Komm, die meine Seele mir oft mit sanfterer Wehmuth

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Friedrich Gottlieb Klopstock: Komm, die meine Seele mir oft mit sanfterer Wehmuth Titel entspricht 1. Vers(1759)

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Komm, die meine Seele mir oft mit sanfterer Wehmuth
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Und mit ihrer großen Erwartungen Schauer erfüllte,
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Komm, Betrachtung der künftigen Welt! Die künftige Welt war
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Auf der Erde, da das geschah, was jetzt mein Gesang ist.
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Denn es erschienen Todte der Christen ersten, zum Himmel
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Sie zu berufen, zu weihn die Brüder zum ewigen Leben.
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Klein war nur die selige Schaar; doch aus dieser Wurzel
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Wuchs, ein Schatten, verbreitet in allen Himmeln, ein Baum auf,
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Voll nie welkender Zweige: Die hundertundvierzig Tausend,
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Alle Versöhnte! das Heer ohne Zahl am krystallenen Meere,
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Alle Versöhnte! Die Schaar der hundertundvierzig Tausend
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Sangen, als sie der Himmlische sah, der bis ans Gericht blieb
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Ueber das Schauthal, sangen das neue Lied vor dem Throne,
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Welches Keiner zu lernen vermag. Sie waren Erkaufte
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Von der Erde, nicht befleckt von der Liebe des Eiteln,
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Folger des Lamms, wohin es auch ging, die Erstlinge Gottes
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Und des Lamms, unsträflich vor Gott in Worten und Thaten.
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Siehe, das Heer ohne Zahl, da der Zeuge des Herrn es erblickte,
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Rief, wie aus allen Geschlechten es war und Sprachen und Völkern
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An dem Throne versammelt, in weißem Gewand, in den Händen
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Palmen, es rief mit der Stimme des lauten Jubels: »Dem Herrscher
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Auf dem Throne sei Heil! Heil unserem Gott und dem Lamme!«
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Und da fielen aufs Antlitz die Engel und Aeltesten nieder,
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Und da rauschte das Meer, da wehten der Siegenden Palmen.
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Denn gen Himmel hinauf, aus großer Trübsal gen Himmel
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Sind sie gekommen, sie haben gewaschen ihr Gewande,
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Hell sie gemacht in dem Blute des Lamms, die seligen Dulder.
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Aber itzt war die kleinere Schaar, die Wurzel des Baumes,
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Noch nicht einmal berufen. Sie schliefen noch unter den Hüllen
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Ihres Gesetzes. Es sollten zum ersten Mal sie Erstandne
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Wecken; Kephas dann in der Rede der Salbung von Christus,
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Und zu Deren Gemeine, die selig wurden, hinzuthun
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Sie Dreitausend auf einmal. Noch schlummerten selbst, die von ihnen
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Sollten Erstlinge werden, verstanden noch nichts von dem neuen
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Ewigen Liede der Wonne. Noch schliefen die anderen Sieger
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Ohne Palmen und helles Gewand durch Golgatha's Blutquell.
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Siehe das Werk des Erstandnen begann. Die verklärten Gerechten
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Schwebeten Tabor hinab, zu erscheinen den künftigen Christen.
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Aber eh noch der Erscheinungen Schaar nach Salem hinabstieg,
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Sammelte sie um sich der Auferstandnen, der Todten
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Und der Sterblichen Vater und sprach: »Nun sind sie gekommen,
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Freuet Euch, Kinder, nun sind des Heiles Stunden gekommen,
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Da wir gewürdiget werden, die ersten Winke zu winken
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Nach dem schmalen Wege, den ersten Durst zu entzünden
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Nach des Lebens Quell! Der Stifter der himmlischen Kindschaft
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Hat es Eurem Gefühl und Erforschungen überlassen,
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Auszuwählen, wie es Euch dünkt. Ihr wählet, die Kinder
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Werden und Erben; Ihr wählt der Vorbereitungen Weise.
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Aber nicht nur, die Ihr der hohen Erscheinungen würdigt,
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Sind zu dem Heile berufen. Und wenn Ihr beriefet, die Gott nicht
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Auch beruft, so würden die hohen Thronen Euch warnen.
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Eilt denn, genießt den Wonnegedanken, Euch Brüder zu wählen
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Zu dem Erbe des Lichts! Ich seh', Die werdet Ihr wählen,
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Welche in ihrer Finsterniß schon die Gnaden empfingen,
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Daß sie, wiewol mit Straucheln, den himmlischen Wandel begannen;
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Und Ihr werdet sie kennen, die diese Gnaden empfingen.«
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Tiefsinn war in des Knaben Seele geblieben, den Jesus
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Unter die Hörer gestellt und gesegnet hatte. Nephthoa,
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Nach der Quelle genannt an Ephron's Grenzengebirge,
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Liebete minder seitdem die Gespielen, und Einsamkeit war ihm
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Süßer als alle Freuden der frohen Jahre geworden.
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Blüthe trug er und Frucht, im beginnenden Lenze des Lebens
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Reif wie Jünglinge, voll Verstandes und göttlicher Gnade.
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Sieben Jahr' entflohen ihm erst, und er hatte das letzte
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Betend verlängt, ein Jahr voll reicher Saaten, unkennbar
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Denen, die kleine Dinge, verwebt in das Eitle, nur dachten,
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Aber mit Segen von Gott zu der Ewigkeit Ernte gesegnet.
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Auch in dem achten säte Nephthoa der Ernte. Das hatt' er
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Mit dem strahlenden Tage der Auferstehung begonnen.
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Und er betete jetzt in der Abenddämmrung, gesunken
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Auf sein Knie in den Staub, in einem Winkel des Hauses,
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Wo er froh der Verborgenheit war. So flehte der Knabe:
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»herr, Du hörst mich gewiß, ob ich es gleich nicht erfahre,
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Daß Du mich hörst. Stets komm' ich von Neuem, flehe von Neuem,
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Daß Du mich hören mögest, o aller Kinder im Himmel
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Vater und aller auf Erden! Vor Deinem leuchtenden Throne
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Knien wir Alle; wir Armen auf Erden, denen ihr Erbe
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Thränen sind, wir knien in dem Staube; die ausgeweinet
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Haben, auf schimmernden Wolken, und Jene, die niemals weinten,
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In den Strahlen der Sterne, die ungefallenen Engel.
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Alle flehen von Dir mehr Seligkeit; aber mit Ruhe
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Flehen sie Jene dort oben. Denn sie labt Fülle der Freuden.
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Wir, wir flehen weinend Dich an um Erlösung vom Bösen,
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Ach, Erlösung vom Elend und Segen zum ewigen Leben.
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Unvollendet kann der nicht bleiben, den über mich aussprach
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Dein erhabner Prophet in jener seligsten Stunde
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Meines Lebens, als er in die große Versammlung mich stellte.
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Würd' er vollendet, wenn er vergängliche Dinge nur gäbe,
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Nur des Lebens Freuden, das schnell wie die Blume verblühet?
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Nein, Du steigest hinauf in die Ewigkeit, himmlischer Segen
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Dessen, den Gott nicht nur, die Kranken zu heilen, gesandt hat;
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Auch zu heilen die Sünder, hat ihn der Erbarmer gesendet.
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Ach, ich kenne noch nicht den Segen zum ewigen Leben,
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Weiß es noch nicht, wie mich, der einst mich segnete, leiten,
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Welchen Weg er zu gehn mir gebieten wird. Aber ich will mich
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Doch auf Gott verlassen. Dein Wille gescheh' und nicht meiner!
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Ach, noch ist mir kein Tag in meiner Seele geworden
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Jener großen Erkenntniß des Ewigen! Aber ich will mich
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Dennoch verlassen auf Dich. Herr, Herr, Dein Wille geschehe!
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Ließest Du leuchten auf mich, Gott, Deines Antlitzes Freuden,
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O, so trüg' ich leichter die Last des Irrens im Dunkeln.
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Aber ich will mich dennoch auf Dich, auf Dich verlassen.
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Ach, das kurze, das fliehende Leben, die Knospe, die aufblüht,
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Wegzuwelken! Wenn welkt, mit wenig Erde beworfen
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Und verborgen zu werden, auch meins? Was treibt mich vor Unruh,
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Immer Erkenntniß und Freude durch Gott zu suchen? Ich sollte
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Still erwarten, bis ich mich niedersenkte, zu welken
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Und verpflanzt ins Gefilde des Lichts und der Ruhe zu werden.
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Hier ist doch kein Erkenntniß und keine Rettung ins Helle
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Aus der deckenden Nacht, die unsre Seelen umhüllet.
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Sind sie nicht zahllos, die Dinge, die ich nicht kenne? Sie werden
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Noch unzählbarer sein, wenn erst mein Geist sich erweitert
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Und ins Höhere schwingt, von reiferem Alter erhoben.
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Doch sei ruhig, mein Herz! Den Durst nach seiner Erkenntniß
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Stillet gewiß, der Dich hat mit diesem Durste geschaffen.
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Wenn ich – vergönnst Du es mir, der mich zu dem Ernste geweckt hat
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Und dem Blicke des Knaben nur sanftes Lächeln gelassen? –
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Wenn ich zurück zu meinen Gespielen kehrte, mit ihnen
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Blühte wie Rosen, mit ihnen von leichten Dingen nur spräche,
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Nicht von der künftigen Welt und jener großen Erkenntniß,
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Und so wartete, bis mit Weisheit von oben der Vater
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Alles Lichts mich erleuchtete? Jesus fand mich ja also,
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Da er mich in die Versammlungen rief und segnend mich aufnahm.«
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Also betet Nephthoa. Sein Engel, der neben ihm schwebte,
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Höret' ihn beten und schrieb mit unauslöschlichen Zügen
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Flammenschrift in sein Buch, ein Buch des Lebens, das Alles,
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Was mit Gnade vernahm der große Hörer des Himmels
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In des Knaben Gebet. Indem die schimmernde Schrift flog
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Mit der Hand des Unsterblichen, kam Benoni und nahte
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Sich dem Beter und ihm. E. »Willst Du ihm erscheinen, Benoni?«
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Rief mit Entzückung der Engel und reicht' ihm das wehende Buch hin.
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Und der Erstandene las. Der Immerunsterbliche hält sich
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In der Freude nicht mehr und umarmt den himmlischen Jüngling.
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E. »Ach, Erhörung, Erhörung, von Gottes Throne gesendet,«
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Rief der freudige Seraph, »Du bist schon heute gekommen!«
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Und Benoni nahete mehr. Noch kniete Nephthoa
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Und begann von Neuem zu beten: »Mit herzlicher Freude,
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Innigem ewigen Dank seist Du, o Vater, gepriesen,
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Welcher der Gnaden so viele mir gab. Wie hast Du mit Huld mich
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Ueberschüttet! Du warest es, hast mir des großen Propheten
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Segen, Du Vater der Ewigkeit, zugesendet, Du Vater
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Aller Kinder im Himmel und aller Kinder auf Erden!
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Wer beginnet, und wer vollendet, genug Dich zu preisen,
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Herr der Herrlichkeit, dem ich dies Auge voll Thränen erhebe?
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In der Säuglinge Munde sogar hast Du Dir bereitet,
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Hocherhabner, Dein göttliches Lob. Auch ich will es stammeln;
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Denn Du hast Dir auch Lob in der Kinder Munde bereitet.«
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Erst wollt' ihm Benoni wie einer der Pilgerknaben,
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Die zu dem Feste wallten, erscheinen. Doch als er des Preises
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Freudenthränen sah, vermocht' er sich so nicht zu halten,
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Und er erschien Nephthoa in seiner Herrlichkeit. Strahlend
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Stand er vor ihm, gekleidet in Morgenwolken des Frühlings.
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Aber Nephthoa erschrak nicht. So war die Seele des Knaben
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An die Bilder gewöhnet, die von dem Himmel ihm kamen,
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Oft in Träumen und oft in fast erwachendem Schlummer.
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Und er locket das Haar des himmlischen Jünglings und redet
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Mit schnellfliegenden Worten. »Dich hat der Prophet mir gesendet!
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Salem's Jüngling, wo schwebest Du her? Dich hat mir gesendet
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Jesus! Du bist ein Bote de Heils, des Friedens, der Wonne!
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Rede, sing's in die schimmernde Harfe, worauf Du Dich lehnest,
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Sage, wo schwebest Du her? Erzähl, erzähle von Gott mir,
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Sohn des Lichts! erzähle von meinen Todten mir, Erbe
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Ihrer Freuden, von meiner entschlummerten Schwester voll Unschuld,
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Die mir bei Rosen entschlief in der Morgendämmerung Duften,
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Eine Blüthe sie selbst, da sie nun lange schon todt war!
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Bringst Du mir keinen himmlischen Gruß von Dimna Kedemoth,
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Oder wie sonst in dem Himmel ihr neuer Name genannt wird?
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Und was sagte sie Dir? Vielleicht: Der Herr sei gepriesen,
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Daß ich todt bin, und daß auch mein Nephthoa wird sterben?
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Nimm mich mit Dir zu Dimna Kedemoth. Verzeih, Du Bewohner
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Jener Hütten, daß ich es wagte, so lange zu reden.
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Ach, Du schweigest mir, Bote von Gott!« Itzt redte Benoni.
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»daß ich, Nephthoa, Dich seh' und Deiner Freuden Entzückung,
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Hat mich schweigen gemacht. Der Herr hat Dir mich gesendet.
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Jesus war todt, das wußtest Du nicht, und ist schon erstanden
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Aus dem Grabe. Bald wird er hinauf zu der Herrlichkeit gehen.
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Seine Geliebten werden alsdann in Jerusalem zeugen
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Von dem Tod und der Auferstehung und von der Erhebung
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Jesus' Christus'. Die höre! Sie werden von Gott Dir erzählen,
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Was, als einem Sterblichen, Dir zu wissen vergönnt ist.
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Deine Schwester empfängt Dich dereinst in der Lebensbäume
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Duftendem Schatten! Doch jetzo muß ich Nephthoa verlassen.«
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N. »Ach, noch nicht, Du Himmlischer! bleib noch, Du Fremdling aus Salem!
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Wende noch nicht von dem Sterblichen weg Dein schimmerndes Auge,
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Diese morgenröthliche Wange, dies Lächeln der Wonne!«
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Aber Benoni verschwand. Nephthoa blieb in Entzückung
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Stehn und mit ausgebreiteten Armen, das Bild zu umfassen
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Seines himmlischen Freundes, das zwar von dem Schimmer entkleidet,
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Aber vor ihm, so dacht' er, noch stand. Auch dieses verschwand ihm,
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Und ihm sanken die Arme nieder. Da faltet' er betend
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Seine Händ' und blickte gen Himmel und lächelte weinend,
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Nicht so einsam, wie es ihm dauchte. Noch hatt' ihn sein Engel
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Nicht verlassen, noch nicht der unsichtbare Benoni.
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Und sie hörten den Knaben den Namen des Gnädigen preisen,
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Ihn aus inniger Seele dem Allbarmherzigen danken,
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Der die Erscheinung ihm gab und die Hoffnung der großen Erkenntniß.
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Dilean war der einzige Freund, den er hatte, gestorben,
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Und die Geliebte dazu. Er kannte Gottes Propheten,
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War mit brennendem Durste, gewiß zu werden, in Salem
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Lang' geirrt und hatte geforscht, ob Jesus erwacht sei
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Oder noch todt. Die Nacht hing über sein Haupt, die Ströme
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Gingen ihm bis an die Seele. Beruhigung sucht' er, und fand sie
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Auch nicht auf den Gefilden voll Frühling. Er kehrte verspätet
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Zwischen den Gräbern am Oelberg um. Verirrendes Dunkel
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War sein Führer. Er ging in den tiefen Krümmen und suchte.
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»ist das Kidron's Geräusch? und jenes Wehen, der Palmen
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In Gethsemane? Nein, das ist ein Brausen in Klüften.
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Sind das Menschenstimmen?« Indem erblicket' er Schimmer,
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Der beinahe verlosch, geweht von dem Winde. Dem folgt' er.
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Und er kam an ein Todtengewölb, aus welchem sie Leichen
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Trugen. Ein Reicher kaufte von einem Armen die Felskluft.
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Und sie trugen ein ganzes Geschlecht, des Dürftigen Väter,
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Aus dem Gewölbe. Dilean blieb an der Oeffnung des Grabmals.
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Jene gingen mit ächzendem Schritt heraus, mit verdrossnem
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Langsam wieder hinein, daß bewundnes Gebein sie brächten.
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D. »Glückliche sind's, die Ihr tragt! Gebt mir von den Todtenfackeln
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Eine, damit dort hinten ich sie bei den Leichen Euch halte.«
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Und sie gaben ihm eine; da ging er ins tiefere Grabmal.
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Und er hielt die Flamme, gelehnt an den Felsen, und dachte:
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»glückliche, glückliche Todte! Die seid Ihr auch, Ihr Geliebten,
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Die mich verließen. Wenn nun auch Eure Leichengewande
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Einst veralten, wie Dieser, so bin ich, wie Ihr, auch glücklich!
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Aber jetzt ... Euch hab' ich Verlassner verloren, Ihr Lieben,
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Meine Seligkeit hier! und meine Seligkeit künftig,
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Gottes Propheten, verlor ich auch! Ist eine nun künftig,
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Da er Tyrannen erlag? Sorgt Gott, sie ewig zu machen,
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Ach, für Die, bei denen erliegt der Beste dem Schlimmsten?
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Bin ich ewig? oder verstäub' ich? Erstand er? verwest er?
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Diese sind die bebenden Fragen, die Keiner mir auflöst,
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Auch, Ihr Stummen da, nicht! Ihr müßt es können, wofern es
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Irgend ein Endlicher kann. Nicht diese Gebeine vermöchten's,
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Aber der Geist. Wo seid Ihr, Ihr abgeschiednen Genossen
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Dieser Leichen? Ist Euch des Lichtes Wohnung der Freude
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Wohnung zugleich, wenn Einer auch nur von Eurem Geschlechte
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Sich mit diesen Zweifeln die Seele martert?« Er dacht' es;
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Und nun war von Gebeinen das Grab und von Todtengräbern
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Leer. Kaum merkt' er es. Endlich weckt' ihn die tiefe Stille.
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»siehe, nun bin ich allein! Ihr abgeschiednen Genossen
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Eurer Leichen, wo seid Ihr? Elisa Gebein erweckte
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Einen Todten. So war ja bei dem Gebeine die Seele;
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Denn der Staub erweckte doch nicht! Wenn auch
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Komm, Du
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Komm, ich will mich vor Dir nicht entsetzen, Seele des Todten!
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Auf, ich beschwöre Dich, Seele, bei Deinem letzten Erseufzen,
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Als mit dem Tode Du rangst, bei Deiner Hoffnung, unsterblich,
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Oder bei Deiner erschütternden Angst, vernichtet zu werden,
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Als mit dem Tode Du rangst!« So rief er und sah in das Grabmal.
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Thirza war schon um ihn, der sieben Märtyrer Mutter,
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Mit den Seelen des Freundes und der Geliebten gewesen.
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Diese hatten ihn schon durch der Gräber Thale begleitet
251
Bis zu dem Felsen, in welchem er war. »Darf ich ihm erscheinen?«
252
Sprach die treue Geliebte. »Allein würd' er sich nicht entsetzen,
253
Wenn er mich säh'?« »Ich will ihm erscheinen!« erwiderte Thirza.
254
Ohne Hoffnung, zu sehn, wonach er verlangte, bemühet
255
Dilean sich, zu schlummern und also sich zu entlasten
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Von den trüben Gedanken, die ihn wie Wolken umgaben.
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Aber er sucht' umsonst die kurze Ruhe vom Elend.
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Wehmuth füllete wieder sein Herz. »Euch hab' ich verloren,
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Meine Freunde! Dich auch, mein Freund in weiblicher Bildung!
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Ach, Ihr ließt mich zurück. Nun bin ich allein auf der Erde,
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Bin ... Wer tritt da herein? Wer bist Du, der sich mir nahet?«
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Und er ging der dunkeln Gestalt entgegen. Auf einmal
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Ward zur Unsterblichen Thirza aus einer Sterblichen. Schauernd
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Stand er. So schnell ist der Wink, so schnell ermannt' er sich wieder,
265
Ging und betrachtete schweigend die Strahlengestalt, und mit Eile
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Redt' er sie an. »Wirst Du meinen Dank, Erscheinung, verstehen?
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Oder bist Du ein Dunst der Nacht, den Flammen beseelen?
268
Oder ein Bild in meinem Gehirn?« Ihm lächelte Thirza
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Sanft mit der Himmelsgeberde, mit so viel Seel' in dem Auge,
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Daß er den flammenden Dunst vergaß und das Bild im Gehirne.
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Laut, mit Schnelligkeit rief er: »Erscheinung, Erscheinung, wer bist Du?«
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Und melodisch erscholl's in dem widerhallenden Felsen:
273
»wer ich sei, vernimmst Du hernach; jetzt lerne, Beglückter!
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Halt Dich nicht vollkommner als Andere, weil Du die Gnade
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Dieser Erscheinung empfähst. Nicht unvollkommner als Andre
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War der Blinde von seiner Geburt, dem Jesus den Tag gab.
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Daß er ein Zeuge würde der Herrlichkeit Jesus', bedeckt' ihn
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Blindheit lange. Daß Du, wie er, zu zeugen vermöchtest,
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Sandte mich Jesus zu Dir, der Auferstandne vom Tode.
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Nicht, weil Du mir riefst; Dich zum Zeugen zu machen, erschein' ich,
281
Wäre Dir ohne den Ruf erschienen. Dein Zweifeln verdiente
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Zwar Vergebung, allein Belohnungen nicht. Und Belohnung
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Wär' ich Dir, Dilean, wärest Du nicht zum Zeugen erkoren.
284
Was geschehn soll, geschieht, Ihr zweifelt, oder Ihr leugnet.
285
Zweifelte gleich das ganze Geschlecht der sterblichen Sünder
286
An der künftigen Welt: sie würden dennoch erfahren,
287
Daß geschieht, was geschehn soll; erfahren, daß über den Gräbern
288
Leben wohnt, wie staunend sie auch die Erfahrung erführen.«
289
Jetzo scholl's in der Kluft der Gräber umher mit Posaunen-
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Stimmen und Stimmen der Donner, nur daß der Leichenblasse,
291
Freudige, Selige nicht erblickte, wem der Posaunen
292
Hall und wem die Donner entströmeten; scholl's ihm herüber
293
Thronharmonie, hehr, furchtbar und Wonne und seelenverwandelnd:
294
»was geschehn soll, geschieht, Ihr zweifelt, oder Ihr leugnet.
295
Zweifelte gleich das ganze Geschlecht der sterblichen Sünder
296
An der künftigen Welt: sie würden dennoch erfahren,
297
Daß geschieht, was geschehn soll; erfahren, daß über den Gräbern
298
Leben wohnt, wie staunend sie auch die Erfahrung erführen.«
299
Dilean wankte. Sie hatten geendet. Er stammelte: »Nein, ich
300
Unterwinde mich nicht, noch mehr zu fragen; ich beuge
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Mich im Staube vor Dem, der Euch von dem Thron mir gesandt hat!«
302
Und er knieete nieder und wandte sich weg von Thirza;
303
Doch da war die verstummte Kluft, und er schloß sein Auge.
304
»herr der Herrlichkeit, Du, der erstand, vergieb mir mein Zweifeln!
305
Meine Thränen dazu! Du würdest, Göttlicher, wissen,
306
Was ich bete, vernähmen's auch Die nicht, die Du mir sandtest.
307
Herr der Herrlichkeit, laß das große Ziel mich erreichen,
308
Das Du durch diese Sendung mir zeigst, so wall' ich in Frieden,
309
Wenn ich sterbe, zu Dir hinauf und den Meinen im Himmel!«
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Weint so und richtet sich auf. Noch schwebte vor ihm die Erscheinung.
311
Also floß mit lieblichem Wehn der Unsterblichen Stimme:
312
»siehe, Du unterwandest Dich nicht, daß Du fragtest, ich aber
313
Will antworten. Ich bin der sieben Märtyrer Mutter,
314
Thirza. Bei diesem Felsen schwebt die glückliche Seele
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Deiner Geliebten, an dem des Freundes, die liebend Dein warten.
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Aber vernimm der Seligkeit mehr. Der Messias erscheinet,
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Eh er zum Thron sich erhebt, in Galiläa den Schaaren
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Von fünfhundert Brüdern auf einmal. Da wirst Du ihn sehen!«
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Mit dem Worte verschwand die erhabne Thirza. Ihm daucht' es,
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Als ob er dreier Unsterblicher Laut in der Ferne vernähme.
321
Und er kam der Sonne, die jetzt aufging, aus der Höhle
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Freudeweinend entgegen. Noch blieb er dankend am Eingang,
323
Daß Du ihm Fülle der Herrlichkeit gabst und des Himmels Vorschmack,
324
Ewiger Quell des ewigen Lichts, da er durstet' im Elend,
325
Daß Du ihm halfest, da Menschen nicht mehr ihm zu helfen vermochten.
326
Mit nachahmender Hand ein Gemälde von Seide zu sticken,
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Saß an einem Tyrischen Purpurteppich erfindend
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Tabitha. Frühwegblühende Mutter Benoni's, Dein Grabmal
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War ihr ernster Geschäft, als sonst vielfarbige Faden
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Unter weiblicher Hand. Sie denkt bei dem Spiele der Nadel.
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Auf dem Grabe ruht die bleiche Rahel. Benoni
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Knieet bei ihr und stößt mit weggewendetem Auge
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Einen Dolch ihr ins Herz. Itzt eben rannen am Dolche
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Blutige Tropfen herab, da vom Purpur Tabitha aufsprang,
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Eilete und die Ermattete lief zu empfangen, die ankam.
336
In dem Gewande des Leichengefolgs, mit blässerer Wange,
337
Trat die Unbekannte zu ihr. Doch die Leiden der Freundschaft
338
Hatten nicht jede Schönheit der jugendlichen Debora
339
Auszulöschen vermocht. Gleich einem trüberen Morgen
340
War sie, doch einem Morgen des Frühlings. »Ich komme,« so sagte
341
Sie zu Tabitha, »hier von dem schweren Gange zu ruhen;
342
Denn ich vermochte nicht weiter zu gehn. Ach, meine Geliebte
343
Ruht nun besser als ich, die Geliebteste meiner Geliebten.
344
Bleib Du bei Deinem Geschäft; laß mich nur ruhen und weinen!«
345
Und sie saß und lehnte sich sanft auf eine Harfe,
346
Der ein weinender Laut entklang, indem sich Debora
347
Auf sie lehnte. Umsonst ward Tabitha dieser Betrübten
348
Trösterin. »Laß mich allein, und jene Wunde da bluten;
349
Meine blute für sich!« Und Tabitha ging zu dem Schmerze,
350
Der sie nun weniger rührte, zurück und versuchte zu sticken.
351
Aber jetzo ergriff die Unbekannte die Harfe,
352
Und wie ein fernherweinender Bach, wenn vor dem Gewitter
353
Todesstille den Wald beherrscht, erklang's in den Saiten
354
Um die sinkende Hand der grabverlangenden Freundin.
355
Tabitha hörete nur und vergaß der Leidenden Thränen,
356
Als ihr Gesang, der Saiten Seele, mit ihnen ertönte.
357
»gott der Götter, belohne Du nun die vollendete Todte!
358
Doch sind Leiden der Zeit der Herrlichkeit würdig, zu der Du,
359
Gott Belohner, erhebst? Sie starb in der Blüthe des Lebens.
360
Aber was ist die Blume, die sank, von dem Sturme gebrochen,
361
Gegen die Ceder Gottes, die oben auf Golgatha stürzte,
362
Die von dem Himmel herab des Allmächtigen Wetter zermalmte,
363
Daß die Felsen umher und die Gräber der Todten erbebten!«
364
Wie von dem Bilde geschreckt, verstummte Debora. Nur einzle
365
Starke Schüttrungen rauscheten noch durch die Nerven der Harfe
366
Weit herunter, bis endlich die hohe Seele der Saiten,
367
Bis der Gesang von Neuem begann: »Das Leichengefolge
368
Deß, der auf Golgatha starb, war ein kleiner weinender Haufen
369
Sterblicher, waren, verloschen an Schimmer, Himmelsbewohner,
370
Und der Todtengesang der unsichtbaren Begleiter
371
Scholl wie der Sterbenden Weinen am siebenarmigen Strome,
372
Als von der niedrigsten Hütte der Würger hinauf zu dem Thron stieg!
373
Ach,
374
Hörerin ihres Gesangs war nicht die Erde; die Sterne
375
Waren Hörer! Orion und Du, des Richtenden Wage,
376
Die vernahmen sie nur. Da ward ein Felsen gewälzt, schloß
377
Dumpferschütternd sein Grab; da stieg mit des sinkenden Felsen
378
Dumpfem Schall zu dem Himmel Staub; da ruhte der Todte.
379
Schneller eiltet Ihr fort, Ihr Sterne Gottes. Der Todte
380
Schlief nicht lang'. Mit Herrlichkeit, Halleluja, erwacht' er!
381
Halleluja, mit Herrlichkeit! Ihr waret nur Schritte,
382
Du, Orion, und Du, des Richtenden Wage, gestiegen,
383
Als er erstand! O, feiert's in allen Himmeln, Ihr Zeugen,
384
Daß er erstand! Die hier auf dem einsamen Grabe blutet,
385
War auch Zeugin, und Zeuge, der ihr den Dolch in das Herz stößt.
386
Wähnest Du, Sterbliche, daß der Schlaf der Verwesenden ewig,
387
Daß auf immer daure der Schlummer im Schooß der Erde?«
388
Tabitha sah zur Prophetin hinauf und verstummte, zu fragen.
389
Irr' und wundernd hielt sie sich an den Rahmen des Teppichs.
390
Aufstehn wollte sie, wollt' hingehn zur Prophetin, vermocht's nicht.
391
Und Debora stützete sich auf die Harfe. So sprach sie:
392
»lerne! Denn viel mußt Du von der Auferstehung der Todten
393
Lernen. Du brauchst viel Trost des Todes; denn, Tabitha, zweimal
394
Ist Dir zu sterben gesetzt. Der Erstgeborne der Todten
395
War und ist dereinst der Entschlafnen allmächtiger Wecker.
396
Nur mit leiser Klage, daß Du zu der Erde zurückkehrst,
397
Und mit süßem Erwarten der zweiten Schöpfung aus Staube
398
Mußt Du Dich niederlegen und sterben. Den schreckt nicht des Grabes
399
Offene Nacht, nicht Erd', auf den Leichnam mit dumpfem Getöse
400
Niedergeworfen, nicht Stille verlassener einsamer Gräber,
401
Noch der Verwesung Bild, wer, wenn dies Alles sein wartet,
402
Weiß, daß Gott ihn dereinst in seinen Himmel hinaufruft,
403
An dem Tage der großen Geburt in das Leben der Engel.«
404
Also sagte Debora und nahm die Harfe von Neuem,
405
Und sanftlispelnder Laut und unsterbliche Stimmen entflossen
406
Ihrer fliegenden Hand und ihrem lächelnden Antlitz:
407
»was empfand ich, als nun das neue Leben mich aufhub
408
Aus der blumigen Gruft, mein Staub Unsterblichkeit wurde,
409
Aus der Cherubim Chören zu mir die Verklärung herabstieg!
410
Wie erbebt' ich! (Sie bebte von Neuem und ward zu Schimmer.)
411
Welcher Seligkeit Schauer durchströmte mein innerstes Leben!
412
Welcher Glanz war mein Glanz! In welcher Herrlichkeit Lichte
413
Wohnte mein ewiger Geist! Ich wandte mein Antlitz und suchte
414
Dessen Thron, der von Neuem mich schuf. Er war mir nicht sichtbar;
415
Leises Wehen nur, Säuseln der Gegenwart Gottes umgab mich.«
416
Ihre Himmelsstimme verlor stets sanfter dem Ohre
417
Sich, dem Auge der Schimmer. Da blieb voll Blässe der Freude
418
Tabitha stehen; und nun schwieg auch der Harfe Nachlaut.
419
Gedor, von sanftem Herzen und gleich empfindlich der Freude
420
Und der Traurigkeit, aber auch festes Entschlusses, dem Geber,
421
Ruhe gäb' er ihm oder Schmerz, sich zu unterwerfen,
422
Gedor lebte verborgen und glücklich mit der Gefährtin
423
Dieses Lebens nicht nur, auch jenes ewigen Lebens.
424
Wie sie sich liebten, wußten nur sie und wenige Freunde.
425
Weggewandt von dem Leben am Staube, besprachen sie oft sich
426
Von der künftigen Welt und von der näheren Trennung
427
Oder noch fernen auf der Reise zur Heimath im Himmel.
428
Liebend wünschten sie sich, doch wagten sie das nicht zu hoffen,
429
Was so Wenigen ward, mit einander hinüber zu wallen.
430
Herr, ihn hattst Du ersehn, zu des dunkelen Thales Eingang
431
Sie zu geleiten. Sie lag zu sterben. Das glaubt' er zu sehen;
432
Aber er wußte, daß Du aus großen Gefahren erretten,
433
Tödten könntest in kleinen. Itzt kam, der eilende Tod kam
434
Näher und wurde gewiß. Sie richtet von Gedor gen Himmel
435
Ernst ihr Auge, dann wieder auf ihn von dem Himmel herunter,
436
Wieder gen Himmel von ihm. So erhub sie zweimal ihr Auge.
437
Niemals sah er Blicke wie die, es wurden ihm Blicke,
438
Gleich den ihrigen, nie beschrieben, voll feirliches Ernstes
439
Und der innigsten Wehmuth und mächtiger Ueberzeugung
440
Jenes ewigen Lebens. »Ich sterbe, verlasse Dich, gehe
441
Zu der namlosen Ruh!« war's, was sie redeten, war's nicht;
442
Stärker war's, unaussprechlich! Hier mußt' er der Menschheit erliegen,
443
Oder ihn mußte mit mächtigem Arm der Helfer erheben.
444
Und der Erbarmende that's. Der schwache Sterbliche fühlte
445
Sich der Erde gewaltig entrissen und nahe dem Eingang
446
Zu der Herrlichkeit, welche sich seiner Cidli schon aufthat.
447
Und er trat zu ihr hin mit mehr als Ruhe, mit Freude;
448
Legt' auf ihre Stirne die Hand und begann sie zu segnen:
449
»wandl' hinüber im Namen des Herrn, der Abraham's Gott war,
450
Isak's und Jakob's, im Namen des angebeteten Helfers!
451
Ja, sein Wille gescheh', es gescheh' sein gnädiger Wille!«
452
Und sie sprach mit der Stimme der Zuversicht und der Freude:
453
»ja, Er mach' es, wie Er es beschloß! Gut wird Er es machen!«
454
Gedor hielt ihr die Hand. »Wie ein Engel hast Du geduldet!
455
Gott ist mit Dir gewesen! Mit Dir wird Gott sein! Gewesen
456
Ist mit Dir der Allbarmherzige! Dank sei und Preis sei
457
Seinem herrlichen Namen! Er wird Dir helfen! Ach, wär' ich
458
Elend genug, ihm nicht zu dienen, so dient' ich ihm heute.
459
Sei mein Engel, läßt Gott es Dir zu!« – »Du warest der meine,«
460
Sagte Cidli. – »Sei nun, Du Himmelserbin, mein Engel,
461
Läßt der Herr Dir es zu!« – Und liebend erwiderte Cidli:
462
»gedor, wer wollt' es nicht sein?« – Voll Mitleid, mit freudigem Tiefsinn,
463
Schwebete Rahel um sie, die Geliebte des Pilgers aus Kanan
464
Und die Mutter des Sohns der Schmerzen. Sie war Dir, Cidli,
465
Noch unsichtbar; allein da Dein Haupt zu dem Tode dahinsank,
466
Sah Dein lächelndbrechender Blick die Unsterbliche stehen,
467
Und Du machtest Dich auf, zu Deiner Gespielin zu kommen.
468
Doch mir sinket die Hand, die Geschichte der Wehmuth zu enden.
469
Späte Thräne, die heute noch floß, zerrinn mit den andern
470
Tausenden, welch' ich weinte. Du aber, Gesang von dem Mittler,
471
Bleib und ströme die Klüfte vorbei, wo sich viele verlieren,
472
Sieger der Zeiten, Gesang, unsterblich durch Deinen Inhalt,
473
Eile vorbei und zeuch in Deinem fliegenden Strome
474
Diesen Kranz, den ich dort an dem Grabmal von der Cypresse
475
Thränend wand, in die hellen Gefilde der künftigen Zeit fort!
476
Unter Moria's Schatten erhub ein schallendes Haus sich
477
Ueber die andern empor, einst fürchterlicher zu stürzen,
478
Jenen verkündeten Tag der großen Adlerversammlung.
479
Auf den stilleren Söller war der reichen Bewohner
480
Einziger Sohn gestiegen. Er war in der Blume des Lebens,
481
Aber ein Jüngling voll Ernst, die Freude seiner Gespielen
482
Und der Mutter Entzückung. Der Mond, enthüllt vom Gewölke,
483
Ging jetzt über der hohen Jerusalem und dem Moria
484
Ruhig einher und schimmerte sanfte Gedanken herunter
485
Denen, die noch in Schlafe, dem täglichen Tode, nicht lagen,
486
Dir vor Allen, o Stephanus, Jüngling voll Tiefsinn. Er wallte
487
Leis' in den Labyrinthen umher, die des Sehers Geschichte,
488
Welchen Bethlem gebar, um seine Seele, je mehr sie
489
Forschte, je größer und unausgänglicher herzog.
490
Lockicht lag sein dunkleres Haar auf dem leichten Gewande,
491
Das ihn umfloß, und auf der gedankenstützenden Rechte.
492
Als er so nachsann, trat ein Fremdling herauf: »Sie haben
493
Mir die Quelle geschöpft, mich gesalbt« – Arabiens Stauden
494
Duftet' er – »haben mich schon durch leichte Speisen erfrischet.
495
Keiner Erquickungen mehr, nur dieses heiteren Abends,
496
Dieser Ruhe bedarf ich noch.« St. »Sei mir, o Pilger, gesegnet!
497
Unserer Hütte Friede sei Dein!« P. »Geliebterer Eltern
498
Einziger Sohn, ich bin von dem Meer herüber gekommen,
499
Habe Vieles erlitten.« St. »Eh Du mir, redlicher Fremdling,
500
Was Du littest, erzählest, muß ich Dich fragen: Vernahmst Du
501
Schon von Jerusalem's großem Propheten die ernste Geschichte?«
502
Ihm antwortet Jedidoth mit schneller, geflügelter Stimme:
503
»ach, von dem heiligen Mann, der gestorben ist wegen der Wahrheit,
504
Wegen der höheren Wahrheit, die
505
Der – es verbreitet eilender stets in Salem der Ruf sich –
506
Der von den Todten erstand, noch mächtiger sie zu beweisen?«
507
St. »Fremdling, Staunen befällt mich bei Deiner Rede. Der Wahrheit
508
Märtyrer wär' er gestorben? Das sagst Du und kommst doch von fern her,
509
Kommst, ein Waller des Meers! Wurd' Euch denn, was er uns lehrte,
510
Auf den Inseln erzählt?« J. »Wo, was er lehrt', uns erzählt ward,
511
Sag' ich hernach. Jetzt laß mich Dich auch, o Stephanus, fragen:
512
Wenn Du nun wüßtest, daß er, nicht nur ein Zeuge der Wahrheit,
513
Daß er, ein Größerer noch, ein Versöhner der Menschen, gestorben
514
Und von dem Tod erweckt sei: o, würde Dein blühendes Leben
515
Dann zu theuer Dir sein, die große Wahrheit zu zeugen?
516
Würdest Du bis an den Tod, wenn unsere grauenden Häupter
517
Durch die leise Hand der Natur zu dem Grabe sich neigen,
518
Würdest Du dies Dein Leben so lang', o Stephanus, lieben
519
Oder es früher geben für Den, der das seine zuerst gab?«
520
St. »Was ich thäte, weiß Gott; was ich aus innigster Seele
521
Und mit jedem entflammten Verlangen wünsche, das weiß ich!«
522
J. »Und was wünschest Du denn, Du edler Jüngling?« St. »O, nenne
523
Mich nicht edel, den schwachen und sündigen Jüngling, Du Pilger,
524
Der so erhabene Dinge mich fragt: wie ich den Erretter
525
Lieben wolle? wie ich entschlossen sei, zu beginnen
526
Jenes ewige Leben? Ach, der mein Herz mir erschüttert,
527
Meine Seele beseelt, Du Wunsch voll süßer Entzückung,
528
Würdest Du mir gewährt, so strömte, von Jesus zu zeugen,
529
Dies mein jugendlich Blut aus allen Quellen des Lebens!«
530
J. »Nicht, Dich mehr zu entflammen, ach, Dich zu belohnen, Du lieber,
531
Künftiger Märtyrer, höre des siebenten Jünglings Geschichte.
532
Ihn, ihn lockt' Epiphan mit jedes Glückes Verheißung,
533
Mit den Größen der Welt, umsonst! Er sandte vergebens
534
Seine Mutter, die Heldin, zu ihm. Die sprach zu dem Sohne:
535
Ach, Du Lieber, Du Jüngster, Du einziger Uebriger, den ich
536
Unter meinem Herzen getragen, gesäugt drei Jahre,
537
Mütterlichmühsam erzogen, mein Sohn, erbarme Dich meiner!
538
Und, o, schau zu dem Himmel empor, herab auf die Erde,
539
Alles dies hat der Herr, er hat den Menschen geschaffen!
540
Darum erbarme Dich meiner und stirb! Entschlossen zum Tode,
541
Rief er, als seine Mutter noch sprach: Was harret Ihr, Wüther?
542
Und Epiphan, Du entsetzlicher Mann, wirst Du dem Gerichte,
543
Du dem Allmächtigen denn entkommen? Das ewige Leben
544
Haben meine Brüder nun schon, die nicht lang' und wenig
545
Litten! Er starb.« Dem Erzählenden waren sein Angesicht Schimmer,
546
Strahlen die Augen geworden! Und Stephanus zittert' und weinte.
547
J. »Werth sind Deine Thränen mir, Jüngling! Ich zählte sie alle.«
548
St. »Eines Sünders Thränen?« so rief der Jüngling und bebte.
549
J. »Eines Sünders, allein den Jesus' Opfer entsündigt
550
Und in das Allerheiligste führt.« Jetzt blickt' auf die Beiden
551
Jesus, der Auferstandne, vom hohen Tabor herunter,
552
Sah den Sterblichen stehn in des Mondes Schimmer, im eignen
553
Dich, Unsterblicher. Schnell, da zu sinken Stephanus anfing
554
Und der Erscheinung erlag, rief noch Jedidoth herüber:
555
»ich war's, himmlischer Bruder, der sich der Mutter erbarmte.
556
Dort (schon schwebt' er empor), dort lernt' ich, was Jesus Euch lehrte.«
557
Und er stieg zu dem Himmel hinauf und verschwand in den Wolken.
558
Barnabas Joses, ein Levi von Cyprus' fernem Gestade,
559
Ging zu dem Jordan hinab, den Acker, den er dort hatte,
560
Anzusehen, wie weit den Keim der Frühling getrieben,
561
Welcher Fruchtbarkeit Hoffnung die schwellenden Saaten ihm gäben.
562
Und er wallet' allein. Nicht lang', so kamen Saphira
563
Und Ananias zu ihm und wurden seine Gefährten.
564
Auch sie rief die keimende Saat in des Jordan's Gefilde.
565
Und sie kamen zum Cedernbache. Die schöne Saphira
566
Setzet ihren versuchenden Stab mit wankenden Händen
567
Oft an die glatten Kiesel, eh sie hinüber zu gehn wagt.
568
Und schon ruhet sie aus auf einem Stein an dem Bache.
569
Neben ihr saß Ananias auf einem andern, und Joses
570
Stand vor ihnen. Sie saßen an ihren künftigen Gräbern.
571
Ach, Ihr wußtet es nicht, daß bald nun auf diesen Steinen
572
Eurer Leichname Träger, erschrockene Jünglinge, ruhen,
573
Weggehn würden, ohn' Euch zu der Auferstehung zu segnen.
574
Aber er wußt' es, der jetzt mit dem großen Täufer des Mittlers
575
Schwebend neben Euch trat, Elisa. Er stand ungesehen
576
Mit Johannes bei ihnen. O, wär' in dem Wehen des Kidron
577
Seine Stimme gekommen und hätte die Armen, auf Zukunft
578
Deutend, gewarnt durch das Donnerwort des hohen Apostels:
579
»menschen würdet Ihr nicht, Gott würdet Ihr lügen!« so wäre
580
Hier vielleicht ihr Grab nicht gewesen. Doch, Hülle vor Gottes
581
Wegen, Du hängest herab, und Dich hebet einst das Gericht nur.
582
Ruhend brach Saphira von ihrem Grabe des Frühlings
583
Erste Blumen und gab sie dem erntesinnenden Manne.
584
Und sie kamen hinab zu ihrer Saat. Ananias
585
Sprach von der Fülle der Aehren und ihrer Fruchtbarkeit Werthe.
586
Joses freuete sich der Ernter Freuden, wenn ihnen
587
Endlich der Abend lächelt, und sie in der Kühlung sich letzen,
588
Wenn sie, mit blauen Kränzen, die unter dem wankenden Halme
589
Wachsen, bekränzt, in muthigem Reihn, beschattet vom Oelbaum,
590
Jauchzen, daß sie die Last und des Tages Hitze getragen.
591
Und Johannes begann: »Auf, laß uns ihnen erscheinen!«
592
Ihm antwortet Elisa: »Wem willst Du erscheinen? der großen
593
Felder Besitzer? oder des schmalen steinigen Ackers?«
594
J. »Beiden.« E. »Und ich,« antwortet' Elisa, »erscheine nur Joses,
595
Dem im bergichten Acker die Saat der Kiesel erdrücket.«
596
J. »Wird Ananias ein Christ? Das frag' ich Dich, theurer Elisa.«
597
E. »Ja, das wird er.« J. »Wolan, laß uns dem Christen erscheinen!
598
Denkt er weniger gut, so bedarf er, geleitet zu werden,
599
Mehr als Joses.« E. »Ich sah: Er ward gewogen! und sahe
600
Seine Wagschal' fürchterlich steigen. Wir würden ihm häufen
601
Seine Gericht' und zu größerem Zorne Gottes ihm werden
602
An dem Tage der schreibenden Hand, wenn wir ihm erschienen.«
603
J. »Würden wir ihn nicht erretten?« erwiderte leise Johannes.
604
E. »Komm denn,« sprach Elisa, »und laß uns dem Christen erscheinen,
605
Aber nicht als Erstandne des Herrn.« Sie schwebten nach Salem.
606
Ananias und Joses und ihre Begleiterin gingen
607
Auch nach Salem zurück. Da sahen sie nah an dem Tempel
608
Einen Blinden und Lahmen in stiller Traurigkeit sitzen.
609
Und die Armen redten sie an, zwar voll von Wehmuth,
610
Aber nicht mit Ungestüm, mit Würd' in der Bitte.
611
Sanft gab Joses und ließ die Gabe die Linke nicht wissen;
612
Mehr Ananias und weniger doch. Das Mindere warf er
613
Noch dazu mit Verdruß vor den Fuß der leidenden Armen.
614
Und sie waren vorübergegangen. »Du siehest nun,« sagte
615
Zu dem Lahmen der Blinde, »daß er der Erscheinung nicht werth ist.«
616
Und der Größte Derer, die Weiber gebaren, der Größte,
617
Weil er der Menschlichste war, als er Elisa vernommen,
618
Schwieg. Jetzt hatt' er vollendet des furchtbaren Schweigens Urtheil,
619
Und er sprach zu Elisa: »Du sahest ihn wägen! was sahst Du?«
620
E. »Christen sah ich versammelt und Kephas unter den Christen.
621
Jeder der himmelnahen Versammlung verkaufte sein Erbe,
622
Gab es zu Aller Gebrauch. Und ihrer Einer war Joses;
623
Er verkaufte den Acker, den wir gesehen, und legte
624
Zu der Apostel Füßen das Silber. Auch kam Ananias,
625
Aber er brachte nicht Alles. Da sprach zu dem Täuschenden Kephas:
626
Warum erfüllete Satan Dein Herz, Ananias, dem Geiste
627
Gottes zu lügen und Dir von des Ackers Silber zu nehmen?
628
Dein war er, und Du konntest ihn behalten; gezahlt, war
629
Auch das Silber noch Dein. Warum erkühnte Dein Herz sich
630
Dieser That? Nicht Menschen hast Du, Gott hast Du gelogen!
631
Als Ananias von Petrus die Donnerworte vernommen,
632
Stürzet' er nieder und starb; und Schrecken befiel, die es sahen.
633
Jünglinge nahmen ihn auf und trugen ihn weg zum Begräbniß.
634
Wenige Stunden, da kam das Weib Ananias', Saphira,
635
Und sie hatte von dem nicht gehört, so vor Kurzem geschehn war.
636
Petrus fragte sie: Habt Ihr das Feld so theuer verkaufet?
637
Ja, so theuer! erwiderte sie. Da sprach zu ihr Kephas:
638
Warum verbandet Ihr Euch, den Geist des Herrn zu versuchen?
639
Siehe, schon sind die Jünglinge, die Ananias begruben,
640
Vor der Thür und bereit, auch Dich zu dem Grabe zu tragen.
641
Sterbend sank sie vor Kephas nieder. Die Jünglinge kamen,
642
Fanden sie todt und trugen sie weg, daß sie neben dem Manne
643
Sie begrüben. Entsetzen befiel die ganze Gemeine,
644
Und wem sonst die Geschichte der ernsten Gerechtigkeit kund ward.«
645
Joses hatte sich jetzo von den Gefährten gesondert.
646
Und er eilte zurück nach seinem Hause. Johannes
647
Kam im Gehen zu ihm. Ih. »Woher bringt, Joses, Dein Weg Dich?«
648
J. »Von den Saaten am Jordan. Ich habe dort Acker.« Sie traten
649
Mit den Worten ins Haus. Und an des kommenden Vaters
650
Hals und Armen hingen die Kinder. J. »Segne die Meinen!«
651
Sprach zu dem Fremdling der Vater und bracht' ihm die freudigen Knaben.
652
Dieser wendete sich zu den Knaben mit einer Hoheit,
653
Die mit Bewundrung das Herz des ernsten Vaters erfüllte.
654
Ih. »Seid auch Zeugen des Herrn, Ihr Kinder Joses'! Dein Acker
655
Wird von jetzt noch weniger Garben der Ernte Dir geben!«
656
J. »Wird mich der Herr denn verlassen? und diese Waisen verlassen?«
657
Ih. »Das ist ferne von Gott, der mehr wie das sterbliche Leben
658
Nur erhält. Er giebt und nimmt von dem Irdischen, nimmt nicht,
659
Ewiger Theil, von Dir.« Der Täufer sprach's, und sein Ansehn
660
Wurde stets erhabener. Joses hatte noch Blicke
661
Niemals wie diese gesehn, noch keine Stimme vernommen,
662
Die mit dieser Feierlichkeit von Gott sprach. Schweigend
663
Hört' er ihn reden. Und also begann von Neuem Johannes:
664
»der – Du kanntest ihn doch? – zu dessen Füßen Maria,
665
Lazarus' Schwester, den besseren Theil, die Ewigkeit, wählte,
666
Der Jairus' Tochter, – im Tode schlief sie, – der Nain's
667
Todten Jüngling und dann der ewigkeitwählenden Schwester
668
Himmlischen Bruder erweckte, Der ist nun selbst von den Todten
669
Auferstanden. Sein Zeuge bin ich! Sein Zeuge sollst Du nun
670
Bald auch werden!« Er sprach's mit Hoheit, die zur Verklärung
671
Sich zu erheben begann. »Schon bin ich Zeug' ihm gewesen,
672
Als er hinab in den Strom, auf ihn vom Himmel der Geist stieg,
673
Als von ihm in der Wolke scholl die Stimme des Vaters!«
674
Und er sprach die Worte mit einem so himmlischen Anschaun,
675
Daß ihm ein kurzer Uebergang zur Verklärung nur fehlte.
676
Eilend wendet' er sich und ging, und von dem Gewandten
677
Kamen Schimmer, die wurden blässer, entfernten sich, schwammen
678
Wie in Dämmrung dahin. Jetzt war die Erscheinung verschwunden.
679
»vater,« riefen die Knaben, »es blitzte!« Da sank an den Stufen
680
Dämmrung hinab! »Wo aber ist Der, mit dem Du hereinkamst?«
681
Und der fünfte nach Dir, Du Morgen der Auferstehung,
682
Stieg, des schönsten Tages Verkündiger, über die Hügel
683
Juda's röthlich empor, und Portia wachte mit ihm auf,
684
Mehr von Träumen als Schlafe. Sie ging hinab zu der Blumen
685
Frühen Gerüchen; allein sie dufteten ihr vergebens.
686
»wieder ein Morgen erlebt, ein Tag der Erde! Doch trüb ist's
687
Immer mir in der Seele noch, immer noch Nacht, da erwachet,
688
Geber des Lebens, kein Tag! noch immer träum' ich im Dunkeln,
689
Lieg' und schmachte, Dich zu erkennen und Den zu erkennen,
690
Den wir in seinem Grabe nicht finden. Ach, wenn die letzte
691
Meiner Sonnen nun kommt, wird es Nacht auch dann noch in mir sein?
692
Tag erst, wenn sie hinab in die Oceane sich senket?
693
Oder gar noch trübere Nacht? Das Volk der Erwählung
694
Nennet den Weg zu dem Grabe, vor dem auch sie sich entsetzen,
695
Einen Weg durch ein finsteres Thal. So tragen denn Alle
696
Ihre Lasten, die Gott erleuchtet, und die er sich selbst läßt?
697
Aber laß mich nicht mir und erleuchte mich! Schrecken des Todes
698
Schrecken mich nicht, wenn Du mit Deinem Lichte mir leuchtest.
699
Nun, Du Fels in Meer, in dem tiefen Meere der Zweifel,
700
Du Gedanke: Der Wille gescheh' des ersten der Wesen!
701
Sei auch jetzo, wie oft Du schon warst, mir Geängsteten Zuflucht!
702
Werde denn sanft, zu verlangende Seele! Heitert mich, Düfte
703
Und Ihr Farben des Frühlings, mich auf! Doch neben dem Grabe
704
Dessen, welcher vielleicht nicht unter den Todten mehr schlummert,
705
Lächelt der Frühling ja auch. Was säum' ich, mich dort zu erfrischen,
706
Wo mir ein Wenig Schimmer von fern der Fragenden etwa
707
Einer, der dort um ihn weinete, zeigt.« So denkt sie und winket,
708
Ihr von Weitem zu folgen. Sie ging schon gegen das Grabmal
709
Aus der thürmenden Stadt. Sie sahn zu dem Felsen herüber
710
Rahel kommen und Jemina, Hiob's, des Ausgeprüften
711
Und des Wiedergesegneten, Tochter. Die Seligen sprachen
712
Unter einander: J. »Sie kommt, auf die wir warteten, Rahel,
713
Die zu dem Himmel hinauf aus ihrer Nacht arbeitet.
714
Laß sie uns leiten!« Dein führender Engel, Portia, sah sie
715
Menschen werden wie wir, zwo Pilgerinnen des Festes.
716
Griechinnen schienen sie nun und waren herübergekommen
717
Von den Inseln, der Töchter des Archipelagos einer.
718
Und sie kamen einher mit leichten Stäben, und Purpur
719
Flocht ihr ruhendes Haar. Sie gingen die Römerin, langsam
720
Und in Gedanken vertieft, vorüber. Doch Portia wandte
721
Sich nach ihnen herum und sprach: »Verweilt, wenn Ihr dürfet,
722
Pilgerinnen. Ihr irrtet an diesem Grabe mit Tiefsinn.
723
Kanntet Ihr, den es vor wenigen Tagen noch deckte?«
724
R. »Wer bist Du,
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Die Du uns fragest? Du scheinst mir der Israelitinnen keine.
726
Bist Du vom Capitol, dem schrecklichsten Hügel der sieben,
727
Eine der Herrscherinnen, so laß uns und spotte nicht unser,
728
Römerin!« P. »Dessen spotte der Hocherhabne des Himmels,
729
Welcher sich unterwindet, zu spotten der redlichen Unschuld!
730
Kennet mich mehr! Zwar bin ich Pilatus' Gattin; doch würd' ich
731
Tief erniedrigt mich sehn, wenn ich Euer zu spotten vermöchte.
732
Seid Ihr nicht, anzubeten, vom fernen Meere gekommen?
733
Und ich sollte mit niedrigem Spott die Frömmigkeit lohnen?
734
Redet mit mir, damit Ihr mich kennet! Dies Grab des Todten,
735
Ueber Eure Vermuthungen ist es mir theuer und heilig.
736
Kam der Ruf auch zu Euch: er sei erstanden vom Tode,
737
Den es deckte?« J. »Du denkst don Jesus,« Jemina redte,
738
»als wir Keine von Euch, die Götter glauben, noch fanden,
739
Und Du verdienest von uns, daß wir mit der offensten Einfalt
740
Zu Dir reden und ruhig erwarten, wie Du es urtheilst.
741
Mehr noch kam, wie nur Ruf, zu uns, und meine Gefährtin
742
Hier hat eine der Frommen gesehn, der war er erschienen.«
743
P. »Red, o Glückliche, welche die mehr noch glückliche Fromme,
744
Seine Begnadete, sah. Ist sie noch in dem Leben des Elends?
745
Hat er sie nicht hinüber ins bessere Leben genommen?«
746
R. »Magdalena Maria, so heißt der Begnadigten Name,
747
Lebet noch hier. Sie sucht' ihn im offenen Grabe vergebens,
748
Irrt' und weint' und erblickte, wie es ihr dauchte, den Gärtner;
749
Denn die werdende Morgendämmrung deckte die Bäume.
750
Aber wie kann ich die freudigen Schrecken der Frommen beschreiben?
751
Sieh, er wendete sich und nannte mit himmlischer Stimme
752
Sie bei ihrem Namen, mit seiner Stimme: Maria!
753
Nieder sank sie zur Erde, Rabbuni! bebte sie ihm zu,
754
Lag und hielt mit Thränen und küßte des Göttlichen Füße;
755
Und er gab ihr Befehl.« P. »Hör auf, mir werden der Freuden
756
Sonst auf einmal zu viel', und ich unterliege!« J. »Du siehest,
757
Rahel, sie bebt, hör auf!« P. »Ist der Dein Name, Geliebte?
758
Rahel, so heißest Du? Rahel, wie hast Du mein Elend gelindert!
759
Ach, erschienen! genannt bei ihrem Namen Maria,
760
Und mit himmlischer Stimme, die Auserwählte der Wonne!
761
Wer empfindet ihr nach, wie selig er sie gemacht hat!
762
Bringt sie mir her, damit ich zu ihr aus meinem Schmerze
763
Mein ermüdetes Haupt erheb' und sie weinend bewundre,
764
Weinend; denn von der Quelle der Ruh, die über sie strömte,
765
Wird kein Tropfen mich kühlen! Zu Abraham's Volke gehör' ich
766
Heidnische Römerin nicht, viel minder zu jenen Geliebten
767
Unter den Töchtern Jerusalem's, denen der Sieger erscheinet,
768
Siehe, der große Sieger des Todes! Warum belohnt ihn
769
Kein Triumph, kein hoher Triumph, daß Jerusalem halle,
770
Daß der Sion davon und des Tempels Wölbungen beben?
771
Warum tragen sie nicht vor ihm her die Bilder der Väter?
772
Ganz Judäa, auf goldenen Stäben, Abraham's Bildniß,
773
Daniel's, Hiob's und Moses' und Deins, der Jünglinge kühnster,
774
Der zu der Erde den Riesen, von Israel's Nacken das Joch warf?
775
Warum weint ihm nicht nach, wer lahm war und gehet, wer taub war,
776
Höret, blind war und sieht, dem Wunderthäter, wer todt war
777
Und nun lebet, daß nie ein Triumph, wie der seine, gesehn sei,
778
Keiner, der stolz die siegenden Hügel umzog und den Lorber
779
Niederlegt' in dem Capitole, bei Jupiter's Donner?
780
Doch wo verlier' ich mich hin? Sein Reich, das hört' ich ja selber,
781
Ist nicht von dieser Welt.« Entsunken dem schwellenden Wunsche
782
Nach Triumphen, wie jene, die Blutvergießer belohnten,
783
Schwung sie sich auf in erhabnere Höhn und schwieg, voll Betrachtung
784
Eines Reichs der künftigen Welt. Da sie Jemina sahe,
785
Wie sie in diese Betrachtung versank mit des freudigen Ernstes
786
Hellen Geberde, vergaß sie beinah in ihrer Entzückung,
787
Daß sie, Sterbliche noch, bei einer Sterblichen stünde.
788
Denn die Schönheit der Abendröthe glänzt' auf der Wang' ihr.
789
Und ihr Lächeln im Blick. Allein da sich Portia wandte
790
Und sie zu sehen begann, verließ der Schimmer sie, wurde
791
Schnell sie zur Pilgerin wieder und lehnte sich ruhebedürftig
792
Auf den stützenden Stab. Doch ließ die Wonne, aus der sie
793
Hin in Müdigkeit sank, in der hohen Portia Seele
794
Ein Erstaunen zurück, daß sie zu fragen verstummte,
795
Sanftes Erstaunen und Zittern und schnelleres Athmen und Tiefsinn;
796
Und sie schwieg noch immer. J. »Wie freut' ich mich Deiner Betrachtung
797
Ueber das Reich der künftigen Welt, und daß Dir Triumphe
798
Dieser Erde zu klein für den Herrn der Herrlichkeit waren!
799
Du, die traurig nicht mehr, nicht mehr ein Spiel der Verirrung
800
Sein, die sich freuen sollte, daß wir Dir sagen, der Todte
801
Sei erstanden, und Dir vielleicht die Zeuginnen selber
802
Sagen werden, sie hätten den Herrn des Todes gesehen!«
803
Jemina sprach's und sah ihr mit glänzendem Lächeln ins Antlitz.
804
P. »Mir?« so athmete Portia sanft, mit leiserem Laute.
805
J. »Weichet, Zweifel, von ihr! Der Ewigkeiten Beherrscher,
806
Der von dem Anbeginne das Reich der Himmel beseligt,
807
Sei Dein Gott! er, der Dich geschaffen hat, sei Dein Erbarmer!
808
Denn Du brachst mir mein Herz, Jehovah sei Dein Erbarmer!«
809
Thränen stürzeten, daß ihr die Stimm' erstarb, von ihr nieder,
810
Als ihr auf die Stirne die Hand die Unsterbliche legte
811
Und sie segnete. Portia sprach, da die Stimm' ihr zurückkam:
812
»leite mich, wer Du auch bist, der begnadeten Sterblichen eine
813
Oder eine der Himmlischen, die den Menschen erscheinen,
814
Leite, was soll ich thun? o, führe Du mich zu Gott hin!«
815
R. »Hörtest Du, Portia, schon, daß Todte mit Jesus erstanden?«
816
Fragte mit ruhiger Stimme sie Rahel, mit schneller die Heidin:
817
»ach, was sagest Du mir? Erstanden Todte mit Jesus?«
818
R. »Ja, der Ruf beginnt zu erschallen, es hätten mit Jesus
819
Todte das Grab verlassen, und die erschienen den Frommen,
820
Die den Göttlichen liebten.« P. »O, lasset mich meinem Erstaunen
821
Mich entreißen und mich besinnen! Zu viel der Entzückung
822
Schwindelt um mich! Erstanden ist er? erstanden noch Todte?
823
Er erscheinet, und sie? O Tag des Lebens, an dem ich
824
Diese Wunder Gottes erfahre!« R. »Wir wollen Dich leiten,
825
Portia. Suche sie nicht, die Christus sehen! Du findest
826
Doch sie nicht auf. Er wird, wen er Dir senden will, senden,
827
Daß sie Dir zeugen von ihm. In Galiläa erscheint er
828
Außer der Zeugen ersten noch Andern, in Salem nur ihnen.
829
Diese geheiligten Erstlinge werden umher auf der Erde,
830
Was er that und lehrte, verkündigen, werden ihr Zeugniß
831
Freudig mit ihrem Blute bestätigen, dann der Treue
832
Ewigen Lohn empfahn an dem Throne des großen Belohners.
833
Eile nach Galiläa! Wenn Du ihn selber nicht siehest,
834
Wird er Dir doch von Denen, die er begnadete, senden!
835
Und nun müssen wir Dich (sie lächelten Liebe) verlassen.«
836
P. »Ich beschwör' Euch bei Gott, der auch mich begnadete, bleibt noch,
837
Ach, verlaßt mich noch nicht und sagt, o, saget: Wer seid Ihr?
838
Zwar ein Gefühl, wie keins mir noch ward, erfüllt mich mit Ahndung,
839
Hebt mich empor und umgiebt mich mit süßer Vermuthungen Schimmer,
840
Daß Ihr Unsterbliche seid; allein, ach, sagt es mir selber,
841
Daß Ihr es seid, damit auch nicht
842
Welches den werdenden Tag in meiner Seele verdunkle.
843
Gott belohn' Euch dafür mit seines Himmels Gewißheit!«
844
Und sie blickten vor Freude sich an und blieben. »Wir wollen
845
Beten Dich lehren!« und knieten mit ihr an das Grab des Erstandnen.
846
»vater unser im Himmel, Dein Name werde geheiligt!
847
Zu uns komme Dein Reich! In dem Himmel geschehe Dein Wille
848
Und auf der Erde! Verleih uns unsere tägliche Nahrung!
849
Wie dem Schuldiger wir vergeben, vergieb uns die Schulden!
850
Führ uns nicht in Versuchungen, sondern erlös' uns vom Bösen!
851
Denn das Reich ist Dein und die Macht und die Herrlichkeit! Amen.«
852
Als sie endeten und: Dein ist die Herrlichkeit! riefen
853
Und zu dem Himmel erhuben die ausgebreiteten Arme,
854
Hüllten sie schnell in Schimmer sich und entschwebten dem Grabmal
855
Leicht in den Schatten der Bäume dahin. Sie sahen mit Lächeln
856
Oft sich noch um nach Portia, wonnevoll über der Heidin
857
Sprachlosen Freude. Sie blieb in dem Staube knieen und streckte,
858
Unvermögend sich aufzurichten, nach ihnen die Arm' aus.
859
Jemina war, und zuletzt auch Rahel, verschwunden. Vom Auge
860
Portia's rann die Freude nun über die röthere Wange,
861
Und sie erhob sich leicht wie ein Laub, das Athmen der Luft hebt.
862
»vater, das Reich ist Dein und die Macht und die Herrlichkeit! Amen.«
863
Also eilte sie betend hinab zu Jerusalem's Thoren.
864
Eine der schwermuthsvolleren und zu empfindlichen Seelen,
865
Die, des Guten, das sie empfingen, schnelle Vergesser
866
Und Vergrößerer oder auch gar Erschaffer des Elends,
867
Dies nur denken, in dies mit grübelndem Ernst sich vertiefen,
868
Beor hatte sich von den Menschen gesondert und lebte
869
In der Einsamkeit. Wie der Frohgeschäftige gerne
870
Mit dem kommenden Tag aufwacht, so scheucht' er den Schlummer
871
Gern um Mitternacht. An der Hütte fernem Eingang
872
Nährt' er ein Wenig Schimmer, wie Todtenlampen in Gräbern.
873
Jetzo hatt' er gegessen sein Brod, sein Wasser getrunken,
874
Sich zu dem Grübeln gestärkt. »So sinke dahin denn wieder,
875
Wo Du so oft schon warest, hinab, zerrüttete Seele!
876
Muß nicht Elend sein? und müssen's nicht Einige tragen?
877
Ja, es muß, weil es ist! und müßten's die Himmel nicht tragen,
878
Läg's nicht auf uns? Denn da muß es sein, sonst wär's nicht geworden!
879
Aber warum? So oft ich frag', antwortet mir Keiner,
880
Nicht im Himmel und nicht auf der Erde, und so verschwindet
881
Mir der Trost, daß es sein muß! Allein bei dem wankenden Troste
882
Darf mein belastetes Herz doch ringen nach dieser Antwort:
883
Warum sondert es einige Menschen sich aus und faßt sie
884
Eisern an und hebet sie hoch aus dem Strome und trifft sie
885
Mit zermalmendem Arme? mich mit zermalmendem Arme?
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Ward ich nicht blind geboren? und lebt', ein Blinder, so lange?
887
Zwar gab
888
Einige Dämmrung von sich, doch Nacht ist diese geworden –
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Denn er ist todt – entsetzliche Nacht! Was hilft mir des Auges
890
Kurzer Tag, da in Dunklerem wallt, als selber des Todes
891
Thal ist, meine Seele? Des Auges Blindheit, o, kehre
892
Du nur wieder! Ich kann mich nicht mehr des Anblicks der Schöpfung,
893
Nicht des Strahls mehr freuen, der Saron's Blume beseelet
894
Und die Ceder Gottes! Die Abenddämmrung versenkt mich
895
Nicht in Empfindungen mehr, die sanft, wie sie selber ist, waren.
896
Ach, der bin ich geworden, obwol aus dem nächtlichen Grabe
897
Meiner Blindheit erweckt? Ja, der, der bin ich geworden!
898
Denn umnachtet ist mir die noch viel blindere Seele,
899
Als mein Auge sonst war! Denn, ach, Ihr Engel (verdankt es
900
Unserm Geschlechte, daß wir die Unglückseligen wurden),
901
Denn, Ihr Engel, ist Er nicht todt?« Ein ermüdeter Greis trat
902
Zu dem Klager herein. G. »Gieb mir, o Beor, den Becher!
903
Ich bin älter als Du, und duldete größere Leiden.«
904
B. »Größere Leiden als ich? Nur älter bist Du. Da nimm Dir
905
Meinen Becher! Ich kann zu der Quelle leichter mich bücken.«
906
G. »Hast Du auch Speise für mich, den wankenden Alten zu laben?«
907
B. »Nimm den Brosam und iß!« G. »Du bist, deß freu' ich mich, Beor,
908
Gegen Andre nicht hart; nur gegen Dich selber verhärtest
909
Du Dein Herz und willst Dich nicht trösten! Dich ja nicht zu trösten,
910
Forscht Dein Verstand und strebet Dein Herz. Ich kenne Dich, Beor,
911
War zugegen, als Du die Schöpfung das erste Mal sahest.«
912
B. »Wenn Du mich kennest, so kennst Du den schwermuthsvollsten der Menschen!
913
Desto schwermuthsvoller, je mehr die Kraft mir versagt ist,
914
Das in mir zu beherrschen, was mich zu der Traurigkeit hinreißt.
915
Aber wähne nur nicht, daß es mir an des Traurens Ursach
916
Mangle. Den Heitersten stürzt' ein Elend wie meins zu der Erde!
917
War ich nicht blind seit meiner Geburt und lang' und des Lebens
918
Beste Zeit? Bin ich nicht an Einsicht blinder, den großen
919
Göttlichen Mann zu erkennen, der, Wunder zu thun, von Gott kam?
920
Und wird etwa sein Tod zu neuer Erkenntniß mir Licht sein?
921
Kennest Du nun ein Elend, wie meins ist? und müssen nicht fürchten,
922
Immer elend zu sein, Elende von ihrer Geburt an?
923
Ist nicht unablassender Gram des künftigen Bote?
924
Ach, und straft der Gerechte nicht mehr als Anderer Sünden
925
Meine Sünden? Ich fluche dem Tage meiner Geburt nicht;
926
Aber ich wünsche beinah, nicht zu sein!« Hier endete Beor.
927
G. »That er Dir nicht auf einmal, als Du es am Wenigsten hofftest,
928
Seines Allerheiligsten Vorhof, die herrliche Welt, auf?
929
Ihre Fülle der Segen, von seiner Sonne bestrahlet?
930
Freuden hattest Du da, wie der Immersehenden keiner
931
Jemals empfand! Und öffnet' er Dir in die künftige Welt nicht
932
Einen Blick, als er sich den Sohn des Ewigen nannte?
933
War dies, Beor, auch Elend, auch Sündenstrafe? Die Sünde
934
Rügt er an Dir nicht mehr wie an Andern. Die Herrlichkeit Gottes
935
Wollte strahlend an Dir, Du Elendbeseligter, Jesus
936
Offenbaren. Du warst, daß ihr Zeuge Du würdest, erkoren
937
Schon vor Deiner Geburt. So dachte der Ewige Deiner!«
938
Beor rief: »Du verführst mich in neue Tiefen des Grübelns!
939
Laß mich! tief genug ist es da, wo ich liege! mein Abgrund
940
Tief genug! Ha, wärst Du ein Engel Gottes und sprächest,
941
Wie Du sprichst; doch fragt' ich Dich: wie, was Gott im Geheimsten
942
Seiner Verborgenheit thut, Du, obwol ein Unsterblicher, wüßtest?
943
Denn ersinne mir etwas, das weiter aus dem Gesichtskreis
944
Aller Erforschungen liege, das mehr den Herrscher verberge,
945
Als: Elende zu machen, um herrlich durch sie zu werden!
946
Und wie weißt Du, Sterblicher, denn, des Ewigen Rath sei,
947
So zu handeln? Wenn ein Engel mir's sagte, so glaubt' ich's;
948
Aber, er schau' hinab in die ganze Tiefe, das würde
949
Selbst ein Engel umsonst mir sagen.« Der Greis antwortet:
950
»ist denn kein ewiger Lohn, Du Zweifler? und sind denn nicht Stufen
951
Dieses ewigen Lohns, die hinauf in die Himmel der Himmel
952
Steigen? und kann, wen
953
Den denn Gott nicht belohnen? der unerschöpfliche Geber
954
Aller Seligkeit nicht auch Den? Du stehst an dem Meere;
955
Sieh,
956
B. »Du erquickest mein Herz, ehrwürdiger Alter. Doch, wenn auch
957
Gott so handelt, wie darf so hoch ich wähnen, ich sei
958
Der Glückseligen einer, die Gott mit Elend belastet,
959
Sich zu verherrlichen, sie mit ewigem Lohn zu belohnen!«
960
G. »Einer von Diesen bist Du! Das weiß ich. Mit Ueberzeugung
961
Wirst auch Du nun bald es erfahren. Denn Tag in der Seele
962
Wird es Dir, freue Dich, werden! Der Morgenröthe des schönen
963
Lichten Tages, ich sehe schon ihre Schimmer von ferne.
964
Laß, eh er kommt, uns beten, damit er betend Dich finde,
965
Gottes Tag.« Sie sanken hin und knieten in Staube,
966
Hiob vorwärts an Beor; und Beor stammelte weinend:
967
»herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig, bin ich der Erkorne,
968
Elend zu sein, damit Du noch mehr Dich meiner erbarmest,
969
So erheb' ich mit Danke mein Haupt, mit Danke gen Himmel,
970
Daß Du dem Auge Blindheit und Nacht der Seele voll Schwermuth,
971
Dieses, Erbarmender, gabst, mit ewigem Danke! Denn ewig
972
Soll mein Jubel erschallen, daß Gott, Gott so sich erbarmt hat!
973
Hüter des Menschen, ist sie nun bald vorüber, der Seele
974
Nacht? O Hoffnung, Du neue, Du himmelerhebende Hoffnung,
975
Dich empfang' ich vom Herrn! Gepriesen, Vater, gepriesen
976
Sei Dein herrlicher Name, des Gnadevollen Erbarmung,
977
Diese Mutter des hilflosen Kindes! Und wenn sich des Sohnes
978
Auch das Weib nicht erbarmte, so wird doch Gott sich erbarmen!
979
Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig, gepriesen auf ewig
980
Sei Dein herrlicher Name, daß Du mir von der Geburt an
981
Blind zu sein gebotest, daß Du mir Leiden die Fülle
982
Gabest und Thränen und Deinen göttlichen Boten, das Elend,
983
Mich zu lehren, mir sandtest, mir Zweifel und Schwermuth der Seele
984
Sandtest, damit ich, wie sehr ich Deiner Hilfe bedürfe,
985
Tief in das Leben hinein, in meinem Innersten fühlte!
986
Aber soll ich nicht Dir auch danken, Gesendeter Gottes,
987
Helfer in Juda? Allein (hier wurde die Stimm' ihm schwächer)
988
Er ist todt!« »Er lebt,« rief mit gewendetem Haupte
989
Und mit strahlendem Angesicht Hiob, »er lebt!« und mit Eile
990
Stand er auf und war ganz Herrlichkeit jenes Lebens.
991
»sieh, er ist nicht todt mehr, er lebt, und einer der Zeugen,
992
Daß er lebe, bin ich, den er von dem Tode geweckt hat,
993
Hiob. Ich litt – das glaubst Du doch nun? – viel größere Leiden,
994
Als Du littest; allein wie hat er auch mein sich erbarmet!«
995
Beor wollte die Hände gen Himmel falten, vermocht's nicht.
996
Wie sie Moses am Tage der Schlacht die Hände gen Himmel
997
Hielten – gesunken brachten sie Tod, und Leben erhoben –
998
Als hielt sie ihm Hiob empor. Jetzt schied er mit Wonne
999
Von dem Erstaunenden, welcher ihn blaß und sprachlos ansah.
1000
H. »Siehe, der Todte, der ewig lebt und bald nun hinaufsteigt
1001
In die Höhe der Höhn« (er wies mit der glänzenden Rechte
1002
Feirlich gen Himmel), »er selbst hat es über Dich ausgesprochen:
1003
Nicht der Blinde, noch die ihn gebar, noch Der, so ihn zeugte,
1004
Haben gesündigt! Er ist ein Zeuge der Herrlichkeit Gottes!«
1005
Also verließ er Beor, der kaum den Abschied aushielt.
1006
Abraham schweben und Moses am hohen Tempelgewölbe,
1007
Schaun auf des Festes Feirer hinab und forschen betrachtend,
1008
Einen darunter zu finden, der ihrer Erscheinungen werth sei;
1009
Aber sie suchen lang' vergebens. Endlich erblicken
1010
Sie an einem der palmenbewundenen Pfeiler voll Ernstes
1011
Einen Jüngling und voll der tiefanbetenden Andacht.
1012
Feuer strömt' ihm herab aus jedem Blicke, geheiligt
1013
Dem, deß großen Namen die hohe Posaune jetzt hallte,
1014
Sie der Schlacht, des Triumphs und der Halleluja Gefährtin.
1015
Milder wurde sein Blick und von werdenden Thränen beschimmert,
1016
Als ihr Donner schwieg, und nun mit sanftem Gelispel
1017
Korah's Gidith erklang und die Harfe, David's Gespielin,
1018
Und die Stimme des Menschen, vor allen Saiten und Erzten
1019
Unerschöpflich, die mächtigste Herrscherin über die Herzen.
1020
Also scholl es hinauf in den himmelsteigenden Tempel:
1021
»auf den heiligen Bergen ist sie, die Feste, gegründet!
1022
Sion's Thore, viel mehr als alle Wohnungen Jakob
1023
Liebt sie der Herr! In Dir, Du Stadt des Allmächtigen, werden
1024
Herrliche Dinge verkündet, verkündet herrliche Dinge!«
1025
Mit anhaltender Andacht Ernst erhoben zum Geber
1026
Aller Gaben, zu Dem, der ewig lebet und herrschet,
1027
Knieete Saulus. Und aus der großen gedrängten Versammlung
1028
Koren ihn Moses sich aus und Abraham, ihm zu erscheinen.
1029
Als der Jubel schwieg, und des Festes Feirer zerströmten,
1030
Schwebten sie, ihn zu begleiten, ihm nach. Mit Eile, die strahlte,
1031
Kam, da sie folgten, herab von des Tabor wolkigen Höhe
1032
Gabriel ihnen entgegen, und schnell erflog er ihr Schweben.
1033
G. »Väter, erscheinet ihm nicht; der Herr will ihm selber erscheinen!«
1034
M. »Bote Gottes, wer ist der erhabne Sterbliche, dem wir
1035
Nicht erscheinen dürfen, dem Jesus selber erscheinet?«
1036
G. »Dort erblickt Ihr Damaskon. Er eilt in diesen Gefilden,
1037
Dein entflammter Verfolger, Gemeine Gottes. Er wüthet,
1038
Sammelt Schaaren um sich. Die wüthen, wie er, und morden.
1039
Aber plötzlich umstrahlt ihn ein Licht von dem Himmel, zur Erde
1040
Fällt er nieder und hört in der hohen Wolke die Stimme:
1041
Saulus, was verfolgst Du mich, Saulus? Da ruft er gen Himmel:
1042
Herr, wer bist Du? und ihm antwortet die schreckliche Stimme:
1043
Ich bin Jesus, den Du verfolgst! Schwer wird Dir es werden,
1044
Wider den Stachel zu lecken! Er ruft mit Zittern und Zagen:
1045
Herr, was gebietest Du, was soll ich thun? Der Wecker vom Himmel,
1046
Jesus, der Thronende zu der Rechte des ewigen Vaters,
1047
Giebt ihm Befehl. Den thut er, obgleich geschlagen von Blindheit.
1048
Sieh, es leiten ihn seine Gefährten, die neben ihm zagen,
1049
Nach Damaskon zum Seher. Ein auserwähltes Rüstzeug
1050
Ist er dem Herrn. Verkündigen soll er des Göttlichen Namen
1051
Vor den Heiden und ihren Beherrschern und Israel's Söhnen.
1052
Zeigen will ihm der Herr, wie viel er um seinetwillen
1053
Leiden soll. Er empfäht den heiligen Geist, und die Blindheit
1054
Läßt ihn. Er wird getauft und predigt des Göttlichen Namen:
1055
Daß Der sei des Ewigen Sohn, der todte Messias,
1056
Der erstandne, verherrlichte, himmelerhobne Messias!«
1057
Gabriel schwieg, und Abraham rief mit gefalteten Händen:
1058
»daß Du bist der Vollender vom Anbeginne der Welten,
1059
Daß sich beugen sollen in Deinem Namen die Kniee
1060
Aller im Himmel und auf der Erd' und unter der Erde,
1061
Aller Zunge bekennen, des Ersten am ewigen Throne
1062
Und des Letzten am Grabe: Du seist zu der Ehre des Vaters
1063
Herr, Du Eingeborner zur Herrlichkeit, Halleluja!«
1064
Und sie schwiegen lang' vor inniger Wonne. Zuletzt sprach
1065
Moses und weihete so den ernsten Jüngling: »Die Liebe
1066
Christus' dringe Dich und der Brüder! Sei denn gerüstet,
1067
Niederzustürzen die Höhn, die gegen den Herrn sich erheben!
1068
Lehr ihn, Redner wie Menschen, und lehr ihn, Redner wie Engel;
1069
Aber habe die Liebe zugleich, die Liebe zu Christus,
1070
Die den Geliebten der engen, der dunkeln Wissenschaft vorzieht,
1071
Und der Brüder Liebe, die freundliche, duldende, sanfte,
1072
Die nicht eifert, nicht spottet, von keinem Stolze sich aufbläht,
1073
Die kein Zorn entstellt, die nicht das Ihrige suchet!
1074
Nie zu erbittern, trachtet sie nie, dem Bruder zu schaden;
1075
Ungerechtigkeit freuet sie nicht, sie freuet die Wahrheit;
1076
Alles glaubet sie, trägt sie und hoffet Alles und duldet
1077
Alles, ist nie zu ermüden, sie dauert ins ewige Leben!
1078
Diese Liebe sei Dein, Du Jüngstgeborner der Gnade
1079
Unter den heiligen Boten, dem Jesus selber erscheinet;
1080
Denn Die, welche Du liebst, sind Glieder der hohen Gemeine,
1081
Und ohne Flecken und Tadel ist die hohe Gemeine,
1082
Ist des Bräutigams Braut und in seinem Blute gewaschen,
1083
Jenem, das lauter ruft als Abel's, und nicht um Rache,
1084
Heil Euch! und lauter, als rief von dem Berge des Schreckengeheges,
1085
Sina, der Donner, der Cherubim Schaar, die Posaun', und um Fluch nicht.«
1086
Hinter Stephanus ging, von dieser Weihe begleitet,
1087
Saulus hinab. Die Heiligen schwebten nach Tabor hinüber.
1088
Simeon's Bruder, Elkanan, mit ihm sein kindlicher Leiter,
1089
Waren zu Samma hinein den traurigen Abend gegangen,
1090
Da sie das alternde Grab voll stilles Mooses verließen.
1091
Samma hielt sie bei sich süßüberredend, ein heitrer
1092
Freundlicher Wirth, obwol viel Schmerz die Seel' ihm bewölkte,
1093
Jetzt der neue: todt sei Christus, und seines Erwachens
1094
Ruf bezeuge noch Keiner! Das klagt' auch Elkanan und Boa,
1095
Joel, mit Dir. Sie sandten umher, und sie konnten die Jünger
1096
Dessen, der leben sollte, nicht finden. Sie saßen in Joel's
1097
Duftenden Laube, die ihm in dem Garten sein Vater gegeben.
1098
Nur der wandelnde Mond war, wie sie glaubten, der Hörer
1099
Ihrer Klagen; allein auf einer silbernen Wolke,
1100
Die ihn leise bedeckt, versammeln sich andere Hörer,
1101
Andere Zeugen, wenn ihr Gespräch in Schmerze verstummet,
1102
Simeon und Benoni und Du, vollendete Fromme,
1103
Lazarus' Schwester, Maria. B. »Nun kann ich mich länger nicht halten,
1104
Muß mich meinem Vater, mich meinem Bruder entdecken!
1105
Sag es, Simeon, selbst: Sind, ach, nicht genug des Jammers
1106
Thränen geweint, genug der bitteren Kelche getrunken
1107
Ihrer Leiden? Ist nicht an der Laufbahn Ziele die Prüfung?
1108
Wollen wir ihnen die Krone nicht bringen?« S. »Wir wollen, Benoni.
1109
Folg unsichtbar uns nach und geneuß der Wonne, Maria,
1110
Ihre Freuden zu sehn. Und Du, Benoni, enthülle
1111
Dich in der Fern' mit milderem Glanze, daß sie der Erscheinung
1112
Nicht erliegen.« Sie schwebten hinab. J. »Bei meines Benoni's
1113
Grabe war ich, bei Simeon's Du; ach, wären wir Armen
1114
Auch bei dem Grabe des Herrn gewesen, so hätten wir ihn dort
1115
Auferstehn vielleicht, ist er auferstanden, gesehen,
1116
Hätten ... O Gott der Götter, was schimmert dort in der Ferne?«
1117
Samma sank, rief: »Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig!
1118
Sieh, ein Bote des Himmels!« E. »Was sahest Du, Knabe? was sahst Du,
1119
Samma? Führet mich hin, daß ich der Erscheinung begegne,
1120
Mit ihr rede!« J. »Wir beben, Elkanan, können nicht führen!«
1121
E. »Führet mich! Boa, was siehest Du? führe Du mich!« Der Knabe
1122
Hielt sich erstarrt an die Laube. »So redet denn, saget: Was seht Ihr?«
1123
J. »Eine leuchtende Jünglingsgestalt, die unter Benoni's
1124
Bäumen wandelt und gegen uns lächelt.« E. »Erscheinung, Erscheinung,«
1125
Rief Elkanan, »wer bist Du?« Melodisch erscholl's in der Laube:
1126
B. »Einer Seligkeit Bote, die größer, als Ihr vermuthet,
1127
Viel entzückender ist.« J. »Ach, wessen Stimm' ist die Stimme?«
1128
Rufte Joel, »und weß Antlitz des Nahenden Antlitz?
1129
Gott der Götter, Benoni!« Er sank. Schon hielt ihn Benoni's
1130
Helfender Arm und richtet' ihn auf. B. »Mein Bruder!« Benoni
1131
Rief's in der Wonne. J. »Mein himmlischer Bruder!« stammelte Joel.
1132
B. »Samma, mein Vater!« und sank ihm ans Herz und erhielt ihm das Leben,
1133
Daß der Greis in der stürmischen unnennbaren Empfindung
1134
Nicht entschlummerte, nicht in der thränenlosen Entzückung
1135
In die Nacht des Todes sein Aug' hinstarrte. Nun leitet
1136
Er den verstummenden Alten zu einem moosigen Sitze.
1137
»bring Elkanan zu mir,« so sprach er zu Boa, »damit er
1138
Näher mich höre.« E. »Nun wall' ich hinab mit Ruh zu dem Grabe,«
1139
Sprach Elkanan; »denn ob Dich mein Auge gleich nicht gesehn hat,
1140
Hat Dich mein Ohr doch gehört, Unsterblicher! Rede denn, lehr uns,
1141
Bote von Gott!« B. »Euch wird ein Größerer lehren, sobald Ihr
1142
Ruhiger seid und zu tragen vermögt des Erscheinenden Ankunft!«
1143
Joel hatt', indeß da er redete, still sich genähert,
1144
Blumen geküßt und sie in des Bruders Tritte gestreuet.
1145
B. »Sagt, vermögt Ihr's« (er sah mit dankenden Blicken auf Joel),
1146
»haltet Ihr's aus, daß Simeon komme?« E. »Simeon's Seele,«
1147
Rief Elkanan, »schwebet um mich? ach, laß sie erscheinen,
1148
Bote der Wonne! Seid stark, Du Samma, Joel Du, Boa,
1149
Hindert sie nicht! Schon hört Dir mein Ohr, mein Bruder, entgegen.
1150
Simeon, Simeon, komm! Mein Auge wird Dich nicht sehen,
1151
Theurer Bruder; allein nicht lang', und ich werde Dich sehen,
1152
Wenn die Nacht des finsteren Thals zu dem Lichte mich aufweckt.«
1153
Simeon kam in des Mondes Schimmer, mit himmlischem Glanze
1154
Ueberkleidet, einhergegangen. Mit sanfterem Schrecken
1155
Als Benoni's unangekündetes Schimmern erblickten
1156
Sie die Strahlengestalt, allein mit größerem Staunen.
1157
Also floß von der Lippe des hohen Engels die Stimme:
1158
»jesus Christus ist auferstanden! Viele der Frommen
1159
Haben auf seiner Allmacht Wink die Gräber verlassen!
1160
Er erscheint, und wir erscheinen. Ihn sehn nur die Zeugen,
1161
Die er zu lehren beruft und Wunder zu thun und zu bluten.
1162
Derer warten im Himmel der Erstlinge Kronen und Palmen
1163
Und ein Thron im Gericht. Doch eh der Versöhner zu Gott geht,
1164
Eh mit Jauchzen und heller Posaun' er gen Himmel emporsteigt,
1165
Werden auf einmal ihn noch fünfhundert Glaubende sehen.
1166
Jesus segn' Euch und nenne mit dieser Begnadeten Namen
1167
Eure Namen! Ja, segne sie, Herr, mit dieser Erbarmung!«
1168
E. »Simeon, auferstanden bist Du vor dem Tage der Tage?
1169
Ach, wie dürstet mein Herz, Dich zu sehn! Doch ich würde ja Jesus
1170
Selber nicht sehen! Nie hat mich schwerer die Blindheit belastet!
1171
Schmerz, verstumme Du! Die Stunde, da Simeon mich sieht,
1172
Ich ihn reden höre, soll keine Klage bewölken,
1173
Da er von Jesus mit mir und seiner Herrlichkeit redet.
1174
Ach, Fünfhundert auf einmal! Wenn ich zu ihnen gehörte,
1175
Würd' ich dennoch mich freun! sie würden Entzückungen reden!
1176
Darfst Du von Eurem Himmel und seinen Geheimnissen sprechen,
1177
Simeon?« S. »Nicht zu Bewohnern des Staubs! So hat es geordnet,
1178
Der auf Stufen erhöht und nach der Prüfung belohnet,
1179
Der die Welten gesondert von Welten und doch sie vereint hat,
1180
Der in seinem unendlichen Plan der Seligkeit Aller,
1181
Alle Grenzen und Arten der Seligkeiten vereint hat!
1182
Gegen Dich, lichtheller Entwurf des Glückes der Geister,
1183
Ist die sinnliche Schöpfung nur Schatten. Er bauet auf Elend
1184
Freuden empor, die Keiner der Immerglücklichen kennet.
1185
Lernet noch dies: Nichts Größeres haben die Ewigkeiten,
1186
Nichts, das unerforschlicher und unempfindbarer wäre,
1187
Als daß eine der Höhn der Erhebung des Gottversöhners
1188
Auf der Erniedrigung steht! Der ernste Gedanke vertieft Euch.
1189
Sinnt ihm zu eifrig nicht nach! Er ist selbst Engeln Erstaunen.
1190
Kennet Eure Seligkeit ganz, die hier schon Euch Gott gab!
1191
Nicht nur wir sind um Euch; die schöne Seele Maria's,
1192
Lazarus' Schwester ist auch an dieser heiligen Hütte.
1193
Siehe, sie freuet sich Eurer Freuden!« Da riefen sie Alle:
1194
»lazarus' Schwester ist todt?« »Und freuet sich unserer Freuden!«
1195
Rief der glückliche Samma. »Wir freun der Deinen uns, Mirjam!
1196
Ach, wie trocknest Du die Thräne mir, Vater des Schicksals!
1197
Meinen Benoni sendest Du mir und Elkanan den Bruder!«
1198
»und auch Joel den Bruder!« so sprach der zärtliche Joel.
1199
S. »Gott, wie endetest Du mein Schicksal! Wie konnt' ich es wagen,
1200
Das zu hoffen, als meine verfinsternde Schwermuth, dies Elend
1201
Ueber alles Elend, begann, ich mir mein noch bewußt war
1202
Und nur Nächt' erblickt' um mich her, Labyrinth und Abgrund,
1203
Nichts im Künftigen sah als schwarze Schrecken! Nun wich mir
1204
Meine Vernunft. Ich zermalmte Dich, Sohn, an dem blutigen Felsen;
1205
Ach, zu durchweinen, so dacht' ich bis heut, mein übriges Leben!
1206
Und dies Alles endiget sich mit der Wonne der Himmel,
1207
Mit dem süßesten Wiedersehn, das jemals erlebt ward!
1208
Sohn, Benoni, mein Sohn, an dem blutigen Felsen zerschmettert,
1209
Wie hat Der Dich begnadet, der mein durch Dich sich erbarmt hat!
1210
Sieh, ich weiß es, Du gehest von mir; doch es soll mir kein Abschied
1211
Sein, wenn Du gehest! Ich werde vor mir Dich immer erblicken,
1212
Wie Du, ein Erbe des Himmels, in Deiner Herrlichkeit dastandst!
1213
Kaum, daß es Wiedersehen genannt darf werden, wenn drüben
1214
Ueber den Gräbern ich Dich in Deiner Herrlichkeit sehe.
1215
Eins noch bitt' ich Dich: Gieb mir Deinen Segen, Benoni,
1216
Eh Du Dich wendest!« B. »Ich Dich segnen? der Sohn den Vater?
1217
Und Dein jüngster?« S. »Mein Erstling nun, und älter, als ich bin,
1218
Alt an den Tagen der Ewigkeit! Sie ist wirkliches Leben!
1219
Dieses Leben ist Schlaf, aus dem ein letzter uns aufweckt.«
1220
Da erhub Benoni die festgefalteten Hände,
1221
Ward, indem er redete, strahlenvoller und sagte:
1222
»bald denn komme Dein letzter, und sanft, wie Simeon's Tod kam,
1223
Theurer Vater!« So segnet' er ihn. Jetzt redete Joel.
1224
»ach, ich bäte Dich auch um Deinen Segen; allein ich
1225
Fürchte, Benoni, daß Du mit langem Leben mich segnest.«
1226
B. »Jüngling, Du fürchtest größeren Lohn! Je tiefer des Guten
1227
Leben hier wurzelt, je höher wächst sein Wipfel im Himmel,
1228
Und je ausgebreiteter schatten die volleren Zweige.
1229
Soll ich Dich nun, mein Bruder, mein Joel, segnen?« Da kniete
1230
Joel nieder vor ihm. Benoni legte die Hand ihm
1231
Auf die glühende Stirn. »Nimm hin den Segen der Segen
1232
Und das ewige Leben: Der Gott, der Jesus erweckt hat,
1233
Führe zu Jesus Dich!« Sie verschwanden der Betenden Auge.
1234
Schnell rief Boa: »Sie sind verschwunden, Elkanan!« Und Joel
1235
Richtet sich auf und sagt mit dem leisen Laute der Freude:
1236
»wenn Du hier noch verweilst, Du schöne Seele Maria's,
1237
O, so bringe Du ihnen von uns den stärksten, den frohsten,
1238
Feurigsten Dank, daß sie uns der Erscheinung gewürdiget haben,
1239
Ihrer Gespräche von Gott und ihrer himmlischen Segen!«
1240
Also sagte der Jüngling und sank in die Arme des Vaters.
1241
Christus' Mutter saß auf dem hohen Söller. Die Sonne
1242
War gesunken; der Abendstern entstrahlte dem Himmel.
1243
Neben ihr ruhte die Tempelharfe. Sie sahe, das daucht' ihr,
1244
Ueber den Bach der Pilgerinnen eine, nicht gehen,
1245
Sahe sie schweben und werden, indem sie herüberschwebte,
1246
Himmelsgestalt. Also wird That ein großer Gedanke.
1247
Und schon stand die lichte Gestalt bei ihr auf dem Söller.
1248
Christus' Mutter staunte nicht mehr. Es war ein Erstandner
1249
Oder ein Engel. Sie hatte gesehn erstanden vom Tode
1250
Ihren Sohn. E. »Ich verhülle vor Dir mich, Mutter des Herrn, nicht.
1251
Warum sollt' ich? Du strahlest mit mir nun bald an dem Throne.
1252
Mirjam, auch ich bin Mutter!« M. »Vielleicht des gehorsamen Opfrers
1253
Oder Deß, der das Grab nicht kannte, des himmlischen Henoch's?«
1254
E. »Abraham's auch und Henoch's! Ich bin, o die Du der Unschuld
1255
Wiederbringer gebarst, ich bin die Mutter der Menschen!«
1256
M. »Dich, Dich seh' ich, o Wonne des offenen Himmels! die Mutter
1257
Abel's seh' ich!« E. »Auch Kain's. Ich bin herübergekommen,
1258
Daß ich mit Dir den Sohn, den Mann Jehovah, o Mirjam,
1259
Preise mit Dir. Wolan, laß unsere Harfen beginnen!«
1260
M. »Ich mit Dir, der Unsterblichen? ich mit der Mutter der Menschen,
1261
Die ich sterblich noch bin? Allein wir singen dem Mittler!
1262
Eva, beginn und lehre mich dem Erhabenen singen!«
1263
E. »Zweimal ward ich geschaffen; er rufte mich zweimal ins Leben,
1264
Den Du, Mirjam, gebarst! O Mutter, er wurde geboren,
1265
Der Dich schuf und mich, der alle Himmel gemacht hat!«
1266
M. »Der die Sonne, den Mond, der alle Sterne gemacht hat!
1267
Der Dich schuf und mich, er wurd', o Eva, geboren!
1268
Hast Du den hohen Gesang der Engel Gottes vernommen,
1269
Die ihm sangen, als er geboren ward in der Hütte?«
1270
E. »Da nach Sion zurück des Preisgesanges Triumph kam,
1271
Bebten vor seinem Donner die Wipfel der Lebensbäume,
1272
Sanken, wo er tönte, die Himmlischen vor dem Gebornen!«
1273
M. »Und er weint' in Bethlehem's Krippe. Doch hatten schon Engel,
1274
Eh er weinte, den Namen des Wiederbringers genennet!
1275
Jesus! hatte die Ceder, die Palme Jesus! gehöret,
1276
Jesus! Tabor, Jesus! gehört, ach, Golgatha Jesus!«
1277
E. »Nennen hörte den Gottesgesalbten der Thron, von dem er
1278
Niederstieg, der Unsterblichen Heer den Gottesgesalbten!«
1279
M. »Hast Du ihn sterben gesehn?« E. »Ich hab' ihn sterben gesehen!«
1280
M. »Hast Du die blutige Krone der Schmach um die Schläfe des Mittlers
1281
Triefen, o Mutter Abel's, gesehn?« E. »Ich sahe die Krone
1282
Um sein Haupt und sah wie in Dämmrung erlöschen der Engel
1283
Antlitz, in trübere Derer Antlitz, die er versöhnte!«
1284
M. »Hast Du die Todesstimme des Gottversöhners vernommen?
1285
Jene, da Christus rief: Es ist vollendet! und jene:
1286
Vater, in Deine Hände befehl' ich meine Seele!«
1287
E. »Ach, ich habe vernommen die Worte des ewigen Lebens,
1288
Habe wie Psalme gehört der Harfenspieler wie Chöre,
1289
Als ob sie an dem Throne dem Hocherhabenen sängen,
1290
Da er sein Haupt emporhub, rief: Es ist vollendet!
1291
Da sein Auge schaute mit Gottesblicken gen Himmel:
1292
Vater, in Deine Hände befehl' ich meine Seele!«
1293
M. »Und doch litt ich, die Sterbliche, wie die Mutter Abel's
1294
Niemals litt. Allein Preis sei dem Sohne, des Leidens
1295
Geber; denn, ach, wie erhöhet mir nun die nächtliche Stunde,
1296
Siehe, die Stunde der Angst, die Stunde des Schwerts in der Seele
1297
Meine Wonne!« E. »Ich habe wie Du nicht gelitten, ob Abel
1298
Gleich zu der Erde gestürzt ich liegen sahe, der Todten
1299
Ersten und meinen Sohn! die Stirn' ihm zerschmettert, des Fluches
1300
Frühes Opfer, in Blut, und meinen Sohn! Es vergingen
1301
Erd' und Himmel um mich: so schreckte der Todte die Mutter.«
1302
M. »Arm des Allmächtigen, Du, ja, Du nur hieltest mich, Gottes
1303
Arm, da hinaus in die Nacht vom Gerichtsaltare der Sohn rief:
1304
Mein Gott, mein Gott! warum hast Du mich verlassen?«
1305
E. »Mutter Christus', ich hört's den Geopferten rufen. Ich sah Dich
1306
Nun nicht mehr.« M. »Heil Dir, o der Menschen Mutter, Du warest
1307
Da bei dem Kreuz, da das tiefe Geheimniß Christus zu Gott rief!
1308
Selig bin ich! Ich habe den Mittler Gottes geboren.
1309
Selig auch Du! Du bist die Mutter seiner Versöhnten.«
1310
E. »Selig bin ich! Aus Adam's Gebein erschuf mich der Schöpfer
1311
In dem Paradiese; mich schuf aus Verwesungsstaube
1312
Tief im zertrümmerten Paradiese der Todtenerwecker.
1313
Heil mir, die Mutter bin ich der Gottversöhnten, bin, Mirjam,
1314
Deine Mutter.« M. »O Du, die Eden zweimal geboren,
1315
Tochter der Schöpfung (ihr Leben verging) und der Auferstehung
1316
Tochter zum ewigen Leben, ach, Eva, er stammet von Dir auch,
1317
Der von Ewigkeit ist, und den die sterbliche Mirjam
1318
In der Hütte gebar! O Du der Gebärerin Mutter,
1319
Himmelsfreuden sind die Freuden, die über mich kommen,
1320
Und die dennoch, wie tief sie auch oft in dieser Begeistrung
1321
Strömen versinkt, zu empfinden vermag die sterbliche Mirjam.
1322
Segne zum ewigen Leben, ich bin die Erlöste des Bundes,
1323
Eva, segne die Himmelserbin zum ewigen Leben!«
1324
E. »Zwar bist Du noch sterblich, und ich unsterblich; doch kann ich
1325
Dich nicht segnen! Es hat Dich schon der Stifter des Bundes,
1326
Siehe, das Todesopfer auf Golgatha's blutigem Altar,
1327
Seine Mutter, zum ewigen Heil, der Vollender gesegnet!«
1328
M. »Eh am Throne mein Lied von dem Segen des Liebenden ausströmt,
1329
Werd' ich noch einmal ihn sehen hier in der Gräber Gefilden!
1330
Gabriel stand und strahlt' und verhieß, wir sollten noch einmal
1331
Christus sehn. O, singe mir, Abraham's Mutter und meine,
1332
Von der Auferstehung des Sohns, da am hohen Kreuze
1333
Nun nicht mehr in die Nacht sein Haupt sich senkte, die Augen
1334
Ihm nicht mehr verloschen, nicht mehr die Krone von Blute
1335
Ueber sein Antlitz troff, da den Donnergang der Entscheidung
1336
Gott ging.« E. »Also erscholl's: Es werde Licht! und das Licht ward.
1337
Also erstand er. Die Harfe sank, und die Palme sank uns,
1338
Jubel ruften wir aus. So singen die Lieder am Thron nicht;
1339
Meere rauschen, wie wir das Halleluja dem Mittler
1340
Gottes ruften. Doch schnell ward Alles staunende Stille.
1341
Himmel und Erde schwiegen, und wir, bis endlich Triumphe
1342
Märtyrer sangen, bis endlich zum Mittler Adam herabkam,
1343
Laut ausrief: Ich schwöre bei Dir, der ewig lebet,
1344
Daß nun Tod nicht länger der Tod ist, und daß an dem Tage
1345
Deiner großen Vollendung sie All' erwachen, die schlafen!«
1346
M. »Ach, sein Wonnausruf durchdringet die Mitgenossin
1347
Seines Erbes. Bestreuet mein Grab mit den Blumen der Ernte!
1348
Saat, Dich säte der Herr! Ich hör', ich höre das Rauschen
1349
Deiner Aehren, ich hör' in dem Himmel das Rufen der Ernter!«
1350
E. »Lege bald zu des Todes Schlaf, o Mirjam, Dich nieder,
1351
Daß ich die Mutter des Herrn in dem Thale des Friedens empfange.«
1352
M. »Daß wir singen dort in dem Thale des Friedens dem Sohne,
1353
Wenn er nun an dem Thron die Thränen trocknet der Christen
1354
Und zu verstummen gebeut der sanften Klage der Wehmuth.
1355
Siehe, der trug die Sünde der Welt, ist die Liebe, der Adam's
1356
Lasten nahm und hinauf nach Golgatha ging, ist die Liebe,
1357
Der die Liebe, der, nicht gekennet, ach, ungeliebet,
1358
Sich, da schwiegen die Himmel der Himmel, erkor, sich hingab
1359
Diesem schrecklichen Tode zum Opfer!« E. »Zum Opfer, zum Opfer
1360
Für die Sünde, da selbst Erzengel verstummten, die Hölle
1361
Laut anklagt', und zu wandeln den eisernen Tritt das Gericht hub!«
1362
Also sang sie und wendete sich. Ihr sahe Maria
1363
Lange nach, da gen Tabor in Himmelsglanze sie schwebte.
1364
Jetzt begannen zurückzukehren der Heiligen Schaaren
1365
Nach der Verklärung Gebirge, dort mit einander der Freuden
1366
Sich zu freun, die erscheinend den Auserkornen sie gaben.
1367
Und sie strahlten herauf von Jerusalem, Viele der Wonne
1368
Voll, die sie hatten gegeben, und Viele der künftigen Wonne,
1369
Die, noch verborgen im bruderliebenden Herzen, itzt keimte,
1370
Trieb, arbeitet' und wuchs, zu der Ruhe Schatten zu werden
1371
Ueber der Wanderer Haupt in dem heißen Pfade des Elends.
1372
Wie ein Stern und noch einer und wieder einer hervorgeht
1373
Aus der grenzlosen Tiefe der schauererfüllenden Schöpfung,
1374
Wenn der kommenden Nacht die Abenddämmerung weichet:
1375
Also versammelten sich die Erscheinenden Gottes auf Tabor;
1376
Wenige Spätere nur empfing noch der heilige Berg nicht.
1377
Cidli, die Tochter Jairus', saß vor der Laube des Söllers
1378
In dem Schimmer der Morgenröthe. Sie sah den Geliebten,
1379
Seit er zu seinem Grabe von ihr in der Traurigkeit eilte,
1380
Ihren Semida nicht. »O Liebe voll Unschuld, ich darf Dich,
1381
Meine Liebe, so nennen, wenn wirst Du mich endlich verlassen,
1382
Wenn wegrufen den Schmerz, der Alles in trübe Bilder,
1383
Alles in Thränen um mich verwandelt? Gehör' ich der Erde
1384
Viel zu wenig, ihr sterbliche Söhne zu geben; erstand ich,
1385
Gott mich auf diese Weise zu widmen: was weilest Du, Liebe,
1386
Zwar mir bitterer Schmerz, doch Liebe voll Unschuld, was weilst Du
1387
Unnachlassend in mir? Doch wenn Dein Weilen mir zeigte,
1388
Daß ich, also dem Herrn mich zu widmen, vom Tode nicht aufstand?
1389
Ach, wer führt mich heraus aus dieser Tiefe des Schmerzes,
1390
Dieser Irre des Grübelns heraus? Zwar bin ich erstanden;
1391
Aber sterblich bin ich. Ich leb', und ich leide wie Andre,
1392
Leide viel mehr wie Andre, die so voll Unschuld nicht lieben.
1393
Wär' ich nur sterblicher auch! Du Klage, warest zu heftig.
1394
Sterblicher will ich nicht sein!« Sie erhebt sich und trocknet mit Eile
1395
Ihre Wange. Da stieg der Pilgerinnen des Festes
1396
Eine den Söller herauf, von der Mutter Cidli's begleitet.
1397
P. »Lange wallt' ich umher, Jairus' Tochter zu sehen;
1398
Endlich find' ich Dich auf. Du hast von Deines Erweckers
1399
Hohem Triumph doch gehört?« E. »Ich habe von meines Erweckers
1400
Hohem Triumphe gehört; doch seiner Herrlichkeit Zeugen
1401
Hab' ich noch nicht gesehn. Maria, Lazarus' Schwester, –
1402
Denn ihn kennst Du wol auch, da Du mich zu suchen umherwallst –
1403
Ist entschlafen, und ob die Mutter des Göttlichen lebe,
1404
Weiß ich auch nicht.« P. »Sie lebt und hat den Erstandnen gesehen.«
1405
C. »Hat ein Engel Dich mir, o Pilgerin, zugesendet,
1406
Daß Du mir diese Botschaft von Jesus' Herrlichkeit brächtest
1407
Und den Freuden der Mutter?« P. »Ich suchte der Auferstandnen
1408
Eine, von Denen eine, die Jesus' Herrlichkeit zeugten,
1409
Als er noch in der Niedrigkeit war. Vernahmest Du, Cidli,
1410
Nichts von den neuen Zeugen und Zeuginnen nun, da er herrschet
1411
Mächtiger über den Tod, als da er den Bruder Maria's
1412
Und den Vaterlosen aus Nain und Dich erweckte?
1413
Kam der Ruf nicht zu Dir: viel' Heilige wären erstanden,
1414
Als er am Kreuz entschlief, und die erschienen den Frommen,
1415
Die ihn liebten?« C. »Ich lieb' ihn, ich lieb' ihn, o Pilgerin, rede!
1416
Ist der Ruf denn gewiß?« P. »Nicht lange, so wird es sich zeigen.
1417
Viel' erzählen, daß sich die auferstandnen Gerechten
1418
Auf der Verklärung Gebirg versammeln. Auf Tabor zu steigen,
1419
Ist daher mein Entschluß. Doch in einer Erstandnen Begleitung
1420
Wallet' ich lieber dahin, als allein zu den neuen Erstandnen.«
1421
C. »Pilgerin, zwar bin ich auferweckt von dem Tode, doch bin ich
1422
Sterblich wie Du. Die Erstandenen sind vollendete Fromme,
1423
Wenn sie erscheinen. Doch geh' ich mit Dir, wofern Du mich leitest
1424
Und die Sinkende hältst, wenn wir Erscheinungen sehen.«
1425
Und sie machten sich auf, nach Tabor zu gehen, die Mutter
1426
Und mit Cidli die Pilgerin. Der Jüngling aus Nain,
1427
Semida, hatte so viel von Deinem Erwachen, Versöhner,
1428
Endlich erforscht, daß er sein Herz beruhigen konnte,
1429
Glauben konnte, Du seist wahrhaftig vom Tod erstanden.
1430
Nun erwachten von Neuem mit tiefverwundender Wehmuth
1431
Seiner Liebe Schmerzen in ihm. Noch war für ihn immer
1432
Cidli geschaffen. Das fühlt' er zu mächtig; unüberwindlich
1433
War der Sieger, dies starke Gefühl, in dem innersten Herzen.
1434
»nacht vor mir, wer führt mich durch Dich, wer hindurch zur Gewißheit,
1435
Ob, die ich mir erkor für die Ewigkeit, wieder mich liebe?
1436
Oder auch nicht? Wer bringt mich hinauf zu den Höhen der Freude
1437
Oder hinab in das sinkende Thal der bittersten Schmerzen?
1438
Auferstanden bin ich, doch nicht unsterblich geworden.
1439
Wären wir dies, so wären wir lang' hinüber gegangen
1440
In der Ruh Gefilde, wo nichts die Liebenden trennet.
1441
Und dort liebte mich Cidli gewiß! O Cidli, Gewählte,
1442
Die ich liebe, wie Wenige nur zu lieben vermögen!
1443
Doch verstumme Du, Schmerz! noch sterblicher machst Du mich, trüber,
1444
Bitterer Schmerz. Wie sonderbar ist mein Schicksal! Ein Jüngling,
1445
Munter und froh, der war ich und starb und kehrt' aus Gefilden
1446
Dunkler Empfindungen wieder, allein die Freude mir waren,
1447
Wurde – was wurd' ich? – mir daucht's bei dem Wiederkommen, ich wäre
1448
Nun ein Unsterblicher; aber wie bald empfand ich, ich wäre
1449
Wieder sterblich und, was ich nicht war, eh zum Tod ich hinsank,
1450
Elend, elend dadurch vor Allem, daß ich die Wonne
1451
Meines Lebens, die Weisheit Deß, der todt war und lebet,
1452
Nicht, wie ich sollte, genug mir machte zu Saat für die Zukunft,
1453
Dann zu ernten, wenn nun das erste Leben entflohn ist.
1454
Herr, von dem Tod Erstandener, eh zu dem Vater Du hingehst,
1455
Rufe zu Dir mich, damit ich von Dir das Eine, das noth ist,
1456
Mehr noch lerne!« So dacht' er und schwieg mit gefalteten Händen.
1457
Und zu ihm trat ein Fremdling herein. F. »Du kannst mir, o Jüngling,
1458
Helfen, wofern Du willst. An dem Fuße von Tabor's Gebirge
1459
Liegt ein verwundeter Mann, den haben Mörder verwundet.
1460
Auf dem Wege zu dem sitzt Einer, der blind ist und durstet.
1461
Keine Quelle war da, er wußte mir keine zu nennen.
1462
Sieh, er durstet und ruft nach Hilfe, die ihm versagt wird.
1463
Auf dem Wege zu ihm wehklagt ein ermatteter Alter,
1464
An die Felsen gesunken. Ich konnt' ihn nicht führen, und laben
1465
Konnt' ich ihn auch nicht. Ich selber, ach, bin dürftig und kraftlos.«
1466
Semida rief mit Schnelligkeit: »Nimm und stärke Dich; nimm dann
1467
Dieses für sie und dies! Ich nehme das Andre.« Sie gingen,
1468
Kamen zum Greise. S. »Geh Du voraus mit dem zu dem Blinden!
1469
Nimm, mein Vater, und iß und trink dies Labsal der Traube!«
1470
Sprach's und kam dem Pilger zuvor und früher zum Blinden.
1471
»den die Sonne nur wärmt, o nimm die Stärkung, ich komme
1472
Wieder zurück; dann gehst Du mit mir nach Jerusalem.« Eilend
1473
Ging er weiter. Die Sonne begann, seitdem sie die Thore
1474
Salem's verließen, das erste Mal über die Berge zu steigen.
1475
Und sie eilten dahin, leicht, wie der kühlenden Frühe
1476
Athem. Da Tabor sie nahten, erblickte Semida Cidli
1477
Zwischen der Pilgerin und der Mutter. Schrecken der Freude
1478
Stürzten auf ihn; allein er blieb bei dem führenden Fremdling.
1479
Und sie kamen zum Manne, der bleich, als stürb' er, in Blute
1480
Lag. Sie verbanden ihm sorgsam die Wunden und legten ihn schonend
1481
Auf sanftkühlendes Moos. Da wandte sich Semida endlich,
1482
Sahe Cidli herum an dem Berge kommen, doch ferne.
1483
Jetzo kam sie näher und sah es und stand erschrocken.
1484
Aber als sie erkannte, daß jenem Verwundeten Hilfe
1485
Durch die Männer geschäh', da wagte sie weiter zu gehen.
1486
Semida säumte nicht lang', er lief mit zitternder Eile
1487
Cidli entgegen; doch nah, verstummten sie Beide vor Freude
1488
Und vor Wehmuth. Die Pilgerin bat, nicht lange zu weilen;
1489
Denn sonst würden am Berge sie noch die Strahlen des Mittags
1490
Treffen. S. »So nehm' ich von Dir schon wieder Abschied! Auf immer,
1491
Meine Cidli?« Sie weint' und folgte der führenden Fremden.
1492
Semida blieb bei dem Blutenden mit dem Gefährten und stärkt' ihn.
1493
Als sie sich unterredeten, wo sie ihn bärgen, erreichten
1494
Sie zween Männer. Die waren des armen Leidenden Brüder.
1495
Und nun schieden sie mit Dank und mit Ruh von einander.
1496
»wenn Du,« sagte der Fremdling, »mich über Tabor begleitest,
1497
Gehet dort ein kürzerer Weg, als Jene sich wählten,
1498
Und wir kommen zu ihnen, sobald sie den Gipfel erreichen.
1499
Denn es fließt der kleinere Weg mit dem großen zusammen.«
1500
S. »Ja, ich bin Dein Gefährt'; doch mußt Du zurück mit mir kehren.«
1501
P. »Nicht zurück mit Dir!« S. »Welch' ist die Heimath, o Pilger,
1502
Die Dein wartet?« P. »Mein warten in meiner glücklichen Heimath
1503
Himmlische Freunde.« S. »So bist Du nicht arm, wenn redliche Freunde
1504
Dir Dein Leben erheitern. O, nenne mir ihre Namen!«
1505
P. »Ihre Namen? Du wirst erstaunen, daß ihrer so Viel' sind.«
1506
S. »Viele Freunde! das macht mich erstaunen; doch nenne sie.« Freudig
1507
Sah der Pilger ihn an und begann, die Namen zu nennen:
1508
»david! Abraham! Noa! Melchisedek! Josua! Hiob!
1509
Rahel! Joseph! Debora!« Und Semida sah ihn erstaunt an.
1510
Doch bald staunt' er noch mehr. Denn des Pilgers Angesicht wurde
1511
Röthlich und schimmernd! doch war's erst wenige Dämmrung von Schimmer.
1512
Auch schien Jonathan schwebend zu gehn. Je heller er wurde,
1513
Desto blässer vor Freud' und vor Furcht ward Semida's Antlitz.
1514
Aber ihn stärkte sein Freund und führte den Bebenden weiter.
1515
Auf dem anderen Wege stand auf einmal der Reise
1516
Frohe Gefährtin, die Pilgerin, still und sprach zu der Mutter:
1517
»weiter folge Du nicht! Die Auferweckte des Mittlers
1518
Sieht die höhren Erscheinungen nur.« Sie glänzte verwandelt.
1519
»nimm jetzt Abschied!« Sie sagt' es der sinkenden Mutter und hielt sie.
1520
M. »Abschied von meiner Cidli, von der ich niemals mich trennte?
1521
Komm bald wieder, o himmlische Tochter, und sage mir Armen,
1522
Was Du sahst. Gott segne zu dieser Erscheinungen Heil Dich!«
1523
»geh nach Salem hinab,« so sprach zu der Mutter Megiddo,
1524
»denn Du siehest so bald die glückliche Cidli nicht wieder.«
1525
C. »Meine Mutter! der Herr geleite Dich, meine Mutter!
1526
Himmlische Freundin, laß bald mich wieder die Mutter umarmen!«
1527
Und sie verließen die Arme, die weinend den Scheidenden nachsah.
1528
Als sie erstiegen die Höh', und vor Staunen Cidli kaum fragte,
1529
Sahe sie fern in dem Cederschatten Semida kommen
1530
Mit dem Pilger, der nun in seinem Schimmer auch glänzte.
1531
Semida sah auch sie. Die beiden Sterblichen standen,
1532
Gingen, zitterten, ruhten. Auf jeder Seite begannen
1533
Strahlengestalten um sie zu schweben und ihnen zu lächeln.
1534
O, wie glänzten, noch Unerkannte, der Greis und der Blinde
1535
Und der verwundete Mann und seine kommenden Brüder!
1536
Immer wurden der Himmlischen mehr und leuchtender immer.
1537
Wer vermag die Entzückungen alle mit Namen zu nennen,
1538
Welche die Beiden ergriffen, wie sie mit gefalteten Händen
1539
Staunend umhersahn, wieder den Blick zu der Erde senkten,
1540
Fragen wollten und in der bebenden Frag verstummten!
1541
Wie, von Strahlen umgeben der nahen Unsterblichen, wie sie,
1542
Dann von Schimmer und sanftzulispelndem Segnen umgeben,
1543
Freudig waren und bang! Sie kamen sich näher. Da schwanden
1544
Ihre Gedanken, und sie, die beiden Glücklichen, wurden
1545
Schnell verklärt. Sie schwebten daher und umarmten einander,
1546
Ach, das erste Mal dort und nicht in den Hütten der Trennung!
1547
Wiedersehen, o Du, der Liebenden Wiedersehen,
1548
Wenn bei dem Staube des Einen nun auch des Anderen Staub ruht,
1549
Selbst der Gedank' an Dich ist nur ein Traum von den Freuden
1550
Cidli's (nun weinten sie andere Thränen) und Semida's Freuden!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Gottlieb Klopstock
(17241803)

* 02.07.1724 in Quedlinburg, † 14.03.1803 in Hamburg

männlich, geb. Klopstock

deutscher Autor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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