und sinkt kein Anker gleich in deinem Hafen nieder;
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Ja läßt dein Fluß gleich hin und wieder,
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Kaum einen schmalen Kahn bey zwanzig Mühlen sehn:
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So ward dir doch
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Denn Kunst und Witz ersetzt, was die Natur entzogen.
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Ihr Plätze! die der Stifter Witz,
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Vieleicht der Zufall bloß, an Strom und See gebauet;
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Wo ihr in stolzer Nähe schauet
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Seyd nicht zu frech auf euer Glück!
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Das Meer scheint freylich euch den Reichthum aufzuthürmen:
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Doch öfters schreckt es auch mit Stürmen,
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Und schickt die Flotten krank, zerlechzt und leer zurück.
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Wo nicht der Schatz von vielen Jahren,
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Durch ein zerscheitert Schiff dem Abgrund zugefahren.

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Das alles schrecket
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Das seine Frachten nicht den Wellen anvertrauet;
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Dem nie vor Sturm und Wetter grauet,
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Davon oft Mast und Ruder bricht.
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Hier bebt kein Mensch vor Syrt und Strand,
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Kein
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Er liegt in unbesorgtem Schlummer,
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Die Güter, die er hofft, bringt ihm das sichre Land.
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Bey zehnfach leidlichern Gefahren,
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Versorgt der Rosse Kraft ihn mit den schönsten Waaren.

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Wie sich bey voller Frühlingszeit
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Ein arbeitsamer Stock voll junger Bienen reget;
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Wie alles sich vor Fleiß beweget,
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Wenn Sonn und Luft die Kraft verleiht:
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Dieß muntre Volk durchfliegt das Feld,
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Und kömmt durchaus beschwert mit süßer Beute wieder;
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Es legt der Blumen Balsam nieder,
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Und füllt die Zellen an, die es dazu bestellt:
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So pflegen
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Dreymal im Jahre sich beschäfftigt sehn zu lassen.
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Wo bin ich? zeigt sich
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Seh ich
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Ja!
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Und
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Die aus dem
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Erscheinen auf der Krämer Winken;
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Ihr weiter Wagen wird von tausend Lasten schwer.
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Der
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Ja Donau, Rhein und Mayn, sind Leipzig zinsbar worden.

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Noch mehr! auch Weisheit steht hier feil,
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Und
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Was ihrer Priester wacher Fleiß,
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So weit Europa geht, ersonnen und geschrieben,
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Das alles wird hieher getrieben,
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Wo kluger Käufer Blick es auszuspähen weis.
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Der Wälschen Geist, der Franzen Künste,
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Der Britten tiefer Sinn, dient Leipzig zum Gewinnste.

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Was sag ich? Salems Wissenschaft,
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Phöniciens Verstand, Aegyptens Wunderwerke,
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Erblickt man hier in voller Stärke,
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Mit jährlich neu verjüngter Kraft.
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Was sonst Ionien erfand,
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Arabien geträumt, und Indien gelehret,
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Was Peking vom Confuz gehöret,
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Der Perser Sonnendienst, und der Mogollen Tand;
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Womit sich Mandarinen äffen,
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Und Bücher aus Byzanz, die sind hier anzutreffen.
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Wo bleibt Athens Vernunft und Geist?
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Bewährter Dichter Witz, der Redner Zauberworte;
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Davon die Kraft an diesem Orte,
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Sich öfters noch lebendig weist.
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Wo bleibt der alten Weisen Mund;
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Was Sokrates gelehrt, was Plato aufgeschrieben;
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Was uns vom Zeno noch geblieben;
131
Was jener Stagirit, und Theophrast verstund;
132
Was Rom im Tullius gebohren,
133
Am Antonin verehrt, im Seneca verlohren?

134
Das alles, und was Flaccus war,
135
Was Maro und Ovid und Livius gewesen,
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Das blüht allhier, das hört man lesen,
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Das stellt uns Leipzig schöner dar.
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Der Büchersäle große Zahl
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Hebt Seltenheiten auf, die in verfloßnen Jahren,
140
Bey fernen Völkern heilig waren;
141
Besonders von Geschmack, und ungemein an Wahl.
142
Hier leben großer Künstler Werke,
143
Ja Sachsens Fürsten selbst, in Bildern voller Stärke.

144
Verklärter
145
Der Du den Musensitz am Pleißenstrom erbauet,
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Auch Dein Gemäld wird hier geschauet,
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Wo es die Ehrfurcht aufgestellt.
148
Dir weis es Leipzig ewig Dank,
149
Daß Du der Wissenschaft den Aufenthalt gegründet:
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So lange sich der Witz hier findet,
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Verehrt, o Churfürst! Dich der Musen Lobgesang.
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Du warest streitbar in den Kriegen;
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Und gleichwohl ist durch Dich die Wissenschaft gestiegen.

154
Dir folgt der Helden ganze Reih,
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Die Deinen Zweck erfüllt, der Weisheit Flor geheget,
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Und jede Wissenschaft verpfleget;
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Die alle sind vom Tode frey!
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Vor andern prangen außer Dir,
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Ein
160
Von welchen Pfllicht und Wahrheit melden:
161
Sie mehrten Leipzigs Flor, der freyen Künste Zier.
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Durch ihre Sorgfalt ists geschehen,
163
Daß wir noch Priester gnug in Pallas Tempeln sehen.

164
Hier steht im schönsten Purpurschmuck,
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Der Lehrer kleine Zahl, die solchen gleich getragen,
166
Als sie in ihren letzten Tagen
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Des Todes Sichel niederschlug.
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Die Nachwelt ehrt noch ihre Gruft,
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Und Leipzig wird ihr Lob, so lang es steht, bekrönen;
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Man zeigt ihr Beyspiel muntern Söhnen,
171
Indem man ihren Fuß zum Weisheitpfade ruft.
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Denn nichts entzündet mehr die Jugend,
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Als Muster edler Art an Wissenschaft und Tugend.

174
Was prangt nicht dort für manches Licht,
175
Das die gelehrte Welt, gleich hellen Sternen schmücket,
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Wird nicht
177
Seh ich den großen
178
Da stralt ein kluger
179
Auch
180
Wie Preußens Archimed und Schmuck,
181
Noch funfzig andre sieht man prangen,
182
Die uns, wie

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Nur einer fehlt, der hier nicht steht!
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Und doch an Ruhm und Glanz und Größe keinem weichet;
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Ein Mann, der alles längst erreichet,
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Wodurch man ewig sich erhöht.
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Ein Wunder tiefer Wissenschaft,
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Durchdringend an Vernunft, an Einsicht auserlesen,
189
Ein Geist von allgemeinem Wesen,
190
Von unumschränktem Witz und unerschöpfter Kraft;
191
Der alles das in eins gebunden,
192
Was je der Mensch erfand; doch selbst noch mehr erfunden.

193
Wer ists? O Leipzig! sollte man
194
Bey dir noch allererst nach dessen Namen fragen?
195
Den doch dein eigner Schooß getragen,
196
Als er das erste Licht gewann?
197
Ist dir dein Sohn so schlecht bekannt,
198
Den halb Europa so, wie Deutschland, hochgeachtet,
199
Den Albion voll Neid betrachtet,
200
Den Frankreich uns misgönnt, so wie das wälsche Land?
201
Wie? Leipzig, kannst du den verkennen,
202
Um den die Völker dich beglückt und selig nennen?

203
Dein
204
Der deine gleichfalls wuchs, dieweil du ihn gebohren!
205
Denn hast du ihn gleich jung verlohren;
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So blieb er doch dein Eigenthum.
207
Der
208
Warum? des
209
So lang ein
210
Rühmt sichs des
211
So lange Rotterdam wird stehen,
212
Wird auch dein Ehrenmaal,

213
Wenn sieben Städte den
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Aus reger Eifersucht einander abgestritten:
215
Was hätte
216
Wenn hier ein Zweifel möglich wär?
217
Der stolzen Tyber breiter Rand
218
Würd eifrig um den Ruhm von dieser Wiege kämpfen.
219
Die Seyne, solchen Stolz zu dämpfen,
220
Würd streiten, daß man ihr dieß hohe Lob entwandt.
221
Und an der Themse feuchten Flächen,
222
Würd London eifern, sich den Vorzug zuzusprechen.

223
Doch
224
Da ihn in seinen Lebensjahren
225
Kein Reich und keine Stadt begehrt.
226
Um des von
227
Hat manch gekröntes Haupt, vorlängst eh er gestorben,
228
Durch Gnad und Wohlthun sich beworben,
229
In Ländern, wo er noch verehrungswürdig heißt;
230
Wo sein Verdienst und Rath und Schriften,
231
Ihn lebend groß gemacht, ihm todt manch Denkmaal stiften.

232
Der Britten Haupt hat ihn erhöht,
233
Die Barbarey aus seinen Staaten;
234
Wo noch sein Ruhm im Segen steht.
235
Der sechste
236
Sein Feldherr,
237
Vernahmen kaum was er begehrte;
238
So ward ihm selbst in Wien der Zutritt bald erlaubt.
239
Lutetien war ihm gewogen,
240
Und hätt auf Lebenslang ihn gern zu sich gezogen.

241
Besoldung, Aemter, suchten ihn,
242
Des Reiches Freyherrnstand, (ein seltner Lohn vom Wissen,
243
Seit ihn das Gold zu sich gerissen!)
244
Vergalten sein gelehrt Bemühn.
245
Bey zweenen Kaisern Rath zu seyn,
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Und so viel Königen mit Werk und That zu dienen,
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Hat billig jedem viel geschienen,
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Heißt wirklich ehrenvoll, bleibt ewig ungemein;
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Seit Gattungen geringrer Gaben,
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Die strenge Wissenschaft vom Hof entfernet haben.

251
An Witz und Einsicht reich und satt,
252
Hat er der Wahrheit sich zum Priester eingeweihet:
253
Hier hat er keine Müh gescheuet,
254
Davor ein Träger Abscheu hat.
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Der tiefsten Weisheit ersten Grund,
256
Die Schätze der Natur, der Zahlen Seltenheiten,
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Der Meßkunst hohe Trefflichkeiten,
258
Das alles sah er ein; das that er andern kund.
259
Er war ein Meister in Geschichten,
260
Im Alterthume stark, und ein Lucrez im Dichten.

261
Wer kennt die Wunderrechnung nicht,
262
Die Archimed ersann, den Weltraum zu ergründen?
263
Was größers war kaum auszufinden,
264
In dem, was Menschenwitz verspricht.
265
Nur
266
Er fand die Rechenkunst in dem unendlich Kleinen:
267
Hier konnt er doppelt groß erscheinen,
268
Und ganzer Völker Neid war seines Witzes Frucht.
269
Die Eifersucht der stolzen Britten
270
Hat die Erfindung ihm aufs heftigste bestritten.

271
Wie dort den neuen Theil der Welt,
272
Daß beyder Ruhm zwar nicht verschwunden;
273
Ob jener gleich den Preis behält.
274
Hätt kein Columbus sich gewagt,
275
Und seinen kühnen Mast dem Ocean vertrauet,
276
Den noch kein Schiffer je geschauet:
277
Wem hätt Americus so herzhaft nachgejagt?
278
So wär auch
279
Wär unsers

280
Gebrauchte sonst
281
Die Kunst, zehn Ziffern nur im Rechnen anzuwenden;
282
Und doch das schwerste zu vollenden;
283
So that zwar
284
Vier Ziffern langten völlig hin,
285
Die unermeßne Reih der Größen zu erreichen:
286
Doch dieser Kunstgriff selbst muß weichen,
287
Was größers noch erfand des
288
Das ungeheure Heer der Zahlen
289
Läßt durch zwo Ziffern sich, durch Null und Eins schon malen.

290
Ihr Völker! deren letzten Strand,
291
Das Japonesermeer durch seine Fluth benetzet,
292
Die ihr nur euch für weise schätzet,
293
Bewundert dieses Manns Verstand!
294
Ihr, die ihr sonst Europen kaum
295
Ein Auge zugesteht, die Wahrheit zu erkennen:
296
Hört auf, euch noch so klug zu nennen,
297
Und gebt hinfort nicht mehr dem alten Stolze Raum:
298
Seitdem ein Deutscher euch erkläret,
299
Was eures Stifters Witz euch räthselhaft gelehret.

300
Des großen
301
Vertraute seine Kunst geheimnisvollen Strichen;
302
Die Kraft davon war euch entwichen,
303
Und was man vorgab, fiel dahin.
304
In mancher lockenden Figur
305
Gebrochner Linien mit ganzen untermenget,
306
Lag ein verborgner Sinn gedränget,
307
Und dieß versteckte Werk erreichte
308
Was China seit vier tausend Jahren
309
Gesucht und nicht entdeckt, hat es durch ihn erfahren.

310
Der Preußen erster
311
Der jede Wissenschaft auf seinen Thron erhoben,
312
Und den noch alle Musen loben,
313
Weil unter Ihm ihr Kummer wich;
314
Der weise Held empfand den Trieb,
315
Der Weisheit in Berlin ein eignes Haus zu gründen.
316
Hier war ein
317
Der dieser neuen Zunft die ersten Regeln schrieb.
318
Und der Gesellschaft Grund geleget,
319
Die Deutschland itzt noch ziert und reichlich Früchte träget.

320
Wie hoch erhob die Weisheit dich,
321
Minerva Deiner Zeit, verklärte
322
Du prangst zwar an der Sternenbühne;
323
Doch auch Dein Ruhm verewigt sich.
324
Hat Leibnitz nicht durch Deine Hand
325
Mit
326
Davon das Lob nur Dir gebühret;
327
Ob Deutsch- und England gleich den Nutz davon empfand?
328
Wie bey Turnieren alter Zeiten,
329
Warst Du die Richterinn gelehrter Zwistigkeiten.

330
Es regte sich der Spötter Wuth
331
Durch Schlüsse voller Trug den Glauben zu bekämpfen,
332
Vernunft und Schrift durch das zu dämpfen,
333
Was beyden Lichtern Eintrag thut.
334
Man schärft des
335
Was
336
Wird noch verschmitzter angesponnen;
337
Ein neuer Firniß giebt verlegner Waare Lauf.
338
Man glaubt in
339
Mehr Nachdruck, Stärk und Kraft als in der Schrift zu finden.

340
Dieß wirkte
341
Der Glauben und Vernunft mit Zweifeln überhäufte,
342
Und sich auf lauter Blendwerk steifte,
343
Das Blöden sehr ins Auge fiel.
344
Der wilden Jugend rohe Brust
345
Ergreift mit voller Lust den Scheingrund, nichts zu glauben;
346
Läßt sich Verstand und Sinne rauben
347
Und braucht der Zweifler Traum zum Vorwand arger Lust.
348
Kein Wunder daß dergleichen Schriften,
349
Mehr Schaden, als

350
Wer hat nun dieser
351
Mit glücklichem Erfolg am stärksten widersetzet?
352
Wer hat sie auf den Tod verletzet,
353
Daß sie, wie jene
354
Viel große Männer stritten hier,
355
Die Glauben und Vernunft geschickt und scharf verfochten:
356
Doch keinem ward der Kranz geflochten;
357
Der Sieg in diesem Kampf, gebührt, o
358
Das Buch so man von dir gelesen,
359
Ist ein Triumph der Schrift und der Vernunft gewesen.

360
Trägt nicht der Pallas Helm dein Bild,
361
Die unlängst das Panier von dem berühmten Orden,
362
Der Wahrheitliebenden geworden,
363
Und jedes Glied mit Muth erfüllt?
364
O mehr als güldnes Wort, das vom Horaz entsprungen,
365
Doch itzt noch tiefer eingedrungen,
366
Seit edle Geister sich der Wahrheitliebe weihn;
367
Seit uns ein großer Graf will treiben,
368
Mit Eifer nachzusehn, was

369
Beglücktes Leipzig! sey erfreut,
370
Daß deinem Sohne nur dieß große Werk gelungen;
371
Der hier ein stärker Heer bezwungen,
372
Als der des Xerxes Macht zerstreut.
373
Als
374
Erfocht ein tapfrer Held, nach zweener Brüder Leichen,
375
Der Vaterstadt die Siegeszeichen,
376
Und Rom gewann dadurch die Oberherrschaft gar.
377
Durch das, was
378
Hat Glaub und Wahrheit mehr, als vormals Rom gewonnen.

379
Sey stolz auf deines Bürgers Preis!
380
Berühmtes Pleißathen, sey stolz auf seine Werke!
381
Weil seines Kiels bewährte Stärke
382
Kaum irgend ihres gleichen weis.
383
Laß dieses Jahr dir heilig seyn,
384
Das hundertste nach dem, daran du den gebohren,
385
Den selbst die Vorsicht auserkohren,
386
Zu ihrer Rechte Schutz, Verstand und Kiel zu weihn.
387
Sey stolz, und laß in deinen Mauren
388
Ein Denkmaal deiner Pflicht aus Dank und Ehrfurcht dauren.

389
Dir fehlts gewiß an Marmor nicht,
390
Wie sonst Athen gethan, die Weisen zu verehren:
391
Versuchs an dem, von dessen Lehren
392
Die Wahrheit dir viel Glanz verspricht.
393
Wie kräftig wird sein Ehrenbild
394
In deiner Söhne Brust den Weisheittrieb erhitzen!
395
Wie mancher Kopf wird dir noch nützen.
396
Den
397
Du selber wirst dadurch auf Erden,
398
In aller Völker Mund der Weisheit Mutter werden.

399
Nicht seit zwey Jahren schon auch Deinen Schutz erlanget?
400
Seit es mit Deinem Namen pranget,
401
Ward es der klügsten Augenmerk.
402
Die Gnad und Huld so ich empfand,
403
Hat Leibnitz zehnfach mehr, als mein Bemühn verdienet:
404
Drum hab ich mir dieß Lob erkühnet,
405
O träf ein gleiches Glück des Dichters Gegenstand?
406
So würd einmal die Nachwelt lesen,
407
Wie hold

408
Die Welt erkennts,
409
Wie sanft das Musenvolk bey Sachsens Schwertern sitzet;
410
Wenn Mars gleich auch allhier geblitzet,
411
Und selbst dem Pindus schrecklich war.
412
Des Himmels Schild beschirm forthin
413
Der
414
Sein Wohlstand wird uns allen eigen;
415
Ihr unverrückter Flor ist unsers Chors Gewinn.

416
Wo kann das Wissen schöner blühen,
417
Als wo die Fürsten selbst sich um sein Wohl bemühen?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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