An Herrn D. Carl Friedrich Lau, in Königsberg, nach Zurücklegung des großen Stuffenjahres

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Johann Christoph Gottsched: An Herrn D. Carl Friedrich Lau, in Königsberg, nach Zurücklegung des großen Stuffenjahres (1733)

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Des Aberglaubens Anker bricht,
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Sein tiefbeschämtes Angesicht
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Muß sich je mehr und mehr mit blöder Röthe färben.
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Der aufgeklärte Geist der Welt,
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Dem keine Thorheit mehr gefällt,
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Wird nun nicht, wie vorhin, vor eitler Angst verderben.

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Wie bebte vormals Stadt und Land,
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Wenn eine freche Zauberhand
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Sich murmelnd in den Kreis beschworner Zeichen zirkte?
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Wenn
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Und zur Beschimpfung der Natur
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Mehr Wunder in der Welt, als

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Nun steht der kahle Blocksberg leer,
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Der Hexen Körper ist zu schwer,
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Kein Geist kan solche Last durch leichte Lüfte führen:
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Kein heißer Scheiterhaufen schmaucht,
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Kein angeflammter Holzstoß raucht,
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Es ist itzt keine Spur der Zauberey zu spüren.

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Wie zitterte die Vorderwelt!
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Wie? Sah man nicht den größten Held
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Die nächtliche Gewalt der Poltergeister glauben?
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Denn alles fiel, und nichts zerbrach,
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Ein Wort, das man von spücken sprach,
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War stark und kräftig gnug uns Herz und Muth zu rauben.

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Kein Kind entsetzt sich mehr davor,
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Es scheint, daß itzo unser Ohr
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In diesem Absehn taub, das Auge blind geworden.
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Gespenster sind uns unbekannt,
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Die Poltergeister ausgebannt,
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Drum wird Betrug und Angst itzt keinen Menschen morden.

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Noch mehr! ein andrer Irrthum schwindt,
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Der sich bey feigen Seelen findt,
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Wenn sie in ihrer Zeit gewisse Stuffen zählen.
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Man nennet es ein Stuffenjahr,
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Und pflegt mit Krankheit und Gefahr
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Mit schwerer Todesfurcht die bange Brust zu quälen.

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Mein Lau! dein eigen Beyspiel weist,
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Daß sich der oft betrogne Geist
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Verirrter Sterblichen mit leeren Aengsten plaget.
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Kein Stuffenjahr erschreckte dich,
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Dein großer Geist erhöhte sich,
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Wenn mancher blöde Sinn aus früher Furcht verzaget.

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Beglücktes Haupt! das seine Zeit,
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Nicht durch vergebne Traurigkeit,
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Mit selbst gemachter Angst und eigner Schuld verkürzet.
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Gesetzter Muth! der seine Zahl
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Nicht mindert, nicht durch Gram und Qual
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Sich schleunig in den Schlund des offnen Grabes stürzet.

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Dein theures Haus ist froh dabey
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Und wird von allem Kummer frey,
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Da heute wiederum dein Wiegenfest erschienen.
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Auch deines Dieners treue Brust
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Ergötzet sich bey solcher Lust,
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Und will dich, großer Mann, durch diesen Wunsch bedienen.

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Des Himmels Schild bedecke dich,
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Dein hohes Alter mehre sich,
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Bis deine Jahre ganz an deine Tugend reichen.
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Gott segne deine Wanderschaft,
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So wirst du voller Muth und Kraft
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Dem Nestor, so an Zeit als seltner Klugheit gleichen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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