Laß

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Johann Christoph Gottsched: Laß Titel entspricht 1. Vers(1733)

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Laß,
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Aus Salems Stern-Gewölben schiessen,
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Und sieh, wie viel hier Thränen fliessen,
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Und sieh Dein hohes Ehrenmahl!
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Dein Sachsen, Dein bestürtztes Meißen,
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Erstaunt bey Deiner Todten-Grufft;
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Das Auge thränt, die Zunge rufft:
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Mein Schmertz muß unaussprechlich heißen.

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Hier klagt
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Der Adel ächzt, der Bürger trauert,
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Wie hat Dich nicht das Volck bedauert,
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Sobald es Deinen Fall empfand?
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Verstummt! verstummt ihr holden Seyten!
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Kein Thon vermag der Länder Noth,
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Um
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O Schmertzens-Wort! recht anzudeuten.

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Der Glocken bebendes Gethön,
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Soll der betrübten Seelen Schrecken,
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Durch ihr geschwungnes Ertz entdecken,
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Und uns durch Marck und Adern gehn.
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O könnte nur ihr banges Klingen,
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Davon das Ohr uns täglich gellt,
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Der gantzen Europäer-Welt,
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Ein Zeugniß unsers Jammers bringen!

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Wie starb die
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Wie muthig hat Ihr Geist gerungen,
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Bis Sie des Todes Arm bezwungen,
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Noch eh er Ihre Brust besiegt.
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Ihr Leben ließ die Kunst zu sterben
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In unverrückter Ubung sehn:
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Unmöglich konnt es dann geschehn,
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Sich vor dem Tode zu entfärben.

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Ach seelig! wessen grosser Geist,
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Sich über die Natur erhebet,
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Vor Grufft und Särgen nicht erbebet,
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Wenn ihn sein Schöpfer scheiden heißt.
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An Dir,
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An Dir,
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An Dir,
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War dieser Großmuth Bild zu schauen.

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Der Ewigkeit Saphirnes Haus
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Zieht Deiner heitern Augen Blicke,
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Von der verschmähten Welt zurücke,
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Und tilgt der Erden Denckbild aus.
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Dein heller Glantz, gleicht hundert Sonnen,
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Ein Licht das unsern Tag zur Nacht
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Und unsre Sonne finster macht,
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Hat Dein verklärtes Haupt gewonnen.

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Was Wunder ists? Du bist es werth,
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Du Fürbild aller Königinnen!
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Du mustest allen Schmuck gewinnen,
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Der Deine Scheitel itzt verklärt.
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Nun stehst Du vor des Lammes-Throne,
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Verschmähst des Purpurs Eitelkeit
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Vor Deiner Unschuld Perlen-Kleid,
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Und spottest der verlaßnen Krone.

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So weit der volle Weichsel-Strand,
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Der Niester und die Warte fliesset,
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So weit sich Elb und Muld ergiesset,
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Erhebt dich beydes Stadt und Land.
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Dein Torgau geht im Trauer-Kleide,
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Dein Pretsch wird krafftloß, starr und matt;
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Denn da es Dich verlohren hat,
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Verliert es seiner Augen Weide.

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Doch
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Man weiß was man an Dir besessen,
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Die Nachwelt wird Dich nicht vergessen,
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Biß dieser Weltbau einst zerbricht.
69
Ihr Dichter, schreibt! wir wollens lesen:

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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