Verführte! deren schwachen Witz

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Johann Christoph Gottsched: Verführte! deren schwachen Witz Titel entspricht 1. Vers(1733)

1
Verführte! deren schwachen Witz
2
Ein stolzer Wahn mit dicken Nebeln blendet,
3
Daß ihr der Musen hohen Sitz
4
Mit grober Thorheit schmäht, mit frechem Lästern schändet;
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Genug getobt, genug geschwärmt!
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Die Dichtkunst kömmt, ihr altes Lob zu retten,
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Das wir ihr fast entwendet hätten,
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Seitdem an ihrer statt die Reimsucht bloß gelärmt.
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Sie kömmt die rohe Welt zu lehren,
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Wie sehr man schuldig sey ihr Wesen zu verehren.

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Sie kömmt! blickt auf! des Phöbus Glanz
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Umgiebt ihr Haupt, und scheint sie zu vergöttern;
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Ein ewig grüner Lorberkranz
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Umzirkt die muntre Stirn, mit den geweihten Blättern.
15
Sie hat
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Ein Seytenspiel in den gelehrten Händen;
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Ein güldner Zaum hängt an den Lenden,
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Der Herzen wilder Art mit Sanftmuth zähmen kann.
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Man sieht zugleich, an beyden Seiten,
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Die

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Ein huldreich-ernsthaft, heitres Licht
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Belebt den Blick mit Stralen muntrer Jugend.
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An Zügen gleicht ihr Angesicht,
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Zum Theil der Wahrheit selbst, doch größtenteils der Tugend.
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Ihr frischer Schritt geht stark einher,
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Ihr flüchtig Kleid ist zierlich aufgeschürzet;
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Ihr weises Wort ist wohl gewürzet,
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Den Ohren angenehm, an Nachdruck aber schwer.
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Sie läßt vor ihres Thrones Stuffen
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Die Lästrer ihres Ruhms, und ihrer Söhne, ruffen.

31
Die Macht, womit sie vormals schon
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Das wilde Volk der
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Die Macht, womit ihr Zauberton
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Bey
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Die Macht, wodurch der
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Daher der Trieb zur Freyheit stammet,
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Der bis auf diesen Tag in deutschen Adern glüht:
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Die soll allhier durch Proben zeigen,
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Wie stark ihr Wesen sey ein menschlich Herz zu beugen.

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Willkommen, theures Götterkind!
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Komm, zeige dich der ungerechten Erden,
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Wo alle, die dir dienstbar sind,
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Mit unverdientem Spott und Haß belohnet werden.
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Komm, stütze dein verfallnes Reich,
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Und schlage selbst der Feinde Bosheit nieder;
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Die rohe Welt bedarf dein wieder:
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Denn keiner Lehren Kraft kömmt deinen Liedern gleich.
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Komm! laß noch itzt an Fels und Thieren
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Die alte Wundermacht der starken Seyten spüren.

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Hier stutzt der Lästrer freche Schaar,
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Ihr ganzer Schwarm empfindet Scham und Schrecken;
52
Nun wird es allen sonnenklar,
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Die Dichtkunst dürfe sich vor Tadlern nicht verstecken.
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Sie zeigt ihr Antlitz ungescheut,
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Und fodert nur auf kurze Frist ein Schweigen;
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Sie weis sich liebreich zu bezeigen,
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Ihr Wesen, Blick und Mund, ist voll Bescheidenheit:
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Kein Rauschen scheint sie mehr zu stören,
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Und alles ist geneigt ihr eifrig zuzuhören.

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So bald entschlief nicht
61
Als
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So daß
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Der Seyten Zauberkraft in seinen Wirbeln fühlte;
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So stark empfand nicht
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Und selbst das Heer entzückter Schatten
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Kam noch bey weitem nicht den wilden Schaaren gleich,
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Die hier der alten Wuth vergessen,
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Als hätten sie bereits um

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Sie spielt! O! welch ein reiner Ton,
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Durchdringt sogleich die ganz verwöhnten Ohren!
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Der Haufe schweigt, als hätt er schon
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Den ungereimten Haß der edlen Kunst verschworen.
73
Man sieht der Finger Helfenbein
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Mit neuer Kunst die Silbertöne ziehen;
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Ja von den süßen Melodien
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Scheint jeder, der sie hört, ganz außer sich zu seyn.
77
Der Wind beginnt sich selbst zu legen,
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Und alles Laub vergißt sein lispelndes Bewegen.

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Sie ruht. Das Vorspiel endet sich;
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Sie regt den Mund, und hebt nun an zu singen.
81
O große Göttinn! stärke mich,
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Was ich von dir gehört, mit Nachdruck vorzubringen.
83
Erhebe meines Geistes Kraft,
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Und lehre mich dein himmlisch Lied erzählen;
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Laß mich kein einzig Wort verfehlen,
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Und schenke mir dabey die seltne Wissenschaft,
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Dein Wesen selbst in allen Stücken,
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So edel als es ist, vollkommen auszudrücken.

89
Ein Wink verleiht mir Geist und Muth,
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Ich fühle schon, daß mir die Adern schwellen;
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Ein göttlich Feuer regt mein Blut,
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Der weisen Sprüche Pracht recht lebhaft vorzustellen.
93
Wie jener Nymphe lauter Mund,
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Die sich vor Gram in Luft und Schall verwandelt,
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In jedem Nachruff treulich handelt;
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Denn der thut jedes Wort und jede Sylbe kund:
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So soll das Lied, das ich vernommen,
98
Getreu und unverfälscht von meinen Lippen kommen.

99
Edle Söhne der Natur,
100
Bürger der beglückten Erde!
101
Gönnt mir doch die Freude nur,
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Daß ich euch bekannter werde.
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Ihr, der Gottheit Meisterstücke,
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Himmelskinder, hört mir zu!
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Kluges Volk, was zagest du?
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Komm und schätz einmal dein Glücke,
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Das des Höchsten Huld und Macht
108
Dir auf Erden zugedacht.

109
Blicke dich doch selber an,
110
Prinz und Haupt belebter Dinge!
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Alles, was man schätzen kann,
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Ist bey deinem Werth geringe.
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Sind nicht deines Körpers Glieder
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Stark, geschickt und dauerhaft?
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Schlägst du nicht, durch Muth und Kraft,
116
Auch der Löwen Stärke nieder?
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Weichet wohl das schönste Thier
118
An Gestalt und Ansehn dir?

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Schaue, wie sich Haupt und Glied,
120
Fleisch und Bein so künstlich fügen;
121
Wie sich Flächs und Sehne zieht,
122
Wie die vollen Musculn liegen?
123
Gieb auf deiner Adern Menge,
124
Und des Blutes Kreislauf acht.
125
Den das Herz mit reger Macht,
126
Durch sein spritzendes Gedränge,
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In die kleinsten Fasern treibt,
128
Daß kein Pünktchen saftlos bleibt.

129
Schaue deiner Sinnen Zahl;
130
Die aus dem Gehirne stammen;
131
Stimmt nicht alles allemal
132
Mit dem ganzen Bau zusammen?
133
Deiner Augen runde Hölen
134
Füllt Krystall und Wasser aus;
135
Und dieß dunkle Bilderhaus
136
Wirkt bis in den Sitz der Seelen,
137
Die, was außer ihr geschieht
138
Durch gespannte Nerven sieht.

139
Schaue ferner mit Verstand
140
Auch die Gänge deiner Ohren;
141
O wie viel wird dir bekannt,
142
Durch dieß Paar von offnen Thoren!
143
Die gewundnen Schneckenröhren
144
Führen bis zum Labyrinth,
145
Wo die zarten Knorpel sind,
146
Als das Werkzeug recht zu hören:
147
Wenn der Schall die Trummel schlägt,
148
Und die straffen Nerven regt.

149
Dieser Sinnen edles Paar
150
Lehrt den Geist vernünftig werden:
151
Jener stellt dir alles dar,
152
Himmel, Wolken, Meer und Erden;
153
Dieser hilft dir deutlich denken,
154
Wenn der Ton, den du gehört,
155
Dich der Bilder Namen lehrt,
156
Und die Zunge weis zu lenken;
157
Daß sie dem, der dich befragt,
158
Mit Vernunft die Antwort sagt.

159
Sage, Mensch, wer schuff dich so?
160
Stammst du aus der Bäume Rinden?
161
Wuchsest du, wie Heu und Stroh,
162
Auf den Bergen, in den Gründen?
163
Hat ein Zufall dich gebohren,
164
Dem es blindlings einst geglückt?
165
Wer hat ihm sein Ziel verrückt,
166
Daß er itzt die Kraft verlohren?
167
Warum bringt er Schilf und Rohr,
168
Menschen, niemals mehr hervor?

169
Nein, unendlich weise Macht!
170
Hier erkennt man deine Stärke;
171
Nur dein Rath und Vorbedacht
172
Schafft dergleichen Wunderwerke.
173
Deiner Weisheit lichte Spuren
174
Zeiget jedes Kraut und Blatt;
175
Alles, was das Leben hat,
176
Die verächtlichsten Naturen
177
Preisen dich, du höchste Kraft!
178
Weil dein Odem alles schafft.

179
Zwar ihr Menschen spürt sie nicht,
180
Denn sie wirkt mit stillen Händen;
181
Ihrer Gottheit Glanz und Licht
182
Würd ein sterblich Auge blenden:
183
Aber hört nur in den Lüften,
184
Wenn des Donners Stimme brüllt,
185
Und die See von Stürmen schwillt;
186
Hört den Abgrund in den Klüften,
187
Wenn der Schlund der Berge raucht,
188
Dampf und Flammen von sich haucht.

189
Hebet Haupt und Augen auf,
190
Seht und meßt des Himmels Ferne;
191
Rechnet den gekrümmten Lauf
192
Halbbestralter Wandelsterne;
193
Meßt des Sonnenwirbels Gränzen,
194
Dessen Mittel Flammen hegt,
195
Dessen Glut den Luftraum regt,
196
Dessen Stralen ewig glänzen;
197
Dessen Lichtquell weit und breit
198
Millionen Blitze streut.

199
Funfzehn Kugeln schöpfen hier
200
Kraft, Bewegung, Geist und Leben;
201
Welchen Gott nicht minder Zier,
202
Als dem Erdball selbst gegeben.
203
Sechzehn groß und kleinen Erden
204
Giebt die Sonne Wärm und Licht:
205
Wie viel Welten müssen nicht
206
Dort noch umgewälzet werden,
207
Wo der Sterne blaues Feld
208
Tausend Sonnen in sich hält!

209
Ey! was tausend? Zehnmal noch,
210
Hundertmal soviel genommen!
211
Gleichwohl wird die Anzahl doch
212
Nicht zu rechter Größe kommen.
213
Und wo bleibt der Völker Grauen,
214
Der Kometen trüber Stral?
215
Den der Menschen größte Zahl
216
Sonder Furcht nicht pflegt zu schauen;
217
Weil ihr Schweif, der sie erschreckt,
218
Fast den halben Himmel deckt.

219
Alles dieß ist wunderbar,
220
Unbegreiflich groß zu nennen.
221
Steigt ihr tiefer? Auch alldar
222
Läßt der Schöpfer sich erkennen.
223
Wieviel Segen und Gedeyen
224
Schickt er euch von oben her?
225
Muß euch nicht der Wolken Meer
226
Die geschmolznen Perlen streuen;
227
Deren nasse Kostbarkeit
228
Auen, Berg und Thal erfreut.

229
Hier dient alles euch zur Lust,
230
Land und Wasser, Wild und Fische;
231
Wald und Garten labt die Brust,
232
Luft und Abgrund füllt die Tische.
233
Schenkt der Purpur schwerer Reben
234
Euch nicht süßen Necktar ein?
235
Und was ist wohl so gemein
236
Als was Feld und Fluren geben?
237
Deren fetter Ueberfluß
238
Euch zur Wollust dienen muß.

239
Seht! Gott winkt, und dieß geschieht;
240
Hört! Er spricht, und alles bebet:
241
Er ists werth, daß ein Gemüth
242
Sich entzückt zu Ihm erhebet.
243
O! so schwingt euch in Gedanken,
244
Ueber Welt und Sonnen hin;
245
Und vergnügt den scharfen Sinn
246
Außer aller Himmel Schranken,
247
Wo der Gott, der euch gemacht,
248
Noch für eure Wohlfahrt wacht.

249
Ja, Er sorgt für alle Welt,
250
Mit den zärtsten Vatersinnen;
251
Alles, was Sein Arm erhält,
252
Soll Ihm euer Herz gewinnen.
253
Tausend Schätze sind euch eigen,
254
Die der schwangre Boden trägt,
255
Die der Schooß der Erden hegt,
256
Die der Berge Spitze zeugen:
257
Alles, alles das zugleich
258
Gönnt und giebt und schenkt Er euch.

259
Und was fodert Er dafür?
260
Nichts als dankerfüllte Zungen:
261
Und vieleicht gesteht ihr mir,
262
Eure Brust sey schon durchdrungen!
263
Ja, ich seh, ihr brennt vor Liebe,
264
Gegen eures Schöpfers Huld:
265
Auf, entrichtet eure Schuld,
266
Auf, erfüllt die frommen Triebe!
267
Weiht anstatt der Opfer Brand,
268
Ihm nur Tugend und Verstand.

269
Thut ihr dieß so zeigt euch auch
270
Als die redlichsten Gemüther;
271
Folgt nur euers Herrschers Brauch,
272
Theilt mit andern eure Güter.
273
Liebe, Wohlthun und Erbarmen
274
Macht die Welt zum Himmelreich,
275
Macht euch selbst der Gottheit gleich;
276
Drum versorgt und pflegt die Armen:
277
Dieses ists was Gott gebeut,
278
Kurz, die schönste Dankbarkeit.

279
Dann verbannt der Sorgen Heer,
280
Durch ein tägliches Vergnügen;
281
Macht euch nicht das Leben schwer,
282
Laßt den Kummer niemals siegen,
283
Singt und spielet, scherzt und lachet,
284
Eßt und trinket, lebt und liebt;
285
Nehmt, was euch die Vorsicht giebt,
286
Die euch nichts zur Qual gemachet;
287
Die des Erdballs Zweck und Frucht
288
Bloß in eurem Glücke sucht.

289
Sie bedarf des allen nicht,
290
Was ihr starkes Wort bereitet.
291
Euch zu gut, hat sie das Licht
292
Durch den Weltraum ausgebreitet;
293
Euch zu gut, gab sie der Erden
294
Gras und Kräuter, Baum und Thier;
295
Euch zum Nutz und euch zur Zier,
296
Schuff sie zahm und wilde Heerden;
297
Seide, Gold und Edelstein
298
Soll nur euch zum Zierrath seyn.

299
Zwar ihr alle könnt zugleich
300
Alle Güter nicht erlangen:
301
Doch ein jeder unter euch
302
Hat sein reiches Maaß empfangen.
303
Keinem kanns in allem glücken;
304
Dem fehlts dort, und diesem hier,
305
Allen was, und manches dir;
306
Niemand darbt in allen Stücken.
307
Aller Reichthum hat sein Ziel;
308
Doch hat auch der Aermste viel.

309
Möchtet ihr nur mit Verstand,
310
Eurer Güter Frucht genießen!
311
Jede Stadt, und jedes Land
312
Würd euch voller Segen fließen.
313
Sucht nur Stolz und Geiz zu meiden,
314
Die mehr wünschen, als man braucht;
315
Deren Stirn von Sorgen raucht,
316
Aber nie von süßen Freuden.
317
So könnt ihr vor Gram und Pein
318
Lebenslang gesichert seyn.

319
Kommt, ihr Schüler meiner Kunst!
320
Kommt mit euren edlen Werken;
321
Auf! zertrennt der Thorheit Dunst,
322
Helft Vernunft und Tugend stärken.
323
Soll man eure Lieder ehren;
324
Macht der Welt die Weisheit leicht!
325
Denn so wird der Zweck erreicht,
326
Freude, Glück und Lust zu mehren;
327
Eine Lust, die jedermann
328
Unschuldvoll genießen kann.

329
Flieht, ihr andern, jene Brut,
330
Die den Reim mit Lastern nähret,
331
Stets der Tugend Abbruch thut,
332
Und die Welt noch mehr verkehret.
333
Seht, sie streut mit frechen Händen
334
Auch der Bosheit Weihrauch hin:
335
Denn der nichtigste Gewinn
336
Reizt sie, meinen Ruhm zu schänden.
337
Lebe wohl, und hüte dich,
338
Edles Volk! Nun kennst du mich.

339
Hier schwieg die Göttinn und verschwand,
340
Die ganze Schaar befiel ein banges Sehnen;
341
Der Schmerz, den jede Brust empfand,
342
Zerfloß aus Zärtlichkeit in heiße Freudenthränen!
343
Ach! seufzte man, ach Lehrerinn!
344
O möchtest du doch ewig bey uns bleiben!
345
Du würdest unsern Gram verteiben,
346
Dein weiser Unterricht nähm alle Thorheit hin.
347
Die Laster würden bald verschwinden,
348
Die Weisheit würde selbst mehr treue Schüler rinden.

349
Die Menge geht gerührt zurück,
350
Sie will nunmehr nach solcher Vorschrift handeln.
351
Ein jeder überlegt sein Glück,
352
Und will hinfort vergnügt nach neuen Regeln wandeln.
353
Man nimmt des Höchsten Fügung an,
354
Genießt mit Lust, was ihm ihr Schluß beschieden,
355
Stellt sich mit wenigem zufrieden,
356
Und wünschet nicht einmal, was man nicht haben kann;
357
Verwirft sogar die schnöden Schriften,
358
Die zu der Dichtkunst Schimpf nur Schand und Laster stiften.

359
Ihr Dichter! folgt den Spuren nach,
360
Die Mosis Lied so stark und feurig machten,
361
Durch Israels gerochne Schmach,
362
Deborens Lobgesang zu solcher Höhe brachten.
363
Laßt uns ein rührend Psalterlied,
364
Nach Davids Art, durch Geist und Kraft entzücken;
365
Bemüht euch, geistreich auszudrücken,
366
Was Gottes Macht erhebt, und Herzen zu ihm zieht:
367
Ja schreckt bey Sodoms Lasterpfützen,
368
Die allzusichre Welt mit Schwefel, Stral und Blitzen.

369
Wie wird mir? Welch verklärter Held
370
Senkt sich allhier aus den gestirnten Höhen;

371
Ach!
372
Und eilt, mir eifersvoll als Zeuge beyzustehen.
373
Recht! ruft er, ich habs auch gespürt;
374
Die Dichtkunst hat des Glaubens Schimpf gerächet,
375
Des Höllenfürsten Grimm geschwächet,
376
Die Wahrheit fortgepflanzt, das Volk zu Gott geführt.
377
Ein Lied, so ich die Kirche lehrte,
378
That mehr, als Stal und Glut, womit man Zion störte.

379
Ja,
380
Auch
381
Wenn sich vor brennender Begier
382
Die Andacht oft entzückt zu Gottes Thron geschwungen.
383
Wie feurig ist der Tugend Trieb,
384
Durch ihren Reiz, in mancher Brust entglommen:
385
Wie hat die Thorheit abgenommen,
386
Seit manches Dichters Kiel in gleicher Absicht schrieb.
387
Wie wird die Tugend künftig steigen,
388
Dafern wir mehr und mehr ihr reizend Wesen zeigen?

389
O! was für Heil und Wohlfahrt blüht!
390
O! was für Lust beherrscht den Kreis der Erden!
391
Wohin ein witzig Auge sieht,
392
Da scheint die ganze Welt ein Paradies zu werden.
393
Es scheint nicht nur; sie wirds auch seyn,
394
Wenn fernerhin die Dichtkunst Weisheit lehret.
395
Ihr Brüder! die ihr beydes ehret,
396
Kommt, stimmt mit eurer Göttinn ein:
397
So wird es euch vieleicht gelingen,
398
Die Unart böser Zeit dereinst zurecht zu bringen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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