So wahr ich redlich bin

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Johann Christoph Gottsched: So wahr ich redlich bin Titel entspricht 1. Vers(1733)

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So wahr ich redlich bin,
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Entfernte Schäferinn:
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Bin ich, es bleibt dabey!
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Dir bis zur Grube treu.
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Ach fühlte nur mein Herz
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Nicht stündlich einen Schmerz,
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Der täglich weiter geht,
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Und bloß daher entsteht;
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Daß ich den ersten Kuß
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Von dir entbehren muß.

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Zwar als es mir geglückt,
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Daß ich dich einst erblickt;
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Und dir in kurzer Zeit
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Mein ganzes Herz geweiht:
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Da that mein blöder Mund
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Dir noch so viel nicht kund.
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Ich hieß es ein Vergehn,
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Und freches Unterstehn;
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Aus Furcht: Ihr strenger Muth
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Heißt dirs unmöglich gut.

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Denn da ichs einst gewagt,
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Und dir auch ungefragt,
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Mit großer List einmal
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Ein halbes Mäulchen stahl:
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Hilf Himmel! wie erhitzt
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Hast du auf mich geblitzt;
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Und mir so sehr gedroht,
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Als ob der ärgste Tod
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Noch lange nicht zu schwer
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Für meinen Fehler wär.

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Drum hab ich nach der Zeit,
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Mit mehr Bescheidenheit,
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Nur deiner schönen Hand
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Die Küsse zugewandt.
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Das ließest du zwar zu,
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Doch meiner Seelen Ruh
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Ward dadurch nicht gestillt:
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Obgleich dein Engelsbild
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Mir, bis auf diesen Tag
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Noch stets im Sinne lag.

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Ward mirs hernach erlaubt,
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Was ich sonst nie geglaubt,
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Zu sagen, Schäferinn!
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Daß ich der Deine bin:
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O was für Himmelslust
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Ergetzte meine Brust!
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Allein, was half es mir?
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Ich war entfernt von dir;
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Drum konnte meine Pein
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Noch nicht gestillet seyn.

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Oft geb ich zwar im Traum
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Den Fantaseyen Raum;
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Da stellt dich Morpheus mir
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Nach Herzenswunsche für.
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Doch alle Lust ist hin,
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So bald ich munter bin:
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Da seh ich, was mir fehlt,
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Und mich auch schlafend quält;
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Weil mich des Schicksals Macht
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So weit von dir gebracht.

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Verhängniß, ändre dich!
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O Schönste! tröste mich:
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Denn denke nur einmal,
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Was hilft dir meine Qual?
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Ach gieb hinfort nicht mehr
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Der Sprödigkeit Gehör;
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Und schreibe mir ein Blatt,
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Das diesen Inhalt hat:
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Dir, Schäfer, ganz allein
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Will ich ergeben seyn.

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Schreib auch, dafern du meynst:
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Daß du die Zeit beweinst,
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Da du, aus Härtigkeit,
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Mir gar zu sehr gedräut.
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Dann seufz einmal nach mir:
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O wär er wieder hier!
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Wie er sonst bey mir saß,
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Und sich fast selbst vergaß:
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So gäb ich jeden Blick
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Ihm doppelt stark zurück.

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Kind! seufzest du also:
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So bin ich wieder froh,
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Und mein erquicktes Herz,
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Vergißt den alten Schmerz.
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Vieleicht erblickt mich bald
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Dein schöner Aufenthalt:
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Alsdann thu ich mit Lust,
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Die Triebe meiner Brust
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Dir, durch den treuen Mund,
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In tausend Küssen kund.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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