Ihr Todten! könnt ihr uns erscheinen

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Johann Christoph Gottsched: Ihr Todten! könnt ihr uns erscheinen Titel entspricht 1. Vers(1733)

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Ihr Todten! könnt ihr uns erscheinen,
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Wenn gleich der Leib im Grabe liegt;
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Wo auf den modernden Gebeinen
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Verwesung, Graus und Schimmel siegt;
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Schwebt euer Geist noch um die Grüfte,
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Bewohnt ihr noch die tiefen Lüfte:
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So laßt doch meinen Wunsch geschehn.
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Ach! wollte mir ein Ruf gelingen:
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So ließe sich vor allen Dingen
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Die hochberühmte

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Ich irre. Nein! Euch, fromme Schatten,
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Erquicket das Elyserfeld:
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Da kömmt euch euer Thun zu statten,
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Da denkt ihr kaum der Oberwelt.
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Sey du einmal auch mein Vertreter,
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Dein Ansehn ist beym
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Durch deinen Fürspruch kann mirs glücken;
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Er giebt dir leicht mit holden Blicken
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Die jetzt verlangte Todte los.

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Du fragst mich: Soll sie wieder leben?
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O nein,
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Sie soll mir nur den Anschlag geben,
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Den sich mein Herz von ihr verspricht.
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Ein Augenblick wird mich belehren:
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Alsdann mag sie zurücke kehren,
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Wo ihre Tugend sie belohnt.
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Wohlan, ich seh den Götterbothen,
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Er eilt, er fliegt ins Reich der Todten,
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Wo Marter und Vergnügen wohnt.

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Ich bin erhört. Seht! Charons Nachen,
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Der immer leer zurücke fährt,
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Muß, mir zu gut, was neues machen;
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Dieweil es
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Die theure
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Sie stellt sich anfangs meinem Blicke
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Nach Art getrennter Geister dar:
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Doch giebt
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Durch die beruffne Wundergabe,
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Ihr alles, was sie lebend war.

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Sie liest. Ich seh ihr edles Wesen,
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Das ihr aus Blick und Minen stralt;
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So Tracht als Gang ist auserlesen,
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Kein Künstler hat sie so gemalt.
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Sie kehrt die scharfen Augenlichter
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Auf dich, du Vater aller Dichter!
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Als dessen Schrift sie bey sich trägt.
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Sie lächelt fast bey jeder Zeile,
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Bis sie, nach einer kurzen Weile,
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Entzückt in beyde Hände schlägt.

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O welch ein Glücke, dich zu schauen,
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Du Wunder der Gelehrsamkeit!
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Erlaube mir, Schmuck aller Frauen!
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Zu fragen, was dich so erfreut?
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Kann denn
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Dich auch im Tode noch ergetzen,
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Der doch bey uns nicht mehr gefällt?
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Ja, spricht sie: Solche Seltenheiten
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Bewundern auch die Ewigkeiten
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In unsrer tiefen Unterwelt.

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Was ist nun ferner dein Begehren?
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So fährt sie fort: Was foderst du?
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Warum muß ich zurücke kehren?
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Was stört man mich in meiner Ruh?
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O Heldinn! deines Geistes Stärke
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Und deines Griffels Wunderwerke,
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Die haben mich dazu gebracht.
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Ich habe dir was vorzutragen,
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Es steht bey dir, ob meinen Klagen
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Dein Fürspruch bald ein Ende macht.

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Du kennst vieleicht bereits die Schöne,
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Die dort am Weichselufer singt;
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Indem der Wohlklang ihrer Töne
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Gewiß bis zu den Schatten dringt.
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Du kennest ihres Geistes Gaben,
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Die wenig ihres gleichen haben,
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Und ihren nett geschnittnen Kiel;
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Der oft den Franzen und den Britten
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Den Preis der Schreibart abgestritten,
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Ja Deutschland schon im Druck gefiel.

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Du kennst, in der von
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Ihr Buch, vom weiblichen Geschlecht:
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Denn selbst in eures
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Wird solch ein Lob ihr nicht geschwächt.
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Dieß Werk, das jeden hier ergetzet,
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Hat meine Freundinn übersetzet,
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Ja fast noch schöner dargestellt.
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Noch mehr! Sie hat mit süßer Zungen
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Auch Rußlands Kaiserinn besungen,
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Das Wunder unsrer Oberwelt.

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Sie liebt ein kluges Bücherlesen,
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Sie schreibt geschickt, und mit Verstand:
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Sie haßt ein abgeschmacktes Wesen,
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Und kurz, sie ziert ihr Vaterland.
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Nur eins, o Heldinn! muß ich klagen,
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Sie hat mir etwas abgeschlagen,
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Was ich zu ihrem Ruhme bath;
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Was keine noch vor ihren Zeiten,
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Verstand und Tugend auszubreiten,
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Von deutschem Frauenzimmer that.

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Es ist für sie nicht schwer zu nennen;
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Ihr Kiel vermag weit mehr, denn das:
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Sie würd es selber wohl erkennen;
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Nur scheuet sie der Thoren Haß.
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Es schrecken sie die tollen Rotten,
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Die alles lästern und verspotten,
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Was einer Schönen Griffel wagt.
107
O
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Denn so will sie mir das versagen,
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Was sie mir heiligst zugesagt.

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Wohlan! erfülle mein Verlangen,
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Ermuntre meiner Freundinn Kiel;
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Du bist ihr rühmlichst vorgegangen,
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Vielleicht wird noch dein Lob ihr Ziel.
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Erschein ihr, wenn sie schläft und träumet;
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Und mache, daß sie nichts versäumet,
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Was ihren Ruhm unsterblich macht.
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Du kannst ihr nur dein Beyspiel zeigen;
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Und darfst ihr nichts von dem verschweigen,
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Was dich so hoch empor gebracht.

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Es soll geschehn! du wirst es spüren:
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In deiner Freundinn Zimmer führen:
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So sprach die Heldinn, und verschwand.
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Vielleicht ist solches schon geschehen,
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Dein Freund hat sie dir zugeschickt.
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Drum, hast du mir dein Herz gegeben:
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So mach auch, auserwähltes Leben!
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Daß solch ein kleiner Wunsch mir glückt!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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