Ich melde durch dieß Lied den harten Bücherkrieg

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Johann Christoph Gottsched: Ich melde durch dieß Lied den harten Bücherkrieg Titel entspricht 1. Vers(1733)

1
Ich melde durch dieß Lied den harten Bücherkrieg,
2
Wo Thorheit und Vernunft um Oberhand und Sieg
3
Mit aller Macht gekämpft: nachdem in deutschen Landen
4
Der edelste Geschmack von neuem auferstanden;
5
Der den verlachten Wust der Barden abgeschafft,
6
Und toller Schriften Schwarm, mit unbesiegter Kraft,
7
Zu Schimpf u. Spott gemacht. Ihr Musen! helft mir singen,
8
Und dieser Zeiten Lob der späten Nachwelt bringen.
9
In Meißens Gränzen liegt die reich beströmte Stadt,
10
Wo Phöbus seinen Sitz seit grauen Jahren hat;
11
Wo Pallas und Mercur sich zeitig eingefunden,
12
Die Weisheit mit Verstand, die Pracht mit Lust verbunden.
13
Hier herrschte vor der Zeit der Dummheit Tyranney.
14
Die seufzende Vernunft war von der Barbarey
15
Der wilden Veneder zwar nicht durchaus ersticket,
16
Doch tausend Jahre lang gewaltsam unterdrücket.
17
So gar der große Karl, der durch sein muthig Schwert
18
Bis an die Elbe drang, der Sorben Sitz verheert,
19
Hat zwar zu seiner Zeit so manches Heer gefället,
20
Den Wust des Heydenthums in Sachsen abgestellet;
21
Doch durch der Zeiten Schuld den alten Unverstand,
22
So wie das grobe Volk, aus Meißen nicht verbannt.
23
Auch machten sich nach ihm die ungelehrten Pfaffen
24
Mit frommer Thorheit mehr, als Geist und Witz, zu schaffen;
25
Bis endlich allgemach des Glaubens Reinigkeit
26
In Wissenschaften auch die Finsterniß zerstreut,
27
Den Künsten Platz gemacht, und die Vernunft erwecket,
28
Dadurch man die Natur und Wahrheit itzt entdecket.
29
In Leipzig war jedoch der Musen erster Sitz,
30
Als noch Germanien Gelehrsamkeit und Witz
31
In Wälschland, Wien, Paris und Prag zu suchen pflegte;
32
Und Sachsenland noch nichts von freyen Künsten hegte.
33
Auch hier verklärte bald des Glaubens reines Licht
34
Des Unverstandes Nacht. Die Musen säumten nicht,
35
Aus Griechenland und Rom nach Norden hinzuziehen;
36
Man sah die Barbarey vor ihrer Ankunft fliehen.
37
Die rauhe Mundart nur verhinderte den Zweck;
38
Apollo kannte noch den ungebahnten Weg
39
Der wüsten Hügel nicht, die er beleuchten sollte:
40
Weil alles nur latein und griechisch dichten wollte.
41
Allmählich siegte doch der Musen steter Fleiß;
42
Sie lernten endlich Deutsch, und Opitz trug den Preis
43
Zu allererst davon: dem bald mit deutscher Zungen,
44
Auf Meißens Helikon, ein Flemming nachgesungen,
45
Dem Dach in Preußenland so glücklich nachgespielt,
46
Daß Odoacers Berg der Töne Kraft gefühlt;
47
Ja, wie man sagt und glaubt, der Pregel selbst indessen,
48
Den sonst gewohnten Lauf, vor reger Lust, vergessen.
49
Ihr Musen! sagt mir doch, warum es nicht geschehn,
50
Daß unser Vaterland mehr Frucht davon gesehn?
51
Daß Sprache, Witz und Geist in Schlesien und Sachsen,
52
Nach dieser Helden Zeit, nicht schleuniger gewachsen;
53
Daß fremder Wörter Wust die Reinigkeit verstellt;
54
Daß nur ein wälscher Dunst die Schreibart aufgeschwellt,
55
Und die Vernunft erstickt. Ach! was für Finsternissen
56
Hat unsre Dichtkunst sich doch unterwerfen müssen!
57
Zu der beglückten Zeit, als Friederich August,
58
Der deutschen Fürsten Preis, der Unterthanen Lust,
59
Und aller Künste Schutz, in Sachsenland regieret,
60
Hat auch die Sprache selbst ihr Wachsthum sehr gespüret.
61
Bald anfangs regte sich die muntre Philuris
62
An ihrem Pleißenstrom. Sie sah voll Kümmerniß
63
Den hohen Gipfel an, auf welchem sie vorzeiten
64
Den deutschen Witz gesehn. Des edlen Flemmings Seyten,
65
Die Flöten ihres Schochs erfüllten noch ihr Ohr:
66
Doch kam ihr solches kaum, noch wie im Traume, vor.
67
Wie eine Mutter klagt, wenn sich bey ihren Kindern
68
Die gute Zucht und Art allmählich scheint zu mindern;
69
Sie denkt mit reger Lust der angenehmen Zeit,
70
Da Blüth und Frühling ihr viel Früchte prophezeiht;
71
Und grämt sich innerlich, weil ein so süßes Hoffen,
72
Das ihre Brust genährt, nicht besser eingetroffen:
73
So kränkte sich allhier auch Philurenens Geist.
74
Ach! hieß es, harte Zeit! die billig eisern heißt!
75
Was quälet mich dein Joch, mit unerhörten Lasten?
76
Will denn die Barbarey von ihrer Wuth nicht rasten?
77
Sie hebt ja überall ihr unterdrücktes Haupt
78
Mit neuer Kraft empor. Wer hätte das geglaubt?
79
Wer hätte das gedacht? Sie war ja schon bestritten,
80
Sie mußte mich besiegt um Hals und Gnade bitten:
81
Und itzo trotzt sie mich? und itzo wird sie groß?
82
Ja reißt mir mit Gewalt die Kinder aus dem Schooß?
83
Auf, Söhne! die ein Trieb vom hohen Pindus reget,
84
Zeigt, zeiget hier einmal, daß euch mein Gram beweget,
85
Daß eurer Mutter Wort euch munter machen kann.
86
Vertheidigt meinen Ruhm, spannt alle Sinnen an,
87
Den Witz von rechter Art aus der Tyrannen Ketten,
88
Womit sie uns schon droht, zu rechter Zeit zu retten.
89
So seufzte Philuris, und ihrer Stimme Schall
90
Verdoppelte die Kraft durch einen Wiederhall,
91
Der durch die Thäler drang: und durch dieß starke Tönen
92
Erholte sich ein Paar von ihren besten Söhnen.
93
Es wachte Ziegler auf; ihm folgte Wenzel nach,
94
Für welche Philuris gleich Lorberzweige brach:
95
Auch Amthor kam dazu, der jüngste von den dreyen,
96
Doch stark und eifrig gnug, die Mutter zu erfreuen.
97
Kaum sah und hörte dieß die wüste Barbarey:
98
So machte gleich ihr Schlund ein lautes Feldgeschrey.
99
Wie sonst ein starker Schwarm neu ausgeheckter Bienen,
100
Wenn seine Fürstinn kaum in freyer Luft erschienen,
101
Aus seinem Stocke dringt, und dieser Führerinn
102
Zu folgen willig ist, doch selbst nicht weis, wohin;
103
Die jungen Flügel regt, und durch sein Summen lehret,
104
Wie hoch es den Befehl von seiner Fürstinn ehret:
105
So häufig drang auch hier das ungeheure Reich
106
Der Barbarey herzu. Nichts ist der Menge gleich,
107
Womit dieß rasche Volk, vor den erhöhten Bühnen,
108
Darauf sie selber stund, im Augenblick erschienen.
109
Ihr Kinder, hub sie an, etc.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Johann Christoph Gottsched
(17001766)

* 02.02.1700 in Königsberg, † 12.12.1766 in Leipzig

männlich, geb. Q116207795

deutscher Gelehrter, Sprachforscher und Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.