Du weinst, betrübter Benemann?

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Johann Christoph Gottsched: Du weinst, betrübter Benemann? Titel entspricht 1. Vers(1733)

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Du weinst, betrübter Benemann?
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O dörft ich das von dir nicht sagen!
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Ja, ja dein Herz ist wund geschlagen
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Daß es den Schmerz nicht bergen kann.
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Du weinst? o jammervolle Pflicht!
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Du herbes Opfer zarter Liebe!
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Wir sehn die Macht der Vatertriebe,
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Doch ihre ganze Größe nicht.
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Du weinst, und die gerechten Zähren
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Kann dir die Weisheit selbst nicht wehren.

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Dein Sohn erblaßt, dein Sohn fällt hin!
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Der hoffnungsvolle muntre Knabe,
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Von dessen unverhofftem Grabe
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Ich auch entfernt gerühret bin.
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O! muß dein einziger Ascan,
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Der Spiegel deiner Eigenschaften,
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An dem so viele Gaben haften,
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So zeitig auf die Todtenbahn?
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So ists! Er stirbt, und wirft die Glieder
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Zu früh in kühlen Moder nieder.

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Ich seh allhier, so wie micht dünkt,
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Wie deiner Gattinn seltnes Wesen,
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An Geist und Körper auserlesen,
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Vor Kummer fast in Ohnmacht sinkt.

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Ich seh der heitern Stirne Pracht
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In finstern Trauerflor verhüllet;
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Den Blitz, der sonst ihr Auge füllet,
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Verlöscht der Thränenwolken Nacht:
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Ihr angenehmer Mund im Sprechen
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Kann sich der Seufzer nicht entbrechen.

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Ich hör ihn schon ganz bitterlich,
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Mit halbgebrochnen Worten, klagen:
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Ach! warum hab ich dich getragen!
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Ach liebster Sohn! wie beugst du mich!
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Ist denn dieß unverhoffte Leid
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Der Lohn der zärtsten Mutterliebe?
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Ist das die Frucht der edlen Triebe,
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Darauf ich mich bey dir gefreut?
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Umsonst! die Hoffnung ist verlohren!
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Ach! hätt ich lieber nie gebohren.

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Du selber, hochgeschätzter Mann!
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Du selbst kannst mit gesetztem Herzen
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Den harten Schlag nicht gleich verschmerzen,
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Wie jeder leicht begreifen kann.
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Du sahst die wohlgerathne Frucht
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In deines Ehstands Garten blühen;
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Und dein recht väterlich Bemühen
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Gieng bloß auf eine weise Zucht:
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Wozu so wenig Väter Gaben,
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Verstand, Geduld und Eifer haben.

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Wie wußtest du das zarte Reis
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Mit klüglichsanfter Hand zu beugen,
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Die oftmals auch den wilden Zweigen
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Den rechten Wuchs zu geben weis.
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Wie hemmtest du den eitlen Trieb,
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Der auch die besten Seelen reget;
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Doch, da er leicht zu wurzeln pfleget,
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In deinem Sohne kraftlos blieb:
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Wie Gärtner sonst mit scharfen Blicken
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Das Unkraut schon im Keim ersticken.

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Jedoch es keimte hier nicht viel;
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Sein Geist war edel und erhaben,
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Und jede Neigung dieses Knaben
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Umschränkte kein gemeines Ziel.
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Die Hand der bildenden Natur
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Verschwendet selten die Geschenke;
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Jedoch, wenn ich zurücke denke,
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Was man von deinem Sohn erfuhr:
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So konnt ein jeder leicht ermessen,
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Sie hätt ihr Sparsamseyn vergessen.

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Wie schleunig wuchs in seiner Brust
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Der angebohrne Zug zum Wissen?
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Was andre mühsam lernen müssen
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Begriff sein muntrer Witz zur Lust.
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Das unvergängliche Latein,
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Darinn es ihm so bald gelungen,
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Die Anmuth der Pariserzungen,
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Schien ihm natürlich leicht zu seyn:
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Ja, was vermocht er in Geschichten
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Nicht gleichsam spielend auszurichten?

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Wo bleibt sein offnes Angesicht,
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Mit den bescheidenfreyen Minen;
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Daraus der edle Geist erschienen,
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Von dem die Stirn, als Herold, spricht?
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Wo bleibt der hellen Augen Paar,
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Die Rosenblüthe voller Wangen,
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Daran ein ungekünstelt Prangen
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Der schönen Mutter Abriß war?
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Das alles ist in wenig Stunden
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Geschwächt, verwelket und verschwunden.

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Gebeugter Vater! fasse dich,
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Und denk an deiner Großmuth Stärke:
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Erwäge deines Geistes Werke;
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Was gilts, er selber fasset sich!
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Du kennst ja längst den Lauf der Welt,
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Natur und Ordnung aller Dinge:
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Was ist so groß, was so geringe,
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Das nicht zuletzt vergeht und fällt?
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Hier ist dirs leicht, auf unsre Sachen,
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Und auf dich selbst den Schluß zu machen.

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Erhebe Sinnen und Gemüth,
102
Bis in des Himmels blaue Ferne;
103
Wo, wie du weist, in jedem Sterne,
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Ein ganzer Sonnenkörper glüht.
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Dreht jeder nicht um seine Glut
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Ein Heer von Welten in die Runde?
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Belebt sie nicht zu jeder Stunde
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Der warmen Stralen Silberfluth?
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Und gleichwohl hat man wahrgenommen,
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Daß mancher Lichtquell schon verglommen.

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Des Pöbels Schrecken, ein
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Mit seinem ungeheuren Schwanze,
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Was ist er, in dem trüben Glanze?
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Ein Erdball, der zu Grunde geht!
115
O! gehn hier ganze Welten ein,
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Wenn Frost und Hitze sie verheeret;
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Und werden Sonnen auch verzehret:
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Wie kann ihr Bürger ewig seyn?
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Wie kann der Mensch, der Wurm auf Erden,
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Dem Untergang entrissen werden?

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Betrachte ferner See und Land,
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Und merke die verrückten Gränzen:
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Itzt sieht man da die Schuppen glänzen,
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Wo sonst ein fester
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Der Abgrund reibt oft Inseln auf,
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Und speyet Felsen aus dem Rachen,
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Die Städt und Dörfer öde machen:
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Wie ändert sich der Ströme Lauf?
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Auch Cedern sinken, samt den Eichen,
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Von wiederholten Donnerstreichen.

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Was hat des Menschen Witz erdacht,
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Durch Kunst und Ehrgeiz ausgeführet,
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So stark erbaut, so schön gezieret,
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Dem nicht die Zeit den Garaus macht?
135
Auch
136
Aegyptens eingestürzte Seulen
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Sind die Behausung wilder Eulen;
138
Sein Rest ist kaum in hohlen Gründen,
139
Mit Schutt und Graus verscharrt zu finden.

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Wo ist der Auswurf der Natur,
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Der Weltbezwinger tolle Menge,
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Die triumphirend im Gedränge
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Auf tausend warmen Leichen fuhr?
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Wo sind die Geißeln aller Welt,
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Des menschlichen Geschlechtes Plage,
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Die Misgeburten ihrer Tage;
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Die darinn bloß ihr Lob gestellt,
148
Als unersättliche Tyrannen,
149
Den Erdkreis in ihr Joch zu spannen?

150
Wo sind die Fürsten beßrer Art,
151
Die ihrer Völker Väter waren,
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Und oft die Köpfe ganzer Schaaren
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Durch ihr selbst eignes Blut gespart?
154
Wo sind die Helden alter Zeit,
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Die für der Menschen Wohl gekämpfet,
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Der Ungeheuer Wuth gedämpfet,
157
Und Friedenstempel eingeweiht;
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An Feinden Sanftmuth ausgeübet,
159
Und ihre Bürger nie betrübet?

160
Ach dörft ich diese letzten doch
161
Nicht, jenen gleich, zum Beyspiel geben:
162
So würd auch
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So lebte Pohlens Vater noch!
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Erwäg es, theurer
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Auch dieser Held hat sterben müssen,
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Auch der ward uns zu früh entrissen,
167
Wie Sachsens Wehmuth zeigen kann:
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Sprich selber, sind wohl tausend Leichen
169
Mit diesem Haupte zu vergleichen?

170
Ich weis, du leugnest solches nicht.
171
Wohlan! so widme deine Thränen
172
Des Landes allgemeinem Sehnen,
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Und eines treuen Dieners Pflicht.
174
Wenn Rom den
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Der, da des Sohnes Asche lodert.
176
Weil ihn die Pflicht aufs Rathhaus fodert,
177
Sich nicht in seinen Aemtern stört;
178
Und gleichsam das gemeine Wesen
179
Sogleich an Sohnes statt erlesen:

180
So sieh einmal, was deine Kraft,
181
In Dämpfung gleicher Trauerkerzen
182
Und Ueberwältigung der Schmerzen,
183
Für Beystand giebt, für Vortheil schafft!
184
Ganz Sachsen braucht ja deinen Geist;
185
Wann in
186
Dein Mund, nebst andern, unserm Staate
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Die Mittel sichrer Wohlfahrt weist.
188
Soll hier das Vaterland den Leichen,
189
Und deine Pflicht den Thränen weichen?

190
Bekümmerts dich vielleicht dabey,
191
Daß einst dein Namen sich verlieret;
192
Und daß der Ruhm, der ihn gezieret,
193
Auf keinem Erben ewig sey?
194
Ach! denke doch, was hilft es viel,
195
Daß einst die Welt die Sylben nennet,
196
Daran man lebend uns gekennet?
197
Was ist ihr Lob? Ein Gaukelspiel!
198
Was fühlen wir von dem Vergnügen,
199
Wenn wir dereinst im Staube liegen?

200
Dein Sohn war edel! Doch wer weis,
201
Vielleicht wär ihm sein Sohn misrathen?
202
Oft schwächen schnöder Enkel Thaten,
203
Der Ahnherrn wohlerworbnen Preis.
204
Die Welt ist unser, weil wir sind!
205
Genug, daß dieser Punkt der Erde
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Nach uns auch andre tragen werde;
207
Gesetzt, daß unser Lob verschwindt.
208
Wir selber habens ja vergessen,
209
Wer diesen Platz vor uns besessen.

210
Und was? Dein würdigstes Gemahl
211
Ist dir viel mehr, als hundert Kinder;
212
Die macht dir allen Gram gelinder,
213
Durch Eigenschaften ohne Zahl.
214
Lebt diese nur, so fehlt es Dir,
215
Auch bey noch größerm Schmerz und Leiden,
216
Doch niemals an wahrhaften Freuden,
217
Denn die empfindest du bey ihr:
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Nur mußt du selber ihr darneben
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Ein Beyspiel wahrer Großmuth geben.

220
Der Frühling fängt mit lauer Hand
221
Die kahlen Fluren an zu schmücken.
222
Und Phöbus lacht mit holden Blicken
223
Auf Florens buntes Brautgewand.
224
Darum begieb dich auf dein Feld,
225
Daselbst, nach Art geübter Weisen,
226
Den Schöpfer der Natur zu preisen,
227
Den jedes Gras vor Augen stellt:
228
Da wirst du leicht, aus tausend Werken,
229
Die Weisheit seines Raths vermerken.

230
Alsdann ergreif dein Seytenspiel,
231
Das dir die Musen selbst gestimmet;
232
Und wenn dein Herz in Andacht glimmet:
233
So nimm dir Gottes Lob zum Ziel.
234
Entwirf uns, wie du kannst und pflegst,
235
Die wahre Hoheit weiser Geister,
236
Und zeige, daß du, als ein Meister,
237
Die Fälle dieses Lebens trägst.
238
So wirst du dich, bey deinen Thränen,
239
Nicht mehr nach meinen Liedern sehnen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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