Bey dem Hintritte eines jungen Studirenden

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Johann Christoph Gottsched: Bey dem Hintritte eines jungen Studirenden (1733)

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Daß unsre ganze Wissenschaft
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In gar zu engen Gränzen bleibe;
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Und stets mit gar zu matter Kraft
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Die schwachen Sprossen aufwärts treibe;
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Daß Witz, Gedächtniß und Verstand,
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So viel sie gründliches erkannt,
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Gleichwohl noch nichts Vollkommnes wissen:
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Das hat ohn allen Unterscheid,
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Das Alterthum und unsre Zeit
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Erkennen und gestehen müssen.

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Beklaget nicht der Weisen Zahl
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Des Menschen gar zu frühes Sterben?
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Und wünschen sie nicht manchesmal,
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So spät, als Nestor zu verderben?
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Die Kunst ist groß, das Leben klein!
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Man wollte gern ein Meister seyn,
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Und muß als Schüler schon erblassen:
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Die Wissenschaft ist noch nicht da,
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Doch ist man schon dem Grabe nah;
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Doch muß man schon die Welt verlassen.

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Ist diese Wahrheit allgemein,
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Und trifft sie auch die grauen Alten;
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Die auch den spätsten Leichenstein
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Für ihres Wissens Gränzstein halten:
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Was darf sich denn die Jugend viel
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Um das zu nah gesteckte Ziel
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Des kurzen Lebenslaufs beklagen?
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Zehn Schritte minder, oder mehr;
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Die achtet sonst kein Läufer sehr,
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Wo niemand kann den Preis erjagen.

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Erblaßter Freund, dein Lebenslicht
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Verlischt in deinen besten Tagen.
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Wir sehn mit nassem Angesicht,
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Dich zeitig in die Grube tragen.
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Der Tod und dein so frühes Grab
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Reißt dir zu schnell den Faden ab,
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Daran dein kluger Fleiß gesponnen:
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Doch hat auch so dein edler Geist,
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Indem er sich der Welt entreißt,
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Durch den Verlust weit mehr gewonnen.

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Du rückst aus dieser Lindenstadt
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Zur hohen Schule weiser Frommen;
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Die den zu ihrem Lehrer hat,
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Von dem Verstand und Wahrheit kommen.
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Du siehst nun aus der Ewigkeit,
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Wie fruchtlos wir die meiste Zeit
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Auf Wissenschaft und Künste wenden;
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Beklagst auch unsern Unverstand,
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Wenn wir uns oft mit eigner Hand
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Die blöden Augen vollends blenden.

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O selig l wer so weit schon ist,
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Wo selbst die Lehrer lernen können.
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Wir sehen, daß du glücklich bist;
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Wie kann man dir den Stand nicht gönnen?
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Man sehnet sich vielmehr zugleich,
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Und wünschet gleichfalls, bald so reich
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An wahrer Wissenschaft zu werden.
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So sehr man hier nach solcher strebt,
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So manches Jahr man auch erlebt:
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So wenig wohnt sie hier auf Erden.

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Ihr Aeltern, weint! doch denkt zugleich,
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Der liebste Sohn sey nicht verlohren.
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Ihr hattet ihn nicht nur für euch,
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Nein, auch zur Ewigkeit gebohren.
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Da ist er glücklich angelangt,
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Und weil er schon mit Kronen prangt,
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So ist er gar nicht zu betrauren.
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Und folgt ihr selbst ihm endlich nach:
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So werdet ihr den Thränenbach,
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Nicht aber seine Gruft, bedauren.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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