144
Als sie es sangen, erblickten sie fern bei der glänzenden Aehre
145
Seelen und Cherubim, welche die Seelen herauf zum Versöhner
146
Führten. Die Cherubim flogen den Flug der Wonne; die Seelen
147
Schwebten mit zitternder Freude daher. Es ist vollendet!
148
Hatte gerufen am Kreuz ihr Versöhner. Frömmere Todte,
149
Die in Gräbern und Flammen vor Kurzem die Sterblichkeit ließen,
150
Seelen aus allen Völkern, aus allen Winden der Erde
151
Waren's. Sie wurden seit der Vollendung, also gebot er,
152
Bis zu der Zeit des Triumphs in den Hainen der Aehre versammelt.
153
Und die bebende Schaar schwebt' immer höher. Sie riefen,
154
Weineten, riefen den Ruf der Erstaunung über die Gottheit,
155
Ach, den ersten! Ein Chor Erstandner empfing mit Jubel
156
Ihre begnadigten Brüder. So sang es ihnen entgegen:
201
Jesus Christus beherrschte sein Volk von Abraham's Ruf an
202
Bis zu dem Tage, da er in der Hütte Bethlehm's weinte.
203
Und die Wunder des Göttlichen unter dem Volke der Gnade
204
Und des Gerichts besangen die Chöre des frohen Triumphheers.
205
Feuriger schwung sich ihr Psalm. Mit der schnellen Wahl der Entzückung
206
Eilten von Wunder zu Wunder sie fort. Wie ein schimmerndes Chor flog
207
Unter dem Silbergetön der Saiten, so sang's zu dem andern
208
Hellen Chore, das kaum der Begeisterung Jubel zurückhielt.
209
Todesengel erhuben die ernste Stimme, sie sangen:
461
Wie der freudige Fromme, der jetzt die Gräber nicht denket
462
Oder, denket er sie, mit dem Troste der Auferstehung
463
Ihre Nächte durchstrahlt, wie der, wenn der Morgen im Frühling
464
Ihm erwacht, mit Wonn' in dem Aug' in die schönen Gefilde
465
Weit umherblickt, laut sein Gebet dem Schöpfer des Frühlings
466
Hinströmt: also schauten umher und ertönten vom Jubel
467
Chöre Seraphim, da in der Straße des Lichts des Triumphes
468
Heerschaar schwebt', und mit strahlenden Meeren der hellere Himmel
469
Sie umgab, und die Stern' in Gedräng zu Tausenden wallten.
470
Dieser Jubel der Seraphim scholl umher in den Sternen:
500
Da stets weiter empor in der Straße des Lichts der Triumph stieg,
501
Ward nicht ferne von ihnen ein Stern, der Sonnenbegleiter
502
Einer, verwandelt. Erschütterung ging von Wende zu Wende
503
Durch die Mitte des Sterns. Er zerspaltet' in Lande. Gebirge
504
Krachten, flammten, und brausender dampften Meere gen Himmel.
505
Fürchterlich war's selbst Engeln zu sehn, wie in Irr' Urkräfte
506
Wankten, es bildeten, Saat aufschwoll der neuen Erschaffung.
581
Christus' Triumph erreichte den Stern der unschuldigen Menschen
582
Und der unsterblichen. Ueber den hohen Gefilden des Sternes
583
Schwebt' er einher. Die Unsterblichen sahn den strahlenden Heerzug,
584
Sahn den Versöhner und, ach, die Auferstandnen vom Tode.
585
Haufen schauten; allein bald wurden die Haufen zu Schaaren,
586
Bald die Schaaren zu Heeren. Das Haupt gen Himmel erhoben,
587
Standen sie, unter ihnen der Erstgeschaffne. »Vollender!«
588
Rief er und sank auf sein Knie, um ihn die Unsterblichen alle.
589
Haine riefen Hainen, und Bergen Berge: »Vollender!«
590
Unter sie hin war Toa getreten. Der Richtende hatt' ihn
591
Wieder hinauf in das Leben geführt. Der Frohste der Frohen
592
War er, war ganz Dank, war ganz mit Empfindungen seiner
593
Neuen Unsterblichkeit überströmt. In dieser Entzückung
594
Rief er laut mit den Heeren der heiligen Menschen: »Vollender!«
595
Jetzt, da in seinem Triumphe der Sohn des Ewigen Psalme
596
Seiner Erhöhung vernahm und mit Wonne der Preisenden Freude
597
Ueberschwänglich belohnt', entstieg der Gräber Gefilden
598
Zweener Sterblichen Lied. Sie hatten Erstandne gesehen,
599
Hatten gelernt. Es wurd' ihr Lied von dem Ausgesöhnten
600
Und dem Versöhner gehört. Indem der Schatten des Baumes,
601
Ihnen Hütte jetzt, und Kühlung sanfterer Lüfte
602
Weht', und der Bach mitscholl, erhob sie die Stimme der Andacht,
603
Sie, die liebte den Herrn und ihres Lebens Gefährten:
633
»erwach, Harfengetön, und erhebe Dich
634
Dem Psalm nach zum Throne!
635
Dein Flug sei des Unendlichen Lob,
636
Des Herrn Preis Dein Festlied!
637
O, ihm, dem mit Entzückung
638
Harmonie des Gestirnheers emporsteigt,
639
Und Erzengel entflammendes Lob
640
In dem Anschaun ertönen,
641
O, lispl' auch, mein Gesang, sein Lob Dem!
642
Von dem Grab auch vernehme
643
Sein Lob Gott! Wie beginn' ich's? wie vollend' ich's?
644
O Vorschmack des Himmels,
645
Des Herrn Preis, wer singt Dich und erliegt nicht?
646
Was ihn sonst hob, versinkt jetzt,
647
Sein beseelteres Bild, wie der Schimmer
648
Von dem Aufgang Gemäld' ihm
649
Voll Goldglanz, wird ihm Dämmrung.
650
Wie ich kann, mit der Nacht Schein im Bilde,
651
Mit Nachhall und Laut nur,
652
Wenn der Chorpsalm zu dem Thron auf sich donnernd
653
Erhebt, sing' ich dem Herrn.
654
Wer gleicht Dir? wer, o Gott, ist, wie Du bist?
655
Des Seins tiefen Entwurf entwarfst Du,
656
Eh Gefühl war, Gedanken
657
Und Zweck war in der Endlichen Heer!
658
O der Aussaat, die, Gott, Du
659
Gesät hast und Aeon auf Aeon,
660
Daß sie reift', aufgehäufet.
661
O Rathschluß: Die Aeonen,
662
Wenn sie all' einst vorbei sind, wird Ernte
663
Ohn' Aufhören am Thron sein!
664
Die Erschaffung zu des Sohns Heil hast dann Du
665
Vollendet! O, dann führt das Glück uns
666
Und das Elend ins Lichtreich!
667
Was einst uns, dem Beglückten und dem Dulder,
668
Labyrinthweg und Nacht war,
669
Das führt uns zu dem ewigen Heil hin!
671
Der unsterbliche Mensch weg
672
Und empfindet Herannahn des Todes,
673
Herannahn der Verwesung,
674
Und verweint, in Wehklag' ergossen,
675
Den Beginn des Daseins
676
Und weiß doch, daß es Gott einst mit Wonne
677
Vollbringt, er, der ihn auch zu dem Heil schuf!
678
Ja, so, Gott, vollbringst Du's!
679
Ach, trüb' ist und Nacht ist der Gedanke,
680
Daß ins Loblied der Himmel
681
Der Angst Stimme sich mischt,
682
Und mit Thränen sich die Wehmuth von Gräbern
683
Emporhebt ins Getön, wo Entzückung
684
Der Chorpsalm zum Thron ruft
685
Und sanft Lispeln den Harfen entlockt,
686
Wenn in Dank weint die Wonne!«
725
Unbemerkter, nicht eine der Königinnen des Weltmeers,
726
Ruhete zwischen Wogengebirgen die einsame Patmos.
727
Aber es sollte dereinst wie Posaunen an ihrem Gestade
728
Dem erschallen, den sich der Offenbarer zum Seher
729
Auserkor, und in ihrer Haine Schatten der Gottmensch
730
Ihm erscheinen, umringt von sieben Leuchtern, gekleidet
731
In ein lichtes Gewand, mit Golde begürtet, das Haupthaar
732
Weiß wie Schnee, und Flamme sein Blick, wie die Sonne sein Antlitz.
733
Glühend Erzt war sein Fuß, von dem Munde ging ihm ein scharfes
734
Schneidendes Schwert, und er hielt in der Rechte sieben Sterne:
735
Eine Strahlengestalt, vor welcher wie todt der Seher
736
Hinsank. Richter der Welt war Der, vor welchem er hinsank.
737
Aber damals richtet' er noch sein großes Gericht nicht,
738
Sprach nur über sieben Gemeinen ihr erstes Urtheil;
739
Mit dem Ernste des Richterspruchs ertönte noch Gnade!
740
Und es hatten von diesem Gericht die ersten der Engel
741
Und die Väter, sie hatten von dieser Gnade, wie fern her,
742
Himmlische Stimmen vernommen. Sie sangen dem schonenden Richter,
743
Daß ihm in den Gemeinen, wie Thau aus der Morgenröthe,
744
Seine Kinder würden zum ewigen Leben geboren
745
Durch die neue Geburt, und daß er ihrer wie Mütter
746
Sich erbarmt', auch da, wo selbst die Herzen der Mütter
747
Fühllos würden, auch da sich Jesus Christus erbarmte.
861
Lange Reihn krystallener hochaufsteigender Berge
862
Sind in dem Stern Sarona. In ihnen sehn die Bewohner
863
Ferne Welten vergrößert und leuchtender; weiter ertönet
864
Dort der Widerhall und melodischer, wenn sich der Ausruf
865
Inniger Freud' ergießt bei neuer Erscheinungen Anblick.
866
Tausende wimmeln dann am Fuß der unendlichen Berge,
867
Tausende haben dann die breite Schulter, die lichte
868
Stirne der Berg' erstiegen und stehn tiefsinnig und schauen.
869
Jetzo schauten sie nicht tiefsinnig; ihr Auge war Wonne;
870
Denn es ging der Triumphheerzug bei Sarona vorüber.
871
Heller ward der Krystall, wo der Gottmensch schwebt' und zu Schönheit
872
Seine Herrlichkeit milderte. Dort ertönte der Nachhall
873
Reiner und neu, als bildet' er Laute des feirenden Heerzugs.
1040
Jetzt rief einer der hohen Triumphbegleiter: »Es steigen,
1041
Sieh, aus allen Landen, aus allen Völkern der Erde,
1042
Steigen Seelen herauf!« Ein Anderer rief in der Wonne
1043
Seines Herzens den Auferstandenen zu: »Der Entschlafnen
1044
Seelen machen sich auf und werden Licht; denn ihr Licht strahlt
1045
Ihnen entgegen, und vor ihnen geht des Versöhners
1046
Herrlichkeit auf!« Der Unsterbliche schwieg. Noch war es den Seelen
1047
Unbekannt, wer Der in der Mitte dieses Triumphs sei,
1048
Wer die Schaaren um ihn; bald aber erkannten sie Menschen
1049
Unter den Schaaren, und süßes Gefühl, daß sie Menschen erblickten,
1050
Ueberströmete sie. Doch da sie von Antlitz zu Antlitz
1051
Ihre Brüder sahn, erstaunten sie, zweifelten, sanftes
1052
Schauers voll. Denn die Auferstandnen, nun Himmlischen, waren
1053
Furchtbar und schön, voll Hoheit, wie keine Hoheit sie kannten,
1054
Waren vielleicht auch Götter. Allein der Götter einer
1055
Sprach zu ihnen, und lieblich erscholl des Redenden Stimme:
1142
Jetzo kam der Triumph dem Himmel so nah, daß Jehovah's
1143
Thron sie im Glanz herstrahlen der ganzen Herrlichkeit sahen.
1144
Da den Triumph, den Triumph die nähesten Engel erblickten,
1145
Standen sie alle zuerst erstaunt; bald aber erhub sich
1146
Wonnausruf voll frohes Erschreckens. Die Stunde, da Christus
1147
Wieder würde, der Ueberwinder, den Himmel betreten,
1148
War der Himmlischen keinem bekannt, war's selber der Thronen
1149
Ersten nicht. Sie hatten nur fern mit der Welten Getöne
1150
Jubel gehört. Von Gebirge rief zu Gebirge, der Cherub
1151
Rief: »Der Messias!« dem Cherub; aus Hainen ruften in Haine
1152
Seelen und Seraphim sich: »Der Messias!« vom Strahl zu dem Strahle;
1153
Bis hinauf zu den Opferaltären, hinauf zu der hohen
1154
Wolke des Allerheiligsten scholl: »Der Messias!« hinaufscholl
1155
Zu dem Thron: »Der Messias!« daß weit um sie her der Wälder,
1156
Daß der Ströme Geräusch unhörbar ward, des Krystallmeers
1157
Woge selbst, vor der Stimme der Rufenden. Aber da Jesus,
1158
Da der große Vollender nunmehr mit einem der letzten
1159
Sonnenschimmer den Himmel betrat, da entsanken der Engel
1160
Kronen, da streuten mit sanfterer Freude die Himmlischen alle
1161
Palmen auf den erhabenen Weg, der zum Throne des Herrn führt.
1162
Auch die Triumphbegleiter, die Seraphim und die Erstandnen
1163
Streueten Palmen und gingen einher mit freudiger Demuth.
1164
Aber die Seelen, belastet vom neuen Himmelsgefühle,
1165
Wären in einem der Haine des Wegs geblieben, hätt' ihnen
1166
Gabriel nicht mit der goldnen Posaune zu folgen gerufen.
1167
Jesus nahte dem Thron. Da wurde stiller die Stille;
1168
Und da rufte den Seelen nicht mehr die Posaune; die Väter
1169
Standen; noch folgten die Engel; nicht lang', so blieben auch sie stehn,
1170
Sanken nieder, daß sie anbeteten. Gabriel hatte,
1171
Keiner der Endlichen sonst, des Thrones unterste Stufe
1172
Mit dem Messias betreten. Dort kniet' er, beinah unsichtbar
1173
Durch den herunterströmenden Glanz, und schaute zu Gott auf.
1174
Siehe, der Hocherhabene war, der Unendliche war, er,
1175
Den noch Alle kennen, dem Alle danken noch werden,
1176
Aller Freudenthränen noch weinen, Gott und der Vater
1177
Unseres Mittlers, der Allbarmherzige war in der vollen
1178
Gottesliebe verklärt! Der Sohn des Vaters, des Bundes
1179
Stifter, er, der erwürgt von dem Anbeginne der Welt ist,
1180
Den noch Alle kennen, dem Alle danken noch werden,
1181
Aller Freudenthränen noch weinen, siehe, das Opfer
1182
Für die Sünde der Welt, der Getödtete war, der Erstandne,
1183
Jesus, der Mittler, der Allbarmherzige war in der vollen
1184
Gottesliebe verklärt! So sah den Vater der Himmel
1185
Aller Himmel! So sahe den Sohn des Vaters aller
1186
Himmel Himmel! Indem betrat die Höhe des Thrones
1187
Jesus Christus und setzete sich zu der Rechte des Vaters.