Wie sehr, o Mensch! vergehst du dich

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Johann Christoph Gottsched: Wie sehr, o Mensch! vergehst du dich Titel entspricht 1. Vers(1733)

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Wie sehr, o Mensch! vergehst du dich
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Mit deinen weitgestreckten Blicken!
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Du wähnst und hoffst, es müsse sich
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Nach deinen kühnen Wünschen schicken;
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Du willst dich von der Menschlichkeit
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Vor Uebermuth und Stolz entfernen,
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Und steckest aus Verwägenheit
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Dein Ziel oft über allen Sternen;
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Bis unverhofft die Todesnacht
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Dir Blick und Ziel zu schanden macht.

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Bald willst du dir dein Marmorhaus
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Bis über alle Wolken bauen:
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Doch mußt du der Verwesung Graus
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Vor halb vollbrachter Arbeit schauen.
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Bald willst du dir der Erden Mark
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Durch deiner Schlösser Stahl versichern:
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Indeß umschließt dich selbst dein Sarg
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Mit unverhofften Grabetüchern.
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Dann schluckt der Abgrund Fleisch und Bein,
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Statt des geraubten Goldes, ein.

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Der eine Thor läßt Speis und Trank
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Aus Osten, Süd und Westen bringen.
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Kaum ist er satt, so wird er krank;
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So will ihn selbst die Gruft verschlingen.
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Ein andrer klimmt sich an den Thron
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Der kleinen Götter dieser Erden,
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Und will, wo nicht ihr liebster Sohn,
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Doch Freund und Rath und Diener werden:
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Jedoch, eh ihn das Glück gekannt,
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Bedeckt ihn schon des Grabes Sand.

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Will mancher nicht durch Brand und Mord
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Den halben Erdkreis wüste machen?
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Doch muß er unversehens fort,
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Und wirkt der frohen Welt ein Lachen.
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Ward nicht der tollen Herrschsucht gar
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Die weite Menschenwelt zu enge?
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Doch eh sie damit fertig war,
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Begieng man schon ihr Leichgepränge;
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Und so blieb auch der sichre Mond
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Von ihrer Waffen Wuth verschont.

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O! dörfte nur die Tugend nicht
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Der Todessichel unterliegen;
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Und könnte nur der Weisheit Licht
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Der Gräber Finsterniß besiegen!
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Doch dieser unumschränkten Macht
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Kann keines Menschen Stärke pochen:
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Auch hier wird oft durch Tod und Nacht
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Der schönste Vorsatz unterbrochen:
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Auch wer nach Witz und Klugheit strebt,
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Hat oft zu zeitig ausgelebt.

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Erblaßter = =! werther Freund!
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Du frühes Beyspiel dieser Klagen!
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Wer hätt es wohl so bald gemeynt,
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Dich in die kühle Gruft zu tragen?
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Was hilfts, daß dein bemühter Fleiß
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Den Wissenschaften nachgerungen;
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So, daß
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Schon dein gelehrtes Haupt umschlungen?
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Was hilft dir aller Musen Gunst?
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Der Tod fragt nichts nach Geist und Kunst.

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Dein sanftes Wesen, dein Gemüth,
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Dein tugendhaftes stilles Leben,
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Hat in der Welt umsonst geblüht,
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Und kann ihr keine Früchte geben.
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Drum klagt, wer dich nur halb gekannt,
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Drum müssen deine Freunde weinen:
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Denn wer dich liebenswürdig fand,
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Mag hier nicht unempfindlich scheinen.
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Mir selbst ist herzlich leid um dich,
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Mein Jonathan, mein andres Ich!

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Ihr, theuren Aeltern, thut zwar recht,
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Daß ihr den liebsten Sohn beklaget;
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Zumal ihr euer ganz Geschlecht
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Mit ihm zugleich zu Grabe traget.
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Doch denkt an den, der ihn geraubt;
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Ists nicht der Vater aller Liebe?
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Da gehts ihm besser, als ihr glaubt;
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Als wenn er länger bey uns bliebe:
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Da werdet ihr, nach kurzem Flehn,
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Ihn voller Freuden wieder sehn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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