Freund! wir sind der Huld nicht werth

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Johann Christoph Gottsched: Freund! wir sind der Huld nicht werth Titel entspricht 1. Vers(1733)

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Freund! wir sind der Huld nicht werth
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Die das Glück uns schon beschert,
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Phöbus schenckt uns grosse Dichter,
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Aber wir sind Midas-Richter,
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Hören offt den Waldgott Pan
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Lieber als die Musen an.

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Opitz, Dach, und Gryph, und Rist,
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Flemming, Schoch und Tscherning ist
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Voll von Phöbus Geist gewesen:
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Aber sprich, wer mag sie lesen?
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Sprich, wem ist ihr hoher Stand
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In Apollens Huld bekannt?

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Les' ich unsern Kindermann,
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Stimm ich Gerhards Oden an,
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Hör ich einen Abschatz nennen:
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O so will mein Geist entbrennen,
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Zürnend, daß die Deutsche Welt
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Sie nicht mehr in Ehren hält.

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Muntrer Weidner, wo bleibst du?
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Du gehörst gewiß dazu,
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Da du uns mit Deutscher Zungen
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Flaccus Lieder vorgesungen,
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Jenes Römers, dessen Kiel
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Roms August so wohl gefiel.
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Niemahls hörte dich Mäcen,
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Göttlicher Horatz! so schön
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In der Römer Mundart singen,
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Als hier Weidners Oden klingen:
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Weidners Oden, die so rein,
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Geistreich, hoch und edel seyn.

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Kommt, ihr Weisen, kommt hervor,
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Widerlegt den Pythagor,
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Laßt den Irrthum seiner Lehren
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Von der Seelen Wandrung hören,
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Doch umsonst! weil Flaccus Geist
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Sich in Weidnern zwiefach weist.

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Schnödes Deutschland, schäme dich,
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Daß dergleichen Geister sich
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Allgemach bey dir verlieren;
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Denn sie sind kaum mehr zu spüren:
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Seit dich Welschlands Schwulst bestrickt,
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Und dir Witz und Sinn verrückt.

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Himmel hilf! was seh ich hier?
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Steht nicht ein Pallast vor mir,
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Welchem Diamantne Seulen
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Grund und Festigkeit ertheilen,
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Dessen Boden Marmorstein,
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Sims und Dach Saphir muß seyn.

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Warlich Bau und Pracht ist stoltz!
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Wände von Cypressen-Holtz,
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Thurn und Thore von Topasen,
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Rings umher Smaragdne Rasen,
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Voller Schmeltz und Chrysolith,
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Der an statt der Blumen blüht.

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Macht mir nicht die Zauber-Kunst
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Durch Verblendung blauen Dunst?
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Nein! die Phantasey der Dichter
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Trügt mir Geist und Augenlichter,
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Zeigt und stellt so wunderbar
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Ein Poetisch Lufft-Schloß dar.

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Bloß die Tyber und der Po
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Blenden unsre Deutsche so,
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Daß der Bach der Castalinnen,
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Viel zu ruhig scheint zu rinnen:
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Wenn sie sich um den Marin
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Mehr als den Virgil bemühn.

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Freunde, was bezaubert euch?
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Werdet doch den Griechen gleich,
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Folgt der alten Römer Thönen,
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Nicht Italiens Sirenen,
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Die durch ihrer Hoheit Schein
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Der Vernunfft ein Fallbret seyn.

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Weg mit Gold und Elfenbein,
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Nectar, Muscateller-Wein,
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Mosch, Zibeth und Amber-Kuchen,
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Hofmannswaldau mag sie suchen,
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Lohensteins Geruch und Art
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Sey der Biesam vorgespart!

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Neukirch! du hast wohl verdient,
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Daß dein Lorber ewig grünt,
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Du entgiengst den leeren Schrancken
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Ubersteigender Gedancken,
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Suchtst und fandst die alte Spur
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Der Vernunfft und der Natur.

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Folgt, ihr Brüder! folgt ihm nach,
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Seht wie Canitz Lorbern brach,
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Den uns Neukirch angewiesen,
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Als er den von Fuchs gepriesen:
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Stimmt, wie Günther längst gethan,
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Ausgespielte Flöten an.

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Du, mein höchstgeliebter Mäy!
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Fliehst der Faunen Wald-Geschrey,
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Kennst und liebst die reinen Thöne
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Kunst-geübter Musen-Söhne.
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Sage doch, was mir gebricht,
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Denn ich weiß, du schmeichelst nicht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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