Ueber den Tod Herrn Christian Ludewigs, der heiligen Schrift Doctors und Professors des Arist. Organ. zu Leipzig

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Christoph Gottsched: Ueber den Tod Herrn Christian Ludewigs, der heiligen Schrift Doctors und Professors des Arist. Organ. zu Leipzig (1733)

1
Seit dem der Weise von Stagyr
2
Dem Denken Regeln vorgeschrieben,
3
Und unsre forschende Begier
4
Bis auf den höchsten Punct getrieben;
5
Seit dem der neuen Lehrer Zunft
6
Die Kunst noch mehr geprüft, gebessert und erläutert:
7
Sind auch die Kräfte der Vernunft,
8
Durch ungemeinen Fleiß, unendlich sehr erweitert.

9
Des Erdballs Umkreis ist erkannt,
10
Sein Inhalt durch und durch gemessen;
11
Die lange Ruh ist ganz verbannt,
12
Darinn er vor der Zeit gesessen.
13
Er muß, nach der Planeten Art,
14
Um seinen Mittelpunkt, den Sonnenkörper rollen:
15
Da dieser seinen Lauf erspart,
16
Und alle Sterne sonst geruhig stehen sollen.

17
Man schreibt dem Laufe der Natur
18
Die ordentlichsten Grundgesetze;
19
Man kömmt auf ihrer Kräfte Spur,
20
Und findet der Bewegung Schätze.
21
Man weis, was in den Lüften kracht,
22
Und was den Ocean zur Fluth und Ebbe zwinget?
23
Was Schlossen, Sturm und Regen macht?
24
Warum die Erde bebt, warum ihr Abgrund springet?

25
Man hat den Menschen selbst erforscht,
26
Und seiner Glieder Bau zerleget;
27
Man weis, was unsern Leib zermorscht,
28
Und wie das Herz im Busen schläget.
29
Man hat den Gliedern nachgespürt,
30
Die manchen Nervengang in das Gehirne schicken,
31
Von dem, was sie von außen rührt,
32
Dem Geiste, der da wohnt, die Bilder einzudrücken.

33
Man hat so gar des Geistes Kraft,
34
Der uns zu Menschen macht, ergründet;
35
Und kennt mit guter Wissenschaft,
36
Was in uns denket und empfindet.
37
Man thut sein einfach Wesen dar,
38
Das keine Fäulniß trennt, kein Moder kann verderben;
39
Und macht es durch Beweise klar,
40
Daß unsre Seelen nicht, wie diese Körper, sterben.

41
Was giebt nicht ferner der Verstand
42
Für auserlesne Sittenlehren?
43
Er zeugt das Recht, der Völker Band,
44
Und hilft der Staaten Wohlfahrt mehren.
45
Er schafft den Bürgern Sicherheit;
46
Ja wollte man sich stets nach seinen Regeln richten:
47
So brächt er gar die güldne Zeit,
48
Davon die Alten sonst die schönsten Fabeln dichten.

49
O himmlisch wirkende Vernunft!
50
O unbeschreiblich edles Wesen!
51
Was Dank verdient der Weisen Zunft,
52
Die dich zu ihrem Zweck erlesen!
53
Du gleichfalls, hochverdienter Greis!
54
Verdienst das ganze Lob, womit wir sie gepriesen;
55
Indem du, wie ganz Leipzig weis,
56
Die Regeln der Vernunft so manches Jahr gewiesen.

57
Gewiesen? Ja! doch auch zugleich
58
Im Thun und Lassen angewendet;
59
Im Unglück warst du niemals weich,
60
Kein großes Glück hat dich verblendet.
61
Du dientest Gott, der Welt, dem Staat,
62
Und wolltest jedem gern mit ganzen Kräften dienen:
63
So daß an dir, aus jeder That,
64
Ein wahrer Philosoph und rechter Christ erschienen.
65
Es lebt dein Ruhm in mancher Schrift,
66
Was darf ihn dieses Blatt beschreiben?
67
Das leichtlich Wurm und Motte trifft,
68
Da jene wohl unsterblich bleiben.
69
Ruh sanft in deines Grabes Nacht,
70
Du werther Ueberrest! bis dich die Macht belebet,
71
Die einst der Welt ein Ende macht,
72
Und dich, wie deinen Geist, zur Herrlichkeit erhebet.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.