1
Der mißkennet den ewigen Sohn, den Herrlichen Gottes,
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Der es nicht weiß, daß durch
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Schuf, und daß er der Schaarenheere, die zählbar nur
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Jener, die macht der Verstand und die Wahl glückseligkeitsfähig,
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Herrscher ist so lange, bis einst aus den Labyrinthen
6
Aller Welten die Wege des Ewigen alle zu
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Großen Ziel, zu der Seligkeit Aller, herüberkommen.
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Hätte der Herrliche Gottes nicht an dem Kreuze gerufen,
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Nicht in dem Tode der Allversöhner: »Es ist vollendet!«
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O, so könnte das Heer ohne Zahl der Erschaffenen, ganz dann
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Selig, dereinst durch die Himmel »Es ist vollendet!« nicht rufen.
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Aber als er zu schaffen beschloß, beschloß er, zu sterben.
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Jesus Christus, der göttliche Sohn des ewigen Vaters
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Und der Mensch, stieg wieder hinauf zu der Höhe des Berges,
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Welcher, bis er sich zur Rechte des Vaters erhübe, sein Thron war,
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Sieh, ein Thron auf der Erd' und doch des Beherrschers der Welten!
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Unter ihm bebt' und leuchtete Tabor. Die Auferweckten
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Standen um ihn und, ferner als sie, die Cherubim Gottes.
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Dieser hehre Kreis war offen gegen des Himmels
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Allerheiligstes. Christus stand in der Mitte und lehnte
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Sich an einen bemoosten Fels, der neben ihm ruhte,
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Nicht der Leidende mehr. Vor ihm erloschen der Väter
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Und der Cherubim Schimmer in werdende Dämmrung, Eloa's
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Lichtausgießende Morgenröthen in Sommermondnacht.
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Aber so oft sein Auge voll Gottheit blickte, so faßte
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Alle süßes Gefühl der Endlichkeit, standen sie Alle
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Gern auf ihren Stufen, auf die in der Reihe der Wesen
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Er sie gestellt, so fühlten durch ihn sie Alle sich selig!
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Siehe, der Cherub verstand den Wink im gewendeten Antlitz
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Christus' und schwebte dahin. Bald kam er mit Seelenschaaren
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Wieder, ihr Führer, der Todten, die seit des göttlichen Sohnes
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Auferstehung waren gestorben, und die zu bestatten
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Gräber hier Weinende gruben, dort dem Staube die Urnen
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Mit der Cypress' umwanden. Die Blume blühet, mit welcher
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Einiger Gräber Geliebte nun bald bestreuen; und dennoch
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Sprach nicht los das Gericht den Todten im blumigen Grabe.
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Christus' Gesendeter führte die Seelen nach Tabor. Sie kamen,
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Wie der Gewitterregen, in Sonnenstrahlen hier heller,
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Trüber dort, wo es mehr sich wölkt, von dem Himmel herabfällt,
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Oder wie, wenn in einer erhabneren feurigen Seele
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Leidenschaft kämpft und Vernunft, sie Gedanken zu Schaaren umströmen,
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Wahre Gedanken und falsche, doch die mit Geberden der Wahrheit
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Täuscher, darein von der Leidenschaft Zauberstabe verwandelt.
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Nahe waren dem ersten Gericht die Seelen gekommen.
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Und sie schwebten vor Christus und riefen schnelles Erstaunen
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Freudig aus und bang, als sie den Gott in der Mitte
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Und die Götter um ihn erblickten. Der Herrscher der Welten
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Sprach: »Wer seid Ihr, Seelen?« Und dumpfes vermischtes Geschrei rief,
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Wer sie wären, bescheidenes Urtheil über sich selber,
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Stolzes mehr; allein in dem Antlitz des strahlenvollsten
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Unter den Göttern sahen sie bald, daß
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Sich verbürgen. Jetzt sondern der Götter einige Seelen
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Aus dem Haufen und bringen sie näher dem obersten Gotte.
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Christus hielt Gericht, und schnelle Worte geboten,
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Schnellere Winke den Engeln. Die Engel zeugten, enthüllten
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Flammenschrift; bald rollten sie wieder die Bücher zusammen,
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Streuten nur wenig umher des furchtbaren Glanzes. Die Seelen
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Redeten, schwebten verstummt. Kurz war des Richtenden Urtheil,
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Traf gleich Blitzen, umstrahlte mit Wonne, wie Glanz des Tages,
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Den, der blind war, oder sein Wink gebot auch den Engeln
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Nur den Weg, den hinauf die Seelen oder hinunter
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Wandeln sollten. Es führen der Wege viel' in den Abgrund,
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Viel' zu dem Himmel; einige währen Aeonen, und Stunden
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Einige. Dort entdecken es ihnen der Welten Bewohner,
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Lassen es hier die Seelen selbst erforschen, warum sie
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Sich hinauf zu dem Throne des Ewigen schwingen, warum sie,
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Ach, hinab in den Abgrund sinken. Der näheren Seelen
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Viele riefen und stürzeten sich in den Staub des Gebirges,
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Riefen: »Jupiter, Gott des Donners, erbarme Dich unser!
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Brama, Tien, Allvater, wir fehlten, sündigten, irrten!
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Zeus Kronion, Götterbeherrscher, erbarme Dich unser!«
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Aber den wartenden Cherubim gab der Erlöser Befehle:
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»der vom Euphrates steigt von des Libanon's äußerstem Sterne
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Bis zu der siebenten Ceder hinauf des Haines. Gesündigt
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Hat er viel; allein stark war die Reizung, und heftig
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Seine Seele. Wenn er des Phiala Strahlen sich nähert,
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Soll der Bewohner des Sterns des Versöhners Namen ihm nennen.
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»dieses vom Ganges Seele war trüb' und weich; zu Gewißheit
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Kam er nicht. Er steiget hinauf bei dem Hermon. Den Richter
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Nennt Ihr ihm nie, und früher als Jenem den Sündeversöhner
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Bei dem Schimmer Engeddi's! Was neigst Du so tief in den Staub Dich?
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Bis zur Unmenschlichkeit stolz war Dieser. Führt ihn zur Hölle,
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Eh ich des Oelbergs Gipfel betrete.« »Jupiter, höre!
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Zürne nicht so!« Er sank in schnellen Betäubungen nieder.
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»hättest Du Deinen Freund nicht verrathen, so führte der Engel
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Dich nicht hinab.« Zween Winke noch lehrten den führenden Cherub.
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»gebt dem redlichen Manne die Palme früher, sobald er
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Neben der Quelle Bethlehem's schwebt! Du glaubtest, Allvater
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Lohne. Größer ist Gott, als Du ihn, Redlicher, dachtest.
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»stand er zu Schlachten nicht auf, und legt' er zu Träumen von Schlachten
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Sich nicht nieder?« Schnell war der Blick des Gebieters, und schnell war,
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Der den Blutigen führte. »Dem stillen Verleumder, daß diesem
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Jeder schlangenzüngichte Lästrer der Höll' entgegen
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Zische, stürzet ihn, Engel, hinab in die unterste Hölle!«
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Eilend kam ein Cherub herab aus der Ruhstatt Gottes,
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Und wie die wehenden Locken ihm flogen, die Wang' ihm entglühte,
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Sank er vor Jesus Christus, dem Weltbeherrscher, zur Erde.
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»mittler, der Stern, deß Hüter ich bin, erhebt zu dem Ziele
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Seiner Wandlung sich bald. Des hohen Sternes Bewohner
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Haben schon Vorempfindung von ihrem Schwunge zum Urlicht;
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Aber sie halten den Durst, aus seinen Strömen zu schöpfen,
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Kaum noch aus. Zwar ist ihr Gefühl der Seligen Gottes;
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Dennoch ist es Begnadung, wenn Du sie früher hinaufführst.
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Darf ich Gethsemane rühren und seine Palmen, so zittern
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Wankender meine Pole, so sinken die Pfeiler der Tiefen
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Eh, und mit ihnen hinab die Paradiese des Sternes.«
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»rühre Gethsemane, Cherub, und seine Palmen!« Der Engel
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Eilte dahin, das Gestirn, daß es früher ende, zu rühren.
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Kermath kam sein Engel entgegen, lächelt' ihm Liebe,
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Sagte: »Du warst für die Menschen, mit denen Du lebtest, zu edel,
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Guter Kermath. Das war's, daß sie Dich verkannten und haßten.
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Trockne sie nun, die Zähren, die Du mit innigem Schmerze
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Wegen dieser Verkennung in Deiner Einsamkeit weintest.
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Komm, den Lohn zu empfahn, den diese Güte des Herzens,
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Diese Geduld Dir erwarb. Blick auf (er wies nach dem Sterne)!
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Dort wirst Du auf der ersten Stufe der Seligkeit stehen;
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Aber Du steigst die Ewigkeit durch von Stufe zu Stufe,
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Stets von Helle zu Licht, von Freude zu Wonne!« Sie schwebten
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Mit einander empor zu der ersten Stufe des Frommen.
120
Einer von Indien's Königen war gestorben. Die Seele
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Wallte, noch ganz nicht wach von dem letzten Schlummer des Todes,
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Säumte, daucht's ihr, in langen nicht absehlichen Gängen.
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Jetzo erwacht von dem Schlummer der Todte, von seiner Größe
124
Wahne noch nicht, von ihrem Taumel noch immer ergriffen.
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K. »Aber wo sind die Seelen der Sklaven, deren Gebeine
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Aus der Asche duftender Stauden die Lebenden lasen,
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Weineten, daß man ihr Gebein nicht läse? wo sind sie,
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Daß sie den todten Satrapen, ihr Herrscher komme, verkünden?«
129
Einsam wallt' er hervor aus dämmernder Gänge Gewölben
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In die Freie des Himmels und sah dann gegen sich über
131
Einen Unsterblichen stehn, deß Recht' ihm winkte, zu weilen.
132
Auf den Verwunderten sah der himmlische Jüngling mit Lächeln,
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Doch mit beginnendem nur, herunter. »Folge von ferne,«
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Sprach zu dem Herrscher der Engel, »dem Schimmer, welchen Du sehn wirst
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Hinter mir sich verbreiten.« Er mußte folgen, und bald stand
136
Er in der Seelen dichtestem Drang und wurde gerichtet.
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»ach, hier find' ich gewiß, hier find' ich Rettung! Denn Götter
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Seh' ich hier; und Ihr seid gerecht, Ihr ewigen Götter!
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Menschen sind das nicht, sind Hasser, Verfolger der Unschuld,
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Blinde, verkennen, wer redlicher ist, wer besser als sie ist!«
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Rief ein abgeschiedener Geist und wurde belohnet.
142
Gelimar lag auf dem Sterbelager, ein feuriger Jüngling,
143
Recht in der vollen Morgenröthe des Lebens. Sein Freund stand
144
Neben ihm, reicht' ihm Kühle des Quells in brennendem Durste.
145
Gelimar sprach: »Auf ewig – was wähnest Du anders? – auf ewig
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Ist es, daß wir uns trennen! So sind die Loose gefallen
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Jenes Baums und der Blume dort, des sterbenden Jünglings
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Hier, den Du liebest, und Deins und Aller, die Sterblichkeit athmen.
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Alles ist aus, vorüber, wenn wir hinwelken, verdorren,
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Sterben; Alles vergangen, als wär' es niemals gewesen!
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Jüngling, was soll der weinende Blick voll Trostes? Du willst mich
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Doch nicht etwa trösten? Was soll mir Tröstung? ich sterbe!
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Tröste Dich, daß Du leben mögest! Ich fürchtet' es lange,
154
Aber ich dacht' es nicht oft in der Freude der blühenden Jahre;
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Ach, nun ist es gekommen, und ich muß wallen, hinunter
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Etwa ins Grab? ich walle nirgends hin! Denn ich bin dann
157
Aufgelöset, ein Nichts. Du wirst dem verwesenden Leichnam
158
Doch wol den Namen des Freundes, der Dich liebte, nicht geben?
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Ehmals schonet' ich Deiner Thränen; itzt kenn' ich kein Schonen,
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Selber Deiner Thränen nicht mehr. Mit eisernem Arme
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Fasset der Tod, und eisern wird des Sterbenden Seele.
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Ha, er ist voll des Entsetzens, der schwarze Gewittergedanke,
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Daß ich sterben muß, hinstürzen muß und verwesen!
164
Höre, vernimm, bewahre des Scheidenden Wort, Du Geliebter,
165
Wie ein Krieger den Schild: Ach, daß ich sterbe, vergehe,
166
Klag' ich die Götter nicht an. Wir Armen sind zu geringe
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Zu der Unsterblichkeit. Eile nun hin und schöpfe der Quelle
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Ganzen Strudel mir aus, damit ich noch einmal mich labe
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Oder, wird es mir Tod, gleich sterbe!« Der Freund gebietet,
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Und sie bringen ihm dar die volle Schale des Todes.
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Bleicher ward er und schwindelt' und zittert' und starb. Die getrennte
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Seele schlummerte fliehenden Schlaf von der letzten Erschüttrung.
173
Ach, sie schwung sich empor. Schon strömte des lauten Erstaunens
174
Donnerruf, schon floß der freudigen süßen Verwundrung
175
Silberstimme: »Ihr Götter, unsterbliche Götter, ist's möglich?
176
Götter der Sonn' und des Mondes, ist's möglich? ich lebe? der todt war,
177
Lebet? Ihr Götter der Erd' und des Himmels und aller der Sterne!
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Ach, ich bin – kein letzter Traum des sterbenden Leibes
179
Ist es – ich bin! und dieser kein Leib, so wie Blumen verwelket.
180
Heilige, heilige Götter, der Sonne Götter, des Mondes
181
Und der Sterne, die dort mir immer herrlicher strahlen,
182
Gute, wo seid Ihr? wo such' ich Euch auf? wo stürz' ich mich nieder,
183
Weine Dank, daß ich bin? und nun auf immer, Ihr großen
184
Ewigen Götter! Wo klaget mein Freund? Zu weit von der Erde
185
Schweb' ich. Wo jammert des Leidenden Herz, er werde vergehen,
186
Wie, den er liebte, verging? Vergehn, Du Treuer, Du Guter?
187
Warum starb er nicht auch? Vergehen meinst Du, Du Treuer?
188
O, die erhabenen heiligen Götter, die Schöpfer des Todes
189
Und des Lebens, die ewigen Götter meinen es anders!
190
Darf ich hinuntersteigen, den Hain besuchen, in dem er
191
Mir mein Grab aufgräbt? mit
192
Letzen und ihn mit mir herauf zur Unsterblichkeit führen?«
193
Jetzo erblicket' er Wesen, die gleich ihm waren; sie schwebten
194
Nieder nach Tabor; auch andere sah er, welch' ihm nicht glichen;
195
Und die dauchten ihm Götter zu sein. Er eilet zu Diesen,
196
Sinkt anbetend nieder und rufet: »Ich bin! ach, ich dank' Euch,
197
Preis' Euch, lieb' Euch, bet' Euch an, Ihr ewigen Götter,
198
Daß ich bin!« E. »Wir sind Erschaffne.« G. »Gestorben wie ich? lebt
199
Nach dem Tode wie ich?« E. »Gott ist nur Einer. Er schuf uns,
200
Aber unsterblich. Folg uns jetzt! Bald giebt Dir Erkenntniß,
201
Der die Sonnen, die Cherubim schuf und die Seelen der Menschen.«
202
Und er kam zum Versöhnenden, ruft' ihm die ersten Jubel,
203
Folgte dem Führer den Pfad hinauf, den Gott für ihn auskor.
204
Sonnen gingen auf und Sonnen unter, und immer
205
Währte Christus' Gericht. Wie wechselnde Regenschauer,
206
Kamen die Seelen, itzt dicht aus der Wolke stürzend, itzt träufelnd,
207
Trockneten weg in dürren Gefilden oder entflossen,
208
Silberquellen, blumigen Hügeln. Der Himmlischen Wehmuth
209
Oder Wonne begleitete stets die Seelen, nachdem sie
210
Aufstieg oder sank, die schicksalentscheidende Wagschal'.
211
Fließe mir jetzt ein rieselnder Bach in den Strom des Gesanges,
212
Den vollendend ich der Erlebungen seligste fühlte.
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Hundert Monde sind vorübergewandelt, seitdem ich
214
Sang von des Mittlers erstem Gericht. Mich umleuchtet' auch damals
215
Hoffnung zu meinem Erlöser: vollenden würd' ich! Doch zog einst
216
Trübes sich um den himmlischen Strahl. Da war's der Gedanken,
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Er mir allein: mich in Allem zu unterwerfen! Sie kamen,
218
Schonten mein nicht und redeten laut von dem Tod und vom Leben;
219
Etliche schwiegen und redeten so noch lauter vom Tode.
220
Doch ich verbot den Schauer mir, sträubte mich gegen sie, litt's nicht,
221
Lebte, vollendete. Preis auch heute dem Herrn, dem Erhalter,
222
Inniger, heißer Dank! Sie stärket uns, zögert des Todes
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Gang, die mächtige Freude. Zuletzt vermag sie's nicht länger,
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Und wir wallen zur Heimath. O tiefer Genuß, wenn auch ich nun,
225
Einer der kältesten Forscher des menschlichen Denkens und Schicksals,
226
Drüben steh' und schaue, wie sie herüber mit jedem
227
Winke der Zeit in Schaaren zu uns, der Gestorbenen Seelen,
228
Kommen, Zweifler und Leugner und Christen, der Freund, dem vor Kurzem
229
Um den Freund die heilige Thräne noch rann, die Geliebte,
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Lange schon Wittwe, vor Wehmuth lang' verstummt, in der nahen
231
Fliegenden Wolke der kommenden Todten, und Aller Schicksal
232
Aufgekläret, umstrahlt, nichts unenträthselt gelassen!
233
Jeder Staub gewogen, verweht Gebirge der Täuschung!
234
Wer, dem jemals die Wollust ward des Grübelns und Wissens,
235
Dürstet nicht hier, auch drüben zu sein? Nur menschliches Schicksal
236
So zu lernen und, stets in neuer Irre, des Ausgangs
237
Faden zu finden, schon das ist Fülle der Seligkeit! Eil' itzt,
238
Bach, und riesl' in den Strom, des neuen Bundes Gesang, hin.
239
Eines Königes Burg war eingesunken. Die Todten
240
Kamen. Lüstlinge waren sie oder Tyrannen gewesen.
241
Einer nur hatt' ein Herz. Der Schwarm umringt' ihn, verbarg ihn,
242
Und er ließ sie's; nicht lang', und er stand vor den Engeln allein da.
243
Wie ein redlicher Mann, den Verleumder umwölken, verachtet,
244
Sich zu vertheidigen, schweigt; denn bald verzieht das Gewölk sich.
245
Ach, noch rauchet sein Blut, noch rollt er das Auge, noch starrt es
246
Ganz nicht hin, noch zuckt sein Gebein. Nun streckt er dem Grabe
247
Völlig sich aus und entschläft. Er hatt' in der Wuth der Verzweiflung
248
Gegen sein Herz gerichtet den wankenden Dolch, zu der Erd' ihn
249
Niedergeschmettert, ihn wieder gefaßt, mit furchtbarer Lache
250
Blinken gesehn den Verderber, hatt' Ahndung gehabt von Blute,
251
Schwarzem eigenen Blute, mit Kälte den Dolch auf den Herzschlag
252
Angesetzet, ihn langsam zurückgezogen, mit hohem
253
Arme gezielt und gestoßen, daß dumpf die eherne Brust ihm
254
War erschollen, unter des Fallenden Last erschollen
255
War die Erde. Sein Geist stand jetzt vor dem Richter, besann sich
256
Kaum noch, was jene Wolken, von vollem Monde gehellet,
257
Wären, was wäre jenes Gestirn, so die Wolken ihm hellte.
258
Ach, und diese Götter! Das weckt' ihn. Die Himmlischen alle
259
Schauerten, zweifelten. Aber der Richter lächelt' ihm Gnade.
260
Allmacht war sein Lächeln, schuf um zu Wonne das Elend.
261
Endlich hatt' Elisama sein graues Haupt in die Grube
262
Niedergelegt, ein dürftiger Greis, der wankend am Stabe
263
Vor der Thür der Reichen sein Brod erflehte, sein Wasser
264
Schöpft' aus den Quellen. Er war empfindliches Herzens gewesen,
265
Aber geduldig. Ein Held, wie Wenige, hatt' er des Lebens
266
Größte Trübsal nicht nur ertragen, hatte den Schöpfer
267
Aller Dinge, den Geber der Freud' und des Schmerzes, gepriesen.
268
Könige konnt' er ehren und wurde sogar von den Letzten
269
Unter dem Volk verachtet. Er lag schon lang' auf dem Lager
270
Todt, und noch kam Keiner, der ihn begrübe; da leckt' ihm
271
Einmal sein Hund noch die kalte Hand und starb. Elisama
272
Stand vor dem Richter. Ihm bracht' ein freudestrahlender Cherub
273
Eine Krone vom Richter. Im weiten Kreise der Engel
274
Und der Erstandnen walleten leisere Lispel, der Freude
275
Stimmen, umher, da der Cherub die Krone dem Duldenden brachte.
276
Manches Gesetz, weil es leicht ihm wurd', und in seiner Seele
277
Keine Neigung nicht war, die sich dawider empörte,
278
Hatte Zadech erfüllt, und stolz war dieser Getäuschte
279
Auf den kümmerlichen Besitz, den er hatte, geworden,
280
Auf den Brosam grünliches Brod, den hölzernen Becher,
281
Aus der stehenden Lache gefüllt, die sinkende Hütte
282
Und den kupfernen Scherf. Wer solche Arme verachtet,
283
Weh Dem! aber auch weh dem Mann des Elends, der stolz ist
284
Auf ein Wenig leichtere That, und selber dem Reichen
285
An weit schwererer, wenn er dabei mit stolzer Erwartung
286
Sich einschläfert und Kronen des Lohns an dem Ziele der Laufbahn
287
Ohne Demuth sich träumt. Den dürftigen Zadech versenkten
288
Seine Genossen ins Grab; die Seele stand vor dem Richter.
289
»steig hinunter mit ihm!« Der Cherub begann ihn zu führen;
290
Aber er sträubte sich, wandte sich, wollt' entfliehen, vermochte
291
Nicht zu entfliehn, rief, redete, schwieg. »Mich? welcher so vielen,
292
Allen Gesetzen gehorchte, der ich Belohnung erwarte!
293
Mich? Wer bist Du, o Du mit den blutigen Strahlen, der diesen
294
Schrecklichen Pfad mich führt? Verstandest Du den Befehl auch,
295
Welcher Dir ward? Ha, wüthe nicht so! Ich fühle die Wendung
296
Deines Schwunges, fühle das Drohn der tödtenden Augen.
297
Ungerechter, Du zwingst mich! O, möchte Nacht Dich verschlingen,
298
Flammen Dich überströmen und Deine Strahlen vertilgen!
299
Ha, wer bist Du? weiche von mir!« rief's, trieb nach dem Cherub
300
Dunkles Gewölk. Schnell leuchtender Nebel, schneller noch Duft, schwand
301
Vor des Cherub's Glanz das Gewölk. Der Führende schwebet
302
Vorwärts. Die Seele fühlet die Kraft des Unsterblichen, sträubt sich
303
Gleichwol, empöret sich noch. Es gelang ihr, in eine der Klüfte
304
Drei Berghöhen hinab sich zu stürzen. Nun schonte der Cherub
305
Länger nicht mehr. Sein Ruf war Donner geworden. Die Seele
306
Kam aus dem Abgrund bebend herauf und flog mit dem Führer.
307
Heere schlugen. Die Führer der Heere, Eroberer Beide,
308
Sanken. Umher im verstummten Gefilde lagen die Leichen,
309
Lagen die Wundenvollen gestreckt, und wie Wolkenbrüche
310
Strömten die Geister der Todten herzu, mit ihnen der Führer
311
Geister. Der Richter der Welt erhub die Rechte; da stürzten,
312
Schmetterten Donner herab auf die beiden großen Verbrecher.
313
Lange hallt' es den Hochverräthern der Menschlichkeit nach, dumpf,
314
Weit hallt's nach, voll Entsetzens nach in die Klüfte Gehenna's.
315
Und nun ruft' es empor von dem Abgrund schicksalverwünschend,
316
Schwirrt' es als Geißlung. Der eben erst gemordete Kriegsknecht
317
Geißelte, schrie: »Auch hier wird Schlacht geschlachtet!« und schwung dann
318
Höher, ergrimmter den Arm. Der Eroberer Kettengeklirr scholl
319
Langsam, zuckend, und grauser noch Hohngelächter der Hölle.
320
Melodieen, der süßesten Wonne Gespielinnen, stiegen
321
Mit dem Lispel empor der Engelharfen. Denn erdlos
322
Kamen vom Ganges, vom Rhein, dem Niagara und Nilus
323
An den Cedern einher auf Tabor Seelen der Kinder.
324
Wie, gesondert von vielen und großen Heerden, an
325
Langen Hügel hinab, genährt vom Frühlinge, Lämmer
326
Weiden, so kamen einher an des Tabor's Haine die Seelen.
327
Aber der Richter richtete nicht. Sie wurden der Wege
328
Viele geführt, von Sterne geführt zu Sterne, bevor sie,
329
Himmlische Jünglinge nun, erhabnere Pfade betraten.
330
Manches sahn sie zuvor auf ihren Wegen und lernten
331
Manches, umtanzt von fröhlichen Stunden. Mich däucht, es ertönte
332
Einst von diesem mir auch die vielbesaitete Harfe:
333
Irgendwo in Gefilde der Ruh wird eines Säuglings
334
Seele geführt. Auf einem der Blumenfelder begegnet
335
Ihr die Seele des einzigen Freundes, den Elisama
336
Uebrig behielt, und der dem entschlafnen Greise die Hand noch
337
Leckt' und starb. Die Seele des treuen Hundes gesellet
338
Sich zu der Seele des Säuglinges, folgt ihr und will sich nicht trennen.
339
Dieser verstößt sie nicht; bald aber wird sie sich dennoch
340
Trennen müssen, wenn er nun hinauf in höhere Sterne
341
Steigt; doch gesellt sie sich gern zu neuankommenden Seelen.
342
Freuderufend erhob sich die Seele Geltor's und schwebte
343
Mit dem führenden Engel. Als sie der wallenden Monde
344
Rauschen nicht mehr vernahmen, nicht mehr der beschweiften Kometen
345
Fliegendes Donnergetös' und die stille Heitre des Himmels,
346
Näher den nicht begleiteten Sonnen, erschwebten: Gestalten
347
Stiegen da auf um Geltor, nicht des sinnenden Geistes
348
Bildern, nicht Traumerscheinungen gleich; er sah und er hörte,
349
Was er Gutes im Leben, das nun gelebt war, und Frommes
350
Hatte gethan; er lebt' es wieder, doch ohne den Anblick
351
Seiner Fehle und voll von dem Himmelsgefühle, daß Gott es
352
Ihm belohne. Mit hochgefalteten Händen des Preises
353
Sieht er um sich die Dürftigen, welch' er labte, die Waisen,
354
Die er zu taugenden Männern erzog, die Bräute, die Freunde,
355
Schaaren der Freien, für die in der Schlacht, sie zu retten, sein Blut floß;
356
Und er wallt' in der Heerschaar fort, mit freudigem Rufen
357
Und noch froherem Dank des süßen Lächelns gesegnet.
358
Sonnen gingen auf, und Sonnen unter, und immer
359
Währte Christus' Gericht. Wie wechselnde Regenschauer,
360
Kamen die Seelen, itzt dicht aus der Wolke stürzend, itzt träufelnd,
361
Trockneten weg in dürren Gefilden oder entflossen,
362
Silberquellen, blumigen Hügeln. Der Himmlischen Wehmuth
363
Oder Wonne begleitete stets die Seelen, nachdem sie
364
Aufstieg oder sank, die schicksalentscheidende Wagschal'.
365
Hagid und Syrmion zuckten ihr Schwert auf einander, und Beide
366
Taumelten hin in ihr Blut und hauchten mit Zorne den Geist aus.
367
Ihnen klirrten aus sichtbarer Nacht diamantene Ketten
368
Fürchterlich, dumpf, fernher, sie mußten nahen, entgegen.
369
Einem Geiste der Hölle gebot's ein Cherub; der fiel sie
370
Wuthvoll an und kettete sie an einander. Des Abgrunds
371
Kluft, in welche sie stürzten, erscholl von der Rufenden Falle.
372
Toa, ein Jüngling auf jener Erd' in der Ruhstatt Gottes,
373
Wo die Sünde nicht ist und der Tod nicht, schaute dem Cherub,
374
Der ihn traurend verließ, mit Erstaunen nach. Doch es wurde
375
Bald sein Erstaunen zu Schrecken. Er hatte wider den Schöpfer
376
Und den Mittler Klage geklagt, mit der Klage begonnen,
377
Mit der Empörung geendet: daß Denen Leiden des Todes
378
Bliebe, die doch aus dem Grabe zur seligen Ewigkeit kämen!
379
Und er schaute bestürzt umher und erblickt' in dem Thale
380
Chöre Feirender, welche, mit junger Blüthe gekränzet,
381
In den mächtigen Strömen der himmlischen Harmonieen
382
Fortgerissen, von lieblichen Reihn der Wonne beflügelt,
383
Gottes Pfad in dem Labyrinth der Beseligung sangen.
384
Und er wallet' hinab, von seinen Thränen zu reden;
385
Aber er stand bald still. Ihm winkt' ein anderer Engel,
386
Und er mußte folgen. Verwundernd fühlt' er sich schweben.
387
Ach, nicht lang', und er sah in weiter Fern' sein Geburtsland
388
Hinter sich leuchten; er sah's, wie andere Sterne der Schöpfung,
389
Sah es – ach wie erstaunt' er! – bei einer Sonne verschwinden.
390
T. »Engel des Herrn, wo führst Du mich hin?« Der Engel des Herrn schwieg.
391
T. »Engel des Herrn, was hab' ich beweint?« Der Engel des Herrn schwieg.
392
Und des Unsterblichen Feuer verlosch auf der blühenden Wange.
393
T. »Engel Gottes, ach, hilf mir!« E. »Ich kann nicht helfen.« Sie flogen
394
Wie auf Flügeln des Sturms, und lange verstummten Beide.
395
T. »Wer gebot Dir, mich wegzuführen?« E. »Der Richter.« Sie sahen
396
Jetzo die Erde, zwar ferne, doch schon noch lockere Gräber.
397
T. »Ach, das sind die Hügel der Todten!« E. »Das sind der Aussaat
398
Stätten.« T. »Und jener viel höhere dort mit den blutigen Kreuzen
399
Bei den Hütten?« E. »Ist Golgatha.« T. »Golgatha? Seraph, ich sehe
400
Sterbliche dort; allein wo ist, der den Sterblichen Leben
401
Gab?« E. »Du siehst es glänzen. Du kennst uns.« T. »Ach, ich erblicke
402
In der Cherubim Mitte den Hocherhabnen des Himmels!«
403
E. »Ja, Du siehest den Richter der Welt.« T. »Und, wehe mir, meinen!
404
Führst Du zu ihm mich?« E. »Eile!« Sie kamen hinab zu der Erde,
405
Schwebten nach Tabor hin. Mit Seelenschaaren erreichte
406
Toa den Berg des Gerichts, der zweiten Verklärung des Mittlers.
407
Also kommt, wenn ein Sturmwind braust, mit gewelkten und frischen
408
Blüthen auch eine der schon gebildeten Früchte geflogen.
409
Als er unter den Seelen sich sah und mit ihnen herüber
410
Kam zu dem schreckenden Berge, da wär' er gerne geflohen;
411
Aber ihn hielt verborgne Gewalt. Er stand vor dem Richter.
412
Cherubim traten herzu. So schweigt der benachtete Himmel,
413
Ehe der Donnersturm sich erhebt: so war die Versammlung;
414
Kurzer, geschleuderter Schlag schlägt hoch herunter: so klagten
415
Ihn die Cherubim an. Die Kläger hatten gesprochen,
416
Und die Strahlen Eloa's, der Christus schaute, verloschen
417
Schnell in Schimmer; es bebten die Auferstandnen, die Engel,
418
Toa, die Seelen bebten. Auf einmal ergoß sich die Blässe,
419
Kam die Geberde des Todes, und mit des ernsten Erstaunens
420
Lautem Ruf sank Toa und starb. Der Arm der Allmacht
421
Wandelte bald die Verwesung in Staub, gab bald den getrennten
422
Staub den verwehenden Winden, und, ach, der Seele des Todten
423
Wurde kein Leib aus der Heitre geschaffen. Sie war allein, war
424
Ganz von allen Wesen verlassen, war nicht in der Schöpfung,
425
Nicht auf der Erde der Sterblichen, nicht auf ihrer. Sie sahe
426
Keines Unsterblichen Antlitz, vernahm in der bitteren Wehmuth
427
Keines Himmlischen Stimme. Sie dachte wie ehmals, auch konnte
428
Sie sich bewegen; doch blieb, auch bewegt, sie stets in der Oede.
429
Wehe! vor ihr war jeder Schauplatz neuer Erkenntniß
430
Weggesunken; sie hatte nur Voriges und sich selbst, war
432
Frage: wenn sein Gericht der Richter endigen werde?
433
Nur daß ihr aus den alten zuweilen Gedanken entstanden,
434
Welche, doch dieses wußte sie nicht, die ihren nicht waren.
435
Zu der Schaar der Todten ward der Stolzesten einer
436
Unter den Menschen geführt. Der aufgeschwollne Verbrecher
437
Hatte seinem Volk die heiligen Rechte der Freiheit,
438
Sie mit Schlangenentwürfen und Klaun des Löwen entrissen.
439
Da verraucht war das Blut der Unterjochung, und ganz nun
440
Ueber die Fesselbeladnen ihr Haupt die Herrschsucht aufhub,
441
Schwelgt' er und zischete Spott den Verstummten; kaum waren sie Menschen,
442
Er ein Gott. Bald kroch der Wurm zu der Leiche des Gottes.
443
Als, dem Richter schon nah, ihr Führer, ein himmlischer Jüngling,
444
»folge!« noch einmal der Seele gebot, und sie von des Todes
445
Schrecken nun ganz sich ermannete, hielt sie im Schweben. Der Seraph
446
Sah's, und ein Wenig Feuer, wie uns der Sirius funkelt,
447
Schimmerte ihm von der Wange. Noch säumte der Todte. Da wandte
448
Sich der Jüngling, und mit der leisen Bewegung der Urkraft,
449
Wie in dem Himmel sie Gott anschuf, berührte des Engels
450
Wehen, indem er sich wandte, den Todten. Da folgt' er, als rissen
451
Stürme dahin, als wirbelten ihn Orkane wie Meerschaum.
452
Und er war, zu beginnen ein Hohngelächter, in Arbeit;
453
Aber es wurde Geheul. So stürzte der führende Seraph
454
Ihn vor des Richtenden Fuß in den Staub. Der Göttliche sagte:
455
»seele, wer bist Du?« Da hub der Todte sich: »Bist Du der Götter
456
Einer des Himmels, so wisse, daß ich von den Erdegöttern
457
Einer bin, und daß dem Gotte kein Gott gehorchet!«
458
Christus sah umher in der Schaar, die um ihn herumstand;
459
Samed war's, den der Wink des Versöhners erkor. So gebot er:
460
»richt' ihn, Samed!« Da ging in Samed's Angesicht Freude
461
Wie ein Morgen des Frühlinges auf. Schon wußte des Knaben
462
Seele, wie kühn Der bitten dürfe, den, über die Todten
463
Auszusprechen Entscheidung, der Gottversöhner erwählte.
464
Und er sank und betet' und ward erhöret. Da wandt' er
465
Sich zu dem Todten und sprach: »Des Abgrunds niedrigsten Sklaven
466
Sollst Du dienen, Empörer! wer tief an die untersten Stufen
467
Deines Throns sich stürzte, von dort wegschlich und mit Wuth trat
468
Auf den Nacken der Unterjochten, der leidenden Guten,
469
Diesem! Sein zweifelnder Wink schon soll den Fuß Dir beflügeln,
470
Dich anklagen der Säumniß die wahnsinntrunkene Fodrung!«
471
Und der Gerichtete fühlt' auf einmal sich schwerer und sank, so
472
Ueberlastet, hinab, wo der Sklaven Wink auf ihn harrte.
473
Zoar hatte, vereint in langer daurender Freundschaft
474
Bunde, mit Seba gelebt. Und jetzt ward ihnen, was selten
475
Freunden ward. Sie starben zugleich: mit sichrer Erwartung
476
Jener Herrlichkeit Seba, indem er sich selber die Krone,
477
Als dem Würdigen, gab; mit Reu' und Befürchtung und Demuth
478
Zoar. Anders sinket und steigt des Richtenden Wagschal'
479
Als des Menschen. Da sie zum Gericht ein Unsterblicher führte,
480
Sprachen sie unter einander: S. »O, Loos des himmlischen Lebens!
481
Ach, wie ist uns so lieblich das Loos des himmlischen Lebens,
482
Zoar, gefallen!« Z. »Auch hier vereint uns Beide die Freundschaft,
483
Ewig ist nun, o Seba, ihr Bund!« Der Unsterbliche hört' es,
484
Schwieg. Sie standen vor Tabor's Gericht. Dem Unsterblichen sagten's
485
Winke des Richters. Er führte. Nicht lang', und es kam aus den Fernen
486
Einer Oed' ein Engel des Todes. Er wandelte langsam,
487
Aber gerad' auf sie zu. Des schrecklichen Unbekannten
488
Richtung und Gang schien, wünschte man ihm zu entfliehn, unentfliehbar.
489
Noch war zwischen den Dreien und zwischen dem Todesengel
490
Weite wie Meere. Doch Zoar, als er die Eile des Seraphs
491
Sah, des Geleiters, der sie aus jener ernsten Versammlung
492
Hatte geführet, weg sie geführt von dem Antlitz des Einen,
493
Welcher vor Allen ihm schien ein Hocherhabener, Zoar,
494
Als er des Todesengels Herüberschauen erblickte,
495
Ueberströmt' es wie Schrecken. Er säumte. Der Todesengel
496
Stand vor ihnen und hielt die hohe Flamme gen Himmel:
497
»du bist angenommen, und Du verworfen!« Er wandte
498
Sich mit dem Donnerworte zu Seba. Als Dieser zu hören
499
Wieder vermocht', erscholl das zweite Wort des Verderbers:
500
»scheidet!« S. »O Himmel und Erd' und Alles, was heilig ist, Menschen,
501
Engel und all' Ihr Wesen der ewigen Dauer, verworfen?
502
Scheiden? Verworfen! hast Du, hast, Donnerer, Scheidet! gerufen?
503
Macht der Mächte, wer bist Du?« Z. »Ach, Seba, Seba, Geliebter,
504
Auserkorner, vor Allen mir auserkoren, so lange
505
Theuer mir, so lange mein Freund!« S. »Mein Zoar! Auf ewig,
506
Donnerer eines Gerichts, das meinem Forschen zu hoch ist?«
507
T. »Ob auf ewig? fragest Du mich.« (Indeß war des Führers
508
Glanz in Dämmrung erloschen.) »O, frage mich nicht; den Seraph,
509
Der Euch führte, den frag, er kommt von dem Richter des Himmels
510
Und der Erde!« S. »War Der, der so vor den Cherubim allen
511
Strahlte, der Richter der Welt? und hat er diese Verwerfung,
512
Diese Scheidung geboten? Unsterblicher, welcher uns führte,
513
Meinen Zoar und mich, Du Engel Gottes: Auf ewig?«
514
In noch trübere Dämmrung gehüllt, antwortet der Führer:
515
»er hat Alles geboten. Gehorch und scheide!« S. »Geboten
516
Er, der auf mich nicht niederschaute? der Anderer Schicksal
517
Zwar entschied, doch auf mich mit keinem Blicke nicht schaute?«
518
Zoar sprach: »Er blicket' auf Dich; es dauchte mir, ernstvoll
519
Blickt' er auf Dich.« S. »Du zeugest wider mich, Du Geliebter?
520
Weh mir! in dieser Stunde des Grauns? und an diesem Abgrund?«
521
Z. »Ach, ich zeuge nicht wider Dich! Du weißt ja, ich konnte
522
Nie die Wahrheit verhehlen. Umarme Deinen Getreuen,
523
Seba, ich zeuge nicht wider Dich!« Der Engel des Todes
524
Hatte sich weggewendet und niedergesenkt zu der Erde
525
Seine Flamme, gemildert ihr Drohn. Denn Zoar umarmte
526
Seba; denn Zoar weint' und Seba blutige Thränen.
527
Aber der Sonderung Stunde war da, die schreckliche, bittre,
528
Stumme Stunde war da; der Verderber mußte die Flamme
529
Wieder erheben, wieder mit ihrem Schrecken sie waffnen.
530
Ach, er flammt', und er schaut' herunter und ruft', und Entsetzen
531
War die eiserne Stimme des Rufenden. »Scheidet!« Sie schieden.
532
Cerda, ein kenntnißbegieriger Jüngling, lag auf dem letzten
533
Lager und war mit dem doppelten Segen des vollen Bewußtseins
534
Und der Todesgewißheit gesegnet. Heiß vor Erwartung
535
Dessen, das kommen werde, genoß er so mächtiger Freuden,
536
Daß er mit Drücken und Küssen und heftigem Schütteln der Hände
537
Jeden empfing, der ihm nahte, den Freund und den Feind. Da er todt war,
538
Durfte sein Engel, bevor er ihn brachte zum richtenden Mittler,
539
Ihn in die Tiefe, die Höh', in die Freie der Himmel ihn führen.
540
O des Todes, der Gottesgabe! Nun schwebet' er, kreist' er,
541
Schauert' er in den Weiten des Unermeßlichen, sahe
542
Gottes Gestirn' und hört', in der Näh', in der Ferne, sie wandeln,
543
Selber die Gottesgestirn' in der Straße des Lichts, und auf ihnen
544
Ihre Bewohner, die Namen nicht nennen, Zahlen nicht zählen.
545
Schaarenheer' umringten ihn jetzo, welche der Schöpfung
546
Fest begingen. Nun hielt er es länger nicht aus, sank nieder
547
Auf ein röthlich Gewölk am Wasserfalle. Wie schlummernd
548
Lag er, erblaßte zu Schimmer; ihm daucht's, er stürbe noch einmal.
549
Schaaren wurden herzugeführt; in dem dichten Gewimmel
550
Rief's: »O des rollenden Donners Gott, der weit den Olympus
551
Aus der schwarzen Wolk' erschüttert, wir brachten Dir Farren,
552
Sie mit Blumen der Thale geschmückt; wir brachten Dir Widder,
553
Sie mit Laube! Was thaten wir Sterblichen? Zürne nicht, Vater
554
Aller Götter! Ihr Götter um ihn, ach, zürnet auch Ihr nicht!
555
Du mit der furchtbaren Urne, Du hast sie versenkt, sie verborgen
556
Irgendwo dort in der Nacht; laß, Minos, nicht fallen, nicht fallen
557
Deine wüthenden Loose, verbirg auf ewig die Urne!
558
Brama, wir haben uns ja ... Laß, Minos, die Loose nicht fallen!
559
Brama, gefesselt, verwundet, gedorrt an der Sonne! verschmachtet
560
Sind wir, Brama, vor Dir! Ha, Gott der Haine, Du zürnest,
561
Wodan, doch nicht? Allvater, doch nicht? Dir floß ja, Dir floß ja,
562
Krieger, der Jünglinge Blut in der Schlacht. Gefesselt, verwundet,
563
Brama, gedorrt! Wir sind der Feigen Tod nicht gestorben,
564
Sind in der Schlacht ... Verbirg, o Minos, die Urne, zerschmettre
565
Sie! laß wehen hinab in das Chaos die wüthenden Loose!
566
Sind in der Schlacht an tiefen, an brennenden Wunden gestorben,
567
Sind ... Mit kränzenden Blumen geschmückt, und die Widder mit Laube!
568
Hebe die Rechte nicht, sammle nicht, Zeus, die erschütternden Wolken!
569
Zeus Kronion, erbarme Dich unser! laß schlummern die Donner!
570
Sind für Freie, für Freund und Braut in Blute gestorben!«
571
Ruften die Seelenschaaren und wurden mit Gnade gerichtet.
572
Jesus wandte sich, sprach: »Komm, Engel der Erde!« Eloa
573
Folgte. Schon that vor ihnen der Schöpfung Weite sich auf; laut
574
Scholl's in dem Unermeßlichen. Lichtglanz strömten die Sterne
575
Aus den Meeren und von den Gebirgen. Die Pole der Himmel
576
Schauerten sanft. Nur leise berührete sie in dem schnellen
577
Gang der Allmächtige. Da den Versöhner kommen er hörte,
578
Sahe, da schwebt' in der Wonn' hinaus in die Oede, da eilte
579
Abdiel wieder zur Pforte der Hölle, ruft' es dem andern
580
Hüter, eröffnete wankendes Ungestüms, daß die Riegel
581
Klangen hinab und die Angeln ins ewige Grab. Die Verworfnen
582
Sahn wie in Flammen den Seraph und hörten es stets noch, als rollte,
583
Schmettert' ein Donnerwagen auf tausend Rädern herunter.
584
Jesus trat in das offene Thor der Hölle. Die Hüter
585
Waren nieder vor ihm auf ihre Stufen gesunken,
586
Und sie erhoben sich, sahn anbetend dem Richter der Welt nach,
587
Sahen, wie er hinunterstieg in die Tiefe der Tiefen,
588
Und wie die Satane weit umher zu Felsen erstarrten.
589
Stürmendes Fluges, ihm strömet zurück sein Schimmer, des Schwertes
590
Flamme zurück, ereilt den Messias der Todesengel
591
Erster. Ihn hatte zur Hölle gesandt der Vater. Er sollte
592
Jenes Gericht, das er sehen würde, den Himmeln erzählen.
593
Jesus ging nach dem Throne des Abgrunds zu, der erhöhter
594
Auf den steigenden Tempel des Hassers Gottes und Satans
595
Schreckliche Schatten warf. In des kommenden Mittlers Geberde
596
War, in dem Antlitz des Ueberwinders, mit göttlicher Ruhe
597
Ueberstrahlt (Urkräfte begannen durch sie), war Allmacht.
598
Unter des Wandelnden Fuß ward Eden; hinter ihm wurde
599
Eden wieder zur Hölle. Der Furchtbare stand auf des todten
600
Meeres Gestade, schwieg. Fliehn wollten die Satane; Fliehn war
601
Ihnen versagt! ha, sterben! kein Tod erbarmte sich ihrer!
602
Neben dem Mittler stand mit weitumschauendem Auge,
603
Heißer Erwartung voll, Eloa. Gedanken der Engel
604
Denken nicht schneller: so stürzt' auf einmal der Thron des Abgrunds
605
Trümmer hin ... Dampf, Flammen entstiegen der liegenden Trümmer,
606
Schossen, wallten empor, und weit umher in Gehenna
607
Krachten tausendmal tausend der Widerhalle. Der Tempel
608
Stürzet', und keine Trümmer war des Gewesenen Zeugin.
609
Du, Eloa, wurdest gewahr in dem Antlitz des Mittlers
610
Ein Hinschaun, daß Du nieder bei ihm mit dem vollen Gefühl sankst
611
Deiner Endlichkeit. Dumpf brüllt' auf der Satane Rufen,
612
Dumpf scholl's her mit der Woge des Meers zu dem hohen Gestade:
613
»ha! was bin ich geworden? was Du geworden? und dennoch
614
Leb' ich! Wehe mir, lebe! Lebst Du auch? Ha, was säumet
615
Denn sein Donner noch? Wird länger nicht säumen, nicht säumen!
616
Niedergeschleudert, daß mit die Hölle vergeht, daß die Lasten
617
Ihrer Gebirge, wird bald ...« S. »Ha, rufet es, brüllt es mir zu: Wer,
618
O, wer seid Ihr geworden? Ich lieg', hier lieg' ich,« Satan
619
Zittert' es, stammelt' es, »lieg' an dieser Verwüstung und starre
620
Weit hinunter gestreckt!« Wo der Tempel der goldenen Tafel
621
Hatte gestanden, auf dieser geebneten Oede Gefilden
622
Lag Adramelech und rief, daß der Andern Stimmengetöse
623
Niedersank: »Hier lieg' ich, Du Weh des Wehes! Gericht Du,
624
Dem selbst sie verstummen, die Donner Gottes! hier starr' ich,
625
Last' ich die Höll', ein Todtengeripp!« Da der Engel der Erde
626
Ihre furchtbare Täuschung vernahm, mit der sie sich täuschten,
627
Bebt' er zurück. Die verworfenen Seelen, mit ihnen die Seele
628
Philo's, Ischariot's Seele mit ihnen, waren wie Wolken
629
Aus den Fernen herüber zum todten Meere gezogen.
630
Jetzo sahn sie den Richter nicht mehr, sahn über dem offnen
631
Schreckengefild weit ausgebreitet Todtengerippe,
632
Engelgebein, und von ihnen umringt in seiner Gestalt stehn
633
Abbadona; allein auch er erblickte Gerippe.
634
Täuschung hatte sich über die ganze Hölle verbreitet;
635
Nur der eignen Verwandlung entsetzliche hatte der Seelen
636
Und des Engels geschont. Der feurige leuchtende Klumpen
637
Stand in der Mittagsgluth hoch über dem Meere des Todes,
638
Erst entstellter als sonst, von schwarzen Beulen des Urstoffs
639
Aufgeschwollen; allein die öffneten sich und ergossen
640
Lichteren Brand, aus jedem der furchtbaren Rachen ein Gluthmeer.
641
Weißer ward das Schreckengefild bis hin, wo kein Auge
642
Mehr von einander vermochte die Grabgestalten zu sondern.
643
Aber auch da, wo die Seelen sie unterschieden, erkannten
644
Sie doch Keinen als nur an seiner Stimme Gebrülle.
645
Denn wie sonst die Stimmen herauf mit dem Ocean brausten,
646
Wie von dem Felsen herab sie schmetterten, schollen sie jetzt auch,
647
Jetzt nur dumpfer vor Qual, vor Wuth, vor Entsetzen gebrochner!
648
Satan richtete sich zuerst ganz auf, und allein stand,
649
Hoch stand Satan unter den Todten, schlug, daß es furchtbar
650
Widerhallt' aus den Trümmern des Throns, mit der Hand an den Schädel,
651
Rufte, der Klippe, die lang aus den Wolken schwindelnd herüber
652
Hing, das Entsetzen des fliehenden Wanderers, und dem Damm gleich,
653
Der in dem widertönenden Walde den Strom noch zurückzwang,
654
Welche zugleich jetzt stürzen; so brach sein wüthender Schmerz aus:
655
»ja, ich weiß, was es ist, daß diese Gestalt Euch belastet!
656
Daß Ihr ihn an dem Kreuz bei den Schädeln tödtetet, würgtet,
657
Mordetet, ihn in das Grab eingrubt: Das ist's, Ihr Verruchten,
658
Das, Ihr Geripp', Ihr Gräul, wovon die Verwesung, des Nagens
659
Müd', aufstand! ha, Ihr Ungeheuer, welche der Donner
660
Gottes zerstreu', und des Abgrunds Beben wieder vereine,
661
Wieder zusammenwerfe der Sturm, und das Meer in Empörung
662
Gegen den fliegenden Sturm, wenn es seine Ströme dahergeußt!«
663
Ruft' es und schwankt' und lag und strömte sich Flammen ins Antlitz.
664
Belielel klagete so in der Jammeröde:
665
»habt Ihr die Blumen gesehn, die vor ihm – ach, Eden des Himmels,
666
Dich erblickt' ich! – vor ihm aufsproßten, hinter ihm schleunig
667
Welkten, dorrten, vergingen? Wir dorren ewig, vergehn nicht!
668
Ach, vergehn nicht!« Er rief's und wünschte, daß unter ihm neue
669
Tiefen sich öffneten, ihn in ihren Gräbern zu bergen.
670
Endlich raffte sich auch Adramelech auf, ein Entsetzen
671
Aller Stolzen. Denn schnell entsank ihm die Kraft, und er stürzte
672
Nieder, daß laut das Gebein ihm hallt', und dunkel die Asche,
673
Dickgewölkt von dem Fallenden stieg. Lang' lag er Geripp da,
674
Als von der Täuschung genesen die Hölle war. Moloch strebte,
675
Aufzustehen. Er saß, gestützt auf die dorrende Rechte,
676
Sprach zu Magog: »Mir schwanken vom Wirbelwind die Gebeine,
677
Und mir heult der Orkan in dem Schädel; aber ich will es,
678
Aufstehn will ich! Es lieg' Adramelech!« Er thut's, steht, fasset
679
Magog und reißet ihn auf! Nun standen sie, gingen sie; Magog
680
Rief: »Den schrecklichen Leib, wenn es anders ein Leib ist, wir wollen
681
Ihn uns, Einer dem Andern, zerstören. Zermalm das Gebein mir,
682
Ich zermalme Dir Deins; das Uebrige, wenn wir nun sinken,
683
Werden die Donnerstürme zerstreun!« Sie faßten einander,
684
Wollten zermalmen; allein wie in Felsen Orion's gebrochen
685
War ihr Gebein! sie stürzten von thürmenden Bergen sich nieder.
686
Aber als wär's in den Klüften der sieben Sterne gehärtet,
687
War der Hingestürzten Gebein. Sie mußten im Abgrund
688
Liegen bleiben, wie sie von der Höh' sich hatten gestürzet,
689
Liegen gestreckt, unbeweglich und stumm! Unnennbares Grausen,
690
Gleich aus wolkenbeladnem Gebirg herschäumenden Wassern,
691
Ueberströmete, so wie er lag in dem weißen Gefilde,
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Gog und drang ihm hinab in des Geistes gesunkensten Abgrund.
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Sieh, er krümmte sich, wand vergebens sich, nun noch zu leugnen,
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Daß Gott sei; er brüllet' es, heulet' es, rang nach Vernichtung,
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Winselte, raste nach ihr, griff aus mit der Sterbenden bangem
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Furchtbaren Greifen nach ihr und war! So fühlte, wer Der sei,
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Der auf Golgatha starb, die unterste Hölle. So warnte
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Neues Gericht sie mit schrecklicher Warnung: nicht aufzuhäufen
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Auf Empörung Empörung dem letzten Gericht des Versöhners.