Auf den Geburtstag eines Mannes, im Namen seiner Ehegattinn

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Johann Christoph Gottsched: Auf den Geburtstag eines Mannes, im Namen seiner Ehegattinn (1733)

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Nimm hin dieß höchsterfreute Blatt,
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Geliebter Schatz, von deren Händen,
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Die sich vorlängst entschlossen hat,
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Dir Herz und Seele zu verpfänden.
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Nimm hin das Zeichen wahrer Treu,
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Das zarte Liebe dir geweihet,
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Und glaube, daß mein Sinn dabey
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Sich über deine Wohlfahrt freuet.
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Dein froher Jahrstag stellt sich ein;
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Und was kann mir vergnügter fallen,
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Als wenn nach überstandner Pein
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Mir Blut und Adern freudig wallen?
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Die Traurigkeit hat dieses Jahr
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Um meines Vaters Gruft geweinet;
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Nun stellt sich auch die Freude dar,
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Da dein erwünschtes Fest erscheinet.

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Mein nasses Auge, stille dich,
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Und sey bemüht, dich aufzuklären;
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Der Thränenbrunn verstopfe sich;
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Was soll das Aechzen länger währen?
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Die Leichen können von der Fluth
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Nicht den geringsten Trost verspüren;
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Und wenn man noch so kläglich thut,
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So läßt sich doch der Tod nicht rühren.

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So kehr ich denn den frohen Blick,
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Mein andres Herz, nach deiner Wiegen,
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Und seh darinnen auch mein Glück,
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Mit dir, auf weichen Küssen, liegen.
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Der Himmel hat dich ausersehn,
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Und mir zum Ehgemahl erkohren:
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Ja, dieß ist auch bey mir geschehn;
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Ich selber bin für dich gebohren.

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Ich denke noch der langen Zeit,
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Der Zeit von zweymal sieben Jahren,
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Die mir von deiner Zärtlichkeit
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Die allerstärksten Zeugen waren.
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Ich denke deiner Treue noch,
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Die mir ganz unverrückt geblieben,
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Bis meine Brust sich endlich doch,
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Auch dir geneigt zu seyn, verschrieben.

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Zwey volle Jahre sind es fast,
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Seit dem sich Herz und Hand verbunden,
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Seit dem ich dich, in Lust und Last,
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In Lieb und Leid, bewährt erfunden.
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Je länger unser Ehstand währt,
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Je fester wird das Band sich schlingen;
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Und da die Zeit auch Stahl verzehrt,
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Mit uns bis in die Grube dringen.

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O sollt ich nur den Jammertag
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Von deinem Sterben nicht erleben!
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Denn was ein Mensch ersinnen mag,
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Das wollt ich, dich zu retten, geben.
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O würde mir dereinst von dir
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Mein sterbend Auge zugedrücket:
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So glaubt ich, daß der Himmel mir
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Die größte Wohlthat zugeschicket.

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Drum lebe, liebster Schatz, vergnügt.
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Geneuß die Lust von deinen Jahren:
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Der Himmel hat es wohl gefügt,
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Indem er uns gewußt zu paaren.
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Dein Wohlseyn bloß vergnüget mich,
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Denn deine Lust ist mein Ergetzen:
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Sonst kann ich alles, außer dich,
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Für schlecht und für verächtlich schätzen.

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Der Höchste stärke Geist und Leib,
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Kein Zufall kränke Haupt und Glieder!
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Denn was dich schmerzet, schmerzt dein Weib,
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Und deine Schwachheit schlägt mich nieder.
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Erlebe diesen Tag noch oft!
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So werden sich die Freunde freuen;
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So hab ich, was mein Herz gehofft;
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So wird sich meine Lust verneuen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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