Victoria! du hast gesieget

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Christoph Gottsched: Victoria! du hast gesieget Titel entspricht 1. Vers(1733)

1
Victoria! du hast gesieget,
2
Ich bin dein Knecht, Victoria!
3
Den seine Dienstbarkeit vergnüget,
4
So bald er deine Schönheit sah.
5
So laß mich denn die Fessel küssen,
6
Die deine Macht mir angelegt;
7
Und wenn dein Stral mich niederschlägt,
8
Nicht meiner Schwachheit Fehler büßen;
9
Die leichter Feinde, Schwert und Mann,
10
Als deinen Angriff, hemmen kann.

11
Des edlen Geistes Frühlingsfrüchte,
12
Die Werke deiner klugen Hand,
13
Sind durch das preisende Gerüchte
14
Mir schon seit langer Zeit bekannt.
15
Dort, wo in Meißens fetten Auen
16
Die schlanke Pleiße rauschend fließt;
17
Dort, wo der Musenhügel ist,
18
Darauf ganz Deutschland pflegt zu schauen;
19
Da hat es mir zuerst geglückt,
20
Daß ich ein Lied von dir erblickt.

21
Im weit entlegnen Sachsenlande
22
Ertönte deiner Seyten Klang;
23
Von dem entfernten Weichselstrande,
24
Entzückte mich dein Lustgesang.
25
Die Nymphen jener Philurenen,
26
Sammt jeder muntern Huldgöttinn,
27
Entsetzten sich in ihrem Sinn
28
Vor solchen Proben einer Schönen;
29
Und zweifelten wohl gar dabey:
30
Ob Famens Nachricht glaublich sey?

31
Ich selber sprach in meinem Herzen:
32
Wer weis, ob mich der Ruf nicht trügt?
33
Vieleicht will jener Freund nur scherzen,
34
Indem er merkt, daß michs vergnügt.
35
Ich wagte mich, an dich zu schreiben,
36
Da sah ich bald ein neues Blatt,
37
Und an des alten Zweifels statt,
38
Nichts, als Erstaunung, übrig bleiben:
39
Weil jede Zeile deiner Schrift
40
Fast Wunsch und Hoffnung übertrifft.

41
Erwünschtes Schicksal! sey gepriesen,
42
Daß deiner Führung Wunderzug
43
Mir That und Wahrheit selbst gewiesen,
44
Als mich dein Wink nach Danzig trug.
45
Der edlen
46
Erhöht der frischen Jugend Pracht,
47
In welcher so viel Anmuth lacht,
48
Als hundert andre Schönen haben,
49
Die doch, denn ihr Verstand ist blind!
50
Nur todte Marmorbilder sind.

51
O wären meine Lobgesänge
52
Der Schönheit deiner Bildung gleich,
53
Und so, wie deiner Glieder Länge,
54
An reizerfülltem Wesen reich!
55
Ach, unvergleichliche Louise!
56
So würde bald ein Blatt erfüllt,
57
Darauf ich dein entzückend Bild
58
In lebhaftschönen Farben wiese.
59
Allein du bist ganz ungemein;
60
Wie kann mein Lied dir ähnlich seyn?

61
Was sag ich von der klugen Zungen,
62
Die durch der Sprachen Zierlichkeit,
63
Der Franzen zartes Ohr bezwungen,
64
Sammt unsrer deutschen Lüsternheit?
65
Auf deinem holden Rosenmunde
66
Ist aller Charitinnen Sitz;
67
Und deiner heitern Augen Blitz
68
Steht mit Minerven selbst im Bunde;
69
Weil jeder Stral, der von dir schießt,
70
Ein Herold deines Geistes ist.

71
Ihr sanften Hände, laßt mich wissen,
72
Ob euch
73
Der an den schwarzen Höllenflüssen
74
Die Schatten außer sich gebracht?
75
Schlägt
76
Der auch den
77
Und
78
Die todte Gattinn zu erbeuten?
79
Nein!
80
Begeistert, rührt und treibet euch.

81
Zu zaubern scheint ihr, nicht zu spielen,
82
Sobald man eure Laute spürt:
83
Ja Mark und Adern könnens fühlen,
84
Wenn ihr den Flügel kaum berührt.
85
O Reichthum neuer Fantasien!
86
Wie schnell, wie fertig, voll und schön
87
Hört man die bunten Fugen gehn?
88
Wie wenig dörft ihr euch bemühen?
89
Weil, wie man deutlich hört und sieht,
90
Was höhers Nerv und Finger zieht.

91
O sollt ich sie doch alle küssen!
92
O sollt ich es doch zehnmal thun!
93
So könnte mein gestillt Gewissen,
94
Als nach erfüllter Dankpflicht, ruhn.
95
O könnt ich täglich sehn und hören,
96
Wie schön, geschickt und klug du bist!
97
Und, weil ein Odem in mir ist,
98
Dein ungemeines Wesen ehren:
99
So gäbe mir mein zeitlich Glück
100
Den allerschönsten Gnadenblick!

101
Ach dörft ich solches auch nur hoffen!
102
Doch wie vergeht sich Hand und Kiel?
103
Was hat sie für ein Fall betroffen?
104
Verstumme, mattes Seytenspiel!
105
Die Vorsicht deckt mit dunkeln Tüchern
106
Die Spuren ihrer Fügung zu;
107
Und will, man soll in stiller Ruh
108
Sich ihrer steten Huld versichern.
109
Wohlan, ich bin damit vergnügt:
110
Sie hat es stets sehr wohl gefügt.

111
Voritzo reißt mich mein Geschicke
112
Mit Macht aus dieser Weichselstadt;
113
Dahin es mich, durch süße Blicke,
114
Gelockt, doch nicht bestimmet hat.
115
Ach! soll ich dich denn nicht mehr sprechen?
116
O hartes Wort! o schwerer Satz!
117
Die Feder macht den Thränen Platz,
118
Und will das Reimen unterbrechen.
119
O hätt ich dich doch nie gesehn!
120
So dörfte nicht der Riß geschehn.

121
Ach! tröste mich bey solchem Schmerze,
122
Ach tröste mich, geliebtes Kind!
123
Und schaffe, daß mein mattes Herze
124
Durch deinen Zuspruch Kraft gewinnt.
125
Die Krone der gelehrten Damen.
126
Die voller Geist und Klugheit ist,
127
Und der du völlig ähnlich bist,
128
Verdient den Philosophennamen;
129
Und könnte mir in dieser Pein
130
Durch weise Lehren nutzbar seyn.

131
Vergiß nur, englische Louise!
132
Vergiß nur deines Dieners nicht,
133
Der dich sehr gern nach Würden priese,
134
Doch itzt vor Gram sein Rohr zerbricht.
135
Entschuldige mein freyes Schreiben,
136
Und wenn ich gleich entfernet bin:
137
So glaube doch, daß Herz und Sinn
138
Dir ewiglich ergeben bleiben;
139
Und meiner fest beschloßnen Treu
140
Die Trennung selbst nicht schädlich sey.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.