Adam sank zu den Füßen des Mittlers nieder und fleht' ihm

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Friedrich Gottlieb Klopstock: Adam sank zu den Füßen des Mittlers nieder und fleht' ihm Titel entspricht 1. Vers(1759)

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Adam sank zu den Füßen des Mittlers nieder und fleht' ihm:
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»hab' ich Gnade vor Dir gefunden, so laß, o Messias,
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Einige Blicke mich thun in die Folgen Deiner Erlösung!«
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»adam, im Weltgericht vollend' ich es Alles. Entferne
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Dich in jene Schatten der Cedern! Du sollst von der Tage
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Letztem dort der milderen Schimmer einige sehen.«
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Adam ging in die Cederschatten, und Schlimmer wie ehmals
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In dem ruhigen Schooße des Paradieses befiel ihn,
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Und er sah ein Gesicht. Er kam, von Erstaunen belastet,
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Langsames Schrittes zurück zu den Cherubim und den Erstandnen.
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Sie umschwebten den Vater der Menschen sanftes Verlangens,
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Von dem milderen Schimmer des letzten Tages zu hören.
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Adam setzte sich nieder auf einer der Höhn, und sie setzten
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Sich an des Hügels Fuß vor Christus' Begnadigten nieder.
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Einst am Tage des Herrn, als auf der kommenden Dämmrung
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Flügel vor mir die einsamen freudigen Stunden vorbeiflohn,
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Und ich forschete, kam die heilige Sionitin
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Gegen mich her. So war mir noch nie die Prophetin erschienen,
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So viel Ewigkeit hatte noch nie ihr Antlitz getragen!
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Und sie sang mir Adam's Gesicht. Sie selber verstummte
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Oft, da sie sang. Die Wange glüht' ihr; es stieg zusehends
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In die glühende Wang' ihr schnelle Blässe. Die Lippe
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Rufte stammelnde Donner, und ernst her schaute das Auge.
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Fast entsank die Harfe der starrenden Hand, und die Krone
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Bebt' um ihr fliegendes Haar. Dann erhob sie sich wieder, dann kam ihr
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Jedes Lächeln der ewigen Ruh in ihr Antlitz herunter.
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Dann, mit hundert Flügeln geflügelt, mit Schwingen des Sturmes,
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Stiegen die Erstgebornen der Seele, die wahrsten Gedanken
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Auf zu Gott. So sah mein Auge sie, starrt' in die Nacht hin.
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Mit der Linken berührt' ich die Erde, mein Grab, und die Rechte
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Hub ich gegen den Himmel empor. Der Erde Bewohner
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Oder des Grabes, was ich vermag, das will ich Euch singen.
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Tausend Gedanken erflog mein Geist nicht, zu tausenden fehlt mir
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Stimm' und Gesang, und tausendmal tausend verbarg sie dem Hörer.
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Adam begann. So strömten die Lippen des Erstgeschaffnen:
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»schnell, der Cherub denket so schnell, so wurd' ich geführet
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Unter die Schaarenheere der auferstandenen Todten.
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Grenzlos war das Gefild der Auferstehung. Sie waren's
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Alle meine Kinder. O ewiger Vater der Wesen,
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Welch ein Anschaun war es, und welches das Anschaun Dessen,
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Der auf dem Throne saß, die Kinder Adam's zu richten!
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Väter des Mittlers und Ihr, o Engel, wie mächtig empfand ich,
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Was die Unsterblichkeit sei! Das Alles erblickt' ich und lebte!
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Siehe, der Tag wird kommen, dann werdet Ihr Alle das Heer sehn,
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Welches ich sah, und dann wird die Ewigkeit kommen, und Keiner
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Unter Euch Allen wird dann das auszusprechen vermögen,
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Was er sah. Ach, er schaute dann auch auf dem Throne den Richter!«
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Adam senkte zum Wonnegebet zu der Erde sich nieder:
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»jesus Christus, Du hast mich erhört, und ich habe gesehen
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Deines entscheidenden Tages der Strahlen einige leuchten,
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Einige Donner Deines Gerichts, Sohn Gottes, vernommen!«
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Und der Vater der Menschen erhub sich wieder und sagte:
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»lange, so daucht' es mir, dauerte schon die Zeit der Entscheidung;
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Tausende waren schon, als ich mich nahte, gerichtet.
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Sieh, es war nicht ein Tag der Sonne; die war erloschen
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Oder verhüllet. Der Glanz des Thrones überstrahlte
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Schön und schrecklich der Auferstandenen weites Gefilde.
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»christen gebot, die, Christen verfolgend wegen der Lehre
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Von dem getödteten Menschenfreunde, von herzlicher Liebe
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Zu den Brüdern, die Brüder erwürgten (mein Innerstes zittert,
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Und mein starrender Blick sieht wieder am Opferaltare
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Abel in seinem Blut, erwürgt von dem Bösen den Guten),
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Diesen gebot die Posaune, vor Gott zu kommen. Der Cherub,
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Welcher sie rief, stieg nieder vom Thron zu dem offnen Gerichtsplatz,
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Stand auf seinen Höhn und goß zwo strömende Schalen
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Auf die Erde, voll Thränen die ein' und die andre von Blut voll.
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Da das Blut in die Thränen herabfloß, wandt' er sein Antlitz
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Um zu dem Thron und rufte: »Du hast sie alle gezählet!
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Ruh' der blutenden Unschuld, die diese Thränen geweint hat!«
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»schauer ergriff die Engel, und alle Seelen der Frommen
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Schauer, als auch der Richter sich wandt' und mit Blicken der Liebe
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Auf die Getödteten sah, mit Blicken, welche nicht Psalme,
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Nicht der Jubel Gebet ganz auszusprechen vermögen.
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»aber die Schaar der Getödteten schwieg, noch immer voll Mitleids,
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Wie sie starben. Allein Mitleid nicht, nun kein Erbarmen
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War in dem Blick des Heiligen, der sich erhob, der Erwürgten
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Asche zu rächen und eh es dem Todesschlafe sich zuschloß,
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Ihr gen Himmel gerichtetes Auge, das brechend um Gnade
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Für die Mörder noch bat, dann still entschlummerte. »Heil sei,«
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Rufte der Menschenfreund, »Anschauen der Ewigkeit Allen,
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Die an des göttlichen Opfers Altar, auch Opfer, sich legten,
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Nun nach kurzer Jahrhunderte Rast in das Leben erwacht sind!
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Aber Entsetzen und Qual und aller unnennbare Jammer
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Jedem Lästerer Gottes, der über den Opfern des Mordes
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Schwert erhub und Tod auf die Zeugen des Ewigen zuckte
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Oder ihr sinkend Gebein zu heiligem Staube verbrannte!
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Warum die hohe Fahne des Kreuzes, des Liebenden Zeugin,
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Warum wehte sie da, wo Ihr die Brüder erwürgtet?
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Und Ihr wagtet, den festlichen Namen, vor welchem die Höhe
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Und die Tiefe sich bückt, Deß Namen, der für die Menschen,
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Seine Brüder, Erbarmung vergoß, den da noch zu nennen,
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Wo mit lautem Rufe der Donner Euch niedergeschmettert,
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Oder, Euch tief zu begraben, sich hätte die Erde geöffnet:
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Wär' Euch, auf diese Stunde der Angst, nicht Vergeltung gesammelt!
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Schaut nun wieder zurück, zurück durch die Thäler des Todes
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Hinter dem Rücken ins Leben, als Ihr noch träumtet im Unsinn,
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Sichrer mit Händen voll Blut nach des Himmels Krone zu greifen!
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Sieh, ihr Antlitz, welches Ihr saht mit dem Tode sich färben,
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Und das Beben der starken Natur, durch der Christen Gebeine
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Hingegossen, nicht durch den Geist, der mit herrschender Ruhe
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Von dem sinkenden Staube sich wand und willig den Winden
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Seine Trümmer vertraute, doch einst sie wieder zu fodern;
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Dann in den Flammen ihr Lied, bis ihnen die Wuth der Flammen
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Gottes Preise verbot: das Alles, welchem Ihr zusaht
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Mit unmenschlicher Ruh', was ist es jetzo geworden?
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Dank, Anbetung und Feier und laute Wonne dem Herrscher
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Aller Himmel Himmel und seiner Märtyrer Bruder,
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Daß der Tod nicht mehr ist, statt seiner drohenden Schauer,
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Süße mächtige Schauer die Auferstehenden faßten,
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Da die Winde den Staub, die Verwesungen alle der Todten
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Brachten, und durch die Natur die neue Schöpfung einherging,
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Da das stammelnde Lied, nun Halleluja, heraufstieg,
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Statt des Gebets um Erbarmung ihr festliches Heilig ertönte
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Und in Jubelgesange den Unaussprechlichen nannte!«
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»also klagt der mächtige Kläger. Ein Anderer folgt' ihm,
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Trat gefürchtet hervor und sprach: »Getödtete stehn dort,
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Sind, wie ihre Mörder, verworfen! Ihr Leben, der Endzweck,
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Der sie entflammte, die Höhn der Religion zu ersteigen,
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Hat sie gerichtet, wie tief sie auch den Gedanken des Stolzes
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Senkten ins Herz, und wie sehr geschmückt mit dem Marmor dies Grab war.
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Dieses sah der Seher von seinem Himmel; doch Ihr nicht!
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Aber auch wenn Ihr es saht, so durftet Ihr Den doch nicht tödten,
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Der unedel nur war, wenn Ihr unmenschlich ihn würgtet.
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Lernet von mir, was Ihr thatet! Im Heiligthume war Keiner
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Außer Dem, der ewig ist, Richter! Wenn Christen die Hoheit
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Ihres Glaubens entweihten; wenn Sünder in der Gemeine,
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Ohne tiefes Gebet, zu sehr dem Sohne sich nahten
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Und voll Wahns, in dem dunkeln Wort von Antlitz zu Antlitz
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Ihn schon anzuschaun, ganz ihres Staubes vergaßen,
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Dann zurückgeblendet nur noch in Träumen ihn sahen
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Und sich täuschten, er sei's, ein Bild, seit gestern geboren
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In zu heißem Gehirn, sei das Opfer der Schädelstätte:
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So war Er, der für uns zu dem Allerheiligsten einging,
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Seinem Heiligthume zu nah, die Sünder zu richten,
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Als daß Besitzer des Augenblicks von dem Rande der Gräber
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Kommen durften als Helfer, ihm seine Donner zu tragen.
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Das erkühntet Ihr Euch. Anstatt mit Zittern zu ringen,
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Selber selig zu werden, erhobst Du die eiserne Stirne
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Unter den Würmen, kamst, stahlst ihre Qualen der Hölle,
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Deine Brüder zu quälen, und kaltes, finsteres Grimms voll,
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Hieltest Du Blutgericht. Wer kann nun nennen den Jammer,
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Wer den Zorn der Qualen, die Eure Häupter itzt treffen?
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Mache Dich auf und rufe mit lautanklagender Stimme,
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Nenne Du sie, vergossenes Blut! Er sitzt auf dem Throne,
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Deine Stimme zu hören und jede Wunde zu rächen,
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Welcher Du entflossest, mit Dir der Unschuldigen Leben!«
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»als er geendiget hatte, da trat aus dem leuchtenden Kreise,
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Welcher nahe den Thron umgab, der Aeltesten einer
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Tiefnachdenkend hervor. Ihr habt den menschlichen Jünger
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Unter den Jüngern gesehn. Sein Namen, eh er zu Gott ging,
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Hieß Lebbäus; sein Name, der neue, wird Elim genennet
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Nach dem Namen des Engels, der auf der Erd' ihn beschützte.
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Also sprach er: »Ich wende mich weg von des Lebens Anblick,
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Das Ihr lebtet. Es trieft von Blut. Viel' Tode der Unschuld
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Zeichnen seinen entsetzlichen Pfad. O Stunden der Schöpfung,
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Die Ihr Seelen dieses Gefühls in das Leben hervorrieft,
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Trübe, dunkle, zu schreckliche Stunden, wie soll ich Euch nennen?
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Waret Ihr Zeuginnen schon des Gerichts gewesen, als Eden
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Gottes Fluch vernahm, der erste Tod dann, das erste
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Laute Geschrei der Natur den Fluch vollführten? und kehrtet
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Ihr nur wieder zurück zu der fluchbelasteten Erde,
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Ach, Verkündigerinnen des letzten Tages zu werden?
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Ihr, die Seelen, von Menschlichkeit leer, der Ewigkeit brachtet,
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Diese Seelen! Doch nicht die Schöpfung verschuf sich; sie selber
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Schufen sich also. Sagt's nicht am Thron, verschweigt's in den Hütten,
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Wo die Glücklichen wohnen, daß sie so elend sich schufen!
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Aber bewein' ich sie noch? sie nicht! die Hoheit des Menschen,
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Die sie zu weit, ach, zu weit von dem Zwecke der Schöpfung entfernten,
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Diese bewein' ich. Kein Mitleid? und, ach, Ihr saht doch den Jammer
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Ihrer Seele, vernahmt das tiefe Röcheln des Todes!
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Selbst ihr letztes Jammergeschrei vermochte die zarte
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Zitternde Nerve bei Euch nicht zu rühren, die Andern beim Anblick
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Einer bittenden Thräne die ganze Seele bewegte?
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Zwar ich fodre von Euch nicht, durch süßen heiligen Schauer
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Bei der leidenden Unschuld Anblick erschüttert zu werden, –
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Litte die Unschuld noch, so wär' der diesen Gerechten
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Eine Seligkeit mehr – doch fodr' ich Spuren der Menschheit,
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Schwache Dämmerung doch von einer unsterblichen Seele!
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Weh Euch, kein Mitleid! Ihr konntet den Wurm auf der Erde nicht anschaun,
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Ohne den Schöpfer voll Huld in des Wurmes Freude zu sehen.
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Euer Auge konntet Ihr nie zu dem Himmel erheben,
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Ohne den großen Erbarmer zu sehn. Ihr habt es gen Himmel
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Niemals erhoben, nie habt Ihr geweint, Ihr habet Euch niemals
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Eines Menschen erbarmt! So hört denn die Rache, die säumte,
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Aber itzt eilt: Der Richter der Welt erbarmet sich auch nicht!«
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»elim sprach noch, als sich auf dem Throne der Richtende wandte;
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Sieh, er wandt' auf einmal sein schreckentragendes Auge
188
Gegen einen der Todesengel. Wie kann ich sein Umschaun,
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Wie aussprechen den Zorn, der ihm von dem Angesicht ausging,
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Und die Stimme, mit der er rief! So gebot er dem Seraph:
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»steig herunter und rühre sie an; geuß träumende Schrecken
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Ueber sie aus, daß vor ihrem erschütterten Geiste vorbeigeh'
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Ihrer nahenden Qual Anschaun, und Vergeltung beginne!«
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»also sprach der Richter Entsetzen. Gleich dem Gedanken
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Eilte der Todesengel, goß aus vor der Schaar der Verfolger
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Eine Mitternacht, naht' ihnen; sein donnernder Ruf war:
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»folgt und seht!« ging eilend voran, sah nach den Verfolgern
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Drohend sich um, trat hin in die Nacht. Die furchtbare Tiefe
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That vor dem Seraph sich auf. Mir wurden die Augen geöffnet,
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Daß ich sah, was sie sahn. Sie wollten ihr Angesicht wenden;
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Aber sie hielt des Sohns Allmacht wie starrende Felsen.
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Und sie standen und schauten. Da lagen Todtengebeine,
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Und ein Sturmwind braust' in dem langen Jammergefilde;
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Der ergriff die Gebein', und sie bebten; jedes Gebein sprach
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Seine Stimme; die Stimme war Fluch! Da hub ich mein Auge
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Von dem Gefild empor und betete zu dem Erbarmer
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Derer, die sich erbarmten. Als ich noch betete, kamen
208
Aus der Schaar der Getödteten Hundert in weißem Gewande,
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Hundert Jünglinge, jeder ein Frühling, in Eden geboren,
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Jeder ein Morgen der Auferstehung. Ihr freudiger Flug klang,
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Da sie kamen, melodisch einher. Wie süß war ihr Anblick,
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Da sie kamen, die Brüder Abel's! Sie legten die Kronen
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Nieder am Thron und sangen. Sie sangen Dem, der Gericht hielt:
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»wer ist Der, so vom Kidron herauf in blutigem Schweiß kommt?
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Hosianna! auf Salem's Gebirg mit Wunden bedeckt wird,
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Schön mit Wunden? Ich bin's, der für die Menschen erwürgt ist.
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Warum sinkt Dein Gebein, von diesem Tode belastet?
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Warum trieft Dir die Stirne von Blut wie der Streitenden Stirne?
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Warum rufst Du so laut? Ich hab' allein gestritten,
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Und es ist Keiner mit mir von den Söhnen der Erde gewesen.
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Amen, Amen! Du bist der Vollender, der Erst' und der Letzte!
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Hosianna! Du hubst mit Eile den Fuß aus dem Grabe,
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Stiegst auf den Thron! Nun sitzest Du, Herrscher und richtest die Todten,
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Die aus der Erde Du riefst. Ja, die Todten hast Du gewecket,
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Streiter, der von dem Kidron herauf in blutigem Schweiß kam
226
Und auf Salem's Gebirg mit schönen Wunden bedeckt ward!
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Wunden gabst Du auch uns, daß wir Deine Märtyrer würden;
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Denn auch wider uns stritt Gottes Hasser. Da starke
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Eiserne Fesseln in der Gefängnisse Tiefen uns hielten;
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Da der Tod mit der Flamme daher, der Tod mit der Schärfe
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Ihrer Schwerter, der Tod aus der Droher wüthendem Blick fuhr
232
(fluchet den Mördern! so sprach, wer Menschlichkeit hatte, und ruh Du,
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Ruhe, stilles Gebein!); da wir den Geist der Propheten
234
Und den Muth zu sterben empfingen; da – jauchzt dem Vollender! –
235
Da wir starben, da war durchlaufen auch unsere Laufbahn,
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Kamen wir hin zu dem himmlischen Ziel, da trugen wir Kronen,
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Da war hinter uns, wie der Staub vor dem Winde, das Leben,
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Wie ein kurzes Gespräch des Lebens Mühe verschwunden!
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Kurzes Leben, Du Blick in die Schöpfung, doch also belohnet
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Von dem Tage der Tage, doch dieser Kronen gewürdigt,
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Dieser Ewigkeiten Genoß! Schall ewig, o Lob, schall
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Ewig fort! erhebe den Schwung, fleug Flüge, Begeistrung,
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Und verkünde, verkünd es! Frohlocken werde die Stimme,
244
Werde Jauchzen und schwebe dahin in die Chöre des Thrones!
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Lob, Anbetung und Preis und Ehre Dir, Du Beherrscher
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Aller Himmel Himmel und aller Leidenden Tröster!
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Da noch der Staub nicht war, noch nicht, den Staub zu beleben,
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Diese Seele, da warest Du schon und dachtest Dich selber,
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Dachtest den Gottversöhner, den Wiederbringer der Unschuld!«
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»jetzo trat der erste der Todesengel, als wär' er
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Heerschaar, näher zum Thron den tausendsten Schritt. Die Posaune
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Klang, da er stand; und sie schwieg, und der Seraph redte. So sprach er:
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»daß die Spötter des Todten, der lebt, aus den Tiefen heraufgehn,
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Auf den Gekreuzigten schaun und, wer sie gewesen sind, lernen!«
255
»sie erschienen, vermochten die menschenfeindliche Seele
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Unter des Lächelns Truge nicht mehr zu decken. Ihr Herz war
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In ihr Antlitz hinauf mit jeder Bosheit gezeichnet.
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Und sie standen, gesehn von den Richtern. Es schauen die Richter
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Unter einander, die Reihn der goldenen Wolken hinunter,
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Forschend sich an: wer aufstehn soll, die Feinde zu richten?
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Tief in der Ueberwinder Schaar, mit schimmernder Wange
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Und mit morgenröthlicher Freude des Lebens gekränzet,
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Stand ein Jüngling. Die Todesblässe der sprossenden Jahre
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Und die Geduld, in der Blüthe sich langsam sterben zu sehen,
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War mit anderer Schöne belohnt als jene, die vormals
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Den noch Sterblichen schmückte, mit Schöne der Engel, so mächtig,
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Durch lautredende Züge die ganze Seele zu bilden.
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Und der Erstling der Märtyrer kam von des Richtenden Throne,
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Stephanus, dem in der Blüthe der Tod auch den lächelnden Blick schloß,
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Zu dem Jüngling herab. Die Botschaft enthüllte die Demuth
271
Seines sinkenden Blicks; er zitterte sanft und erhub sich
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Strahlenhell und stand, mit jedem Frieden der Unschuld
273
Und mit allen Reizen des ewigen Lebens umgeben.
274
Saitengetön erklang von des Jünglings Lippe: »Die Wehmuth
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Soll, wie vordem, mein Leben nicht mehr mit Trauren bewölken!
276
Ja, ich nenn' Euch und bebe nicht mehr, o Namen, mein Vater,
277
Ach, mein Vater, mein Bruder ist auch in jenem Gedränge!
278
Vater bist Du nicht mehr, Du Bruder nicht mehr! Was that Euch,
279
Rede, was that Dir Dein Sohn, zwar sanft, doch unüberwindlich,
280
Was der schweigende Mund Dir und jene verblühende Wange
281
Deines Bruders, daß Ihr durch Schlüsse, wie Schlangen gewunden,
282
Grausam strebtet, des Sterbenden einzige Ruh' mir zu rauben,
283
Meiner Unsterblichkeit Heil, die letzte, nicht täuschende Hoffnung,
284
Den am Kreuz? zwar blutet' er, aber er blutete Gnade!
285
Jenes Erwachen des großen Morgens, der ringenden Seele
286
Mächtigsten Trost, da sie sinken die Erde ließ, das auch Euch nun
287
Weckte, doch nicht mit Jauchzen, mit keines Lebens Empfindung,
288
Und zu dem Erstling vom Tode mit keinem Jubelgesange?
289
O, sie war Euch zu mächtig, des Jünglings betende Seele,
290
Sie empfand sich zu sehr, sich von der Unsterblichkeit Hassern
291
Ihre Krone rauben zu lassen. Mit freudiger Hoffnung
292
Gab zu Staube sie Staub und wußte, daß sie nicht Staub sei,
293
Daß sie mehr sei als Himmel und Erde. Schauet die Blicke
294
Und den Sieg der Unsterblichen an. Ihr sahet sie vormals
295
Brechen im brechenden Aug' und mit dem Athem verröcheln;
296
Schauet sie nun, wenn Euch ihr Triumph nicht ewiger Tod ist!«
297
»also sprach er, und sichtbar erhob der Schimmer des Jünglings
298
Sich zu der Schönheit der ersten der Engel. Ihn nannten mit neuen
299
Namen die Sieger, als er in seiner Herrlichkeit dastand.
300
»aber ein Weiser, der aus der Natur labyrinthischen Tiefen
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Bis zu dem Throne des Sohns sich erhub – auf steigenden Flügeln
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Trugen ihn Orionen empor; noch mächtiger hub ihn
303
Tiefe Kenntniß vom Thun des Menschen, zuletzt das Gewissen,
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Das stets ringt, zu entkommen der Erde stammelndem Urtheil,
305
Gern zu dem Licht empor, zu der Wage des Richters der Welt steigt –
306
Dieser Weise kam. Wie ein Quell von dem Hange sich hingießt,
307
Bald ein Strom wird, so redet' er, sprach mit richtendem Blicke:
308
»langsam, in tausend Krümmen, doch war ich ein redlicher Forscher,
309
Ging zu dem Sohne mein Weg. Glückseliger waret Ihr, weitre
310
Höhere Seelen, die Ihr, da Licht Ihr saht, zu dem Lichte
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Sprachet: Du bist Licht! und zu des Geopferten Blute:
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Du bist heiliges Blut! und als sein Haupt in die Nacht hing:
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Du bist ewig! Zu lange weilt' ich im Schatten der Schöpfung,
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Gott zu suchen; doch war er mir Schatten voll heiliges Grauens.
315
Wenn mir etwas wie Wahrheit begegnete, schaut' ich ihm richtend
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Und langforschend ins Antlitz, und spät erst wagt' ich zu sagen:
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Das ist Wahrheit! Und wenn ich in jener Irre des Wissens
318
Spuren, wo Gott einst wandelte, sah, so betet' ich laut an:
319
Das ist heiliges Land, hier ist die Pforte des Himmels!
320
Lange naht' ich mich nur des Himmels Pforte; doch endlich
321
That sie sich einst, da ich betete, mir mit göttlichem Glanz auf,
322
Und ich sahe den Sohn in seiner Schönheit. Da ging ich
323
Meinen gewandelten Weg zurück. Nun sah ich der Schöpfung
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Schatten heller, im Bild enthülltere Züge des Urbilds,
325
Fand ihn wieder am Kreuz, den ich in dem Himmel zuvor sah,
326
Sah ihn gern so und wußte, daß, der sein Haupt jetzt neigte,
327
Da er entschlief, dem Grabe gebot, ihm Todte zu senden.
328
Habt Ihr also geforscht? seid Ihr diese Wege gewandelt,
329
Als Ihr die Tochter Gottes, die freie Wahrheit, zu suchen
330
Stolz vorgabt? O, nennt den Namen, Ihr seid es nicht würdig,
331
Ihren festlichen Namen nicht mehr, damit sie nicht eilend
332
Wecke den himmlischen Zorn und mit Allmachtsblick Euch vertilge!
333
Helden würgten das Menschengeschlecht, und Priester der Christen
334
Christen bei den Altären; allein am Altar, auf dem Schlachtfeld
335
Floß aus der Wunde nur Blut. Ihr habt unsterbliche Seelen
336
Durch geheimes Würgen vertilgt. Da floß aus den Wunden
337
Zwar der Tod nicht, welcher zum Leben die Menschen ins Grab warf,
338
Aber ewiger Tod. Ihr habt die schäumenden Becher
339
Eurer Gifte, die Wollust kränzt' und die Lache des Hohnes,
340
Unter die Leute getragen, noch öfter in die Paläste,
341
Daß von dem Zaubertrunke der goldne Tyrann hintaumelnd
342
Tod und Menschlichkeit leichter vergaß und über den Gräbern
343
Jenes Gericht, das nun sein tausendäugiges Antlitz
344
Gegen alle Thränen gewandt, die hangenden Wolken
345
Alle gen Himmel empor gehoben und Jesus enthüllt hat!«
346
»stille war in den Himmeln; bald aber traten die Väter
347
Von dem erwählten Geschlecht in glänzende Kreise zusammen,
348
Auch viel' Zeugen aus Denen, die noch von diesem Geschlechte
349
Vor dem Abend des Weltgerichts zu dem Sohne sich wandten.
350
Und wie Wolkenheere, die Flamm' in dem Schooße, so wallten,
351
Furchtbar zu schaun, die Zeugen hervor; und Einer erhob sich,
352
Alle begleiteten seine Geberde mit Beifall, sprachen
353
All' ein Todesurtheil mit ihm. Der Gesendete sagte:
354
»als er der Menschen Leben noch lebte, da rief er zu Zeugen
355
Seiner Gottheit Todte herauf; da beschlossen der Spötter
356
Erstgeborne, die Zeugen zu tödten. Nun ward, daß es zeugte,
357
Abraham's unaussterbliches Volk von Neuem erkoren,
358
An dem schrecklichen Tage des Grimms, da es selber des Sohns Blut
359
Ueber sich rief und vor des Gerichts umnachteten Altar
360
Als ein feirliches Opfer trat, dort ewig zu bluten.
361
Als geheiliget, wurden wir unter die Völker der Erde
362
Schaarenweise versandt, von des Richters Blute zu zeugen.
363
Schaut, hier stehn wir, und dort stehn unsre gerichteten Brüder!
364
Alle wir lebten einmal. Kann mit allen Sonnen der Himmel
365
Lauter reden von Dem, der ihn schuf? und konnt' es die Erde
366
Mit des tausendfarbigen Frühlings unzählbaren Kindern,
367
Als dies Volk ohne Zahl von dem Mittler Gottes geredt hat?
368
Kamen Todte zu Euch: Ihr verwarft die kommenden Todten,
369
Da Euch diese Zeugen nicht zeugten. So tief herunter
370
Habt Ihr des Menschen Vernunft, die Gottes Bild ist, entweihet,
371
So viel trautet Ihr Euch, so wenig trautet Ihr Gott zu,
372
Daß die verworfenen Götzensklaven ihr Angesicht wenden,
373
Dieser Christen Antlitz nicht schaun, das ernste Gewissen
374
Aus dem Staube, wohin sie es traten, zur Ewigkeit aufsteh'
375
Und nun anders zeuge von Dem, von welchem wir zeugten!«
376
»jetzt – wie soll ich ihn nennen? Ihr sahet ihn, der die Gemeinen
377
Erst verfolgte, darauf ein goldener Pfeiler des Tempels,
378
Der ganz Allerheiligstes ist, zu dem Himmel hinaufstieg,
379
O, wie soll ich ihn nennen? Es ist sein Name, der neue,
380
Der ihn nennt, unaussprechlich. Auch Du, Du stammest von mir ab,
381
Heiliger Mann! Noch segn' ich den Staub, aus dem ich gemacht ward!
382
Also sprach er: »Ach, ewig, ja, ewig richtet mein Auge
383
Nach den Leiden sich hin, die ich jenen Schaaren zu zeigen
384
Laut von dem Himmel durch Den, den auch ich verfolgte, geweckt ward.
385
Engel, ihr Nam' ist: Heil! und Hosianna die Stimme
386
Derer, die überwanden! Ich schweig', und ich hülle die Feste
387
Unserer Ewigkeit ein vor jenen Verworfnen; ihr Nam' ist:
388
Tod! Da jetzo mein Blut, auch Märtyrer, strömte, da weint' ich
389
Ueber die Feinde des Kreuzes nicht mehr; da wurd' ich ihr Richter,
390
Sah ihr Ende; das ist nun, es ist ihr Ende gekommen!
391
Wie erniedert, wie klein, wie von Schattenweisheit umnachtet,
392
Wie von Stolze gequält, wie elend waren die Seelen,
393
Die in dem Antlitz des Sohns des Vaters Klarheit nicht sahen!
394
Hoch verachtet Euch meine Seele! Kaum seid Ihr würdig,
395
Vor der Versammlung des Menschengeschlechts gerichtet zu werden!
396
Wie erhaben und schön und welcher Aussicht an Aussicht
397
Immer ins Ewige, welch ein steigender Tempel, wo Gott war,
398
Ueber die Sonnen hinauf zu dem Throne gebaut, doch ruht' er
399
Auf der Natur; sein Opfer war Blut für alle Gefallnen,
400
Laute Wonne sein Lied, sein Heil der unsterblichen Seele
401
Ganz, wie sie denkt und empfindet, die Fülle des ganzen Verlangens!
402
Dieses war die Religion, die Ihr Thoren verkanntet,
403
Ach, nicht kennen wolltet, mit bitterem Spotte verwarfet!
404
Fühllos habt Ihr gehört sein letztes Rufen am Kreuze;
405
Aber es sind Aeonen vorbei, daß sein Auge sich aufschloß,
406
Und der verstummende Mund Entscheidung des Richters der Welt sprach!
407
Meldet's im Thore des Todes, sagt's an in den Pforten der Hölle:
408
O, wie sind sie gefallen, die Höhn, die himmelan drohten!
409
Bald wird jeder gerichtete Droher dort in dem Abgrund
410
Jammern, sein Antlitz erheben und zu dem andern sich wenden:
411
Weine mit mir um unsre Geburt, um die Stunde der Schöpfung,
412
Die uns dieser Ewigkeit schuf! So werden sie sagen.
413
Denn der Getödtete sitzt auf dem Throne, die Lästrer zu richten!«
414
Dieses sagt' er. Itzt sprach mit stiller Hoheit der Richter:
415
»nach den Stunden, der Erde bestimmt, ist am Abend die Stunde,
416
Welche richtet, gekommen. Ihr hieltet Wahn sie; sie aber
417
Ist gekommen. So wähnte der Wurm, seit gestern Bewohner
418
Eines Staubs, daß sich droben im Himmel der Donner nicht rüste;
419
Also krümmtet Ihr Euch in Eurer Enge. Die Stunde
420
Ist gekommen und hat die Hasser der ernsteren Tugend
421
Alle gewogen und sie zu leicht auf der Wage gefunden.
422
Du, der schlagendes Leben für Seele, sie Erbin des Grabs hielt,
423
Sünder, sie starb nicht; und der Dir am Kreuz zu blutig verstummte,
424
Er ist ewig. Das war er, eh Du, dazu nicht geschaffen,
425
Dich erhubest, zu schmähn den versöhnenden Todten. Jehovah,
426
Gnädig und geduldig, der sich des Menschen erbarmte,
427
Noch wenn er rang mit dem Tod, und, wer er gewesen war, fühlte,
428
Tilg, o Vater, aus Deinem Buch der Lästerer Namen!
429
Sie sind meine Brüder nicht mehr. Sie haben den Mittler
430
Deines Bundes, sein Blut, die Todesangst, die gebrochnen
431
Starren Augen am Kreuz, die Auferstehung und Auffahrt,
432
Jede Wonne des Sohns und jede Thrän' entheiligt.
433
Ja, um meiner Leiden, um meiner Menschlichkeit willen,
434
Meines verstummenden Todes, der Auferstehung vom Tode,
435
Meiner Erhebung zum Thron, um meiner Herrlichkeit willen,
436
Gehet von meinem Antlitz und seid's, wozu Ihr Euch selbst schuft!«
437
»also sprach er ihr Todesurtheil; das drang in die Tiefe
438
Ihrer Seelen und waffnete gegen sie mit der Flamme
439
Ihr Gewissen. Sie wollten zu ihm aufsehen, vermochten's
440
Nicht und sanken dahin. Denn aus den Wunden des Sohns rann
441
Blut nicht mehr, der donnernde Thron war Golgatha's Höh' nicht,
442
Und die Stimme vom Thron nicht Ruf um Gnade. Doch Einer
443
Riß sich vom Staub empor und wagt's, auf den Richter zu schauen,
444
Warf die Arm' aus einander und rufte, daß die Gefild' es
445
Ringsumher und die Himmel vernahmen: »Weil denn die Erbarmung
446
Also begrenzt ist, so sei's nicht die Allmacht! Nimm, o Du Rächer,
447
Deinen Donner und tödte mich ganz, wenn Dein Donner auch Seelen
448
Zu vernichten vermag, daß ich flamm' und Staub sei und sterbe,
449
Noch mit sinkender Hand, noch Asche der offenen Wunde
450
Wüthend nehm' und gen Himmel sie streue, daß mir die Seele
451
In verwehende Trümmern gebrochner Gedanken versinke,
452
Dann entflieh' in die unergründbaren Räume des Undings!«
453
Also ruft' er gen Himmel. Wir huben gefaltete Hände
454
In die Wolken empor. Denn wir sahn die Gerichtsposaune
455
Aus den Händen sinken der Todesengel, Eloa
456
Schnell sich verhüllen, wir sahn, daß der Richter sich wandte. Er streckte
457
Seinen Arm aus, warf, warf einen flammenden Donner,
458
Daß die Höhn und die Tiefen bis in die Gewölbe der Hölle
459
Laut ertönten, daß seinem Haupt der hohe Gerichtsplatz
460
Hundert Hügel entstürzte. Die Trümmer zitterte, dampfte,
461
Krachte, wie im Gebirg Erdbeben dumpfes Getös wälzt,
462
Noch, da sie lag, von der Donnerflamme. Mit fliegendem Blicke
463
Sucht' ich den Lästerer in der Zerrüttung. Ich sah ihn heraufgehn,
464
Und er zuckt'. Ihm hatte der rächende Donner das Leben
465
Zu geschärftrem Gefühl entflammt, der Empfindung des Herzens
466
Schwerter gegeben und dem Gedanken tieferes Grübeln,
467
Schnelleres, das wie in Kreisen die Ungewißheit umhertrieb.
468
Und wir hörten herauf von dem Schreckengefilde die Stimme
469
Seiner Verzweiflung erschallen: »Laß ab! Du Bote, Du Rächer,
470
Donner des Richters, laß ab! Dich hör' ich ewig, ach, ewig
471
Stürzen die dampfenden Hügel auf mich! O, wärt Ihr zu Gräbern,
472
Lastende Felsen, geworden, damit ich tiefer ihn hörte,
473
Seinen unsterblichen Rufer! Verflucht sei der Mund, der sich aufthat,
474
Seinem Gericht zu flehn, daß es noch entsetzlicher würde!
475
Fluch dem Tod und dem Leben und Allen, die jemals dem Schooße
476
Einer Mutter, dem Schooße des Grabs in das Leben entflohn sind!«
477
»jetzo ward mein Gesicht zu dunkeln Gestalten, die fliehend
478
Kamen, fliehend verschwanden. Nun höret' ich Donner, nun Harfen,
479
Dann die Stimme der Rufer am Thron; doch der Stimme Gedanken
480
Konnt' ich nicht fassen; denn einzelne Halle nur hört' ich vernehmlich,
481
Und die andern versanken im rauschenden Strome der Donner.
482
Klagestimmen versinken so, wenn bebend die Erde
483
Städt' einstürzt, und der Staub der gestürzten gen Himmel emporsteigt.
484
Immer noch neue Gestalten, nie ganz enthüllet, Entstehung
485
Stets noch und Untergang. Mir entflog bald schnelleres Fluges,
486
Bald entschlich mir säumend die Zeit. Es dauchte mir Jahre,
487
Was mir also verschwand. Ein Auftritt ward mir enthüllet.
488
Kain sah ich in Riesengestalt, in Riesengestalten
489
Helden; die hatte Kain mit lastendem Eisen gefesselt,
490
Und der Fesseln dumpfes Geklirr verstummte die Donner.
491
Endlich waren vor mir die bewölkten Erscheinungen alle
492
Weggesunken, und sieh, ich sahe wieder Gesichte.
493
»weit umher verstummten die Schaaren. Itzt kam Eloa,
494
Freute sich laut, da er ging, den großen Befehl zu vollführen.
495
Könnt' ein Engel vom Tod erwachen, so würd' er erwachen,
496
So in Entzückung verloren, mit diesem Gange der Wonne,
497
Dieser Geberde des hohen Triumphs! Er ging, aus den Schaaren
498
Heilige zu dem Throne des Gottversöhners zu führen.
499
Als ich die Kommenden sah, da waren's die besten der Menschen,
500
Ehren meines Geschlechts. Ich stand vor ihrem Verdienst auf,
501
Da sie kamen, und trunken vor voller wallender Freude,
502
Rief ich, von ihrer Herrlichkeit trunken: »O, dort will ich Palmen
503
Streun, wo Ihr wandelt, ja, Palmen, daß Ihr so starbt, so lebtet,
504
Werth des Lebens und Todes!« Ich rief's; sie aber, bewundert
505
Selbst von den Seraphim, standen in ihrer Hoheit am Throne.
506
Nun erklang die Posaune: »Erscheinet, Schande der Menschheit!
507
Ob Ihr moosige Hütten, ob Goldpaläste bewohntet,
508
All' Ihr niedrigen Menschen, erscheint, die das stumme Verdienst, Ihr,
509
Welche die Besten Eures Geschlechts unedel entehrten!«
510
Auf den gebietenden Ruf erschien Gewimmel. Sie stiegen,
511
Schwer mit sich selber belastet, herauf und wurden gerichtet.
512
Heman richtete sie. So sprach der Heilige Gottes:
513
»zwar es wurde verdunkelt in uns, das Bild der Gottheit,
514
Und des Schaffenden Spur in der Erde Bewohnern unkennbar;
515
Gleichwol sendete Gott noch jedem Jahrhunderte Menschen,
516
Deren höhere Seel' es empfand, wozu sie gemacht sei,
517
Gute Menschen, heilige Trümmern des Paradieses,
518
Euch an Euch selbst zu erinnern mit lauter, mächtiger Stimme,
519
An die Hoheit der Seele, den Tag der Schöpfung in Eden,
520
An den Menschen, der Gott nicht zu klein war, ihn ewig zu machen,
521
Euch an Gottes Gericht, die über Gräber nicht dachten.
522
Diese Gesendeten Gottes verwarft Ihr; sie aber, zu standhaft,
523
Sich von Denen, die sie verkannten, erschüttern zu lassen,
524
Thaten ihr Wunder. Ihr Wunder war: von dem ersten der Wesen
525
Groß zu denken; Bescheidenheit, sich mit dem Maaße zu messen,
526
Welches Sterbliche maß; Anbetung; keine Verdienste
527
Vor dem Gott der Götter; nicht halbe Menschlichkeit, volle
528
Handelnde Menschlichkeit; Ruh', wenn er, wenn Gott sie nur sähe;
529
Stille geheimere Tugend; Enthaltung, da noch zu schweigen,
530
Wenn sie auch selbst das Urtheil des Tugendhaften verkennte;
531
Flammende Freuden, auch unter den sanftesten Ruhen des Lebens
532
Auf das höhre zu schaun und bald dem Tode zu lächeln.
533
Die verwarfet Ihr. Statt vor ihrem Werth Euch zu neigen
534
Und von ihnen zu lernen, warum die Freude der Erde
535
Viel zu gering für Unsterbliche sei, warum in der Stunde,
536
Wenn die ganze Seele sich fühlte, die bebende Seele
537
Tugend anderer Unschuld und tiefere Ruhe verlangte;
538
Statt Euch ihnen zu nahn, so wurdet Ihr ihre Verfolger,
539
Haßtet die besten der Menschen, bewarft ihr Thun mit dem Staube
540
Eurer schleichenden dunkeln Verleumdung und lästertet Engel!
541
Heilig ist Der, der richtet! Bei seinem Namen: Er schaut' auch
542
Auf die Frevler herab, die seine Geliebteren quälten;
543
Aber mit anderen Blicken, mit diesen, die jetzo Euch treffen
544
Und mit allmächtigem Feuer in jene Tiefen Euch heften,
545
Daß Ihr niedrig auf ewig dort seid!« Er schwieg, und ein Jüngling
546
Von den Jünglingen, die vor dem Tage der Reife verblühten,
547
Selbst der Tugend künftige Märtyrer, wären die Menschen
548
Anderer Märtyrer würdig gewesen, er sprach: »Da die Tugend
549
Litt und ins Einsame floh mit unbewunderten Thränen,
550
Da errieth mein Gewissen das kommende Todesurtheil
551
Ueber die Dränger. Ich wandte von ihren Thaten mein Antlitz,
552
Fluchte dem Flucher, entriß, von der Jugend Feuer ergriffen,
553
Jedem Arme mich, stampft' auf den Boden, wo Lästerer wohnten,
554
Legte mich nieder und starb, ihr Todesurtheil zu wissen.
555
Und nun weiß ich's; so lautet's: Der sein wird, lächelte segnend,
556
Da die Unüberwindlichen litten; der starb und lebt, sah
557
Ihren Weg voll Palmen und Elend. Er wird sie belohnen!«
558
»schnell entschied der Richter das Schicksal der Unterdrücker;
559
Flammenwort der Entscheidung erscholl, und sie flohn vom Gerichtsplatz.
560
»noch entflohn sie, da kam ein Cherub mit eilendem Schritte
561
Durch die Wolken. Die wehten vor ihm, da er ging mit dem Schrecken
562
Seines Zornes, der Cherub. Von jedem mächtigen Fußtritt
563
Rauschet' ein Sturm; nun stand er und streckte den drohenden Arm aus,
564
Schwieg, hielt eine Schale voll Flammen herab durch die Himmel,
565
Daß die Schatten des drohenden Arms die Erstandnen zu Schaaren
566
Ueberschatteten, wendete schnell die tönende Schal' um,
567
Goß von dem Himmel die Flammen. Noch klang die Schale, noch strömte
568
Auf den Gerichtsplatz Gluth herab, da schwur der Verderber
569
Laut durch die Himmel: »Bei seinem Namen, er heißet Jehovah!
570
Rächer heißet er auch, und Liebe jenen Gerechten!
571
Er erschuf die Religion und gab sie den Menschen.
572
Er nur wußte, wer Gott sei. Erscheint, zu stolze Betrüger,
573
Gotterschöpfer, erscheint, die den Hocherhabnen des Himmels,
574
Die Ihr den Liebenswürdigen also den Menschen entstelltet
575
Oder Gehilfen ihm gabt, daß sie Götter neben ihm würden!«
576
»sie erschienen. Es richtete sie der göttliche Stifter
577
Jener Religion, die des Sohnes große Prophetin
578
Und noch Zeugin von ihm bis zum Abend des Weltgerichts war.
579
Er, als ein sterblicher Mann schon gewohnt, an der Rechte des Donners,
580
Dicht an dem Hall der Posaune zu stehen, er sprach: »Ich sehe
581
Alle Gefilde der dampfenden Erd', ich seh' sie mit Bildern
582
Wunderbarer Erfindung bedeckt. Die waren Euch Götter?
583
Diese sollten ein Bild sein Deß, den die Himmel nicht bilden?
584
Kaum sind diese sein Schatten! Ihr fühltet es, bliebt so geschaffen,
585
Wenn Ihr von Eurer Höh' Euch auch am Tiefsten herabwarft,
586
Daß der Wurm auf dem Felde der hohen Wolke nicht rufe,
587
Noch das Thier in der Fluth die Thräne des Leidenden trockne,
588
Daß die steigende Sonne nicht Herzen menschlicher mache
589
Und nicht heilig den dürstenden Geist nach Ruh' und nach Unschuld,
590
Ob auch auf dem Altar Räuchwerk und festliches Feuer
591
Ewig glüh' und ströme der Lobgesang zum Altare.
592
Ja, das fühltet Ihr; doch Ihr waret zu voll von Euch selber,
593
Vor dem Erhabenen Euch zu neigen, vor welchem Ihr Staub wart,
594
Machtet Euch elend genug, darin noch Größe zu finden,
595
Stifter des neuen Wahnes zu sein und Führer der Menschen,
596
Solltet Ihr auch Unsterbliche lehren, das Thier zu vergöttern,
597
Das kaum Tage kroch! So wißt denn: Er hat es vernommen,
598
Eurer Opfer Gepräng und ihr Getöse, der Hörer
599
Ueber den Himmeln, wenn Euch das umtönte Bildniß im Haine
600
Oder zu taub der Orion war und die Rosse nicht anhielt.
601
Ihr, die zum tiefsten Elend hinab die Menschen betrogen
602
Und sie mit Göttern täuschten, er hat ihr Elend vernommen,
603
Hat die Lüste des schwelgenden Tempels, in welch' Ihr sie stürztet,
604
Hat vernommen den Jammerlaut der Knaben im Arme
605
Eurer glühenden Götzen, den jauchzenden Schall der Drommete,
606
Der das geheime Geschrei des Gefühls vergebens betäubte.
607
Siehe, dem Hörenden wurd' es lauter, je mehr es die Mütter
608
Bleich im brechenden Herzen erstickten, unmenschlich gezwungen,
609
Ohne des deckenden Schleiers Gnad' in dem Blute zu stehen
610
Und der Knaben Tode zu lächeln! Nun fodert er wieder
611
Ihr hinströmendes Blut; nun wird die Sünde gerochen,
612
Welch' Ihr mit Euren Göttern erfandet, und jede verlorne
613
Bessere That, die sie hätten gethan, wenn Ihr sie zum Unsinn
614
Nicht verführt und unter sich selbst erniedriget hättet!«
615
»als er redete, ward zusehends sein Angesicht heller,
616
Und es sahn's die Erstandnen in seiner Herrlichkeit strahlen,
617
Ohne Hülle. Nach ihm erhub sich Henoch, und siehe,
618
Eine Morgenröthe mit ihm. Der Göttliche sagte:
619
»da ich das kleine Leben noch lebte, da noch die Stunde
620
Meiner neuen Herrlichkeit säumte, da saß ich oft einsam
621
Unter der Ceder im Hain; dann rauscheten wallende Lüfte
622
In der Ceder ihr Leben, es fühlten sich alle Naturen
623
Um mich herum; ich aber empfand die unsterbliche Seele.
624
Damals, o da schon ergriff mich in Stunden, welch' ich noch segne,
625
Oft mit so unaussprechlicher Neuheit und Wonne der beste
626
Aller Gedanken, ach, der Gedanke vom ersten der Wesen,
627
Daß zu der tiefsten Bewundrung die Seele vor seinem Anschaun
628
Schauernd hinuntersank: so neu, so ganz nicht empfunden
629
War sein Gefühl mir! Ich rief – der zitternde Mund nicht, der starrte;
630
Jede Stimme war todt; kaum hauchte der Athem; das Leben
631
Stutzt', hielt inne; die Zeit stand still – doch laut aus der Tiefe,
632
Laut mit allen Empfindungen rief die betende Seele:
633
O, wer bist Du, wer bist, Du der Wesen Wesen, wer bist Du?
634
Gott, unendlich, der Erste! da war es einsam; Du Schönster,
635
Wesen ohn' Ursprung! ewig war es nicht einsam, Du Liebe!
636
Ach (nun kam mir die Stimme zurück, nun flossen die Thränen),
637
Ach, mein Schöpfer, mein Gott, ich vergeh' in den mächtigen Freuden!
638
Dicht, denn dicht um mich her strömt Deiner Allgegenwart Fülle!
639
Einst – o, sei Du mir, Tag, mit lautem Jubel genennet –
640
Ging ich zu Ihm, der mich schuf, doch nicht durch des Todes Gefilde,
641
Hoch bei dem Grabe vorüber, zu Gott! Er sendet mich heute,
642
Euch zu richten, Ihr Weisen voll Wahns, die, trotzend auf Grübeln,
643
Auf die kleine Seele zu stolz (Ihr ließet sie Gott nicht,
644
Sie zu erhöhn), unsterblich sich glaubten und hoch von sich hielten,
645
Wenn sie das Wesen der Wesen nach ihrer Weisheit enthüllten
646
Und in das furchtbare Dunkel hinauf, von Träumen geflügelt,
647
Drangen und Den, der ewig ist, ganz, wie er Gott war, entdeckten,
648
Seine Vollkommenheit theilten, mit Menschenmaaß sie bemaßen,
649
Gott von Ewigkeit wußten. Ihr hättet besser im Staube
650
Seinen Engel, den Tod, Euch das Dunkle zu hellen, erwartet;
651
Besser mit frommer Bewunderung angebetet, der, höher
652
Als Eu'r schwindelnder Geist, sich ganz in dem Schatten verkannte,
653
Den Ihr von seinem Wesen erschuft und edlere Seelen
654
Um das Thun der Tugend betrogt und die große Belohnung!«
655
»also sprach der Mann, der göttlich lebte. Noch standen
656
Unter der Schaar der Gerufnen in banger, wartender Stille
657
Andere Göttererfinder. Die waren noch nicht gerichtet,
658
Und die waren Christen gewesen. Die Reihn der Richter
659
Warteten auch und schwiegen. Nicht fern von dem Thron, mit den Schaaren
660
Aller der Erstgebornen zum Erb' in dem Himmel umgeben,
661
Stand die Mutter des Menschensohns. Ein weißes Gewand floß
662
Ueber der Göttlichen Fuß; das war mit Blute besprenget.
663
Und sie schaute mit stillem und sanftem Auge voll Demuth
664
Vor sich nieder. So ging sie und führte die schweigenden Schaaren
665
Nah an den Thron. Ich erstaunte vor Freude. So schön war ihr Anschaun,
666
So viel Wonne der Seligen war in ihrer Geberde.
667
Da sie so vor dem Richter stand, da erhub sie ihr Auge,
668
Schauet' ihn an mit tiefem Gebet, sank hin und legte
669
Still zu seinen Füßen die Krone nieder. So lag sie
670
Vor dem Sohn, und es kam von jeder feirenden Harfe
671
Leiser ein Laut, wie des Halleluja. Die Märtyrer alle
672
Warfen um ihre Geleiterin sich auf das Antlitz und legten
673
Ihre Kronen vor Dem, der starb und ewig ist, nieder.
674
»jetzo sprach der Versöhner: »Erhebet Euch, Kindlein, und liebt mich,
675
Wie ich Euch liebte, da Blut aus diesen Wunden herabquoll,
676
Und Maria mich sah.« So sprach der Richter. Maria
677
Weinte. Dann breitete sie die offenen Arme zum Thron aus,
678
Schwebete schimmernd empor und sang, daß es rings die Erstandnen
679
Alle hörten, und Freud' ohne Namen die Himmlischen faßte.
680
»hosianna! nur Dir, nur Dir sei es ewig gesungen!
681
Siehe, Du trafest den Tod bis zu der Vertilgung! die Sünde
682
War umsonst Verklägerin an dem donnernden Throne!
683
Trockne nun, heilige Zähre, die selbst in der ewigen Ruhe
684
Oft mein Auge vergoß, wenn mich die Christen verkannten
685
Und, wie dem Sohne, mir dienten, verstumme nun, Thräne des Mitleids!
686
Denn die Erd' ist zerrüttet, und in den Trümmern der Erde
687
Liegen sie alle verstäubt, die beglänzten Altäre, von denen
688
Mir Anbetungen schollen, so viel Verleugnungen Gottes,
689
Nicht vernommen von mir; er aber hat sie vernommen,
690
Der nun diesen furchtbaren Tag, nun Seelen vom ersten
691
Aller Geister, Erschaffne vom Unerschaffenen sondert!
692
Preis Dir und alle Kronen und alle Palmen, Du Gottmensch,
693
Du Vollender, allein anbetungswürdiger Herrscher!
694
Da noch der Staub nicht war, noch nicht, den Staub zu beleben,
695
Diese Seele, da warest Du schon und dachtest Versöhnung,
696
Zu versöhnen, die Deiner Begnadigung Märtyrer wurden,
697
Zu versöhnen, die Dich gebar, sie mit zu erwählen,
698
Daß sie am hohen Kreuz Dein letztes Rufen vernähme,
699
Heut die Stimme der Sieger und Deine göttliche Stimme,
700
Daß wir erlöst sind und in das Gericht der Verwerfung nicht kommen!
701
Hosianna Bethlehem's Kinde, dem Dulder, dem Todten,
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Der erniedriget, in der Krippe den ersten Schlaf schlief
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Und den letzten am Kreuz! dem Wunderbaren, dem Hohen,
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Den kein Name, die Thräne nicht nennt! dem großen Erfinder
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Seiner Erlösung, des ewigen Lebens! der Sterblichen Sohne
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Und Jehovah's! dem Allerheiligsten Hosianna!«
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»aber itzt ward mein Gesicht zu dunkeln Gestalten, die fliehend
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Kamen, fliehend verschwanden. Nun höret' ich Donner, nun Harfen,
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Jetzo die Stimme der Rufer am Thron; doch der Stimme Gedanken
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Konnt' ich nicht fassen; denn einzelne Halle nur hört' ich vernehmlich,
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Und die andern versanken im rauschenden Strome der Donner.
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Immer noch neue Gestalten, nie ganz enthüllet, Entstehung
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Stets noch und Untergang! Mir entflog bald schnelleres Fluges,
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Bald entschlich mir säumend die Zeit. Es dauchte mir Jahre,
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Was mir also verschwand. Ein Auftritt ward mir enthüllet.
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Leidende sah ich belohnt. Der großen, unschuldigen, edlen
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Leidenden waren's, die Last auf Last das Elend ertrugen,
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Ganze Leben durch erduldeten, göttliche Männer.
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Kronen aus Urlicht kröneten sie; sie geleiteten Engel.
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Endlich waren vor mir die bewölkten Erscheinungen alle
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Weggesunken, und sieh, ich sahe wieder Gesichte.
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»ach, auf einmal erhub sich vor mir des ewigen Todes
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Fürchterlichste Gestalt. So hat kein Gedanke den Umkreis
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Eines unsterblichen Geistes und jede geheimere Tiefe
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Seiner Empfindung erschüttert, als dieses Grauen mein Herz traf!
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Denn die Entehrtesten aller Gefallnen, der kriechenden Menschheit
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Erste Schande, die Tiefsten des Staubs (Gott schwur ihm in Zorne,
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Daß er Staub sei), die bösen Könige kamen, das Urtheil
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Ihr Todes zu hören. Sie ruften nicht Donner vom Throne
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In das Gericht, nicht der Hall der Posaune; röchelndes Jammern,
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Wie von dem Schlachtfeld her, noch sterbendes Seufzen der Sünder,
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Die, ins Elend hinuntergestürzt, sie zu sündigen zwangen,
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Rief sie mit tausendmal tausend Stimmen, vor Gott zu erscheinen.
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Und sie kamen. So wölkt sich die Nacht. Ein Mann, der im Leben
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Elend durch ihrer Einen ward und dennoch gerecht blieb,
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Stand von seinem Stuhl auf, schwur zu dem Richter: »Ich lebte;
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In drei Söhne verbreitet, entfloß mir mein niedriges Leben
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Dennoch heiter, bis jener unmenschliche, lächelnde Mann kam,
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In sein Gold sich setzte, die leidenden Guten verkannte,
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Daß sie wurden wie er. Da starb ich. Du hast sie gerichtet!
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Richter, verwirf ihn von Deinem Antlitz! Er raubte mein Blut mir,
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Schuf es nach seinem Bild und entriß es dem Arme der Unschuld.
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Richt' ihn, richt' ihn, Du Mann der ersten Unschuld! Es komme
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Ueber ihn aller Verworfenen Qual, die er elend gemacht hat!«
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»aber aus ihrer Herrlichkeit standen mit schreckenden Wunden
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Sieben Märtyrer auf: ›Wir heißen Hundertmalhundert!
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Eurem wüthenden Auge war's Lust, uns sterben zu sehen;
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Und wir sündigten nichts. Der sichere Vogel im Walde
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Sang dem Schöpfer sein Lied; wir aber durften's nicht singen.
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In der Gebirge verödete Kluft, zu den Gräbern der Todten,
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Wo mit bethränter Blume Gebein der Brüder begraben
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Lag und reifte dem Tage der Tage, folgten die Boten
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Eurer Wuth uns und ließen nicht ab, mit der Christen Blute
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Ihre Schwerter zu tränken, bis ringsumher der Erschlagnen
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Stumme Lippe, des Todes entsetzliche Stille, noch Blicke
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Sanfter gebrochener Augen zuletzt die Unmenschlichen schreckten,
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Daß sie flohen, und ihnen die leisen Lüfte der Wälder
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Stürme wurden, und Mitternacht der schwebende Schatten.
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Aber Ihr zittertet da noch nicht auf dem blumigen Lager
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Eures Schwelgens, und dicht vom unmenschlichen Schmeichler umräuchert.
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Schaut nun empor und seht: Die Alle habt Ihr getödtet!
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Schaut auch gegen ihn auf, den Erstgebornen vom Tode,
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Wenn Ihr vermögt der Gottheit allmächtiges Schrecken zu schauen!
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Jesus heißet sein Namen! Ihr hörtet vormals den Namen
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Auf der Erde; da tönt' es noch nicht mit der Stimme der Donner,
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Wenn Ihr hörtet den Namen, den alle Himmel itzt nennen!‹
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Also sprachen die Zeugen voll schöner Wunden. Nach ihnen
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Hob ein gerechter König sein seliglächelndes Aug' auf,
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Blickt' auf die Frommen umher: ›Wie kann ich mit Namen sie nennen,
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Diese Ruhe, die jetzo mein Herz mit Seligkeit füllet?
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Wie aussprechen den festlichen Lohn, nur daß ich ein Mensch blieb,
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Nie, von dem Glanze der Größe geblendet, vergaß, daß ich Staub war
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Auch dem Tode bestimmt, wie Jene, welch' ich beherrschte?
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Seid mir gesegnet, Ihr sanften und süßen, Ihr seligen Stunden,
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Da mein Herz bei der Angst Anblick, die Verlassene füllten,
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Gerne menschlich zerfloß und dann dem Ende des Kummers
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Eilend rufte! Schon war es Belohnung, ihr dankendes Auge,
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Voll von dem heiligen Schauer der Menschlichkeit, vor mir zu sehen,
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War schon Kronen genug, das anzublicken; doch giebt mir,
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Siehe, der Herrschende, welcher unendlich belohnt, wie er selbst ist,
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Seiner Freuden noch mehr und Ewigkeit zu den Freuden!‹
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Nun erhub der Verworfenen einer sein Antlitz vom Staube,
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Wo er gerichtet stand, und streckte die zeugende Rechte
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Nach den Königen aus; so sprach der Verworfne: ›Mein Leben
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Ist mit Schande bedeckt, ich bin ein gerichteter Sünder,
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Kenne der Seele Hoheit nicht, die jene Gerechten
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Ueber den Staub der Erd' erhob; und dennoch empfind' ich's,
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Daß Ihr der Menschheit Erniedrung, vor allen Erdegebornen
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Ihr die Unheiligsten seid, so lang' die Sünde geherrscht hat,
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Und sein Gericht das Gewissen nur noch in Stillem gehalten,
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Aber das nun an dem Tage der Rache nicht mehr betäubt wird!‹
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Also sagt' er. Es hatte sich lang' mit tödtendem Schrecken
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Seraph Eloa gerüstet. Die Rache glüht' in dem Aug' ihm.
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Sein gefürchtetes Buch hing durch die Himmel herunter,
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Und er rollt's aus einander; da rauschet' es Rauschen des Sturmes.
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Also sprach er: ›Es ist mit keinem Maaße gemessen,
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Euer Elend; die Zahl zählt's nicht, ihm fehlen die Namen.
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Weh Euch, daß Ihr geschaffen seid! Weh und Verderben ohn' Ende
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Euren Seelen! Ihr habt der Menschheit heiligste Würde
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Tief herunter entweiht. Sie hätten Engel mit Jauchzen
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Und mit weinendem Dank von der Konige König empfangen.
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O, Ihr standet erhaben; um Eure Throne versammelt
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Stand das Menschengeschlecht. Weit war der Schauplatz, der Lohn groß,
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Menschlich und edel zu sein. Die Himmel sahn Euch. Es wandten
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Alle Himmel ihr Angesicht weg, wenn sie sahn, was Ihr thatet;
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Wenn sie sahen den mordenden Krieg, des Menschengeschlechtes
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Brandmal alle Jahrhunderte durch, der untersten Hölle
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Lautestes, schrecklichstes Hohngelächter, den ewigen Schlummer
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Eurer Augen, daß neben Euch drückte der kriechende Liebling,
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Keine Tugend belohnt, und keine Thräne getrocknet!
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Geb nun, Du fülltest Dein Ohr mit der süßen Unsterblichkeit Schalle!
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Geh, Du hast sie erlangt; doch die nicht, welche Du träumtest!
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Ewig ist Euer Name, vom untersten Pöbel der Seelen
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Mit den wildesten Flüchen der Hölle genannt zu werden!
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Eure Thaten sind in des Abgrunds eherne Berge
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Dort in langen unendlichen Reihn mit Feuer gegraben,
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Alle zu kennen an der eignen unsterblichen Schande!
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Da, da ist kein Tempel des Ruhms, da sprosset kein Lorber,
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Eures Hauptes Krone zu werden, da tönt kein Triumphlied,
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Euch mit Ehrevergeudung, mit hohes Preises Ergusse,
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Jedem Zauber des Stolzes, durch Siegesbogen zu singen;
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Aber Jammergeschrei und schreckliche Stimmen des Blutes,
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Das Ihr vergoss't, und Wuthausruf und Verwünschung zu neuer
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Größerer Qual erschallen vom Ueberhange der Berg' Euch,
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Euch aus der ewigen Nacht herdrohenden grausen Gewölben,
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Daß die Wolk' am Throne mit ihrem Donner sich waffne,
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Und mit eisernem Gang die Todesengel herabgehn;
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Daß die Gerichteten alle die starrenden Augen erheben,
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Nach dem Thron schaut; denn die Entscheidung fasset die Wage;
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Bald, bald schwebt in die Himmel hinauf die steigende Schale!‹
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Also ruft' er. Allgegenwärtige schauernde Stille
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Hatte sich über die Erd' und über den Himmel gebreitet.
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Heilig und hehr und schrecklich war des Richtenden Herschaun.
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Allmacht strahlt' er und Zorn. Er blickt' auf die Könige nieder,
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Wandte sein Angesicht, schwieg. Als er sein Angesicht wandte,
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Schauert' es unter der Könige Fuß in den Felsengebirgen,
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Kam ein Sturm von dem Thron, und in den Nächten des Sturmes
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Alle Todesengel herab. Die Könige flohen.
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Kein Erdbeben erbarmte sich ihrer, sie vor dem Anschaun
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Und dem kommenden Schweben der Todesengel zu decken.
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Ein Gedank', und wir sahn die umleuchtete Stätte verlassen
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Ihres Gerichts; noch
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Welche sich öffnete, schloß. Schon kamen am äußersten Himmel
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Um den Gerichtsplatz her die Todesengel. Sie hielten
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Schwarze Wetter empor und fangen Jubelgesänge.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Gottlieb Klopstock
(17241803)

* 02.07.1724 in Quedlinburg, † 14.03.1803 in Hamburg

männlich, geb. Klopstock

deutscher Autor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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