Kann denn

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Johann Christoph Gottsched: Kann denn Titel entspricht 1. Vers(1733)

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Kann denn
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Auch in den gekürzten Tagen,
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Mitten unter Frost und Schnee,
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In verliebte Herzen schlagen?
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Fühlt denn auch, bey kalten Lüften,
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Der bereifte Theil der Welt,
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Um den kalten Norderbelt,
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Was der

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Ja, die starrende Natur
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Schläft in Auen, Gärten, Feldern;
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Wer erblickt die mindste Spur
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Süßer Regung in den Wäldern?
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Bey den Fischen, Vögeln, Thieren
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Scheinen alle Triebe todt:
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Doch dieß mächtige Geboth
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Kann nur nicht die Menschen rühren.

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Nur der Mensch, die kleine Welt,
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Will der großen widerstreben;
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Weil er nichts von Regeln hält,
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Will er stets in Freyheit leben.
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Er verlacht, mit muntern Sinnen,
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Kälte, Reif und Schnee und Frost;
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Will der Liebe Götterkost
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Auch im Winter lieb gewinnen.

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Kann auch kalte Herzen schmelzen;
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Wenn gleich Sonn und Wärme sich
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Um den fernen Südpol wälzen;
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Wenn gleich Lunens Silberstralen,
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Bey gestirnter Himmelspracht,
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Unsers Nordens längste Nacht
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Mit dem kältsten Glanze malen.

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Liebste Schwester, werthe Braut,
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Dich hat
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Ist auch dir ins Herz gedrungen.
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Deines Liebsten Ruhm und Gaben
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Haben dich so stark entbrannt,
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Daß sie deinen Jungferstand
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Auch zuletzt geschmolzen haben.

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Herbst und Sommer waren nicht
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Tüchtig, dich zu überwinden;
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Auch kein warmes Frühlingslicht
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Konnte deine Brust entzünden.
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Was nun keinem noch gelungen,
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Kann dem Winter möglich seyn;
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Da dein Liebster nur allein
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Deine keusche Brust bezwungen.

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Lachet dann bey eurer Glut,
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Wenn der Frost die Erde rühret;
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Zeigt, daß euer heißes Blut
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Stündlich neuen Zunder spüret.
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Wenn die Flocken alles decken,
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Seht es voller Flammen zu;
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Und laßt eure süße Ruh
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Durch kein kaltes Lüftchen schrecken.

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Eilt zu Bette, werthes Paar!
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Laßt euch in der Lust nicht stören.
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Eh noch dieß verjüngte Jahr
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Den verlängten Tag wird mehren;
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Eh euch noch die frühen Schatten,
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Zeitiger den Flor entziehn;
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Eh die späten Sterne fliehn,
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Könnt ihr euch was mehr verstatten.

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Künftig wird der Herbst gewiß
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Früchte von dem Samen tragen,
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Der, bey aller Hinderniß
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Dieser Jahrszeit, angeschlagen.
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O! wie will ich mich vergnügen,
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Wenn sich so mein Wunsch erfüllt;
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Daß man sieht des Vaters Bild
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Von der jungen Mutter wiegen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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