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Immer noch in ihr Leiden versenkt und schmachtend nach Troste
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War in der Hütt' an dem Tempel die jammervolle Versammlung,
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Wie an der glanzverbergenden Decke der näheren Zukunft
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Oft Schnellsterbende dicht schon wandeln und dennoch weinen.
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Und die heiligen Weiber vermischten mit Oele der Würze
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Blume zur Salbung des Herrn, und Thränen rannen darunter.
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Wie die weisen Begleiterinnen des Bräutigams wachsam
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Waren und emsig, zu nähren der Lampen Flamme, damit sie
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Ihm entgegenkämen, sobald er erschiene: so wart Ihr
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Auch, Nachfolgerinnen des Mittlers, bereit bei der Dämmrung
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Erstem Winke zu sein, mit eilender Sorge beschäftigt.
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Doch sie erwarteten nicht der Morgendämmerung Ankunft;
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Nacht noch war es beinah, als sie die Jünger verließen.
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Die aus Magdala's Hütten und Kleophas' Weib, Maria,
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Und Johanna, mit ihr die Schwester der leidenden Mutter,
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Salome, dann die zu zärtliche Mutter der Zebedäiden
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Waren die Führerinnen. »Ihr Lieben, Ihr seht ihn noch einmal,«
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Sprach bei dem Abschied die Mutter, »ich aber seh' ihn nicht wieder.
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Gehet denn hin im Namen des Herrn.« Sie schwiegen und gingen.
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Und der Morgen athmete kalt. Sie eileten, sprachen:
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»aber wer wälzet den Stein von dem Grabe? Doch dieser Kummer
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Hielt sie nicht auf. »Wir thun,« sprach Magdalena Maria,
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»was wir können, und schützen, so lang' das Salben vermögen,
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Ihn vor der grauenvollen Verwesung.« So sprach sie und eilte.
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Gabriel saß auf dem weggewälzeten Felsen und sagte
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Zu Eloa und Abdiel, die nicht fern von ihm schwebten:
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»ach, kaum daß ich vermag zu erscheinen, so beb' ich vor Freuden.
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Seht Ihr die Zeuginnen kommen? Ich will als Jüngling erscheinen;
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Sonst ergriffe die armen Glücklichen, schreckte zu mächtig
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Meiner Herrlichkeit Schrecken. Erscheinet Ihr ihnen als Männer,
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Wenn sie mehr der Unsterblichen Glanz zu ertragen vermögen.«
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Aber der Mittler schaut' aus seiner Verborgenheit Hüllen
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Auf die Engel herab und auf die kommenden Menschen,
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Freuete sich der göttlichen Freuden, die Blut ihm erkaufte.
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Magdala's Bewohnerin kam, sah offen das Grabmal,
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Weggewälzet den Fels, floh, rief's den Andern entgegen,
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Eilte zurück nach Jerusalem. Aber die Kommenden ließen
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Sich nicht schrecken und gingen heran. Da erblickten sie schleunig
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Auf dem Felsen, der weggewälzt an der Oeffnung des Grabs lag,
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Einen Jüngling, der schimmerte. Seine Gestalt war dem Blitze
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Gleich, dem Schnee das Gewand. Er sprach mit der Stimme der Wonne:
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»fürchtet Euch nicht! Ich weiß, daß Ihr den Gekreuzigten suchet,
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Jesus. Er ist nicht hier. Er ist von den Todten erstanden,
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Wie er verkündiget hat. Kommt her und sehet die Stätte,
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Wo der Göttliche ruhte.« Da führet' er sie in das Grabmal.
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»gehet eilend nun hin und sagt's den Jüngern und sagt es
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Kephas: Auferstanden sei er von den Todten. Und siehe,
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Jesus gehet hinab nach Galiläa. Da werdet
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Ihr ihn sehn. Nun eilt und verkündet's den Zwölfen.« Sie blieben
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Unentschlossen und zitterten säumend. Im Strahlengewande
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Traten noch zween der Engel herein. Sie erschraken und schlugen
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Nieder zur Erd' ihr Angesicht. »Was suchet Ihr,« sprachen
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Diese Männer, »unter den Todten den Lebenden! Hier ist
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Jesus nicht. Erstanden ist er. Gedenkt, was er sagte,
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Als er in Galiläa noch war: In die Hände der Sünder
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Muß der Sohn des Menschen gegeben werden, gekreuzigt
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Muß er werden, erwachen den dritten Tag von dem Tode.«
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Jetzo eileten sie mit Beben und inniger Freude,
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Liefen, es nun den Jüngern des Herrn zu verkündigen. Petrus
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Und Johannes kamen indeß mit Magdale wieder.
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Als sie Jerusalem jetzt verließen, sagte Johannes
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Zu den Gefährten: »Der Weg an jenen Sträuchen hinunter
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Ist ein schnellerer Weg.« Er führt', ihm folgten die Andern.
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Wo einander am Meisten die beiden Wege sich nahten,
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Sondert' ein Hügel sie nur. Von diesem Hügel geschieden,
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Gingen sich, ohn' einander zu sehn, die heiligen Weiber
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Und die Jünger vorüber. So nahn oft Pilger nach Salem,
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Deren Seelen sich gleich und für einander gemacht sind,
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Sich in diesem Leben und fehlen sich dennoch. In Salem
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Sehn sie sich erst, verwundernd, daß sie sich hier nicht gefunden.
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Kephas sprach zur Gefährtin, indem sie dem Führer mit Mühe
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Und von ferne nur folgte: »Genommen wäre der Leichnam?
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Von den Priestern? Allein die haben, sagt man, den Grabstein
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Ja versiegelt! So haben ihn denn Elende genommen,
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Ihm das Todtengewand zu rauben.« Er sprach's, und Johannes
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War dem Grabe schon nah. Gelegt erblickt' er die Leinen;
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Aber er ging, voll unentschlossenes Kummers und Ehrfurcht,
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Nicht hinein. Nun kam auch athemlos Petrus und eilte,
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So wie er kam, in das Grab. Er sahe das Tuch, so des Todten
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Haupt umwand, besonders gelegt und nicht bei den Leinen,
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Fand es zusammengewickelt. Ihm folgte Johannes ins Grabmal,
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Sah es und überzeugte sich ganz von Magdale's Botschaft.
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Aber davon, daß nach der Propheten Gesicht der Messias
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Aufstehn müsse, wußten sie nichts. Sie verließen das Grabmal
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Und Maria. »Wofern,« sprach Petrus im Gehn zu Johannes,
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»sich die Priester anders entschlossen und der Besieglung
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Nicht gnug trauten, gewiß ihn zu haben, so nahmen die Wüther
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Ihm das Todtengewand, um seine Wunden noch einmal,
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Heiß vom Durste der Rache, zu sehn.« Sie gingen verstummt fort.
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Magdale stand vor dem Grab und blickt' und wischte die Thränen
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Schnell mit Heftigkeit weg, um zu sehen, sie blickt' und starrte
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Aengstlich hinunter ins Grab. Zwar waren Engel im Grabe
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Und erschienen ihr; doch kaum sah sie die Engel. Denn Jesus
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Sahe sie nicht, nicht Jesus. So sucht mit lechzender Zunge
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Nur die Quelle das schreiende Reh; die Sonne, die aufgeht,
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Siehet es nicht, es fühlt nicht die wehenden Schatten des Waldes.
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»weib, was weinest Du?« sprachen zu ihr die Boten der Wonne.
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M. »Ach, sie haben genommen, den meine Seele liebet,
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Und ich weiß nicht, wohin sie ihn legten?« So sprach sie und wandte
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Sich von dem Grabe. Da siehet sie Jesus stehen und weiß nicht,
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Daß es Jesus ist. J. »Was weinest Du, Weib? Wen suchst Du?«
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Aber dies sprach er noch nicht mit der Stimme des ewigen Lebens.
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Sie antwortet dem Gärtner (sie meint, sie sehe den Gärtner):
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»hast Du ihn weggenommen, wohin hast Du ihn getragen?
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Ach, in welche Finsterniß? daß ich eil' und ihn suche.«
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Nahe, wie sie, der unaussprechlichsten Seligkeit, weint so
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Selbst ein Geliebter des Herrn, wenn seiner Sterblichkeit letztes,
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Aber stärkstes Gefühl die ganze Seel' ihm erschüttert.
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Ach, er lieget und ringt mit dem Tod und dürstet nach Hilfe,
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Weint zu Christus und kennt – so schreckt ihn der Prüfungen letzte –
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Kennt den Liebenden nicht, sieht nur den Richter der Welten.
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Aber zwo Thränen nur noch, und welche Wonn' ist die seine!
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Selber von Dem, mit dem sie von Jesus redete, wendet
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In der Traurigkeit ihrer Seele Maria ihr Antlitz.
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Aber wie Harfen am Thron, wie Jubel der Ueberwinder,
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Singen sie, ganz in Liebe zerflossen, das Lamm, das erwürgt ward,
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Nicht wie der Ueberwinder Harfen und Jubel am Throne,
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Inniger, herzlicher, liebender scholl des Auferstandnen,
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Jesus' Stimme der Weinenden, Jesus' Stimme: »Maria!«
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Und sie hört' und erkannte die Stimme des Herrn, und indem sie,
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Kaum sich ihrer bewußt, in der Angst der Freude dahinsank,
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Bebend und bleich in den Staub hinsank zu den Füßen des Mittlers,
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Strebte sie, was sie empfand, dem Erstandenen zuzurufen;
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Aber sie stammelt' und athmete kaum und blickte den Herrn an,
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Weint' und stammelte nur mit leisem Staunen: »Rabbuni!«
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Und sie hielt mit wankender Hand des Göttlichen Füße.
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Liebend und ganz Barmherzigkeit sah sie der Herr an und sagte:
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»halt mich nicht also! Noch bleib' ich bei Euch. Du siehst mich noch wieder,
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Und noch hab' ich mich nicht zu meinem Vater erhoben.
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Geh zu unseren Brüdern und sage zu ihnen: Die Stunde
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Meiner Herrlichkeit naht. Ich gehe zu meinem Vater
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Und zu Eurem Vater, zu meinem Gott und zu Eurem!«
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Jesus verschwand, und sie ging mit der Botschaft der Wonne belastet.
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Salome naht sich mit ihren Begleiterinnen dem Thore.
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Aber, der Maria verschwand, begegnet den Andern
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In der duftenden Kühle des werdenden röthlichen Tages,
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Mit der Sonne, die kam und Gottes Herrlichkeit strahlte.
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Und er war es gleich selbst. Sie erkannten ihn Alle, der nun nicht
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Unter den Todten mehr war. »Seid mir gegrüßet,« so sagte
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Jesus Christus. Sie sanken vor ihm mit Beben zur Erde,
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Hielten ihm seine Füße. »Seid nicht erschrocken und gehet
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Und verkündigt es meinen Brüdern. Nach Galiläa
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Sollen sie gehn. Dort sehen sie mich.« Er verschwand mit den Worten.
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Und die Zeuginnen huben einander mit sprachloser Freud' auf,
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Gingen eilend nach Salem, der Wonne Botschaft zu bringen.
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Petrus war vor ihnen zurück und Johannes gekommen,
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Hatten über die ganze Versammlung traurige Wolken
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Ausgebreitet. Da kamen die Zeuginnen Dessen, der lebte.
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»hört uns, Ihr weint, o hört uns! Wir haben ihn lebend gesehen
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Und auch Engel zuvor. Erst
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Und dann zween mit diesem darin; die sprachen – was sagten
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Sie, o Salome? denn ich war zu erschrocken, der Boten
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Himmlische Stimme recht zu verstehn.« »Ihr wart zu erschrocken,«
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Trat jetzt Thomas hervor, »zu verstehn, was Ihr hörtet? vielleicht auch,
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Recht zu sehn, was Ihr saht?« – »Ach, Jünger Jesus', erschreck Du
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Uns mit Deinen Zweifeln nicht mehr, wir sind ja vor Freuden,
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Ohne Dich, noch erschrocken genug. Der Lebende sagt' uns:
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Fürchtet Euch nicht! und Du, sein Jünger, schreckest uns wieder.«
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Th. »Ach, ich wollte das nicht, Ihr Geliebten. Doch laßt mich Euch fragen,
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Und seid ruhig, indem ich genau die Wahrheit erforsche.
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Einen Engel saht Ihr zuerst? Wie war er gestaltet?«
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W. »Sieh, ein Jüngling, sein Antlitz dem Blitze, dem Schnee das Gewand gleich.«
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»der war Gabriel,« rief die Mutter des Lebenden. »War denn,«
164
Sprach drauf Thomas, »die Sonne schon da? Du hast nicht vernommen,
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Salome, daß, von der Wache gefolgt, ein römischer Hauptmann,
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Auf Pilatus' Befehl, erfleht von den wüthenden Priestern,
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Gestern des Todten Grab umringte. Die Rüstung der Römer
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Glänzet täuschend, indem darauf der Schimmer des Tags fällt.
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Aber Euch täuschte ja schon der Schrecken genug, und Ihr brauchtet
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Keines Glanzes in Fernen, um Engelgestalten zu sehen.«
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W. »Aber es war erst Dämmerung, Didymus, aber der Jüngling
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War kein Römer. Sein Antlitz, nicht seine Rüstung – er hatte
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Keine Rüstung – schimmerte. Was den Unsterblichen deckte,
174
War ein weißes Gewand.« Th. »Wolan, was sagt' er zu Euch denn,
175
Dieser Unsterbliche?« W. »Fürchtet Euch nicht, so sagt' er, ich weiß es,
176
Daß Ihr Jesus von Nazaret sucht; der ist von den Todten
177
Auferstanden, nicht hier! Kommt her und sehet die Stätte,
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Wo er lag. So sprach er und führt' uns hinein in das Grabmal.
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Eilet nun, sprach er darauf, und sagt's den Jüngern und sagt es
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Kephas: auferstanden sei er von den Todten!« Da rufte
181
Petrus innig gerührt: »Er nennte vor Aller Namen
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Meinen Namen? ein Engel, des Sünders? Himmlische Tröstung
183
Hättest Du, Bote des Herrn, wärst Du wahrhaftig erschienen,
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Mir, dem Leidenden, zugerufen! Allein, daß er mich nur
185
Und Maria nicht nannt' und nicht Johannes, das selber
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Stürzt mich in Zweifel.« Didymus stand nachdenkend und fragte
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Endlich wieder: »Das war's, das der Engel sagte?« W. »Noch sprach er:
188
Jesus geht vor Euch hin nach Galiläa, da werdet
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Ihr ihn sehn.« »Die übrigen Engel,« erwiderte Thomas,
190
»waren gestaltet wie der?« W. »Sie waren noch himmlischer,« riefen
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Zwo von ihnen; »allein wir sahen Jesus auch selber.«
192
Th. »Mit den Engeln?« »Die Engel,« so sagten sie, »waren verschwunden,
193
Als wir am Thor ihn sahen, wie er uns begegnend daherkam,
194
So gestaltet wie sonst, und in seinen Gewanden. Doch hatt' er
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In der Geberde was Himmlisches. Bei der Erscheinung auf Tabor
196
Sahn sie ihn also vielleicht. Seid mir gegrüßet! so sagt' er.
197
Und wir sanken vor ihm mit Beben nieder und hielten
198
Seine Füße. Seid nicht erschrocken und geht und verkündet's
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Meinen Brüdern. Nach Galiläa sollen sie gehen.
200
Dort erschein' ich ihnen. Er sprach's und verschwand mit den Worten.«
201
»ihn, ihn selber habt Ihr gesehn? Ihr Alle?« erwidert
202
Thomas und bleibt mit grübelnder Stirn und ernsterem Auge
203
Stehn. »Es war des Todten Gestalt und Gewand; die Stimm' auch?«
204
Jetzo schwieg er; doch immer mehr in dem Strome der Zweifel
205
Fortgerissen, begann er wieder: »Itzt seid Ihr zu lebhaft
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Durch das Alles getäuscht, was Ihr erzählet. Ich werde,
207
Wenn Ihr es erst zu tragen vermögt, der Zweifel Ursach,
208
Welche mir anders zu denken gebeut, Euch offen entdecken,
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Nichts verschweigen! Ihr glaubt, Ihr Jünger Jesus', die Märlein,
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Die sie erzählen, doch nicht?« Er sprach's und setzte sich wieder.
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Aber der stürzenden Freudenthräne der Zeuginnen folgte
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Nun des Mitleids sanftzerrinnende Thräne. Sie schwiegen.
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Müde vor Angst der Freude, voll Schweiß die Stirne, die Wange
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Bleich, mit bebenden Lippen, mit starrer lechzender Zunge,
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Trat Maria Magdale unter die Weinenden, strebte,
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Ihre Hände gen Himmel zu heben, sie sanken ihr nieder;
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Und sie faltet sie fest. »Er ist erstanden, erstanden!«
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Also ruft sie mit einer Stimme des freudigen Schreckens,
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Die nicht Harfen der Seraphim, nicht ihr Gesang ausdrückte.
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Dunkel wird es um sie. Sie sucht nach Stützen. Johannes
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Hält sie, sie lehnt sich an ihn. Als er zu reden vermochte,
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Sprach Lebbäus: »So hast auch Du die Engel gesehen?«
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Sanfter schlug ihr Herz. Sie sprach mit himmlischem Lächeln:
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»ach, nicht Engel nur,
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Still gen Himmel, nur Didymus nicht. Er nahte sich, sagte
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Kalt, mit trübem Ernste: »Wer so sich täuscht, daß sein Auge
227
Engel erblickt, der kann auch wähnen, ihn selber zu sehen.«
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M. »Didymus, ach, was haben wir Dir, was hat Dir, Geliebter,
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Jesus Christus gethan?« antwortete Magdale ruhig.
230
»dies mein Auge sah ihn! am Fuße des Auferstandnen
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Weinete dies mein Auge!« Jakobus blickte mit Ehrfurcht
232
Und mit Staunen auf sie: »Hatt' er die Klarheit der Himmel?
233
Waren Strahlen sein Kleid?« M. »Er war ein Mensch, doch erblickt' ich
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Gnaden in seinem Antlitz, die ich noch niemals gesehen,
235
Selbst nicht an ihm.« Jetzt naht auch Simon Petrus. Unzählbar
236
Waren die Zweifel, die ihn betäubten; ihr Ungestüm ließ ihn
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Endlich reden. Er fragt' und bebte, die Antwort zu hören.
238
»hast Du auch seine Stimme gehört?« M. »Ja, Simon Johanna!
239
Seine Stimme, des Auferstandnen, des Göttlichen Stimme!«
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P. »Ach, was sagt' er zu Dir?« M. »Ich empfind' es, nein, ich vermag nicht
241
Auszusprechen, wie voll von Gnade die Stimme des Herrn war.
242
Jener glich sie, mit der in seinem Blut er zu Gott rief:
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Vater, sie wissen es nicht, was sie thun. Erbarme Dich ihrer!
244
Ach, noch sanfter, noch liebevoller sprach er: Maria!
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Ich erkannt' ihn. Mir war's, ich wär' in dem Himmel. Rabbuni!
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Stammelt' ich, hielt mit wankender Hand des Göttlichen Füße.
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Liebend und ganz Barmherzigkeit sah mich der Herr an und sagte:
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Halt' mich nicht also! Noch bleib' ich bei Euch. Du siehst mich noch wieder,
249
Und noch hab' ich mich nicht zu meinem Vater erhoben.
250
Geh zu unseren Brüdern und sage zu ihnen: Die Stunde
251
Meiner Herrlichkeit naht. Ich gehe zu meinem Vater
252
Und zu Eurem Vater, zu meinem Gott und zu Eurem!«
253
Christus' Mutter hatte bisher mit sinkendem Haupte
254
Niedergesehn. Sie erhub ihr helleres Aug' und blickte
255
Sanft auf Magdale, stand dann mühsam auf und hielt sich,
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Und sie leiteten sie. Sie ging zu Magdale, reicht' ihr
257
Ihre Hand und hielt die Hand der Geliebten und sah sie
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Wieder mit innigem Blick an und sagte mit leisem Laute:
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»du hast Christus gesehn und seine Stimme gehöret?
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Meinen Sohn? Doch darf ich« – hier sah sie mit himmlischer Demuth
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Forschend sich um – »o, darf ich noch Sohn ihn nennen? Geliebte,
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Euer Auge sagt mir's, ich darf ihn so nennen! Du sagtest,
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Daß mein Sohn ein Mensch war! O Magdale, hatt' er auch Male
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Seiner Wunden?« Sie wandte sich weg und weinte; doch hielt sie
265
Noch die Hand der Geliebten. »O Mutter des größten der Söhne,
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Weine nicht, er ist von dem Tod erstanden. Ich weiß nicht,
267
Ob ich Male der Wunden sah. Von Freuden erschüttert,
268
Sah ich beinah nur allein sein Antlitz und himmlische Gnaden
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In des Göttlichen Antlitz und unaussprechliche Gnaden.
270
Siehe, so stand er, umgeben vom Duft und dem Schimmer der Dämmrung.«
271
Christus' Mutter weinte nicht mehr. Sie faßt die Geliebte
272
Jetzo bei beiden Händen und sieht gen Himmel. Sie ließ ihr
273
Nun die Hände sinken und trat tiefdenkend zurück, sah
274
Mit Bewundrung sie an und sagte: »Begnadigte, Christus
275
Hast Du erstanden gesehn und seine Stimme gehöret?«
276
Und die zuerst mit ihr gingen, die früheren Zeuginnen traten
277
Freudig um Magdale her und erzählten ihr, welcher Erscheinung
278
Sie erst Engel und dann der Herr gewürdiget hätte.
279
Aber Didymus kam: »Sahst Du auch Engel, Maria
280
Magdale?« M. »Kaum erblickt' ich die Engel. Mein Auge war finster
281
Von Betrübniß. Ich wandte mich schnell. Denn eines dem Gärtner
282
Aehnlichen wurd' ich gewahr. Ich erkannt' ihn sogleich nicht, erkannt' ihn
283
Erst, als er bei dem Namen mit seiner Stimme mich nannte.«
284
Th. »Also sahest Du kaum, die Du doch Unsterbliche nennest?
285
Ihn erkanntest Du auch nicht gleich und hieltest zuerst ihn
286
Für den Gärtner? Die Andern erzählen, er sei bekleidet
287
Wie vordem gewesen. So war des Gärtners Gewand denn,
288
Wie das seine sonst war? Wie viel' der Unsterblichen waren's,
289
Magdale, die Du sahst?« M. »Zween sah ich.« Th. »Die Andern erblickten
290
Einen erst, dann noch Zween.« Er sprach's und wandte sein Antlitz.
291
Magdalena erhub ihr hohes Auge gen Himmel:
292
»wenn er Euch nur nicht irret, o Du, des Lebenden Mutter,
293
Und Ihr, Jünger des Herrn! Laß meiner Seligkeit jetzt mich,
294
Thomas. Ich will Dir hernach antworten.« Da nahm sie die Mutter
295
Jesus' und führte sie weg, mehr Wonnegespräche zu halten.
296
Kephas, dem Zweifel sein Herz zerrissen, und dem es noch immer
297
Scholl und zu Thränen ihn zwang: Den Jüngern sagt es und sagt es
298
Petrus! ihm wurde Salem zu eng; er ließ die Versammlung,
299
Eilet' hinaus. Bald wählt' er, um sich in trauriges Grübeln
300
Ganz zu vertiefen, die fernste der Wüsten, dann Galiläa,
301
Dann das Grab. Er hatte den Weg zu der Wüste genommen;
302
Aber er kam auf den Weg zurück, so zum Grab ihn führte.
303
Und er stand, von der Stille der sanfterwachenden Erde
304
Und der frühen Erfrischung des werdenden Schimmers umgeben,
305
An dem Hange des Todtenhügels. Er blickt' in das offne
306
Leere Grab hinunter, und diese Kummer empörten
307
Seine Seele: »Zu schreckliche That! Sie hätten ihn also
308
Weggenommen, damit sie ihn hier bei den Schädeln begrüben?
309
Bei der Verfluchten Gebein? Du schwarze Rache, der tiefsten
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Untersten Hölle Rache, Dir wär's gelungen? und Joseph
311
Hätte vergebens den Heiden erfleht? Wir hätten vergebens
312
Unter die Thränen unseres Jammers einige Zähren
313
Trüber Freude gemischt? Denn, ach, wie kann ich es glauben,
314
Auferstanden sei er, erschienen sogar, das glauben?
315
Bängster unter den Schmerzen, Du hast die blutenden Seelen
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Ueberströmt, sie dahin in Deinen Fluthen gerissen,
317
Und sie haben, getäuscht von der Angst, ihn erstanden gesehen!
318
Auferstanden, erschienen! und ich wär' dieser Wonne
319
Nicht erlegen? noch nicht, ach, unter dieser Entzückung,
320
Diesem Gefühl des ewigen Lebens noch nicht versunken?
321
Kreuz des Todten« (er hub sein trübes Auge zum Kreuz auf),
322
»kreuz des Todten, Du zeugest zu laut, und Himmel und Erde
323
Haben Dein furchtbares Zeugniß gehört! Gestorben, gestorben,
324
Ja, gestorben ist er! Da ging ein Schwert durch die Seele
325
Seiner Mutter, ein tödtender Schwert durch seine Seele!
326
Wiedersehen? Ach, das werd' ich einst wahrhaftig, ich werd' ihn
327
Wiedersehen; allein an dem Throne des Ewigen, hier nicht.
328
Warum zittertest Du, geängstete Seele, vor dieser
329
Deiner einzigen Ruhe zurück? Ja, zittre vor ihr nur,
330
Meine Seele, zurück! Zwar bist Du erhört, und der Richter
331
Hat die Reue, mit der Du büßtest, erbarmend gesehen;
332
Aber Du darfst Dich nicht freun! Noch stehet der furchtbare Zeuge
333
Seines Todes, das Kreuz! Noch liegen die Berg' und die Felsen,
334
Noch die Gräber, wie sie der Allmacht Rechte zermalmte!
335
Nein, Du darfst Dich nicht freun!« So dacht' und stammelt' und rief er,
336
Starrete wieder ins offene Grab. Nicht fern von dem Grabe
337
Sah er Magdale, die auf den Knien lag, weinend gen Himmel,
338
Und mit der Rechte sich stützt' in den Staub. »Maria, Maria
339
Magdale!« rief der erschütterte Jünger. Endlich erkennt sie
340
Seine Stimm' und kommt. P. »Glückselige, glaubst Du noch immer,
341
Daß Du ihn erstanden gesehn?« M. »Mit der Linken, o Simon,
342
Hielt ich, Du sahst es, ein sprossendes Reis, bei welchem sein Fuß stand;
343
Meine Rechte ruht' in dem Staube, worin sein Fuß stand.«
344
P. »Heb', o Maria, Dein Aug' auf, schau zu dem Kreuze, da starb er!«
345
M. »Und erstanden ist er, erstanden, Simon, vom Tode!«
346
P. »Beim lebendigen Gott beschwör' ich Dich: Hat ihn Dein Auge,
347
Dies Dein Auge, Maria, gesehn, das vor Dir mich stehn sieht?«
348
M. »Ob ihn mein Auge sah? O, bei Deß Wahrhaftigkeit, Kephas,
349
Welcher ewig ist, hat die Herrlichkeit des Versöhners
350
Dies mein Auge gesehn, die Stimme des Sohnes Gottes
351
Hat vernommen mein Ohr, und die Wonne der Himmel empfand ich!«
352
Sprachlos blieb sie stehn, auch Petrus. Er redete wieder:
353
»wende Dich weg, o zu Glückselige, laß mich in Stillem
354
Meine Traurigkeit weinen. O, hätt' ein freudig Gesicht mich,
355
Wie es Dich täuschte, getäuscht und meine Seele besänftigt!
356
Ach, ich glaube Dir nicht!« M. »So glaube denn auch nicht, Du habest
357
Ihn auf dem Meere wandeln gesehn, auf des Tabor Gebirge
358
Von des Vaters Herrlichkeit ihn umleuchtet gesehen!«
359
Sie verließen einander. »Ach, könnt' ich ihr glauben!« so dacht' er
360
Bei sich selber, indem sie von ihm zu dem Grabe zurückging.
361
»zu Glückselige! Ja, sie glaubt es aus ganzer Seele.
362
Wie voll Zuversicht ist sie und Wonne, wie breitet
363
Ruh und Hoheit über sie aus die feste Gewißheit!
364
Grab und Verwesung erschüttern sie nicht. Sie lächelt dem Sturme,
365
Der in der nächtlichen Tiefe der Todesthale daherrauscht.
366
Aber warum glaub' ich ihr nicht? Kann Der nicht erwachen,
367
Der auf dem Meere ging und mich hielt auf der wüthenden Woge?
368
Ja, Du Todter Gottes, vergieb, vergieb es dem Trauren,
369
Meiner Seele Jammer, wofern Du lebst! Ach, Du hieltst mich,
370
Als ich vor der kommenden Woge zweifelnd dahinsank;
371
Rett' auch jetzt mich! Ich bin, das weißt Du, bänger als damals,
372
Und Du hilfst mir nicht, Herr, und reichest mir nicht, der noch mehr sinkt,
373
Deine göttliche Rechte! Bei Deiner erbarmenden Liebe,
374
Bei dem Blick voll Gnade, voll Gnade, womit Du mich ansahst,
375
Als nun meiner Verleugnung zu schwere Last auf mich stürzte,
376
Ach, bei der Barmherzigkeit fleh' ich Dich an: O, erbarm Dich
377
Meiner Angst und erschein auch mir, wofern Du erscheinest!
378
Nein, ich bitte zu viel. Geht, sagt's den Jüngern und Petrus!
379
Sprach der Engel. War dieses nicht schon unaussprechliche Gnade?
380
Herr, ach, solltest Du mir, der Dich verleugnet', erscheinen?
381
Mir? und bist nicht Lebbäus und nicht Jakobus erschienen,
382
Nicht Johannes, nicht ihr, der liebendsten unter den Müttern!
383
Aber auch Magdale hat gesündigt! Wenn hat sie gesündigt?
384
Eh sie ihn kannte. Und hab' ich geliebt, wie Magdale liebte?«
385
Also dacht' er und stieg mit schwerem Schritte den Hügel
386
Langsam hinauf und sank auf seine Kniee, zu beten,
387
Schauete nieder und flehte zu Gott. Da er aufsah, erblickt' er
388
Christus unter dem Kreuz. Wer faßt das Erstaunen, die Wonne
389
Seiner Seele, da er vor sich den Lebenden stehn sah!
390
Und ihm reichte mit göttlicher Huld der Sündeversöhner
391
Seine Rechte. Doch Petrus vermag nicht aufzustehen,
392
Strebt und sucht mit der anderen Hand den Arm des Erstandnen,
393
Fest sich daran zu halten; allein sie sank in den Staub ihm.
394
Nun erhub er sich wieder, umschlang mit beiden Armen
395
Jesus' Rechte, bebte daran und drückte sie innig
396
An sein Herz und senkte die Stirn auf den Arm des Erstandnen.
397
Erde, so daucht' es ihm, wollten um ihn und Himmel vergehen.
398
Endlich schaut' er hinauf in des Göttlichen Antlitz, begann nun
399
Mit der stammelnden Stimme der ersten Freude zu rufen:
400
»herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig!« und blickt' und schaute
401
Auf den Lebenden. »Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig!«
402
Ruft' er noch einmal und bebte nicht mehr und empfand des Versöhners
403
Ueberschwänglich tröstenden, unaussprechlichen Anblick.
404
Seine Hüter Ithuriel und Orion umschwebten
405
Golgatha; und Ithuriel hielt sich nicht mehr: »Ach, Orion,
406
Welche Stunde meiner Unsterblichkeit! Jubel der Wonne
407
Werden oft sie uns wiederholen, sie feirend besingen!
408
Auferstanden erscheinet der Herr dem geretteten Sünder,
409
Christus Kepha – Du fühlst, was ich empfinde, Geliebter –
410
Unserem Jünger! O, komm und freu' Dich in meiner Umarmung
411
Deiner und meiner Wonne! Gesündiget haben, ist furchtbar,
412
Voll von Entsetzen, Ithuriel; und an dem Sündeversöhner,
413
Und zu der Zeit der Versöhnung, und als ein begnadigter Jünger,
414
Können wir uns kaum denken; allein die erweinte Vergebung
415
So erlangen! O Seraph, wie selig sind die Versöhnten!«
416
Mit den Worten des Engels verließ der Erstandne den Hügel.
417
Petrus sah und betet' ihm nach mit gefalteten Händen,
418
Bis in dem Schatten des überhangenden Grabes sein Auge
419
Schnell ihn verlor. Und Petrus erhub die verbreiteten Arme
420
Freudig gen Himmel: »O Dank, Dank Dir, Sohn Gottes, Erstandner,
421
Inniger ewiger Dank, der meine Seele gelabt hat
422
Mit mehr Tröstung, als sie in ihrem Durste nach Ruhe
423
Sich zu denken, zu wünschen vermochte. So wollst in dem Tod einst
424
Du mich trösten! Wer bin ich? ach, meine furchtbare Sünde
425
Büßet' ich zwar, die Verleugnung Deiner; aber wer bin ich,
426
Daß Du mit diesen Gnaden Dich mein, Sohn Gottes, erbarmt hast?
427
Jesus' Christus' Herrlichkeit hat mein Auge gesehen!
428
Ihn, in das Leben erwacht, so hat mein Aug' ihn gesehen!
429
Fleuß auf ewig, mein Dank, aus meiner innersten Seele,
430
Heißer, herzlicher Dank! Die Gnaden alle der Himmel,
431
Ja, die ganze Fülle der Wonne, die selige Fülle
432
Aller Deiner Erbarmungen hoff' ich nun. Das Geheimniß
433
Deines Todes wirst Du mir, Sohn des Vaters, enthüllen.
434
Nicht das Heer ohne Zahl, die Schaaren, die Mächt' und die Thronen,
435
Nicht Erzengel können von Dem, deß Antlitz sie schauen,
436
Mehr empfahn, wie ich nun von ihm hoffe. Ich sahe lebend,
437
Der des Ewigen Sohn ist und der an dem Kreuze des Todes
438
Starb, ihn lebend! Gedanke voll tiefer Ruhe, Du Reichthum
439
Aller Erbarmung, mir wird auch Dein Geheimniß enthüllen,
440
Der auf ewig nun lebt! Ich hab' ihn lebend gesehen,
441
Jesus Christus! O, sagt's an dem ewigen Throne, verkündet's
442
Allen Himmeln: Er lebt! singt's laut in Jubelgesängen,
443
Söhne des Lichts!« Er schwieg und schauete lange gen Himmel;
444
Stand mit Schnelligkeit auf. »Auch Ihr sollt schöpfen, o Brüder,
445
Aus der Quelle des Trostes, auch Eure blutenden Wunden
446
Sollen heilen.« Er denket es, eilt. Schon hatt' er die Mauren
447
Salem's erreicht; schon naht' er sich seiner Brüder Versammlung,
448
Die voll Erwartungen war und Zweifel und Freud' und Erstaunen.
449
Und er trat mit gefalteten Händen in die Versammlung:
450
»lob und Preis und Ehre sei, Anbetung und Dank sei
451
Gottes Sohne, der uns mit einer Liebe geliebt hat,
452
Die uns Jubelgesang in dem Leben wird sein und im Tode!
453
Ihm, der den wunderbaren Tod ist gestorben, erstanden
454
Ist und erschienen! Auch mir ist der Herr erschienen! Am Kreuze
455
Stand er; da sah ihn mein Auge, da sah ich des Göttlichen Antlitz!«
456
Und sie nahen sich ihm, bewundern ihn, preisen ihn selig
457
Und erstaunen über den Herrn, der vom Tode des Kreuzes
458
Auferstand; und ein tiefanbetendes Schweigen fesselt
459
Aller Zungen. Endlich umgeben sie näher den neuen
460
Seligen Zeugen des Auferstandnen, umarmen voll Wonn' ihn,
461
Drücken ihn an ihr Herz und weinen. Des Lebenden Mutter
462
Hielt bei der Rechten ihn, und Magdala bei der Linken.
463
»siehe, nun hast Du ihn auch, o Simon Johanna, gesehen!«
464
Magdale sprach's. Dann sagte mit himmlischem Lächeln die Mutter:
465
»gottes Sohn und meinen!« Lebbäus stammelte, wandte
466
Sich zu Maria: »Vor Trauren nicht mehr, vor Entzückung, o Mutter,
467
Glaub' ich es kaum. Du Blutender, ach, Du Wundenvoller,
468
Bist erstanden!« Er sank an die Brust Johannes'; der drückt' ihn
469
Innig ans Herz und sagt' ihm leise: »Er ist erstanden!«
470
Ließ ihn und ging zu Maria: »O Du des Göttlichen Mutter,
471
Freue Dich wieder! Nun geht durch Deine Seele kein Schwert mehr,
472
Deine blutende Seele nicht mehr!« – »Mit den Freuden der Himmel
473
Freu' ich mich, Sohn. Ach, auferstanden ist Jesus Christus,
474
Auferstanden! Auch mir wird Jesus Christus erscheinen.
475
Das verhieß mir Dein Blick, mit dem Du vom Kreuze mich ansahst.«
476
Bartholomäus ergriff die Hand des Jüngers, des Zeugen,
477
Sagte mit sanfter Wehmuth: »O Simon, mein grauendes Haupt wird
478
Eher nicht in die Grube sich neigen, als auch mein Auge
479
Unseren göttlichen Meister vom Tod erstanden gesehn hat.«
480
Kephas hielt ihm die Hand und sah ihn mit glaubendem Muth an:
481
»ja, Du Theurer, er wird sich unser Aller erbarmen.«
482
Wie am heiteren Himmel sich eine Wolk' heraufzieht,
483
Einsam und trüb' und ernst, so nahte sich Didymus Kepha.
484
Th. »Selber Simon! Ja, wenn es möglich wäre, so glaubt' ich
485
Dir, o Simon!« Er wandte mit innigem Grame sein Antlitz.
486
P. »Wende Dich, Thomas, und danke mit uns! Der Herr ist erstanden!
487
Ja, Anbetung und Ehr' und Preis und Jubel und Dank sei
488
Ihm, der wunderbar starb, von dem Tode wunderbar aufstand
489
Und erscheinet! Er wird sich unser Aller erbarmen.«
490
Mit den Worten entsinkt die Mutter Christus' des Zeugen
491
Bebendem Arme. Sie liegt auf ihren Knieen und breitet
492
Freudig die Arme gen Himmel und ruft mit der Stimme der Wonne:
493
»meine Seel' erhebet den Herrn! Mein Innerstes freut sich
494
Gottes, meines Erlösers! Du hast die Thränen der Mutter,
495
Deiner traurenden Magd, von Deinem Kreuze gesehen,
496
Hast sie all' erbarmend gezählt! Die Enkel der Enkel
497
Werden mich selig preisen. Wie wunderbar ist er, wie groß ist
498
Alle sein Thun, der mächtiger als der Tod ist! Ach, heilig
499
Ist sein Namen, heilig, und ewig ist er Erbarmer!
500
Allmacht ist sein Arm! Er stürzt blutdürstende Stolze,
501
Mächtige stößt er vom Thron und erhebt die niedrige Demuth.
502
Die nach Heile dürsten, erquickt er; die selbst sich genug sind,
503
Läßt er leer. Ach, ewig ist
504
Die ihn lieben! Abraham hat er und Abraham's Kindern
505
Dies geschworen. Er hält den theuren Eid der Erbarmung.
506
Ja, Anbetung und Ehr' und Preis und Jubel und Dank sei
507
Jesus Christus, der lebt, der mächtiger als der Tod ist!«
508
Didymus war auf den Söller gegangen. Die Anderen folgten,
509
Durch die Schöne des Tags und das lebende Wehen der Lüfte
510
Sich zu erquicken und durch der gotterfülleten Schöpfung
511
Anblick Deß sich zu freun, der so sie begnadiget hatte.
512
Und sie kamen zu Thomas und weckten ihn aus der Betäubung
513
Seines Tiefsinns. Er bebte vor ihnen zurück, da er aufsah
514
Und die ganze Versammlung um sich auf einmal erblickte.
515
Und er eilet, hinunter zu steigen. »O, flieh, Du Geliebter,
516
Flieh uns nicht,« rief Petrus, »der Herr wird auch Dein sich erbarmen!
517
Auch ich zweifelte, Thomas; wie hat er mein sich erbarmet!
518
Doch wer wandelt dort in der Ferne? Trügt mich mein Blick nicht,
519
Siehe, so ist es Matthias und Kleophas. Theure, Geliebte,
520
Wärt Ihr noch hier; ach, unaussprechlich, wie unsere Seele,
521
Würd' auch Eure Seele sich freun! Die mächtigen Freuden,
522
Ja, sie warten Euer, die Freuden des ewigen Lebens.
523
Aber wer kommt zu ihnen aus jenem Schatten herüber?
524
Nein, ich kenn' ihn nicht. Voll Hoheit scheint mir das Ansehn
525
Dieses Fremdlings. Kennst Du ihn, Thomas? Sie grüßen mit Ehrfurcht
526
Ihren Gefährten, er spricht schon mit ihnen.« Th. »Ich kenn' ihn nicht, Simon.
527
Aber niemals hab' ich so viele Hoheit und Einfalt
528
Nicht vereinet gesehn.« Und Petrus erwiderte: »Möcht' ihn
529
Bald sein Weg nach Jerusalem führen. Sie kehrten zugleich um.
530
Denn sie gehen doch nur, um ihre Seele zu lindern.
531
Sehet, der Weg, so sich krümmet, bringt sie uns näher; doch werden
532
Jene Palmen sie bald vor unserem Auge verbergen.
533
Sehet Ihr ihren Begleiter, mit welchem Ernst und mit welcher
534
Würd' und Hoheit, die sanftere Menschlichkeit mildert, er anhört,
535
Was sie ihm traurig erzählen? Vielleicht die Geschichte vom Tode
536
Dessen, den sie am Kreuze, noch nicht erstanden gesehen.
537
Ist er einer der Engel, die Ihr bei dem Grabe gesehn habt?«
538
»wie Ihr Euch täuscht!« rief Thomas. »Er ist ein Mensch; doch sein Ansehn
539
Ist erhabner als anderer Menschen.« P. »Du kennest der Freude
540
Süße Vermuthungen nicht, o Thomas. Ich hab' es empfunden,
541
Was Du fühlst. Was erwartet' ich minder, als Jesus zu sehen,
542
Noch in jener Angst, als ich zu dem Kreuze mein Auge
543
Müd' erhub und auf einmal vor mir den Lebenden stehn sah!
544
Sieh, o Thomas, mich täuschte nicht Freude.« Th. »So täuschte Dein Schmerz Dich!«
545
Rief der Zweifelnde feurig. P. »Der Herr wird Dein sich erbarmen!«
546
Sagte mit Ruh der begnadete Zeuge des Auferstandnen.
547
Th. »Gott, ja, Gott wird mein sich erbarmen! Allein der Messias,
548
Ach, der göttliche Mann hat gelitten, was alle Propheten
549
Einst auch litten, und ist gestorben!« Er weint' und verstummte.
550
P. »Weine nicht, Jünger des Herrn! Er ist wahrhaftig erstanden!«
551
Aber ihn tröstete Petrus umsonst; er weint' und verstummte.
552
Kleophas hatt' indeß und Matthias mit dem Gefährten
553
Schon die Schatten der Palmen erreicht. Da die Beiden aus Salem's
554
Mauren gingen, und noch bei ihnen nicht ihr Gefährt' war,
555
Sprachen sie unter einander: K. »Wie kann ich irren, Matthias?
556
O, Du kennst ja die Wuth, die heiße Rache der Priester,
557
Wie sie ergrimmten, als sie es nun nicht zu wehren vermochten,
558
Daß ihn Joseph begrübe. Sie haben Cneus gewonnen,
559
Haben den Todten geraubt und wollen ihn doch auf dem Hügel
560
Bei der Verfluchten Gebein begraben. Vielleicht, o Du Bester,
561
Heiligster, deckt schon Golgatha Deinen starrenden Leichnam!«
562
M. »Aber die Engel am Grab, o Kleophas? Hat sie denn Alle
563
Trübes Trauren getäuscht? und kann denn Traurigkeit wirken,
564
Daß wir Himmlische sehn? Warum nicht bange Gestalten?
565
Nacht? gerichtete Todte vielmehr? Ischariot's Seele?«
566
Kleophas bebte zurück; darauf antwortet' er: »Löse
568
Unser Meister nicht selbst? Wie kenn' ich Engel? Wie weiß ich,
569
Kennt' ich sie auch, ob sie der Ewige sendet? Ach, Theurer,
570
Würd' er uns nicht erscheinen, wär' er von den Todten erstanden?
571
Ihn, ihn kennen wir!« M. »Aber, o Kleophas, glaubte Maria
572
Gabriel nicht? und kannte sie denn die Engel? und können
573
Gottes höhere Geister was Anderes sagen als Wahrheit?
574
Und verdienen wir denn, daß er uns erscheine? Wir wären,
575
Wie die Zwölfe, geflohn, da laut von den stürmenden Schaaren,
576
Ihrem Grimm und Drohn und Geschrei Gethsemane schallte!
577
Ferne nur, ferne nahten wir uns, da sein Todesurtheil
578
Schrecklich vom Richtstuhl scholl, ach, fern des Sterbenden Kreuze!«
579
Kleophas sprach: »Ich bewein' es mit Dir! Doch können wir jemals,
580
Daß er uns erscheine, verdienen? Ist er erstanden,
581
Und erscheinet er, ach, so erscheint er allein aus Erbarmung,
582
Weil ihn unseres Elends jammert, und weil er zählet
583
Unsere Thränen, wie er auf unserem Haupte die Haare
584
Alle gezählt hat!« M. »O Kleophas, und Du zweifelst?« K. »Du zweifelst
585
Also nicht, Matthias?« M. »Du weißt, daß ich immer Alles,
586
Was ich dacht' und empfand, Dir ganz, o Kleophas, sagte.
587
Wenn ich mit stiller Betrachtung es überdenke, so glaub' ich;
588
Aber wenn mich die Angst der Hoffnung und Furcht und Erwartung,
589
Wenn die Freud', ihn wiederzusehn – das ist Freude des Himmels –
590
Ungestüm mich ergreifen und meine Seele durchbeben,
591
Wenn sie der Stimme der Wahrheit mich betäuben, so zweifl' ich!«
592
Kleophas blickt' ihn zärtlicher an und sagte: »Du Lieber!
593
Aber wenn wir wirklich ihn sähn, so würde des Himmels
594
Freude, Freude der Erde nicht, des ewigen Lebens
595
Wonne würde – kaum find' ich Worte – wenn wir ihn sähen,
596
O, das würd' uns noch mehr, noch mächtiger überzeugen
597
Als der stillen Betrachtung Licht, das die Seele mit Wahrheit
598
Ueberströmt.« Matthias erwiderte: »Möcht' er erscheinen,
599
Unsre blutende Seele durch seine Gegenwart heilen!«
600
Kleophas sprach: »Wir wünschten zu viel, Du Geliebter! Der Freuden
601
Unaussprechlichste, höchste, wer kann sie, wünscht er sie, hoffen?
602
Freude, wie die, ist nicht für dieses Leben, Geliebter!«
603
Und sie waren durch eines herüberhangenden Hügels
604
Schatten gegangen. Des Weges gewendete Krümmungen zeigten
605
Seitwärts jetzo den schattenden Hang. Dort sahen sie langsam
606
Einen Wanderer kommen. Erhabnes männliches Ansehns
607
War der Fremdling und schien in ernstes Denken verloren.
608
K. »Laß uns langsamer gehn, Matthias. Vielleicht, daß der Fremdling
609
Unser Gefährt' wird und uns das traurende Herz mit Gesprächen
610
Seiner Weisheit erquickt. Denn weise scheint er und edel.«
611
M. »Was, o Kleophas, hilft uns seine Weisheit, wofern er
612
Nicht von Jesus mit uns sich unterredet?« Indem kommt
613
Ihnen der Wanderer nah und grüßt sie mit Liebe. Mit Ehrfurcht
614
Grüßen sie ihn. W. »Wo gehet Ihr hin?« K. »Nach Emaus.« W. »Darf ich
615
Euer Gefährt' sein? Ich gehe durch Emaus.« K. »Sei, o Du Theurer,
616
Sei, wir bitten Dich, unser Gefährt'.« W. »Was spracht Ihr so feurig
617
Unter einander? Ich sah's, ganz hingen an diesen Gesprächen
618
Eure Seelen und waren voll Traurigkeit.« Kleophas sagte:
619
»ach, was konnten wir sprechen? Bist Du es allein, der nicht wisse,
620
Was in Jerusalem diese Zeit des Traurens geschehn ist?«
621
W. »Was geschah denn?« K. »O Fremdling! Du kennest also, Du kennest
622
Jesus von Nazareth nicht, den Propheten Gottes, der mächtig
623
Vor dem Herrn und dem Volke durch Wunder und himmlische Weisheit,
624
Der ein göttlicher Mann war? Allein, ach, unsere Herrscher
625
Haben, entflammt von dem Grimme, der Wuth der untersten Hölle,
626
Ihn gegriffen und ihn dem Heiden Pilatus zum Tode
627
Uebergeben. Der hat sein Todesurtheil gesprochen,
628
Hat – o, dürft' ich die Art des furchtbaren Todes nicht nennen –
629
Ihn gekreuziget! Fodere nicht, daß ich wieder die Wunden
630
Meiner Seel' aufreiße, Dir seinen Tod zu beschreiben,
631
Wie er schwebt' an dem Kreuze, und wie der Hügel sein Blut trank,
632
Wie er bleich und erstarrt um Hilf', um Hilfe zu Gott rief!
633
Ach, wir hofften auf ihn und hielten ihn für den Messias.
634
Israel, hofften wir, sollt' er erlösen. Und über das Alles
635
Brach der dritte der Tage schon an, seit dieses geschehn ist.«
636
Und Matthias begann: »Auch haben die Weiber der Unsern
637
Uns erschreckt. Heut gingen sie in der Frühe zum Grabe;
638
Seinen Leichnam fanden sie nicht. Sie kamen mit Zittern,
639
Hatten Gesicht der Engel gesehn, die sagten, er lebe.
640
Ach, wir vermochten nicht, uns zu freuen. Einige gingen
641
Auch zu dem Grab und fanden es offen und ohne den Todten.«
642
Jetzo kamen sie unter umschattende Palmen. Der Wandrer
643
Sah sie mit der Erhabenheit an, die Größe der Seele
644
Und nicht Stolz ist, und sprach mit der mächtigen Stimme der Wahrheit:
645
»ihr Unweisen und langsamen harten Herzen, zu glauben,
646
Dem zu glauben, was Euch die Propheten verkündiget haben!
647
Mußte nicht dies der Messias leiden und nach der Vollendung
648
Seiner Leiden, erst dann, zu seiner Herrlichkeit eingehn?«
649
Mit Erstaunen sahn sie sich an, mit bebender Ehrfurcht
650
Ihn. Gern hätten sie ihn, doch nur Augenblicke, verlassen
651
Und von ihm mit einander gesprochen. Ihr trüberes Auge
652
Wurde Licht und begegnete sich mit feurigen Fragen:
653
»o, wer ist er, wer ist, der unsere Seele mit Ehrfurcht
654
Und mit Staunen erfüllt?« Doch hatt' er nur angefangen,
655
Ueber sie durch die Gewalt der siegenden Wahrheit zu herrschen.
656
Wie ein Sturm, der beginnt, mit gehaltner Stärke noch wehet,
657
Noch den kühleren Wald nicht ganz füllt – Stille ruhet
658
Noch in seinen Thalen, noch liegen blässere Schatten,
659
Ganz ist die Sonne noch nicht von des Sturmes Wolken umnachtet –
660
Also begann ihr erhabner Gefährt'. Nicht lang', und er führte
661
Sie in die Tiefen der Offenbarung hinab. Den Messias
662
Zeiget' er ihnen, ein Redner Gottes, in jeder der Tiefen.
663
Sie vermochten nicht mehr zu widerstehen. So reißt sich
664
Durch den Wald der stärkere Sturm. Die Bäume des Waldes
665
Zittern, rauschen mit Ungestüm alle, beugen sich alle
666
Vor dem herrschenden Sturm, der Donnerwolken und Fluthen
667
Himmelstürzender Meere von Berge treibet zu Berge.
668
Und sie standen ermattet und baten um Ruh und wischten
669
Sich den Schweiß von der glühenden Stirn. »Mann Gottes – wir kennen
670
Zwar Dich nicht; doch bist Du, o, den wir mit Ehrfurcht anschaun,
671
Wahrlich ein göttlicher Mann – bleib, ach, und laß an der Kühle
672
Dieser Quell' uns ruhn!« Sie setzten sich neben einander,
673
Gegen sie über der göttliche Fremdling. Er redet' itzt sanfter,
674
Redete von der Liebe des Sohns zu den Menschen, der Liebe
675
Seiner Menschen zu ihm. Sie dachten des großen Hirten
676
Tod mit heiterer Seele, gelabt von inniger Ruhe.
677
Wie auf einen strahlenden Tag sich die Abenddämmrung
678
Luftiger über die Müden geußt, so goß er Erquickung
679
In ihr Herz. »Und liebt Ihr ihn auch?« Dies fragt' er sie jetzo.
680
»sollten wir ihn nicht lieben?« Sie sprachen's mit eilender Stimme.
681
W. »Habt Ihr ihn immer geliebt?« – »Wir verließen ihn, als sie zum Tod ihn
682
Führten, hinauf zu dem Kreuz, das verstummende Lamm zum Altare!
683
Da verließen wir ihn!« W. »Doch jetzo, da Ihr es wisset,
684
Daß er um Euretwillen gestorben ist, wolltet Ihr jetzo
685
Auch um seinetwillen, wenn er es foderte, sterben?« –
686
»o Du Theurer, wir hoffen zu Gott, der Liebende würd' uns
687
Stärken, daß wir es könnten! Allein – o, zürne, mit Ehrfurcht
688
Fragen wir, zürne nicht – ist er auferstanden? – Du weißt ja
689
Alles von ihm – und dürfen wir uns, Mann Gottes, des Heils freun,
690
Jesus Christus wiederzusehn?« Der Wanderer sagte:
691
»joseph's Brüder erkannten ihn nicht. Doch der Wonn' und des Weinens
692
Selige Stunde kam, und Joseph vermochte nicht länger
693
Sich zu halten und weinete laut.« Er sagt' es, erhub sich,
694
Ging. Sie folgten ihm freudigerschrocken, in Zweifel verloren,
695
Was sie glauben, nicht glauben sollten? Er war's ja doch selbst nicht!
696
Aber ein Engel vielleicht? Sie standen wieder. »Ach, dürfen
697
Wir noch einmal, o Du, den wir nicht kennen, Dich fragen?
698
Zwar nicht kennen, doch den wir unaussprechlich verehren,
699
Unaussprechlicher lieben! Wer bist Du? sage, wer bist Du?
700
Aber wir dürfen Dich nicht umarmen! O, sag es uns: Bist Du
701
Einer der Engel vielleicht, die am Grab erschienen?« W. »Umarmt mich!«
702
Und sie umarmten ihn lang' und weineten ihm an dem Halse.
703
Endlich nahten sie Emaus. W. »Ihr Geliebten, ich gehe
704
Nun zu den Meinen.« So sprach ihr Begleiter. »Ihr sehet, mein Weg zieht
705
Hier durch Emaus sich.« »O, bleib bei uns, Du Geliebter,
706
Sieh, es will Abend werden, der Tag hat schon sich geneiget.«
707
Und sie hielten ihn zitternd bei beiden Händen und baten.
708
W. »Laßt mich, die Meinen sind fern, und sie warten meiner mit Schmerze.« –
709
»sie, Mann Gottes, haben Dich immer. Du siehst ja, wie herzlich
710
Wir Dich lieben; o, bleib! Und warum wolltest Du, Theurer,
711
In die Gefahren der Nacht Dich begeben? Auch mußt Du von Jesus
712
Noch mit uns reden. O, bleib bei uns!« W. »So will ich denn bleiben,
713
Meine Brüder.« Kleophas dankt, mit Freud' in den Blicken,
714
Nicht mit Worten, und eilet voran, ein Mahl zu bereiten.
715
»kleophas hat, so heißt mein Gefährt', der redliche Jüngling,
716
Seine Hütt' in Emaus, die an der Pforte der Schatten
717
Dichter Bäume bedeckt. Ein reiner labender Quell rinnt,
718
Wo der Schatten am Luftigsten kühlt. Er eilte, das sah ich,
719
Etwas Speise für uns zu bereiten und unsere Herzen
720
Mit dem Wenigen, das er hat, zu erquicken. O stiller
721
Heiterer Abend nach dieser Angst, den Tagen des Traurens!
722
Und o Dank Dir, göttlicher Mann! Du würdigst uns, kehrest
723
Ein bei uns, verachtest die niedrige Hütte der Einfalt
724
Und der Dürftigkeit nicht. Da Jesus Christus noch lebte,
725
War er, wie Du, ein Menschenfreund, so zur Demuth in Staube
726
Nieder sich ließ und gern mit seiner Weisheit uns labte.
727
Aber ich schweige von ihm; denn über Alles erhaben,
728
Was ich von ihm zu sagen vermag, war Jesus Christus.
729
Engel dieneten ihm. Doch seiner Niedrigkeit Ursach
730
Scheint mir erstaunlicher, als mir seine Niedrigkeit selbst schien.
731
Aber also geschah des Ewigen Wille. Den Vätern
732
Hat er schon die Tiefen des künftigen Wunders eröffnet.
733
Möcht' ich mein Leben mit Dir, Mann Gottes, leben, und möchtest
734
Du mich lehren, wie ich es dem himmlischen Sündeversöhner
735
Recht nach meiner Seele Verlangen heiligen könnte!
736
Denn ach, daurenden Dank, den innigsten, liebevollsten,
737
Herzlichsten Dank verdienet von uns, der unsere Sünde
738
Also versöhnt und bis zu diesem Tode geliebt hat.«
739
Und schon nahten sie Kleophas' Hütte. Sie sahn, er entschöpfte
740
Wasser zum Trinken der Mündung des Quells, dann setzt' er es eilend
741
Bei sich nieder und wusch balsamische duftende Kräuter.
742
Seine Hand umflossen mitabgerissene Blumen;
743
Einige glitten hinab mit des werdenden Baches Gelispel.
744
Aber er sah Matthias und sah den göttlichen Fremdling
745
Nahn, sprang eiliger auf. »Sei mir, Mann Gottes, willkommen!
746
Alle Dein Segen, mit dem der Herr Dich segnete, gehe,
747
Du Mann Gottes, mit Dir in meine Hütte!« Matthias
748
Folgt' und trug das Gefäß und darin die lebende Quelle
749
Mit der träufelnden Kräuter Erfrischung. Kleophas hatte
750
Schon den unbelasteten Tisch mit dem ganzen Reichthum
751
Seiner Hütte besetzt, mit Milch und Honig und Feigen
752
Und mit stärkendem Brod und herzerfreuendem Weine,
753
Hatte die Teppiche schon umhergebreitet. Sie legten
754
Sich zu dem Mahle, der Fremdling allein, sie gegen ihn über.
755
Und der Fremdling begann auf sie sein Auge zu richten
756
Ernst und freudig. Mit Ruhe, mit Dank, mit feirlichem Anstand
757
Hielt er das Brod – so pflegt' es Jesus zu halten – er blickte
758
Still gen Himmel – so pflegte gen Himmel Jesus zu blicken –
759
Und sie starrten sich an und ihn. Er betete. Jesus'
760
War die Stimme des Betenden, und auf einmal das Antlitz
761
Jesus' Christus' des Betenden Antlitz. Er betete also:
762
»unser Vater im Himmel sei für die Gabe gepriesen,
763
Die er mild uns gab, den dürftigen Leib zu erhalten.
764
Vielen scheint sie gering; doch hat mit eben der Allmacht,
765
Welche die Himmel erschuf, se unser Vater bereitet.«
766
Ach, auch seine Worte sogar! Da sanken, vor Freude
767
Bleich, sie nieder, mit anzubeten. Er redete wieder:
768
»preis sei ihm! Er rufte der Sonn', uns zu leuchten, dem Monde,
769
Von der Stirne der Müden den Schweiß zu trocknen. Er schuf uns
770
Unser tägliches Brod. Anbetung unserem Vater!«
771
Jesus brach das Brod und gab es ihnen. Sie nahmen's,
772
Bleicher vor Freuden, und blickten ihn an; nun wollten sie reden,
773
Konnten nicht reden. Er sah sie noch einmal mit segnender Huld an
774
Und verließ sie. Da sprangen sie auf und folgten ihm, eilten,
775
Suchten, und fanden ihn nicht. Sie kehrten mit Ruh zu der Hütte.
776
M. »Ja, wir sehn ihn noch wieder! Ich bin im Himmel, Geliebter,
777
Nicht auf der Erd', in dem Himmel! Ach, Kleophas!« Kleophas sank ihm
778
An das Herz und schwieg. Darauf umarmt' er ihn feurig,
779
Hielt ihn lang' und umarmt' ihn von Neuem. K. »Matthias, o brannte
780
Unser Herz nicht in uns, da er auf dem Wege von Gott sprach?
781
Da er die Offenbarung uns aufschloß? Aber wir säumen?«
782
Schon ergriff er den Stab. Auch that's Matthias. Sie gingen.
783
Unterdeß, da die Beiden von Emaus eilten, besprachen
784
Petrus und Didymus sich. P. »Verbirg es denn ihnen, o Thomas!
785
Ach, betrübe nicht so, die glauben wollen, und lösche
786
Diesen schwachen Funken in ihnen nicht aus! Zu dem Himmel
787
Könnt' er flammen; Du löschest ihn aus!« Th. »So soll ich denn, Simon,
788
Unseren Freunden nicht mehr, was ich denke, sagen? verschweigen
789
Meiner Traurigkeit Angst? Was hilft es ihnen, zu wähnen
790
Und von dem freudigen Wahne mit desto größerem Trauren
791
Aufzuwachen, je froher der süß betäubende Wahn war?«
792
P. »Nenn' es nicht Wahn, mein Bruder, bei Dem, der ewig lebet,
793
Ach, bei Jesus, der todt war und ewig lebet, beschwör' ich
794
Dich, mein Bruder, nenne nicht Wahn, was die Rechte Jehovah's
795
That! nicht dieser erstaunlichen Herrlichkeit Offenbarung!
796
Heilig ist jene Stätte, wo ich ihn sahe. Da brannte
797
Mir der Busch, da sah in dem Busch ich die Herrlichkeit Gottes,
798
Da, da war die Pforte des offenen Himmels! Hier stehn wir –
799
Schau die Zeugen um Dich! – hier stehn wir Alle, die Neune,
800
Magdale dann, dann ich! Wir haben den Göttlichen lebend,
801
Lebend haben wir ihn, nicht todt mehr, Alle gesehen.«
802
»meine Seele bewegt sich in mir vor Wehmuth, indem ich
803
Deine Traurigkeit seh',« sprach Magdalena Maria,
804
»deiner grübelnden Zweifel zu qualenvolle Gedanken.
805
Habe Mitleid mit ihm, mit Deinem Jünger, Erstandner,
806
Mitleid! Er zweifelt aus Angst, Dein Jünger, aus Jammer der Seele,
807
Nicht aus bösem Herzen. Zerstoß das zerstoßene Rohr nicht!
808
Lösche den glimmenden Tocht nicht aus! Erbarme, Rabbuni,
809
Seiner Dich, wie Du meiner Dich erbarmtest! Ach, Thomas,
810
Meinest Du, daß ein Engel im Himmel mit dieser Stimme,
811
Dieser Wonnestimme des ewigen Lebens – die Chöre
812
Himmlischer Psalmen ertönen nicht so – zu reden vermöge,
813
Wie der Todtenerwecker, der Auferstandne, beim Namen
814
Mich, die lechzte, wie Du, ihn zu sehn, bei dem Namen mich nannte?«
815
Th. »Eurer Entzückungen Ungestüm stürzt mich Verlassnen noch tiefer
816
In die Tiefen der Angst, die meine Seele verschlingen!
817
Blendete sich die Heftigkeit nicht, mit welcher Ihr redet?«
818
Thomas sprach es mit innigem Gram, der Thränen zurückhielt.
819
Simon rang die gefalteten Hände, ward ernster und sagte:
820
»deine blendet sich nur, mit der Du zweifelst. Wir sahen,
821
Und wir wurden entzückt. Wer ist in dem Himmel und flammet
822
Nicht in Entzückungen auf? Du siehst nichts, schaffest Dir Schatten,
823
Bange Bilder von Gräbern und Nacht, erschreckende Zweifel,
824
Redest entflammter davon, als wir von dem Auferstandnen,
825
Den wir sahen und hörten, und dessen Leib wir berührten,
826
Der mit aller seiner Erbarmung, die wir an ihm kannten,
827
Sich uns offenbarte, die Du vordem an ihm kanntest.
828
Geh zu den Sadducäern zurück und glaube mit ihnen,
829
Daß kein Engel, noch Geist sei, noch Auferstehung vom Tode!«
830
Mit den Worten entstürzten dem Auge Didymus' Thränen.
831
Salome sah es und wollt' ihn trösten. Indem sie zu reden
832
Anfing, sagte der Jünger: »Verstoß' mich so nicht, Geliebter!
833
Ach, ich liebe, wie Du, den gekreuzigten göttlichen Todten,
834
Simon Petrus.« Itzt redete Salome: »Lindert, Ihr Lieben,
835
Seinen Schmerz! Ihr sehet, wie viel der Geängstete leidet.
836
Thomas, mein Bruder, den Du den göttlichen Todten nanntest,
837
Sollt' aus dieser Irre nicht er Dir die Seele zu führen,
838
Nicht aus diesem Jammer das Herz zu reißen vermögen?
839
Er, deß Todesmuth an dem Kreuze von eben der Hoheit
840
Zeugte, von der die Unsterblichkeit zeugt, dies Leben der Engel,
841
Welchem er auferstand!« – »Ja, dieses Leben der Engel!«
842
Sprachen ihre Begleiterinnen. »Unsterblichkeit war es,
843
Diese sahn wir an ihm. Zwar nicht wie Gabriel strahlt' er,
844
Nicht wie die Engel bei seiner Geburt um Bethlehem's Hütte;
845
Aber Andres, als da er mit uns in dem Leben am Grabe,
846
Unser Erbarmer lebte, war nun in des Göttlichen Antlitz!«
847
Th. »Euch nur erschiene der Herr? nicht mir? von mir will ich schweigen!
848
Nicht der weinenden Mutter? nicht ihrem Sohne Johannes?
849
Dem nicht, den er am Kreuz der heiligen Mutter zum Sohne,
850
Der nicht, die er zur Mutter in seinem Blute dem Sohn gab?«
851
Also sprachen sie unter einander. Die Hörenden rissen
852
Mächtige Zweifel itzt fort, dann wieder siegender Glaube.
853
Beide wechselten oft und durchflammten die Seele. Wenn Petrus,
854
Wenn die freudigen Zeuginnen red'ten, wenn Magdale red'te,
855
Gingen sie auf dem Meere; wenn Didymus redete, sanken
856
Sie vor der kommenden Woge. Der zweifelnde Jünger verließ sie
857
Und Jerusalem, ging zu den fernsten Gräbern des Oelbergs,
858
Sich im Einsamen dort in seiner Traurigkeit Qualen
859
Tiefer zu stürzen. Er wollte das nicht; er wollte die müde,
860
Tiefverwundete Seele durch Ruh der Einsamkeit lindern.
861
Einen Becher der Freuden hat in der Rechte, der Linken
862
Einen wüthenden Dolch die Einsamkeit, reicht dem Beglückten
863
Ihren Becher, dem Leidenden reicht sie den wüthenden Dolch hin.
864
In das nächtlichste, tiefste der fernen Todtengewölbe
865
War jetzt Thomas gekommen, und seiner Traurigkeit Lasten
866
Wurden schwerer auf ihm, die Gedanken schwärzer, des Herzens
867
Qualen trostbedürftiger. Ihm arbeitet die Seele,
868
Sich aus diesen Tiefen, die stets mehr sanken, zu heben,
869
Und arbeitet umsonst. Hätt' er nicht zu Gott sich gewendet,
870
Zu der einzigen Stütze des Müden, er wär' erlegen,
871
Zu dem einzigen Stabe, wenn wir in Finsterniß wandeln
872
Und an das weichende Rohr nur unserer Tröstung uns lehnen.
873
Thomas empfand's. So wendet' er sich zu Dem, der allein hilft:
874
»gott, Verborgner, zu Dir, wie sehr auch Dunkel die Tiefen
875
Deines Rathes bedeckt, zu Dir nur kann in dem Zagen
876
Ihrer Traurigkeit meine verwundete Seele sich wenden!
877
Nacht sind seine Pfade; der Weg, den ich wandl', ist noch mehr Nacht
878
Als die Pfade des Todes! Unauszuforschender Herrscher
879
Dessen, was ist, und was sein wird, ach, schau herab in das Elend,
880
Schau auf mich, der, ein Wurm, in Mitternächten sich windet!
881
Hätt' ich Dich nicht, und starrte mein hilfeverlangendes Auge,
882
Einziger Fels, nach Dir nicht empor, die gerungenen, müden,
883
Ausgebreiteten Hände nach Dir nicht empor, so wär' ich
884
Lange der Angst erlegen der wüthenden Zweifel, ich wäre
885
Schon vergangen! Wie sie, die um ihn jetzt blutet, ihn liebte,
886
Meine Seele, wie sie an ihm hing, das weißt Du, Jehovah,
887
Weißt, er war mir Alles! Du hattest ihn, Vater, mit jeder
888
Deiner Gnaden zu uns gesandt, mit jeder Erbarmung!
889
Alles war er mir! Den hast Du kreuzigen lassen,
890
Sterben! Ach, er ist todt! mir mehr wie den Uebrigen allen
891
Todt! O Mitternacht, die ihn deckt auf der Schädelhöhe
892
Oder in einer noch dunkleren Gruft, die der Erd' Erschüttrung
893
Nicht zerrüttete, möchtest bei ihm auch mich Du bedecken!
894
Möcht' ich liegen bei ihm und schlummern, müde von Wunden
895
Meiner Seele! So bin ich ohn' ihn denn? Ich leb', und ich sterbe,
896
Ach, ohn' ihn? Du schreckliche Nacht, die mich ringsum einschließt –
897
Wehe mir, ohn' ihn! – auf Gebirgen Gebirg', und Abgrund
898
Dicht an Abgrund, schreckliche Nacht! Mein dunkles Gefühl, ach,
899
Warum quälest auch Du mich: er würde dereinst mir noch mehr sein,
900
Als er mir war? warum durchgräbst auch Du mir die Seele?
901
Bist Du unsterblich, o Seel' in mir? Ha, fallt, Ihr entflohnen
902
Schwarzen Zweifel, mit Eurem Grimm mich nicht an und wüthet,
903
Wüthet nicht wieder! O, die Du in mir unsterblich bist, Seele,
904
Tief, zu tief, zu jammervoll ist Dein Elend! Zerrissne,
905
Wundenvolle, Du bist ohn' ihn! So hättest Du keinen
906
Theil denn an ihm, Elende, so lang' ich im Staube mich krümme?
907
Aber vielleicht ist er auch todt, mein Helfer. Wie kenn' ich
908
Ueber dem Grabe die dunkleren Labyrinthe, die bängern,
909
Schwermuthsvolleren Pfade, zu denen des Todes Thal führt,
910
Da ich die trüben Wege hier in dem Staube nicht kenne?
911
Gott auf Ebal, auf Sinai Gott, im Donner, im Sturme,
912
Vater, wo ist Dein Sohn? Wo säumte Dein Donner, wo schliefen
913
Deine Wetter, als nun das hohe Kreuz sich emporhub?
914
Zwar sie zitterte laut, die Erd' in ihrem Entsetzen,
915
Warf die Felsen von sich, daß die Himmel schollen, und Aller
916
Zagende Seele vom Schrecken vor dem, das geschah, zermalmt ward;
917
Aber da war er todt! Kein Fels erreichte die Würger,
918
Keine Kluft verschlang ihr Gebein! Allmächtiger Vater,
919
Gott durch des Engels Gericht, der die Erstgebornen Aegyptus'
920
Schlug, doch die blutbesprengten Hütten in Ramses vorbeiging;
921
Gott in dem Strome, der stand, daß Israel wunderbar durchzog;
922
Dann um Jericho Gott, daß Deiner Heere Posaunen
923
Vor sich die hohe thürmende Stadt in das Palmthal stürzten;
924
Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig, daß Moses' Gebeine
925
Nicht zu Staube wurden, als er, in die Höhle verborgen,
926
Mit Anbetung von fern, Gott, Deiner Herrlichkeit nachsah;
927
Gott mit Deinem Sohne, daß er auf dem Meere daherging,
928
Hoch auf der offenen Woge, mit ihm sein glaubender Jünger,
929
Blinden das Aug' aufthat, daß es sah die Schöpfung, und ihn sah,
930
Ach, zu dem ersten Mal – den todten Geliebten erweckt' er,
931
Ihn, der schon zu verwesen begann; der weinenden Mutter
932
Gab er Dich, mein Semida, wieder; da weinte sie Freude –
933
Gott mit Deinem Sohne, daß er mit himmlischer Ruhe
934
Dieser Unterwerfung, die fürchterlichsten der Leiden
935
Aushielt, Schmach auf Schmach, ach, Wunden auf Wunden, auf Tod Tod;
936
Gott, Weltrichter, wo ist Dein Sohn? Erbarmender, wirst Du,
937
Oder wird er mich wecken von dieser Traurigkeit Tode,
938
Diesem Graun, den Finsternissen der quälenden Zweifel?
939
Wo, wo wend' ich mich hin? Er liegt und verweset, und, Gott, Du,
940
Ach, Du schweigst mir! Ich dürste, kaum bin ich noch, lechze nach Hilfe!
941
Auferstanden wär' er? An diesem sinkenden Halme
942
Soll ich mich halten, Verborgner, da alle Deine Fluthen
943
Ueber die Seele mir gehn?« So stammelt' er noch, verstummte,
944
Faltete fester die Händ' und rang sie. »Ach, möcht' ich ruhen
945
Hier in einem der Gräber! Er würde mich nun nicht erwecken.
946
Und wie möcht' ich zurück in ein Leben kommen, in welchem
947
Er nicht ist! Glückselige Todte, die neben mir schlummern,
948
Kanntet Ihr Jesus Christus? Wenn Ihr den Göttlichen kanntet,
949
Viel glückseliger noch! Wenn Ihr ihn kanntet und liebtet,
950
Ach, so seid Ihr bei ihm! Allein Ihr verstummet mir, Alles
951
Ist mir verstummt! Verdorrtes Gebein, das hier um mich Staub wird,
952
Wenn Du dereinst die Stimme des Herrn vernimmst und erwachest,
953
Geht der Tag der Herrlichkeit auf, an dem Dich Jehovah
954
Würdiget, Dir zu rufen: Ich will Dich mit Odem des Lebens
955
Wieder beseelen! ach, dann erwach' ich mit Dir, es erwachen
956
Seine Gebeine, die zwar der Kreuziger Wuth nicht zermalmte,
957
Aber die doch in dem Schooße der Nacht und der Erde verwesten!
958
Dann ... O, welche Reihen, vielleicht von Ewigkeiten,
959
Eh ich erwache! Doch bis zu dem Tod ist nicht lange. Des Lebens
960
Zeit ist flüchtig und kurz, ist ein Traum, ein Flug, ein Gedanke,
961
Aber nur, wenn's vorübergeeilet ist; liegt auf der Schulter
962
Seine Last uns noch, wie langsamträg ist das Leben!
963
Und ein Leben, wie meins, gelebt ohn' ihn! O, vernimmst Du
964
Hier aus der Mitternacht, o Du, der das Ohr gemacht hat,
965
Eines Lebenden Jammern, der nach dem Tode dürstet?
966
Seid, Ihr übrigen Freunde des Todten am Kreuz, mir gesegnet,
967
Seid mir zu Eurer Ruh gesegnet! Ihr wähnt ihn erstanden,
968
Und Ihr freut Euch nicht minder, obwol ein Traum Euch getäuscht hat,
969
Ach, ein seliger Traum, wie die Seele Jakob's erquickte;
970
Zwar so wahr nicht, allein der Euch mit Wonne, wie ihn, labt!
971
Nein, ich will nicht weinen! O Du, der das Auge gemacht hat
972
Und den Jammer erblickt, der mir in dem Innersten wüthet,
973
Daß ich mich freute, wie sie, war nicht Dein göttlicher Wille.
974
Ich Verlassner, wie würd' ich mich freun! Ach, wenn ich ihn sähe,
975
Sterben, nicht leben würd' ich, mit erschütternder Stimme der Wonne
976
Ihm entgegen rufen, im Ruf verstummen und sterben!
977
Aber ich werde ja doch bald sterben. Durch meine Seele
978
Gingst Du ja auch, o Schwert, das durch die Seele der Mutter
979
Ging. Geheilt wird die Wunde der Mutter; meine blutet.
980
Ach, so erscheine mir denn, wofern Du erscheinest. Erscheine!
981
Welche Bitte! Zurück von diesem blendenden Wahne,
982
Meine Seele! Was steigst Du empor, um tiefer zu sinken?
983
Ja, er kann es, er kann aus dem Schatten des Todes heraufgehn,
984
Wenn er will. Wie kann er es wollen? Sterben, um Stunden
985
Todt zu sein, nur wenige Stunden? Er wär' von dem Kreuze,
986
Hätt' er leben gewollt, triumphirend heruntergestiegen.
987
Würdest Du mir nicht erscheinen, wenn Du lebtest? wer schmachtet
988
So nach Ueberzeugung als ich? Du würdest! Du lebst nicht!
989
Wenn ich Dich sehe, so glaub' ich. Ja, wenn ich in Deine Wunden
990
Meine Rechte Dir lege; doch hat ein Erstandener Wunden?
991
Wenn ich mit bebendem Arm um Deine Füße mich winde
992
Und sie halte, dann will ich glauben. Ich werde nicht glauben!
993
Denn ich werde mich, Herr, um Deine Füße nicht winden
994
Und sie halten. Denn, ach, Du bist gestorben und lebst nicht!
995
Nur erst einige Stunden, da war er mit uns noch am Kidron,
996
Dann ... Wie schnell ist die Zeit bis zum Kreuze vorübergegangen!
997
Und, wie ist mir? da starb er! wie schnell! Ach, ist er gestorben?
998
Ja, er ist gestorben, er ist begraben, und nun schon
999
Wieder in einer anderen Kluft des Todes begraben.
1000
Ach, verlaß mich nicht ganz, o Christus' Vater und meiner!
1001
Ich vergehe vor Angst!« Er ruft's mit gebrochenen Worten,
1002
Schwankt' und hielt an ein Felsstück sich, so von einem der Gräber
1003
Stürzt', als der Vorhang riß, und der Staub der bebenden Erde
1004
Ueber Jerusalem zog und ihrer Mauren Gebirge
1005
In Entsetzen verhüllte. Der Traurende hielt an den Felsen
1006
Sich mit ermüdetem Arme noch, da der Finsterniß Stille
1007
Eine Stimme durchscholl, die immer näher herankam.
1008
»wessen ist diese Klage, die aus den Gräbern hervorschallt?
1009
Fiel ein Mörder Dich an, und kann ich Dir helfen, o Fremdling?
1010
Rede, wo bist Du? Ich will Dir Deine Wunde verbinden.«
1011
Didymus redete nicht. U. »Wo bist Du? Ich hörte die Stimme
1012
Deiner Angst, und ich bin, daß ich Dir helfe, gekommen.
1013
Fremdling, ich bin kein Mörder. Ich hörte fern in dem Thale,
1014
Daß Du jammertest. Sieh, ich bin Dein Retter, wofern Dich
1015
Menschen zu retten vermögen.« Th. »Ich freue mich,« sagte Thomas,
1016
»wer Du auch seist, daß Du, o Wandrer, ein redliches Herz hast.
1017
Sei gesegnet und geh, wohin Dich Dein nächtlicher Weg ruft.
1018
Zarte blühende Kinder und ihre liebende Mutter
1019
Warten Deiner vielleicht. Du kannst mir nicht helfen. Die Wunden,
1020
Ueber die Du mich jammern gehört, sind Wunden der Seele.«
1021
U. »Wunden der Seele, mein Bruder?« antwortet die nähere Stimme;
1022
»strecke die Hand nach mir aus, daß ich Dich finde, Geliebter,
1023
Dich umarme!« Didymus that's. Sie umarmten einander.
1024
Th. »Bist Du ein Israelit, o Wanderer? Einer der Männer,
1025
Die zu dem Fest von den Inseln herauf nach Jerusalem kommen?
1026
Und wie heißet Dein Namen?« U. »Ich bin der Söhne von Jakob
1027
Einer. Ich komm' aus fernen, sehr fernen Landen. Mein Nam' ist
1028
Joseph; und Deiner, mein Bruder?« Th. »Mein Name, Joseph, ist Thomas.«
1029
J. »Aber was weilen wir hier in dem Schauer der Nacht und der Gräber,
1030
Thomas? O, komm und laß uns aus dieser dunkleren Nacht gehn!
1031
Diese Stille, die Dunkelheit wirft noch schwärzere Schatten
1032
Auf die Bilder der Angst, die Deine Seele bewölken.«
1033
Th. »Diese Still', o Joseph, und diese noch schwärzeren Schatten,
1034
Diese Bilder der Angst, die meine Seele bewölken,
1035
Diese lieb' ich, liebe noch mehr den Tod und die Gräber.
1036
Hätte die Erde mich nur in ihre Hütten des Friedens
1037
Aufgenommen, so wär' ich nicht mehr der Söhne des Elends
1038
Letzter, läge nicht mehr in des Jammers Tiefen der Tiefste.«
1039
J. »Thomas, mein Bruder, o, heb aus diesem Staube Dein Haupt auf!
1040
Schau gen Himmel und lerne mit Furcht und mit Zittern klagen!
1041
Freuen sollen wir uns mit Furcht und Zittern, so sollen
1042
Wir auch klagen. Wer ist es, der das Elend uns sandte?
1043
Ist es nicht Der, der uns zu dem ewigen Leben gemacht hat?
1044
Sinn' ihm nach, wenn jetzt zu des Allerheiligsten Ohre
1045
Deiner Klagen Geschrei mit seinem Ungestüm aufschrie,
1046
Dann sich unter die Chöre der Dankenden mischt' und die Wonne
1047
Ihrer Freudenthränen und Halleluja entweihte!
1048
Kann denn Gott nicht erretten? und will denn Gott nicht erretten?
1049
Lerne mit Furcht, ich sag' es noch einmal, lerne mit Zittern
1050
Trauren! Es ist der stets Anbetungswürdige, der uns
1051
Elend sendet. Verehre, mein Bruder, den göttlichen Boten!«
1052
Th. »Joseph, Du bist ein Mann nach meinem Herzen. Indem Du
1053
Von dem Ewigen sprichst, wird Deine Seele zu Flamme.
1054
Werde mit Freude von Gott und werde mit Schmerz gesegnet,
1055
Aber mit keinem Schmerz, wie meiner ist. Ach, Du erlägest
1056
Dann, wie ich erliege!« J. »So rede denn, nenne die Lasten,
1057
Welche Dich niederstürzen!« Th. »Ja, welche mich niederstürzen!
1058
Kanntest Du ihn? Doch was sag' ich zuerst? was zuletzt? O, Du kanntest
1059
Jesus, den Göttlichen, nicht! Wie lang' verweilst Du in Juda?«
1060
J. »Wenige Tage nur erst. Doch sind stets Boten aus Juda
1061
Nach der Freude Hütten gekommen, in welchen ich wohne,
1062
Und die haben mit uns von Jesus, dem Sohn Jehovah's,
1063
Viel geredet. Zuletzt sind wir heruntergekommen,
1064
Jesus sterben zu sehen und auferstehn von dem Tode.«
1065
Th. »Auferstehn von dem Tode? Wer bist Du, Joseph?« J. »Auch hatt' ich,
1066
Didymus, einen vertrauteren Freund in Juda, von dem ich
1067
Lang' getrennt war; er trennte sich schon in dem Lande des Nilus.
1068
Diesen gab mir der Göttliche wieder, indem er in Schrecken
1069
Und Erdbeben nicht mehr, noch in Finsternissen daherging;
1070
Jünger, indem er vom Kidron in sanftem Säuseln heraufkam,
1071
Gab er mir meinen vertrauteren Freund, den lange verlornen
1072
Und nun ewigen Freund. Doch ich muß Dich jetzo verlassen;
1073
Aber ich komme zurück, mein Bruder, und sehe Dich wieder.«
1074
Th. »Joseph, bleib! Wo bist Du, Joseph? wo bist Du? Ach, haben
1075
Diesen Namen auch Engel? den süßen Namen des Lieblings
1076
Seines Vaters und Gottes? Nur
1077
Deiner himmlischen Stimme nur
1078
Darf ich Dich nennen, wie Du mich nanntest? – mein Bruder! – Du schweigst mir!
1079
Wo, wo gehest Du hin? wo bist Du? Ach, ohne Mitleid
1080
Fährest Du fort, mich nicht zu hören. Er ist kein Engel!
1081
Könnte so hart ein Engel sein? Das können nur Menschen!
1082
Aber er wohnt in Hütten der Freude. Boten aus Juda,
1083
Die von dem Göttlichen sprachen! Wer sind die Boten aus Juda?
1084
Sandte sie Gott? Gewiß, der Herr kann Engel aus Juda
1085
Zu den Himmlischen senden. Er kam herab. Von dem Himmel?
1086
Jesus sterben zu sehn! So wußten Boten aus Juda,
1087
Was geschahe, vorher? Und auferstehn von dem Tode!
1088
Aber dieses geschahe ja nicht. Wer kann ihn begreifen?
1089
Jünger nennet er mich! und dann ist Jesus vom Kidron
1090
Im Erdbeben nicht mehr, ist in sanftem Säuseln gekommen,
1091
Einen vertrauteren Freund ihm auf immer wieder zu geben!
1092
Aber wenn? eh er starb? Warum denn in sanftem Säuseln?
1093
Auch da säuselt' es sanft, und die Woge schwieg, da von Neuem
1095
Doch Erdbeben ist nur nach seinem Tode gewesen.
1096
Also hätt' er erst den lang' verlornen und jetzo
1097
Ewigen Freund nach seinem Tod ihm wiedergegeben?
1098
Und so thät' er, auch todt, der Gnade Wunder und hülfe?
1099
Aber warum denn todt? Auch Leben ward ja verkündet!
1100
Nein, ich begreif' ihn nicht. Sollt' erstehn der Messias, wie wußten's
1101
Engel, eh es geschah? Auch Gottes geheimstes Geheimniß
1102
Wüßten die Engel? Es hätte vor ihnen der Unerforschte
1103
Nichts Verborgnes? Je mehr ich forsche, je tiefer versink' ich!
1104
Aber wacht' ich auch wirklich? Ermattet' ich nicht an dem Felsen,
1105
Wo ich mich hielt und beinah nicht mehr mir meiner bewußt war?
1106
Ja, ich bin niedergesunken, bin eingeschlummert und habe
1107
Diesen Fremdling in Traume gesehn. Er war ja voll Mitleid;
1108
Warum wär' er auf einmal geflohn? So entfliehen nur Träume,
1109
Aber kein redlicher Freund, Mensch oder Engel. Nun seh' ich's,
1110
Nun erfahr' ich es selbst, was tiefe Traurigkeit wirket,
1111
Und wie die Jünger sich täuschen, wenn sie Erscheinungen sehen.
1112
Glückliche, die Ihr Euch täuscht und Eure tröstenden Schatten
1113
Wandelt in wahre Gestalt! Doch ich gehe den Weg, den mich Gott führt.
1114
Sind nur meine Betäubung und ihre Qualen vorüber,
1115
O, so geh' ich den Weg mit Ruhe, den Gott mich leitet.
1116
Finsterniß sei er und Dunkel und Nacht! Er führt, ich gehe!«
1117
Also entschloß sich Thomas und horchte nach dem Geräusche
1118
Kidron's, hinunter zu gehn und zu ruhn in Gethsemane's Hütten.
1119
Hinter ihm hatte, da er die Versammlung der Jünger verlassen,
1120
Einer die Thür geschlossen. Als dieser wieder zurückkam,
1121
Sagt' er zu der Versammlung: »Ich habe die Thür geschlossen,
1122
Daß wir entrinnen, wofern die Priester senden. Denn glaubt nicht,
1123
Daß ihr wüthender Durst mit Jesus' Blute gestillt sei.«
1124
Da sprach Kephas: »Ich will nicht, daß Ihr die Thüren verschließet.
1125
Mögen sie ihre Schaaren doch senden! Der Herr ist erstanden! –
1126
Aber sie haben ja selbst den nun Erstandnen getödtet!« –
1127
P. »Nun, so will ich sterben, wofern es sein göttlicher Will' ist!
1128
Schließt die Hütte nicht! Kleinmuth, wie die, entehrt den Erstandnen!« –
1129
»müssen wir sterben, Simon, so helfen geschlossene Thüren
1130
Uns ja nicht. Allein, daß zu kühn in Gefahr wir uns wagen,
1131
Ist der Wille des Herrn nicht; und Rettung über die Mauer
1132
Ist in unsrer Gewalt, wenn die Thür die Wüthenden aufhält!« –
1133
P. »Ist in unsrer Gewalt, wenn der Herr die Wüthenden aufhält!«
1134
Sagte Petrus feuriger, ließ die Thüren sie schließen.
1135
Aber nicht lang', so erscholl das Haus von eiligem Klopfen.
1136
Und sie erschraken. Da scholl's von Neuem. Jakobus erhub sich,
1137
Eilt' hinunter und fragte. Matthias und Kleophas waren's.
1138
Und er ließ sie herein, die glücklichen Freunde. Sie sanken
1139
Fast vor Müdigkeit, athmeten, standen, gingen langsam,
1140
Trockneten sich die Stirn. »Wen flohet Ihr?« sagte Jakobus.
1141
Und sie lächelten sanft, ermannten sich, eileten, stiegen
1142
Mit Jakobus hinauf und traten in die Versammlung.
1143
Siehe des Lebenden Mutter und Magdalena Maria
1144
Kamen, mit ihnen der Glaubenden mehr den Beiden entgegen,
1145
Traten um sie und riefen mit freudestrahlendem Auge,
1146
Riefen: »Der Herr erstand wahrhaftig, ist Simon erschienen!«
1147
Kleophas hub mit Erstaunen die Hand gen Himmel und sagte:
1148
»heil uns! Er ist erstanden, ist erstanden! Auch wir sind
1149
Seine Zeugen, auch uns ist Jesus Christus erschienen!«
1150
Petrus nahte sich schnell: »O Christus' Brüder und meine!«
1151
K.M. »Simon, er hat uns also genennt, er nennet' uns Brüder!«
1152
Petrus redete weiter: »Auch Diese, die Euch umgeben,
1153
Haben ihn lebend gesehn, nur nicht Maria. Er wird Dir,
1154
Hoff' es freudig zu ihm, Du seine Mutter, erscheinen!
1155
Magdale sah ihn zuerst und allein; dann sahn ihn die Neune,
1156
Wie Ihr zweifelnd vernahmt, als Ihr die Versammlung verließet;
1157
Dann erschien er auch mir. Ach, namlos ist die Entzückung,
1158
Welche das Herz uns erschütterte, da wir nun sahn, daß er lebte!
1159
Aber, o sehet um uns die Traurenden! Unsere Brüder
1160
Trauren, indem wir uns freun. Schon fingen sie an, uns zu glauben;
1161
Aber, ach, Thomas, wie elend ist er, wie in Jammer versunken!
1162
Thomas hat sie verwirrt. Der beweinenswürdige Jünger
1163
Ist noch ohne Jesus; er hat sie verwirrt. O, sie freuten
1164
Schon mit unseren Freuden sich. Herr, erbarme Dich ihrer
1165
Und vor Allen des grübelnden, tiefverwundeten Thomas!«
1166
Aber Johannes erhub sich und trat zu ihnen und sagte:
1167
»mich verwirrte Didymus nicht. Ich traure nur, Simon,
1168
Daß der Lebende mir nicht erscheint.« P. »Er ist ja, Du Theurer,
1169
Seiner Mutter sogar und der Deinen noch nicht erschienen.
1170
Sagt's denn, erzählt's den Betrübten, o Christus' Brüder und meine,
1171
Daß Ihr lebend, lebend ihn saht.« K. »Geliebte, wir gingen
1172
Traurend und angstvoll (ach, Ihr seid's noch) nach Emaus, wollten
1173
Durch des offnen Gefilds Anblick uns erfrischen, den Kummer
1174
Unserer Seele lindern; da kam ein Fremdling gegangen,
1175
Den wir lieben mußten, sobald wir ihn sahen und hörten,
1176
Der – o, was sag' ich zuerst? was zuletzt? – der uns der Propheten
1177
Tiefen eröffnete, der des Messias furchtbare Leiden,
1178
Seine Leiden – er war's, ach, er war es selber – uns zeigte,
1179
Wie sie der Vater vorhergesehn und verkündiget hatte,
1180
Seines Todes ganzes Geheimniß. Noch kannten wir ihn nicht;
1181
Fremd war seine Gestalt und verhüllt' ihn uns. Jetzo erreichten
1182
Wir die Hütt' in Emaus. Alles, was er uns sagte,
1183
Weiß ich und kann's nicht erzählen. Wie kann ich sprechen, wie er sprach?
1184
Seine Rede war Sturm, war Flamme. Wir flehten. Er ließ sich
1185
Endlich erweichen und blieb. Ich hatt' aus der Quelle geschöpfet,
1186
Hatte Speise gebracht. Nun ... Ach, noch seh' ich das Brod ihn
1187
Halten, noch hör' ich ihn beten. Da er betete, war es
1188
Jesus' Stimme, die betete, waren's die feirlichen Worte
1189
Seines Segens sogar, da war's des Göttlichen Antlitz!
1190
In der Wonne sanken wir nieder, mit anzubeten.
1191
Und er brach und reicht' uns das Brod und blickte noch einmal
1192
Liebend uns an und verließ uns. Wir folgten ihm, suchten ihn, konnten
1193
Ihn nicht finden. Wir säumten nicht lang' und gingen und eilten,
1194
Euch der Wonne Botschaft zu bringen.« Lebbäus, von Thomas
1195
Mehr wie die Andern erschüttert und noch in Zweifel verloren,
1196
Saß mit hangendem Haupt und blickte starr auf die Erde.
1197
Er, deß Seele so viel, so stark zu empfinden vermochte,
1198
Hatte die frohe Geschichte mit grübelnder Kälte vernommen.
1199
Endlich verstummt' er nicht mehr, er sprach: »Ich glaub' Euch, Geliebte,
1200
Ja, ich glaube, daß Ihr mit einem Manne voll Weisheit,
1201
Oder wol gar mit der Engel einem nach Emaus ginget.
1202
Sahn die Weiber, und sahet Ihr Engel, so sendete Gott sie,
1203
Unsre Traurigkeit über den Tod des Messias zu lindern,
1204
Unsre Traurigkeit, daß uns sogar sein Leichnam geraubt ist.
1205
Gott, der unserer Qual sich erbarmt hat, sendet uns Engel,
1206
Daß ihr himmlischer Anblick uns tröste, mächtig erinnre,
1207
Jesus' Seele sei nun in dem Schooße der ewigen Ruhe;
1208
Also leugn' ich Euch nicht, der mit Euch red'te, Den habe
1209
Gott gesandt, daß er Euch aufrichtete, sei er ein Engel
1210
Oder ein Weiser gewesen. Ich leugn' es Euch nicht, daß er tiefer
1211
Sehe denn wir in die Offenbarung, und die Propheten
1212
Uns verkündiget haben: es sei der Wille des Vaters
1213
Und des Richters der Welt, daß, ach, den größten der Menschen,
1214
Siehe, den unschuldsvollsten, der Tod auf Golgatha tödte.
1215
Seht, Ihr Theuren, das glaub' ich mit Euch. Doch, daß er es endlich
1216
Selbst ward, da er vorher es nicht war, das kann ich nicht glauben.
1217
Sagt, wie konnt' es geschehn, daß Ihr ihn zuerst nicht erkanntet,
1218
Eine fremde Gestalt zu sehen glaubtet? Die Freude
1219
Hat Euch verführt. Ihr saht, indem der Fremdling das Brod hielt,
1220
Etwas Aehnliches mit der Erhabenheit Jesus', womit er
1221
Sonst, eh wir aßen, das Brod zu dem Himmel dankend emporhielt;
1222
Dies nur sahet Ihr, glaubtet zu schnell, ihn selber zu sehen.
1223
Und nun wurd' es Euch leicht, auch Jesus' Stimme zu hören,
1224
Als der Fremdling betete.« Trübe, verfinsternde Zweifel
1225
Ließ in den Seelen, die schon verwundet waren, Lebbäus'
1226
Traurige Rede zurück. Doch Kleophas sah ihn mit Wehmuth
1227
Und mit Innigkeit an. Matthias umarmt' ihn und sagte:
1228
»jünger des Auferstandnen, als wir den Herrn noch nicht kannten
1229
Und ihn fragten, ob Jesus leb'? und ob wir des Heils uns
1230
Freuen dürften, ihn wiederzusehn? da sprach der Erstandne:
1231
Joseph's Brüder erkannten ihn nicht. Doch der Wonn' und des Weinens
1232
Selige Stunde kam, und Joseph vermochte nicht länger
1233
Sich zu halten und weinete laut.« Mit himmlischer Ruhe
1234
Sprach's Matthias. L. »O Jesus, wofern Du lebtest, Du könntest
1235
Gegen mich Dich nicht halten!« Lebbäus rief's und verhüllte
1236
Schnell sein bleicheres Antlitz. Ihn sahe Petrus und wurde
1237
Doch nicht traurig. Er konnte nicht trauren; fragte die Beiden:
1238
»als Ihr den hangenden Felsen verließt (wir sahn Euch vom Söller)
1239
Und zu den Palmen hin Euch wendetet, kam der Erstandne
1240
Da zu Euch?« Sie sprachen: »Er kam, der Göttliche kam schon
1241
Bei dem Felsen zu uns.« Und Petrus rief in der Wonne:
1242
»meine Brüder, Ihr habt den Erstandnen Alle gesehen!
1243
Hört Ihr die Zeugen? Ihr habt schon Jesus Christus gesehen!
1244
Thomas auch. Ach, wär' er bei uns!« Des Lebenden Mutter
1245
Rief mit gefalteten Händen und süßer Verwundrung: »Ich habe
1246
Meinen Sohn lebendig gesehn! lebendig, nicht todt mehr!«
1247
Wie ein einsamer Uebriger, der durch den Tod den letzten
1248
Seiner Freunde verlor, von ängstlichen Träumen, in denen
1249
Er ihn lebend erblickt' und nicht zu erreichen vermochte,
1250
Halberwachend das dunklere Bild des Freundes noch suchet,
1251
Klaget, nicht weiß, ob er schlafe, nicht, ob er wache – das Herz schlägt
1252
Hoch ihm empor, und Flammen durchströmen ihm die Gebeine –
1253
Also waren noch Viele der thränenvollen Versammlung.
1254
Aber der Seraphim, die zu ihnen eilten, der Väter,
1255
Die mit den jauchzenden Engeln zu ihnen eileten, wurden
1256
Immer mehr, und Simon Johanna blickt die Versammlung
1257
Liebend an. Da sieht er es schimmern. Er hielt vor Entzückung
1258
Ein beginnende Thräne zurück und betete schweigend:
1259
»o Du Verborgner und doch stets Gnädiger, ewig und ewig
1260
Gnädiger, nun, o mein Erbarmer, erbarmst Du Dich Ihrer!«
1261
Kephas dankt' und betete noch, da trat der Versöhner
1262
In die Versammlung. Wie Felsen,
1263
Starrten sie All' um ihn. Der Auferstandene sagte:
1264
»friede sei mit Euch!« Sie sahn ihn und sahn ihn nicht, standen,
1265
Blickten ihn an. Von den Strömen zu vieler Gedanken ergriffen,
1266
Wie in Meeren des Lichts, in denen Unsterbliche sänken,
1267
Sanken sie, konnten sich nicht herausarbeiten und wähnten
1268
Einen Engel zu sehn. Mit der Liebe Stimme, mit seiner,
1269
Sprach der Erstandne: »Vor mir seid Ihr erschrocken, Ihr Lieben?
1270
Warum kommen Euch diese Gedanken in Eure Herzen?
1271
Sehet meine Hände und meine Füße, Geliebte!
1272
Denn kein Engel hat Fleisch und Gebein, wie Ihr seht, daß ich habe.«
1273
Und sie bebten herzu. Maria sank vor ihm nieder,
1274
Hielt die Füße des Auferstandenen, sahe die Wunden,
1275
Fasset' ihn bei der Rechten und sah die Wunde der Rechten,
1276
Dann der Linken. Und nun vermochte sie auch in des Sohnes
1277
Antlitz hinaufzuschaun. Wie das Angesicht eines Engels
1278
Wurd' ihr Angesicht, als sie hinaufsah. J. »Meine Mutter,
1279
Hier auch wurd' ich durchstochen.« Er zeigt' ihr das Mal der Wunde,
1280
Aus der Wasser herab und Blut floß, als ihn des Todes
1281
Nacht umgab. Ihr ward wie das Angesicht eines Engels
1282
Wieder ihr Angesicht. Schon umknieten die Meisten ihn, sahen
1283
Seine Wunden und reicheten ihm die Hände. Die nahmst Du,
1284
Sohn des Vaters, und hieltest sie, ließest sie sinken, der Andern
1285
Ausgestreckte zitternde Hände zu nehmen, Erbarmer!
1286
Und, ein Jubelgesang dem Auferstandnen, erhub sich
1287
Mit gebrochenen Worten die Stimme des sanften Weinens.
1288
Jetzt rann über die Wange des Göttlichen
1289
Lange hielt Johannes die Rechte des Liebenden, lange
1290
Sah er mit glänzendem Aug' hinauf in sein Antlitz und wollt' ihn
1291
Fragen und fragt' ihn nicht, wollt' ihm sagen, wie innig, wie herzlich
1292
Er ihm dankte, wie tief er ihn anbetet', und that's nicht.
1293
Endlich begann er, doch schnell verstummt' er noch mehr. Denn der Gottmensch
1294
Redet' ihn an. »Du standest am Kreuz und bliebst bis zum Tode.
1295
Aber wo ist Lebbäus?« Lebbäus lag auf der Erde,
1296
Hielt und küßte den Saum an des Mittlers Gewande. Da stand er
1297
Eilend auf, da die Stimme des Herrn bei dem Namen ihn nannte,
1298
Nahte sich bleich wie ein Todter, vor Freude. Der Göttliche sagte:
1299
»hier ist meine Rechte, Lebbäus!« und reicht' ihm die Rechte.
1300
Und Lebbäus streckte verstummend die Hand nach dem Herrn aus;
1301
Aber sie sank ihm nieder. Da beugte Jesus sich vorwärts
1302
Nach dem Jüngling, ergriff die Hand des Sinkenden, hielt sie
1303
Lang' mit Liebe. Die Seele des Freudigerschrocknen, sein Mund nicht,
1304
Stammelte: »Gnade bist Du, ganz Gnade!« Der Kanaanite
1305
Simon, Jakobus der Alpheid' umarmten einander,
1306
Freuten des Herrn sich, blickten umher, sahn sich und den Herrn an.
1307
Auch die Andern begannen vom Herrn auf einander zu blicken,
1308
Sich zu freuen, daß er sie Alle begnadiget hatte.
1309
Und, ein Jubelgesang dem Erstandnen, erhub sich von Neuem
1310
Mit gebrochenen Worten die Stimme des sanften Weinens.
1311
Um sie knieten die früheren Zeugen, Petrus, Matthias,
1312
Kleophas und die begnadigten Weiber, die Heldenseelen,
1313
Sie, die bis zu dem Kreuz hinauf dem Leidenden folgten.
1314
Unter ihnen steht der Ueberwinder des Todes,
1315
Hebt die Augen mit aller seiner Hoheit und breitet
1316
Seine Hände gen Himmel. Noch strahlete zwar die Verklärung
1317
Nicht von ihm; doch war in seinem Antlitz voll Gnade
1318
Mehr als jemals Göttlichkeit. Sie vermochten nicht länger
1319
Ihm in das Antlitz zu schaun. Jakobus neigte sich tiefer
1320
Gegen die Erd' und wagt' es und rief mit flehender Stimme:
1321
»herr, Herr, Gott, noch erhebe Dich nicht zu Deinem Vater!
1322
Ach, erhöre ...« Der Göttliche sprach: »Ich bleibe noch bei Euch,
1323
Kindlein.« Er sprach's, und nun ergriffen zu mächtige Freuden
1324
Ihre Seelen. Sie wußten es kaum, was sie dachten und sagten.
1325
»ach, ist es möglich, daß Jesus es selber ist? Engel, ist's möglich?«
1326
Rief der Eine, der Andere rief: »O, sind wir im Himmel
1327
Oder auf Erden? Ist Jesus es selbst? Ach, bist Du es selber,
1328
Der auf Golgatha blutete, bist Du es selbst, Du Erbarmer?
1329
Sehen wir, oder verlieren wir uns in süßen Gesichten?«
1330
Jesus wendete sich, ging hin zu dem Tische und legte
1331
Auf die verbreiteten Teppiche sich und sagte zu ihnen:
1332
»habet Ihr etwas Speise für mich?« Sie erhuben sich eilend,
1333
Traten herzu und waren beschäftiget, Speise zu bringen.
1334
Aber Johannes drang sich hervor vor den Andern und brachte
1335
Honigseim und gerösteten Fisch und setzte die Speise
1336
Vor den Herrn; dann trat er zurück mit schweigender Ehrfurcht.
1337
Voll von sanfter Vertraulichkeit sagte der Auferstandne:
1338
»nahe Dich mir, Geliebter, wie sonst! Ihr, meine Geliebten,
1339
Nahet Euch auch und ruhet um mich auf den Teppichen. Komm denn,
1340
Meine Mutter, und ruh' bei Deinem Sohne.« Da kam sie,
1341
Und da kamen die Andern. Er aß. Und über den Anblick
1342
Seiner vertraulichen Liebe, daß sie an
1343
Mit dem Göttlichen ruhten, und er vor ihnen wie sonst aß,
1344
Legte sich ihrer Entzückungen Ungestüm. Stillere Freuden
1345
Kamen in ihr besänftigtes Herz und völliger Glaube.
1346
Da er ihre Herzen gestillt sah, sprach der Erbarmer:
1347
»seht, den Zeugen glaubtet Ihr nicht, die Euch sagten, ich lebte,
1348
Mich, mich hätt' ihr Auge vom Tod erstanden gesehen;
1349
Ihnen, denen Ihr sonst in Allem trautet, und deren
1350
Redlichkeit Ihr ja kanntet, o, warum glaubtet Ihr hier nur
1351
Ihnen nicht? Unbiegsam war Eure Seele, Geliebte.
1352
Weinet nicht, Kindlein! ich habe ja Euer doch mich erbarmet.
1353
Aber lernt, wie das Herz des Sterblichen ohne mich sei!
1354
Hatt' ich es Euch nicht gesagt, oft wiederholet: gekreuzigt
1355
Würd' ich werden, vom Tode der Tage dritten erwachen?
1356
Hat dies Moses nicht auch gesagt, die Propheten, die Psalme
1357
Nicht verkündet? und hub ich Euch nicht die Hülle der Schrift auf?
1358
Was ich sagte, das sagten auch diese Zeugen: getödtet
1359
Müßt' ich werden, vom Tod erstehn! In Jerusalem sollen
1360
Meine Zeugen beginnen, von hier zu den Völkern der Erde
1361
Gehn und ihnen die beiden erhabensten Seligkeiten:
1362
Wiederkehr zu Dem, der sie schuf, und den sie verließen,
1363
Und Vergebung der Sünde, des ewigen Lebens Anfang,
1364
Predigen. Brüder des Mittlers, Ihr seid die Zeugen. Ihr sollt mich
1365
Auf der Erde verkündigen. Sieh, des Vaters Verheißung
1366
Will ich Euch senden. Ihr sollt, bin ich zu dem Vater gegangen,
1367
In Jerusalem bleiben, bis Ihr, mit Kraft aus der Höhe
1368
Angethan, hinwandelt und lehrt: Wer glaubt und getauft wird,
1369
Der wird selig; verdammt, wer nicht glaubt! Der Glaubenden Viele
1370
Sollen Wunder begleiten. In meinem Namen vertreiben
1371
Sie den Satan aus den Besessnen und reden in Sprachen,
1372
Die sie nicht lernten. Auch Schlangen vertreiben sie. Ohne zu sterben,
1373
Trinken sie tödtlichen Trank. Sie legen die Händ' auf den Kranken,
1374
Und der Kranke genest.« Der Versöhner erhub sich mit Wonne,
1375
Ging dann vorwärts in die Versammlung. Sie drangen um ihn sich
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Freudig herum, ganz nah ihn zu sehn. Der Liebende sagte:
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»nahet Euch, meine Jünger!« Die Andren entfernten sich wieder,
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Nicht nur neidlos; sie freueten sich, wie vollendete Fromme
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Sich in dem Himmel des Heils der Mehrbegnadeten freuen,
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Ueber die Gnade, die gab der Versöhner den Ersterkornen.
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Und der Göttliche stand, um ihn die hohen Apostel.
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Auch sie sollten bluten! Er sah in dem Geiste sie bluten,
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Und von inniger Lieb' erschüttert, sprach er zu ihnen:
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»friede sei mit Euch!« So sprach des Göttlichen Stimme,
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Und, wie Einer, deß Seele der Freuden zu viel' belasten,
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Athmet' er tiefer herauf und hauchte sie an und sagte:
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»jetzt schon empfaht den heiligen Geist! In reicherer Fülle
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Werdet Ihr bald ihn empfahn. Wem Ihr die Sünden erlasset,
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Sind sie erlassen; wem Ihr sie behaltet, sind sie behalten!«
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Und sie vernahmen den großen Befehl mit Erstaunen und Demuth.
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Jetzo daucht' es ihnen, als wollte der Herr sie verlassen.
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Und sie standen um ihn und wagten es nicht, ihn zu bitten,
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Daß er bliebe; doch zitterten sie, doch fleht' ihm ihr Auge.
1394
Petrus, gefaßt von Gedanken, die seine Seele wie Flammen
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Ueberströmeten, warf zu den Füßen Jesus' sich nieder,
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Hielt sie, küßte sie, rief: »Ich kann auf der Erde nicht danken!
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Herr, in dem Himmel will ich Dir danken! Ich weiß es, Erbarmer –
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Denn so sprach der Gesendete: Sagt's den Jüngern und Petrus!
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Denn Du erschienest mir, und Du erscheinest mir – weiß es, Erbarmer,
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Göttlicher Sündeversöhner, Du hast mir meine Verleugnung,
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Mein Erretter und aller Gefallenen Retter, vergeben;
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Aber laß sie, Du Liebe, mich Dir noch einmal bekennen,
1403
Herr, bekennen vor Deinem Antlitz, beweinen, der Gnade
1404
Stimme mich hören, Vergebung aus Deinem göttlichen Munde,
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Deine Himmelsstimme, daß Du in das Leben mich aufnimmst,
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Hören, eh ich von Dir zu Denen, die Du versöhnt hast,
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Geh' und in Deinem Namen den Sündern Sünde vergebe!«
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Und er sahe mit vollem Vertraun und inniger Demuth
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In des Liebenden Antlitz. Da sprach der Geopferte Gottes:
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»siehe, das weißt Du, ich habe für Deine Seele gebetet,
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Daß ihr Glaube nicht ganz sie verließe. Mich hörte mein Vater.
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Simon, steh auf! Es ist Dir Deine Sünde vergeben!«
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Also sprach der Geopferte mit so göttlicher Stimme,
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Daß sie ihr Mark und Gebein durchdrang und die innerste Seele.
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Aber sie sahn ihn nicht mehr. Da rief der begnadete Petrus:
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»herr, wir folgen Dir nach in Galiläa!« Des Grabes
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Engel erschien. »Noch seht Ihr den Herrn in Jerusalem wieder,
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Höret von ihm, wenn Ihr in Galiläa ihn sehn sollt.«
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Und der Engel verschwand mit langsam verlöschendem Schimmer.