Weit schon über den Wolken erhub sich der Gottversöhner

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Friedrich Gottlieb Klopstock: Weit schon über den Wolken erhub sich der Gottversöhner Titel entspricht 1. Vers(1759)

1
Weit schon über den Wolken erhub sich der Gottversöhner
2
Mit den Schaaren um ihn, auf dem lichten Pfade zum Throne.
3
Gabriel strahlte schwebend voran; die fliegenden Locken
4
Säuselten ihm, und er sang in die Lispel der goldenen Harfe:

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»fanget bebend an, athmet kaum
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Leisen Laut; denn es ist Christus' Lob,
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Was zu singen Ihr wagt! die Ewigkeit
8
Durchströmt's, tönt von Aeon fort zu Aeon!«

9
Drauf erhub ein Chor Erstandner der zitternden Wonne
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Stimme. Die Harfen rauschten mit sanftem Getön, und wie fernher
11
Rufte der Donnerhall der Posaune. So rauscht am Gebirge
12
Weit herunter von Lüften der Hain und von Silberbächen,
13
Wenn im Geklüft einher der wasserärmere Waldstrom
14
Langsam kommt. Das Chor der Erstandnen schaute zum Mittler
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Weinend hinauf. So sang es dem Ueberwinder des Todes:

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»ewig her, vom Beginn an, als die Welt
17
Nicht war, Sohn, eh Tag, Nacht und Gestirn ward,
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Eh herstrahlten in Sternglanz Cherubim,
19
Gott Mittler, Sohn Gottes, wardst Du erwürgt!

20
Dulder, Sohn, des Altares Golgatha
21
Geopfert, erwürgt Lamm, der Gefallnen
22
Versöhnung, o Erbarmer, wardst Du da!
23
Heißblutend, todt sahst Du, Heiliger, Dich

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Ewig her, vom Beginn an, als noch Strom
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Und Meer nicht, nicht Thal war und Gebirge,
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Noch Staub nicht zu des Lichtreichs Herrlichkeit
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Gott schuf, der Erdkreis kein Grab noch nicht war!«

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Einer der Engel des Weltgerichts ließ jetzt die Posaune
29
Hin mit der Rechte sinken, da säumend ein anderes Chor sang:

30
»blutend lag's! das Gebein brach Der ihm nicht,
31
Vor den hin das Lamm sank an dem Passa.
32
Mit Ysop, so vom Blut träuft, zeichnet schnell
33
Juda den Eingang der Hütten umher.

34
Weh Euch, weh! die des Lamms Blut dann nicht schützt,
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Wenn Nacht nun den Erdkreis in ihr Graun hüllt!
36
Die Nacht kam. Der Verderber schwebt' herab,
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Stillschweigend, ernst schwebt' er nieder zum Strom.

38
Dumpfer Laut der Gesunknen klagt' umher
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Und Ausruf der Wehmuth in Aegyptus;
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Denn todt lag bei dem Thron die Erstgeburt,
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Todt sah sie, todt sah sie Mutter und Mann

42
Bis hinab ins Gefängniß; selbst dem Thier
43
Entstürzt schnell der Säugling. Nur in Ramses
44
Erschallt Preis und des Weinens sanfter Dank!
45
Ihr hattet, blutvolle Hütten, geschützt!«

46
Tönender schon, mit hellerer Saite, lauterem Donner
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Ihrer Posaunen, strömt' ein Chor in diesen Gesang aus;
48
Cherubim waren's, die flammten und froh ihr Antlitz verklärten:

49
»der Entwurf des ewigen Reichs der Schöpfung
50
Ward, zu Gestalt Urstoff. Heer' ohne Zahl,
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Bewohner und Welten entflohn
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Vor Erstaunen, daß sie waren,

53
Dem Erschaffungsrufe des Sohns. Lautdonnernd
54
Scholl er, gebot Kreislauf. Langsam und schnell
55
Umschwebte den Strahl sein Gefährt',
56
Mit Entzückung, der Bewohner.

57
Des Erlösers ewiges Reich war. Tiefsinn,
58
Herrlichkeit strahlt' aus der Schöpfung Entwurf,
59
Glückseligkeit Aller. Es führt
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Da hinauf auch von dem Elend

61
Ein bethränter Pfad. O, besingt, Graberben,
62
Erben des Lichts, Brüder Dessen, der starb,
63
Den Pfad von den Leiden herauf
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Zum Gerichtstuhl! Denn Ihr richtet!

65
Labyrinth war, Erben, der Weg an dunkeln
66
Felsen empor. Grabnacht hüllt' ihn Euch ein.
67
Das Blut der Entsündigung rann;
68
Und Gericht hält, wer erlöst ward!«

69
Jeddo's Sprößling vordem, da er war von Sterblichen sterblich,
70
Aber jetzo ein Sohn der Auferstehung, entschwebte
71
Seinem Chor und nahte mit innigfreudiger Demuth
72
Sich dem Verkündeten, hieß die Harf' ihm tönen und feirte
73
Jenen festlichen Tag, da er Zema erblickt' in der Ferne.

74
»trat nicht hinein Josua dort, wo der Vorhang
75
Niedergesenkt das Geheimniß uns verhüllte?
76
Dennoch war er nicht rein, und Satan
77
Rief vor dem Engel es aus.

78
Reines Gewand gab ihm der Herr und entlud ihn,
79
Sünde, von Dir! Denn es sollt' einst sein Erkorner
80
Kommen. Zema! so tönt's, es hörten
81
Zema! die Engel umher.

82
Siehe, Du kamst, Mittler, Du kamst; und der Vorhang
83
Senkt sich nicht mehr, und enthüllt ist das Geheimniß;
84
Denn ins Heilige ging er einmal,
85
Rein durch sich selber, der Sohn,

86
Ladet Euch ein, seliges Volk, in der Rebe
87
Schatten, Euch ein, o Versöhnte, zu dem kühlen
88
Feigenbaume! Des Opferbundes
89
Psalter beseele das Fest!

90
Zema, Du kamst! töne das Lied zu dem Psalter,
91
Zema, Du kamst! so ergieße durch des Festes
92
Lauben sich der Gesang des Bundes;
93
Zema, Du starbst und erstandst!«

94
O, wie rauschten die Harfen, wie wehten die Palmen, wie strahlte
95
Jener Seraphim Antlitz, die jetzo den Herrlichen priesen!

96
»da Vollendung Jesus rief, weinten wir laut,
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Die des Heils Strom tranken, da nahm Gott den Staub
98
Zu dem Licht auch und zum Heil auf. Jesus rief
99
Ihm vom Kreuz himmlisches Heil, ewiges herab.

100
Da der Gottmensch: Werde, Welt! rufte, da ward,
101
Wie der Thau träuft, zahllos ihr Heer, welch' er schuf,
102
Daß ihr Heil stets sich erhübe. Allen rief
103
Er vom Kreuz höheres Heil, ewiges herab.

104
O Du Heerschaar, weit erscholl, segnend das Wort
105
Der Vollendung! Harfengesang tönt' es nach
106
Mit dem Ausruf der Entzückung! Zahllos wart
107
Ihr, die ihm beugten ihr Knie, seliger durch

108
Also hatten sie kaum den Psalm der Wonne vollendet,
109
Als ein schimmerndes Chor Erstandner, von sanfter Begeistrung
110
Ueberströmt, des Triumphes Palmen schwang und mit Wehmuth,
111
Jener himmlischen, welche beseligt, dem Sohne des Herrn sang:

112
»gott sei und dem Lamm sei, das erwürgt ward, Anbetung!
113
Hoch hinauf zu dem Sion eilt's, zu des Himmels Glanz!
114
O, wie troff Golgatha's Altar von dem Blut!
115
Preis sei des Herrn Sohn, der erwürgt ward!

116
Preis sei dem Erretter der gefallnen Toderben!
117
Dank und Preis dem erhabnen Sohn! Du entriefst der Nacht
118
Der Gestirn' Heer; ihr entfloß Licht wie ein Strom,
119
Und schnell gewandt trat's in den Kreislauf.

120
Gott sei und dem Lamm sei, das erwürgt ward, Anbetung!
121
Jubelpreis dem erhabnen Sohn! Du entriefst der Nacht
122
Der Verwerfung, die der Tod traf; o, sie sind
123
Entflohn dem Abgrund des Verderbens!«

124
Aber ein anderes Chor Erstandener sah mit des Mitleids
125
Frommen, innigem Blick zu der liegenden Erd' herunter.
126
Ach, dort waren in Hütten auch sie und in Gräbern gewesen,
127
Dort erstanden! Sie sangen dem Retter der sterblichen Menschen:

128
»gott sei und dem Sohn sei, der zu Gott geht, Anbetung!
129
Werft die Krone, werft, Engel, auch Ihr
130
In Triumphgange, die Palme,
131
Daß der Herr sie Euch gab, nieder am Thron!

132
Pilgrim, die erniedert in das Elend herwallen,
133
Großer Trübsal voll, weinet Ihr noch?
134
Und Ihr werft doch, wie die Engel,
135
Euch am Throne dereinst hin in Triumph!

136
Also und mit dem Dank und mit dem Preis lohnt Jesus'
137
Führung, Dulder, Euch! Diesen Triumph
138
Triumphiret, der das Elend,
139
Bis ans Ende getreu, folgsamer trug.

140
Schweig denn, Du o Thräne, die in Wehmuth Trost weinet,
141
Mach ihr Herz nicht weich, tröste nicht mehr!
142
Ist am Ziel denn nicht Vollendung?
143
Nicht im Thale des Tods Wonnegesang?«

144
Als sie es sangen, erblickten sie fern bei der glänzenden Aehre
145
Seelen und Cherubim, welche die Seelen herauf zum Versöhner
146
Führten. Die Cherubim flogen den Flug der Wonne; die Seelen
147
Schwebten mit zitternder Freude daher. Es ist vollendet!
148
Hatte gerufen am Kreuz ihr Versöhner. Frömmere Todte,
149
Die in Gräbern und Flammen vor Kurzem die Sterblichkeit ließen,
150
Seelen aus allen Völkern, aus allen Winden der Erde
151
Waren's. Sie wurden seit der Vollendung, also gebot er,
152
Bis zu der Zeit des Triumphs in den Hainen der Aehre versammelt.
153
Und die bebende Schaar schwebt' immer höher. Sie riefen,
154
Weineten, riefen den Ruf der Erstaunung über die Gottheit,
155
Ach, den ersten! Ein Chor Erstandner empfing mit Jubel
156
Ihre begnadigten Brüder. So sang es ihnen entgegen:

157
»o, sie kommen herauf! Mühsam wandelten sie
158
In des Tods bangem Nachtpfad. Glückliche, befreit,
159
Entflohn sind sie weit weg vom Elend, und Entzückung
160
Ist ihr Weinen da herauf, Wehmuth himmlischer Ruh.

161
O, das Wonnegefühl, Erbe Deß, so Gefährt'
162
In des Tods bangem Pfad war, Dessen, so Gefährt'
163
Auch hier ist, wo Gott lohnt, am Ziel lohnt mit Vollendung!
164
Du, o seliges Gefühl, wer spricht völlig Dich aus?

165
Wo ertönte so sanft, ach, wo lispelte sie,
166
Die es je ganz aussprach, die Harfe? wo erklang
167
Sie himmlisch? Krystallstrom, wo hörtest Du es herwehn?
168
Und, o Palme bei dem Strom, Sion's Hörerin, wo?«

169
Aber die Seelen ergriff des neuen Lebens Entzückung,
170
Und sie strömten ins Heer des Siegers herein und begannen:

171
»ach, zu dem Triumph schweben wir empor,
172
Engel und Ihr, Erben des Lichts, kommen zu des Sohns
173
Himmelsgang! Du, o Tod, Du Flug zu dem Genuß,
174
Gräber und ihr Graun, Wonne seid Ihr, Himmel und sein Heil!

175
Göttlicher – o, Dich nennet des Gesangs,
176
Dich des Gefühls Wonne nicht aus – Göttlicher, der Welt
177
König, König der Welt, nur schwach und in der Fern'
178
Rufet der Triumph, hallet Dir nach Jubel sein Getön!

179
Siehe, von der Schaar Derer, die Dein Tod,
180
Mittler, versöhnt, Derer, die Du, Herrlicher, erhöhst,
181
Sind auch wir und gesät ins wartende Gefild,
182
Wo in dem Gericht, Herrlicher Du, erntest und verklärst.«

183
Himmlische Jünglinge, Seraphim, die an dem Fuße der Cedern,
184
Gabriel's und Eloa's, wie Blumen blühten, vermochten
185
Ihrer Freude Gefühl bei diesem festlichen Anblick
186
Nun nicht mehr zu halten. Mit Eile rauschten die Saiten:

187
»wie die Freude, wie die Wonne, wie des Triumphs
188
Inniges, jauchzendes, heiliges Lied
189
Nachhallen? wie den Preis
190
Der Vollendeten am Thron?

191
Wenn Ihr Alle nun, Ihr Schaaren, zu dem Genuß,
192
Alle zur Herrlichkeit Euch von des Grabs
193
Nachtpfade zu dem Schaun
194
Des Allseligen erhebt!«

195
Nicht der Psalter allein und nicht allein die Posaune
196
Töneten in den Chören der Feirenden; Saiten, die leise
197
Quellen waren, erschollen auch und waren gehaltne,
198
Säuselnde Luft und sanfter Laut der Liebenden waren;
199
Hauche halleten auch, die Sturm oft wurden und wurden
200
Donnernder Widerhall und Einklang wandelnder Welten.

201
Jesus Christus beherrschte sein Volk von Abraham's Ruf an
202
Bis zu dem Tage, da er in der Hütte Bethlehm's weinte.
203
Und die Wunder des Göttlichen unter dem Volke der Gnade
204
Und des Gerichts besangen die Chöre des frohen Triumphheers.
205
Feuriger schwung sich ihr Psalm. Mit der schnellen Wahl der Entzückung
206
Eilten von Wunder zu Wunder sie fort. Wie ein schimmerndes Chor flog
207
Unter dem Silbergetön der Saiten, so sang's zu dem andern
208
Hellen Chore, das kaum der Begeisterung Jubel zurückhielt.
209
Todesengel erhuben die ernste Stimme, sie sangen:

210
»meer, Du standst, Gott gebot's! Tagwolke,
211
Nachtwolke schwebt' hinten nach dem Heer
212
Des Gesetzvolks. Gott erschreckt' und traf
213
Pharaon's Roß und Mann von der Wolke!«

214
Schwiegen, allein noch erscholl die Posaune. Mirjam vernahm sie.

215
»vor dem Reihntanz trat ich einher Amrama's
216
Tochter, und pries: Meer ward, Wüther, Euch Grab!
217
In mächtiger Woge versank,
218
In dem Schilfmeer, wie das Blei sinkt,

219
Der geharn'schte Reiter, das Roß, Kriegswagen,
220
Pharao selbst! Gott sah zürnend herab
221
Aus Wolken in Flammen, da flohn
222
In des Meers Strom die Geschreckten!«

223
Engel eilten mit weggewendeten Blicken Abiram's,
224
Eilten Kora's Verwerfung vorbei und Dathan's; sie sangen:

225
»o der Angst Stimme, die herrufend vom Abgrunde
226
Dumpf tönte, aus Staubwolken zum Licht auf umsonst klagte
227
Und nunmehr sterbend noch graunvoller schwieg, furchtbarer,
228
Verstummt, schreckte, als hinsinkend die Wehklag' ausrief!«

229
Einen Blick nur senkten die Preisenden auf die Trümmern
230
Jericho, einmal rauscht' es nur herab von den Harfen.

231
»posaunrufen der Heerlager, die ernstanbetend
232
Fortzogen, umscholl wehdrohend der Palmstadt Thürme.
233
Der Todstag kam dunkel, und des Herrn Heer zog;
234
Und es sank fürchterlich aufdonnernd Jericho!«

235
Harfen erklangen jetzt, zu den Harfen Stimmen der Engel:

236
»o, wie fiel Dir, Juda, Dein Loos! Bethlehmen's
237
Bräunlicher Sohn spielt' hin, leicht wie ein Reh.
238
Da sank ihm der Stab, und er traf
239
Den Gathäer, der ihm Hohn sprach.

240
So erhöht', o Juda, Dein Gott den Jüngling,
241
Gab ihm ums Haupt Gold und goldnen Gesang,
242
Verwerfer des Benjaminit,
243
Daß sein Blut troff am Gilboa.

244
Und es sahe David den Sohn, den Mittler,
245
Ferne; da flog Psalmflug! Jubel erscholl
246
Im höheren Chore, das Lob
247
Des Erschaffers und Erbarmers!«

248
Andere Psalter erklangen und andere Stimmen der Engel:

249
»er betet, da stürzt hoch herab,
250
Ein Gebot vom Thron her Flammen herab.
251
Das Opfer versank schnell in der Gluth,
252
Und die Wasser am Altar brannten in die Höh'.«

253
Sieben Cherubim schwebten aus ihrem Chor zu dem Seher,
254
Dem Erhabenheit, dem viel fernes Künftiges Gott gab.

255
»und Du schweigst? der Cherubim sah vor Gott stehn
256
Ernst, unenthüllt, Flügel hüllten uns ein,
257
Der Tempel erbebte vom Psalm
258
Der Erhobnen zu des Herrn Thron.«

259
»ich verstummte, da ich Euch sah vor Gott stehn
260
Ernst, unenthüllt, Flügel hüllten Euch ein,
261
Der Tempel erbebte vom Psalm
262
Der Erhobnen zu des Herrn Thron.

263
Und Ihr riefet. Heilig ist
264
Heilig ist
265
Anbeten. Es schallet sein Ruhm
266
An des Throns Höh' und im Staube.«

267
Jetzo schweigt er, vertieft in Gedanken vom Weltbeherrscher.
268
Aber nicht lang', und er winkt, daß sie tönen zum Liede, Posaunen.

269
»die hohe Jungfrau Sion verachtet Dich
270
Und spottet Dein, die Tochter Jerusalem
271
Schüttelt ihr Haupt Dir nach!
272
Wen, wen höhntest und lästertest Du?

273
O, wider wen kam, Stolzer, Dein Laut empor?
274
Dein Aug' erhobst Du wider den Heiligen
275
Israel's. Hast Du nicht
276
Gott Jehovah gehöhnt und gesagt:

277
Ich bin gestiegen über die Berg' herauf
278
Mit meiner Wagen Menge, des Libanon
279
Seiten. Des Libanon
280
Cedern haut' ich und Tannen herab.

281
Gekommen bin ich bis zu der äußersten
282
Herberge Karmel's, bis in den hohen Wald.
283
Grub ich, und trank ich nicht
284
Eure Wasser? und trocknet' ich nicht

285
Mit meinem Fußtritt Israel's Seen aus?
286
Vernahmst Du niemals, daß ich, was jetzt geschieht,
287
Oftmals vordem auch that?
288
Weit von ferne bereit' ich es zu,

289
Dann heiß' ich's kommen! Städte, von Mauren hoch
290
Und Hügeln, fallen öde zur Trümmer hin.
291
Scham und des Todes Graun
292
Senkt zur Erde der Streitenden Arm.

293
Wie Gras des Feldes werden sie, dorren hin
294
Wie Kraut auf Dächern, Heu vor der Reif', und welk.
295
Weiß ich es, Stolzer, nicht,
296
Wo Du ziehest und ziehest und wohnst?

297
Und kenn' ich wider mich dies Dein Toben nicht?
298
Weil wider mich Du also denn tobst, Dein Stolz,
299
Weil er zu mir herauf
300
Stieg, und ich es im Himmel vernahm,

301
So leg' ich einen Ring an die Nase Dir,
302
Leg' ich Gebisse, Tobender, Dir ins Maul,
303
Daß Du denselben Weg
304
Wiederkehrest, auf welchem Du kamst!«

305
Feurig sang er's. Von Neuem begannen die sieben Begleiter:

306
»o, entfleuch denn, Sanherib, eil' zu Nisroch's
307
Opfer! Noch scholl Sion's Hügel herab
308
Das Drohn des Prophetengesangs,
309
Da erhub schon die Vollendung

310
Zum Gericht den donnernden Fuß. Der Tag stieg
311
Röthlich herauf, stumm lag, leichnamevoll
312
Das Feld der Assyrer. Entflohn
313
War ihr König mit Entsetzen.«

314
Aber der Seher der Herrlichkeit Gottes am Chebar entschwung sich
315
Nebst zwölf Jünglingen, Engeln und Menschen, des feirenden Heerzugs
316
Lichten Chören. Ihr Flug schon erklang, da die Saiten noch schwiegen.
317
Und sie schwebten den göttlichen Sohn anbetend vorüber.
318
Furchtbar schön war ihr strahlender Schwung und der Himmlischen Anschaun
319
Und die Flamm' in dem Blick. Sie begannen dem Herrscher in Juda:

320
»rächer, wie oft hast Du gerächt Dein erkornes
321
Leidendes Volk! wie zerschmettert die Zerstörer!
322
Hast sie bluten gemacht! Die Blutgier
323
Lechzten, entrannen Dir nie.

324
Glich nicht des Nil's schreckendes Thier dem Assyrer?
325
Libanon's Pracht, wie sie aufsteigt zu beschatten,
326
Hatte dieser. Er stand von Laube
327
Dick, und sein Wipfel empor.

328
Wasser um ihn machten ihn groß, und an Strudeln
329
Hub er den Wuchs. Um den Stamm her des Erhobnen
330
Rauschten Ströme, den andern Bäumen
331
Sendet' er Bäch' ins Gefild.

332
Darum erhub höher er sich wie die andern
333
Bäum' im Gefild, und es ward ihm zu der Aeste
334
Vollem Sproß und der Zweige Wassers,
335
Sie zu verbreiten, genug.

336
Nisteten nicht Vögel auf ihm, und das Staubthier,
337
Lag's nicht um ihn wie unzählbar? In des hohen
338
Quellentrunkenen Baums Beschattung
339
Wohneten Völker umher.

340
Ceder des Herrn, warst Du wie er? und, o Tanne,
341
Du wie sein Ast? und Du, Ahorn, wie sein langer
342
Schöner Zweig? Vor der Schaar der Bäume
343
Prangt' er im Haine des Herrn.

344
Hatt' ihn nicht Gott also geschmückt und mit dichten
345
Aesten erhöht, daß die Bäum' ihn in dem Garten
346
Gottes neideten? Weil sein Wipfel
347
Also gen Himmel erwuchs,

348
Hub sich sein Herz schwellend empor, daß so hoch er
349
Stünde. Du gabst ihn dem stärksten der Tyrannen,
350
Rächer nun, in die Hand, daß er's ihm,
351
Wie er verdiente, vergalt!

352
Fremder Gewalt rottet' ihn aus und zerstreut' ihn.
353
Auf dem Gebirg, in den Thalen, an den Bächen
354
Lagen niedergestürzt, zerschmettert
355
Aest' ihm und Zweig' ihm umher.

356
Schatten war er Völkern nicht mehr, und zu Schaaren
357
Zogen sie fort. Auf dem Stamme des Gesunknen
358
Wohnten jetzo der Luft, auf seinen
359
Aesten die Heere der Flur.

360
Niedergeschreckt, hebet kein Baum an den Wassern
361
So sich mit Stolz, und es ragt so bei den Strömen
362
Keines Wipfel nicht mehr aus dichten
363
Zweigen der Kühlung empor.

364
Denn in das Grab müssen auch sie, zu der Todten
365
Grüften, vor die sich der Erdkreis in den Staub wirft.
366
Als der Assur die Tief' hinabkam,
367
Klagte sie weit um ihn her,

368
Hüllte sich ein Strudel und Strom, und die Wasser
369
Flossen nicht fort, und verdunkelt, wie in Trauer,
370
Stand ihr Libanon, auch des Thales
371
Bäume verdorrten um ihn.

372
Als mit Getös nieder er stürzt', in die Hölle
373
Nieder mit Sturm, da entsetzen sich die Völker.
374
Du, edenischer Hain im Abgrund,
375
Du, o sein Libanonwald

376
Dort in der Nacht, tröstetet ihn! Ja, die Herrscher
377
Alle, sein Arm, die mit Schatten er bedeckte,
378
Waren nieder mit ihm gesunken
379
Zu der Getödteten Scharr!«

380
Und sie schwiegen. So säumt mit kurzem Weilen der Erde
381
Furchtbares Beben, nun bald gen Himmel wieder zu senden
382
Staub aus Trümmern und Sterbender Jammergeschrei. Sie begannen:

383
»wie den Assur, stürzetest Du Aegyptus'
384
König, o Sohn! Meerdrach, sprang er im Strom;
385
Es trübte die Wasser sein Fuß,
386
Und der Schlamm wölkt' in der Fluth sich.

387
Da er ausrief: Mein ist der Strom, ich habe
388
Mir ihn gemacht! warf Gott über ihn aus
389
Sein Netz, und es jagte sein Heer
390
In sein Garn auf den Empörer.

391
Wie die Fisch' ihm schwer und in Drang die Schuppen
392
Hingen herab, zog ihn Gott aus dem Strom
393
Und warf ins Gefild ihn und rief
394
Zu dem Aase, was in Höhn fleugt,

395
Was im Staube kriechet und raubt. Das Aas lag
396
An dem Gebirg weit hinunter ins Thal
397
Und füllte das Thal; und es stieg
398
Zum Gestad' auf, wo er sonst schwamm,

399
Des Verworfnen Blut; ja, hinan die Berge
400
Drang's, und des Stroms Bäche wurden umher
401
Von Blute getrübt: denn hinab
402
In die Gruft ward er gestoßen.

403
In der Tief' empfingen ihn Die, so einst auch,
404
Helden wie er, würgten. Alle sie sind
405
Hinuntergestürzt vor dem Schwert,
406
Und sie ruhn jetzt bei Erschlagnen.

407
Wo sie ruhn, liegt Assur, umher begraben
408
Alle sein Volk. Schwert, Du warfst sie hinab!
409
Tief ist in den Klüften ihr Grab,
410
Die den Erdkreis einst erschreckten.

411
Wo sie ruhn, liegt Elam, bei ihm begraben
412
Alle sein Heer. Schwert, Du warfst sie hinab,
413
Hinab in die Gräber voll Schmach,
414
Die den Erdkreis einst erschreckten!

415
Im Gefild liegt Mesech. Es liegt dort Thubal,
416
Er und sein Heer, schmachvoll, waffenberaubt,
417
Nicht unter dem Haupte das Schwert.
418
Das Gefild ist vom Gebein weiß

419
Der Verworfnen, welche die Erd' einst schreckten.
420
Pharo, auf Dir stand des Siegenden Fuß!
421
Nun schlummerst Du mitten im Heer
422
Der Erschlagnen, die das Schwert traf.

423
Die Beherrscher Edom's, der Krieger Führer,
424
Liegen umher tief in Nächten der Gruft.
425
Sie taumelten hin vor dem Schwert
426
Zu der Heerschaar der Erschlagnen.

427
Mit hinunter sanken die Völker Sidon's.
428
Röthere Scham deckt der Fürsten Gesicht,
429
Daß kühn die ereilende Schlacht
430
Sie hinabwarf in die Tiefe.

431
Die Erschlagnen all' um sich her versammelt
432
Sah in des Abgrunds Nacht Pharao; ihn
433
Erblickte sein Volk, und es war
434
Ihm Erquickung dies Entsetzen.

435
Denn hinab hast Pharao Du zur Hölle,
436
Ihn und sein Heer, Gott Verderber, gestürzt!
437
Geschrecket, geschrecket auch Du,
438
O der Welt Richter, den Erdkreis!«

439
Sichtbar nur der Unsterblichen Aug', in des Himmels Abgrund,
440
Lag auf der wandelnden Erde Jerusalem. Todesengel
441
Schauten hinunter und wandten von ihr zu dem Thale Gehenna
442
Ihre Blicke. So sangen mit ernstem Trauren des Todes
443
Engel, indem, wie aus Fernen der Donner, ihrer Posaunen
444
Ausruf scholl, dumpf scholl wie das Meer an Felsengestade.

445
»geh unter, geh unter, Stadt Gottes!
446
In Kriegsschrein, in Rauchdampf und Gluthstrom
447
Versink, ach, die des Herrn Arm von sich wegstieß!
448
Sei Trümmer, Stadt Gottes!

449
Todsworte sprach Jesus; Rom thut sie.
450
Zum Aas eilt mit Gierblick der Adler;
451
Den Feldherrn, die ihr Gott ruft, zu verderben,
452
Flammt's ernst vom Rachauge.

453
Pflugtreiber streun schreckend Salzsaaten.
454
Dir zog Gott die Meßschnur, o Schauthal!
455
Er, er bot zum Triumph auf. Die Drommet' hallt
456
Siegswuth, wo Gott ausmaß.

457
Blutfordernd riefst, Juda, den Fluch Du
458
Vom Thron her; Dein Mund schrie: Des Sohns Blut!
459
Die That schrie's noch mit mehr Grimm. Dich erhört Rom's
460
Heerführer. Geh unter!«

461
Wie der freudige Fromme, der jetzt die Gräber nicht denket
462
Oder, denket er sie, mit dem Troste der Auferstehung
463
Ihre Nächte durchstrahlt, wie der, wenn der Morgen im Frühling
464
Ihm erwacht, mit Wonn' in dem Aug' in die schönen Gefilde
465
Weit umherblickt, laut sein Gebet dem Schöpfer des Frühlings
466
Hinströmt: also schauten umher und ertönten vom Jubel
467
Chöre Seraphim, da in der Straße des Lichts des Triumphes
468
Heerschaar schwebt', und mit strahlenden Meeren der hellere Himmel
469
Sie umgab, und die Stern' in Gedräng zu Tausenden wallten.
470
Dieser Jubel der Seraphim scholl umher in den Sternen:

471
»ertönet sein Lob, Erden, tönt's, Sonnen! Gestirn',
472
Ihr Gestirn' hier in der Straße des Lichts, hallt's feirend,
473
Des Erlösenden Lob, siehe, des Herrlichen,
474
Unerreichten von dem Danklied der Natur!

475
Lobsing, o Natur, dennoch Dem, welcher Dich schuf!
476
Dein Gesang ström' in den Himmeln einher! Hochpreisend,
477
Von erbebender Höh', rufe des Strahls Gefährt'
478
In Kidrona und dem Palmthal ihn herab!

479
Ihr Wasser der Mond', Erdemeer, rauschet darein!
480
Wie das sanftlispelnde Harfengetön zum Chorpsalm
481
Der Posaunen empor Lüfte der Palme wehn,
482
So erhebt Euch zu der Sternheere Gesang!

483
Wie wandelt Ihr her, welche Gott zahllos erschuf!
484
O Du Heerzug der Gestirne, wie strahlt, wie laut ruft
485
Des Erlösenden Preis Ihr zu der Höh' hinauf,
486
Zu der Glanzschaar um den Thron Gottes empor!

487
Du bist es, o Sohn, dem der Welt Jubel ertönt,
488
Du ein Quell aller Beseligung, Herr, Heilgeber,
489
Unerschöpflicher Quell dessen, was glücklich macht!
490
Ist ein Weg wo? ist ein Flug auch zu dem Licht,

491
Zum Heile, den er uns nicht führt? Alle nicht führt?
492
Labyrinth alle des großen, des unnennbaren,
493
Des belohnenden Heils! Selige führt durch Dich,
494
Von Aeon er zu Aeon fort, Labyrinth!«

495
Jetzo schwieg der Gesang; doch tönete fort der gehauchte
496
Hall und die Saite. So tönet der Hain, wenn weit in der Ferne
497
Ströme durch Felsen stürzen, und nah von den Bächen es rieselt,
498
Wenn es vom Winde rauscht in den tausendblättrigen Ulmen,
499
Und der tanzbeginnenden Braut der Quell Melodie scheint.

500
Da stets weiter empor in der Straße des Lichts der Triumph stieg,
501
Ward nicht ferne von ihnen ein Stern, der Sonnenbegleiter
502
Einer, verwandelt. Erschütterung ging von Wende zu Wende
503
Durch die Mitte des Sterns. Er zerspaltet' in Lande. Gebirge
504
Krachten, flammten, und brausender dampften Meere gen Himmel.
505
Fürchterlich war's selbst Engeln zu sehn, wie in Irr' Urkräfte
506
Wankten, es bildeten, Saat aufschwoll der neuen Erschaffung.

507
Aber aus eines Sirius näheren Strahlen erhoben
508
Auferstandne Gerechte der Wonne Stimme zum Mittler:

509
»liebe des Sohns, himmlisches Heil, dem Verstande
510
Göttliches Licht, vom Altar Gluth dem Gefühle!
511
Tag, der erwacht, in das Meer nicht unterzugehn,
512
Der Erlösten ewiger Tag, Liebe des Sohns!

513
Flügel hinauf, Flügel zum Thron, o Triumph, nahmst
514
Du, und auch uns, den Gewählten des Erhobnen,
515
Wehest Du vor mit der Palme, Christus' Triumph,
516
Zu dem Thron des Vaters empor, Christus' Triumph!

517
Engel, der dort strahlend einher durch die Himmel
518
Schwebet, wer ist's, dem das Sternheer in der Laufbahn
519
Steht, dem es laut auf den Pfaden Gottes ertönt,
520
Dem die Tiefe sinket, wer ist's, Engel des Throns?

521
Er, der am Kreuz dürstet' und starb, der uns liebte
522
Bis in den Tod, o, der Schmach Tod, des Altares
523
Golgatha Tod, und verlassen rufte von Gott
524
In der Nacht, Der ist es, ja, Der, Engel des Throns!

525
Strömet sie her, Ströme des Lichts, und, o Lüfte,
526
Säuselt Ihr sanft dem Triumphheer sie herüber,
527
Welche sich dort noch unhörbar tief in der Fern'
528
Uns enthüllen, kommen, des Sohns Antlitz zu sehn.

529
Engel, der Tag seines Triumphs, die Erhebung
530
Christus' zum Thron, sie erscholl weit in die Welten
531
Alle. Wer wohnt in des Lebens Hütten, wem Gott
532
Es vergönnt, Der eilet, des Sohns Antlitz zu sehn.

533
Herrscher ist er, Herrscher der Sohn. Ach, es fleht ihm
534
Aller Gebet. In den Weltkreis, in die Tiefe,
535
Fern in die Höh', bis zur letzten, sendet hinauf
536
Die Erhörung er, der allein Seligkeit hat.

537
Freuden Euch! Licht strömet' Euch her, und Gelüfte
538
Säuselte sanft dem Triumphheer Euch herüber
539
Weit aus der Fern', Ihr Bewohner jenes Gestirns,
540
Das auf Erden über des Blicks Grenze sich hob.

541
Herrscher ist er, Herrscher der Sohn. Ach, es fleht' ihm
542
Euer Gebet. In die Tiefen, in die Höhen
543
Sendet der Sohn, bis zur letzten sandte der Sohn
544
Die Erhörung, er, der allein Seligkeit hat.

545
Der Entzückungen, ach! Seht, dort strahlet der Sohn
546
In dem Chor hoher Thronen, herrlich in dem Chor
547
Des Grabvolks, die Blut ihm versöhnt hat, die erwachten
548
Vor dem Tage des Gerichts, umgeschaffen durch ihn!

549
O Du Erster des Seins, welchen himmlischen Weg
550
Hat geführt Deinen Sohn des Todes Labyrinth!
551
Vom Grabmal beginnt, steigt der Siegsgang; aus der Nacht her,
552
Die den Sterbenden umgab, kommt des Ewigen Sohn!

553
In der Schöpfungen Meer, wo der Woge Gebirg
554
Zum Gestad' hinwallt, wohnet, Herrlicher, Dein Volk,
555
Dem Heil auch von Dir wird, Messias, ob es Blut gleich,
556
Unentheiligt von der Schuld, nicht zur Söhnung bedarf.

557
Aber es ist unsere Schuld vor der Zeugen
558
Auge vertilgt, und verstummt ist nun der Sünde
559
Stimm' an dem Thron, in der Engel Hallen, dem Ohr
560
Des Gerichts der Klägerin Ruf ewig verstummt.

561
Fürchterlich laut rief sie hinauf, und es war doch
562
Leise das Ohr des Gerichts; aber: Vollendet
563
Ist es! erscholl vom Altare Psalmmelodie,
564
Und die Sünde hörte des Sohns Donner und schwieg.

565
An des Ewigen Thron, Christen, preisen auch wir!
566
Wo es Euch, Erben, schattet, schattet es auch uns!
567
Wo Euch quillt des Heils Quell, das Labsal der Gerechten,
568
Da versammeln wir auch uns, quillt uns Leben auch zu!

569
Bebtet Ihr je, Söhne der Fern', der Verwerfung
570
Schrecken? O, troff in der Wehmuth, im Entsetzen
571
Vor dem Gericht, im Entfliehn vom Horeb Euch je
572
Die entflammte Thräne den Blick blutig herab?

573
An dem schwindelnden Hang, den Verderben umringt,
574
An des Abgrunds Nacht staunten, schauerten wir nicht,
575
Wo Wagschal' ertönt, nicht wo Zornkelch sich ergießet,
576
Und Geretteter Gefühl ward uns, Glückliche, nie.

577
Welche Stimmen ergossen sich aus den begeisterten Chören!
578
Waget' ich sie zu vergleichen, so nennt' ich sie Stimmen der Liebe,
579
Nennte sie Sterbender, die nun offen den Himmel schon sehen,
580
Oder Auferstehender, die dem Grab itzt enteilen.«

581
Christus' Triumph erreichte den Stern der unschuldigen Menschen
582
Und der unsterblichen. Ueber den hohen Gefilden des Sternes
583
Schwebt' er einher. Die Unsterblichen sahn den strahlenden Heerzug,
584
Sahn den Versöhner und, ach, die Auferstandnen vom Tode.
585
Haufen schauten; allein bald wurden die Haufen zu Schaaren,
586
Bald die Schaaren zu Heeren. Das Haupt gen Himmel erhoben,
587
Standen sie, unter ihnen der Erstgeschaffne. »Vollender!«
588
Rief er und sank auf sein Knie, um ihn die Unsterblichen alle.
589
Haine riefen Hainen, und Bergen Berge: »Vollender!«
590
Unter sie hin war Toa getreten. Der Richtende hatt' ihn
591
Wieder hinauf in das Leben geführt. Der Frohste der Frohen
592
War er, war ganz Dank, war ganz mit Empfindungen seiner
593
Neuen Unsterblichkeit überströmt. In dieser Entzückung
594
Rief er laut mit den Heeren der heiligen Menschen: »Vollender!«

595
Jetzt, da in seinem Triumphe der Sohn des Ewigen Psalme
596
Seiner Erhöhung vernahm und mit Wonne der Preisenden Freude
597
Ueberschwänglich belohnt', entstieg der Gräber Gefilden
598
Zweener Sterblichen Lied. Sie hatten Erstandne gesehen,
599
Hatten gelernt. Es wurd' ihr Lied von dem Ausgesöhnten
600
Und dem Versöhner gehört. Indem der Schatten des Baumes,
601
Ihnen Hütte jetzt, und Kühlung sanfterer Lüfte
602
Weht', und der Bach mitscholl, erhob sie die Stimme der Andacht,
603
Sie, die liebte den Herrn und ihres Lebens Gefährten:

604
»schwinge Dich empor, Seele, die der Sohn zu des Lichts
605
Erbe sich erschuf, Selige, die versöhnt Jesus hat!
606
Sing ins Chor der Vollendeten am Thron!
607
Stammelten sie nicht auch Laute, wie Du, bebenden Gesang?«

608
Als der Schatten des Baums und Kühlung sanfterer Lüfte
609
Weht', und der Bach mitscholl, erhob er die Stimme der Andacht,
610
Er, der liebte den Herrn und seines Lebens Gefährtin:

611
»selbständiger, Hochheiliger, Allseliger, tief wirft, Gott,
612
Von dem Thron fern, wo erhöht Du der Gestirn' Heer schufst,
613
Sich ein Staub dankend hin und erstaunt über sein Heil,
614
Daß ihn Gott hört in des Gebeinthals Nacht!

615
Durch feirende, lautpreisende Psalmchöre des Sternheers bebt
616
Mein Gebet auf zu dem Thron Deß, der im Lichtreich herrscht,
617
Vom Beginn selig macht, Labyrinthweg' uns empor
618
Zu dem Thron führt, wo unerforscht

619
Hochheiliger, Allseliger, Unendlicher, Herr, Herr, Gott,
620
O, erhör Du mein entzückt Flehn von dem Grabthal her!
621
Von der Nacht stammelt's auf zu des Chors Halleluja;
622
O, erhör's, Gott, und mein verstummt Flehn auch!

623
Gott, mache den Toderbenden glückseliger! Gott, trockn' ihm
624
Die Betrübniß von der Wang' ab! doch ist Elendslast
625
In der Nacht hier sein Theil, so begnad ihn mit Geduld
626
Und, o, leit ihn, daß er am Thron anschau'!«

627
Also sang er und schwieg; bald aber erhub sich von Neuem
628
Seine Seele, brannte von Neuem vor inniger Andacht.
629
Siehe, des künftigen Christen Gesang entschwebte der Erde
630
Kaum, allein ihn vernahm der Hörer der ewigen Chöre.
631
Also rauschet ein Blatt, wenn die Widerhalle der Felskluft
632
Donner rufen, Donner der Waldstrom nieder ins Thal stürzt.

633
»erwach, Harfengetön, und erhebe Dich
634
Dem Psalm nach zum Throne!
635
Dein Flug sei des Unendlichen Lob,
636
Des Herrn Preis Dein Festlied!
637
O, ihm, dem mit Entzückung
638
Harmonie des Gestirnheers emporsteigt,
639
Und Erzengel entflammendes Lob
640
In dem Anschaun ertönen,
641
O, lispl' auch, mein Gesang, sein Lob Dem!
642
Von dem Grab auch vernehme
643
Sein Lob Gott! Wie beginn' ich's? wie vollend' ich's?
644
O Vorschmack des Himmels,
645
Des Herrn Preis, wer singt Dich und erliegt nicht?
646
Was ihn sonst hob, versinkt jetzt,
647
Sein beseelteres Bild, wie der Schimmer
648
Von dem Aufgang Gemäld' ihm
649
Voll Goldglanz, wird ihm Dämmrung.
650
Wie ich kann, mit der Nacht Schein im Bilde,
651
Mit Nachhall und Laut nur,
652
Wenn der Chorpsalm zu dem Thron auf sich donnernd
653
Erhebt, sing' ich dem Herrn.
654
Wer gleicht Dir? wer, o Gott, ist, wie Du bist?
655
Des Seins tiefen Entwurf entwarfst Du,
656
Eh Gefühl war, Gedanken
657
Und Zweck war in der Endlichen Heer!
658
O der Aussaat, die, Gott, Du
659
Gesät hast und Aeon auf Aeon,
660
Daß sie reift', aufgehäufet.
661
O Rathschluß: Die Aeonen,
662
Wenn sie all' einst vorbei sind, wird Ernte
663
Ohn' Aufhören am Thron sein!
664
Die Erschaffung zu des Sohns Heil hast dann Du
665
Vollendet! O, dann führt das Glück uns
666
Und das Elend ins Lichtreich!
667
Was einst uns, dem Beglückten und dem Dulder,
668
Labyrinthweg und Nacht war,
669
Das führt uns zu dem ewigen Heil hin!
670
Indeß welkt auf Erden
671
Der unsterbliche Mensch weg
672
Und empfindet Herannahn des Todes,
673
Herannahn der Verwesung,
674
Und verweint, in Wehklag' ergossen,
675
Den Beginn des Daseins
676
Und weiß doch, daß es Gott einst mit Wonne
677
Vollbringt, er, der ihn auch zu dem Heil schuf!
678
Ja, so, Gott, vollbringst Du's!
679
Ach, trüb' ist und Nacht ist der Gedanke,
680
Daß ins Loblied der Himmel
681
Der Angst Stimme sich mischt,
682
Und mit Thränen sich die Wehmuth von Gräbern
683
Emporhebt ins Getön, wo Entzückung
684
Der Chorpsalm zum Thron ruft
685
Und sanft Lispeln den Harfen entlockt,
686
Wenn in Dank weint die Wonne!«

687
Cherubim und Erstandene tönten vom Untergange
688
Babylon's. Also sang der Erstandenen Chor dem Vollender:

689
»ernst ist er, des Gerichts dunkler Tag.
690
Todesgang und des Sturms Flug eilt des Herrn
691
Gerichtstag. Prophezeiung gegen sie,
692
Bewölkt einst, Prophezeiung, wie erfüllt Gott Dich!

693
Ach, sie stürzt! Es vernahm Erd' und Meer
694
Babel's Fall, der Erfüllung Donnerschlag.
695
Nun thut's Gott von dem Throne. Jetzo droht
696
Am Meerstrand die Verkündung des Posaunrufs nicht.

697
Babel stürzt. O, begann Gottes Tag,
698
Jener schon, der Entscheidung großer Tag?
699
Wie liegt, weh', sie zerstört da, weh' ihr, weh',
700
Welch Graun jetzt, die so stolz war, in dem Abgrund da!«

701
Cherubim und Erstandene tönten vom Untergange
702
Babylon's. Also sang der Cherubim Chor dem Vollender:

703
»sie versinkt, sie versinkt, Babel! Der Täuscherin
704
Gefüllt ist mit Gifttrunk, schnelltödtend schäumt
705
Ihr Kelch auf. O, es füllt Dir, Babel, dafür,
706
Des Gerichts Kelch vollmessend, der wiedervergilt!

707
Du Gestürzte, wie lang' schäumte Dein Taumelkelch
708
Dem Erdkreis Verführung, Wahn, Wuth und Tod!
709
Erwacht ist des Vergelters Rache, Dich hat
710
Von des Zorns Kelch Gott trunken zum Tode gemacht!«

711
Ach, die seligen Tage der ersten Auferstehung
712
Waren's, die Ihr, schon jetzt vollendete Märtyrer, feirtet.

713
»die Gott rächt, in Gestirnglanz, Glückselige,
714
In des Heils Kleid, ausduldende Märtyrer,
715
Zu dem Erb' in dem Lichtreich kommt freudig Ihr,
716
Die Gott rächt, von dem Nachtthal her!

717
Die Herrschaft des Vollenders, Mitblutende,
718
Die Gewalt Deß, den Kreuziger tödteten,
719
O, empfangt die Belohnung, Heilerbende!
720
Erstaunt, bang und vor Angst stumm hört's

721
Der Erdkreis. Die verkannt einst schnell bluteten,
722
Wenn sie Satan Räuchwerke nicht zündeten,
723
Sie beherrschen die Welt jetzt, sind Könige!
724
Vom Thron schmückt mit Gewalt Gott Euch!«

725
Unbemerkter, nicht eine der Königinnen des Weltmeers,
726
Ruhete zwischen Wogengebirgen die einsame Patmos.
727
Aber es sollte dereinst wie Posaunen an ihrem Gestade
728
Dem erschallen, den sich der Offenbarer zum Seher
729
Auserkor, und in ihrer Haine Schatten der Gottmensch
730
Ihm erscheinen, umringt von sieben Leuchtern, gekleidet
731
In ein lichtes Gewand, mit Golde begürtet, das Haupthaar
732
Weiß wie Schnee, und Flamme sein Blick, wie die Sonne sein Antlitz.
733
Glühend Erzt war sein Fuß, von dem Munde ging ihm ein scharfes
734
Schneidendes Schwert, und er hielt in der Rechte sieben Sterne:
735
Eine Strahlengestalt, vor welcher wie todt der Seher
736
Hinsank. Richter der Welt war Der, vor welchem er hinsank.
737
Aber damals richtet' er noch sein großes Gericht nicht,
738
Sprach nur über sieben Gemeinen ihr erstes Urtheil;
739
Mit dem Ernste des Richterspruchs ertönte noch Gnade!
740
Und es hatten von diesem Gericht die ersten der Engel
741
Und die Väter, sie hatten von dieser Gnade, wie fern her,
742
Himmlische Stimmen vernommen. Sie sangen dem schonenden Richter,
743
Daß ihm in den Gemeinen, wie Thau aus der Morgenröthe,
744
Seine Kinder würden zum ewigen Leben geboren
745
Durch die neue Geburt, und daß er ihrer wie Mütter
746
Sich erbarmt', auch da, wo selbst die Herzen der Mütter
747
Fühllos würden, auch da sich Jesus Christus erbarmte.

748
»ephesus, ach, Ephesus, komm zu der ersten
749
Liebe zurück! O, wie tief sankst Du, Gemeine!
750
Kehre wieder, es stürzt Dein Leuchter
751
Sonst Dir dahin und verlischt!

752
Preis Dir, Du giebst ewigen Lohn, wer sich wieder,
753
Mittler, erhebt! am Krystallstrom, der vom Throne
754
Fließet, schatten des Lebens Bäume,
755
Tragen dem Siegenden Frucht!«

756
Und ein höheres Chor begann, von Wonne begeistert,
757
Durch die goldenen Harfen herab zu rauschen; sie sangen:

758
»o der Aussaat, welche Du, ewiger Sohn,
759
Dir in Smyrna sätest! O, sie halten aus
760
Im Gefängniß und geschmäht, sie dulden's gern,
761
Sind getreu bis an den Tod, Kronen zu empfahn!«

762
Wehmuthsstimmen erschollen. So sangen Chöre der Menschen:

763
»pergamon, Du hieltest an
764
Jenes Triumphs, da Antipas in sein Blut sank!
765
Zeugend sank er. O, ruft Antipas'
766
Namen, Unsterbliche, laut!

767
Aber Du hast, Pergamon, auch, die, wie Balak,
768
Aergern. Es labt, wer gesiegt hat, das verborgne
769
Manna, Diesen allein; nur er hört
770
Zeugen die Himmel von sich.«

771
Wehmuthsstimmen erschollen. So sangen Chöre der Engel:

772
»siehe, Du glaubst, duldest und liebst, Thyatira!
773
Aber Du hast, Thyatira, die Prophetin,
774
Hast die Täuscherin auch! Dein Richter
775
Forschet hinab in das Herz!

776
Welchen er rein sahe, der Sohn, Den erhebt er,
777
Setzet ihn hoch, daß den Weltkreis er beherrsche,
778
Giebt den eisernen Stab der Macht, giebt
779
Strahlen der Stern' ihm ums Haupt.«

780
Stille ward in der Schaar des Triumphes, und keins der Chöre
781
Sang, und alle Harfen und alle Posaunen verstummten,
782
Bis zu dem Göttlichen wenige Stimmen sich endlich erhuben:

783
»ach, Sardis, ach, Sardis! Weltrichter,
784
Erbarm Dich! des Herrn Sohn, verschone!
785
Sie liegt todt, und ihr Wahn wähnt, daß sie lebe!
786
Gott Mittler, schon' ihrer!

787
Ach, höre! wach, Sardis, wach, Todte,
788
Vom Schlaf auf! Es schreckt schon von fern her,
789
Mit Eil' droht, mit Vollendung das Gericht Dir!
790
Hör, hör sein Drohn, Todte!

791
Weißes Gewand strahlet um Den, der gesiegt hat;
792
Hell in dem Buch, das vom Heil einst im Gericht tönt,
793
Steht sein Namen; ihn nennt vor Gott selbst
794
Und vor den Engeln der Herr!«

795
Aber ein höheres Chor begann, von Wonne begeistert,
796
Durch die goldenen Harfen herab zu rauschen; sie sangen:

797
»wie selig ist sie! Wenig Kraft gab ihr der Herr;
798
Und es blieb dennoch im Bunde, bekannte dennoch
799
Philadelphia stets! Satans Verführter soll
800
Sich ihr bang nahn, in den Staub sinken vor ihr!

801
Wie selig ist sie! Wenig Kraft gab ihr der Herr;
802
Und es blieb dennoch im Bunde, bekannte dennoch
803
Philadelphia stets! Stunde des Jammers, triff
804
Du den Erdkreis, und vor ihr eile vorbei!

805
Wie herrlich ist sie! Treue Schaar, halt, was Du hast
806
Und, o, laß Keinen die Krone des Heils Dir nehmen!
807
Der Vollendete steht glänzend, ein Pfeiler, einst
808
In dem Tempel, wo der Sohn ewig belohnt!«

809
Wehmuthsvoll, mit jenem Gefühl, das unter den Menschen
810
Thräne wird, kam mitten aus einem Chore die Stimme:

811
»o, vernähme den Ruf Laodicea noch!
812
Er ruft ihr vom Tod auf, wehklaget sanft.
813
Wie blind, ach, und wie elend täuschet sie sich!
814
Du des Herrn sonst, auf, eile dem Rufenden zu!

815
Der Gezüchtigte geht auch zu dem Abendmahl
816
Des Sohns ein. Wer fest steht, aushält und siegt,
817
Belohnt wird und gekrönt Der, steiget empor
818
Zu des Throns Höh', Gottmensch, wo in Lichte Du wohnst!«

819
Da des Triumphs Heerschaar stets weiter hinauf zu des Himmels
820
Strahlenkreise stieg, begannen Chöre der Seher
821
Und Erzengel, zu singen dem Auferwecker und Richter.
822
Also sangen sie gegen einander. Die Harfen der Seher
823
Tönten feirlichen Ernst und flossen von großen Gedanken
824
Feuriger über. Itzt strömte der Psalm in der Saite Begeistrung:

825
»wo erhöht
826
Stieg er herab, und den Gerichtsruf donnerte sein Heer.
827
Und die Grabnacht gab, die sie wegnahm, her,
828
Da des Gerichts Ruf tönt' und das Gebirg einsank.

829
Und die Heerschaar, die vom Tod
830
Hub sich empor, und ihr Gewand goß Strahlen um sie her.
831
Ihr Triumphlied scholl, wie das Weltmeer braust,
832
Und das Getön stieg hoch mit dem Gerichtsruf auf.«

833
Sie erlagen dem Wonnegedanken. Die Saiten nur tönten.
834
Aber nicht lange, so scholl ihr Gesang von Neuem zur Harfe:

835
»aussaat, die gesät ruhte, bis ihr Gott rief, das Gefild
836
Mit Goldglanz zu bedecken! Selige, die, Staub zu Staub,
837
In sich einschloß säumende Nacht,
838
Bis floh der Aeon Sterblicher dahin!

839
Aussaat, o, wie reif schimmerst Du her! Laut ruft im Gefild
840
Die Heerschaar zu der Ernte! Selige, die, Glanz zu Glanz,
841
Der Vollender sammelt, wie nimmt
842
Des neuen Aeon's Herrlichkeit Euch auf!«

843
Jetzo sangen mit himmlischem Lächeln die ersten der Engel;
844
Tönender strömte der Psalter Strom zu dem Wonnegesange:

845
»todt', erwacht! Todt', erwacht! Der Gerichtstag hallt's.
846
Der Aufruf der Ernter des Gefilds
847
Ertönt froh. Der Staub hört's da, wo er sanft
848
Schlummert, hinschallen. Schutzengel rufen ins Gericht.

849
Eilet, schaut auf zum Thron, die mit Huld Gott rief!
850
Erwacht, eilt, steht auf, strahlt von dem Grab
851
Empor, Ihr, die Jesus frei des Gerichts
852
Macht! O Miterben, kommt, nehmt die Palmen in Triumph!

853
Schwebt herauf, setzet Euch mit dem Sohn Richter
854
Im Goldstrahl auf Throne bei den Herrn!
855
Erhebt Euch, die Blut deckt, weißes Gewand
856
Deckt! O Weltrichter, kommt, nehmt die Kronen in Triumph!

857
Ach, sie gehn überstrahlt zu dem Thron furchtbar
858
Herauf, ernst zur Wagschal' des Gerichts!
859
Geströmt Blut des Altars Golgatha deckt
860
Hell die Palmträger. Siegskronen glänzen um ihr Haupt.«

861
Lange Reihn krystallener hochaufsteigender Berge
862
Sind in dem Stern Sarona. In ihnen sehn die Bewohner
863
Ferne Welten vergrößert und leuchtender; weiter ertönet
864
Dort der Widerhall und melodischer, wenn sich der Ausruf
865
Inniger Freud' ergießt bei neuer Erscheinungen Anblick.
866
Tausende wimmeln dann am Fuß der unendlichen Berge,
867
Tausende haben dann die breite Schulter, die lichte
868
Stirne der Berg' erstiegen und stehn tiefsinnig und schauen.
869
Jetzo schauten sie nicht tiefsinnig; ihr Auge war Wonne;
870
Denn es ging der Triumphheerzug bei Sarona vorüber.
871
Heller ward der Krystall, wo der Gottmensch schwebt' und zu Schönheit
872
Seine Herrlichkeit milderte. Dort ertönte der Nachhall
873
Reiner und neu, als bildet' er Laute des feirenden Heerzugs.

874
Jetzt erhuben im Chor der Seher Debora und Mirjam
875
Ihre Stimme. Den Saiten entscholl bald himmlische Wehmuth,
876
Bald der Ton des Triumphs. Sie sangen gegen die Engel.
877
So, wenn im Walde der Donnersturm stillschweigt, und die Bäume
878
Nicht gebogen mehr stehn, bebt leise von Lüften der Sprößling.

879
»o, Du einst uns Elend, wie entzückst Du
880
Den Geist, Tod! Wer im Nachtthal des Entsetzens
881
Nicht verwesete, strebet umsonst,
882
Zu erreichen des Erwachten Gefühl.

883
Ihr lieft nicht die Laufbahn des Erdulders,
884
Des Pilgers da hinab nicht, wo der Tod war.
885
Ihr Unsterblichen sahet das Grab
886
Nicht eröffnet und gefüllt mit Gebein!

887
Ihr saht nicht, daß furchtbar die Entschlafnen
888
Es hinnahm, die Geliebtern zur Verwesung!
889
Der begrabenden Schaufel Getös,
890
Die mit Erde die Entflohnen bewarf,

891
Erscholl nie Euch dumpf auf von den Grüften
892
Und rief nie Euch Erinnrung, daß Ihr einst auch,
893
Mit entstürzender Erde bedeckt,
894
Bei der Trümmer des Verwesenden lägt!«

895
Aber wie unter Wolken herab von den Felsen sich Ströme
896
Stürzen, so sang, als rief's zum Gericht, das Chor der Propheten:

897
»todt', erwacht, die Posaun' hallt, Todt', erwacht!
898
Der Nacht Schooß, des Meers Grund und der Erdkreis
899
Bebt dumpf auf, das Gebein hört Herrscherton
900
Herrufen, Erzengel rufen ihn laut.

901
Goldpalast und bemoost Dach stürzen ein.
902
Im Erdgrab und Weltmeer wer entschlummert
903
Schon lang' lag, Der erwacht. Wer lebet, hört
904
Graunvolles Erdbeben, stirbt und erwacht.

905
Nacht noch war's. Das Entsetzen trat einher,
906
Gebot Flucht. Gefild, Hain, des Gebirgs Haupt
907
Versank, warf sich ins Meer hin. Harfe, schweig!
908
Bang ruft, es ruft nun Gebärerinangst.

909
Donner ruft von des Throns Höhn. Harfe, schweig!
910
Laut droh'nd tönt Gerichtsruf der Posaunen
911
Darein. Fürchterlich fliegt, rauscht Donnersturm.
912
Wehklagend ruft drein Gebärerinangst.«

913
Zween Erzengel schwebten voran, da sang der eine:

914
»sie sind's, ach, die wehdroh'nd der Aufruf schreckt!
915
Sie stehn auch von dem Tod auf! O, verschlöss' Nacht stets
916
In dem Graunthal der Verwesung,
917
Die des Throns Ausspruch in den Abgrund stürzt!«

918
Zween Erzengel schwebten voran, da sang der andre:

919
»gerichtsdonner, ach, zu furchtbar tönest Du
920
In die Grabmale! Längrer, ewiger Schlaf
921
Ist ihr Flehn; aber sie kommen aus der Nacht
922
Und wehklagen: O, falle, Gebirg, deck uns!«

923
Stille war itzt in den Chören der Siegsbegleiter. Da flogen
924
Leicht, wie Blüthen die Luft fortathmet, Benoni und Mirjam,
925
Lazarus' Schwester, hervor. Wie des Sommers sanftere Mondnacht
926
Und wie der röthliche Frühlingsmorgen schwebten sie vorwärts.
927
Und sie würdigten Satan, dem liegenden Ueberwundnen,
928
Hören zu lassen, wie groß der Triumph der Todten des Herren sei:

929
»donnr' es, o Gesang, in der Nacht
930
Schrecken hinab, zu Gehenna's Empörer hin:
931
Die am Staub einst Elend und der Tod traf,
932
Sie erwachen zu dem Schaun!

933
Mörder, zu dem Schaun! vom Beginn
934
Mörder, sie Alle, die jemals des Todes Angst,
935
Der Verwesung Graun traf, sie entschwingen
936
Sich dem Grabe da hinauf,

937
Wo zu dem Gericht, Du Genoß
938
Jedes Entsetzens, in schreckender Herrlichkeit
939
Sich gesetzt hat Jesus, der Vollender!
940
Hosianna! er entschwung,

941
Sieger des Empörenden, sich
942
Auch dem umschattenden Thale, der Todesruh,
943
Und verwarf Dich, Satan, Du Verkläger,
944
Der sie Tage vor dem Thron,

945
Nächte vor dem Thron sie mit Grimm
946
Schuldigte! Sünden nicht nur, das Gebrech, Du Feind,
947
Und der Fehle Staub nahmst und umgabst Du
948
Vor dem Rächer mit Gewölk!

949
Zischender Verkläger, Dich stürzt
950
Jesus, der Herrscher, hinab in die tiefe Nacht,
951
Wo die Qual ist, Wehklag' und der Tod ist,
952
Kein Erwachen zu dem Schaun!«

953
Einer der Todesengel erhub die furchtbare Stimme,
954
Also sang er, indem mit der Hand die Posaun' ihm hinsunk:

955
»wehklagen und bang Seufzen vom Graunthale des Abgrunds her,
956
Sturmheulen und Strombrüllen und Felskrachen, das laut niederstürzt',
957
Und Wuthschrein und Rachausrufen erscholl dumpf auf.
958
Wie der Strahl eilt, schwebten wir schnell und in Wehmuth fort.«

959
Gabriel weinet' und fühlte sie gern, die himmlische Thräne;
960
Also floß mit der Thräne die Stimme des Schauers der Zukunft:

961
»das Gewand weiß, bluthell, hub zum Thron
962
Sie sich empor, stand ernst, anschaunselig da,
963
Schimmerte die Braut. Sanften Ton, festliche Melodien,
964
Freudigeres Gefühl strömtet Ihr, Donnerer in dem Gericht!

965
Und der Gottmensch sah rein neben sich
966
Sie an dem Thron voll Unschuld stehn, sah sich ihm
967
Heiligen die Braut. Neu erscholl, seligeres Gefühls
968
Strömet' ins Paradies Euer Psalm, Donnerer in dem Gericht!«

969
Hoch erhöht von dieser Begeistrung des Schauers der Zukunft,
970
Schwebt' in lichterem Meere der Himmelsheitre die Heerschaar,
971
Schwebte mit schnellerer Eile dahin; und keine der Harfen
972
Schwieg in den Chören, und aller Posaunen erschütternde Stimmen
973
Redeten ihre Donner, und alle Himmlischen sangen:

974
»da ihr Gang Flug, und ihr Ausruf Gesang ward der Entzückung,
975
Da vom Gefild her sich der Triumphzug zum Gerichtsthron
976
Emporschwang, nahm zu dem Erb' auf er, den am Kreuz Gott sah,
977
In das Lichtreich auf, die des Altars Blutruf vom Gericht lossprach.«

978
Aber das Chor Erzengel begann von Neuem die Wonne
979
Seiner Gesänge gegen die Seher hinüber zu strömen:

980
»o, die auch in Erdgrab und Weltmeer verwest einschloß
981
Der Gerichtsspruch, den in Eden, da es kühl ward, der Herr aussprach,
982
Erstlinge, schwebt strahlend empor in Triumphflug, eilt,
983
Richtet mit Dem, welchem sich die Höh' und das Gebeinthal bückt!

984
Die Hand kam hervor einst, und Schrift stand: Dich wog Jova!
985
Und es fand Dich, der den Weltkreis, wie er will, herrscht, zu leicht, König!
986
Daß des Gerichts Tag es vernähme, wie leicht Der sei,
987
Welcher an ihm sündigte, gebot es von des Throns Höh' Gott,

988
Gebot so: Es zeug' einst, was lebend des Staubs Sohn that,
989
Des Gerichts Buch! Und mit Schrift, hell, wie der Blitzstrahl durch Nacht herfleugt,
990
Schrieb in das Buch, Rächer, Dein Heer, was der Mensch that, grub's
991
Thränenvoll ein, schweigend, was nunmehr in dem Gericht laut tönt!

992
Am Thron rollt die Heerschaar, als göss' sie ein Meer weit aus,
993
Des Gerichts Bücher voll Ernst auf, und die Glanzschrift erschreckt fern her.
994
Eilet empor, Erstlinge, schwebt den Triumphflug, kommt,
995
Richtet mit Dem, welchem sich die Höh' und das Gebeinthal bückt!

996
Ihn sah Gott herannahn; kein Tag war, wie der Tag ist,
997
So dem Rath Deß, der geherrscht hat vom Beginn an, die Hüll' aufdeckt!
998
Jauchzet und schaut tiefer hinab, denn der Lichttag kam!
999
Wandelt umher froh in Labyrinthe, die hindurch Gott führt!

1000
Noch währt er, noch währt er, der Grauntag. Ein Jahr floh schon,
1001
Und es säumt noch der Gerichtstag. Noch erschreckt Den des Ausspruchs Ernst,
1002
Welchen der Sohn Gottes verwirft. Es entfliehn qualvoll
1003
Könige noch, rufen dem Gebirge: O Gebirg, deck uns!

1004
Allein deckt Gebirg Euch? Noch säumt stets des Urtheils Tag.
1005
Noch entsetzt sich, wer, o Lamm, Dir, das erwürgt ward, wer Hohn Dir sprach.
1006
Stürzet, Ihr Berg', über uns her, denn die Allmacht zürnt!
1007
Der an dem Kreuz blutete, gebeut von dem Gerichtsthron Tod!

1008
Noch strahlt er, der Heiltag. Noch theilt Gott des Lichts Erb' aus.
1009
Noch verklärt sich Labyrinthweg. Noch enthüllt Gott der Vorsicht Pfad.
1010
Stets noch empfäht weißes Gewand, von des Sohns Blut hell,
1011
Kronen empfäht, Palmen, wer dem Sohn bis in den Tod treu war.«

1012
Thräne des Himmels im Blicke der Erstlinge Gottes, wie glänztest
1013
Dem Du, der einst das Erbe des Lichts den festlichen Tag giebt
1014
Seiner Entscheidung! Sie wagten es kaum, voll inniger Demuth,
1015
Nach dem Vergelter hinauf, der ihnen strahlte, zu schauen.
1016
Säumend begann ihr Harfengetön; als aber der Geber
1017
Immer belohnender strahlte, da flog's, und schnell war es Jubel.

1018
»o Aufgang aus der Höh', o des Herrn Sohn, Du o Licht
1019
Von dem Licht, der erlöst hat, doch dereinst auch auf den Thron
1020
Des Gerichts mit der Wagschal' steigt und es wägt,
1021
Was gethan hat, wem umsonst floß Golgatha's Blut!

1022
O, Preis Dir und Gesang, Du des Herrn Sohn, Du o Licht
1023
Von dem Licht, der erlöst hat, die dereinst, ach, an dem Thron
1024
Des Gerichts bei der Wagschal' stehn und sein Weh'
1025
Mit verkünden, wem umsonst floß Golgatha's Blut!

1026
O Urquell, es ergeußt, o des Heils Quell, wie ein Strom,
1027
Wie ein Meer – so gebeutst Du – von dem Lichtthron sich herab
1028
Der Erschaffenen Glück! Erzengel, merkt auf,
1029
Wie das Heilmeer durch den Weltkreis weit sich ergeußt!

1030
Ihr, Ihr saht's von Beginn, da die Nacht uns noch umgab,
1031
Es der Tod noch verbarg, ach, da noch Gott wir, o der Staub,
1032
Aus der Nacht, von dem Grab her, richteten, Gott
1033
Mit Erbarmung es vernahm, schwieg, Blitze nicht warf!«

1034
Unterdeß, da Jesus den Weg durch die Heitre zum Throne
1035
Gottes ging, entschied er von fern das Schicksal der Seelen,
1036
Welche das Leben der Sterblichkeit jetzt verließen. Sie mußten
1037
Sinken oder steigen, nachdem in ihnen der Richter
1038
Trieb' erschuf, sich empor zu der Wonne Gefilden zu heben
1039
Oder hinab sich zu senken, hinab, wo die ewige Nacht herrscht.

1040
Jetzt rief einer der hohen Triumphbegleiter: »Es steigen,
1041
Sieh, aus allen Landen, aus allen Völkern der Erde,
1042
Steigen Seelen herauf!« Ein Anderer rief in der Wonne
1043
Seines Herzens den Auferstandenen zu: »Der Entschlafnen
1044
Seelen machen sich auf und werden Licht; denn ihr Licht strahlt
1045
Ihnen entgegen, und vor ihnen geht des Versöhners
1046
Herrlichkeit auf!« Der Unsterbliche schwieg. Noch war es den Seelen
1047
Unbekannt, wer Der in der Mitte dieses Triumphs sei,
1048
Wer die Schaaren um ihn; bald aber erkannten sie Menschen
1049
Unter den Schaaren, und süßes Gefühl, daß sie Menschen erblickten,
1050
Ueberströmete sie. Doch da sie von Antlitz zu Antlitz
1051
Ihre Brüder sahn, erstaunten sie, zweifelten, sanftes
1052
Schauers voll. Denn die Auferstandnen, nun Himmlischen, waren
1053
Furchtbar und schön, voll Hoheit, wie keine Hoheit sie kannten,
1054
Waren vielleicht auch Götter. Allein der Götter einer
1055
Sprach zu ihnen, und lieblich erscholl des Redenden Stimme:

1056
»menschen waren wir einst, wie Ihr vor Kurzem noch waret;
1057
Aber
1058
Welchen Ihr wandeln hier bei den Sternen seht, mit des Urlichts
1059
Glanze bedeckt und mit Wundenmalen. Lernet, Ihr könnt hier
1060
Vieles lernen! Erwählet ihn Euch zum Helfer; erwählet
1061
Ihn auch nicht! So frei wie jetzt seid Ihr niemals gewesen.«

1062
Dreimal die Zeit, die ein Engel, bevor er von einem Entschlusse
1063
Uebergeht zu dem andern, die dann der Unsterbliche zweifelt,
1064
Folgten die Seelen jetzo nur nach und blieben auf einem
1065
Sterne zurück und warteten dort auf Lehrer, die Jesus
1066
Ihnen würde – Gabriel rief's – von dem Thron zusenden.

1067
Weit in der Ferne sah des Ewigen Thron die Triumphschaar
1068
Und des Allerheiligsten Nacht an des Ewigen Throne.
1069
Schon verhüllten ihr Antlitz mit ihren Flügeln der Engel
1070
Viele. Das Antlitz Deß, der geopfert auf Golgatha's Altar
1071
Blutete, ward lichtheller. Ein Chor Erstandener bebte
1072
Freudig, und erst nach langem Verstummen begann es von Neuem
1073
Seine Psalme, begann's hinauf nach Sion zu singen:

1074
»begleit ihn zum Thron auf, o Lichtheer,
1075
Mit der Harf' ihn, der Posaun' Hall und dem Chorpsalm,
1076
Jesus, Gottes Sohn! Menschlich ist er,
1077
Gnädig! Das rufest Du laut, blutiger Altar!

1078
Es preis' ihn der Toderb' und Seraph,
1079
Es erheb' ihn die Versammlung der Gerechten,
1080
Jesus! Hehr ist er, heilig! Es gab,
1081
Siehe, dem Herrlichen Jehovah das Gericht!

1082
Es sing' ihm der Heilerb' und Cherub,
1083
O Ihr Chör' all' in dem Lichtheer, Hosianna!
1084
Jesus, Sohn, Du bist König der Welt,
1085
Ewiger König der Stadt Gottes in der Höh'!

1086
Wie wirst Du am Thron Den empfangen,
1087
Der es ganz litt, der es ganz that, den Vollender,
1088
Vater, Du den Sohn! Donner des Throns,
1089
Gebt der Unsterblichen Chor Flügel und Triumph!«

1090
Und sie schwiegen. Es schwebt' an einer Sonne Gefilden
1091
Langsamer fort ein anderes Chor Erstandne. Sie sangen
1092
Ihm, der stets lichtheller des Vaters Rechte sich nahte:

1093
»o Vollender, wie wird er, der ewig ist, Dich
1094
Auf des Throns Höhn empfangen! Ewiger, wie wirst
1095
Du hingehn, des Herrn Sohn den Herrn schaun, der erhabne,
1096
Der unendliche Genoß Deß, der sein wird und war!

1097
Du o Licht von dem Licht, Gottmensch, groß durch den Tod
1098
An dem Kreuz! Hehr Sühnopfer! Herrlicherer Dem,
1099
Der abfiel und umkehrt, der, Staub, schlief und darauf erst,
1100
Ein Unsterblicher wie sie, Glanz der Engel empfäht!

1101
Der erlösende Sohn, Allerheiligstes, ging
1102
In die Nacht Deines Grauns ein! Aber wie hat ihn
1103
Erhöht Gott! Ihr Knie sinkt dem Aufgang aus der Höhe,
1104
Dem Erniederten und Herrn, aller Endlichen Knie!

1105
Und wie schallet empor, hoch im Himmel empor
1106
Und im Staub ihres Zurufs Wonnemelodie!
1107
Erhöht wird des Herrn Sohn, der Gottmensch, der Gesalbte,
1108
Dem Unendlichen zum Preis, Gott dem Vater zum Preis!«

1109
Auch sie schwiegen, und immer wurden der feirenden Chöre
1110
Weniger. Sieben Erstandne, die ersten unter den Menschen,
1111
Schwungen sich freudigzitternd hervor und sangen dem Sohne:

1112
»mißt nicht mit Maaß Endlichkeit uns? Wir erheben,
1113
Selig dadurch, die Vollendung des Erstandnen.
1114
Ach, der Wonne Gefühl soll ewig
1115
Tönen im Strom des Gesangs!

1116
Aber was ist gegen den Preis der Erschaffnen,
1117
Vater, Dein Blick, Du Erhöher zu des Throns Glanz,
1118
Dein Anschauen! Verstummt, Strom, stündst Du,
1119
Winkte nicht Eile Dir Gott!

1120
Danke dem Herrn! Preise, daß er uns vergönnt hat,
1121
Endlichen, ihm mit dem Stammeln des Triumphlieds,
1122
Ihm mit feirendem Psalm zu singen,
1123
Mit der Erstaunungen Ruf!

1124
Herrlich ist er, selig ist er, und des Donners
1125
Seiner Gewalt, wenn er handelt und beseligt,
1126
Nachhall unser Gesang. Strömt, Jubel,
1127
Jauchzet den Thaten des Herrn!

1128
Mittler, zu Dem steigst Du hinauf! Es erhebt Dich
1129
Der zu der Höh', o Messias, zu der Höhn Höh'
1130
Seiner Rechte! Begleit ihn, Siegslied,
1131
Bis zu dem Fuße des Throns!«

1132
Aber hundert Cherubim schwebten hervor und enthüllten
1133
Wieder ihr Antlitz und wiesen hoch mit der Palme gen Himmel.

1134
»begleit ihn zum Thron auf, Triumphheer,
1135
Mit der Harf' ihn, der Posaun' Hall und dem Chorpsalm,
1136
Jesus, Gottes Sohn! Herrscher ist er,
1137
Herrscher! Das rufet Ihr laut, Donner um den Thron!

1138
Es ruf' ihm der Heilerb' und Cherub,
1139
O, Ihr Chör' all' in dem Lichtheer, Hosianna!
1140
Jesus, Gottes Sohn, Dulder, Du steigst,
1141
Todter, zur Rechte des Herrn, Ewiger, empor!«

1142
Jetzo kam der Triumph dem Himmel so nah, daß Jehovah's
1143
Thron sie im Glanz herstrahlen der ganzen Herrlichkeit sahen.
1144
Da den Triumph, den Triumph die nähesten Engel erblickten,
1145
Standen sie alle zuerst erstaunt; bald aber erhub sich
1146
Wonnausruf voll frohes Erschreckens. Die Stunde, da Christus
1147
Wieder würde, der Ueberwinder, den Himmel betreten,
1148
War der Himmlischen keinem bekannt, war's selber der Thronen
1149
Ersten nicht. Sie hatten nur fern mit der Welten Getöne
1150
Jubel gehört. Von Gebirge rief zu Gebirge, der Cherub
1151
Rief: »Der Messias!« dem Cherub; aus Hainen ruften in Haine
1152
Seelen und Seraphim sich: »Der Messias!« vom Strahl zu dem Strahle;
1153
Bis hinauf zu den Opferaltären, hinauf zu der hohen
1154
Wolke des Allerheiligsten scholl: »Der Messias!« hinaufscholl
1155
Zu dem Thron: »Der Messias!« daß weit um sie her der Wälder,
1156
Daß der Ströme Geräusch unhörbar ward, des Krystallmeers
1157
Woge selbst, vor der Stimme der Rufenden. Aber da Jesus,
1158
Da der große Vollender nunmehr mit einem der letzten
1159
Sonnenschimmer den Himmel betrat, da entsanken der Engel
1160
Kronen, da streuten mit sanfterer Freude die Himmlischen alle
1161
Palmen auf den erhabenen Weg, der zum Throne des Herrn führt.
1162
Auch die Triumphbegleiter, die Seraphim und die Erstandnen
1163
Streueten Palmen und gingen einher mit freudiger Demuth.
1164
Aber die Seelen, belastet vom neuen Himmelsgefühle,
1165
Wären in einem der Haine des Wegs geblieben, hätt' ihnen
1166
Gabriel nicht mit der goldnen Posaune zu folgen gerufen.

1167
Jesus nahte dem Thron. Da wurde stiller die Stille;
1168
Und da rufte den Seelen nicht mehr die Posaune; die Väter
1169
Standen; noch folgten die Engel; nicht lang', so blieben auch sie stehn,
1170
Sanken nieder, daß sie anbeteten. Gabriel hatte,
1171
Keiner der Endlichen sonst, des Thrones unterste Stufe
1172
Mit dem Messias betreten. Dort kniet' er, beinah unsichtbar
1173
Durch den herunterströmenden Glanz, und schaute zu Gott auf.

1174
Siehe, der Hocherhabene war, der Unendliche war, er,
1175
Den noch Alle kennen, dem Alle danken noch werden,
1176
Aller Freudenthränen noch weinen, Gott und der Vater
1177
Unseres Mittlers, der Allbarmherzige war in der vollen
1178
Gottesliebe verklärt! Der Sohn des Vaters, des Bundes
1179
Stifter, er, der erwürgt von dem Anbeginne der Welt ist,
1180
Den noch Alle kennen, dem Alle danken noch werden,
1181
Aller Freudenthränen noch weinen, siehe, das Opfer
1182
Für die Sünde der Welt, der Getödtete war, der Erstandne,
1183
Jesus, der Mittler, der Allbarmherzige war in der vollen
1184
Gottesliebe verklärt! So sah den Vater der Himmel
1185
Aller Himmel! So sahe den Sohn des Vaters aller
1186
Himmel Himmel! Indem betrat die Höhe des Thrones
1187
Jesus Christus und setzete sich zu der Rechte des Vaters.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Gottlieb Klopstock
(17241803)

* 02.07.1724 in Quedlinburg, † 14.03.1803 in Hamburg

männlich, geb. Klopstock

deutscher Autor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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