1
Didymus hatte sich lang' von seinen Brüdern gesondert;
2
Jetzo kehrt' er zurück und kam zu der Hütt' an dem Tempel.
3
Aber er säumet' und ging nicht hinein und wandelt' am Eingang
4
Unter den Palmen. Er ging jetzt, lehnte sich jetzt an der Palmen
5
Eine. Bald hört' er sie singen. Da kam er und blieb an der Pforte
6
Stehn. Sie sangen ein Lied der Auferstehung, der neuen
7
Lieder eins, wie am Throne die Seelen der Märtyrer singen.
8
»jesus Christus erstand! Er wird die Seinen erwecken!
9
Seine Kindlein werden im Schooß der Erde nicht ewig
10
Liegen, entstellt von der Hand der Verwesung. Die Stimme des Segens
11
Wird ertönen, vor ihr verstummen des Fluches letzter
12
Laut. Erzengel werden sich freun und leuchtender strahlen
13
Von den süßen Entzückungen über die Todten, die leben.
14
Ach, daß jetzo nicht mehr das Grab ist, nicht mehr die Verwesung
15
Herrscht, noch in Grüften zerstört der hohen Seele Genoß liegt!
16
Wehet, Winde, vom Morgen und bringt den Staub der Zerstörung!
17
Bringt der Zerstörung Staub, Ihr wehenden Winde, vom Abend!
18
Brause, Sturm der Mitternacht, und bringe die Trümmern!
19
Jesus Christus erstand! Er wird die Seinen erwecken!
20
Seine Kindlein werden im Schooß der Erde nicht ewig
21
Liegen, entstellt von der Hand der Verwesung. Wie Träumenden wird es
22
Dann uns sein, wenn wir wiederkehren ins Leben der Engel.
23
Wehet, Winde, vom Morgen, daß wir in das Leben der Engel
24
Wiederkehren! O, säusle die Todten Gottes herüber,
25
Mittagswind, zu dem neugeschaffenen Paradiese.
26
Sieh, an der Pforte des ewigen Edens schrecket des Cherubs
27
Schweigen nie, droht nie die hohe Flamme des Schwertes!
28
Denn wir halten das Mahl mit dem Sohn in der Lebensbäume
29
Kühle, das Mahl in dem Säuseln um uns der Gegenwart Gottes.
30
Denn erstanden ist Er, der bis zu dem Tode die Seinen
31
Liebte, bis zu dem Tod am Kreuz!« So hatte sie Thomas
32
Preisen gehört und war auf die Schwelle gesunken. Er deckte
33
Mit der Hülle sein Antlitz. Ihm floß die Thräne, wie Blut Dem
34
Fließt, der am Leben verzweifelnd im Kampfgefilde gestreckt liegt
35
Und, ihr Gefährt', den Siegsruf hört der Streiter für Freiheit.
36
Noch vermocht' er nicht aufzustehn. In das müde Gebein drang
37
Strömender Duft ihm der Mitternacht. Er fühlt' ihn nicht, weinte.
38
Weinete laut mit der Wehmuth Schauer auf Wehmuthsschauer,
39
Daß ihm die ganze Seele zerfloß. Er riß sich mit Eil' auf,
40
Ging zu den Brüdern hinein. Nun sahen sie endlich wieder
41
Thomas, ihren Bruder, und kamen mit ihrer Wonne
42
Lebenswort ihm entgegen. Er hört's, und lange verstummt' er.
43
Aber es kehrete bald in die Seel' ihm wieder des Leidens
44
Furchtbare Kälte, senket' auf ihn den lastenden, starken,
45
Eisernen Arm, und er rufte: »Seh' ich ihm in den Händen
46
Nicht die Male der Nägel, und leg' ich in diese Male
47
Meine Finger ihm nicht und nicht in des Lebenden Seite
48
Meine Hand, so glaub' ich es nicht!" Der Hörenden Wange
49
Glühete, wurde bleich. Schon rauschten der Cherubim Flügel
50
Unter der Hütte Palmen, schon träufelt' ihr Auge von Wonne,
51
Schon erbarmete sich des Gottversöhners Erbarmung,
52
Und der Göttliche stand vor seinen Jüngern. So schöpfen
53
Christen, welche des Todes Graun erlagen, entschlafen
54
Nun, aus den Strömen des Lichts; so stürzete vor den Erstandnen
55
Thomas sich nieder. Der Göttliche sprach zu den Zeugen mit seiner
56
Herzlichkeit: »Friede sei mit Euch!« Dann sagt' er zu Thomas:
57
»lege mir Deine Finger hierher, sieh meine Hände.
58
Lege mir in die Seite die Hand und sei ungläubig
59
Nicht, sei gläubig!« Der bebende Zeuge des Auferstandnen
60
Rufte: »Mein Herr und mein Gott!« Da sprach der ewige Mittler:
61
»siehe, Du sahst und glaubetest. Der ist selig, der nicht sieht,
62
Aber dennoch glaubt!« Und jetzt war seiner Gemeinen
63
Herr und Gott vor dem Auge der ersten Zeugen verschwunden.
64
Thomas betet' ihm nach, stand auf und ging zu den Jüngern
65
Und zu den anderen Brüdern umher und bat um Erlassung
66
Seiner Schuld. Die Liebenden hatten lang' ihm vergeben.
67
Und der Selige sprach von dem Märtyrertode, dem Kleinod
68
An der Laufbahn Ziel. Sie sprachen mit ihm von des Blutes
69
Zeugniß, der Krone der Ueberwinder am Ziele der Laufbahn.
70
Aber itzt ward ihr Himmelsgespräch wie von selber zum Liede:
71
»seid in der Zukunft Ferne gegrüßt, Gemeinen des Mittlers!
72
Seid, o Brüder, gesegnet mit seines Todes, mit seiner
73
Auferstehung Segen, o, die Ihr im Leben der Prüfung
74
Ihn nicht seht, erst jenseit der Gräber den Göttlichen sehet,
75
Aber dennoch glaubt! Glückselige, wandelt des Himmels
77
Und zu dem Schaun, legt
78
Und zu dem Schaun. Es werden einst Euer Einige wandeln,
79
Ach, in schrecklichen Zeiten, den Wandel zum Tod und dem Schauen!
80
Kämpft, er kräftiget Euch, kämpft daurenden Kampf! Uns, Brüder,
81
Höhnten und tödteten sie; Euch höhnen sie nur, und dennoch
82
Kürzt Der Eure Zeiten, wie er die unsrigen kürzte,
83
Der, für uns und für Euch von dem Anbeginne geopfert,
84
Bis an das Ende der Welt bei Denen wird sein, die er liebet!«
85
Seraphim waren seit Christus' Geburt hinab zu den Geistern
86
In dem Gefängniß gestiegen, den Seelen Derer, die damals,
87
Da der Wasser Gericht der Erde nahte, nicht glaubten,
88
Waren gekommen und hatten den Geistern viel von des Mittlers
89
Heile verkündet; es hatte geweissagt Gabriel: »Höret,
90
Geister, Bewohner vordem der jüngeren Erde, des Menschen
91
Sohn wird selber zu Euch, eh er zu dem Himmel zurückkehrt,
92
Nieder in Euer Gefängniß in seiner Herrlichkeit steigen.
93
Wenn in der weiten Fern' des Himmels Gethsemane bebet,
94
Und ihm die Palmen wanken, alsdann wird der Göttliche kommen.«
95
Unter den Geisterschaaren der untergehenden Erde
96
Hatte seit Christus' Geburt der Unsterblichen Botschaft Gedanken
97
Tausendfacher Gestalt hervorgebracht und vernichtet,
98
Wandlung auf Wandlung, bis sie zuletzt Gewißheit erblickten;
99
Etliche nur; denn Unzählige wallten umher in der Irre,
100
Aber ohne des Heiles Verlust, wenn das Herz nicht verführte.
101
Neuer Anblick des Künftigen; Licht voll Dämmrung; geglaubtes
102
Licht und dennoch Nacht; Verlangen, heiß, wie getrennte
103
Seelen allein es zu haben vermögen; Wünsche, gen Himmel
104
Jetzt auf Flügeln erhoben, itzt niedergestürzt von dem Himmel;
105
Hoffnung, ach Hoffnung; Zweifel nicht nur, ob dereinst Genuß sie
106
Endigen werde, Zweifel auch an der rechten Erkenntniß
107
Deß, was die Engel von Dem verkündeten, welcher ein Mensch sei
108
Und ein Versöhner Gottes; Empörung, von Neuem sich sträubend
109
Wider das Schicksal oder die Vorsicht; Wehmuth, daß selber
110
Diese Rettung sie nicht erretten würde, vergrämte,
111
Bittere Wehmuth; Stolz, vor den Wiedergerufnen, der Ersten
112
Pfad zu betreten, vor ihnen die hellste Palme zu tragen;
113
Wuth, kein Erbe zu haben im Reich der Freien, kein Erbe
114
Dort, wo die Nacht nicht mehr und die Ungewißheit umwölke:
115
Dies, dies Alles umgab, durchdrang die langebestraften,
116
Langgeprüften Geister der untergehenden Erde.
117
Und sie hatten empor aus ihrer Tiefe zu Schaaren
118
Späher gesandt, die hinüberschaun nach Gethsemane sollten
119
Und den Palmen umher und kommen dann und verkünden:
120
»siehe, Gethsemane bebt, und es wanken des Sternes Gefährten!«
121
Einige Todte ruften von Klüften zu Klüften; »Die Zeit naht!«
122
Und: »Die Zeit naht!« schollen die Widerhalle des Abgrunds.
123
Haufen sonderten sich und schöpften voll aus dem trüben
124
Feuerstrome die Schalen und hielten sie hoch und suchten
125
Pfade sich, fehlten und fanden den Ausgang, kehreten wieder,
126
Ruften, noch bebe der Stern nicht! Die anderen Haufen entdeckten
127
Nun den Ausgang auch und kamen nicht wieder. Da strömt' es,
128
Hoch die Flamme, den Haufen in Schaaren nach. So empört sich,
129
Heben sich Stürme, das Meer; erst rauschen Wellen wie Hügel,
130
Aber nicht lang', und es brausen Wogen wie Berg' ans Gestade.
131
Etliche kehrten zurück, denn immer wallten die Sterne
132
Ihres Weges noch fort. Doch weit hinab an dem Strome
133
Standen, die Flamme zu schöpfen bereit, unzählbare Todte,
134
Daß sie eilten und schauten, wenn nun der Verheißne des Engels
135
Käme, wenn nun die Erscheinung des lebenden Todten erschiene.
136
Jesus sprach zu Gabriel: »Eile voran!« Und der Seraph
137
Schwebte nicht lang', so trat er, wie sie noch niemals ihn sahen,
138
Ganz mit Herrlichkeit überkleidet, mit Strahlen des Urlichts,
139
In des Gefängnisses Thor. Da wurde Gethsemane stärker,
140
Nun noch stärker erschüttert, so sehr, daß die wartenden Haufen
141
Endlich sahn, wie der Stern mit wankendem Pol aus der Bahn wich.
142
Schaaren eilten hinab, zu verkündigen, sahen den Seraph
143
Kaum, der vor ihnen in der Herrlichkeit stand. Der Versöhner
144
Kam, und Tag ging auf vor dem Göttlichen, leuchtet' hinunter
145
In des Gefängnisses tiefes Geklüft, auf die Felsenhänge
146
Voller trüber Quellen, hinab in die fernsten Gewölbe
147
Unter den Felsenhängen, wo etliche Todte mit dumpfen,
148
Jetzo schnellem Geklirr diamantne Ketten bewegten.
149
Erst erschütterte Staunen, alsdann entflammtes Verlangen,
150
Endlich enthüllt ihr Schicksal zu sehn, die Versammlung der Todten;
151
Nur enthüllt! so dürsteten einige, was vor ein neues
152
Schicksal auch hinter der Nacht, die jetzt sie umgäbe, sich hätte
153
Aus den Tiefen erhoben des unerforschlichen Richters.
154
Gabriel blies die Posaune: »Wir haben von seiner Geburt an
155
Euch den Versöhner verkündet. Er forschet Alles, er weiß es,
156
Wie Ihr seitdem bis jetzo von Gott und von Ihm gedacht habt.
157
Nicht wie Ihr nun, da Ihr Ihn in seiner Herrlichkeit sehet,
158
Aber wie Ihr zu der Zeit der Verkündigung dachtet und wünschtet,
159
Wird Euch der Allgerechte und Allbarmherzige richten.«
160
Feierlich kamen die Engel, die einst des Versöhnenden Boten
161
An die Geister waren, herab, und sie standen vor Christus.
162
Heller vom Tage, der war vor dem Göttlichen aufgegangen,
163
Standen die Cherubim da, das Entsetzen Vieler, und Vieler
164
Wonnanblick. In furchtbarer Schöne begannen die Engel
165
Aufzusteigen, zu schweben, so weit die Gefilde der Tiefe
166
Sich ausbreiteten unter den Todten, und niederzuschauen.
167
Nahe war die Entscheidung herzugekommen, und Grauen
168
Vor dem erschütternden Donnerschlage befiel die Versammlung.
169
Stiller ward die Stille; bald aber erscholl's in den weiten
170
Trauergefilden hier aus
171
Dort von Rufen, von schnellem, gebrochenen, flehenden Rufen
172
Um Erlösung. Der Allbarmherzige, Allgerechte
173
Hörte mit diesem Rufen, was sonst kein Unsterblicher hörte,
174
Selbst der Seelen leises Gebet, die mit Demuth von ferne
175
Standen. Da schwebten hinab der Botschaft Engel und gingen
176
Unter den Schaaren umher und sonderten. Stunde der Wonne
177
Und der Thränen – der Wonne war mehr – wo tönet die Harfe,
178
Welche von Dir zu singen vermag? O, rührt' ich sie, sänge
179
Sie von den Thränen auch, und wär' ich gelehrt durch den Engel,
180
Der sie mir hätte gebracht, auch von dem künftigen Heile
181
Derer, die weinten, viel mehr als weinten, belastet von Elend,
182
Wider die Vorsicht murrten und, ach, erblos in dem Lichtreich,
183
Wie sie wähneten, ewig nun und von der Verzweiflung
184
Strom ergriffen und Strudel gedreht und Sturm, sich empörten.
185
Jetzo war die Sondrung vollbracht. Die Schaaren der Freien
186
Steigen verklärt aus der Tief' empor und folgen den Engeln,
187
Die sie führen. Die Führenden sind zu der weiten Wallfahrt
188
Durch die Welten umher mit hellen Gürteln, als hätte
189
Sie die Morgenröthe gewebt, begürtet und tragen
190
Goldene Stäbe, mit denen sie oft, wie sehr auch der Reise
191
Durch die Welten die Pilger sich freuen, gen Himmel weisen.
192
Als die letzte Schaar der Freien die Tiefe verließ, kam
193
Schnelle Dämmerung, ging noch schneller unter der erste
194
Ihrer Tage. Gehüllt in daurendes Dunkel, wie vormals,
195
Blieb drei Erdewendungen lang die Versammlung der Geister
196
Sprachlos stehn; an der vierten erhoben sich etliche, gingen
197
Hin zu dem Feuerstrom und schöpften mit wankender Schale
198
Wenig Schimmers, umher in den Klüften ihrer Genossen
199
Stätte zu suchen. Sie fanden der Stätten viele verlassen,
200
Wendeten aus der Oede sich weg und klagten des Jammers
201
Voll den Genossen, der Bruder dem Bruder, dem Freunde der Freund nach.
202
Auf der Erde schon sind Freuden, in denen des Grabes
203
Erbe die künftige Wonne vorausempfindet; ach, frühe
204
Blüthen, welken sie schnell; doch blühete also des Lebens
205
Baum in Eden. Nephthoa befiel nach einem der frohsten
206
Seiner Gebete süßer Schlummer. So träuft auf des Lenzes
207
Erstlingsblume der Thau. Bald hört' in Traum er die Stimme:
208
»schlummerst Du noch und gehest nicht hin, zu erzählen den Frommen,
209
Daß Dir ein Bote Christus' erschien, in Strahlengewande
210
Einer, den Gott Dir sandte, der Heimath einer des Himmels?«
211
Und er eilt nach Golgatha's Grabe. »Die Seinen,« so denkt er,
212
»weilen gewiß dort oft. Sie wallen von Salem zum Grabe,
213
Sehen's und sich und wandeln zurück, bald wiederzukehren.
214
Auf dem Wege des Grabes und in dem Garten, wo Christus'
215
Todesstätte war, da, neben dem Felsen versammelt,
216
Find' ich seine Treuen.« Der junge, noch sterbliche, frohe
217
Himmelsbote verließ mit dem werdenden Tage die Thore
218
Salem's, und schon betrat er den Weg, so nach Golgatha führte.
219
Ihm begegneten Jünger des Mittlers, die von dem Grabe
220
Kamen. N. »Verließet Ihr Jünger im Garten der Auferstehung?
221
Kehret denn wieder zu uns und bringt der seligen Zeugen
222
Mehr in der Palme Beschattung. Ich habe der himmlischen Botschaft
223
Viel für Euch und für sie.« An des Gartens nahem Gehege
224
Spieleten Knaben. Er sonderte neun der freudigen Knaben;
225
Fünfe hatte mit ihm einst unter dem Volke gesegnet
226
Jesus, unser Erbarmer, der Säuglinge Gott und der Kinder.
227
Und Nephthoa erkor die andern. Ihn leitete Christus'
228
Weisheit. So leitet Engel, indem sie sich Erben des Himmels,
229
Sie zu schützen, erwählen, die Weisheit Christus'. Die Knaben
230
Kamen zum offenen Grabe, beschauten die furchtbare Tiefe
231
Und die Felsenlast, die weggewälzt vor ihr dalag.
232
Freudig schauerten sie, doch auch mit Schrecken, indem sie
233
Ueber sich der alternden Bäume Wipfel erblickten.
234
Und sie irrten umher in dem Schatten des dichteren Laubes
235
Und des helleren, welches der weiße Lenz mit dem Brautschmuck
236
Seiner Blüthen durchwebte. Sie fanden gegen des Grabes
237
Eingang über, im Glanz des lieblichen Morgens, auf weichem
238
Jungen Grase, beströmt von dem Duft der Blüthengerüche,
239
Heilige Gottes, und sie in sanfte heitere Ruhe
240
Ausgegossen, und sie mit der Freudenthrän' in dem Blicke,
241
Eine selige Schaar, der Auferstehung des Mittlers
242
Einst Verkündiger, Feirer jetzt. Sie sahe Nephthoa
243
Ehrfurchtsvoll; doch er war auch der göttlichen Boten
244
Einer, und an sie. Viel' Heilige kannten den Knaben,
245
Kannten seine Gespielen. Er säumt, zu reden; doch Alle
246
Sehen's an ihm, daß Stimmen des Heils auf den Lippen ihm schweben.
247
Aber er säumte nicht lang'; denn schon begann zu dem Grabe
248
Jener begegnende Haufen mit neuen Haufen zu kommen.
249
Da erscholl von Benoni's Erscheinung die Stimme Nephthoa's,
250
Wie er ihm lockte sein goldenes Haar, wie Benoni von Christus
251
Sprach, der Auferweckte vom auferstandnen Vollender.
252
Und die neuen Freuden ergriffen die Hörenden, brachten
253
Sie noch näher dem Himmel. In dieser süßen Begeistrung,
254
Dieser Vorempfindung der ewigen Wonn' an dem Throne,
255
Strömte das Herz der Heiligen aus, und sie sangen dem Sieger,
256
Der zertrat. Ihm blutete nun nicht mehr von der Schlange
257
Wuth die Ferse. So wie der Gesang in Strömen dahinfloß,
258
Tanzten die Knaben den heiligen Reihn zu dem Siegesgesange:
259
»siehe, der Himmelsbogen erhob nach furchtbaren Wettern
260
Sich in der Wolke! Der Bund ist ewig, der Auferstehung
261
Bund ist ewig!« So wie der Gesang in Strömen dahinfloß,
262
Tanzten die Knaben den heiligen Reihn zu dem Siegesgesange.
263
Und die Mütter bekränzten mit Frühlingslaube die Knaben.
264
»siehe, die Thränen alle, sie wurden alle getrocknet,
265
Da das geopferte Lamm versöhnet hatte, nicht Tod mehr
266
War der Tod!« So wie der Gesang sich in Strömen dahingoß,
267
Wandten die Knaben im heiligen Reihn nach Golgatha's Höh' sich.
268
Und die Mütter brachten den Knaben Sprosse der Palme.
269
»ach, der Lebende sprach mit seiner Stimme: Maria!
270
Und sie lag zu den Füßen des Gottversöhners und rufte,
271
Rufte: Rabbuni!« So wie der Gesang sich in Strömen dahingoß,
272
Tanzten die Knaben den heiligen Reihn zu dem Siegesgesange.
273
»rief: Mein Herr und mein Gott! Er hatte die Male gesehen
274
Seiner Wunden, hatte die Hand in des Auferstandnen
275
Seite gelegt.« So wie der Gesang in Strömen dahinfloß,
276
Tanzten die Knaben den heiligen Reihn zu dem Siegesgesange.
277
»ach, auch wir erwachen dereinst von dem Tod, es erwachen
278
Alle bis hin zu dem Ende der Erde, die liegen und schlafen,
279
Todte Gottes!« So wie der Gesang in Strömen dahinfloß,
280
Tanzten die Knaben den heiligen Reihn um eines der Gräber,
281
Warfen die Kränze darauf und tanzten zum Siegesgesange.
282
Schleunig lassen sie sinken die Palmen. Denn auf des Felsen
283
Höhe, des Grabes, das leer nun war, erschienen Erstandne;
284
Und der Siegesgesang verstummet. Drei der Erwachten
285
Standen in ihrer Herrlichkeit da, und es schwebte wie Wolken
286
Bei den Erscheinenden. Jetzo trat aus dem Silbergewölke
287
Asnath langsam hervor und ward zu Glanze. Debora
288
Hub ihr Antlitz und hub die gefalteten Hände gen Himmel
289
Aus der Wolke, bis endlich auch sie, ganz Schimmer, dastand.
290
Aber Jedidoth schwebte daher, als käm' er aus jener
291
Fern', wo nieder des Himmels Gewölbe sich senkt; doch auf einmal
292
Stand er neben Debora. Und Isak begleiteten Engel
293
Und bewunderten ihn, den schönsten der Auferstandnen.
294
Rahel weht die goldene Locke, da sie aus dem weißen
295
Dufte Benjamin führt mit einer Liebe, daß alle
296
Mütter die Mutter erkannten. Da kam in der Sterblichen Seele
297
Sanftere Freude, da fingen sie an, dem bangen Erstaunen
298
Sich zu entreißen. Nicht lang', und es traf sie neues Erstaunen.
299
Denn nun stand Jesaias und Abraham da und Hiob,
300
Strahlengestalten. Die Sterblichen bebten. Nun kamen des Mittlers
301
Täufer und Seth und Abel, kam mit Gabriel Adam,
302
Blitze Gottes. Die Sterblichen sanken. Der Fels wankt' ihnen
303
Und das Gefild umher. Doch die Seele der Sterblichen wurde
304
Wieder entlastet. Denn Eva kam mit milderer Schöne,
305
Trat einher und führte, wie sie der erfrischenden Mondnacht
306
Schimmer umgab und des Himmels Bläue, den Jüngling Benoni.
307
Da erhuben die Zeugen sich wieder und sahen des Himmels
308
Erben mit Seelenerquickung, mit unaussprechlicher Wonne,
309
Fühlten es ganz, wie selig sie waren. Schnelles Entschlusses,
310
Näherte sich Nephthoa dem Fels. Er hatte die Palme
311
Wieder genommen; er hielt sie gegen Benoni und sagte:
312
»ach, Dich kenn' ich; allein die hohen Strahlengestalten,
313
Deine Gefährten, kenn' ich nicht. Gesendete Gottes,
314
Siehe, der Euch mit diesem Glanz, der Herrlichkeit Lichte,
315
Segnete, segnet' auch mich. Zwar bin ich noch Erd', und es muß noch
316
Dieser Leib mir verwesen; allein ich bete, wie Ihr, Den,
317
Der versöhnet hat, an. Auch waret Ihr vormals, wie ich bin,
318
Sterblich und truget die Last des gefürchteten Todes, bis nieder
319
Euch des kommenden stürzte. Vergönnt, vollendete Fromme,
320
Mir, den Christus segnete, daß ich dem furchtbaren Felsen
321
Näher trete, noch näher schau' der Himmlischen Antlitz!«
322
Eva wendete sich zu Adam: »Der freudigen Ahndung,
323
Adam! nicht lange, so bricht die Blume der Tod!« und sie stand schon
324
Bei dem Knaben und führet' ihn hin zu Benoni. Doch jetzo,
325
Da er mitten im Kreise der Himmlischen war, und ihr Lächeln
326
Seinem erhobenen Blicke begegnete, zitterten Schauer
327
Durch des kühnen Knaben Gebein. Ihm hüllte Debora
328
Sich in Dämmrung und sprach mit ihm: »Du hörtest die Zeugen
329
Christus' singen; sing uns ihr Lied!« Da begann er mit leiser
330
Stimme der Zeugen Lied, und der Seligen Harfen beseelten's:
331
»siehe, der Himmelsbogen erhob nach furchtbaren Wettern
332
Sich in der Wolke. Der Bund ist ewig, der Auferstehung
333
Bund ist ewig!« So wie sein Gesang, beseelt von den Harfen,
334
Hinfloß, schwang er den Palmenzweig und wies auf des Herrn Grab.
335
»siehe, die Thränen alle, sie wurden alle getrocknet,
336
Da das geopferte Lamm versöhnet hatte, nicht Tod mehr
337
War der Tod!« – »Was säumet Ihr,« sprach in sanfterem Lichte
338
Asnath, »dem Knaben der Psalme den Kranz von dem Grabe zu bringen?«
339
Magdale Mirjam kam und bekränzte den Knaben der Psalme.
340
»ach, der Lebende sprach mit seiner Stimme: Maria!
341
Und sie lag zu den Füßen des Gottversöhners und rufte,
342
Rufte: Rabbuni!« So wie sein Gesang, beseelt von den Harfen,
343
Tönete, träufelten ihm von dem hellen Auge die Thränen.
344
»rief: Mein Herr und mein Gott! Er hatte die Male gesehen
345
Seiner Wunden, hatte die Hand in des Auferstandnen
346
Seit gelegt.« Da so sein Gesang, von den Harfen beseelet,
347
Strömete, hielt sich nicht mehr die wonnevolle Versammlung
348
Bei dem Felsen; sie stiegen hinauf zu den Seligen Gottes,
349
Und sie traten hinein in den strahlenden Kreis und begannen:
350
»ach, auch wir erwachen dereinst von dem Tod; es erwachen
351
Alle bis hin zu dem Ende der Erde, die liegen und schlafen,
352
Todte Gottes!« So wie ihr Gesang den Flug des Triumphs flog,
353
Hoben die Harfen den Schwung, wie am Thron, zu dem Wonnegesange.
355
Und der vollendeten. Alle sangen dem Sohn, mit der Stimme
356
Lautes Jauchzens die Himmlischen, leises Stammelns die Menschen:
357
»preis und Ehre dem Ueberwinder, dem Löwen aus Juda
358
Und dem Lamm auf Sion, der hohen Aehre von Jesse!
359
Aber am Golgatha lag sie gesenkt, hub schnell an des Blutes
360
Hügel wieder sich auf, die erste der Ernte. Den Völkern
361
Allen schattet sie einst, und das Labsal des göttlichen Schattens
362
Wird in Ewigkeit laben. Da ruften die Schnitter nicht, sanken
363
Aus der Cherubim Hand die Posaunen, da Jesus Christus –
364
Preis und Ehre dem Ueberwinder – da Jesus Christus
365
Auferstand!« Die Stimme der Seligen Gottes verlor sich
366
In der Entzückung; ihr Glanz erlosch. Die Todten verschwanden.
367
Lazarus' Hütte lag und Martha's in schattigen Gärten,
368
Die ein luftiger Bach durchfloß und mit einem der Gänge
369
Leise zum Grabe Mirjam's kam. Aus eben dem Grabe
370
Hatte den Bruder herauf der Todtenerwecker gerufen;
371
Aber die himmlische Schwester schlief den eisernen Schlaf fort,
372
Jetzo ohne Klage der Nachgelassnen; denn Jesus
373
War erstanden, zu ihm die himmlische glückliche Mirjam
374
Hingegangen. Aufs Grab der Hingegangenen streute
375
Martha mit jeder kommenden Sonne des nährenden Baches
376
Hellste Blumen, wie sie von der Zähre der süßen Hoffnung
377
Troffen, der Hoffnung des Wiedersehns, wenn sie bei der Schwester
378
Bald nun läg' und schliefe den eisernen Schlaf in der Erde,
379
Blind den Blumen und taub dem sanften Falle des Baches;
380
Aber die Seele bei Mirjam's Seele. Sie kam von dem Grabmal
381
Eben zurück, als Lazarus ihr begegnet' und sagte:
382
»martha, ich sendet' und lud der Brüder ein, der Versöhnten,
383
Auch der Pilger vom siebenarmigen Strom und den Inseln
384
Griechenlandes zum Mahl in dem Schatten und Weste, zum Liede
385
Unserer lieben Sänger im Busch und der Harfe Gesange.«
386
Martha eilet' und war geschäftig, das Mahl zu bereiten.
387
Lazarus ging und streuete Blumen und thaut' in der Lauben
388
Kies aus dem kühlenden Quell und bog die Zweige, des Schattens
389
Mehr zu geben und mehr dem Sonnenstrahle zu wehren.
390
Und ob er wol bei dem frohen Geschäft, die Lauben zu schmücken
391
Und zu kühlen, am Grabe der himmlischen Schwester vorbeikam,
392
Troff ihm die Thräne doch nicht der Todeserinnrung: »Ich sehe
393
Bald sie wieder!« und brach der Blumen selbst auf dem Grabe.
394
An dem Bache hatten sich schon mit der Harf' und der Gidith
395
Seiner Jugend Gespielen um eine Palme gelagert,
396
Mit der Asoor, der Cymbale, dem Horn und jener Posaune,
397
Die den Donner nicht hallt und von hellem Tone nur zittert.
398
Sie empfanden voraus der Lieder Freude, die, käme
399
Nun der Abendstern und der silberne Mond mit dem Sterne,
400
Von der Palme sich sollten umher in die Lauben ergießen.
401
Jetzo war nach und nach der Geladnen Versammlung gekommen;
402
Und sie saßen umher in den luftigen Lauben und fühlten
403
Freude, die nun nicht mehr voll Ungestümes die Seele
404
Ueberwältigte, die gleich leisen Bächen das Innre
405
Ihres Lebens durchwallte. Was hatten sie nicht von des Mittlers
406
Zeugen gehört, was selber gesehn! was durften zu hören
407
Sie nicht noch und zu sehn erwarten, die Söhne des Bundes!
408
Ach, des neuen, welcher auf sie mit Herrlichkeit strahlte,
409
Der, gestiftet durch Tod, durch Auferstehung gestiftet,
410
Ihnen zum fröhlichen Tage das Leben und heiteren Abend
411
Machte (Wenige nur sahn, trübe den Blick, in die Zukunft)
412
Und zum süßen Schlummer den Tod. Kein Zweifel bewölkte
413
Ihre Seelen; nicht jene Belastung der Ungewißheit,
414
Die in der Trübsal Stunde sogar auf Fromme sich stürzet,
415
Drückte sie nieder; sie waren beinah schon über dem Grabe,
416
Neideswerth, wenn dem Bruder ein Christ es könnte beneiden,
417
Daß von dem Allbarmherzigen ihm der Begnadigung mehr ward.
418
Silberfarben wallte der Mond, der Stern, sein Gefährt', stand,
419
Funkelt' am weißlichen Himmel. Die frohe Versammlung zerstreute
420
Sich aus den Lauben umher und genoß des kühlenden Abends.
421
Von Gespräch zu Gespräch kam Dimnot, ein Pilger aus Samos,
422
Endlich dahin, daß er sagte zu Dem, mit dem er der neuen
423
Freundschaft erstes Gefühl, die Lust der Edleren, theilte:
424
»ach, Du meinst noch, der Tod vernichte! Muß denn das Saatkorn
425
Nicht aufschwellen, bevor zum lebenden Keim es sich hebet?
426
Muß die Wolke zu Nacht nicht werden, eh sie in den schnellen,
427
Zückenden Blitz, in den Rufer Gottes, den Donner, sich wandelt?
428
Soll die hohe Seele denn stets in dem sterblichen Leibe
429
Wohnen, des Daseins erste Bahn auf immer betreten?«
430
Dies nur sagt' er und handelte schnell. Mit Strahlen umgeben,
431
Stand er vor seinem Freund auf einmal da und erweckt' ihn
432
Mächtig erschütternd vom ängstlichen Traum der geglaubten Vernichtung.
433
Von Gespräch zu Gespräch kam Kerdith, ein Pilger vom Nilus,
434
Endlich dahin, daß er sagte zu Dem, mit dem er der neuen
435
Freundschaft erstes Gefühl, die Lust der Edleren, theilte:
436
»glücklicher, der es nicht weiß, wie sehr er es ist, Dich ergreift noch
437
Stets der Gedanken, es sei auf dieser Erde des Elends
438
Mehr wie der Freude. Bald wird sich der Schmerz des trüben Gedankens
439
Lindern, viel mehr als lindern, wird Dich auf immer verlassen.
440
Glücklicher, der es nicht weiß, wie sehr er es ist, und wie sehr sich
441
Das ihm nahet, was ihn schon in dem Leben am Grabe
442
Ueber das Grab wird erhöhn, des Todes furchtbaren Abruf
443
Ihm in Himmelsgesang, das Bild der nahen Verwesung
444
Ihm wird wandeln in trunknes Gefühl, in Ahndung, verklärter
445
Zukunft voll, es entkeime dereinst dem gesunknen Gebeine
446
Auferstehung; mir ist, mein Bruder, durch Den, der uns Alle
447
Schuf, uns Alle versöhnte, schon Auferstehung geworden.«
448
Ach, er rief's mit dem Tone der innigsten Wonne dem Freunde,
449
Stammelt's ihm zu und strahlte die Morgenröthe des Urlichts
450
Auf den Erstaunenden, säumt' und säumte, sein leuchtendes Antlitz
451
Wegzuwenden, blieb vor ihm lang' in der Schönheit der Engel
452
Stehen, that dem Bebenden, that dem Verstummenden froher
453
Eilender Fragen viel', wich seitwärts wie Dämmrung, da dieser
454
Hinzusinken begann in die Blumen um ihn; doch enthüllt' er
455
Wieder sein Licht und kam zu dem Hingesunkenen wieder.
456
Endlich sahe den nicht Verschwundnen, vom Schrecken der Freude
457
Uebernachtet, sein Freund nicht mehr. Sie fanden mit bleicher
458
Wang' ihn liegen und huben ihn auf und reichten ihm Labsal.
459
Finster und scharf war Sebida's Blick. Er saß auf dem Moosstein,
460
Und ihm glühte von Denken die Stirn: »Ich, der der Gewißheit
461
Lang' entsagt hat in Dingen des künftigen Schicksals, dem Zweifel,
462
Wie er das Herz auch belaste, sich lange schon unterworfen,
463
Ich soll glauben, der Pilger etliche, die ich vor Kurzem
464
Hier noch sahe, Sterbliche sah, die sei'n Erstandne?
465
Die erscheinen? und soll nicht glauben, der Sehenden Seele
466
Werd', indem sie Gedanken von Auferstehung entflammen,
467
Durch Vorstellung getäuscht, der Wirklichkeit mangelt? Erscheint denn,
468
Todte, dem forschenden Untersucher, der Wesen vom Bilde
469
Sondert, erscheinet, Todte, die leben! Denn Wirklichkeit kenn' ich,
470
Leben auch. Ich schau' um mich her, und ich flehe vergebens!«
471
Japhet, ein Pilger aus Tenedos, kam heran zu dem Zweifler,
472
Stand, von der Helle des unbewölkten Mondes umgeben,
473
Nahe vor ihm und sprach mit ihm von der doppelten Täuschung
474
Bald der gewähnten Gewißheit und bald des ergrübelten Zweifels,
475
Alles, nachdem der Geist zu der Ueberzeugung sich neige
476
Oder wider sie sich sträube. Der Weisere köre
477
Dinge sich aus und Beschaffenheiten der Dinge, die sichtbar
478
Vor ihm lägen, und die er zu übersehen vermöchte;
479
Böten aber sich ihm aus weiteren Kreisen der Kenntniß
480
Andere dar, so erforschet' er sie, wie die aus den engern,
481
Sähe wie sonst, verdrehte bei Ueberschauung des Höhern
482
Nicht den Blick und täuschte sich nicht durch ergrübelte Zweifel.
483
Ernstvoll sagt' es der Pilger und kalt, und auf einmal verschwand er.
484
»ist verschwunden, verschwunden und nicht erschienen! Allein er
485
Ist ja erschienen, nur nicht in seiner Herrlichkeit. Sehen
486
Soll ich wie sonst. Ich sehe wie sonst. Er ist mir verschwunden,
487
Ist mir also erschienen. Wer sendet' ihn? Kam er von selber,
488
Oder sendet' ihn Gott? Ist er auch von selber gekommen,
489
O, so ist er immer doch Einer, dem es bekannt war,
490
Daß ich Belehrung bedurfte, und der mich mächtig belehrt hat.
491
Wär' er nun gar ein Bote von Gott! So entrann ich dem Meer denn
492
Dieser Zweifel, worin ich versank. Entronnen, entronnen
493
Bin ich, ich bin durch einen Sturm ans Gestade gerettet,
494
Steh' und schaue freudig hinab und höre die Woge
495
Tod herrauschen und fürchte nicht mehr die wüthende Woge!«
496
Aber ihm ward der Gnade noch mehr. Der verschwundene Todte
497
Kam in seiner Herrlichkeit wieder. Es sah in dem Schatten
498
Einer Palme den Strahlenden Sebida kommen, darauf ihn
499
Näher schweben, zuletzt in dem Glanze gemildertes Lichtes
500
Gegen ihn über, als wollt' er daselbst der Ruhe genießen,
501
Nieder auf einen Fels sich setzen. Frei wie der Heitre
502
Lüfte, gelöst von den Banden allen der Zweifel, von allen
503
Ihren Bürden entlastet, befragte jetzt die Erscheinung
504
Sebida, hörte von ihr die süße Stimme der Antwort
505
Ueber Vieles von diesem und jenem Leben und beider
506
Nahem Verhalt, und wie Gott es Alles mit Herrlichkeit ende.
507
Endlich rief er: »Wer aber bist Du, Erscheinung vom Himmel?«
508
»ja, Erscheinung vom hohen Himmel, doch auch aus dem Grabe! –
509
Ich bin Joseph. Dir lebt Dein alter Vater noch. Eile
510
Und erzähl' es ihm, daß der redliche Greis auf des Sohnes
511
Wangen fühle die Freudenthräne des Sohns und ihn segne!«
512
Unterdeß stand der Versöhner auf Tabor's Höhen und legte
513
Richtend That, Absicht auf die Wagschal', wog; auch sah er,
514
Welche Seligkeit Denen ward, die bei Lazarus weilten.
515
Lazarus redte mit Ernst und unwiderstehlicher Anmuth
516
Von den Lehren des Mittlers, wie er jetzt tiefere Weisheit,
517
Nahrung sie und Leben des Menschen, enthüllet mit Einfalt,
518
Jetzo von fern nur hätte gezeigt des Sterblichen Auge.
519
»sind hinüber,« so sagt er, »die kenntnißbegierigen Wandrer
520
Ueber das Grab gegangen, so wird die Ferne zu Nähe,
521
Und sie lernen zugleich, warum dies nicht früher geschahe.«
522
Viele Fragende standen um Lazarus her, und Antwort
523
Hatt' er schon Vielen gegeben. Itzt sagt' er einem der Pilger,
524
Der ein Unsterblicher war, kein Pilger mehr auf der Erde:
525
»unsers Mittlers Erniedrigung? ... ist für den schärfsten der Blicke
526
Abgrund, wo am Unmerklichsten sich die größten der Thaten
527
Zeigen. Denn dort, wo sie sind, sinkt am Tiefsten die Tiefe.
528
Lasset uns menschlich reden von göttlichen Dingen; denn anders
529
Können wir nicht. Ein Mensch, der edler ist, handelt; verkennet
530
Wird er, ist voller Gefühl, empfindet es, daß er verkannt wird,
531
Leidet. Was ist er? Ein irrender sterblicher Mensch, der ein Wenig
532
Besser ist als die Andern; und dennoch weinet er, hält er
533
Bittere Thränen zurück, die gerecht ihm scheinen. Und Christus
534
Unser Mittler? Wir stehn an der Tiefe! Vergleicht; vergleichet
535
Aber auch nicht! sonst muß ich schweigen. Der Mittler ist Gottes
536
Sohn, ist Gott! Hier schwindet zu nichts das Bild vor dem Urbild.
537
Und er handelt. Auch hier wird es Schatten. Verkennet? In Allem
538
Ganz verkannt! Und die Thränen, die der Erhabne zurückhielt?
539
Wären gerechtere jemals geweinet worden? Doch Alles,
540
Was der Mensch durch sich selbst sich erklärt, ist fern von dem Leiden,
541
Das der Heilige litt, ist fern vom Gefühle, mit welchem
542
Er es litt! Verkannt nur in Allem ganz? Voll stärkres,
543
Tiefres Gefühls, wie ein Mensch empfunden, empfunden ein Engel,
544
Wurd' er gehöhnt mit der Hölle Hohn, wurd' unter lautem
545
Schlangengezisch in Purpur gehüllt, ein Rohr ihm gegeben
546
In die Rechte zum Scepter, aus Dornen dann um die Schläfe
547
Eine Kron' ihm gewunden! Er ward geführt zu der Schädel
548
Höhe, geheftet ans Kreuz! Nach Labsal ruft' er, mit Galle
549
Wurd' er gelabt, an dem Kreuz mit langsamen Tode getödtet!«
550
Lazarus endete so und ging aus der Laube. Zuletzt war
551
Er allein zu der frommen Maria Grabe gekommen.
552
Und er setzete sich auf die Ruhestätte der Todten,
553
Senkt' in frohen Gedanken und wehmuthsvollen sein Haupt: »Da,
554
Ach, da reift sie der Auferstehung! Vom todten Messias
555
Hörtest Du nur, da Du starbest, und nicht vom erstandnen; allein Du
556
Weißt es Alles und bist – mich täuschten ja Engel, wär's anders –
557
Bist bei ihm. Noch segn' ich Dir nach, Du Schlummernde Gottes!«
558
Doch die Unsterbliche war bei ihrem Grabe. M. »Was hätt' ich
559
Ihm zu erzählen, könnt' ich mich, wie die Erstandnen des Mittlers
560
Sich den Zeugen entdecken, ihm auch entdecken! Allein er
561
Wird ja vielleicht, wie es schon sein Semida ward, wie es Cidli
562
Wurde, verklärt!« L. »O Abend, den Gott mich erleben in diesem
563
Zweiten Leben läßt, glückseliger Abend, wie machen
564
Dich mir festlich die Pilger des Herrn! Wie würde Maria,
565
Lebte sie, Deiner sich freun, wie forschen, wer wirklich ein Pilger,
566
Wer ein Unsterblicher sei, schon Einer der Heimath des Himmels!«
567
M. »Könnt' ich Dir nur erscheinen, ich wollte, Du Theurer, sie Alle
568
Dir entdecken, wer in dem Staube noch wallet, und wer nur
569
Erdebewohner Euch scheint! Die Unsterblichen, Lazarus, haben
570
Eine Hoheit, die sie nicht stets zu verbergen vermögen,
571
Schaun bisweilen wie Engel auf Euch. Wer Acht hat und sehn kann,
572
Sieht es. Ich rede ja da, als wär's mit dem Bach und dem Grabe.
573
Lazarus höret mich nicht; mich hören der Bach und das Grab nicht.
574
Doch will ich mich, mein Bruder, der süßen Täuschung, als könnt' ich
575
Mit Dir reden, noch überlassen. Der Greis mit dem schönen
576
Blüthenhaar und dem röthlichen Wanderstab an der Palme
577
Ist Husai. Der Jüngling, der dort an der Krümme des Baches
578
Ernst das Auge gen Himmel erhebt, ist Jethro, der Schäfer
579
Midian's. Siehe, sie ist in einen Schleier, dem Duft gleich,
580
Eingehüllt und mit Golde gegürtet, die sanfte Megiddo,
581
Jephtha's Tochter.« Es war der itzt Schweigenden Blick zu des Mittlers
582
Auferweckten noch immer gewandt. Noch immer voll neuer
583
Süßer Verwunderung über die Welt, in welcher sie jetzt war,
584
Spähte sie Alles darin bis zu kaum sichtbarer Aendrung
585
Mit des wärmsten Gefühls Theilnahme. Jetzo bemerkt sie,
586
Wie mit leiserer Senkung die vielbesaitete Harfe
587
Korah an einen Oelbaum lehnt; jetzt wie sein Jedithun
588
Ihm an die Harfe den Blumenkranz voll frischeres Dufts hängt;
589
Nun, wie weiter hinauf an der Ulme Rahel den Epheu
590
Windet; und nun, wie zu Rahel sich Jemina nähert, als wollte
591
Sie ihr helfen, und doch auf Erscheinungen sinnt. Da bei Bethlem
592
Einst der Hirt Zalmona das Lied der Unsterblichen hörte,
593
Das sie sangen von Dem, der geboren war an der Krippe,
594
Starb er vor Freude. Der war erstanden. Ihn sahe Maria
595
Neben Bethlehem's älterem Hirten, dem Sohn Isai's.
596
Beide trugen Stäbe der Weide, waren vom Felde
597
Beide gekommen und forschten der Auferweckung der Frommen,
598
Ihren Erscheinungen nach und ließen sich's Alles erzählen.
599
Jetzo wandte zu Lazarus sich Maria von Neuem:
600
»sieh, er machet sich auf und will dem Jüngling erscheinen,
601
Der so innig trauert' um Dich; an dem glänzenden Auge
602
Seh' ich es, Eliphas will dem glücklichen Jüngling erscheinen.
603
Ach, wie nah – o, wende nach ihm die Blicke – wie nahe
604
Kommt er zu uns; er setzet ans Grab sich neben Dir nieder!
605
Aber nun sieht ihn das Auge nicht mehr. Wie schnell war die Wandlung,
606
Als er der Menschen Gestalt ablegte! Er will sich gen Tabor
607
Wieder erheben. »Verweil, o Heman, bei uns und erscheine
608
Meinem Lazarus hier! O, laß sein frohes Erstaunen
609
Ueber die Himmelsgestalt, laß seine Thräne mich sehen!«
610
H. »Ihm erscheint der Versöhner, und wenn der Versöhner zu Gott geht,
611
Wird Dein Bruder verklärt!« M. »Ihr Unsterblichen Gottes, verklärt wird
612
Lazarus, wallet mit uns hinauf zu den ewigen Hütten,
613
Ach, zu dem Erbe des Lichts, den Tausendmaltausend, der Schöpfung
614
Erstgebornen, zu allen den Schaaren der Mitanbeter?
615
Aber Du gehest von mir, mein Bruder.« Lazarus wandte
616
Sich von dem Grabe Maria's und kehrte zurück zu den Lauben.
617
Cneus saß allein auf kühlendem Moose; so dacht' er:
618
»o Ihr Glücklichen, die das Alles sahen, erscheinen
619
Auferstandene sahn, selbst Worte der Ueberzeugung
620
Von der künftigen Welt durch die Boten Gottes vernahmen!
621
Aber glücklich auch ich, dem sie dies Alles erzählten!
622
Thorheit wär' es, noch jetzt zu zweifeln, täuschende, blinde
623
Thorheit. Allein, was soll ich thun? Dem Eroberer ferner
624
Dienen? dem Gott des Olympus, dem Donnerer opfern? bei Adlern
625
Schwören, das Blut unschuldiger Unterjochter, gerechtrer
626
Menschen Blut zu vergießen? und, ist es vergossen, des Feldherrn
627
Stolzen Triumph begleiten und mit den Siegern in Rom dann
628
Schwelgen? Das? da mir ganz andre Gedanken des Menschen
629
Schicksal in dieser und jener Welt ganz anders erklären!
630
O, gehabt Euch allzumal wohl, Ihr Triumph' und Erobrer
631
Und Ihr Götter! Ich weihe mich Dem, deß Wahrheit mich lehret,
632
Hohe, himmlische Wahrheit, die Menschenschicksal dem Menschen
633
Aufschleußt, Künftiges uns und Entwicklung im Künftigen zeiget.
634
Gott der Götter, sei Du mit mir und leite mich ferner!«
635
Wunderbar wurd' er erhört. Er sah die Erscheinung Elihu's
636
Vor sich stehn und hörte von Gottes Heile sie reden.
637
Und Erstaunen befiel den frommen Cneus, daß seiner,
638
Selbst mit dieser so großen Erbarmung, Gott sich erbarmte.
639
Lange – sie war verschwunden, schon wieder hinübergegangen
640
In der Geister Welt, die Erscheinung – doch blickt' er noch lange
641
Nach der Stätte, wo sie vor ihm stand, und hörte noch immer,
642
Was die Erscheinung sprach, noch immer Worte des Lebens.
643
Innig gerührt, gerühret in seiner ganzen Seele
644
War Bethoron. Er hatte gehört, ihn liebte der Mittler
645
Dennoch, obwol er vordem sich weigerte, Jünger zu werden,
646
Jünger Dessen, der nun war auferstanden, Erstandne
647
Sendete seinen Geliebten, die sie mit den Freuden des Himmels
648
Ueberschütteten. »Ich noch jetzo geliebt? Das könnt' ich,
649
Das, das wähnen?« So blutet sein Herz. In einsamer Laube
650
Sah ihn Lazarus sonder Trost und konnt' ihn nicht trösten.
651
Aber Bethoron verließ die Laube und ging in des Gartens
652
Gängen mit Pilgern umher, in des Wäldchens Gängen mit diesen
653
Unbekannten, die Sterbliche sein, Unsterbliche konnten
654
Sein und erschienen, erscheinen wollen den Uebrigen allen,
655
Aber ihm nicht! Er sprach mit Einigen, wandte sich wieder
656
Weinend weg und hörte nur an, was mit Andern sie sprachen.
657
Jetzo ging er mit Gerson aus Paros; der war Elihu,
658
Hiob's Freund. Bethoron erzählt, so wollt' es Elihu,
659
Von den Thaten des Herrn, da er noch in dem Leben die Lehren
660
Gottes lehrte, bestätigte noch durch Wunder die Lehren
661
Gottes. Und einmal rief Elihu: »O Selige, die er
662
Sich zu Zeugen erkor!« Bethoron durchdrang es die Seele,
663
Und er glaubt', an Gerson zu sehn, er wäre kein Pilger.
664
Gerson wendete sich zu seinen Gefährten. »Die Blicke,«
665
Dachte Bethoron bei sich, »und diese Stimme, zuweilen
666
Voller Laute, wie sonst ich keine Laute nicht kenne!
667
Diese Worte der Kraft, der Wahrheit! Aber was sinn' ich
668
Ueber ihn nach und quäle mein Herz? O, sei nur, Du Fremdling,
669
Sei ein Sterblicher, sei, ach, kein Unsterblicher! Gerson,
670
Kehre wieder! Er kehrt nicht wieder. Er will mir Verlassnen
671
Nicht erscheinen!« Bethoron war unvermerkt an dem Bache,
672
Welcher das Grab Maria's umfloß, hinuntergegangen.
673
Und dem Einsamen kam ein anderer Fremdling entgegen,
674
Nahm ihm die Hand und wurde sein Freund. Da ergoß sich Bethoron's
675
Traurende Seele; da sprach er von Christus' Beruf und von seiner
676
Weigerung, sprach von Allem, was ihm sein Innres durchdränge.
677
Ob der Mittler ihn wol noch liebte? Das nicht! ihm vergäbe?
678
Und, wenn er ihm vergäbe ... »Wer bist Du, Pilger? wofern Du
679
Einer der Himmlischen bist, ach, einer der Seligen Gottes,
680
Die des Versöhners Zeugen erscheinen, so (laß Dich erflehen)
681
Wende nicht weg dies Auge voll Liebe, so habe Du Mitleid
682
Mit mir Armen – ich flehe Dich nicht um himmlischen Lohn an;
683
Aber um Mitleid fleh' ich Dich an – so erbarme Dich meiner,
684
Bote Gottes, erhabener Jüngling, mein Freund – o, Du sagtest
685
Mir ja selber, Du wärest mein Freund – kaum wag' ich, es endlich
686
Auszusprechen, warum ich Dir fleh': so erscheine mir, Bote
687
Dessen, der auferstand, und der mich Armen zum Jünger
688
Auserkor, und dem ich nicht folgte!« Jedidoth vermochte
689
Länger sich nicht zu halten, er fiel um den Hals ihm und weinte
690
Lange mit ihm, bis endlich Bethoron mitten in Strahlen
691
Niedersank, und Himmel und Erd' um den Glücklichen schwanden.
692
Semida kehrte mit Cidli zurück von dem Hesperus. Engel
693
Leiteten sie zu dem Grabe der schlummernden Freundin, zu Mirjam's
694
Blüthenumduftetem Grab, und den Lauben des himmlischen Bruders.
695
Bald versammelten sich um die wiedergekommenen Wandrer
696
Auferstandene. »Singet uns,« rief der Glücklichen einer,
697
»neuen Gesang von der Wonne des Liebenden und der Geliebten!«
698
Ton wie der Laute klang nun und Ton wie der Flöte. Die Pilger
699
Höreten Hall aus der Fern' und wußten nicht, was sie vernahmen.
700
Säuseln im Laube war es doch nicht, nicht rieselnde Quelle;
701
Schien es gleichwol bisweilen zu sein. Sie zweifelten, riethen,
702
Zweifelten wieder und winkten sich zu und geboten sich Stille;
703
Kaum erhob sich noch mit leisem Wallen ihr Athem.
704
S. »Cidli, wie froh bist Du! Ich ahndet' es wol, daß die Zukunft
705
Freuden strömte, wie wir, verwandelt, zuerst sie empfanden.
706
Schön ist die Welt, ist schöner mir, wenn Du es, Cidli, wie ich fühlst!«
707
C. »Schön ist der Abendstern, ist schöner mir, wenn Du's wie ich fühlst,
708
Semida, schöner sind mir alsdann die steigenden Tage
709
Und die sinkenden, schöner die unbegleiteten Sonnen.«
710
S. »Sterne sind (ich beginne schon es zu hören) im Einklang;
711
Reiner ist die Musik der Unsterblichen, als wir sie kannten,
712
Ist erschütternder, ist Erschafferin der Entzückung;
713
Cidli und Semida hat Harmonie zu Wonne vereinet.«
714
C. »Auch dem Hesperiden ward die Begeistrung der Liebe;
715
Aber wie Semida kann er nicht und wie Cidli nicht lieben.«
716
S. »Hesperid', es erwachen Dir viel' der seligen Tage;
717
Aber Du hast Dich noch nicht von der ersten Bildung erhoben.
718
Deine Seele vernimmt durch sieben Sinne; der unsern
719
Thut die Schöpfung weiter sich auf durch mehr der Gehilfen.
720
Und ward Deinen Sinnen die Kraft, die unsre beseelet?
721
Kannst Du so ferne wie wir die Blume sehen, so ferne
722
Rauschen hören den Bach, der die Wurzel tränket des Laubes?«
723
C. »Als mit der Sterblichen Aug' ich die Blumen noch sahe, da weint' ich
724
Leidende noch, ich weinete mich und die Blume, die welkte;
725
Aber als Semida nun, zum Frühlingsmorgen erschaffen,
726
Mich umarmte ...« Sie schwieg. Denn an einer entblätterten Palme
727
Sahe sie ihre Mutter, die, überlastet von Kummer,
728
Niedergesunken war. Die Tochter hielt sich nicht, strahlte
729
Schnellerscheinend zu ihr hinunter in ihrer ganzen
730
Herrlichkeit. Ebenso schleunig starb vor Freude die Mutter.
731
»sehr glückselig würden auch mich,« antwortete Semno,
732
»säh' ich sie, Todtenerscheinungen machen; allein, daß der Mittler
733
Auferstand, davon mich zu überzeugen, bedarf ich
734
Ihrer nicht. Ich weiß es.« »Ich kenne,« sprach der Erstandne,
735
Aber der jetzt ein Pilger nur war, »die feste Gewißheit
736
Deines Geistes, die Stille, mit der Du Dinge, bei deren
737
Anblick uns, wie im Sturme das Meer, die Seele sich hebet,
738
Untersuchst.« Der Unsterbliche schwieg. So entschloß er zuletzt sich:
739
»nein, ich enthülle mich nicht. Ihn möchte, wie stark auch sein Geist ist,
740
Dennoch mit ihrem Himmel zu sehr die Erscheinung erschüttern,
741
Und er verlöre vielleicht durch weniger seliger Stunden
742
Wonnetrunknen Genuß die Ruhe des längeren Lebens.«
743
Unterdeß stand der Versöhner auf Tabor's Höhen und legte
744
Richtend That, Absicht auf die Wagschal', wog; auch sah er,
745
Welche Seligkeit Denen ward, die bei Lazarus weilten.
746
Bersebon, Einer der Zehn, die der Mittler heilte vom Aussatz,
747
Aber der dankbar allein zurückkam, hörete, näher
748
Jener umlagerten Palme, der Gidith Stimme, der Harfe
749
Und der vereinten Asoor. Mit trunkenem Ohre, mit süßer
750
Ueberwallung der Freude vernahm er der innigen Töne
751
Gang und Verhalt, und schnelle geflügelte Bilder umschwebten
752
Ihm die Seele; bald aber erblicket' er sehendes Auges
753
Bei der Palme, doch sie wie in helle Nebel gehüllet,
754
Leuchtende Menschengestalten, und immer, da er sie sahe,
755
Wurde das Harfengetön ihm lieblicher, himmlischer immer.
756
Schrecken der Freude faßt' ihn, als eine der edlen Gestalten
757
Ihm sich nähert' und ihm die Hand ergriff und ihn führte
758
In das helle Gewölk. Da er in dem Gewölk ist, eröffnet
759
Ihm sich weitres Gefild, und Licht, wie er niemals noch sahe,
760
Schwebt auf dem frohen Gefild. Ein Unsterblicher redete, sagte:
761
»brich uns von jenen Palmen!« Er ging und zittert' und brachte
762
Jedem einen wehenden Zweig. Der Unsterblichen einer
763
Gab ihm den seinigen. Da verließ das Schrecken der Freude
764
Bersebon, und er redet': »Ihr seid von dem Himmel gekommen?«
765
U. »Sind aus Gräbern gekommen. Wir sind erstandene Todte.«
766
B. »Hat Euch Der aus dem Grabe geweckt, der mich von dem nahen
767
Tode zurückrief?« U. »Christus hat uns, da er starb, aus der Erde
768
Zu dem unsterblichen Leben gerufen.« B. »Weilt Ihr noch lange
769
Auf der Erde?« U. »Nicht länger als Der, so vom Tod uns erweckte.«
770
B. »Geht Ihr mit Christus gen Himmel?« U. »Wir gehn mit Christus gen Himmel.«
771
B. »Wird der Versöhner Gottes nun bald die Erde verlassen,
772
Bald sich gen Himmel erheben?« U. »Wir wissen es nicht.« B. »O, verzeiht mir,
773
Himmlische, daß ich noch immer mich unterwinde, zu fragen!
774
Sterb' ich bald?« U. »Wir wissen es nicht.« B. »Wie war, da vom Tode
775
Ihr erwachtet, wie war es Euch da?« U. »Wie es Adam die Stunde
776
Seiner Schöpfung war. Einst rufet auch Dir die Posaune!«
777
Mit den Worten verschwand die Todtenerscheinung, und sprachlos
778
Blieb er noch lange stehn und sah noch immer sich weit um
779
Nach den Todten und sah die Palme nicht wehn, wo die Harfe
780
Scholl und die Gidith, vernahm der goldenen Saite Gesang nicht.
781
Also feierten sie in Lazarus' Garten der Freundschaft
782
Fest, Unsterbliche feirten es so mit ihnen. Sie dachten
783
Sich zu erheitern, und da ward ihnen Freude des Himmels.
784
Wenn wir sterben, empfahen wir so. Wir hoffen, vom Elend
785
Auszuruhen, und uns wird Wonne Gottes gegeben!