Ihr Bürger der gelehrten Hügel

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Johann Christoph Gottsched: Ihr Bürger der gelehrten Hügel Titel entspricht 1. Vers(1733)

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Ihr Bürger der gelehrten Hügel,
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Wo vormals Witz und Geist entsproß:
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Wo Pegasus mit schnellem Flügel
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Durch die getheilten Lüfte schoß.
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Ihr Schüler kluger Castalinnen,
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Seht uns nur nicht verächtlich an;
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Wißt, daß auch unsrer Berge Zinnen
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Sich euch zu Trotz hervorgethan:
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Es quillt aus neuerfundnen Künsten
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Ein neuer Strom von Dichterdünsten.

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Du Vater, matter Pieriden!
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O Hübner, deiner Zeiten Preis!
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Komm, hilf mir seltne Reime schmieden,
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Weil Phöbus nicht den Kunstgriff weis.
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Dein theures Handbuch sey mein Meister,
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Wenn Witz und Einfall mir entweicht:
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Denn du bereicherst ja die Geister,
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Die sich das Musenchor verscheucht.
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Drum laß aus weitgesuchten Reimen,
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Mir manchen fremden Ausdruck keimen!

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Gepriesen sey dein Wortregister!
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Das uns der Töne Sippschaft weist,
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Wenn man, wie Simson die Philister,
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Die Wörter auf einander schmeißt.
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Erst beißt sich Bav die stumpfen Nägel,
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Sein Einfall stockt, sein Geist ist todt:
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Kaum bläst dein Rath in seine Segel,
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So lacht ihm schon ein Morgenroth,
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Und kurz, er trägt die Hippokrene
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Von deinem Alphabeth zu Lehne.
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Wie mancher Geist wird in der Ode,
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Darinn Verwirrung Tugend ist,
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Im andern Absatz schon marode;
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Wo du nicht sein Erretter bist.
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Doch fragt er dich, als sein Orakel,
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So fließt sein Vers, wie Rhodanus.
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Und wenn Orbil, mit Ruth und Bakel,
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Der Schüler Rücken gerben muß:
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So fehlt dem armen Schulminister
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Nichts, als dein güldnes Reimturnister.

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Wie daurt ihr mich, ihr alten Dichter!
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Die Griechenland und Rom verklärt:
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Ihr reimtet nicht, drum hat kein Trichter
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Den leeren Schedeln Trost gewährt.
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Doch hättet ihr der Zeilen Schwänze,
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Gleich jenen Füchsen, recht verknüpft;
47
So wären euch die Epheukränze
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Von selbsten auf den Kopf gehüpft.
49
Und den erkrißnen Weisheitssprüchen
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Wär auch die Pythia gewichen.

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Ach schimpft nicht die Postillenreiter,
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Die Helden aus der Concordanz.
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Ein neuer Poesie-Gefreyter
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Sucht in den Reimen Witz und Glanz.
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Er reitet Hübners Sylbenfächer,
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Die trifft er nie Gedankenleer:
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Hier schöpft er Witz mit vollem Becher,
58
So wird ihm kein Gedichte schwer.
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Und sonder Männlings Vorrathskammern
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Ist jeder Dichter zu bejammern.
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Nur weg Vernunft, mit deinen Fesseln,
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Sie hindern freyer Geister Schwung.
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In deiner Schranken festen Sesseln
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Wagt niemand einen kühnen Sprung.
65
Ein feiger Knabe läßt sich gängeln;
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Ein starker Fuß geht frisch einher.
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Nur Icarus fliegt, gleich den Engeln,
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Im Hohen über Land und Meer.
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So muß man auch, auf Hübners Schwingen,
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Bis an das blaue Sterndach dringen.

71
Gesetzt ich schriebe von der Leyer,
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Und wüßte weiter nicht, wohin?
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Mein Hübner tränkt mich mit Tockeyer:
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Wie froh wird da mein matter Sinn!
75
Gesetzt ich sänge von der Cither,
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Und stutzte gleichsam bey dem Reim:
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Gleich brächte Hübner mir ein Gitter,
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Und labte mich mit Honigseim!
79
Ja käm ich irgend auf die Musen:
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So fänd ich Trost an ihrem Busen.

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Kurz, Reime sind der Dichter Flügel,
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Und kleiner Geister Steckenpferd,
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Die Stuffen zu dem Pindushügel,
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Und der Gedanken Vogelheerd.
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Sie sind des hohen Geistes Eimer;
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Ein Netz, so manchen Einfall fängt,
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Dadurch ein wohlgeübter Reimer
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Fast alles in die Zeilen drängt;
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Und will kein Flügelroß dir traben:
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So kannst du Witz aus Hübnern graben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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