Neuer Orpheus deiner Zeiten!

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Christoph Gottsched: Neuer Orpheus deiner Zeiten! Titel entspricht 1. Vers(1733)

1
Neuer Orpheus deiner Zeiten!
2
Dessen wundervolle Seyten,
3
Ohn ein sonderlich Bemühn,
4
Bäum und Felsen nach sich ziehn;
5
Edler! = = wenn deine Liebe
6
Nicht die alte Freundschaft stört:
7
So nimm hin, was dir gehört,
8
Diese Frucht der treusten Triebe;
9
Kann gleich meiner Musen Lallen
10
Dir nicht, wie du mir, gefallen.

11
Wahrlich, o du Freund der Neune!
12
Wäre deine Kunst die Meine,
13
Säng ich, wie dein Bogen spielt,
14
Den man in der Seele fühlt;
15
Könnt ich so die Herzen regen,
16
So bezaubern, wie du thust:
17
Würd ich dir bey deiner Lust
18
Adern, Mark und Bein bewegen;
19
Und von lauter schönen Dingen
20
Deiner Auserwählten singen.

21
Aber sprich, wer kann dir gleichen,
22
So geschickt die Seyten streichen,
23
So genau die Noten sehn,
24
So gewiß den Wirbel drehn?
25
Deine süßen Harmonien
26
Nehmen Ohr und Herzen ein.
27
Und was klingt so ungemein,
28
Als die sanften Melodien?
29
Welche trösten und entzücken,
30
Schrecken, dräuen und erquicken.

31
Sage selbst, verliebte Schöne!
32
Wie gefällt dir sein Getöne?
33
Doch, du denkst, ein bloßer Klang
34
Ist nicht das, was mich bezwang.
35
Freylich hat er andre Gaben,
36
Witz, Verstand und Höflichkeit,
37
Eine Brust, die sich dir weiht,
38
Und was sonst die Freyer haben:
39
Dieß bewog dich, wie wir denken,
40
Ihm dein treues Herz zu schenken.

41
O wie wohl heißt das getroffen!
42
Itzo kannst du alles hoffen,
43
Was der Hochzeitfackeln Pracht
44
Angenehm und heiter macht.
45
Denn wie seine Violine,
46
Auch die zärtsten Striche fühlt;
47
So empfindt auch, der sie spielt,
48
Seiner Schönen zärtste Mine:
49
Weil ein Blick, der von ihr stammet,
50
Gleich sein ganzes Blut entflammet.

51
Der Musik geweihte Seelen
52
Sind sehr ekel im Erwählen:
53
Denn nicht jedes Haberrohr
54
Fällt gleich angenehm ins Ohr.
55
Aber was sie lieb gewinnen,
56
Lassen sie durchaus nicht mehr,
57
Und dieß zärtliche Gehör
58
Leitet auch die andern Sinnen;
59
Drum verspricht dir = = Liebe
60
Unauslöschlich heiße Triebe.

61
Sollte dich der Tod ihm rauben,
62
O so kannst du sicher glauben:
63
Fühlten kaum ein herber Weh!
64
Gieng nun der mit schnellen Schritten
65
Seufzend nach der Unterwelt,
66
Das, was ihm der Tod gefällt,
67
Durch die Laute zu erbitten:
68
Ey so würden = = Seyten
69
Dich gewiß zur Gruft begleiten.

70
Und wer weis, was noch geschähe,
71
Wenn ihn
72
Ob nicht deine Wiederkehr
73
Seiner Kunst Belohnung wär!
74
Doch kein trauriges Besorgen
75
Schickt sich hier zur Hochzeitlust,
76
Drum vergnüget eure Brust,
77
Werthes Paar! bis an den Morgen.
78
Aber gebt auch bald die Proben,
79
Daß ihr sie nicht aufgeschoben.
80
Soll ich euch noch Wünsche machen?
81
Ja! man möchte mich verlachen,
82
Daß ich schon so viel gereimt,
83
Und das Beste doch versäumt.
84
Nun, das gütige Geschicke
85
Sey der Harmonie geneigt,
86
Die sich an euch Beyden zeigt;
87
So beströmt euch alles Glücke.
88
Denn wo Lieb und Treu sich zeigen,
89
Hängt der Ehstand voller Geigen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.