Verlier ich dich aus meinen Armen?

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Johann Christoph Gottsched: Verlier ich dich aus meinen Armen? Titel entspricht 1. Vers(1733)

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Verlier ich dich aus meinen Armen?
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Entweichst du mir, mein andres Ich?
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Und trägst du denn, ich bitte dich,
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Mit deinem Gatten kein Erbarmen?
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Ach liebste Gattinn! andres Herz!
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Getreuste Freundinn! edle Seele!
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Du stirbst, und deine Todtenhöhle
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Quält micht durch unerhörten Schmerz.
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Du stirbst! wie kann hier Gram und Pein
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Zu heftig und zu zärtlich seyn?

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O Muster ungemeiner Frauen,
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An Tugend, Anmuth und Verstand!
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An der ich das beysammen fand,
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Was wir so selten einzeln schauen.
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Du stirbst, und machst mich so betrübt!
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Mich, dem du stets so werth geblieben,
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Mich, der ich mit den reinsten Trieben
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Dich mehr, als alle Welt, geliebt;
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Du stirbst! ists möglich, daß dein Mann
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Dich sterben sehn und leben kann?

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Wo sind sie doch, die schönen Zeiten,
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Da mir der – – – –
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Auch deinetwegen wohlgefiel,
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Weil deine Blicke mich erfreuten?
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Wie schön war um dein zehntes Jahr

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Schon deiner Kindheit muntres Wesen?
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Da hatt ich dich mir schon erlesen,
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Als ich um deinen Vater war,
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Und so viel Rath in seiner Hand,
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Als Anmuth an dir selber fand.

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Du wuchsest auf an Geist und Gliedern,
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Und meine Liebe wuchs zugleich.
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Ihr süßen Stunden, könnt ich euch
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Die unschuldsvolle Lust erwiedern!
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Acht Jahre hatt ich sie gekannt,
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Geliebt und inniglich verehret;
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Als ich ihr keusches Ja gehöret,
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Wodurch ihr Herz sich mir verband.
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O daß ein so beglückter Tag
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Doch nicht zweymal erscheinen mag!

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Doch wie vergeht sich Gram und Sehnen?
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Wie? weis ich nicht, daß unser Trieb
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Neun Jahre lang gleich zärtlich blieb?
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Itzt wirkt er mir die ersten Thränen.
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Nein, unsre Liebe nahm nicht ab.
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In Freud und Leid, in Lust und Plage
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Gab uns der Ehstand heitre Tage;
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Nur itzt entseelt mich fast ihr Grab;
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Nur itzt, seit dem sie Abschied nahm,
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Vergeh ich fast vor Weh und Gram.

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Nie hab ich einen Sinn gesehen,
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Der das so wenig hochgeschätzt,
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Was sonst ein weiblich Herz ergetzt,
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Als von der Seligsten geschehen.
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Nie hab ich einen Geist gespürt,
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Der weniger nach Hoheit strebte,
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Der minder an der Wollust klebte,
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Den weniger der Geiz gerührt,
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Als den, der Tugend und Verstand
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In meiner Gattinn Brust verband.

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Wie angenehm war nicht im Schreiben,
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Ihr ausgelernter deutscher Kiel,
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Der auch den Kennern wohlgefiel,
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Die selbst der Schreibart Regeln treiben.
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Wie reich war nicht ihr Geist geschmückt!
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Denn weil ein sinnreich Bücherlesen
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Vorlängst ihr Zeitvertreib gewesen:
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So ward er fähig und geschickt;
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So nahm ihr Witz und kluger Scherz,
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Fast jedem, der sie sprach, das Herz.

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An statt der Perlen und Juwelen,
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Der Nahrung stolzer Eitelkeit,
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Gefiel ihr nur ein reinlich Kleid,
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Der Schmuck wahrhaftig edler Seelen.
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Oft lachte sie die Einfalt aus,
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Die sich, um solcher Zierde willen,
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Mit Stolz und Hochmuth pflegt zu füllen,
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Als wär ihr Leib ein Götterhaus;
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Als würd er durch die Phantasey
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Dereinst von der Verwesung frey.

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So drang ihr Blick, durch Dampf und Schatten,
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Bis in den Kern der Wahrheit ein;
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So reizte sie kein falscher Schein,
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Mit dem sich schwache Seelen gatten.
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Sie kroch nicht mit der blöden Zunft
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In schnöder Thorheit, Wust und Staube:
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Drum war ihr aufgeklärter Glaube
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Die Frucht gereinigter Vernunft;
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So daß ihr Wesen ganz und gar
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Vom Aberglauben lauter war.

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Was sag ich von den holden Sitten?
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Die waren still und fromm und rein,
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Und hatten mir fast ganz allein
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Den Geist entzückt, das Herz bestritten.
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Was sag ich von der Mildigkeit
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Und allgemeinen Menschenliebe?
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Durch deren unverstellte Triebe
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Sie manchen in der Noth erfreut;
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Und die der Wohlthat ganze Frucht
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In ihres Nächsten Heil gesucht.

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Und wie voll Großmuth war ihr Herze,
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Als ihr der stärkste Feind gedroht!
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Auch in der letzten Todesnoth
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Erschrack ihr Muth vor keinem Schmerze.
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O Abschied voller Zärtlichkeit!
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O Wehmuth heißer Liebesthränen!
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O dörft ich euer nicht erwähnen!
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So mehrt ich selber nicht mein Leid;
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Das Leid, so mich nur schärfer kränkt,
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Je mehr mein Sinn zurücke denkt.

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O hätt ich nur ihr letztes Ende
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Mit eignen Augen angesehn!
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Wer weis, ob ich, wenn dieß geschehn,
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Den Gram nicht leidlicher empfände?
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Ich hätt ihr noch den welken Mund
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Mit meinen Lippen zugedrücket:
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Dieß hätte mich vielleicht erquicket;
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Dieß machte mich vielleicht gesund.
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Doch eitle Hoffnung! Nein, ach nein!
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Ich würde nur noch schwächer seyn.

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Gerechter Himmel! darf ich fragen,
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Warum doch deine Vaterhand,
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Die meine Wunden sonst verband,
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Mich selber itzt so hart geschlagen?
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Kam unser Bündniß nicht von dir?
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War ichs nicht werth, so viele Gaben,
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Als sie besaß, geliebt zu haben;
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Warum verbandst du mich mit ihr?
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Und war ichs werth, o harter Schluß!
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Wie kömmt es, daß sie sterben muß?

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Wo komm ich hin? Mein Geist wird irre!
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Ein Thränenstrom ergießet sich;
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Der Jammer überwältigt mich,
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So, daß ich auch ihr Lob verwirre.
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Ach ließe mich des Kummers Macht
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Die Ordnung in mein Aechzen bringen,
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Die ihr Verstand in allen Dingen
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Recht wundernswürdig angebracht:
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So müßte wahrlich auch ein Stein
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Bey diesem Reim empfindlich seyn.

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Erbarmt euch doch, ihr meine Freunde!
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Erbarmt euch mein in dieser Noth!
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Und wünscht dergleichen herben Tod
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Auch nicht aus Rachgier eurem Feinde.
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Zwar weis ichs nicht, ob überall
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Die Trennung gleichen Schmerz erwecket;
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Doch spür ich wohl, was mich erschrecket;
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Doch fühl ich meinen Unglücksfall,
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Und wünsche das, was mir geschicht,
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Auch meinem ärgsten Feinde nicht.

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Hier sitz ich nun in meinem Leide,
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Verlassen, einsam und betrübt,
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Vermisse stets, was ich geliebt,
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Bedaure meiner Augen Weide.
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Die zarten Pfänder unsrer Eh
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Vergrößern mir die tiefen Wunden,
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So, daß ich oft zu halben Stunden
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Vor Schwermuth unbeweglich steh,
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Und nicht vernehme, was man sagt,
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Wie dieses hier, dort jenes klagt.

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Ach! denk ich, ihr beraubten Weysen!
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So sehr ihr zu beklagen seyd,
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So macht die Unempfindlichkeit,
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Daß ich euch selbst muß glücklich preisen.
165
Ihr könnt, was ihr so früh verliert,
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Zum Theil nur halb, theils gar nicht wissen:
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Ich weis, was mir der Tod entrissen,
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Ich hab es leider! sehr gespürt;
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Und seh es für ein Wunder an,
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Daß ich es überleben kann.

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Drum ruhe sanft, o meine Fromme,
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Und habe Dank für deine Treu!
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Dein Bildniß wohnt mir ewig bey,
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Bis ich in kurzem zu dir komme.
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Herr, der du mir dieß Leid geschickt.
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Was bin ich hier viel länger nütze?
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Drum bringe mich zu deinem Sitze,
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Wo meine Freundinn dich erblickt,
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Und laß nach überstandner Pein,
180
Uns ungeschieden selig seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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