An Se. Hochedelgeb. Herrn Doctor Schön, öffentl. Lehrern der Rechte in Leipzig

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Johann Christoph Gottsched: An Se. Hochedelgeb. Herrn Doctor Schön, öffentl. Lehrern der Rechte in Leipzig (1733)

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Theurer Freund! den in den Rechten
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Selbst
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Dem die Musen Kränze flechten,
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Wenn sein Geist im Dichten brennt;
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Laß mich doch nur frey gestehen,
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Daß dein Klagen mich gerührt,
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Und mich selbst zu jenen Höhen,
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Wo dein Schatz itzt lebt, geführt.

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Dein Betrüben, Aechzen, Flehen
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Scheint mir gar nicht ungerecht;
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Freylich ist dir Weh geschehen,
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Da der Tod dein Wohl geschwächt.
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Aller Schönen Schmuck und Preis,
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Der dein Herz, an Witz und Gaben
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Keine zu vergleichen weis.
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So viel Schönheit, so viel Tugend,
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So viel Lust zur Wissenschaft,
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Ward in gar zu früher Jugend
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Durch den Tod dahin gerafft!
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Dieses regt schon mein Erbarmen;
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Doch das klingt mir doppelt hart,
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Daß sie gar aus deinen Armen,
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Werther Freund! gerissen ward.

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Sprich, wie war dir bey dem Raube
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Deiner schönsten Braut zu Muth?
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Thatst du nicht, wie eine Taube
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Bey des Gatten Falle thut?
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Ja du girrtest, weintest, riefest,
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Du verweyster Bräutigam!
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Daß das Lager, da du schliefest,
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Oft von deinen Thränen schwamm.

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Du bist von den edlen Seelen,
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Die kein schnöder Trieb entzündt,
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Aber die, so bald sie wählen,
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Zärtlich und beständig sind.
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Deine Brust war schwer zu zwingen,
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Aber da sie Fessel trug,
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Wollte sie vor Gram zerspringen,
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Weil der Tod dieß Band zerschlug.

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Doch du hast dieß Leid ertragen,
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Als ein Weiser, als ein Christ:
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Der auch bey den zärtsten Klagen
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Standhaft und gelassen ist.
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Ja, ich seh dein starkes Wesen
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Gleichsam mit Erstaunen an,
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Weil es das, was du erlesen,
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So gesetzt bedauren kann.

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Freund und Gönner! darf ichs wagen,
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Und dir, zwar mit Vorbedacht,
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Aber im Vertrauen sagen,
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Was mich so empfindlich macht?
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Bloß die Fühlung eigner Triebe
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Hat mich so geschickt gemacht,
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Daß ich deiner zarten Liebe
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Mehr, als andre, nachgedacht.

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Ich hab auch ein Herz gefunden,
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Das durch Tugend und Verstand
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Meine zarte Brust gebunden,
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Wie dich
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Denn sie spricht und schreibt gelehrt:
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Wenn an Hippokrenens Flüssen

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Doch sie lebt in großer Ferne,
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Wir sind leider! sehr getrennt:
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Wie das Licht der Nebelsterne
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Weit von unsern Augen brennt.
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Nur ein Blatt voll kluger Zeilen
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Stellt mir ihren Geist oft dar,
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Seit ein Weg von achtzig Meilen
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Größrer Lust zuwider war.

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Sprich nun selbst, wer von uns beyden
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Billiger bekümmert sey?
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Zwar die Trennung und das Scheiden
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Ist hier völlig einerley:
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Aber deiner Schönen Freude
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Macht auch dich allhier vergnügt;
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Wenn dir gleich, bey tiefem Leide,
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Noch ihr Bild im Sinne liegt.

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Mich hingegen nagt der Kummer,
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Der die treue Seele quält,
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Wenn ihr oftmals Ruh und Schlummer
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Bloß um meinetwegen fehlt.
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Wenn sie oft, bey späten Nächten,
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An den frohen Tag gedenkt,
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Der ihr einst den Kranz wird flechten,
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Welchen ihr die Unschuld schenkt.

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Aber noch ist nichts zu hoffen,
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Seufzt und fleht sie noch so viel!
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Steht mir gleich die Rennbahn offen,
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Schreckt mich doch das ferne Ziel.
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An Bestand wird mirs nicht fehlen,
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Wär es auch noch einst so weit:
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Aber meiner Freundinn Quälen
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Zwinget mich zur Traurigkeit.

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Würde doch das Grab ihr Bette!
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Ruf ich oftmals überlaut.
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Stürbe sie, wie
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Unsers
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Wahrlich, ihre Todtenkammer
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Wirkte nicht so viel Verdruß,
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Als voritzt der lange Jammer,
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Den ich ihr erwecken muß.

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Hege Mitleid bey den Schmerzen,
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Die du glücklich übermannst,
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Wo du bey verletztem Herzen
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Fremden Gram empfinden kannst.
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Stünde
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Noch für Blut zu kaufen dar;
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Wollt ich gern das meine geben,
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Weil sie deine Liebste war.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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