1
Einen Anblick des ernsten Gerichts verhüllte der Menschen
2
Vater durch Schweigen. Er sah in der Mitte des großen, gedrängten,
3
Unabsehlichen Heers der auferstandenen Todten
4
Eva auf einem Hügel stehn und mit fliegenden Haaren,
5
Ausgebreiteten Armen, mit glühender Wange, mit vollen
6
Innigen Tönen der Mutterstimme, wie nie noch ein Mensch sie
7
Oder ein Engel vernahm, um Gnade – sie lächelte weinend –
8
Flehn für die Kinder, um Gnad' empor zu dem Richter, um Gnade!
9
Aber auf einmal verschwand ihm der Schaueranblick; er hörte
10
Einige Male nur noch sanft Lispeln der himmlischen Harfen.
11
Mitleid daucht' es ihm erst, dann daucht' es ihm Freude. Doch jetzo
12
Hatt' auch dies sich verloren. Er sah von Neuem Gesichte.
13
Als erwach' er aus tiefen Gedanken, beginnet er wieder:
14
»nunmehr sah ich die Schnitter der Ernte die Schaaren hinauf gehn
15
Und hinab. Sie gingen mit scharfer Forschung Geberden
16
Langsam vorüber und schauten voll Ernst in die Schaaren und riefen:
17
›komm!‹ Dann führeten sie die Gerufnen, wie trübe Gedanken,
18
Stumm sie alle, wie Bilder am Grab, als Gräber noch waren,
19
Auf den Gerichtsplatz hin. Da ward ein Seraph gesendet;
20
Der trat langsam hervor und brachte den hohen Befehl mit:
21
›fallt auf das Angesicht nieder und hört das Urtheil, das vormals
22
In dem Leben der Stunden, allein für sich nur, der Fromme
23
Ueber Euch sprach und sich zitternd warnte, selbst selig zu werden!‹
24
Ach, ich sah sie erblassen und niederfallen zur Erde!
25
Und sie lagen und hielten zertrümmerte Felsen. Der Seraph
26
Trat stillschweigend zurück. In dem Glanze der reineren Tugend,
27
Mit der Hoheit der Religion, die er drüben am Grabe
28
Schon in ihrer Göttlichkeit sah, erhob sich der beste
29
Und der liebenswürdigste Jünger, der fromme Johannes.
30
Und die Aeltesten standen um ihn. Er erhob sich, die Stolzen,
31
Welche zur Erde niedergesunken auf dem Gerichtsplatz
32
Lagen, Die zu enthüllen, ihr Thun dem Tage zu zeigen.
33
Gleich dem Wetter des Mächtigen, traf er nicht jede der Tiefen,
34
Jede Höh' nicht, berührete nur hier Gipfel, dort Abgrund;
35
Ließ dann schweigen die schreckende Wolke. So sprach er: ›Ihr schuft Euch
36
Eigene Tugend und stelltet den Abgott über den Thron hin,
37
Wo des Richters Gesetz und neben dem ernsten Gesetz stand
38
Euer Gewissen. Der Heilige, der das zarte Gefühl selbst
39
Nach des Ewigen Richtschnur maß und doch um Erbarmung
40
Weinend flehete, war sich nicht rein und wußte, wer Gott sei;
41
Aber Ihr waret Euch rein; kaum, daß Ihr die große Versöhnung
42
Auch annahmet. Und dennoch habt Ihr die edle Begierde,
43
Welche zur Ehr' Euch rief, zu dem Stolz herunter erniedert;
44
Habt mit Strenge zu richten gewagt, wer besser als Ihr war,
45
Wer einfältiger, weiser, und tiefer drang in die Irre
46
Schwerer Pflichten, in sich geschärfter Gefühl des Guten
47
Weckte, dies Feuer nährte, mit Wahn und mit Strenge zu richten;
48
Euch unheilig erkühnt, die schweigende Tugend dem Schalle
49
Ihres Namens, dem Schimmer von ihr in der Könige Hütten
50
Oder auf anderer Höh' der Schattengröße des Menschen
51
Gleich zu halten. Ihr bautet Euch selbst Glückseligkeiten,
52
Tempel Eurer Erfindung, auf schmeichelnder Ruhe gegründet,
53
Aber nicht auf der heiligen Pflicht. Den Namen der Vorsicht
54
Nanntet Ihr zwar; doch trautet Ihr mehr dem Wege des Menschen,
55
Eurem Wege. Den höheren Geist, den Euch die Natur gab,
56
Habt Ihr weit von dem Zwecke verleitet, zu dem Ihr gemacht wart;
57
Habt der herzlichen, edlen, der frommen Menschlichkeit sanfte
58
Liedestöne so oft mit rauhem Klange vermischet.
59
So schien zwar nicht die That, des Gedankens Mißbild, so war
60
Aber das Herz in Verborgnem. Dort war es Euch Nacht, der Friede
61
Kam nicht in Euer Herz, dem Feinde ganz zu verzeihen,
62
Ihn in Stillem zu segnen. O, durft' auf die Krone denn hoffen,
63
Wer nicht rein war vor Gott? sogar vor dem eignen Gefühl nicht
64
Rein in der Stunde der Angst, traf's mächtiger ihn, daß er Mensch sei?
65
Wer sich selber nicht mehr entrann und doch um Erbarmung
66
Zu dem erhabnen Versöhner nicht rief? und doch zu dem Stolze
67
Wiederkehrte, zur eigenen Größe? sich selbst versöhnte?
68
Arme Ruhige, Sünder von Sündern, der letzte der Tage,
69
Konnte nur er Euch an Euch mit seinem Schrecken erinnern?
70
Und Euch konnte doch jede der Stunden des fliehenden Lebens
71
Mächtig lehren, daß über dem Grab ein Anderer richte
72
Als Ihr selbst! Erhebt Euch und seht die Ruhigern alle!
73
Schaut nun, welches Ziel Ihr verfehltet! Ein anderer Weg ging
74
Nach dem Ziel. Demuth, mehr Menschlichkeit, heißre Gebete
75
Haben bis hin zu der Krone den Schritt der Sieger geleitet.
76
Ihr habt niemals, wie sie, in Stunden wacherer Nächte
77
Weinend gerungen in tiefem Gebet. Ihr habet Euch niemals
78
Ganz des Elends erbarmt. Ihr habt die höchste der Freuden
79
Unter den Freuden der Menschen und Engel niemals empfunden:
80
Jene Freude, den Seher des Himmels allein zum Zeugen
81
Unserer Thaten zu haben, nur
82
Seliger, wenn den Menschen die That, so wir thaten, verhüllt war.
83
Niemals habt Ihr genug des Hocherhabnen, des Ersten,
84
Gottes Größe gekannt. Das ist es, daß Ihr von Ruhe
85
Lächelnd träumtet, allein bis zu jenem Frieden nicht kamet,
86
Der in der Thräne des Büßenden rann, die um Gnade nur flehte,
87
Nur um Gnade, durch Thränen und Blut des Versöhners erworben!‹
88
»also sprach er. Die Wag' erklang. Die leichtere Schale
89
Stieg nicht völlig empor. Der Gerichteten Schicksal ward Dämmrung,
90
Nacht nicht. Vielleicht, daß dereinst auch früher der Tag für sie aufgeht.
91
Graunvoll stand das Heer zu des Richters Linken. Vom Throne
92
Schwebten die Todesengel herab, daß Verworfne sie führten
93
In die Wohnung der ewigen Nacht. Sie trugen die Schrecken
94
Des auf dem Thron im richtenden Blick. Zu Tausenden wälzten,
95
Da sie schwebeten, Donnerwolken des hohen Gerichtstuhls
96
Ihrem eilenden Fluge sich nach. In einsamer Stille
97
Und mit sterbendem Blicke starr in die Tiefe gesenkt, stand
98
Abbadona. Ihm kam der Engel einer des Todes
99
Immer näher und näher. Er sah den Cherub, erkannt' ihn
100
Und erhub sich, zu sterben. Er schaute mit trüberem Auge
101
Auf den Richter und rief aus allen Tiefen der Seele.
102
Gegen ihn wandte das ganze Geschlecht der Menschen sein Antlitz
103
Und der Richter vom Thron. So sprach anbetend der Seraph:
104
›weil nun Alles geschehn ist, und auf den letzten der Tage
105
Diese Nacht der Ewigkeit folgt, so laß nur noch einmal
106
Du, der sitzt auf dem Throne, mit diesen Thränen Dich anschaun,
107
Die seit der Erde Geburt mein brechendes Auge geweint hat.
108
Schaue vom Thron, wo Du ruhst – Du hast ja selber gelitten –
109
Schau in das Elend herunter, wo wir Gerichteten stehen,
110
Auf den verlassensten aller Erschaffnen! Ich bitte nicht Gnade;
111
Aber laß um den Tod, Gottmensch Erbarmer, Dich bitten!
112
Siehe, diesen Felsen umfass' ich; hier will ich mich halten,
113
Wenn die Todesengel von Gott die Gerichteten führen.
114
Tausend Donner sind um Dich her, nimm einen der tausend,
115
Waffn' ihn mit Allmacht, tödte mich, Sohn, um Deiner Liebe,
116
Deiner Erbarmungen willen, mit denen Du heute begnadigst!
117
Ach, ich ward ja von Dir auch mit den Gerechten erschaffen;
118
Laß mich sterben! Vertilg aus Deiner Schöpfung den Anblick
119
Meines Jammers, und Abbadona sei ewig vergessen!
120
Meine Schöpfung sei aus, und leer die Stätte des bängsten
121
Und des verlassensten aller Erschaffnen! Dein Donner säumet,
122
Und Du hörest mich nicht. Ach, muß ich leben, so laß mich,
123
Von den Verworfnen gesondert, auf diesem dunklen Gerichtsplatz
124
Einsam bleiben, daß mir's in meinen Qualen ein Trost sei,
125
Tiefnachdenkend mich umzuschaun: Dort saß auf dem Throne
126
Mit hellglänzenden Wunden der Sohn! Da huben die Frommen
127
Sich auf schimmernden Wolken empor! Hier wurd' ich gerichtet!‹
128
Abbadona sank an den Felsen. In eilendem Fluge
129
Standen die Todesengel und wandten ihr Antlitz zum Richter.
130
Feierlich schwieg das Menschengeschlecht. Die Donner verstummten,
131
Die unaufhörlich vorher von dem Throne des Richtenden schollen.
132
Abbadona erwacht' und fühlte die Ewigkeit wieder;
133
Gegen ihn kam durch die wartenden Himmel die Stimme des Richters:
134
›abbadona, ich schuf Dich! ich kenne meine Geschöpfe,
135
Sehe den Wurm, eh er kriecht, den Seraph, eh er empfindet,
136
Kenn' in allen Tiefen des Herzens alle Gedanken;
137
Aber Du hast mich verlassen, und jene Gerichteten zeugen
138
Wider Dich auch: Du verführtest sie mit! Sie sind unsterblich!‹
139
Abbadona erhub sich und rang die Hände gen Himmel,
140
Also saget' er: ›Wenn Du mich kennst, und wenn Du den bängsten
141
Aller Engel gewürdiget hast, sein Elend zu sehen;
142
Wenn Dein göttliches Auge die Ewigkeiten durchschaut hat,
143
Die ich leide, so würdige mich, daß Dein Donner mich fasse,
144
Und Dein Arm sich meiner erbarme, vor Dir mich zu tödten!
145
Mittler, ich sinke betäubt in des Abgrunds furchtbarste Tiefe,
146
Und mein bebender Geist entflieht der Ewigkeit Schauplatz,
147
Stürzt sich hinab und ruft dem Tode, so oft ich es denke,
148
Daß Du mich schufst, und ich es nicht werth war, geschaffen zu werden!
149
Schau, wo Du richtest, herab und sieh, Du Erbarmer, mein Elend!
150
Laß nur einmal noch den erhabnen Gedanken mich denken,
151
Daß Du mich schufst, daß auch ich von dem besten der Wesen gemacht ward,
152
Und dann tilg auf ewig mich weg von der Schöpfungen Schauplatz!
153
Sei mir, Gedanke, gegrüßt, vor dem nahen Abschied von Allen,
154
Die Gott schuf, und dem Unerschaffnen der letzte Gedanke!
155
Da der vollendete Himmel in seinen Kreisen heraufkam,
156
Und der erste Jubelgesang die Unendlichkeit füllte;
158
All' auf einmal ergriff, die werdenden Engel sich fühlten;
159
Da der Einsame sich vor tausendmal Tausend enthüllte,
160
Wie er von Ewigkeit war, und zuerst der höchste Gedanke
161
Nicht allein mehr von Gott gedacht ward: da schuf mich mein Richter!
162
Damals kannt' ich kein Elend, kein Schmerz entweihte die Hoheit
163
Meines Geistes. Vor Allen, die ich, sie zu lieben, mir auskor,
164
War mir der Liebenswürdigste Gott. Mit schattendem Flügel
165
Deckte mich ewiges Heil. In jeder Aussicht sah ich
166
Seligkeiten um mich. Mir jauchzt' ich in meiner Entzückung,
167
Daß ich geschaffen war, zu. Ich war, geliebet zu werden
168
Von dem besten der Wesen. Ich maß mein daurendes Leben
169
Nach der Ewigkeit ab und zählte die seligen Tage
170
Nach der Zahl der Erbarmungen Gottes. Nun muß ich vergehen,
171
Länger nicht sein, nie wieder mit tiefer Bewunderung Gott schaun
172
Und an dem Throne des Sohns kein Halleluja mehr singen!
173
Werde denn, ewiger Geist, werd' aufgelöset! Vollendet
174
Ist der Zweck, zu dem Du geschaffen wurdest! Hier steh' ich,
175
Bete zum letzten Male Dich an, o, der auf des Schicksals
176
Nächtlichste, furchtbarste Höh' mich stellte, dort mich zum Zeugen
177
Erst der Huld, der Rache, der unerbittlichen, dann mich
178
Auserkor, daß Aeonen es sähn und ihr Antlitz verhüllten!‹
179
Also saget er, sinkt vor dem Richter aufs Angesicht nieder
180
Und erwartet den Tod. Und tiefe feirliche Stille
181
Breitet noch über den Himmel sich aus und über die Erde.
182
Damals erhob ich mein Auge und sah die Himmel herunter,
183
Und ich sah auf den goldenen Stühlen die Heiligen beben
184
Vor Erwarten der Dinge, die kommen sollten. Ich sah auch
185
Vor dem Heer der Verworfnen um Abbadonna, erwartend,
186
Glühender Stirn – es lagen um sie die nächtlichen Wolken
187
Unbeweglich – so sah ich die Todesengel. Sie wandten
188
Starr von Abbadona den Blick zu dem Throne des Richters.«
189
Hier verstummte der Vater der Menschen. Die Heiligen sahn ihn,
190
Als ob er unter ihnen noch einmal vom Tod erwachte,
191
Da er wieder begann: »Zuletzt, wie die Stimme des Vaters
192
Zu dem Sohn, wie der Jubel Nachhall, scholl von dem Throne
193
Diese Stimme: ›Komm, Abbadona, zu Deinem Erbarmer!‹«
194
Adam verstummte von Neuem. Da ihm die Sprache zurückkam,
195
Da er mit feuriggeflügelten Worten zu reden vermochte,
196
Sagt' er: »Schnell wie Gedanken der himmelsteigenden Andacht,
197
Wie auf Flügeln des Sturms, in dem der Ewige wandelt,
198
Schwung sich Abbadona empor und eilte zum Throne.
199
Als er daher in dem Himmel ging, da erwachte die Schönheit
200
Seiner heiligen Jugend im betenden Auge, das Gott sah,
201
Und die Ruh der Unsterblichen kam in des Seraphs Geberde.
202
So hat Keiner von uns an der Auferstehungen Tage
203
Ueber dem Staube gestanden, wie Abbadona daherging.
204
Abdiel konnte nicht mehr aushalten des Kommenden Anblick,
205
Schwung sich durch die Gerechten hervor; mit verbreiteten Armen
206
Jauchzet' er laut durch den Himmel. Die Wange glüht' ihm; die Krone
207
Klang um sein Haupt; er zittert' auf Abbadona herunter
208
Und umarmt' ihn. Der Liebende riß sich aus der Umarmung,
209
Sank dann zu den Füßen des Richters aufs Angesicht nieder.
210
Nun erhob sich umher in dem Himmel des lauten Weinens
211
Stimme, die Stimme der sanfteren Wonne. Der leiseren Harfen
212
Jubel entglitt den Stühlen der vierundzwanzig Gerechten,
213
Kam zu dem Stuhle des Sohns und sang von dem Todten, der lebte.
214
Wie kann ich reden die Worte, die Abbadona gesagt hat,
215
Da er am Thron aufstand und zu Dem auf dem Throne sich wandte?
216
Also sagt' er und lächelte Wonne des ewigen Lebens:
217
›o, mit welchen festlichen Namen, mit welchen Gebeten
218
Soll ich zuerst Dich nennen, der mein sich also erbarmt hat?
219
Kinder des Lichts, die ich liebte, zu Euch bin ich wiedergekommen!
220
Erstgeborne der Schöpfung und Ihr durch die Wunden des Sohnes
221
Erben des ewigen Lebens, wohin bin ich wiedergekommen?
222
Sagt mir, o sagt mir, wer rufte mir? weß war die Stimme vom Throne,
223
Die bei dem Namen mich nennte? Du bist die Quelle des Lebens,
224
Fülle der Herrlichkeit, ewiger Quell des ewigen Lebens!
225
Heil ist Dein Name! Du bist der Eingeborne des Vaters,
226
Licht vom Licht, bist der Allversöhner, das Lamm, das erwürgt ward!
227
Richter heißest Du auch! Ich will die Liebe Dich nennen!
228
Gott hat am Abend des Weltgerichts noch einmal erschaffen;
229
Denn ich war einer der Ewigtodten. Den letzten der Tage
230
Schuf er mich um und rief mich aus meines Todes Umschattung
231
Wieder zum ewigen Heil, das unaussprechlich wie Gott ist.
232
Halleluja, ein feirendes Halleluja, o Erster,
233
Sei Dir von mir auf ewig gesungen! Du sprachst zu dem Elend:
234
Sei nicht mehr! zu den Thränen: Ich hab' Euch alle gezählet!
235
Freudenthränen und Dank und Anbetung sei Dem auf dem Throne!‹
236
Jetzo ward mein Gesicht zu dunkeln Gestalten, die fliehend
237
Kamen, schwebten und fliehend am fernen Himmel verschwanden.
238
Endlich waren vor mir die dunkeln Erscheinung alle
239
Weggesunken; Gesicht war wieder, was ich erblickte.
240
Aber Jahre, so daucht' es von Neuem mich, waren vergangen
241
Zwischen dem letzten Anblick und diesem, der nun vor mir aufging.
242
Schöner leuchtet' herunter und schrecklich nicht mehr des Thrones
243
Glanz und überstrahlte der Auferstehung Gefilde.
244
Weit, wie niemals mein Auge sah, in unendlicher Ferne
245
Sah ich die Schaarenheere der Ueberwinder gen Himmel
246
Wallen; die äußersten nur erkannt' ich. Es waren der ersten
247
Erde Kinder, die einst zum Meere wurde, da Gottes
248
Wagschal' auch erklang, und gewogen ward, wer von Adam
249
Sterblichkeit erbt', und die Seelen der Todten hinuntersanken
250
In ein furchtbar Gefängniß. Die waren jetzt von der Fessel
251
Alle befreit und wallten hinauf mit den Siegern gen Himmel.
252
Segnend schaut' ich den Seligen nach. Auf einmal erhub sich
253
Hinter mir Donnerton, und ich sah verwandelt die Erde
254
Werden, Ihr Engel des Allerheiligsten und Ihr Gebornen,
255
Sahe weit um mich her die Fluchbeladne zum Eden
256
Werden. Also erstand ich aus Staube; so ward die Erde
257
Eden aus Trümmer. Die Schöpfung erscholl umher, und die Sterne
258
Leuchteten heller. Noch hört' ich der Schöpfung Donner, noch strahlt' es
259
Mir von dem Himmel, als ich zu Euch nach meinem Gesicht kam.«
260
Jesus war von dem Tabor herabgekommen und stand jetzt
261
An dem Gestade des Sees Tiberias, neben ihm Engel,
262
Nur gesehen von ihm. Sie brachten Botschaft aus Welten,
263
Höreten schnelle Befehle, die Weltenschicksal entschieden.
264
Andere traten herzu, und andere wandten sich, eilten,
265
Mit Befehlen belastet, darüber sie staunten, darüber
266
Einst auch wir, wenn gesunken uns ist die Hülle des ersten
267
Lebens, der Geist der schlummernden Todten die Heitre durchwallet,
268
Staunen werden. Herauf war die Morgendämmrung gestiegen,
269
Und den Strahl des werdenden Tages milderte lichter
270
Nebel, ein Schleier, aus Glanz und weißem Dufte gewebet.
271
Ruh war auf die Gefild' umher, sanftathmende Stille
272
Ausgegossen. Ein Nachen entglitt da langsamsichtbar
273
Voll von Freunden dem lieblichen Duft des werdenden Tages.
274
Nackt bei dem überhangenden Netz stand vorn in dem Nachen
275
Kephas. Es saßen umher, mit silberhaarigem Haupte
276
Bartholomäus, Lebbäus, gelehnt auf ein Ruder, mit vollem
277
Freudeglänzenden Blicke der Zwilling, mit lächelnder Heitre
278
Selbst Nathanael, saßen die Zebedäiden, Jakobus
279
Mit den Gedanken im Himmel, Johannes beim Herrn auf der Erde.
280
Da sie näher heran zu dem Ufer kommen, erblicken
281
Sie den Mittler, allein sie erkennen ihn nicht; doch verehren
282
Sie den ernsten Fremdling, der dort des Morgens, in sanfte
283
Ruhe versenkt, und seiner Gedanken sich freut. J. »Von den Pilgern
284
Allen, welche die Götzen des Griechen oder der sieben
285
Mündungen Strom und seine Gebilder ließen, des Passa
286
Feier mit uns zu begehn und des Tempels Psalme zu hören,
287
Sah ich keinen so voll von Hoheit der Seele.« Jakobus
288
Sagt' es, und Didymus sprach: »O wär', den wir sehen, der Pilger
289
Einer der Auferstehung und jetzt mit dem Morgen gekommen,
290
Strahlender uns zu erscheinen, als leuchten Tage der Erde
291
Können, Sonnen es können! Mit scharfem Blicke, Lebbäus,
292
Siehst Du ihn an, mit unabwendbarem Auge des Forschers.«
293
L. »Ach, die Geberde des Sterblichen, der ein Himmlischer ist, die,
294
Die betracht' ich, o Thomas, erwarte den Flug, den die Wandlung
295
Nehmen wird, so eilend vielleicht, daß mein Aug' ihn nicht siehet.«
296
Aber der Fremdling redet mit ihnen: »Habet Ihr Speise,
297
Meine Kinder?« Sie hatten die Nacht vergebens gefischet,
298
Hatten der Speise nicht. Da sagte der Unbekannte:
299
»werfet das Netz zu der Rechte des Schiffs, so werdet Ihr finden.«
300
Und sie warfen es aus und konnten's nicht ziehn vor der Fische
301
Menge. Mit mehr Erwartungen richtete jetzo Lebbäus,
302
Richtete Thomas den forschenden Blick auf den Unbekannten.
303
Aber der Zug, so das Netz da, wo der Fremdling es sagte,
304
Und so schnell belastete, zeigt Johannes den Mittler.
305
Freudig ruft' er: »Es ist der Herr!« Da Kephas vernommen,
306
Daß es der Herr sei, eilet' er, gürtete sich mit dem Hemde,
307
Warf sich ins Meer, schwamm schnell heran zum Gestade, voll Unruh,
308
Christus näher zu sehn. Er sah ihn, erkannt' ihn. Die Andern
309
Eilten im Nachen, zogen das Netz mit den Fischen herüber,
310
Traten ans Land und erkannten, vor Wonne verstummt, den Versöhner.
311
Brod und Kohlen und Fisch' auf den Kohlen lagen vor ihnen
312
An dem Ufer. Der Göttliche sprach: »Bringt auch von den Fischen,
313
Die Ihr finget!« Und schnell sprang Kephas wieder ins Wasser,
314
Zog das schwere Netz voll großer Fische, das dennoch
315
Nicht zerriß, auf das Land, und Leben wimmelt' im Netze.
316
J. »Kommt und haltet das Mahl!« Sie hielten's. Vertraulich, mit Liebe
317
Saß er am Ufer unter den Wonnevollen und reichte
318
Ihnen Speise. Jetzt war das zweite der frohen Mahle,
319
Nach dem traurigen Mahl vor seinem Tode, geendet.
320
Und sie wandelten hin am Gestade. Der Göttliche sagte:
321
»simon Johanna, liebst Du mich mehr, als Diese mich lieben?«
322
Schnell tritt Petrus näher zu ihm, antwortet: »Du weißt, Herr,
323
Daß ich Dich liebe!« Mit inniger Huld sprach Jesus: »So weide
324
Meine Lämmer!« und schwieg nicht lang' und fragte noch einmal:
325
»simon Johanna, liebest Du mich?« In dem innersten Herzen
326
Fühlet es Kephas; noch trauert er nicht, antwortet: »Du weißt, Herr,
327
Daß ich Dich liebe!« Mit inniger Huld spricht Jesus: »So weide
328
Meine Schafe!« und steht und fragt den Gerührten noch einmal:
329
»simon Johanna, liebest Du mich?« Da kam in des Jüngers
330
Seele Traurigkeit, daß ihn der Herr zum dritten Mal fragte.
331
Und mit der Stimme der Wehmuth erwiderte Petrus: »Du weißt, Herr,
332
Alle Dinge, Du weißt, daß ich Dich liebe!« »So weide
333
Meine Schafe!« sprach der Versöhner. »Du warest ein Jüngling,
334
Kephas, und gürtetest Dich und wandeltest hin, wo Du wolltest.
335
Wenn das Alter Dir kommt, dann wirst Du die Händ' ausstrecken,
336
Andere werden Dich gürten, Dich Andere führen, Dich führen,
337
Wo Du nicht hin willst. Folge mir nach!« Der Jünger verstand es,
338
Welche Führung dies sei, und mit welchem Tod er, ein Zeuge
339
Deß, der erstand, Gott preisen würde. Jetzt wendete Kephas
340
Sich und sahe den Jünger auch folgen, den Jesus liebte,
341
Der an der Brust ihm lag bei dem traurigen Mahle der Scheidung.
342
Kephas sprach: »Was aber soll Der?« Der Erlöser erwidert:
343
»wenn ich will, daß er bleibe, bis ich komme, was geht dies
344
Dich an? Folge Du mir nach!« Nun sahe der Jünger
345
Auge den Auferstandnen nicht mehr. So erhebet das Meer sich,
346
Und so senkt es die Woge nieder und wird zur Ebne,
347
Wie vom Erschienenen unter einander die Einsamen sprachen.
348
»ja, ich folg' ihm nach,« rief Simon, »ich sterbe, wie er starb!
349
Gürtet und führt, ich sterbe, wie er! Du aber, Johannes,
350
Stirbst nicht, wie er! Du bist unsterblich.« J. »Du bist unsterblich!«
351
Rief Jakobus und hub zu dem Himmel sein Auge, vor Wonne
352
Trunken. Jh. »Ich unsterblich? Das sagt' er ja nicht.« L. »Bis er komme,
353
Bleiben! was sagt' er denn anders? Du bist, o Jünger der Liebe,
354
Bist unsterblich! Erkoren hat er für Deine Treue
355
Diesen Lohn, die Krone! Du bist unsterblich, Johannes!«
356
Freudig sagt' es Lebbäus, fuhr fort: »Das wurde noch Keinem!
357
Heil Dir, Seliger Gottes, zu Deiner großen Belohnung!
358
Eins nur ist mir Zweifel. Wir sterben und gehn zu dem Mittler;
359
Und Du bleibest zurück? Doch
360
Bis zu der Tage letztem, bei ihnen im Himmel, bei ihnen
361
Auf der Erde. Du stirbst nicht, Johannes!« Sie wandten sich, gingen,
362
Voll der künstigen Welt, zurück zu des Lebens Geschäften,
363
Ruderten hin und wieder und theileten aus in der Freude
364
Ihres Herzens das volle Netz, wo etwa ein Nachen
365
Lag, der auch bis zur Frühe, wie ihrer, vergebens umherglitt.
366
Sonnen gingen auf und gingen unter, und immer
367
Währte das erste Gericht des Versöhners. Schnelle Worte,
368
Schnellere Winke geboten den Engeln. Die zeugten, enthüllten
369
Flammenschrift; bald rollten sie wieder die Bücher zusammen,
370
Streuten nur wenig umher des furchtbaren Glanzes. Die Seelen
371
Redeten, schwebten verstummt. Kurz war des Richtenden Urtheil,
372
Traf gleich Blitzen, umglänzte wie Strahlen des Tags mit Wonne!
373
Lange hatte sich schon und weit der Ruf von des Mittlers
374
Auferstehung verbreitet, und daß die Jünger ihn sähen,
375
Und daß himmlische Zeugen aus jenen Hütten des Friedens
376
Zu den Sterblichen kämen, und er, von welchem die Todten
377
Zeugten, sei wieder hinab nach Galiläa gegangen,
378
Daß er von Neuem sich offenbare. Gesendete Freunde
379
Eilten umher und verkündeten freudig: »Auf dem Gebirge
380
Tabor sammeln sie sich, die der neuen Offenbarung
381
Herrlichkeit harren. Sie stehn in der Ceder Schatten und laben
382
Nicht an der Quelle sich, brechen kein Brod!« So riefen die Boten
383
Und verließen mit Eil' des Einen Hütte, zu kommen
384
Nach der Hütte des Andren. Der Göttliche wird sich noch einmal
385
Offenbaren. Er hat auch diese Gnade verheißen.
386
Auch ward dies dankweinenden Frommen von vielen der Todten
387
Die erstanden, verkündet. »O, eilt nach Tabor, wenn's anders
388
Theuer Euch ist, schon hier Euch wie Engel Gottes zu freuen!«
389
Lazarus stand auf Tabor im Cederschatten und sagte:
390
»vielen will er Seligkeit geben; er würde so lange
391
Sonst nicht säumen. Wir sind nur erst Zweihundert versammelt,
392
Und mehr sollen es sein, die er mit dem ersten Genusse
393
Seines Erbes erquicken, auf die er von ferne den Schimmer
394
Jenes Glanzes am Thron, die Morgenstrahlen der Tage
395
Seiner Ewigkeit ausstreun will. So harret denn, Brüder,
396
Dieses reicheren Maaßes der himmelvollen Erbarmung,
397
Harret sein, wie sie droben am Thron des Göttlichen harren!
398
Preiset seinen Namen und singet ihm Psalme des Tempels
399
Nun nicht mehr, singt Psalme der Erben dem göttlichen Sohne!
400
Wen das Feuer des Himmels entflammt, der singe dem Sohne,
401
Daß uns preisend finde, wer kommt, sein Antlitz zu sehen,
402
Daß den Erscheinenden Jubel der neuen Lieder empfangen!«
403
Und die Mutter des Todten, der lebte, begann. »Ich lernte,
404
Wenn nicht Eva zu sehr der Sterblichen nahte, des Thrones
405
Jubeltöne; doch auch mit des Menschen Stimme, dem Laute
406
Seiner Brüder auf Erden, will ich dem Erhabenen singen.
407
Komm und singe mit mir, die in Magdale's Thale zum Leben
408
Gott schuf.« Mg. »Ich mit der Mutter des Hocherhabnen ihm Lieder
409
Singen, die Ungeweihte von Gottes Flamme? dem Sohne
410
Preis ich stammeln? Wolan, ich folg' in der Ferne der Mutter;
411
Denn ich lieb' ihn! Du hast der Engel Gottes Triumphlied
412
Ueber der Krippe, Du hast, mit Eva's Harfe, des Thrones
413
Jubeltöne gehört und bist des Göttlichen Mutter;
414
Aber ich lieb' ihn auch! beginn, o Mutter des Todten!«
415
Mirjam ergriff den Psalter und hub ihr Auge gen Himmel;
416
Schon entströmte Begeistrung der sanfterschütterten Saite.
417
M. »Da die Engel des Throns um die Hütte Bethlehem's sangen,
418
Weinet' er; aber es ward der Preisenden Halleluja
419
Feirlicher, als sie rinnen die Thräne des Göttlichen sahen.«
420
Mg. »Ich, die Sünderin, sank zu seinen Füßen mit stiller
421
Reu', und er erbarmte sich mein, dem in Bethlem der Thränen
422
Mitleid floß, der mit Gnade den Preis der Himmlischen hörte.«
423
M. »In Gethsemane flossen dem Gottversöhner nicht Thränen;
424
Schweiß und Blut floß. Laut hat auch dieses um Gnade gerufen.«
425
Mg. »Als er Jerusalem sah, da weinet' er über ihr Elend!
426
Sammeln wollt' er die Armen, wie eine Henne die Küchlein
427
Unter ihre Flügel; allein sie wollten nicht kommen,
428
Wollten des Liebenden nicht und ruften in Gabbatha's Hallen:
429
Ueber uns komme sein Blut und über unsere Kinder!
430
Ach, es floß, und auch für sie, auf dem hohen Altare
431
Golgatha! Wandte nicht da von ihm das Gericht sein geschrecktes
432
Antlitz weg und floh? Scholl da die Hölle nicht dumpf auf,
433
Voll des Entsetzens vor ihm? Ward da sein Eid nicht erfüllet,
434
Den er dem Ewigen schwur: Ich will die Menschen erlösen!
435
Hat den Vollender nicht Gott mit Preis und Ehre gekrönet,
436
Seit er am Kreuze sein Haupt in die Nacht des Todes geneigt hat?
437
Ach, zu seiner Herrlichkeit schaut mit Wonne mein Blick auf;
438
Aber dennoch wend' ich ihn oft zu dem blutigen Altar
439
Wieder hin und beweine Den, deß Haupt in die Nacht sich
440
Neigte, gekrönt mit der Krone der Schmach auf der Schädelstätte.«
441
M. »Komm, wir harren Dein, uns lasten der süßen Erwartung
442
Freud' und Unruh, komm, Du, den nicht mehr auf dem Hügel
443
Krönet die Krone der Schmach, nicht mehr der Felsen des Grabmals
444
Hüllet in dunklere Nacht, als über Golgatha schwebte!«
445
Mg. »Komm, Du Toderweckter, Du Mächtiger, komm, der das Leben
446
Wiederbrachte, gesegnet mit allen Segen des Vaters!
447
Komm, wir schauen nach Dir hinab in die Thale, gen Himmel,
448
Auf die Gebirg' umher, mit innigem Blicke der frommen
449
Süßen Erwartung, o, komm zu Deiner ersten Gemeine!
450
Siehe, so wartet, die Freud' in dem Blick und geschmückt mit der Unschuld
451
Schmucke, die Braut des Bräutigams, wie der Gemeinen erste
452
Deiner wartet, der auferstand, zu erwecken die Todten!
453
Wallt, Gemeinen der Enkel, mit frohem Tritt zu der ersten
454
Grabe! sie wird, Euch wird der Herr des Lebens erwecken.
455
Wallet herzu, die Blume der Ernt' in der Hand und die Lippe
456
Seines Preises voll, zu Eurer Väter Gebeinen!«
457
Magdale unterbrach den Gesang durch Rufe der Freude:
458
»ach, sein Häuflein, die erste Gemeine mehret sich immer!
459
Seht Ihr, o Zeugen, kommen die neuen Zeugen auf jedem
460
Wege, der aus dem Thale nach Tabor's heiliger Höh' steigt?
461
Ach, wie auf allen Pfaden zur Wonne schneller des Pilgers
462
Stab sich bewegt, und dunkler der Staub der Füße sich wölket!
463
Ach, es eilen der Glücklichen viele, viel' der Erkornen
464
Christus' herauf, ihn wieder von Gott verkläret zu sehen!«
465
Aber Mirjam ließ den Gesang und die Saiten ertönen:
466
»ja, verklär' ihn auch mit dieser Klarheit, o Vater,
467
Daß das Antlitz des Menschensohns die erste Gemeine
468
Sehe mit Himmelswonne, sie seines Lichtes Ströme
469
Trinke, dadurch auf immer gelabt, und nach Troste nicht dürste,
470
Dann nach Erquickung nicht lechze, wenn nun das Schwert der Tyrannen
471
Ueber sie kommt, und sie, ihr letztes Zeugniß zu zeugen
472
Von dem Sohne Gottes, heran zu dem blutigen Tode
473
Gehen! Laß dann nicht säumende Qual die Nahen am Ziele
474
Ueberlasten und bald ihr Blut, o Erbarmender, reden!«
475
Mg. »Bin auch ich erkoren, das große Zeugniß zu zeugen,
476
Ich gewürdigt, zu gehn den blutigen Weg zu dem Grabe,
477
Sohn des Vaters, so wende nicht ganz, wenn ich langsam sterbe,
478
Dich von der Sinkenden. Mir genügt
479
M. »Dir genüget, nicht ihm, der Dein so sehr sich erbarmt hat,
480
Brosame nur zu geben. Wenn er zur Zeugin Dich rufet,
481
Siehe, so ist Dir keine der Qualen alle so sehr Qual,
482
Daß Du nicht wieder hörest die Himmelsstimme: Maria!
483
Und nicht wieder sinkst zu seinen Füßen. Am Grabe
484
Weilet er dann nicht mehr; er sitzt auf der Herrlichkeit Throne,
485
Herrscht an des Vaters Rechte, zu dessen Füßen Du dann sinkst!«
486
Mg. »O Du, der uns geliebt von dem Anbeginne der Welt hat,
487
Meine Seele verlanget nach Dir! Gieb Fülle der Gnade
488
Dann und jetzt, o, erscheine, Versöhner, und stärke die Zeugen
489
Zu dem blutigen Gange nach jenem Ziele, wo Palmen
490
Wehn, und Kronen des Lohns den Ueberwindenden strahlen!«
491
Also sangen Maria und Magdale. Viele der Engel
492
Und der Erstandenen waren herauf zu den Zeugen gekommen,
493
Und mit ihnen auch andere Zeugen. Da lehnt' Eloa
494
Sich auf die goldene Harfe und hörte des Göttlichen Mutter
495
Singen. David schwebete näher und hörte der Mutter
496
Freudeweinendes Lied. Da die nahenden Frommen vernahmen,
497
Daß mit dieser Wonne sie sang, da eilten sie schneller.
498
Also sprachen sie unter einander: »Ihr höret, wie freudig
499
Sie den Göttlichen preist. Vielleicht erblickt ihn ihr Auge
500
Schon auf der Hügel einem des Tabor? Vielleicht erhebt er
501
Dort bei einer der Cedern den Fuß, zu der Mutter zu gehen?«
502
Aber sie sahen ihn nicht. Noch folgten Andre, der Siebzig
503
Viele, mit ihnen sie Alle, die einst ihn verließen, und weinend
504
Diese, der Lahmen und Blinden noch viel' und der Tauben, die Christus
505
Hatte geheilt, und Todte, die er in das Leben gerufen;
506
Beor und Dilean auch, mit Joel Samma, Elkanan,
507
Cherubim auch, unsichtbar sie und die Märtyrerkrone,
508
Bersebon und Bethoron, und Engel mit Märtyrerkronen,
509
Tabitha, Stephanus, Joses und Portia. Neben ihr spielte,
510
Streute Blumen ihr in den Weg der Knabe Nephthoa,
511
Junge Blumen und Sprosse mit halbgebildetem Laube.
512
Vielmal sah er sie an und lächelte vielmal ihr Unschuld.
513
N. »Portia, so ist der Weg zu dem Himmel, und ich bin der Engel,
514
Der Dich führet!« Es stürzet' ihr oft die Zähre der Freude
515
Ueber die Wange. Sie war nicht Mutter; aber ein Knabe,
516
Nah den ewigen Hütten, geleitete sie zum Versöhner.
517
P. »Knabe, der Weg zu dem Himmel ist schön, und ich liebe den Engel,
518
Der mich führet.« N. »Ich liebe Dich auch; doch lieb' ich noch mehr einst
519
Da Dich, wo an dem Ende des Blumenweges uns andre
520
Cedern schatten und Palmen, der Frühling ewig uns schimmert.«
521
Joseph und Nikodemus erreichten die Beiden. Sie hörten
522
Erst ihr Gespräch und grüßten sie dann mit dem Gruße des Friedens,
523
Christus' Gruße, so oft er den Seinen sich offenbarte.
524
Und sie traten zu Magdale hin und der Mutter des Mittlers.
525
Mirjam sah die Heidin, und Freude befiel und Verwundrung
526
Sie, daß Christus schon itzt in den Himmel Portia rufe.
527
Und sie rührte die Harfe der neuen Jerusalem wieder:
528
»sohn des Vaters, noch mehrest Du stets der Erben des Lebens,
529
Deiner Seligen Schaar! Viel' hast Du heut Dir versammelt,
530
Daß sie Dein Antlitz sehn, den Gott von dem Tode geweckt hat!
531
Fest wird sie auf den heiligen Bergen gegründet, gegründet
532
Hoch auf dem Gipfel, der über die Sterne raget, des neuen
533
Bundes Salem. Ja, eile nur vor und verlier in die Zukunft
534
Dich, mein Blick. Wonn' ist es, zu sehen den Auferstandnen;
535
Aber Wonn' ist es auch, hinab zu schauen die Reihen
536
Jener Zeiten, in welchen die kleine Quelle, das Häuflein,
537
Heerschaar strömt. Du Herrlicher, wie begannest Du! Einer
538
Schwachen Sterblichen, die um Dich weint', erschienst Du zuerst; dann
539
Deinen hohen Aposteln, auf welche Geißel und Bande
540
Warten und Thron' im Gericht, und mehr als einmal, daß stark sie
541
Würden, eh sie hinaus aus dem Lager gingen, zu tragen
542
Deine Schmach mit Dir; dann dieser kleinen Gemeine.
543
Und wie fuhrest Du fort! Der Baum des Erkenntnisses Gottes
544
Wuchs und breitet' über die Völkerheere der Erde
545
Lebenschattend sich aus. Und wie vollendest Du's jetzo,
546
Sohn des Vaters, geopfert vom Anbeginne, der Söhnung
547
Lange zuvor geweiht, eh das Häuflein war und die Heerschaar.
548
Engel Gottes, ach, sie zerreißt, die Hülle zerreißet
549
Vor des Himmels Allerheiligstem! Werfet die Kronen
550
Nieder vor ihm, dem Thäter der Gottesthaten, die Palmen
551
Nieder vor Jesus Christus, dem Allvollender, und singet,
552
Singet das Halleluja der tausendmal tausend Schaaren!«
553
Aber sie ließ, in Erstaunen verloren, die Harfe sinken.
554
Lazarus, da er sie jetzt mehr als Fünfhundert gelagert
555
Sah vor der Mutter Christus' und sich, und wußte, sie wären
556
Erben des Heils und Erstlinge Gottes, die näher am Thron einst
557
Kronen trügen und wallten im Labyrinthe der Vorsicht,
558
Wie den gebahnten Weg in der Morgensonne der Wandrer,
559
Freut' er sich innig und ward von seiner Wonne Gedanken
560
Wie auf Flügeln getragen. Er stieg den Hügel, an dem er
561
Ruhet', hinauf und übersah noch einmal der Erben
562
Betende Schaar und blickte mit stillem Danke gen Himmel;
563
Aber nun trat er vorwärts, erhub die Hand und begann so:
564
»christus hat uns versammelt, die Lahmen, Blinden und Tauben
565
Und die Todten, versammelt die Geistesarmen, die Gottes
566
Hilfe nur kennen und keines Menschen Hilfe nicht kennen!
567
Ihr, zukünftige Zeugen des Auferstandenen, wißt es,
568
Daß er Euch auf den Berg der Verklärung sandte, damit Ihr
569
Seine Herrlichkeit säht und einst von der Herrlichkeit zeugtet,
570
Siehe, des Eingebornen des Vaters voll Wahrheit und Gnade,
571
Christus', welchem von Ewigkeit sei zu Ewigkeit Ehre
572
Und Anbetung! Ich hebe mein Haupt mit der Freude des Himmels
573
Ueber Euch auf und fleh' von dem liebevollen Erbarmer
574
Jetzo keinen Segen für Euch; Euch hat der Versöhner
575
Schon gesegnet, Christus Euch, der Erstandne, gesegnet
576
Mit der Verheißung, sich Euch auf Tabor zu offenbaren,
577
Euch dadurch gesegnet – Ihr blickt, wie ich, in der Zukunft
578
Fernen hinaus – mit Schmach um seines Namens willen
579
Unter Verfolgern, mit Arbeit und Schweiß in der mühsamen Laufbahn
580
Und mit Märtyrerblute! Denn droben lohnet die Arbeit,
581
Lohnet die Schmach und das Blut des Lebens Krone den Duldern.
582
Sehr bin ich begnadiget worden, habe der Heile
583
Gottes viel' empfangen und danke weinend dem Geber;
584
Aber mein Blut fließt nicht, von Jesus Christus zu zeugen;
585
Denn ich gehe früher hinauf, zu umpflanzen der Streiter
586
Hütte mit Kühlung. Gepriesen sei, der voran mich führet,
587
Euch nachsendet, hinauf zu dem ewigen Lohn, durch die enge
588
Pforte, den schmalen blutigen Weg, gepriesen des Mittlers
589
Heiliger Namen, ach, hochgelobt in Ewigkeit Christus'
590
Herrlicher Namen! O, duldet die Schmach und den bitteren Hohn gern
591
Derer, die Christus' Herrlichkeit leugnen, nicht kennen des Himmels
592
Herrn und der Erde! Denn sie, die Euer Zeugniß zu Gott bringt,
593
Aber deren Auge den Auferstandnen nicht sahe,
594
Werden auch die Schmach und den Hohn der Christusleugner
595
Dulden, den Dolch, so vom Blute nicht rauchet und dennoch tödtet,
596
Werden glauben und schaun! Gott gehet unter den Menschen
597
Seinen verborgenen Weg mit stillem Wandeln, doch endlich,
598
Wenn er dem Ziele sich naht, mit dem Donnergang der Entscheidung!«
599
Also sagt' er und blicket' umher und sah in dem Schatten
600
Eines Hügels Gefäße mit Speis' und Tranke, des Halmes
601
Frucht und der Rebe stehn. Schon redete Lazarus wieder:
602
»sondert Brod und Wein des Brudermahles und setzet
603
Vor den Zeugen es nieder, damit es geheiliget werde.
604
Ihr, die Ihr harret seiner Erscheinung, lasset sein Mahl uns
605
Halten, das heilige Mahl zu seines Todes Gedächtniß!«
606
Und sie hörten es freudig ihn sagen und sendeten sieben
607
Jünglinge, Brod zu sondern und Wein, und lagerten näher
608
Sich an einander. Schon begannen Viele zu knieen,
609
Viele die Hände, mit Thränen im Blick, gen Himmel zu falten.
610
Und die Jünglinge brachten das Brod und den Wein, und sie setzten
611
Vor der Versammlung es nieder. Als Lazarus aber hinzutrat,
612
Stand und mit denkendem Blick die festgefalteten Hände
613
Hoch gen Himmel erhob und zu reden jetzo beginnen
614
Wollte, da drangen ringsumher mit Schauer der Wonne
615
Und mit ihren Thränen die Cherubim und die Erstandnen
616
Zu der Gemeine Christus' herzu; und Lazarus sagte
617
Feierlichernst, und als fleht' er zugleich dem Geopferten Gottes:
618
»jesus Christus, unser Versöhner, in seiner Leiden
619
Schrecklichen Nacht, da er verrathen wurde zum Tode,
620
Nahm er Brod und danket' und brach's und gab es den Jüngern:
621
Nehmet und esset. Das ist mein Leib, den ich für Euch gebe.
622
Dieses thut, so oft Ihr es thut, zu meinem Gedächtniß.
623
Jesus Christus, unser Versöhner, in seiner Leiden
624
Schrecklichen Nacht, da sein Schweiß und sein Blut in Gethsemane träufte,
625
Nahm er den Kelch und danket' und gab ihn den Jüngern und sagte:
626
Trinket All' aus dem Kelche des neuen Bundes, gestiftet
627
Durch mein Blut, das ich für Eure Sünde vergieße.
628
Dieses thut, so oft Ihr ihn trinkt, zu meinem Gedächtniß.«
629
Sie empfingen das Mahl des Versöhners mit inniger Demuth
630
Und mit festem Entschluß, treu bis an das Ende zu bleiben.
631
Und indem sie sich näherten oder wieder sich wandten,
632
Stärkten sie sich und riefen sich zu: »Stets weiter im Wege,
633
Welcher zu Gott uns leitet! Am Ziel der erhabenen Laufbahn
634
Ist das Kleinod erst! – Schmach hat er selber geduldet,
635
Hat gelitten, wie Keinem von uns zu leiden gesetzt ist! –
636
Hochgelobet im Himmel und hochgelobet auf Erden
637
Sei der Mittler Gottes! Er hat die Versöhnung vollendet,
638
Sieh, es ist eingegangen ins Allerheiligste Christus,
639
Jesus Christus, der ewige Hohepriester! – Des Bundes
640
Kelch erquicke Dich noch, wenn das Herz Dir durstet, die Seele
641
Lechzt in der Märtyrerstunde! – Wie Dich der Engel, o Mutter,
642
Grüßte, so grüße Du mich, die Gesegnete Gottes! Zu seinem
643
Erbe bin ich, ich bin zu dem Sohn, dem Versöhner, gekommen!
644
Was ist alle Größe der Erde mir nun? Und es wartet
645
Höhere Wonne noch mein. Den göttlichen Unbekannten
646
Soll ich sehen, den Unerforschten, den Wunderbaren! –
647
Ach, zu dem Mahle des Heiles bin ich und jetzo gekommen,
648
Ich, der so elend war, ich selber! Wenn ich hinüber
649
Nach den Hütten der Ewigkeit geh', so ist es ein zweites
650
Leben der Seligkeit, das ich alsdann beginne! – Die Rebe
651
Letzet uns wieder mit ihm in des Vaters Reiche! Dann trinken
652
Wir die Ströme des Lebens umsonst! – Wenn seh' ich, wenn seh' ich
653
Offen den Himmel und Jesus stehn zu der Rechte des Vaters?
654
Ach, wenn wandl' ich den Weg des siebenten Jünglings? Auch jenen
655
Kelch des Todes trink' ich zu seines Todes Gedächtniß! –
656
Hochgelobt in dem Himmel und hochgelobt auf der Erde
657
Sei der Versöhner! – Je schwerer sie über Euch kommen, die Leiden
658
Dieser Welt, und je lauter gen Himmel sie rufen, je mehr sei
659
Euer Leben verborgen mit Christus in Gott! – Nach der Liebe
660
Mahle ging der Versöhner hinaus in Gethsemane. Blut troff
661
Da vom gesenkten Antlitz des Dulders herab, mit des Dulders
662
Todesschweiß, nach dem himmlischen Mahl! – Erbarme Dich meiner,
663
Mittler Gottes, den ich verließ, erbarme Dich meiner!
664
Laß getreu bis ans Ende mich sein! Ich säe mit Thränen,
665
Laß mich mit Freuden ernten, Versöhner! – Mir ward es geordnet,
666
Zweimal zu sterben. Ach, pflegt der Schlummer der lieblichen Dämmrung
667
Nicht dem Schlafe der Nacht nach kurzem Wachen zu folgen?
668
Dann, dann letzt mich die Rebe mit ihm in dem Reiche des Vaters,
669
Seines Todes Gedächtniß! O, die er mir sandte, Benoni,
670
Und Ihr anderen Engel, wo seid Ihr, mit mir Euch zu freuen?
671
Hochgelobt in dem Himmel und hochgelobt auf der Erde
672
Sei, der verrathen wurde zum Tod an dem Kreuze, dem Blut schon
673
In Gethsemane troff, eh auf dem Hügel sein Haupt sank!
674
Möcht' ich Stephanus' Weg und den Weg des siebenten Jünglings
675
Wallen zu Christus hinauf, zu Benoni hinauf und zu Samma,
676
Und zu Simeon Du, und Jesus Christus. Die Nacht nimmt
677
Er dem Auge dann und trocknet die Thränen Dir alle!
678
Bald sank mir die Nacht, dem Lebenden, bald wird, Elkanan,
679
Frömmerer Dulder, auch Dir die Nacht, dem Sterbenden, sinken!«
680
Aber Maria rief mit lauter Stimme gen Himmel:
681
»hoherpriester, des Ewigen Sohn, ich gebar, ich gebar Dich!
682
Deinen Tod will ich, bis Du mir rufest, verkünden!
683
Hochgelobet im Himmel und hochgelobet auf Erden
684
Sei der Versöhner Gottes!« Da so sie sich stärkten und jetzt schon,
685
Wie an den Schwellen der ewigen Hütten, Worte des Lebens
686
Sich zuriefen, sahen sie Jesus an einer der Höhen
687
Niederkommen und gegen sich her den Göttlichen wandeln.
688
Ach, schon stand er nah vor ihnen. Auf einmal umschwebte
689
Aller Augen Entzückung. Wie Frühlingssäuseln im Walde
690
Sanft herrauscht, so ertönte der Redenden leiser Zuruf
691
Und der Weinenden, als die Ueberzeugung vom Himmel
692
Ihnen ward, und verwandelt wurd' ihr Glauben in Schauen.
693
Wie der Waller im Sonnenstrahl, der dürstet' und trank, noch
694
Dürstet und trinkt, so sahn sie mit Himmelsbegierde den Herrn an.
695
Aber er hielt sich nicht mehr und begann und sagte zu ihnen:
696
»kindlein, Heil sei und Friede mit Euch! In dem Hause des Vaters
697
Sind der Wohnungen viel'. Ich geh' und bereite darin Euch
698
Stätten und kehr' in dem Tode zu Jedem wieder und nehm' ihn
699
Auf zu mir, daß er sei, wo ich bin. Wenn Ihr mich liebet,
700
Haltet Ihr, was ich gebot. Ich fleh' zu dem Vater, er sendet
701
Euch den Tröster, den Geist der Wahrheit, welchen die Sünder
702
Nicht zu empfahn vermögen. Sie kennen ihn nicht; Ihr aber
703
Werdet ihn kennen, wenn er mit Euch sich vereint, und mit ihm Ihr
704
Euch vereiniget. Sieh, ich verlass' Euch nicht, wie im Tode
705
Ihre Waisen die Mutter verläßt. Denn ich kehre wieder,
706
Euer Führer, der Euch hinauf zur Erkenntniß des Himmels
707
Bringt und dem ewigen Leben. Denn hier schon werdet Ihr lernen,
708
Daß mit dem Vater vereint ich bin, und mit mir vereint Ihr
709
Seid, und ich mit Euch. Wer, was ich habe geboten,
710
Weiß und hält, Der liebet mich, und Den wird der Vater
711
Lieben; und ich werd' ihn lieben und ihm mich offenbaren!«
712
Jetzo sah auf einmal Elkanan den Göttlichen stehen
713
Unter den weinenden Zeugen, und rufend sank er zur Erde,
714
Richtete, wie von dem Tode, sich auf. Noch sagte der Mittler:
715
»ja, wir werden ihn lieben, ich und der Vater, und kommen
716
Und bei ihm wohnen. Ich bin der Weinstock, und der Vater
717
Ist Weingärtner, Ihr seid die Reben. Jede der Reben,
718
Welche nicht Frucht trägt, schneidet er ab; und jede, die Frucht trägt,
719
Reiniget er, daß der Früchte noch mehr die herrliche trage.
720
Ihr erkort mich nicht; ich aber hab' Euch erkoren,
721
Euch Gedeihen gegeben, daß Frucht Ihr trüget und wüchset
722
In die Ewigkeit! Hört mein großes Gebot, und ein Labsal
723
Sei es Euch, denn die Welt wird, wie mich sie gehaßt hat, Euch hassen:
724
Liebet Euch unter einander! Ich lass' Euch meinen Frieden,
725
Meinen Frieden geb' ich Euch. Ihm gleichet der Erde
726
Friede nicht. Mit Ruh und mit Unerschrockenheit stärk' er
727
Eure Seelen! Ihr werdet Euch freuen, wenn Ihr mich liebet!«
728
Also hörten sie ihn die letzten Worte der Weihung
729
Zu dem nahenden Kampf und zu dem ewigen Leben
730
Sagen und sahn ihn nicht mehr. Als jetzt aus ihrer Entzückung
731
Freud' und Heiterkeit war und Ruh der Seele geworden,
732
Sahen sie nicht ferne von da, wo der Mittler sich wandte
733
Und verschwand, den Knaben Nephthoa, als schlummert' er, liegen.
734
Und sie wollten ihn wecken; allein der glückliche Knabe
735
War gestorben. Lazarus rief. »Auf, gehet und sammelt
736
Blumen, ich mach' ihm das Grab.« Sie gingen und sammelten Blumen.
737
Schon erhub sich neben Nephthoa, nun bald ihn zu decken,
738
Jener kleine Hügel, zu welchem wir All' einst kommen
739
Müssen, zu Staube Staub. Sie nahmen den lächelnden Knaben,
740
Senkten ihn nieder ins Grab und deckten ihn leise mit Erde
741
Und mit Blumen, die sie aus voller Hand auf die Stätte
742
Seiner Aussaat streuten. Sie wendeten sich und verließen
743
Tabor. Viele sahen noch oft sich um nach dem frischen
744
Blumenhügel; doch trübete Deren Auge nicht Wehmuth,
745
Denen Sterben Gewinn und Leben war der Erstandne.
746
Die von den Siebzigen waren auf Tabor gewesen, verließen
747
Jetzo den Berg der Verklärung und stiegen herab und kamen,
748
Seitwärts von Stegen geführt, in ein Palmenwäldchen des Thales.
749
Und sie fanden daselbst die heiligen Zwölfe versammelt,
750
Fanden, wer nicht von ihnen war auf Tabor gewesen.
751
Und sie verkündeten alles das Heil, das so Vielen vom Herrn ward,
752
Kurz, mit Flammenworten. Wie konnten sie reden? sie weinten!
753
Tiefes Schweigen und Vorgefühl des Himmels, ach, Wonne,
754
Dämmerung sie von dem Erbe des Lichts, war in der Versammlung.
755
Aber Jakobus entriß sich der Mitgenossen Umarmung.
756
»jünger des Herrn, wo eilest Du hin? Der Herr wird, der Herr wird
757
Seinen Kindlein erscheinen!« – »Ich geh' ihm entgegen, nach Tabor
758
Geh' ich zu ihm.« – »Wie würdest Du trauren, wenn er erschiene,
759
Und Du wärest nicht hier!« – »Er siehet Alles und weiß es,
760
Wie ich dürst', ihn zu sehn, und warum ich entgegen ihm gehe.
761
Laßt mich, ich werde nicht trauren.« Er ging. Bald kam er in hoher
762
Felsen Schatten und stand und hob die Hände gen Himmel:
763
»herr, Herr, Gott, noch erhebe Dich nicht zu Deinem Vater,
764
Ach, erhöre mein Flehn! Zwar hoffen wir Alle, Du werdest
765
Uns noch erscheinen; allein wie wissen wir's denn? Ach, verlaß uns,
766
Mittler Gottes, noch nicht! Ich habe vor Dir, Du Erbarmer,
767
Gnade gefunden. Ich will mich hier in der Höhle verbergen,
768
Niederknien und Dein Heil erwarten. Geh Du vorüber,
769
Siehe, so will ich von fern, Herr, Deiner Herrlichkeit nachsehn!«
770
Jesus Christus ergriff ihm die Hand, da er lag und ihm flehte,
771
Richtet' ihn auf und segnet' ihn ein zu der himmlischen Sendung.
772
Und der Selige folgte mit Freudausrufen und Beben
773
Christus den Weg hinab in das Palmenwäldchen des Thales.
774
Schon an dem fernen Fuße des Bergs erblickten die Jünger
775
Christus und neben dem Herrn den glücklichen Zebedäiden,
776
Sahen heller ihn leuchten, als sie, seitdem von dem Tod er
777
Auferstand, ihn gesehn, mehr über die Engel erhaben.
778
Und sie wollten entgegen ihm eilen; aber ein Engel
779
Winkete ihnen: sie sollten den Herrn bei den Palmen erwarten.
780
»denkst Du daran,« dies war ihr Gespräch, »wie wir ihn an dem Oelberg,
781
Von den Mördern umringt, die Hand in der Fessel, erblickten?
782
Wie mit dem weißen Gewand ihn Herodes höhnte? Pilatus
783
Ihm mit Dornen die Schläfe bewand? wie er zucken die Geißel
784
Auf die Schulter des Strahlenden ließ? Ach, wird er gen Himmel
785
Schon sich erheben? und ist dies Wiedersehen das letzte?
786
Scheidung von ihm, o Du vor allen, die je von einander
787
Blutende Herzen trennten, die bängste, bitterste, trübste,
788
Stummste, Du jammervollste, Du bist schon heute gekommen?
789
Scheidung von Jesus Christus!« – »Mir hüpfen die Berg' und die Hügel,
790
Mir frohlocket der Wald, mir schmückt mit reinerem Golde
791
Sich der Tag, mit lichterem Purpur, sanfterer Bläue
792
Mir der Himmel, so ist von der Freude das Herz mir durchdrungen;
793
Und Du weinest?« – »Denkt Ihr daran, wie das Kreuz er hinauftrug
794
Nach der Schädelstätte? wie dann er am Kreuze ... Wie Joseph
795
Ihn in das Sterbegewand einhüllte?« So sprachen die Zeugen
796
Unter einander und sanken hin auf die Kniee, da Christus
797
Näher kam, und breiteten aus die Arme nach Christus,
798
Nach dem Versöhner Gottes, der ganz nun ihnen genaht war.
799
Und er grüßete sie mit seinem himmlischen Gruße:
800
»friede sei mit Euch!« und er stand vor ihnen und sagte:
801
»wie ein verstummendes Lamm zu dem Opferaltare geführt wird,
802
Ging er geduldig einher und schwieg. Ich werd', Ihr Geliebten,
803
Bald nicht mehr mit Euch des Wiedersehens genießen
804
Auf der Erde, mit Euch von Honigseime nicht essen,
805
Noch, was Ihr in der Frühe des Tags am Gestade bereitet,
806
Nicht im Schatten mehr ruhn; allein in den Hütten des Friedens,
807
Wo viel' Wohnungen sind, dort werdet Ihr Euren Messias
808
Wiedersehn und nebst den versammelten Vätern des Bundes
809
Freuden der Freundschaft empfahn, die Abschiednehmen nicht trennet!«
810
Und er sank vor den Zeugen in seiner Herrlichkeit nieder,
811
Betete mit erhabener Stimme: »Die Zeit war gekommen,
812
Deinen Eingebornen in seiner Schönheit zu zeigen.
813
Siehe, Du hast ihn gezeigt und bist verherrlichet worden,
814
Vater, durch ihn! Ihm hast Du gegeben die Sterblichen alle,
815
Daß er sie auferwecke vom Tod und ewiges Leben
816
Ihnen gebe. Das aber ist ewiges Leben, Dich, Vater,
817
Der Du der Ewige bist, und den Du gesandt hast, erkennen,
818
Jesus, den Sohn und den Herrscher. Ich sehe, Vater, im Geiste
819
Schon die Fülle der ganzen Vollendung. Ich hab' auf der Erde
820
Dich verherrlichet, habe vollführt der Gottheit Rathschluß!
821
Nun erwarten mich Kronen zu Deiner Rechte! Du wirst mir
822
Wieder die Herrlichkeit geben, die mein war, eh wir erschufen.
823
Deinen gefürchteten Namen hab' ich den Erwählten verkündigt
824
Aus den Sündern. Du gabest sie mir. Sie haben die Weisheit
825
Die ich sie lehrte – selbst ich bin ihr Zeuge – mit Treue gehalten.
826
Nun erkennen sie auch, daß, was ich habe, von Dir ist.
827
Denn ich habe sie Alles gelehrt, was Du selber mich lehrtest.
828
Also haben sie's aufgenommen, die göttliche Wahrheit
829
Tief in das Herz gefaßt, daß ich von dem Vater gesandt bin.
830
Vater, ich bitte für sie, für die Welt nicht, weil sie auch Dein sind,
831
Weil wir in jedem Besitz der Seligkeiten vereint sind!
832
Vater, ich bitte für sie! Denn auch durch sie bin ich herrlich.
833
Ich verlasse die Erde nun bald und kehre gen Himmel,
834
Vater, zu Dir zurück; sie aber bleiben auf Erden,
835
Sehn noch lange der Sünder Müh' und fühlen ihr Elend.
836
Laß sie, heiliger Vater, der hohen Erkenntniß getreu sein,
837
Die sie haben werden von Dem, der jetzo versöhnt ist.
838
Laß sie eins sein, wie wir: ein Haus voll Brüder! Ich sorgte
839
Selber für sie, da ich noch gleich ihnen Mensch war. Ich wachte
840
Ueber ihren unsterblichen Geist. Hier sind sie, mein Vater!
841
Keinen hab' ich verloren! Nur hat der Sohn des Verderbens
842
Mich verlassen und ist den Propheten ein Zeuge geworden.
843
Nunmehr komm' ich zu Dir. Das sag' ich, da ich bei ihnen
844
Noch auf der Welt bin, daß sie an meine Herrlichkeit denken
845
Und sich freuen, wie ich mich freue. Sie haben die Worte
846
Deines Lebens gehört. Der Sünder hat sie gehasset,
847
Wie er mich haßte. Nicht bitt' ich, daß Du der Erde sie nehmest;
848
Schütze sie nur vor ihrem Verfolger, dem Geist des Verderbens!
849
Heilige sie in Deiner Wahrheit! Dein Wort ist die Wahrheit!
850
Vater, ich ließ mein Leben für sie, damit sie gereinigt
851
Von der Sünde vor Dir erscheinen! Doch bitt' ich, o Vater,
852
Nicht für die Jünger allein. Der neuen Schöpfungen Kinder
853
Werden einst, wie aus dem Morgen der Thau, durch ihr Wort mir geboren.
854
Auch für Diese bitt' ich, mein Vater, daß Alle sie eins sei'n,
855
Wie wir eins sind, und daß die ganze Erd' es erkenne,
856
Daß Du mich, Vater, sandtest! Ich habe das ewige Leben,
857
Meine Herrlichkeit Denen gegeben, die Du mir geschenkt hast,
858
Daß sie eins sei'n, wie wir, zu
859
Alle vollendet, und daß die Sünder der Erd' es vernehmen:
860
Jesus sei von dem Himmel gesandt; Gott liebe die Kinder
861
Seiner Versöhnung, wie er den Erstling der Söhne geliebt hat!
862
Vater, es sollen meine Versöhnten zu mir sich versammeln,
863
Daß sie sei'n, wo ich bin, und meine Herrlichkeit sehen,
864
Jene, die Du mir, Liebender, gabst, eh die Himmel entstanden!
865
Dich verkennet die Welt, gerechter Vater; ich aber
866
Kenne Dich! Den Erwählten hab' ich enthüllt das Geheimniß
867
Meiner Sendung und Deiner Gottheit, und will's noch enthüllen,
868
Daß die Liebe, mit der Du mich liebtest, ihr Herz ergreife,
869
Und den unsterblichen Geist nur sein Versöhner erfülle.«
870
Also betet der Mittler, in Strahlen niedergesunken,
871
Und er richtet sich auf und entweicht der Sterblichen Auge.
872
Wenn erhabener Tempelgesang von der Auferstehung
873
Oder vom ewigen Licht, Erfindung der Töne, dem Liede
874
Gleich, und Stimme des Menschen und Hauch und Saite zu
875
Großen Zwecke vereint, mit Schönheit beginnt, jetzt steigend,
876
Sinkend jetzt fortfährt mit Schönheit, nun, steigender immer,
877
Inniger, sanfter, erschütternder mit Urschönheit endet;
878
Wie es dann den Hörenden ist: so war es (ich rede
879
Menschlich von himmlischen Dingen) den Jüngern, als sie den Herrn sahn,
880
Als sie strahlen ihn sahn und beten den Göttlichen hörten.
881
Aber sie machen endlich sich auf, verlassen die Palmen
882
Galiläa's und kehren zurück mit Wonne gen Salem.
883
Seraphim wallen mit ihnen hinauf, und vertieft in Gedanken
884
Ueber den großen Beginn des Reiches Gottes (sie waren
885
Jetzo nicht zu erscheinen gekommen), vergessen die Engel,
886
Daß die Jünger sie sehn, und kaum bemerken die Jünger,
887
Daß es Unsterbliche sind, die sie begleiten: so sehr ist
888
Ihre Seele versenkt in die Gnade der letzten Erscheinung.
889
Selber von Denen, mit welchen er der Erlösung sich freute,
890
Sonderte sich Johannes. Er wollt' allein mit Gott sein;
891
Und, gesunken in tiefe Stille der Seele, gesunken
892
Ueber des ewigen Heils Fortgang in ernste Betrachtung,
893
Wallt' er einher in der Zukunft Irre. Voll inniger Demuth
894
Wagt er mit Tritte des Menschen die Wege Gottes und fehlt sie.
895
Doch mit Entzückung umschwebt ihn der grübelnde Wahn und giebt ihm,
896
Ach, der Freuden des Irrthums viel' nach jenem Rathe
897
Gottes von unserem Glück, das steigt auf tausendmal tausend
898
Stufen, dem Rath für die denkenden Wesen alle, deß Umfang
899
Nie ein Endlicher maß, und der für die Ewigkeit zureicht.
900
Aber, so licht der Schein auch war, der des Glücklichen Tiefsinn
901
Täuschte, so fühlt' er doch oft, daß ein Leiter vom Himmel ihm fehlte.
902
Voll des süßesten Mitleids stand bei dem Betenden Salem,
903
Und der Unsterbliche sah, daß ein Schlummer von Gott auf den Jünger
904
Fiel. Bald hellte des Eingeschlafenen Antlitz der Engel
905
Lächeln. So fand den Erwachenden noch die Genossin am Kreuze
906
Und an dem Throne dereinst vor des Bundes großem Vollender.
907
Und er rief ihr entgegen, des Mittlers Mutter und seiner,
908
Freudelaut entgegen: »O Mutter Christus', ich lernte
909
Weisheit und künftiges Heil in diesem Schlummer voll Wonne.
910
Ach, es war ein Gesicht! Viel anders war, was ich sahe,
911
Als ich mir es dacht' in dem Wahne von Gottes Enthüllung.
912
Denn ich hatte gewagt, hinauszugehn in die Fernen
913
Unsers Künftigen, hatte, was Gott thun würde, zu forschen
914
Mich, der ein Sünder noch ist und ein Sterblicher, unterwunden,
915
Ach, mich unterwunden, an jener Tiefe zu weilen,
916
Wo hinunter zu schaun umsonst selbst Engel es lüstet.
917
Siehe, wir waren mit herzlicher Einmuth in unserer Hütte
918
An dem Tempel versammelt. Der kleinen Gemeine Gespräch war
919
Frei, und Keines Meinung beherrschte des Anderen Meinung.
920
Mutter des Herrn, wenn nur die künftigen großen Gemeinen
921
Nicht verlassen der Liebe Pfad und sich rauhe der harten,
922
Bitteren Herrschsucht wählen! Wir sahen wol Licht; doch es dämmert'
923
Auch in dem Lichte. Wir waren zum Tod entschlossen; doch fehlt' es
924
Uns an Muth zu dem späteren Tode. Wir waren der eignen
925
Seligkeit viel zu begierig, um mit Verleugnung zu sorgen
926
Für die Seligkeit Andrer. Wir wollten auf Erden nicht säumen,
927
Ach, nicht säumen, ergriffen den Stab des Wanderers, hofften,
928
Dürsteten, bald bei Christus zu sein. Da erhub sich auf einmal
929
Um die Hütt' ein Brausen als eines gewaltigen Windes.
930
Siehe, vom Himmel kam das erschütternde Brausen und füllte
931
Ganz die Hütte, worin wir saßen. Wir sahen uns an, sahn
932
Flammen uns auf der Zunge wehn. Noch mächtiger ward uns
933
Ausgegossen Gefühl in das Herz, wie wir niemals empfanden.
934
Flammen – wie lernten wir ihn da lieben – durchströmten die Seele,
935
Und die Dämmerung sonderte sich von unsrer Erkenntniß
936
Lichte. Wir waren entschlossen zum späteren Tode, entschlossen,
937
Graues Haar in Märtyrerblut zu senken. Wir liebten
938
Eigene Seligkeit, aber sie mit Verleugnung, mit heißer,
939
Inniger Sorge fürs Heil der gottgewählten Gemeinen;
940
Dürsteten zwar, bei Christus zu sein, doch gerne, geböt' es
941
Also der Wille des Herrn, nach vieler langsamer Jahre
942
Säumen erst, erst dann, wenn vor uns hinüber in Schaaren
943
Brüder wären gegangen, die wir erwecket, gelehret
944
Hätten, gestärkt, mit Labsal gelabt in dem Leben und Tode.
945
Fertige Wandrer, hinauf zu gehn zu der Heimath im Himmel,
946
Waren wir jetzo nicht mehr; wir standen gegürtet, erhoben
947
War der Wanderer Stab, umher auf der Erde zu wallen,
948
Hier mit Arbeit und Schweiß und vielen Thränen zu wachen
949
Ueber die Seligkeit Derer, die unsere Sendung erkennten,
950
Aber uns auch, wo sie des ewigen Lebens sich unwerth
951
Hielten, zu wenden und weichend den Staub von den Füßen zu schütteln.«
952
Also sagte Johannes und füllete durch die Erzählung
953
Seines Gesichts der Mutter des Herrn mit Wonne die Seele.
954
Jetzo wandte die Leier mit ihren lichtesten Sternen
955
Gegen die lichtesten sich des Altars. Dies that in den Himmeln
956
Kund, daß der Mittler sich nun zu der Rechte Gottes erhübe.
957
Dunkles Gefühl, und was er bei seiner letzten Erscheinung
958
Nicht verbarg, weissagten schon lang' den Jüngern: es werde
959
Jesus nun bald sie verlassen, er hin zu der Herrlichkeit gehen,
960
Sie zu der Fessel und Schmach, die aber zur Herrlichkeit führten.
961
Dennoch weineten sie. Lebbäus erwehrte sich lange
962
Seiner Klagen; es wölkte sich lang' in des Leidenden Seele,
963
Eh es herunterströmte. Ja, bitter ist doch vom Geliebten,
964
Jammervoll ist die Scheidung, der keine Stunde gesetzt ward,
965
Ach, zu dem Wiedersehn, ist seelenerschütternd, durchdringet
966
Bis zu dem innersten Mark und Gebein des Bleibenden Leben,
967
Senket es, stürzet es nieder, zu welcher Wonne der Freund auch
968
Komme. Denn, ach, weit weg in der Fern' ist des Wiedersehens
969
Stunde, gehüllt, verborgen in Nacht! Kein Engel erbarmt sich
970
Und entdeckt nur leise mit
971
Freude Schrecken sie kommen werde. Kein Todter erbarmt sich
972
Und entdeckt, nur fern und in Dämmrung erscheinend, mit
973
Laute, wenn kommen werde die theure, die heilige Stunde,
974
Wie kein Morgen sie brachte, kein Tag sie bestrahlte, kein Abend
975
Sie mit Schatten oder umgab mit dem Schimmer des Mondes.
976
Und Ihr waret doch unsere Brüder, Ihr Todten Gottes,
977
Kanntet der Menschen Schicksal und weinetet unsere Thränen!
978
Thomas hatte bei sich die Zwölf' und die Siebzig versammelt,
979
Nach Gethsemane sie zu führen und dort zu besuchen
980
Jene Stätte, wo Christus am Abend der früheren Scheidung
981
Niedergesunken zu tiefem Gebet vor dem Richter der Welt lag.
982
Thomas' Gedanke war's nicht; es war die Leitung des Mittlers,
983
Die ihn nach Gethsemane brachte. Auf einmal wandelt
984
Unter ihnen der Herr. Er führt die Zeugen; sie folgen,
985
Gehen langsam vorbei an dem Grabe der Bethanaitin,
986
Segnen die Schlummernde Gottes. Itzt wurden des Oelbergs Pfade
987
Steiler, Salem fernte sich, und die Gipfel des Berges
988
Ragten größer empor. Noch schweigt der Versöhner; sie aber
989
Reden mit Wehmuth unter einander. Sie glauben an Jesus
990
Etwas zu sehn, das ihnen die nahende Scheidung verkünde.
991
Schweres Herzens standen sie oft und sahen sich oft um
992
Nach dem Todeshügel und nach dem offenen Grabe,
993
Länger nach diesem. Der Liebende war von dort zu den Seinen
994
Wiedergekommen. Mit dem Labsal erquickten die Jünger
995
Ihre Seelen. Die Gipfel des Oelbergs deckt' ungesehen,
996
Voll Erwartung, die selige Schaar, die sich zu Begleitern
997
Seiner Auffahrt Christus erkor, erstandne Gerechte,
998
Seelen auch, die Seraphim alle, die ihm auf der Erde
999
Dienten von jener Nacht in Bethlehem an bis zu dieser
1000
Letzten Verklärung. Wie eine der ältesten Cedern den Wipfel
1001
Hebt auf Libanon's Höh', stand Gabriel unter der Heerschaar.
1002
Und sie blickten hinab und sahn den Göttlichen wandeln,
1003
Sahn die Jünger ihm folgen mit halbgeheitertem Kummer.
1004
Leuchtender strahlet' Eloa als sonst. Er war zu der Erde
1005
Erstem Hüter erkoren, der fluchentlasteten Erde
1006
Erstem Hüter. Sie hatte vernommen Worte des Segens.
1007
Stumm war auf ihr die Stimme des Fluchs geworden, die Stimme,
1008
Angekündet in Sturm und in Donner gesprochen. Sie hatte
1009
Jesus von Golgatha rufen gehöret: Es ist vollendet!
1010
Und mit Himmel umgab den gottgewählten Eloa
1011
Dieser große Gedanke. Noch andere senkten ihn vorwärts
1012
Von Aeon zu Aeon in der Erde Schicksal, bis endlich
1013
Ihm ein himmlischer Jüngling der Auferstehungsposaunen
1014
Eine brächte, daß er zum Gericht vor den Cherubim weckte.
1015
Jesus war hinauf zu der letzten Höhe des Oelbergs
1016
Mit den Jüngern gekommen. Gelindere Lüfte des stillen
1017
Werdenden Tages umsäuselten sanft und kühlten die armen
1018
Glücklichen, welche so schwer an der Sterblichkeit Bürde noch trugen.
1019
Unter ihnen stand der Eingeborne des Vaters,
1020
Schön und schrecklich zu schaun – so hatten noch nie den Messias
1021
Seine Zeugen gesehn, noch nie auf der Erde die Engel –
1022
Stand in einer Hoheit, die keine Saite nicht, keine
1023
Stimm' ausdrückt des Menschen, kein himmelnaher Gedanke.
1024
Wo von den äußersten Sternen hinab der Erschaffenen Auge
1025
Schauen konnte, so weit aus den Welten allen, von allen
1026
Polen umher des schon unermeßlichen Kreises, am fernsten
1027
Aus den flammenden Strömen der Sonnen, waren die Geister
1028
Alle, die Duft, die Feuer, die Heitre, die Staub, wie der Menschen,
1029
Ueberkleidet, auf Den, der vollendet hatte, gerichtet.
1030
Gottes Erwählter, Eloa, erblickt sie Alle, die Christus
1031
Sehn, den unendlichen Kreis umher, und sinkt auf das Antlitz
1032
Vor dem Versöhner Gottes und wirft die strahlende Krone
1033
Feirend zur Erde nieder vor Dem, der vollendet hatte.
1034
Christus stand auf der Höhe des Berges, um ihn die Zeugen,
1035
Ungesehen um ihn die Cherubim und die Erstandnen.
1036
Und er breitete gegen die Jünger mit Liebe die Arm' aus:
1037
»weicht von Jerusalem nicht! Harrt da der Verheißung des Vaters,
1038
Die Ihr, als ich erstand, von mir vernahmet! Johannes
1039
Hat mit Wasser getauft; Ihr aber sollet getaufet
1040
Werden mit dem heiligen Geiste. Nur wenige Tage,
1041
Und die Verheißung kommt.« Der Jünger etliche fragten:
1042
»richtest in diesen Tagen Du wieder auf, o Messias,
1043
Israel's Reich?« – »Die Stunde, die seiner Macht der Vater
1044
Vorbehalten, gebührt, Ihr Sterblichen, Euch nicht zu wissen!«
1045
Bei den Worten (er hielt nicht inne) blickt der Versöhner
1046
Nach Bethania nieder. Verklärt wird Lazarus, eilend
1047
Führt ihn sein Engel herauf, daß er mit zu der Herrlichkeit gehe.
1048
»aber Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfahen,
1049
Der von dem Himmel auf Euch herab wird kommen, und werdet
1050
Meine Zeugen sein in Jerusalem, werdet's in Juda
1051
Und in Samaria sein und bis an das Ende der Erde!«
1052
Christus nahte sich mehr, erhub die Hände und schaute
1053
Auf die Zeugen mit inniger Huld: »Gott segn' und behüt' Euch,
1054
Gott erleuchte sein Angesicht über Euch, sei Euch gnädig,
1055
Gott erhebe sein Antlitz auf Euch und geb' Euch Friede!«
1056
Also segnete sie der Versöhner. Himmel und Erde
1057
Und Ihr All', Ihr Erlösten Gottes, nun hatt' es der Mittler
1058
Alles, Alles auf Erden vollendet! Siehe, die Wolke
1059
Kam herunter und hob ihn empor zu dem Himmel. Die Zeugen
1060
Sahen lang' dem Gekreuzigten nach, dem Erstandnen vom Tode,
1061
Lange mit freudeweinendem Blick, mit erschütterter Seele,
1062
Ach, mit jenem Gefühl, wie es uns wird werden, wenn Christus
1063
Wiederkehrt als Richter der Welt in den Wolken des Himmels!
1064
Und sie sahn ihn nicht mehr. Zween Männer in weißem Gewande
1065
Traten auf einmal vor sie. Die waren Eloa und Salem.
1066
Und der Eine, mit lichterem Haar und dem goldenen Stabe
1067
In der Rechten, sprach zu ihnen, die kaum in der süßen
1068
Wonne Betäubung ihn hörten: »Ihr Männer von Galiläa,
1069
Warum steht Ihr und schauet gen Himmel? Dieser Jesus,
1070
Welcher von Euch hinauf in den Himmel stieg, kehrt wieder,
1071
Wie Ihr ihn sahet hinauf in den Himmel steigen!« Sie sagten's
1072
Wendeten sich und wurden nicht mehr von du Jüngern gesehen.
1073
Aber die Jünger verließen mit Dank und Preise den Oelberg,
1074
Eilten und kamen hinab nach Jerusalem, waren beisammen
1075
In dem Tempel, zu beten, zu beten, in ihrer Hütte
1076
An dem Tempel beisammen und harreten, also geweihet,
1077
Auf die Verheißung des Vaters, daß Kraft aus der Höhe zum Zeugniß
1078
Von dem Versöhner über sie käme, daß über sie würde
1079
Ausgegossen die Feuertaufe des heiligen Geistes.