Trüb ist und bang in ihren verborgensten Tiefen die Seele

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Friedrich Gottlieb Klopstock: Trüb ist und bang in ihren verborgensten Tiefen die Seele Titel entspricht 1. Vers(1759)

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Trüb ist und bang in ihren verborgensten Tiefen die Seele,
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Wenn sie fürchtet, daß Gott sie aus ihrem himmlischen Erbe
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Stoßen werde. Verirrt in dem Labyrinthe der Vorsicht,
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Wenden sich weg von weiterem Forschen alle Gedanken;
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Jede von ihren Empfindungen treffen die Flüche vom Sina
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Und von dem Ebal, mehr des hohen Golgatha Schrecken.
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Ach, nun wird sie das weiße Gewand der Sieger nicht kleiden,
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Ihr in dem Himmel die Palme der Ueberwinder nicht werden,
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Und die Krone nicht strahlen! Sie liegt hinschmachtend im Staube;
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Und sie würde vergehn, wenn sie
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Er ihr Retter nicht wär', ihr Engel, gesandt von dem Himmel,
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Dieser große: sich Gott in Allem zu unterwerfen!
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So voll Jammers und so von jeder Hoffnung verlassen
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War der kleine Haufe der Wenigen unter den Menschen,
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Die den Versöhner kannten des Ewigen, da ihn ihr Auge
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Starr und todt auf Golgatha sah und um ihn nun Alles
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Oed' und verstummt; und so war's Der von Arimathäa,
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Er der Eine, daß sie nicht ganz dem Jammer erlagen.
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Dich zu begraben, Du Todter des Herrn, entschloß sich Joseph,
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Muthiger jetzt und Rächer an seiner vorigen Kleinmuth.
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Laut ruft' er auf Golgatha, daß es der Hauptmann der Römer
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Und, wie sehr auch Angst sie betäubte, die Zeugen es hörten:
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»ich begrabe den Todten des Herrn! Dort gegen uns über
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Lieget sein Grab und meins. Nein, ich will nur bei des Felsen
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Eingang ruhen. Auf, Nikodemus, und alle Myrrhen,
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Alles, was Du von der Aloe brachst, das nimm und erwarte
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Mich bei dem Kreuz. Ich geh', und ich komme vom Fürsten der Römer
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Schnell zurück; auch bring' ich die Leinwand zu dem Begräbniß.«
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Und er eilte. So eilt der Entschluß, das Leben zu ändern,
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Wenn er wahr ist, und jeder Entschluß der Sünde vergebens
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Gegen ihn den blinkenden Dolchstoß wüthend emporhebt
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Oder umsonst Einschläfrungen ihm und Seligkeit zusingt,
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Also eilt er zur That. Der Arimathäer erreichte
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Bald des Heiden Palast und fand ihn umgeben von Unruh,
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Sahe Portia bleich und trüb ihr Auge von Jammer.
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P. »Was begehrst Du von mir?« J. »Des Todten Leichnam, Pilatus,
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Den Du nicht kanntest, und den Du, von meinem Volke verleitet,
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Heut auf Golgatha kreuzigen ließest. Ich will ihn begraben.«
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P. »Aber was geht der Todte Dich an?« J. »Sehr viel, o Pilatus,
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Und nur weniger als den Richter droben, der Götter
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Gott!« P. »Am Kocytus, und nicht in dem Himmel, richten die Götter;
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Er nicht, den Du voll Stolz den Gott der Götter itzt nanntest,
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Israelit! Rhadamantus und Minos und Aeakus richten.«
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J. »Ob die Götter der Römer, und ob am Kocytus sie richten,
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Laß uns dann, o Pilatus, entscheiden, wenn unsere Leichen
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Urne füllen und Grab. Itzt fleh' ich, o unser Beherrscher,
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Auch der Mörder Beherrscher, die den Propheten erwürgten,
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Innig Dich an: Gieb mir, gieb wenigen Frommen den Leichnam
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Dieses göttlichen Manns!« P. »So wär' er so schnell denn gestorben?
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Sag, ist er wirklich todt?« Jetzt hielt es Portia's Wehmuth
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Länger nicht aus. »Gieb diesem redlichen Manne den Todten,
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Oder begrabe mich selbst!« Sie sprach's, und es stürzt' ihr die Thräne.
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»sende zum Hauptmann am Kreuz,« Pilatus sagt' es zu Joseph,
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»und wenn er kommt, so führ' ihn zu mir.« Er sandte. Der Hauptmann
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Kam. Sie traten herein. P. »Ist, den sie vor Barrabas wählten,
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Jetzt schon todt?« H. »Todt war er. Ihm wollte Keiner die Beine
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Brechen, bis Einer zuletzt die Lanze tief ihm ins Herz stieß.«
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Und Pilatus erwiderte: »Gieb dem Manne den Leichnam,
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Daß er ihn, wo er will, begrabe. Wo hast Du beschlossen,
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Ihn zu begraben?« J. »In meinem Grab an Golgatha's Hügel.«
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Also sagt' er und ging und kam zu dem Hügel des Todes.
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Christus' Mutter erblickte zuerst den Treuen und sah es,
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Daß er das Sterbegewand zu ihres Sohnes Begräbniß
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Trug, und weinte vor inniger Wehmuth; doch ohne Sprache
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Blieb sie noch stets, stumm immer noch, mit dem Schwert in der Seele.
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Und so bebte zum ersten Mal die Lippe Johannes':
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»mutter des Herrn, uns armen Leidenden ist es doch Lindrung,
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Daß ihn Joseph begräbt.« Allein, indem er es sagte,
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Wandt' er gleichwol vom Grabe den Blick. Die Mutter des Todten
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Und des Jüngers antwortete nicht. Der fromme Joseph
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Eilte zum Kreuz, und ihm kam Nikodemus entgegen.
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Wer von den Zeugen sich ihnen naht, dem rufen sie Beide
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Freudig zu: »Wir dürfen den Todten Gottes begraben!«
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Aber die Leidenden traten zurück und blieben von fern stehn;
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Doch die Zeugen im Himmel nicht auch, die Erstandnen und Engel.
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Diese schwebeten näher hinzu, und schon, doch unhörbar
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Menschlichen Ohren, begann der Harfe Klage, der Stimme
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Klage noch nicht. Hätt' einer der Sterblichen dieses vernommen,
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Einer von Denen, die bang in bitterem Schmerze versanken:
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Nicht auf der Erd', er wär' in dem Himmel vor Freude gewesen,
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Oder der Engelharfe Wehmuth hätt' ihn getödtet.
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Jetzt trat Joseph herzu und Nikodemus und legten,
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Der das Sterbegewand und Der die Gerüche der Myrrhe,
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In den Staub. Dann nahmen sie von dem Kreuze den Leichnam.
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Und sie ließen ihn sanft auf Golgatha's Hügel herunter
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Sinken. Nun ruht' er am Kreuz. Sie eileten, gaben der Staude
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Leben dem Leichengewand und wollten, der einst mit Posaunen
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Auferstehung gebeut, so schützen vor der Verwesung.
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Aber Eva schwebt' auf ihn zu und neigt' ihr Antlitz
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Ueber das Antlitz des todten Messias. Ihr goldenes Haar floß
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Sanft auf seine Wunden, und
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Auf die ruhende Brust. »Wie schön sind Deine Wunden,«
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Lispelt sie leis' ihm zu, »noch ungeborner Erlöster!
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Ganzer Aeonen Seligkeit strömt aus jeder herunter.
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Sohn, mein Mittler, wie decket Dir Blässe des Todes das Antlitz!
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Dein geschlossener schweigender Mund, Dein stummes Auge
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Reden dennoch ewiges Leben. Ein blühender Seraph,
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Stürb' er, also läg' er im Tode. Noch lächelst Du Liebe,
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Und in Deinem Gesicht red't jede Geberde noch Gnade!«
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Also sprach zu dem liegenden Todten die glückliche Mutter;
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Aber die andere stand verhüllt und konnte zum Leichnam
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Nicht hinblicken. Joseph und Nikodemus umwanden
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Schon den Todten. Allein, als unter der Bebenden Händen
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Nun das Sterbegewand zu Blute wurde, da hielten's
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Länger nicht aus die vollendeten Frommen, die Väter des Mittlers,
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Und es begann ihr Todtengesang, die Klage des Himmels.
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Eins der Chöre begann, und die Thränen der Seligen flossen.
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»wer ist Der, so vom Golgatha kömmt in röthlichem Kleide?
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Wer, mit Blutgewande geschmückt, herunter vom Altar?
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Wer, deß göttliche Macht verborgen und ewiges Heil ist?«
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Ihm antwortet' ein anderes Chor, und die Thränen flossen,
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Und der Posaunen des Weltgerichts tönt' ein' in dem Chore:
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»ich bin's, der Gerechtigkeit lehrt, ein Meister zu helfen!«
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Dem erwidert das Chor, das zuerst in Thränen dahinfloß:
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»warum ist Dein Gewand so röthlich gefärbt, und wie Eines,
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Der die Kelter getreten, Dein Kleid?« – »Trat ich die Kelter
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Nicht allein, und war mit mir der Endlichen einer?
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Die sich empörten, ich hab' in meinem Zorn sie gekeltert,
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Sie zertreten in meinem Grimm, und all ihr Vermögen
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Ist auf meine Kleider gespritzt. In der rettenden Arbeit
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Hab' ich mir die Gewande mit Blute gefärbt; denn der Rache
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Tag ist, es ist gekommen das Jahr der großen Erlösung.
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Als ich begann zu erlösen, da sah ich umher, und kein Helfer
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War um mich. Da schreckte mich Gott, und Keiner erhielt mich,
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Keiner im Himmel nicht, Keiner auf Erden. Da mußte mein Arm mir
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Helfen, und gegen die stolzen Empörer mein Zorn mich erhalten.
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Siehe, der Schlange zertrat ich den Kopf! Sie stach in die Ferse!
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All' Empörer hab' ich in meinem Zorne zertreten,
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Hab' in meinem Grimm sie trunken gemacht zu dem Tode.
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Also hab' ich all ihr Vermögen zu Boden gestoßen!«
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Dieses sangen die Chöre und mischten Triumph in die Wehmuth.
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Joseph nahm von des Todten Haupt die blutige Krone,
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Reichte sie dem Gefährten und hüllte das göttliche Haupt ein.
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Aber nicht, wie Maria, und nicht, wie die Jünger, verstummten
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Jene seligen Zeugen, die über Golgatha schwebten.
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Denn von Neuem begannen der Sterbegesang und die Thränen.
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Hätten Dir jetzt die Harfen getönet, die Du, auch sterblich
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Noch, auf Patmos vernahmst, wie selig wärst Du gewesen,
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Jünger des Todten und Sohn der jammervollsten der Mütter!
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Also sang ein Chor der Erstandnen und blickt' auf den Leichnam:
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»sieh, es rauschte der Bach Kidrona, der Bach an dem Tempel,
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Engel, der Bach Kidrona! Tritt auf den Stolzen, o Seele,
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Auf die liegende Schlange! Die wenigen einsamen Palmen
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Rauscheten durch Gethsemane. Da begann er zu sterben.«
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Einem anderen Chor entströmeten Halle des Donners:
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»höret' er nicht tief unten die Fluthen rauschen des Abgrunds,
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Wuthausruf der Gerichteten drohn und begann zu sterben?
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Bebte nicht Tabor hinauf in die Wolke? Da kam Eloa
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Aus dem Dunkel einher, der Nacht des richtenden Vaters,
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Schwebt' und sang ihm Triumphe. Da begann er zu sterben.«
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Als sie schwiegen, erscholl die sanfte Stimme der Klage:
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»und gestorben ist er, er ist gestorben, Ihr Engel!«
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Also sangen sie. Joseph und Nikodemus erhuben
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Von der Erde den heiligen Leichnam und trugen langsam
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Ihn von Golgatha's Höh', der Last von Gott gewürdigt.
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Und aus einem der Chöre geleitet' ein Hall sie hinunter:
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»ach, er hielt es nicht Raub, Gott gleichen; und dennoch, Du schönster
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Unter den Menschen und Engeln, erniedertest Du bis zum Tode
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Dich, zu dem Tod am Kreuz, und Knechte sündiger Götzen
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Warfen um seine Gewande das Loos! Ach, Essig und Galle
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Gaben sie ihm in seinem entflammten Durste zu trinken
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Und vom bitteren Kelche des Hohns der Seele des Dulders!«
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Drauf erhub ein flammendes Chor die Stimme gen Himmel:
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»ach, Jerusalem ... Wehe Dir, Jerusalem! Wehe
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Deinen Söhnen, Jerusalem! Jene zu schreckliche Stimme,
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Ach, Dein Rufen ums Blut des Versöhners, wie hat es der Feldherrn
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Rufen, Du Stadt des Todes, erhört! Wie haben die Adler
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Sich versammelt ums Aas!« Da entsanken die Harfen den Vätern;
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Aber es rief die Posaune fort das Rufen des Feldherrn.
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Auch den Händen des Manns, der Aaron's Gott war, entsanken
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Seine Saiten; allein da Eloa's Donnerposaune
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Weh ausrief, da entschwebt' er der Heiligen weinenden Chören,
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Trat dann dicht bei den Engel, heran zu dem blutigen Leichnam.
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Also sang er, und also erscholl die Posaune des Seraph's:
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»lange wird
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Siehe, der Eine, der ewig ist, rechten: Ihr Kain', ich kenn' Euch!
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Weiß, wo Ihr seid! Schrie gegen Euch nicht zu mir in den Himmel
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Eures Bruders Blut? Nicht um Rache ruft' es mir, rufte
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Bis in die innerste Nacht des Weltgerichts um Gnade;
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Aber Ihr wolltet nicht Gnade. So wird des Vergeltenden Stimme,
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Von dem hohen Golgatha bis in die unterste Hölle,
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Viel' der Aeonen ertönen. Nun wählt, Ihr Mörder des Mittlers,
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Eure Wahl denn und sterbt!« Doch jetzo entsank die Posaune
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Selber Eloa; auch schwieg der Gesang des ernsten Propheten.
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Aber sie sahn dem Leichname nach. Ihn trugen die Frommen
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Nieder zum Grabe, das gegen dem hohen Golgatha über
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Einsam unter alternden Bäumen in Felsen gehaun lag.
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Und sie entwälzten den deckenden Stein der Oeffnung des Grabmals.
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Joseph's Aug' erkor in seiner Tiefe die Stätte
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Für den Entschlafnen, und so zerfloß des Traurenden Seele:
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»endlich hat des Lebens, ach, endlich des Todes Dulder,
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Wo er sein Haupt hinlege!« Sie nahmen den heiligen Leichnam,
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Senkten ihn sanft hinab in die Tiefe des Grabes und wandten
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Oft von dem liegenden Todten weg ihr weinendes Auge,
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Bis sie zuletzt den Felsen mit müdem Arm aufhuben,
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Seine dumpfe Last in des Grabmals Oeffnung sinken
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Ließen und Nacht ausbreiteten über den Leichnam des Mittlers.
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Als die Nacht den Todten umgab, da ertönten die Chöre
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Seiner himmlischen Leichengefährten. Sie sahn in des Grabes
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Nacht die Morgenröthe der Auferstehung schon dämmern:
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»selbst Du wurdest gesät; doch entsprossest Du der Verwesung
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Nicht! Kaum schatten Dir, Sohn, die Todesschatten, so regt sich
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Schon das neue Leben um Dich, so rauscht's im Gefilde
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Golgatha schon von der Auferstehung, am blutigen Altar
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Laut von der Auferstehung des größten unter den Todten!
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Tönt, Posaunen der Engel des Throns, der Ernter am Tage
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Seines Lohnes, der Himmelrufer, wenn nun an des Sion
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Strome die neuen Namen der Sieger melodisch heraufwehn,
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Tönet der nahenden Auferstehung des Sohnes entgegen!
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Lispelt, Harfen, der schönsten der Morgenröthen, dem Schimmer
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Seines Erwachens, des Siegenden strahlendem Schweben entgegen!
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Ach, uns schlummert er nicht in der Nacht des Entsetzens; er schlummert
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Uns in der Palme Schatten, der Ueberwinder des Todes!
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Klaget, klaget ihm nach, Ihr, seine Geliebten, die sterblich
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Noch im Staube wandeln; Ihr weint bald andere Thränen,
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Thränen, wie wir sie nicht weinen können, die Euer Elend
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Nicht empfanden, wie Ihr, nicht weinten aus blutendem Herzen!«
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Stille verbreitete sich um das Grab. Die Engel verließen's
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Und die Menschen. Es schwieg der Harfen Stimm' und der Thränen,
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Mittler Gottes, um Dich, der endlich am blutigen Altar
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Ruhe fand, entrissen dem Leiden des Opfertodes.
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Und Johannes wandte sein Antlitz und sprach zu Maria:
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»meine Mutter, nun deckt ihn die Nacht. Ach, laß uns den Hügel
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Nun verlassen. Ich will Dich zu meiner Hütte geleiten.«
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Ganz aus ihrer Seele – die Seele der Mutter des Mittlers
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War erhaben – mit trübem und thränenblutendem Auge
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Sprach sie und endete so ihr langes Todtenverstummen:
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»deine Mutter? Entzückung der Himmel kann es mir einst sein,
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Ach, daß
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Auch nicht, o sein Jünger, daß Du der gegebene Sohn warst;
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Aber Jammer und Tod und Grab und alles Entsetzen
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Ist es, daß
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Und verhüllte sich. Bleich, wie die jammervollste der Mütter,
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Führte der Sohn an dem Todeshügel sie langsam hinunter.
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Abgesondert von andern, von dichten Palmen umgeben
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Und in dem Schatten des Tempels, nicht fern von Jerusalem's Mauer,
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Lag ein einsames Haus, das Johannes, des göttlichen Lehrers
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Lieblingsjünger, bewohnte. Da bracht' er vom Kreuz Maria
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Traurend hinab. Er selbst sank fast vor innigem Gram hin.
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Wen er, indem sie herab von dem Hügel wankten, erblickte
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Von den Zwölfen, den Siebzigen und den heiligen Weibern,
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Bat er, zu seiner Mutter zu kommen und, wär' es ihm möglich,
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Ihr die tiefe Wunde zu heilen, die Wund' in der Seele;
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Zwar nicht ganz: das könnte kein Mensch, das könnte der Herr nur!
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Gabriel kann es, nicht wir, wenn ihn noch einmal vom Himmel
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Gott, daß sie ihn von Neuem erhebe, der Leidenden sendet,
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Daß von Neuem ihr Geist sich freue Gottes, des Retters!
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Bald versammelten sich in diesem Hause die Jünger
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Und der Siebzige viel' und viele der heiligen Weiber.
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An der Mauer hinab, gedeckt von dem vordersten Hause,
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Zog sich ein andres. In diesem war der Saal der Versammlung.
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Ueber dem Saal erhub sich der Söller, entstieg der Mauer
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Höhen und öffnete für das Aug' ein reiches Gefilde.
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Singe, mein Lied, die Thränen der Liebenden um den Geliebten,
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Ach, der traurenden Freundschaft Klage. Wie Israel's Wehmuth
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Auf den blutigen Rock des Sohnes Rahel, auf Joseph's,
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Joseph's floß, so fließe mein Lied voll Empfindung und Einfalt!
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Langsam, weinend, mit schwerem Athem erreichte Maria
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Endlich die Hütt' an dem Tempel und trat in den Saal der Versammlung,
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Wo sie den Heiligen, den sie geboren, und der nun todt war,
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Oft vordem gesehen und oft die Thräne der Freude
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Weggewendet und eingehüllt sich hatt' in den Schleier.
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Als sie, wo er gesessen, und wo er himmlisch gesprochen
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Und sie gesegnet hatte, die leere Stelle, auf immer
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Leer nun, erblickte, da weinte sie laut, sank neben ihr nieder,
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Knieet' und neigte die Stirn darauf. So fand sie Maria
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Magdale liegen und noch die Mutter der Zebedäiden.
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Auch Nathanael kam und fand sie noch also, bis endlich
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Sie es Magdale und der Mutter Johannes' erlaubte,
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Sie in die Höhe zu heben. Nun saß sie verhüllt, wie am Kreuze;
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Und mit ihr verstummten die Anderen. Simon Petrus
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Trat herein, und als er sah die Mutter bei Jesus',
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Weinet' er laut und rief: »Er ist begraben! Ich hoff' es,
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Ja, ich hoff' es zu Gott, wir Alle werden um ihn bald
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Auch begraben liegen! Mir soll es Joseph verheißen,
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Soll es mit einem heiligen Eide gen Himmel mir schwören,
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Daß er neben ihn mich, dicht an den Felsen des Todten
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Legen will!« »Und mich in den Felsen!« rufte Maria.
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Hand in Hand kam Simon, der Kananit, und Matthäus,
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Kam Philippus, und kam der Alphäide Jakobus;
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Aber Lebbäus allein. Er wollte reden; doch setzt' er
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Sich in die dunkelste Ferne des Saals und verhüllte sein Antlitz.
283
Auch Jakobus, der Zebedäide, der Sohn des Donners,
284
Trat herein und erhub die Händ' und die Augen zum Himmel:
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»todt! er ist todt! und nichts ist alle menschliche Größe;
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Auch die wirkliche selbst, sie, die zu glänzen verachtet
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Und nur handelt, ist nichts. Denn über ihn haben Verruchte,
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Haben Tyrannen gesiegt.« So sprach der Zebedäide,
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Ging dann wieder hinaus und kühlte sich unter den Palmen.
290
Bartholomäus, mit ihm der Bruder Simon's, Andreas,
291
Kam, und Kleophas und Matthias und Semida kamen,
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Alle trostlos und jammervoller, als Jeder des Andern
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Schmerzen sah. Die Lippe verstummt', und des Weinens Stimme
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Scholl nur dumpf im dämmernden Saal. Ihn hatte Maria
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Magdalena mit einer entschlummernden Todtenlampe
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Sparsam erhellt. So lag in verlöschendem Schimmer des Altars
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Abel mit stummer Lippe, und seines Blutes Stimme
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Jammerte nur. Jetzt kamen noch heilige Weiber und trugen
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Sterbetücher und trugen noch Salben für den Entschlafnen.
300
Auch Unsterbliche schwebten herein, die Engel der Jünger
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Und der anderen Weinenden Engel. Allsehendes Auge,
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Deins, deß Tod sie beweinten, auch Du, mitleidiges Auge,
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Blicktest in diese Versammlung! Der Engel Magdale's hebt ihr
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Ihre Seele so weit aus ihrer Traurigkeit Abgrund,
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Daß sie zu klagen vermag. So klagte die Hörerin Jesus':
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»wie viel anders, wie sehr viel anders ist es mit uns nun,
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Da er ... Mutter, stirb Du nicht auch, damit wir nicht vollends
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Gar vergehn. Nun empfind' ich es erst, nun lern' ich es weinen,
309
Was der Bethlehemit einst über Jerusalem weinte,
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Ueber die einsame Wittwe, die Fürstin unter den Heiden
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Und der Länder Königin war. Wir waren geringe,
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Lebten dürftig im Staub, und dennoch waren wir glücklich;
313
Denn er war ein göttlicher Mann, der todt ist. Allein jetzt,
314
Ach, was sind wir geworden, gestürzt in welches Elend!
315
Und was werden wir sein, und welche Nächte voll Jammers
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Werden wir weinen! O, möchten der Jammernächte nicht viel' sein,
317
Und die letzte des ewigen Schlafs bald kommen, des Schlummers
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In dem besseren Lager als unser Lager voll Thränen!
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Unsere Feinde schweben empor und spotten der Armen,
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Die den göttlichen Mann verehrten in ihrer Einfalt.
321
Auch sein spotteten sie und gaben ihm, als er in Durste
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Rufte, nicht Galle nur, sie gaben die untersten Hefen
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Ihres Hohnes ihm auch in seinen Qualen. O Richter,
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Geuß auch ihnen, Vergelter, der Rache Taumelkelch voll!
325
Laß sie bis zu den Hefen hinab ihn trinken und sterben!«
326
Und sie schwieg. Zu ihr sprach Jesus' Mutter und weinte,
327
Daß sie vor innigem Schmerz die gebrochnen Worte kaum aussprach:
328
»ueberlaß Du es ganz dem Richter, o Magdale! Rief denn
329
Nicht in seinem Blute mein Sohn herab von dem Kreuze:
330
Vater, sie wissen es nicht, was sie thun. Erbarme Dich ihrer!«
331
Und Bewundrung ergriff und unaussprechliche Wehmuth
332
Aller Herzen, ein Kampf der erhabensten Freud' und der trübsten,
333
Bittersten Schmerzen; allein die Schmerzen siegten, und bald ward
334
Aller Seele von Neuem zu Nacht. Jetzt sagte Lebbäus:
335
»ja, erbarme Dich ihrer, o Richter und Vater; doch unser,
336
Unser erbarme Dich auch und laß uns sterben! Was können
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Wir auf der Erde noch thun? Was sind wir ohne den Todten?
338
Ach, sein Vater, er sagt' es uns einst, in Deinem Hause
339
Sind der Wohnungen viel'. O, laß nur an Deines Hauses
340
Schwellen uns liegen und nicht in des Elends Hütten uns bleiben!
341
Keiner komm' und wag's und wolle mich trösten! Ich kenne
342
Keinen Trost als allein den Tod. Den lieb' ich, und Der kann
343
Nur mich trösten, der oft des Todes Namen mir ausspricht.
344
Sieh, er ist mir ein lieblicher Schall zu der Blumenzeit, ist
345
Tempelgesang mir. Mich grüße kein Gruß von dem Leben, und unser
346
Liebstes Gespräch sei Derer Hinüberwallen, die nun schon
347
Glückliche sind, sei Grab und Todtengesang und Erde,
348
Niedergeschüttet auf Erde. Wie leichte Wanderer, laßt uns
349
Fertig stehn, den Stab in der Hand. Ich liebe nicht mich nur;
350
Ach, ich liebe, wie mich, und segn' Euch mit eben dem Segen,
351
Wie der ist, um welchen ich, Ihr Geliebten, Euch flehte:
352
Sterbt!« Und Kephas rief: »Ja, sterben, sterben! Im Grab ist's
353
Nun gut sein. Die Hütten laß uns, o Erbarmer, einander
354
Baun!« Kaum hatt' er's gesagt, so trat der leidende Thomas
355
Auch herein. Sein wankender Fuß verweilt' an der Schwelle.
356
Welcher Anblick drang in die Seele des Zögernden: Menschen,
357
Fromm, wie Wenige waren, und seine Freunde, verlassen
358
Von dem Helfer im Himmel und von dem Helfer auf Erden,
359
Jesus, und mitten in diesem Gram verlassen! Ein Grabmal
360
Wurd' ihm der dämmernde Saal; sie Todtenbilder, die weinend
361
Rings um ihn her verstummten. »Wenn Ihr es noch seid, die des Einzugs
362
Lautes Hosanna vernahmen, was säumet Ihr, wirklich zu sterben?
363
Warum bleibt Ihr so lang' in diesem Kampfe des Todes?
364
Ich, ich fühle den nahenden Tod, und ich glaubte bei Euch hier
365
Schon, die glücklicher wären, zu finden, Einige, die wir
366
Auch begraben könnten. Er ist begraben, der lebend
367
Auf dem Meere ging und Lazarus auferweckte
368
Und (dort weinest Du ja) Dich, Semida!« Didymus hatt' es
369
Kaum gesprochen, als er auf einen der Teppiche hinsank.
370
Jetzo trat mit traurendem Ernst in die stumme Versammlung
371
Joseph von Arimatha. »Ihr, Brüder Christus' und meine,
372
Nikodemus, mein Freund, kam auch und erwartet zitternd,
373
Ob ihm hereinzutreten vergönnt sei? Er trägt« ... »Ach, Joseph,
374
Bester Mann, was trägt er? was trägt er, Joseph?« J. »Ich seh' es,
375
Ja, Ihr leidet zu viel, und, ach, was würdet Ihr leiden!
376
Nein, er muß sich wenden und fliehn!« »Was trägt er, was ist es?
377
Joseph was trägt er?« J. »Ihr danket mir's noch. Ich geh', und ich bitt' ihn,
378
Daß er sich wend' und entflieh'. Er bringt die blutige Krone!«
379
Jammernd rufte die Mutter: »Die blutige Krone?« Der Mutter
380
Lautes Rufen durchdrang der felsenstarren Versammlung
381
Mark und Gebein. Sie hatt' es kaum gen Himmel gerufen,
382
Als, die Kron' in der Hand, des Todten Zeug' hereintrat.
383
Und sie entriß sich der Haltenden Arm, nahm bleicher den Schleier
384
Von dem Gesicht und deckte damit die tödtende Krone,
385
Rang die Händ' und wankt' und stürzte zur Erde. Sie hielten,
386
Wie sie konnten, die Mutter und sanken mit ihr. Verstumme!
387
Denn Du vermagst nicht, o Du, der wehmuthtönenden Harfe
388
Leisester Laut, das erste Stammeln der Mutter zu weinen,
389
Da sie nun wieder emporgerichtet stand und die Arme
390
Nach der Hilfe des Herrn ausbreitete! Nieder vom Himmel
391
Blicket' auf sie der liebende Sohn und bereitet' ihr Wonne;
392
Aber die war ihr verborgen, und bleich wie Sterbende fuhr sie
393
Also fort zu klagen: »Noch einmal sie sehn? Warum, ach,
394
Brachtet Ihr sie? Ich sah sie von seinem Blute starrend
395
Lang' um sein Haupt! Allein der im Himmel wohnet, hat furchtbar
396
Seinen Bogen auf mich gespannt und tödtlich Geschoß drauf,
397
Weh mir Armen, gelegt! Ich bin sein Ziel; zum Verderben
398
Richtet er zu den flammenden Pfeil. Ist unter den Himmeln
399
Irgendwo noch, gebar noch
400
Einen Sohn sah, welcher dem heiligen Todten am Kreuz glich?«
401
Also jammerte sie. Doch Lazarus' Schwester, Maria,
402
Lag zu sterben. Es kündeten ihr schon kältere Schweiße
403
Und in Arbeit ihr Herz, zu leben sich mühend, den Tod an.
404
Ueber sie senkte sich schon der schwere Schlummer, der Führer
405
Jenes ewigen Schlafs in dem Schooß der stummen Verwesung.
406
Jetzo erhub sie noch aus den Tiefen, in die sie der Schlummer
407
Niedersenkte, das Haupt und suchte mit trüberem Blicke
408
Martha's Auge voll müdes Schmerzes. Das war zu der Thräne
409
Ueber dem langen Weinen vertrocknet. Die Sterbende sagte:
410
»schwester, ich schwieg; nun kann ich nicht mehr. Noch verlassen mich Alle,
411
Lazarus und Nathanael selbst; und sieh, ich sterbe.
412
Ach, ich lebte mit ihnen, und ohne sie soll ich sterben?«
413
Mth. »Klage die Treuen nicht an. Sie hat der göttliche Lehrer
414
Irgend in eine der Wüsten geführt, damit sie es sehen,
415
Wie er die Hungrigen speist und labt die Seele der Müden.«
416
M. »Klagt' ich sie an? Das wollt' ich nicht, Martha. Ach, die ich liebe,
417
Klagt' ich sie je in meinem Leben denn an? Ihr Geliebten,
418
Hab' ich's gethan, so verzeiht mir's und alle meine Gebrechen,
419
Welche bekannt und verborgen mir sind! Ach, was sich mir jetzt zeigt,
420
Hüllet Alles die Seele mir ein in Schwermuth.« Mth. »Entreiße
421
Dieser grübelnden Aengstlichkeit Dich, mit der Du Dich quälest.
422
Kömmt die Nacht denn zurück, die Dein sonst heiteres Leben
423
Unterweilen mit Trauren umzog, zurück in dem Tode?«
424
M. »Nenne die Führung Gottes nicht Nacht! Ich beschwöre bei Dem Dich,
425
Der uns richtet, der mich zu unseren Vätern itzt sammelt,
426
Nenne seine Führung nicht Nacht! Und, hab' ich gelitten,
427
Hab' ich der Freuden nicht viel' auch gehabt? nicht Freunde, wie Du bist?
428
Nicht die Wonne der Engel erlebt, die Entzückung der Himmel
429
Auf dem Wege zum Grabe, nicht Jesus Christus gesehen?
430
Seine Wunder gesehn und seine Weisheit gehöret?
431
Laß mich danken für all' mein Elend, alle die Ruhe,
432
Welche mir ward, für jeden Labetrunk, der in Durste,
433
Jeden Schatten, der mich in der Hitze des Kummers erfrischte,
434
Und vor Allem, daß ich den Freund der Menschen gesehen,
435
Jesus, den Auferwecker der Todten! Martha, verlaß mich,
436
Geh, bereite das Grab! Wo Lazarus schlief, will ich schlafen!«
437
Mth. »Schlafen, wo Lazarus schlief, und auferstehen, Maria,
438
Durch den Ruf des Todtenerweckers!« M. »Du glückliche Martha!
439
Welche süße Träume der Hoffnung! Bereite das Grab mir!
440
Geh, ich will allein sein mit Gott! Zu des Heiligen Füßen
441
Saß ich, da lehrt' er mich: Eins ist Noth! Nun ist es das Eine,
442
Daß ich allein sei mit Gott! Den besten Theil will ich jetzo
443
Auch erwählen! Mth. »Ich soll Dich in Deinem Tode verlassen?
444
Ich verlasse Dich nicht, Maria! Sei ruhig, ich helfe
445
Dir nur leiblich. Du bist mit Gott allein, Maria!
446
Amen! mit Dir sei Abraham's Gott und Isak's und Jakob's!«
447
M. »Bleib denn! Es sei mit mir, der alle Himmel erfüllet,
448
Der allmächtig gebeut: Kommt wieder, Kinder von Adam!
449
Jesu, Jesu und Abraham's Gott und Isak's und Jakob's!«
450
Also sprach sie und flehte darauf in den Tiefen der Seele
451
Zu dem Sündevergeber: »Erhör, o, erhör, und gehe
452
Nicht ins Gericht mit mir Armen! Wer aller Lebenden könnte,
453
Wolltest Du richten, vor Dir bestehn! Erschaffe mir Ruhe,
454
Gott, im sterbenden Herzen und mache der Müden Seele
455
Deines Heiles gewiß! Du Herr des Todes, verwirf mich
456
Nicht von Deinem Antlitz und tröste mich wieder, o Vater!
457
Tröste mich wieder, und Dir erhalte Dein freudiger Geist mich!
458
Du, der Hiob erhörte, da er, von Jammer umgeben,
459
Strebt', arbeitet' und rang, zu glauben, und dennoch nicht glaubte,
460
Daß Du ihn, Vater, erhörtest, vernimm mein Flehen und hilf mir!«
461
Also betete sie. Dann red'te sie wieder zu Martha.
462
»meinest Du, Martha, daß Jesus für mich jetzt bete? Du weißt es,
463
Daß er weinte, da wir zu dem Grabe Lazarus' kamen.
464
Sollt' er meiner nicht auch sich erbarmen? O, sage, Du Theure,
465
Können wir wol ohn'
466
Gnade durch
467
Jener Gedank' ergriff mit seinem Entsetzen: Verflucht sei,
468
Wer nicht, was ich gebot, das Alles erfüllt! Gott redet!«
469
Mth. »Wäre Nathanael nur und Lazarus hier, die würden
470
Dir es sagen. Ich weiß nur das Eine gewiß, Du Verlass'ne:
471
Jesus betet für Dich.« M. »Ich wär' verlassen, Geliebte?
472
Und der allgegenwärtige Herr des Lebens und Todes
473
Ist um mich, und es betet für mich der Helfer in Juda!«
474
Also sprach sie und sank in tiefere Schlummer. Ihr Herz hing,
475
Aber zitternd, an Gott. Sie schlummern zu sehen, erhub sich
476
Martha und stand bei dem Lager und athmete kaum, nicht zu wecken,
477
Die sie herzlicher liebt' als sich selber, die nun zu den Vätern
478
Hinging, fern von ihr weg, die Wege des finsteren Thales,
479
Und sie allein ließ. Da die Wehmuth das Herz ihr durchströmte,
480
Stürzet' ihr eine Thräne die Wang' herab; doch des Weinens
481
Stimme hielt sie und bald auch wieder den schnelleren Athem.
482
Also stand sie verstummt im dämmernden Saale. Denn dichte,
483
Dunkle Hüllen bedeckten der Nacht Gefährtin, die Flamme,
484
Welche nun oft schon erst mit dem Morgen erlosch. So findet
485
Jener glückliche Wanderer, dem die Erinnrung des Todes
486
Freud' ist, wenn er in der schweigenden durstenden Wüste die Kühlung
487
Eines Felsen ereilt, er findet ein Grab in dem Felsen,
488
Ueber dem Grabe das Bild des liegenden Todten. Ein andrer
489
Starrender Marmor, der Freund, steht neben der Leiche. Die Höhle
490
Nimmt nur wenig trüberen Tag in ihre Gewölb' auf.
491
Voll von Dessen Trauren, der starb, und Dessen, der nachblieb,
492
Sieht sie der Wanderer an. So fand Dein Engel, Maria,
493
Martha bei Dir, als er zu Deinem Lager herantrat.
494
Neben den Füßen der Sterbenden, mit verlöschender Schöne,
495
Stand der himmlische Jüngling. Den Engeln ist Schöne gegeben,
496
Die auf der Geister Stufen, der Menschen Seelen die Nächsten,
497
Stehen, und denen Herrlichkeit, deren erhabnere Stufen
498
Throne sind. Doch gegen die Herrlichkeit Deß, der zur Rechte
499
Seines Vaters stieg, ist ihre Herrlichkeit Schatten.
500
O Du, der in Triumph empor, in Triumph, in Triumphe
501
Stieg in die Himmel der Himmel empor und herrschet, wo Gott herrscht,
502
Mein Fürbitter, laß mich, laß zahllose Schaaren Erlöster,
503
Meine Brüder, den Tod der Gerechten sterben: so mögen
504
Leiden uns noch, die letzten der Prüfungen, oder des Himmels
505
Vorempfindungen uns umgeben, laß, o Versöhner,
506
Laß, Geopferter, nur den Tod der Gerechten uns sterben!
507
Chebar stand zu den Füßen der Bethanaitin und fühlte
508
Seiner Schönheit glühendes Licht in Dämmrung erlöschen.
509
Seinem Antlitz entfloh der röthliche Morgen, die Strahlen
510
Seinen Augen. Ihm sanken herab wie Schatten die Flügel,
511
Ohne zu tönen und ohne zu duften des ewigen Frühlings
512
Süße Gerüche, nicht mehr mit des Himmels Bläue beströmet,
513
Triefend nicht mehr von goldenen Tropfen. Er nahm von dem Haupte
514
Seinen vordem weitglänzenden Kranz und hielt ihn vor Wehmuth
515
Kaum in der sinkenden Hand. Er wußt' es, er durft' ihr nicht helfen,
516
Eher nicht, bis bei ihr, wenn ihr Herz in dem Tode nun bräche,
517
Lazarus beten und weinen der Jünger Elim's und Martha
518
Und Nathanael weinen würden. Lazarus war noch
519
Mit den Jüngern in Salem. Er trat zu der Mutter des Todten:
520
»siehe, schon naht sich die Mitternacht, Maria, und als ich
521
Aus Bethania ging, schien meine Schwester dem Tode
522
Nahe zu sein. Ach, wenn sie nur nicht schon todt ist! Ich gehe,
523
Daß ich sie todt seh' oder noch lebend. Hat ihr nur Keiner
524
Golgatha's bange Geschichte gesagt, so kann sie noch leben.
525
Wüßte sie sie, und lebte sie noch, was würd' ihr der Anblick
526
Eines der Jünger des Göttlichen sein, welch Labsal im Tode!«
527
Und Lebbäus erhub sich: »Ich gehe mit Dir!« Da umarmt' ihn
528
Schnell Nathanael: »Komm, Du Geliebtester unter den Lieben!
529
O, wie dankt Dir mein Herz!« Itzt standen sie fertig, zu gehen
530
Von der Mutter des Todten. »O seine Mutter – ich mag nicht,«
531
Sagte Lazarus, »jetzt den Namen nennen, den Engel
532
Nannten; denn, ach, so oft wir ihn nennen, blutet Dein Auge –
533
Er, der Deine Thränen gesehn, gezählet, der Vater
534
Dessen, den sie begruben, der, daß er stürbe, gewollt hat,
535
Sei mit Dir! mit Dir sei Gott! Du hörtest ihn beten:
536
Vater, in Deine Hände befehl' ich meine Seele!
537
Deine Seele sei auch in Gottes Hände befohlen;
538
Aber lebe!« Nun ging er mit Eile von ihr, und die Beiden
539
Folgten mit eben der Schnelligkeit nach. Mit schweigendem Ernste,
540
An der zitternden Hand der Ungewißheit geleitet,
541
Gingen sie neben einander und kamen ins Haus, des Grabes
542
Vorhof, wo die Sterbende war. Sie standen mit Martha
543
Schon um ihr Lager, als nun Maria ihr Haupt aus dem Schlummer
544
Endlich erhub. Sie rief: »O, Dank Dir, Geber des Lebens
545
Und des Todes, sie sind gekommen, mit ihnen Lebbäus.«
546
Lazarus sprach: »Wie hat Dir bisher, Maria, des Lebens
547
Und des Todes Geber geholfen?« M. »Mit Gnade. Denn Alles,
548
Was er thut, ist Erbarmen, wie qualvoll uns es auch scheine.
549
Ach, was hat mein Herz nicht gelitten! und siehe, nun sterb' ich!
550
Wo ist Jesus, mein Bruder? Er weiß es gewiß, wie ich leide!
551
Hat er für mich gebetet?« L. »Ich kenne Dein Leiden, Maria,
552
Wenn es Nacht um Dich wird; doch sage, was leidest Du jetzo?«
553
M. »Nicht von jenem Bilde der fürchterlichen Verwesung
554
Leid' ich, noch von dem trüben Gedanken, Euch zu verlassen;
555
Ach, ich leide, daß mir der Zweifel die blutende Seele
556
Immer tiefer verwundet: Ob Der auf Horeb mein Gott sei?
557
Ach, mein Bruder, wie war Dir, als Du den Donner: Verflucht ist,
558
Wer nicht Alles erfüllt! im sterbenden Herzen vernahmest?
559
Aber betete Jesus für mich? Wenn für mich der Gerechte
560
Betete, siehe, so geh' ich gern hinab in das dunkle
561
Nächtliche Thal, zu dem ewigen Schlafe mich niederzulegen.
562
Hüter, ist sie nun bald, die Nacht der Erde vorüber?
563
Ist sie nun bald, o Hüter, vorüber? Sie schweigen, Martha;
564
Auch Nathanael schweigt. Er hat für mich nicht gebetet!
565
Nun, so gehe denn ganz durch meine Seele, hier bin ich,
566
Schwert des Herrn! Dein Wille gescheh'! Dein Will' ist der beste!«
567
Hoch empor hub Lazarus jetzt die gefalteten Hände:
568
»wie sich ihres Kindes ein Weib erbarmt, so erbarmst Du
569
Unser Dich, El Schaddai! und ob sich ihres Kindes
570
Auch das Weib nicht erbarmt, so wirst doch Du Dich erbarmen!
571
Du bist Gott! Du hast uns in Deine Hände gezeichnet!«
572
Lazarus weint's. Da richtete sie ihr gesunkenes Haupt auf:
573
»sage, mein himmlischer Bruder, was geht von Beiden nun mich an,
574
Jener Fluch von dem Sinai oder die Liebe der Mutter?
575
Wär' es die Liebe: Heil dann mir, dann Jubelgesänge,
576
Heißer, herzlicher Dank dem Geber ewiger Gnaden,
577
Welcher sich nicht wie die Menschen erbarmt, dem Erbarmer, der Gott ist!
578
Aber wie kann ich es wissen, daß er mit der Liebe der Mutter
579
Mein sich erbarmt? Ach rede doch: Hat das Gebet des Gerechten
580
Meinen Richter erweicht? und sieht er, mit jener Erschüttrung
581
Seines Innersten, der, der heftigen Wehmuth der Mutter,
582
Jenem Auge voll unaussprechlicher Unruh und Hilfe,
583
Nieder auf mich? Ich lieg', und ich weine voll Jammer und ringe
584
Meine Hände gen Himmel; nach Rettung ruf' ich und kenne,
585
Wer mir helfen wird, nicht, nicht die mich gebar.« »Du Erbarmer,«
586
Flehte Nathanael, »bist Du ihr Mutter, so laß Dein Antlitz
587
Unaussprechlicher Unruh voll und Hilfe sie sehen!
588
Herr, verbirg Dich nicht länger!« »Erdulde sie gern, die Leiden,«
589
Lazarus sprach's, »die so nah an die großen Vollendungen grenzen!
590
Wüßtest Du, welcher Geduld Beispiel wir haben, ach, welcher
591
Gottesergebung, und wem in die Himmel der Himmel wir nachsehn!
592
Auferstanden bin ich und wünschte, mit Dir zu entschlummern,
593
Meine Schwester! Wenn mir rufte die Stimme des Todes,
594
O, sie würde melodischer mir wie des Tempels Gesang sein
595
An dem dankenden Tage des großen Halleluja!«
596
M. »Freud' ergreift mein Herz und Entsetzen! Was ist es, mein Bruder,
597
Das Du sagst?« L. »Hat es Gott nicht gethan? Ich will es ihr sagen,
598
Meine Geliebten! Laßt uns die Wege des Herrn nicht verschweigen,
599
Auch wenn sie fürchterlich sind! Maria, der beste der Menschen,
600
Unser göttlicher Freund, der große Helfer im Elend,
601
Jesus Christus, der Sündevergeber, der Todtenerwecker,
602
Ist mit Muth und Geduld der Engel am Kreuze gestorben!«
603
M. »Ist am Kreuze,« so stammelte sie erbebend, indem es
604
Nacht um sie ward, »am Kreuze gestorben? (ihr Haupt sank nieder.)
605
»er, Ihr Engel, gestorben« (ihr brach das Aug') »an dem Kreuze?
606
Wirklich gestorben? Du, der dies gewollt hat, ich preise
607
Deinen herrlichen Namen für all' mein Leiden und folge
608
Deinem Getödteten nach!« Ihr erstarrte die Zung', und die Blässe
609
Und die Ruhe des Todes deckt' ihr auf einmal das Antlitz.
610
Lazarus legte die Hand in ihrer erkaltenden Stirne
611
Todesschweiß. »So schlummre denn bald und in Frieden hinüber
612
Zu den Todten Gottes, Vollendete Deines Erbarmers!
613
Werde dem Tage des Lichts geboren, dem ewigen Leben!
614
Sieh, es hänget mein Herz an Deinem Herzen; doch lass' ich
615
Deine Hütte Dich gern abbrechen und Dich nach Kanan
616
Hinziehn. Sei Du ihr Stab in dem dunkeln Thale der Wüste,
617
Hüter Israel, bringe sie selbst in das Land der Erquickung,
618
Wo die Thränen Du all' abtrocknest, wo keine Klage,
619
Keines Jammers Geschrei den Dank der Jubel entweihet!
620
Erdensonne, verlisch ihr, und letzter Schlummer des Todes,
621
Komm, und thu Dich ihr sanft, o Ruhstatt ihres Gebeins, auf!
622
Nimm sie, Verwesung, daß auch ihr Leib zu dem Leben erwachse!
623
Saat, Dich säet der Herr dem großen Tage der Ernte,
624
Wenn die Schnitter rufen, und wenn die Posaunen erschallen,
625
Wenn die Erd' und das Meer mit lauteren Wehen gebären,
626
Als einst Eden gebar, wenn ringsumher die Himmel
627
Aller Himmel vom Preis ertönen des Einen, der richtet.«
628
Und sie wandte mit Himmelsgefühl von Ruh und Errettung
629
Sich nach Lazarus um und sah den freudigen Bruder
630
Freudiger an, indem er den Segen zum ewigen Leben
631
Ihr mit Worten in Strome, mit süßen Entzückungen zurief.
632
Chebar sah den siegenden Tod in der Sterbenden wüthen
633
Und erbebte vor Wonne so laut, daß lispelndes Säuseln
634
Wie aus tiefer Fern' von seinen Flügeln ihm wehte.
635
Sie vernahmen's umher und wußten nicht, was sie vernahmen.
636
Aber der Seraph ergriff das seelenvolle Gewebe
637
Seiner Saiten, und noch in den süßen Qualen der Freude
638
Irrt' er mit wankender Hand die strahlenden Saiten herunter.
639
Und die Sterbende höret Laut, als tön' er vom Himmel;
640
Und sie richtet sich feierlich auf und hört in die Höhe.
641
Lazarus hielt sie, mit ihm Nathanael. Aber der Seraph
642
Bebte nicht mehr und entlockte der sanfterschütternden Harfe
643
Unaussprechliche Töne. Von Gottes höherem Frieden
644
Sang ein Laut dem anderen Laute, der leiser es nachsang.
645
Amen, er ist viel höher! Und in der Hörerin Seele
646
Wachten Empfindungen auf, wie sie noch niemals empfunden,
647
Neue große Gedanken, wie aus dem Staube zum Leben.
648
Also war es einst Dir, Du, der Auferstehenden Seher,
649
Da es sich regt' um Dich her, und es rauscht', und die Todten erwachten.
650
Und des Unsterblichen Harfe, die Himmelsruferin, tönte
651
Immer noch fort und goß in die fast enterdete Seele
652
Eine Ruh, die Keiner empfäht, wer ins Leben zurückkehrt,
653
Wenn auch, wie es ihm däucht, schon über ihm schallen die dumpfen,
654
Losgeschaufelten, niedergeschmetterten Erdeklumpen
655
Und der Todtengesang. Die Himmelsruferin tönte
656
Immer noch fort, jetzt lauter und nun noch lauter, als rauschten
657
Stürme mit ihr, wenn sie tönt', als sänken dahin vor ihr Berge.
658
Denn der Unsterbliche, hoch erhöht von seiner Begeistrung,
659
Strömet' und sang in der Harfe geflügelten Ungestüm: »Heilig,
660
Heilig ist er, ist heilig, der über der Schädelstätte
661
Blutete, bis die Sünde der Todeserben versöhnt war!«
662
Fast schon Leichnam, vermochte die Sterbende nicht die Entzückung,
663
Die in ihr brechendes Herz die Stimme des Himmlischen strömte,
664
Auszuhalten. Sie starb. Nicht lange, so sank ihr Bruder
665
Neben ihr nieder und nahm die kalte Hand der Entschlafnen
666
Zwischen die festgefalteten Hände, trocknete muthig
667
Seine Thränen und betete: »Preis dem Geber des Lebens
668
Durch den errettenden Tod, Anbetung dem göttlichen Geber!
669
Siehe, Du bist in den Hütten des Friedens; doch Deine Seele
670
Bleibt nicht immer allein. Auch dies Verwesliche wird sich
671
Einst in Unverweslichkeit wandeln, die Blume, so hinsank,
672
Schnell in dem Sturme gebrochen, wie herrlich wird sie erwachsen
673
Jenen festlichen Frühlingsmorgen des letzten der Tage!
674
Tragt sie hinaus, den heiligen Staub, zu dem Staube der Erde;
675
Tragt sie noch nicht hinaus, daß wir mit frommen Erstaunen
676
Noch betrachten, die fiel dem Donner des Todes und aufstehn
677
Wird dem lauteren Hall der Auferstehungsposaune.
678
Sieh, er wartet und läßt Jahrhunderte reifen, und reifen
679
Wird er noch lassen andre Jahrhunderte. Alles ist Wunder
680
In des Ewigen tiefem Entwurf, stets neues Erstaunen.
681
Wenn ich seine Wege betrachte, so sind sie mir alle
682
Dunkel; allein es dämmert darin, und ich weine vor Freude,
683
Wenn mich des Morgens Verkündigerin, die Dämmerung, leitet.
684
Ihr ist es Morgen geworden. Sei mir noch einmal gesegnet,
685
Wenn Du mich hörest, und wenn, wer unten noch weilt an dem Grabe,
686
Dich zu segnen vermag, Du Hörerin Dessen, der uns nun,
687
Nicht den Engeln verstummt. Dich segn' er, der göttliche Todte!«
688
Sieh, es hatte sie schon der göttliche Todte gesegnet.
689
Als jetzt werdend der himmlische Leib um die Seele Maria's
690
Noch arbeitete, ganz noch nicht zu Lichte gereift war,
691
Als er unter der mächtigen Hand der bildenden Schöpfung
692
Zittert' und schwebt' und sank und sich schwung, ganz himmlisch zu werden,
693
Dachte, da dieser Wonne Strom sie umringte, die Seele
694
An den Leichnam, den sie zurückgelassen, und daß sie
695
Sei von seinen Lasten getrennt, von dem Staube der Erde.
696
Dies war ihr erstes Gefühl; ihr zweites, als sie vollendet
697
Sich empor in die Wolken hub, ein tiefes Bewußtsein
698
Ihrer Seligkeit. »Tod, Du Schlummer, Du Segen der Segen,
699
Du! Ist es möglich, Ihr Engel, Ihr Himmelserben, es möglich,
700
Ich bin selig?« Sie rief's mit festgefalteten Händen
701
Und verstummt' und schwebte nicht mehr; dann schwung sie sich wieder,
702
Daß sie schimmert', und rief: »Ihr Erstgebornen der Wonne,
703
Söhne des ewigen Lichts, Ihr Heiligen Gottes, ist's möglich,
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Selig bin ich? O Du, deß Alles, was ich vordem litt,
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Süße Vergessung, komm, geuß Deiner Ruhen Gefühle,
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Deine Seligkeit über mich aus! Komm nicht! Denn Entzückung
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Ist's, zu vergleichen die Leiden des ersten geflohenen Lebens
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Mit dem ewigen Troste, mit dieser Fülle der Ruhe.
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Die Glückseligkeit fehlt Euch, Ihr Ungefallnen, zu messen
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Gegen des ewigen Lebens Wonne das Elend der Sünde!
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Euer ist zwar des Mitleids Antheil; aber Ihr weintet
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Jene Thränen nicht, die von unsern Wangen uns trocknet
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Jesus, der Gott der Liebe! Prophetisch Gefühl, das mich oftmals
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In dem tiefsten Kummer ergriff: ich würde noch danken!
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Schnell mich ergriff und Rettung mir zeigt' in dem Himmel der Himmel,
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Danken fürs Elend, für all mein Leiden würd' ich noch danken!
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Siehe, nun wirst Du erfüllt! Aus meinen Tagen ward Abend,
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Wieder Abend und wieder und dann der letzte des letzten,
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Dann des Sterbens Nacht. Wie eilend ging sie vorüber!
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Und, ach, nun der Morgen des Lebens, zu dem ich erwacht bin!
721
Traum, der mit Weinen begann und schloß, mit dem Weinen des Todes,
722
Traum des Lebens, nun bist Du geträumt, und ich bin erwachet,
723
Werde noch einmal erwachen, wenn Unverweslichkeit anzieht
724
Mein verwesender Leib und werther des göttlichen Hauches,
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Dieser Seele, die ewig ist, strahlt, wie der Leib des Erweckers,
726
Der auch starb, begraben wird werden und auferstehen!
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Und die Vollendete schwebt' empor, ein Schimmer der Frühe,
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Leichter wie Lüfte, geschwinder als Winde, schnell wie Gedanken,
729
Hörte die Schöpfung wandeln, von lauterem Jubel begleitet,
730
Schauete sie viel weiter eröffnet, aber unendlich.
731
Welche Leben waren in ihr erschaffen! wie stieg sie!
732
Eine Stufe nicht, tausend erhub ich mich zu der Wesen
733
Wesen; bin ich verklärt an dem Tage der Tage (dies weissagt
734
Mir mein Gefühl), dann werd' ich noch über tausend mich schwingen,
735
Werd' ich in der Hülle mir dann viel schönerer Welten,
736
Werd' ich ohne der Welten Hülle den Ewigen schauen!«
737
Lazarus, reich an erhabenen Todesgedanken, ereilte
738
Bald die Hütte wieder, in der die Heiligen weinten.
739
Als er ihr sich nahet', umarmet' ihn Einer der Siebzig
740
Und erzählt' ihm mit Flammenworten, wie wunderbar Gott sei.
741
Siehe, mein Ohr vernahm's nicht, es hat's mein Auge gesehen!
742
Lazarus kam ein sanftes Geräusch des Weinens entgegen
743
Durch den dämmernden Saal. Ihm rannen nur Thränen des Mitleids.
744
»gott der Götter« (er hub die Hand und das Auge gen Himmel)
745
»lohn' es ihm ferner, wie Du es ihm zu lohnen beginnest,
746
Daß er, weil Du es wolltest, hinab bis zum Tode des Kreuzes
747
Ist gegangen! Was deckt des Todten Krone der Schleier?
748
Laßt mich, ich will sie sehn in ihrem Blute! Der Engel
749
Kronen leuchten, ich kenn' ihr fernes Schimmern; des Todten
750
Blutige Kron' ist mir viel mehr. Denn belohnt es ihm Gott nicht
751
Wunderbarer, als wir, als Du es wagtest zu hoffen,
752
Seine Mutter? Erhebe Dein Antlitz aus dieses Jammers
753
Abgrund, Mutter des göttlichen Manns, und höre! Die Erde
754
Bebte, da er entschlief, Dich hat ihr Beben erschüttert!
755
Nacht – Du hast ihr Schrecken gesehn – umhüllte die Erde!
756
Aber noch weißt Du nicht ganz, wie Der in dem Himmel von ihm zeugt.
757
Sieh, in des Tempels Vorhof stieg das Opfer gen Himmel;
758
Furchtbar wehte die Flamm' in der Nacht, die Moria bedeckte.
759
Bei den Altären standen die Opferer, schau'rten vom Schrecken
760
Dieser Nacht und blickten hinein durch des Heiligen Thore
761
Nach dem Allerheiligsten. Priester knieten im Tempel,
762
Dankten dem Rächer, daß nun an dem Kreuz der Gerichtete blute;
763
Wagten's, bei diesem Dank ihr glühendes Auge zu wenden
764
Nach dem Allerheiligsten. Da, da rächte der Rächer!
765
Denn von dem hohen Gewölbe bis hin zu dem liegenden Saume
766
Reißet des Allerheiligsten Vorhang. Schrecken des Todes
767
Stürzen die Betenden tiefer, und spät erst können sie fliehen.
768
Denn mit gewaltigem Arme faßt sie Entsetzen; Entsetzen
769
Folgt den Verstummenden nach, da sie endlich dem Tod entrinnen!
770
O des Trostes vom Himmel, daß Der des Todten gedenket,
771
Der, da am Kreuz er starb, in Nacht die Erde verhüllte,
772
Beben hieß die Felsen, und Sterblicher Augen die Stätte
773
Aufthat seiner Herrlichkeit!« Die Hörenden schwiegen
774
Voll Erstaunens; allein nur wenig lindernde Tröstung
775
Drang den Duldern ins Herz. Sie waren zu tief verwundet.
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Also sieht, wer schwindelnd herab an der hangenden Klippe
777
Wandelt, im blühenden Thal die Schöne des heiteren Tags nicht.
778
Durch den helleren Wald verbreitet sein Schimmer umsonst sich,
779
Wallet umsonst mit dem Strome dahin. Des fürchtenden Wandrers
780
Aug' ist rings um ihn her des Frühlings Wonne verschwunden.
781
Lazarus sah, daß ihr Leiden sich nicht entwölkte, da sagt' er:
782
»tröstet Euch's nicht, daß Gott von dem Todten zeuget durch Wunder,
783
O, so sei es Euch Trost, es sei Euch Labsal in Durste,
784
Schatten gegen den brennenden Strahl, daß Die zu dem Todten
785
Hinging, die Ihr liebtet, und die der Göttliche lehrte,
786
Daß Maria nicht mehr mit Euch weinet.« Ihm nahte mit Eile
787
Magdale sich und sah ihn mit thränentrockenem Aug' an,
788
Glücklicher jetzt, als folgte sie schon der entschlafenen Freundin:
789
»ach, Du redetest Worte der Engel mit uns! Ja, in Durste,
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Lazarus, gegen den brennenden Strahl! So wehet es Kühlung
791
An der Quelle. Sie ist hinauf zu Christus gegangen,
792
Deine himmlische Schwester? O, hast Du der Worte der Engel
793
Keine mehr? Weissagungen nicht von unserem Tode?
794
Siehe, Du wandeltest ja einst unter den Todten: vernahmst Du
795
Da nicht von Deinen Freunden, ob sie gewürdiget werden,
796
Bald zu ihnen zu kommen? O, red' und verbirg es nicht länger,
797
Wenn Du es weißt, ob uns Verlassnen dies Wonneloos fiel?
798
Christus' Mutter, er schweigt! So laß denn, Richter im Himmel,
799
Weil wir leben müssen, o furchtbarer Richter im Himmel,
800
Uns es erleben, daß, die den Unschuldsvollen erwürgten,
801
Immer tiefer stürzen und niemals, niemals entfliehen!
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Daß sie Entsetzen ergreife mit eisernem Arm, sie Entsetzen
803
Dann umringe, wenn nun mit dem Taumelkelche der Rache
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Gott kommt, und, bis zum Hefen hinab, sie ihn trinken und sterben!«
805
Jetzo hatte sich schon die Mitternacht auf die Erde
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Niedergesenkt. Den jammerbelasteten Freunden des Mittlers
807
Sank sie mit Todesschatten und Graun der Gräber herunter,
808
Ach, einst ihnen schöner als Frühlingstage, wenn Christus
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Sie durchwacht' in Gebet, und schrecklicher jetzo wie jemals,
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Weil die Himmelsstimme des göttlichen Beters verstummt war.
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Immer leiser verlor sich der Klage Laut, und der Thräne
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Linderung floß nicht mehr. Die furchtbare Kälte des Leidens
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Lag auf ihrer Seele wie unbewegliche Felsen.
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Selbst die Seraphim standen um sie in trüberem Glanze,
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Mitleidsvoll, und sahn's, wie Christus' Begnadete litten.
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Salem, Johannes' Engel, und Selith, der Engel Maria's,
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Redeten also unter einander: Sth. »Wir wissen, o Salem,
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Daß es herrlich endigen wird, und dennoch, mein Bruder,
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Leiden wir fast wie sie.« S.»Wie sie? Sehr Vieles empfinden
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Wir den Armen nicht nach. Wir können, wie sie, nicht leiden;
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Sie sind Menschen und wissen es nicht, mein himmlischer Bruder,
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Daß es herrlich endigen wird. Statt dieses Ausgangs
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Aus dem Labyrinth, der ihnen täuschender Traum wär',
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Wenn Du auch, von den Strahlen des Himmels glänzend, ihn zeigtest,
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Sehen sie immer des Jammers mehr in der Labyrinthe
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Dunkleren Pfaden.« Sth. »Ich schwindl' an den Tiefen, in die sie hinabsehn.«
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S. »Und ich blicke mit Ruh in die Tiefen des göttlichen Rathes.
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Ach, das Mitleid schmelzt Dich zu sehr. Ich gestehe, Du littest,
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Selith, wie sie. Denn nur, von der Menschen Leiden durchdrungen,
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Konntest Du denken, wie Menschen denken, nur, trübe von ihrem
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Leiden, vergessen, es sei der Zweck des göttlichen Rathes,
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Sie durch Elend zu bessern und seliger einst sie zu machen,
833
Als sie zu sein vermöchten, wenn ihre Seele des Elends
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Kelch nie hätte getrunken, und wenn zu der Zeit der Erquickung,
835
Da aus den Strömen des Lebens umsonst die Glücklichen trinken,
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Sie zurück an den bitteren Kelch dort unten nicht dächten.«
837
Sth. »Himmlischer Freund, der Schmerz, so der Mutter Seele zerreißet,
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Hat zu sehr mich umwölkt. Verzeih es, Salem, es war ja
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Christus' Mutter, und an dem Kreuze sah ich sie leiden.
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Breitete doch wohlthätiger Schlummer sich über ihr Haupt aus,
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O, so wollt' ich die Seel' ihr mit heiteren Träumen umschweben
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Und, wenn des wiederkehrenden Grams Anfall sie erschreckte,
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Diesen Jammer der Schnellerwachenden durch die Erinnrung
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Ihrer Träume besänftigen! Doch die Ruhe vom Elend
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Kommt auf sie nicht. Ach, der Erquickung, dem himmlischen Labsal
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Gottes, wird, sie denket dem Tod, entgegen sie wachen!«
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Als sie so mit einander sich unterredeten, goß sich
848
Kurzer Schlaf auf den Thränenblick Johannes', und Salem
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Schwebte mit Eil' herzu; und schon entflammte des Jüngers
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Lautes Herz ein Traum mit neuem Lebensgefühle.
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Libanon war's, auf Libanon, unter rauschenden Cedern
852
Ging er, als flög' er Flüge daher. Der Morgen, mit Purpur
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(keinen sah er erwachen wie den) und mit Golde bekleidet,
854
Schimmerte durch die Wipfel des thauenden Hains, und die Bäche
855
Tönten ins Thal wie Tempelgesang. Bald tönten ihm lauter,
856
Viel entzückender noch beseelte Harfen und Stimmen
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Mit den Harfen, die sangen: »O Sohn der himmlischen Mutter,
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Trockn', o der himmlischen Mutter Sohn, die Thräne der Wehmuth!«
859
Aber ihm däucht es, als ob er dennoch die Thräne nicht trockne.
860
Dieses Gefühl vermochte noch nicht des mächtigen Seraphs
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Traum zu tilgen; so floß, auch im Schlafe, der bittere Quell fort.
862
Da bewölkte den Schimmer der röthliche leuchtende Morgen,
863
Und in unabhörbarer Fern' erstarb der Harfe
864
Ton, erstarb der Ton der himmlischen Stimmen. Doch führt' ihn
865
Eine schneller noch, wie zuerst er eilt', in dem Hain fort.
866
Denn der Unsterbliche strebt' und ließ nicht ab. Der Geführte
867
Sahe, da haueten Männer mit glühender Wuth in dem Blicke
868
Eine der Cedern um, daß dumpf von dem schreckenden Umsturz
869
Libanon scholl. Sie hauten die Ceder zum Kreuz. Das erhub sich
870
Schattete furchtbar; allein es entsproßten auf einmal dem Kreuze
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Palmen. Da war der Jünger nicht mehr in Libanon's Haine.
872
Ach, er war in Eden und sah von dem Himmel ihm glänzen
873
Mehr als Purpur und Gold, und vernahm erhabnere Chöre;
874
Und es schlug ihm das Herz von der Wonne vollem Gefühle.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Gottlieb Klopstock
(17241803)

* 02.07.1724 in Quedlinburg, † 14.03.1803 in Hamburg

männlich, geb. Klopstock

deutscher Autor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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