1
Wenn ich nicht zu sinkend den Flug der Religion flog,
2
Wenn ich Empfindung ins Herz der Erlösten strömte, so hat mich
3
Gottes Leitung getragen auf Adlersflügeln, es hat mich,
4
Offenbarung, von Deinen Höh'n die Empfindung beseligt!
5
Wer an dem reinen, krystallenen Strom, der unter des Lebens
6
Bäumen vom Throne fleußt, nicht weilte mit heiliger Ehrfurcht,
7
Deß Beifall erreiche, verweht von dem Winde, mein Ohr nicht,
8
Unverwehet, befleck' er mein Herz nicht! Unten am Staube
9
Müßte bleiben mein Lied, wenn jener lebende Strom nicht
10
Durch die neue Jerusalem, Gottes Stadt, sich ergösse,
11
Und zu ihm mich hinauf der Vorsicht Rechte nicht führte.
12
Leite mich ferner, Du Unsichtbare, Du Führerin, leite
13
Meinen bebenden Gang! Des Sohnes Erniedrigung sang ich;
14
Bring mich höher hinauf, auch seine Wonne zu singen!
15
Aber darf ich mich auch des Vollenders Freuden zu singen
16
Unterwinden? die Höh'n, von Auferstehungen rauschend,
17
Und die Thale? des Siegers Triumph, da vom Tod er aufstand?
18
Und die Erhebung des Sohns von dem Staub hinauf zu dem Himmel
19
Aller Himmel, empor zu dem Throne des ewigen Vaters?
20
Die mich hören, und mir, hilf, Himmelerhobner, die Schrecken
21
Deiner Herrlichkeit uns armen Glücklichen tragen!
22
Ewig nun Erbarmer der Menschen, schaut' auf des Todten
23
Leichnam der Ausgesöhnte. Der Sohn, der Herrliche Gottes,
24
Er, von Ewigkeit Gott, der Hochgelobte der Himmel,
25
Christus sah zu dem Vater empor. Wer ist der Erschaffne,
26
Der zu empfinden vermag, mit welcher Wonne der Gottheit,
27
Welcher Liebe sie schauten? Da, wo herab von dem Throne,
28
Wo von der heiligen Erde sich ihres göttlichen Anschauns
29
Seligkeit senkt' und erhub, auf diesem strahlenden Wege
30
Fing jetzt wieder die stehende Schöpfung den kreisenden Lauf an,
31
Hier zuerst; dann floß von des Ewigen Throne die Nacht weg,
32
Dann von der Sonne der deckende Stern. Nun bebten die Pole
33
Aller Welten, den Flug, den Gott sie lehrte, zu fliegen.
34
Schon begannen sie ihn und donnerten weit durch die Himmel
35
Jenes Flehen, mit dem sie zu seiner Schöpfung Erhalter
36
Rufen: es wolle von ihnen der Allmacht Arme nicht abziehn
37
Gott und sie lassen auf ewig von seiner Herrlichkeit zeugen!
38
Eilend, eilender drehten die Sonnen sich, folgten die Erden,
39
Bis sie von Neuem den Weg der ersten Kreise betraten.
40
Jesus Christus, der Miterhalter der Schöpfungen, schwebte
41
Ueber dem Kreuz und sah auf seinen Leichnam herunter,
42
Wie der blutig und bleich und stumm zu der Erd' hinabhing.
43
Jetzo wandte der Ueberwinder des Todes sich. Schauernd
44
Bebte die Erde vor ihm, als er sich wandte. Nun schwebt' er
45
Nach dem Tempel, und unter des Eilenden Schwunge zerspalten,
46
Senken, stürzen mit himmelsteigendem Staub und Getöse
47
Rings die Felsen sich. Schnell erfüllet die heiligen Hallen
48
Christus' Herrlichkeit, schnell das Allerheiligste Gottes.
49
Sieh, es zerriß, indem sie ins Allerheiligste schwebte,
50
Von des Gewölbes fernen Höh', aus der er hinabhing,
51
Bis zu dem liegenden Saum der geheimnißverhüllende Vorhang,
52
Und es verschwand Dein Schatten vor Dir, vollbrachte Versöhnung!
53
Hier sprach Jesus Christus mit seinem Vater, mit Gott Gott,
54
Von der ganzen Erlösung Vollendung, bis er zu des Vaters
55
Rechte sich hübe. Denn nicht allein der getödtete Gottmensch,
56
Auch der auferstandne und himmelerhobene Gottmensch
57
Ist der Sünder Heil und ihres Glaubens Entzückung.
58
Nur, wovon der Vater und Sohn, nicht, wie sie es sprachen,
59
Kannst Du, Sionitin, erzählen. Denn dieses zu denken,
60
Hat die Seele kein Bild, es zu sagen, nicht Worte die Sprache.
61
Siehe, wie Nacht sich in ewiges Licht aufklärt, wie des Sohns Heil
62
Keinem nicht Labyrinth mehr ist! war ihres Gespräches
63
Inhalt. Dann das Volk, deß Söhnungsaltär' aufhörten,
64
Bilder des ewigen Opfers zu sein, deß Tempel nun Trümmer,
65
Bald nun Staub ist, ihr thränenvoll Schicksal, wie sie gesät sind
66
Unter die Völker umher, und dieses Schicksals Entwicklung
67
Ging vor dem schauenden Auge des Sohns und des Vaters vorüber.
68
Auch die Religion, verbreitet unter den Schaaren
69
Zahlloser Völker, wie sie mit viel Jahrhunderten fortströmt,
70
Oft verdunkelt, entstellt, von der Menschen Lastern und Unsinn
71
Wie mit Nächten bedeckt, nie ganz vertilgt von der Erde,
72
Jedes Geretteten Auferstehung vom Tode der Seele,
73
Jeder Kampf des Streitenden, jeder Sieg des Gestärkten,
74
Seine Leiden, sein fernes Gefühl des Himmels, sein Ende,
75
Ging vor dem Ausgesöhnten und vor dem Versöhner vorüber.
76
Da so gegen einander der Vater und Sohn sich verklärten,
77
Wälzte – so brausen Meere – sich durch die hörenden Himmel
78
Eine Stimme; sie sprach: »Bei Dem, der von Ewigkeit Gott ist,
79
Mensch und erwürgt ward, auferstehn und zur Rechte des Vaters
80
Sich wird setzen, auch Euch, Ihr Ungefallnen wird's Wonne,
81
Wird es in jauchzenden Ewigkeiten Entzückung und Heil sein,
82
Daß die Sünde versöhnt hat der ewige Hohepriester,
83
Und mit Euch die wiedergeheiligten Sterblichen Gott schaun,
84
Eure Brüder, geschaffen wie Ihr zu der Ewigkeit, Gott schaun!
85
Fallet nieder und dankt! Auf seines Todes Altare
86
Ruht noch sein heiliger Leichnam; allein vollendet, vollendet
87
Hat er das Opfer der Ewigkeit. Bald ist die Erlösung
88
Ganz vollbracht. Ihr werdet den Ueberwinder, die Klarheit
89
Seiner Gottheit um ihn nun bald auf des Ewigen Thron sehn!
90
Gott, von Ewigkeit Gott, und bedeckt mit strahlenden Wunden!«
91
Also erscholl die Stimm' in den Himmeln, Eloa's Stimme.
92
Auch erhub sich über der Erde mit freudigem Beben
93
Eine Stimme; sie sprach: »Der Gottverheißne, der Treue,
94
Jesus Christus, der Dulder, der Gnadenvolle, die Liebe,
95
Nun, nun ist er den Tod für die Abgefallnen gestorben,
96
Seinen versöhnenden Tod! Du Zweig an Adam's Stamme,
97
Klag' und verdorre nicht mehr! blüh' auf zu dem ewigen Leben!
98
Die geboren werden, nun jauchzen sie, daß sie es werden;
99
Denn es ist in der Sterblichkeit schon ihr Licht der Versöhner,
100
Ihre Leuchte das Lamm, das auf dem Hügel erwürgt ward.
101
Die sie vor Gott anklagte, die todverlangende Sünde
102
Ist vertilget. Gericht, Du gehst vor den Reinen vorüber,
103
Die mit des Gottgeopferten Blut sich glaubend bezeichnen.
104
Hebet Eure Häupter gen Himmel und glaubt! Der Erbarmer
105
Hat Euch den Eingebornen gesandt. Ein besseres Leben
106
Nimmt Euch auf, habt Ihr des Todes Schlummer geschlummert.
107
Priester seid Ihr und Könige, seid in Blute gewaschen,
108
Hell in dem Blute des Lamms, das auf dem Hügel erwürgt ward.«
109
Also erscholl auf der Erde des ersten Gefallenen Stimme.
110
Jesus war noch in dem Allerheiligsten. Keinem der Engel
111
Offenbaret' er sich jetzt sichtbar, keinem der Väter.
112
Seine Gegenwart kündeten zwar, da hinüber zum Tempel
113
Er von dem trüben Golgatha schwebete, wehendes Rauschen
114
Ihnen an und, Erde, Du, die dem Göttlichen bebte;
115
Aber sie sahn die Herrlichkeit nicht, vor welcher die Wolken
116
Rauschten, die Erd' erschrak. Sie beteten nur in der Fern' an;
117
Jetzo gegen die Höh' des Moria. Denn immer erbebte
118
Noch das Allerheiligste. Bilder vom Tode des Mittlers
119
Füllten zwar noch die Seelen der Väter; allein, wie kein Engel
120
Ihnen sie nachzuempfinden vermag, ergreifet, durchströmt sie
121
Wonne, mit jenem itzt süßern Gedanken von Deinem Tode,
122
Gottversöhner, vereint, die sanfteste Ruhe des Himmels,
123
Ruh' und Friede Gottes und Liebe Christus', die jeden
124
Ihrer Gedanken erleuchtete, jedes Gefühl entflammte.
125
Denn sie empfanden, es sei der Erschaffung zur Ewigkeit letzter
126
Seligster Zweck die Liebe zu Jesus Christus, dem Mittler
127
Zwischen Gott und den Menschen. In dieser sanften Entzückung
128
Sahen die Seelen der Heiligen jede die andre verloren.
129
Nach und nach war ihnen ihr Glanz, ihr strahlendes Leben
130
Wiedergekommen. So sahen sie sich. Die himmlische Liebe,
131
Welche sie gegen einander empfanden, hub sie noch höher
132
Zu der Seligkeit, Dich, o ihr Versöhner, zu lieben,
133
Gabriel eilte zu ihnen vom Todeshügel herüber,
134
Trat dann unter sie hin. Noch konnt' er vor Wonne nicht reden.
135
Also hatte der Lichtanblick der Ewigerlösten
136
Ihm das Innre bewegt. Wie Harfen tönt' ihm die Stimme:
137
»meine Brüder, Unsterbliche, – kaum darf ich Brüder Euch nennen –
138
Christus' Väter! ich führt Euch herab von der Sonne zur Erde;
140
Also gebietet er: Geht zu Euren Gräbern, Erlöste!«
141
Schnell verbreiteten sich der Heiligen Schaaren und eilten
142
Jeder zu seinem Grabe. Es war von jenem Altare,
143
Bei dem Abel entschlief, noch übrig ein moosiger Felsen.
144
Adam ward und der Seinen viel' an diesem Altare,
145
Den fast ganz der Wasser Gericht wegwälzte, begraben.
146
Adam eilte mit wenigen Frommen, sie dort zu versammeln.
147
Und sie sahen, da sie sich den Gräbern nahten, die Engel,
148
Ihre Beschützer im Leben der Sterblichen, nah an der Gräber
149
Trümmern schweben. Es schien, als ob die Engel der Schöpfung
150
Kleinere Wunder, die Welten des Staubs und ihre Bewohner,
151
Unter den Trümmern betrachteten. Als die heiligen Seelen
152
Mehr sich nahten, verließen die Grabgefilde die Engel.
153
Triumphirend erhuben sie sich. Die Seelen der Todten
154
Wußten es nicht, warum in Triumph sich die Engel erhüben.
155
Henoch blieb und Elias am Todeshügel. Sie blickten
156
Wundernd den Heiligen nach, die zu ihrer Gebeine Ruhstatt
157
In der Zeit der Vollendung, der Zeit der Herrlichkeit, jetzo
158
Auf des Ausgesöhnten Befehl herunterstiegen.
159
Noa ließ sich mit Japhet und Sem hinab zu dem Grabe,
160
Das ihn an jenem Berge begrub, auf welchem die Arche,
161
Gottes Retterin, über der waldumstürzenden Meere
162
Dumpfem Geräusch stillstand, und wo den dankenden Altar
163
Noa baut' und opfert' und Dich, Du Bogen des Bundes,
164
Den Gott selber mit Gnade betrachtete, betend erblickte.
165
Abraham eilete mit den Geliebten zur Todeshöhle
166
Gegenüber dem Hain, in dem er den göttlichen Dulder
167
Schon wie einen Menschen gestaltet sah und nicht wußte,
168
Wer der Wanderer sei, so mit ihm in dem Schatten sich labte.
169
Moses ereilte sein einsames Grab an dem Nebo, wo Gott ihn
170
Unter Felsen begrub. Er starb vor des Ewigen Anschaun,
171
Welcher ihm, eh er entschlief, von dem Nebo Kanaan zeigte.
172
Vor dem Graun der Gegenwart Gottes zerrissen die Felsen
173
Unter dem Todten. Er sank hinunter; noch bebende Felsen
174
Stürzten ihm nach. So lag er, von Gottes Rechte begraben.
175
Nicht in dieser Fern' vom Golgatha kamen zu ihren
176
Gräbern die Jünger Moses', die, mit der Beredsamkeit Donner
177
Und prophetischen Psalmen vom künftigen Heile gerüstet,
178
Abraham's Enkel dem eisernen Arm der Götzen entrissen.
179
Graun umgab die Gefilde der heiligen Gräber und schreckte
180
Jedes noch Sterblichen Fuß zurück, der ihnen sich nahte.
181
Aber als ob bei den Heiligen sie nur weilen wollten,
182
Kamen die Seraphim wieder zu ihnen herab von der Wolke.
183
Adam hatte sein Grab mit seinen Geliebten betreten.
184
Also entriß er sich dem Erstaunen: »Ihr fühltet, ich sah es,
185
Wie ich heiligen Schrecken empfand, als Gottes Befehl kam.
186
Aber freut Euch mit mir! Wir sind gewürdiget worden,
187
Diese Zeit, da im Tode des Göttlichen Leichnam schlummert,
188
Mit dem Schlummernden bis zu dem Grab erniedert zu werden.
189
Selig, daß wir es wurden! Wie freudig ist der Gedanke,
190
Mit des Vaters ewigem Sohn erniedert zu werden!
192
Wenn er, zum Eden die Erde nun umzuschaffen, herabkommt,
193
Und Ihr, meine Kinder, mit mir, wir werden vom Tode
194
Hier erwachen, erwachen bis hin an das Ende der Erde
195
Alle, die liegen und schlafen, zu Ewigkeiten erwachen,
196
Alle meine zahllosen Kinder der ersten Erschaffung
197
Leiber, verherrlichet sie und seelenähnlich, empfangen.
198
Ach, zu welcher Seligkeit schuf uns Jehovah! Wie hast Du,
199
Tod des Versöhnenden, uns und zu welchen Freuden erhoben!
200
Henoch und Du, Elias, Ihr zeigt's, wie werth des Verlangens
201
Eines Unsterblichen sei die Auferstehung vom Tode.
202
Säume nicht, letzter der Tage, daß wir nicht länger verlangen!
203
Säume, säume vielmehr, daß noch zahlloser die Schaar sei
204
Derer, die einst zu dem ewigen Leben aus Gräbern hervorgehn!«
205
So sprach Adam mit seliger Ruh', und seine Gefährten
206
Dachten mit ihm dem frohen Gedanken von der Erniedrung
207
Mit dem Versöhner und von dem letzten Tage der Erde
208
Wonnevoll nach. So standen sie Jeder an seinem Grabe.
209
Von dem Fuße des Bergs bis hinauf zu der Zinne des Tempels
210
Bebete fürchterlicher Moria. Schreckende Wolken
211
Wälzeten sich aus dem Allerheiligsten, strömten herüber
212
Durch die Hallen des Heiligen, dann in des Tempels Vorhof,
213
Dann gen Himmel. Wohin die schreckenden Wolken sich wandten,
214
Bebte die Erd', und spalteten Felsen, und huben sich Ströme.
215
Endlich standen die Wolken, gebreitet über die Gräber,
216
Leuchtender still, und ein Sturmwind braust' herab auf die Gräber;
217
Aber des ewigen Sohns Allmacht war nicht in dem Sturme.
218
Und die Erde bebt' um die Gräber; allein des Versöhners
219
Allmacht war in der bebenden Erde nicht! Es entströmten
220
Flammen den Wolken; aber der Herr war nicht in den Flammen.
221
Jetzo kam von dem Himmel ein sanftes Säuseln hernieder;
222
Und des ewigen Sohnes Allmacht war in dem Säuseln.
223
Ach, die Väter befiel, gleich einem Schlummer in Schatten,
224
Süße Betäubung. Sie wußten es nicht, wie ihnen geschahe;
225
Aber ihr dunkles Gefühl war: Nähe Gottes, und daß es
226
Um sie säuselte. Freudig, mit brüderlicher Entzückung,
227
Schauten die Engel umher im Gefilde der Auferstehung.
228
Jetzt daucht's Adam, als rief' er: »Ich werd', ich werde geschaffen!«
229
Und er strebte, sich aufzurichten. Noch kniet' er im Staube.
230
Harfen tönten ihm zu, ihm sang der Seraph und Cherub:
231
»werde von Neuem und nun auf ewig geschaffen, auf ewig!
232
Siehe, Du starbst an dem dunkelsten Deiner Tage des Todes,
233
Adam! O, Heil Dir Ersten! erwach' und lebe nun Leben,
234
Seliges, Adam, wie Du nach Deiner Schöpfung nicht lebtest!
235
Ach, nun stirbst Du des Todes nicht mehr!« Noch kniet' er im Staube,
236
Sah noch dunkel. Es ward mit dem auferstehenden Leibe
237
Sein ätherischer Leib, der seit dem Tod ihn umhüllte,
238
Jetzo vereint. Der wurde des Umgeschaffnen Verklärung.
239
Schnell erhub er sich, stand und streckte gen Himmel die Arm' aus:
240
»wonne mir, Du hast mich von Neuem aus Staube gerufen!
241
Ja, nun weiß ich's wahrhaftig, Du hast mich wieder, Versöhner,
242
Herrlicher mich, wie in Eden, erschaffen! O, daß ich Dich fände,
243
Gottversöhner, daß ich den Allmächtigen fände: wie wollt' ich
244
Niederfallen vor ihm, wie ihn anbeten! Du bist uns
245
Nahe, zwar nicht gesehn, doch bist Du uns nahe, Versöhner!
246
Ja, dies himmlische Säuseln ist Deiner Gegenwart Stimme.
247
Und auch sie erwachen um mich – schaut nieder, Ihr Engel –
248
Um den Vater der Menschen erwachen die heiligen Kinder!«
249
Eva begann, sich empor zu heben. »Wer bin ich geworden?
250
Bin ich in Eden? Wo bin ich? Ich lebe wieder im Leibe
251
Meiner ersten Erschaffung? O, dort ist Adam! Wie glänzt er!
252
Und wie glänz' ich! O Du, deß Wunden einst strahlen, wo bist Du,
253
Daß ich eil' und Dir danke, Du Wiederbringer der Unschuld!«
254
Adam eilte zu ihr, sie eilte zu Adam; doch konnten
255
Sie nicht reden, da sie sich in ihrer Entzückung umarmten,
256
Nur den Namen des Todtenerweckers konnten sie stammeln.
257
»abel, Abel, mein Sohn!« rief Adam Abel entgegen;
258
Denn der schwebte daher wie ein Frühlingsmorgen, in Purpur
259
Und in Schimmer gekleidet. »Mein Sohn, wie hat uns der Mittler
260
Mit Barmherzigkeiten, mit Huld, mit Gnade beseligt!
261
Erde wurden wir, als wir entschliefen; was sind wir geworden!
262
Ueber Alles, was wir verstanden, und was wir baten,
263
Hat er überschwänglich gethan, der, o Vater, versöhnt hat
264
Unsere Sünd' und die Sünde der Welt! O Ruhe der Himmel!
265
Alle sie werden wie wir an der Tage letztem erwachen.«
266
Enos fand sich bei Seth, bei dem Mahlaleel, Jared,
267
Kenan und Noa's Vater, bei dem Methusala wieder.
268
Unter Strahlen fanden sie sich, auf zitternden Gräbern,
269
Mit des neuen Lebens Gefühl, im himmlischen Leibe,
270
Der, ein bessrer Gefährt' der erlösten unsterblichen Seele,
271
Fast mit ihr denkt und empfindet, in dem die Ewige Gott schaut.
272
Wie nach ihrer Geburt sich die Morgensterne des Daseins
273
Freuten und Dich, o Schaffender, feirend sangen, so schwebten
274
Adam's Söhne daher und riefen Jubel und Wonne,
275
Neue Wonne sich zu. Der Auferstehung Gefilde
276
Halleten von der Entzückung der wiederkommenden Todten.
277
Noa, der zweite Vater der Menschen, fühlt's, daß er wurde
278
Und in sanfterem Wehn der Abenddämmrung erwachte.
279
Röthlicher Duft entfloß des Unsterblichen Schulter, indem er
280
Schnell sich erhub. Er rief: »Ihr Engel, sagt mir, Ihr Engel,
281
Ist mir ein Leib, wie Adam im Paradiese, geschaffen?
282
Ach, wo sind wir? am Throne des Ewigen? oder am Grabe?
283
Und wo betet Ihr an? wo ist er, o der mich umschuf,
284
Daß ich niederfalle mit Euch, mit Euch anbete,
285
Japhet! Sem! (Er sahe vor sich die Beiden erwachen.)
286
Ach, wo ist, Ihr Söhne, der uns von dem Tode geweckt hat,
287
Daß wir eilen und niederfallen und ihn anbeten!
288
Nein, nicht Noa's, der auch es ist, der Auferstehung
289
Söhne, wo ist, der mit Feuer sie von dem Himmel entflammt hat,
290
Daß wir knien und niederfallen und Jubel ihm stammeln!«
291
Wie der Fromme, der Gott, Gott, seinen Schöpfer, in Allem
292
Sucht und findet, in frühem erfrischenden Walde die Sonne,
293
Hinter duftenden Bäumen in ihrer Schöne die Sonne
294
Aufgehn sieht – Entzückung und sanfter Schauer befällt ihn;
295
Denn sie ist schön, ein mächtiger Zeuge der Herrlichkeit Gottes –
296
So sah Abraham's Engel den Vater der glaubenden Nachwelt
297
Selig, verklärt, unsterblich aus seinem Grab hervorgehn.
298
Abraham legte die Hand auf den Mund und blickte gen Himmel;
299
Endlich redt' er, noch in sich gekehrt, noch vertieft in Erstaunen:
300
»umgeschaffen bin ich? Wie wunderbar, Du Versöhner,
301
Sind die Folgen Deiner Versöhnung, wie gnadevoll sind sie!
302
Ach, dies neue Leben, das Du aus Staube mir schufest,
303
Gott, Versöhner, es ist auch Deinen Wunden entquollen!
304
Diesen unverweslichen Leib, den edlern Genossen
305
Meiner Seele, den hast Du mir vor dem Tage der Tage,
306
Vor der Erde Wandlung, gegeben! Wer bin ich, wer bin ich,
307
Daß Du mit diesem Heile mich, Liebender, überschüttest!«
308
Also rief er und weint', entflammt von Dank und von Wonne.
309
Isak kam, und Abraham daucht's, als wäre der Jüngling
310
Einer der Seraphim; also war mit dem festlichen Schimmer
311
Und mit der lächelnden Morgenröthe der Himmelsbewohner
312
Isak geschmückt. Und Abraham rief: »O, sahst Du mich werden,
313
Leuchtender Engel? Er ist für Adam's Söhne gestorben!
314
Er hat meinem verwesten Gebein dies Leben geboten!
315
Abraham, Vater, Du glaubtest zu Gott, ich würd' aus der Asche,
316
Hätte mich nun des prüfenden Altars Flamme geopfert,
317
Wieder erwachen. Ich bin erwacht! O bester der Väter,
318
Wunderbar ist des Versöhnenden Gnade! Sein heiliger Leichnam
319
Ruht noch am Kreuz, und wir erstehn zu dieser Entzückung.
320
Wie in Schlummer sank ich dahin, und himmlische Lüfte
321
Wehten um mich, und ich fand in glänzenden Wolken mich wieder.«
322
Voller Entzückungen kamen Sarai und Bethuel's Tochter
323
Zu den Geliebten. Auf sie und gen Himmel die Augen gerichtet,
324
Standen der Vater, der Sohn, und fühlten die Auferstehung.
325
Lange standen sie sprachlos; allein in der innersten Seele
326
Glüheten ewiger Dank und werdende Jubelgesänge.
327
Israel trat in Triumphe daher, und Thränen voll Seele,
328
Dankende Thränen entstürzten dem Auge des Auferstandnen:
329
»halleluja dem Ueberwinder des Todes, dem Mittler
330
Zwischen dem Richter und mir! Du hast geblutet, Du hast es
331
Alles vollendet, Du hast aus des Todes Thal mich gerufen!«
332
Und die Seraphim hielten sich nicht und strömten ihr Loblied
333
Hin in den Wonnausruf des auferstandnen Gerechten:
334
»preis und Dank dem Todtenerwecker, dem göttlichen Geber
335
Diesem jauchzenden ewigen Lebens, das jetzt aus den Gräbern
336
Aufblüht! Freue Deiner Bewohner, die kommen sollen,
337
Himmel, Dich! Es wehen mit leisem Lispel entgegen
338
Diese früheren Halme dem Rauschen der großen Ernte;
339
Sieh, es singet ihr Lied der Ernter Rufe: Ihr Todten,
340
Kommt! dem Posaunenhall: Gieb, Meer, sie wieder, und Erde!
341
Ach, dem Jubelgeschrei des letzten Tages entgegen!«
342
Israel wandte von ihnen sein Auge nach Golgatha's Grabe:
343
»laut in den Himmeln allen, mit allen ewigen Chören
344
Will ich danken, wenn Du aus Deinem Grabe Dich aufschwingst,
345
Wenn der Geliebte den Liebenden auf der Herrlichkeit Thron schaut,
346
In dem Glanze, der Dein von dem Anbeginne der Welt war!
347
Seid Ihr, Engel, was ich bin? Ihr seid es nicht, starbt nicht, wie ich starb,
348
Glaubend an ihn! Ah, der Auferstehung mächtige Freuden
349
Fühltet Ihr nicht! Er ist, wie Menschen sterben, gestorben,
350
Und wie Menschen wird er in das neue Leben heraufgehn!
351
Selig betet Ihr an. Wir beten, selig mit Euch, an;
352
Aber wir lieben des Ewigen und der Sterblichen Sohn mehr.
353
Ach, wo sind, die mit mir in dem ersten Leben ihn liebten,
354
Zwar in der Fern' nur und dunkel ihn sahn, den Erretter der Menschen,
355
Aber in seiner Göttlichkeit doch?« Er wendet vom Himmel
356
Nach der Erde sein Aug' und erblickt und umarmt die Geliebten;
357
Joseph und Rahel noch nicht. Bei dem Grabe der Mutter Benoni's
358
War ihr Engel. Sie stand an dem Hange des offenen Felsen;
359
Auf der Höhe der Engel. Mit Blicken der innigsten Freundschaft
360
Sah sie zu ihm hinauf; mit Blicken der innigsten Freundschaft
361
Sah er auf sie herunter. R. »Mein Grab ist einsam, o Seraph!«
362
E. »Rahel, das Grab, in welchem nun bald der Göttliche ruhn wird,
363
Ist auch einsam.« R. »Unsterblicher, ach, wie hat er gelitten,
364
Dessen Leichnam nun bald das Grab an Golgatha einschließt!
365
Ach, was hat des Versöhnenden Tod uns erworben! Ich werde
366
Einst erwachen, wo mir das Gebein in dem Staube verweste,
367
Hier. Auch Auferstehung hat mir der Versöhner erworben!«
368
Als sie noch redete, hub sich um ihren Fuß von dem Grabe
369
Sanftaufwallender Duft, ein Wölkchen, wie etwa die Rose
370
Oder ein Frühlingslaub einhüllt, das Silber herabträuft.
371
Rahel's Schimmer umzog den schwimmenden Duft mit Golde,
372
Wie die Sonne den Saum der Abendwolke vergoldet.
373
Und ihr Auge begleitet des Duftes Wallen. Sie sieht ihn,
374
Anders um sich und wieder anders gebildet, herumziehn,
375
Steigen, sinken, zuletzt stets mehr sich nahen und schimmern.
376
Und sie bewundert den Tiefsinn der immerändernden Schöpfung,
377
Unergründlich in Großem und unergründlich in Kleinem,
378
Ohne zu wissen, wie nah der schwebende Duft ihr verwandt sei,
379
Und wozu ihn nun bald des Allmächtigen Stimme, Versöhner,
380
Deine Stimme nun bald erschaffen werde. Sie neigt sich
381
Ueber ihn und betrachtet ihn stets mit froherem Blicke.
382
Mit verbreiteten Armen, voll süßer namloser Freuden,
383
Stand ihr Engel und sah's. Nun scholl des Allmächtigen Stimme.
384
Rahel sank. Ihr daucht' es, als ob sie in Thränen zerflösse,
385
Sanft in Freudenthränen, hinab in schattende Thale
386
Quölle, sich über ein wehendes, blumenvolles Gestade
387
Leicht erhübe, dann neugeschaffen unter den Blumen
388
Dieses Gestades und seines Dufts Gerüchen sich fände.
389
Jetzt erwachte sie ganz. Sie fühlte sich, sahe sich, wußt' es,
390
Daß ein neuer unsterblicher Leib sie umgab. Mit Entzückung
391
Sieht sie gen Himmel und danket Dem, der vom Tode sie aufrief.
392
Nun verstummt sie nicht länger: »Du mein Versöhner, mein Bruder,
393
Jesus Christus, mein Herr und mein Gott, es erschalle Dein Namen
394
Immer von meiner Lippe zuerst! dann Eurer, Geliebte,
395
Israel, Joseph und Benjamin! Benjamin, Israel, Joseph!
396
Jesus Christus, mein Herr und mein Gott! Wo find' ich sie? Führe,
397
Führe mich, Seraph, daß ich den Angebeteten sehe,
398
Israel, meine Kinder! In ihrem Innersten durstet
399
Meine Seele nach ihnen. Vor ihrem Antlitz, mit ihnen
400
Will ich mich meines Heils, der Auferstehung mich freuen.«
401
Israel fand sie und Lea und dieser Söhne. Die waren
402
Aus den Gefilden Aegyptus' herauf von dem Strome gekommen;
403
Benjamin auch, nur Joseph noch nicht. Der himmlische Joseph
404
Weilete noch um sein Grab zu Sichem. Einer der Knaben,
405
Die der Mittler einst küßt' und segnet' und unter das Volk sie
406
Stellte: Werdet wie sie; sonst könnt Ihr das Leben nicht erben!
407
Einer von diesen war jetzt gestorben. Sein leitender Engel
408
Führt' ihn in Hämon's Aue daher; und da sie die Seele
409
An dem Todtengewölb' erblickten, blieben sie schweben.
410
Samed fragte den Engel, indem er des Unbekannten
411
Herrlichkeit sah: »Wer ist, o Du mein himmlischer Führer,
412
Diese Strahlengestalt so voll von Hoheit und Einfalt?«
413
Und mit Lächeln und milderem Glanz antwortete Joseph:
414
»blume, die nun in dem Schatten der Lebensbäume wird wachsen
415
Und am Schall des krystallenen Stroms, der herunter vom Thron fleußt,
416
Wer ich bin? Ich war in dem Leben, dem Du entflohn bist,
417
Erst ein glücklicher Knabe, dann durch Verfolgungen elend,
418
Sehr glückselig darauf. Denn ein Vater leidender Völker
419
Ward ich und meines Vaters. Erkennst Du nun, Frühentfloh'ner,
420
Rahel's und Israel's Sohn?« Und Samed sprach zu dem Engel:
421
»o Du Unsterblicher! Israel's Sohn und Rahel's, von dem mir,
422
Ach, von Joseph, mein Vater die wunderbare Geschichte
423
Oft vor Freude weinend erzählte. Milder, o Joseph,
424
Glänze noch milder, so wag' ich mit Dir, o Joseph, zu reden.
425
Dich zu sehn, das allein verdiente die Leiden des Todes;
426
Ihn erduldet' ich gern um Deinetwillen noch einmal,
427
Ja, noch einmal den Kampf des vollen Lebens im Aufblühn
428
Und der innigen Liebe zu diesem blühenden Leben
429
Mit dem Tode, mit dieser Empfindung, als ob wir vergingen,
430
Diesem Traume von ewiger Nacht, dem Schrecken der Schrecken.
431
Kaum erst bin ich entronnen. Mein Engel sagte mir's, mußte
432
Oft es mir sagen: ich lebte! So hatte der Schein der Vernichtung
433
Meine Seele geschreckt.« I. »Frühglückliche Seele, Du mußtest
434
Auch von des Lebens Leid ein Wenig dulden. Wie lohnt Dich's
435
Jetzo, daß Du so bald ein Genoß der Erben des Heils wardst,
436
Derer auch, die höher als ich auf der Seligkeit Stufe
437
Stehn!« S. »O Israel's Sohn, kaum halt' ich, Joseph, Dein Glänzen,
438
Das Du mildertest, aus!« I. »Du wirst schnell lernen, o Samed,
439
Wirst bald Abraham sehn. Von dem Leibe der Erd' entlastet,
440
Lernen die Seligen schnell.« S. »Gern will ich lernen. O, lehre
441
Du mich, Israel's Sohn! Auch in dem irdischen Leben
442
Sind bisweilen Stunden des Himmels. Wie war Dir in jener
443
Stunde des Himmels, da Du Dich nun nicht halten mehr konntest,
444
Riefst, laut weinetest, daß die entfernten Aegypter es hörten:
445
Ich bin Joseph! Lebet mein Vater noch? da der Brüder
446
Aug' und des jüngsten der Brüder, ach, Deines Benjamin's Auge
447
Jetzo reden Dich sah: Verkündiget meinem Vater
448
Meine Herrlichkeit in Aegyptus! Du dann um den Hals fielst
449
Benjamin, Deinem Bruder, und weinetest; in der Umarmung
450
Benjamin auch die Thränen der frühen Seligkeit wurden;
451
Dann in jener Stunde, da Du erfuhrest: vernommen
452
Hab' es Dein Vater, da habe das Herz des staunenden Greises
453
Gar viel anders gedacht, es nicht geglaubt, bis er endlich
454
Deine Rede gehört und gesehen Pharaon's Wagen;
455
Da, da wäre sein Geist lebendig geworden: Ich habe
456
Nun genug, daß Joseph, mein Sohn, noch lebt! Hin will ich
457
Und ihn sehn, eh ich sterbe! da er Dich wirklich nun sahe,
458
Du um den Hals ihm fielest und lang' in seiner Umarmung
459
Weinetest; da zu Dir selbst Dein Vater sagte: Nun will ich
460
Gerne sterben, ich habe gesehn Dein Angesicht, Joseph,
461
Daß Du noch lebest! wie war Dir in diesen Stunden des Himmels?«
462
I. »Komm, auch Israel's Sohn und auch mein Bruder und jünger,
463
Als mein Benjamin war, komm und umarme mich!« Samed
464
Zittert' herzu und umarmt' ihn. Sie weineten lange des Himmels
465
Thränen. I. »Wie, Samed, mir war, das hast Du selber empfunden,
466
Als Du von jenen Thränen auf Erden die frohe Geschichte
467
Mir zurückriefst, als Du dadurch die Freuden des Himmels
468
Mir vermehrtest, so sehr vermehrtest, daß ich dem Geber
469
Jener Seligkeit wieder mit neuem Danke, mit stärkerm,
470
Als auf der Erd' ich zu bringen vermocht', anbetete.« S. »Danken
471
Will ich, Joseph, von Dir auch lernen; aber, o sage,
472
Warum ist es ein Grab, wo Du weilest?« I. »Unsterblicher, weiß er
473
Schon des Göttlichen Tod?« Der Seraph wollte jetzt reden;
474
Aber mit Eil' rief Samed: »Ich weiß, ich weiß des Versöhners
475
Tod!« I. »So weißt Du denn auch, daß uns ein Befehl von ihm wurde,
476
Uns, die das Kreuz umgaben, hinab zu den Gräbern zu wallen.
477
Zeugen waren wir seiner Erduldungen, bis ihm sein Haupt sank,
478
Und er starb.« S. »Dies wußt' ich noch nicht. Von dem Todten zu sprechen,
479
Bin ich noch nicht selig genug. Sobald ich so hoch mich
480
Heb' und nicht mehr verstummen muß, ist es Joseph, mit dem ich
481
Von dem Göttlichen rede. Jetzt, Benjamin's Bruder und meiner,
482
Sage mir, wessen Gebein deckt dieses Grab?« I. »Das meine,
483
Samed.« S. »Sollte denn Jeder zu seinem Grabe sich wenden?
484
Oder hast Du Dir Deins nur gewählt?« I. »Des Unsterblichen Botschaft
485
War: Wir sollten uns Jeder zu seinem Grabe sich wenden.«
486
S. »Was ist dieses, mein Hüter und Joseph, Ihr Engel Gottes?«
487
Lächelnd schweigt der niemals Sterbliche, Joseph erwidert:
488
»dieses vielleicht: Wir sollen uns mit dem todten Messias
489
Bis zu dem Grab erniedrigen und, wovon er uns frei macht,
490
Unter Gebeinen mit stillen Betrachtungen überdenken.
491
Denn, daß er starb und aufersteht, das freit uns vom Tode,
492
Das erweckt uns dereinst an dem letzten Tage der Erde.«
493
S. »Hier wird also Joseph erwachen. O, trügen die Meinen
494
Meine Trümmer hierher, so erwacht' ich neben Dir, Joseph.
495
Laß hinein in das Grab uns wallen und sehen, was übrig
496
Ist von der Hülle, die sonst Dich umgab, in dem Staube geblieben,
497
Sehen, was aufersteht! Dies kleideten Israel's Söhne
498
In balsamisches Todtengewand bei Pharao's Strome.
499
Drum ist vielleicht Dein Staub von der Erde Staube gesondert,
500
Und wir können noch sehn, was künftig der Ewigkeit aufblüht.«
501
I. »Komm denn, Samed!« Er sprach's und führt' ihn hinab in das Grabmal.
502
Und sie fanden, wo in dem Gewölbe die dunkelste Nacht war,
503
Joseph's Engel, dem der Erwartung Freuden und Unruh'
504
Aus dem Angesicht strahlten. I. »Ich seh', o Seraph, Du freust Dich
505
Dessen, der bald nun erwacht.« E. »Ich freue mich seiner Erhöhung,
506
Joseph, die immer herrlicher wird und uns die Erwartung
507
Stets mit neuer Entzückung belohnt. Wenn Du ein Gefilde
508
Voll von Frühlinge liebtest, und, wo Du wandeltest, immer
509
Neue Blumen vor Dir entsprössen, doch die Du am Meisten
510
Unter den Blumen liebtest, die
511
Dieses frohen Gefildes, Du würdest, Joseph, die
512
Mit unruhiger Freud' erwarten.« I. »Welche der Gnaden
513
Meinest Du, Seraph?« E. »O Du Unsterblicher, aber noch Todter,
514
Welche der Gnaden ich meine? Sieh hin!« Da wallte von selber
515
Erde wie Wolken empor und sank an des Felsengewölbes
516
Seite nieder; allein wo der Engel des Heiligen schwebte,
517
Blieb ein wenig wallender Staub. Mit Schnelligkeit wölkt' er
518
Auf sich und nieder, und schimmernd war's im gebärenden Staube.
519
»schwebe näher und sieh,« rief Joseph's Engel, »wie herrlich
520
Hier in der Erde beginnen die ersten Funken des Lebens.«
521
Und ein sanftes Säuseln entstand in dem Todtengewölbe.
522
Samed wehten die goldenen Locken, und Israel's Sohne
523
Säuselt' es nach, da er seiner Gebeine Trümmer sich nahte.
524
Aber nun kam mit Eile die neue Schöpfung der Engel
525
Blicke zuvor und Samed's zuvor. Sie sahn das Geschehne,
526
Doch das Geschehende nicht, verwandelt den Staub und erstanden
527
Rahel's Sohn. Er rief: »Des Bundes Engel, o, der sie
528
Flammend die Nacht und am Tag in der hohen Wolke sie führte
529
Weg aus Aegyptus' Grabe durchs Meer der Schilfe nach Kanan,
530
Daß der Peiniger sank, jetzt sinkt der größre, der Tod sinkt!
531
Aber Israel ist in den Auen Ephron's und Rahel;
532
Abraham, Abraham auch!« Er rief's und strahlt' aus dem Grabmal.
533
Und es begleiten, vor Freude verstummt, die Engel und Samed
534
Seinen wehenden Flug. Er entschwebte dem heiligen Haine
535
Mamre's in seiner Väter und seiner Bruder Versammlung.
536
O, wer hörte genug von dem Nachhall himmlischer Harfen,
537
Tönen zu lassen, wie zu dem zweiten Male der Vater
538
Und der Sohn sich empfingen, die Brüder den Bruder erkannten,
539
Was die Mutter empfand, da sie ihren Erstling erblickte!
540
Herrlich hatt' ihn erschaffen die zweite Schöpfung. Sein Traum ging
541
Bis in das ewige Leben. Vor seiner helleren Klarheit
542
Neigten sich seine Brüder, itzt nicht nur neidlos, mit Freuden
543
Neigten sie sich und dankten dem Geber der höheren Gnaden.
544
Salem's Priester und König begrub bei der Quelle Phiala,
545
Wo er den Heiligen fand, ein Wanderer. Nicht aus Mitleid,
546
Nicht aus Menschlichkeit nur begrub ihn der staunende Fremdling,
547
Auch aus Ehrfurcht. Auf dem Angesicht fand er ihn liegen
548
Mit gefalteten Händen. So lag, ein himmlischer Anblick
549
Für der Seraphim Auge, der Priester Gottes im Tode.
550
Lange sah ihn der Wanderer an, und werth, zu begraben
551
Diesen Todten, erhub er mit freudigschauerndem Danke
552
Seine Hände gen Himmel; dann schlung er sie um den Entschlafnen,
553
Faßt' ihn und hob aus dem Staub ihn empor und begrub ihn betend.
554
Dieses Grab umschwebte Melchisedek. Rauschend ergoß sich
555
Von Phiala der werdende Jordan hinab an des Grabes
556
Kühlem Moose. Des Quells melodisches sanftes Getöne
557
Ueberströmt des Heiligen Seele mit freudigem Tiefsinn.
558
Und ihr däucht es, sie hör', Allmächtiger, Deine Stimme
559
Durch der Himmel Jerusalem sanft mit des Thrones Krystallstrom
560
Rauschen und durch die Wipfel der Lebensbäume sie wehen.
561
Und Melchisedek sank stets tiefer in dieser Entzückung
562
Süße Ruh'. Es vergingen um ihn die Erd' und der Himmel,
563
Gott nur und er vergingen nicht. Umgeschaffen erhub er
564
Aus dem Staube sich, stand, sank wieder hin auf das Antlitz
565
Und verstummte; doch nannten sein Auge voll bebender Thränen
566
Jesus und die gefalteten Hände Jesus, den Mittler.
567
Auf der Ebne, wo sie, durch Deinen Boten, o Allmacht,
568
Aus der glühenden Tiefe geführt, herauf in das Leben
569
Kamen, Allen ein Anblick des Schreckens und Grauns und Entsetzens,
570
Die, wenn nun die Asoor, der Gesang, die Flöt' und der Psalter,
571
Wenn die Cymbale, Dein Jauchzen, Drommet' und Posaune, Dein Donner
572
Rasten, die dann um das glänzende Bild zu der Erde sich stürzten,
573
Auf der Ebne hatten ihr Grab die Gerechten Asarja,
575
Ferne nicht lag von dem Grabe der göttlichglaubenden Helden
576
Eine große Trümmer, das Bild. Einst hatt' es der König,
577
Welchen hinab zu den Thieren der Herr von Babylon's Höhn stieß,
578
Unter die Wolken gestellt, wie er in dem Traum es erblickte.
579
Königreiche, des Bildes Bedeutung, untergegangne
580
Königreiche, noch liegen sie,
581
Misael und Hananja begruben Asarja und freuten
582
Sich der Auferstehung, als sie den Geliebten begruben.
583
Dich, Hananja, begrub der einsame Misael, trostvoll
584
Und erquicket von dem Gedanken des näheren Todes.
585
Jetzo suchte sein Aug' in ihrem Grabe der Todten
586
Asche; selbst des Unsterblichen Auge suchte vergebens.
587
Gleichwol schwung er sich, voll vom Gefühl der freudigsten Hoffnung,
588
Ueber die hohen Gräber empor und sang in der Wonne
589
Seiner Seele nach den Geliebten hinab, und gen Himmel
590
(oft wird Rede nicht, wird Gesang der Unsterblichen Stimme,
591
Wenn in ihnen sich heißere Gluth der Empfindung ergießet)
592
Sang mit dem wehenden Rauschen Euphrates. Nicht, wie der Menschen
593
Unbeseelteres Ohr es vernimmt, wie es Himmlische hören,
594
Wenn ein fliegender Strom an seinen Ufern hinabhallt,
595
Hörten die Beiden die Stimme des Stroms und Misael's Stimme:
596
»dennoch werden wir einst aus diesen Gräbern hervorgehn!
597
Ja, wie weit, o Verwesung, Du auch in die Tiefen der Schöpfung
598
Unseren Staub zerstreutest – in Deinen donnernden Strudeln,
599
Ocean, dort fließ' er! in Deinen Strahlen, o Sonne,
600
Schweb' er! ihn schuf einst Gott; unsterbliche Seelen bewohnten
601
Diesen Staub – ihn wird, ihn wird der Allmächtige sammeln,
602
Ueber ihm stehen und ihm das neue Leben gebieten.
603
Erde nahm der Allmächtige, sprach zu der bebenden Erde:
604
Werd' ein Leib des Menschen! er ward's. Den Staub der Verwesung
605
Wird der Allmächtige nehmen, ihm Leib zu werden gebieten.
606
Halleluja, dann wird erwachen der Staub der Verwesung!
607
Rauschen werden die Ströme, die Stürme brausen, das Weltmeer
608
Brüllen, beben die Erde, der Himmel donnern, und Nacht sein!
609
Mächtiger als das fliegende, grauenvolle Getöse
610
Wird die Posaune rufen, die Todtenerweckerin rufen!
611
Auferstehen werden alsdann, die liegen und schlafen!«
612
Leiser töneten ihm die letzten Laute. Vom Tode
613
Stand er auf, vom Tode bei ihm die himmlischen Freunde.
614
Der, wie schnelle Parden, wie Adler im Flug zu dem Aase,
615
Deine Rosse, Chaldäa, erblickte – die eilenden Reiter
616
Rafften Gefangne zusammen als Sand; sie lachten der Fürsten,
617
Und der Könige spotteten sie; ihr Führer war trunken
618
Erst von seinem Grimm, gleich unersättlich dem Grabe,
619
Dann von dem Taumelkelche des Rächers – der auch den Rächer
620
In der schreckenden Herrlichkeit sah, mit der er vom Paran
621
Kam – die Pest ging vor dem Gefürchteten her, wo er hintrat,
622
Elend; er maß das Land, wie weit die Zerstörerin wüthen,
623
Wo sie stillstehn sollte; die Hügel mußten sich neigen,
624
Da der Herrliche ging; bang ward den Bergen; der Strom fuhr
625
Eilend dahin; da bückte die Tiefe sich, und die Höhe
626
Hub die Händ' auf; Sonn' und Mond, Ihr standet; da fuhren
627
Seine Pfeile mit Glänzen dahin, mit den Blicken des Blitzes
628
Seine Speere – der so den mächtigen Helfer in Juda,
629
Siehe, den Wiedervergelter in seiner Herrlichkeit schaute,
630
Dessen Kraft war auch jetzo der Herr. Der Rettende führt' ihn
631
Aus dem Grab in die Höh'. Und Habakuk pries den Erwecker.
632
Sanft ertönte sein Saitenspiel an dem offenen Grabe:
633
»nicht der Feigenbaum nur grünt, der freudige Weinstock
634
Nicht allein und die Arbeit am Oelbaum weit in den Thalen,
635
Auch die unsterbliche Saat steht hoch, der Ewigkeit Ernte.
636
Schimmernd reifte sie auf in dem frohen Garbengefilde.
637
Voll ist von Deinen Preisen der Himmel, Sela! die Erde
638
Deinen Ehren! Du dachtest an uns, Barmherziger, als wir
639
Hatten bis zu den Hefen den Kelch des Todes getrunken,
640
Ganz die Verwesung gesehn! Drum freu' ich mich Deiner, Erretter,
641
Und hin fröhlich in Gott, der mir in Ewigkeit Heil ist!«
642
Wie, wenn in Wolken ringsumher sich der Himmel gehüllt hat,
643
Und stets ernster der forschende Blick des Erwartenden aufschaut,
644
Wie auf einmal sich dann die Flamme des Herrn aus den Wolken
645
Stürzt und im Donnersturme den Preis des Allmächtigen ausruft:
646
Also entriß Jesaias der Nacht des Todes sich, strahlte
647
Ueber dem Grabe, so rief er Dank dem Erschaffer aus Staube.
648
Unter den Trümmern und Graun der großen Babylon, die sich
649
Nebukadnezar erbaute zu seiner Herrlichkeit Ehren,
650
Aber in der die Stimme des heiligen Wächters auch tönte:
651
Weggenommen ist Dir Dein Reich, und hinab zu den Thieren
652
Bist Du verstoßen! unter den verödeten Trümmern
653
Lag Deß Asche, dem Gott mit sehr viel Zukunft strahlte,
654
Daniel's. Und er suchte sein Grab. »Wo find' ich, o Seraph,
655
In der großen Zerstörung mein Grab?« Sie schwebten vorüber
656
Neben nächtlicher Vögel Geschrei und dem Zischen der Drachen
657
Und gesunknen Palästen. Sogar der Araber hatte
658
Keine Hütten hier, sein Sklav hier keine Gehege.
659
Jetzo fand der Engel das Grab. Mit Wasser und Schilfe
660
War es bedeckt. Ein moosiger Grabstein ragte darüber
661
Unter wehenden Schilfen hervor. Und Daniel's Seele
662
Dacht' an das Schicksal Vieler zurück, die lange schon schliefen,
663
Jenes zurück, der hoch mit stolzem Wipfel gen Himmel
664
Stand, ein großer Schatten der Müden, und dumpf hinstürzte,
665
Als es: Hauet ihn um! von dem Himmel erscholl. Der lernte;
666
Aber der Andere nicht, sein Sohn. Der Stolzere wollt' es
667
Niemals lernen, daß Gott der Königreiche Gewalt hat
668
Und, wie er will, die Könige stürzt. Drum ging ihm die Hand auch
669
Gegen den goldenen Leuchter hervor, drum schrieb sie den Tod auch:
670
König, die Jahre Deiner Gewalt sind gezählt und vollendet!
671
Siehe, gewogen hat Dich auf seiner Wage der Richter
672
Und zu leicht Dich gefunden! Dein Reich ist getheilt, ist dem Meder
673
Und dem Perser gegeben! Den Stolzen und die Genossen,
674
Hügel, die mit dem Berge zur Zeit der Zerstörung versanken,
675
Ließ wie erscheinende Schatten vor sich des Heiligen Seele
676
Schnell vorbeigehn. Aber itzt war das Ende der Tage
677
Auch für Daniel da. Der Liebling Gottes erwachte,
678
Schwebt' und strahlet' herab auf Babylon's liegende Trümmern,
679
Wie von dem einsamen Himmel der Stern der Dämmrung herabstrahlt.
680
Thränen säet' er einst und erntete Freuden, Hilkia's
681
Zärtlicher Sohn, als er mit des neuen Lebens Empfindung
682
Ueber dem Grabe stand und ganz unsterblich sich fühlte.
683
Jener Hirt zu Thekoa, der unter den Hütten der Einfalt
684
Den doch kannte, der hoch an dem Himmel gemacht den Arctur hat
685
Und den Orion, er sah die Auen jammervoll liegen
686
Und den Karmel oben verdorrt und Kirioth's Festen
687
Von dem dampfenden Fluge der Flamme verzehrt, im Getümmel
688
Moab (Kirioth sank) im Geschrei vergehn und Posaunhall,
689
Sah der Trümmern und Tode noch mehr in Juda's Gefilden,
690
Bethel's Altar und der Herrscher Paläste sinken, der Theurung
691
Wüthende Qual und eisern und ohne Regen den Himmel,
692
Ach, nur Wolken des Staubs, drei Städte zu
693
Ziehn und sich dürftig letzen, das Schwert die Jünglinge fressen
694
Und die Tode der Pest. Von diesen Gesichten des Elends
695
Hingestürzt, ging Amos hinauf zu den Freuden der Todten,
696
Gern von Lebenden weg, die schon die Erfüllung ereilte.
697
Jetzo erwacht' er, zu sehen das Heil des Sündeversöhners
698
In der Unsterblichkeit Leibe, den Himmel eisern dem Durste
699
Derer nicht mehr, die nach der Erkenntniß des Heiligen lechzten.
700
Hiob hatte sein Grab mit kühlen Schatten umpflanzet,
701
Und er schwebt' in dem wehenden Hain. Jetzt schienen die Felsen
702
Seines thürmenden Grabes vor ihm sich nieder zu senken,
703
Jetzo sanken sie. Schnell entstiegen den ruhenden Felsen
704
Wolken wallendes Staubes; doch blitzte Glanz aus dem Staube,
705
Anderem Staub' und anderer Glanz, wie er jemals gesehen.
706
Da er sich freute der neuen Erscheinung mit frohem Tiefsinn,
707
Sank er entzückt in den strahlenden Staub. Ihn sahe sein Engel,
708
Wie er unter der Hand des Allmächtigen wurde. Der Seraph
709
Hielt sich nicht, rief gen Himmel, in seiner Wonne gen Himmel,
710
Daß vor des Rufenden Stimme der Hain und die Felsen erbebten.
711
Hiob empfand es, er war, er war von Neuem erschaffen,
712
Hielt sich nicht, rief gen Himmel, mit stürzender Thräne gen Himmel,
713
Daß vor des Rufenden Stimme der Hain und die Felsen erbebten:
714
»heilig ist, heilig, heilig Der, der sein wird und sein wird!«
715
Trübe war noch der Himmel um Golgatha. Nächtliche Wolken
716
Ueberwölkten die Thäler und Höhn, des söhnenden Opfers
717
Ganzen Schauplatz, so weit der Menschen Auge den Hügel,
718
Wo das Kreuz des Getödteten stand, zu sehen vermochte.
719
Starr, mit tiefgesunkenem Haupt, die heilige Schläfe
720
Mit der Krone der Schmach bedeckt, im Blute, das auch starr
721
Stillstand, jetzo nicht mehr um Gnade zum Richtenden rufte,
722
In die Himmel der Himmel hinauf, um die Gnade des Vaters,
723
Hing Dein Leichnam – o, hätt' ich Namen, Dich würdig zu nennen –
724
Hing Dein Leichnam – nicht Thränen und nicht des Bebenden Stimme
725
Nennet Dich – hing an dem hohen Kreuz Dein Leichnam herunter!
726
Auch der leiseste Laut der Lüfte verstummt' um den Todten,
727
Erd' und Himmel verstummten. Von Menschen verlassen, einsam
728
Lag der Hügel. So liegt ein Schlachtfeld von der Erschlagnen
729
Nun begnadigten oder gerichteten Seelen verlassen.
730
Unverwendet blickte der mitgekreuzigte Jüngling
731
Auf den Todten, obgleich in schwerem Schlummer sein Auge
732
Dunkel zu werden begann. »Du bist gestorben, gestorben,
733
Du, den meine Seele, so sehr sie zu lieben vermag, liebt!
734
Und nun bin ich allein in diesem Tode der Marter!
735
Ach, gern will ich es leiden, will Alles, Alles erdulden,
736
Denn Du hast viel mehr gelitten, viel mehr, wie ich leide;
737
Aber verlaß Du mich nicht, wie Dein Gott Dich verließ! Ich vertiefe
738
Mich vergebens in den Gedanken, durchforsche vergebens:
739
Gott, Dein Gott verließ Dich! Erstaunungsvoller als Alles,
740
Was mich jemals erschreckt, ist dieser zu ernste Gedanke.
741
Könnt' ich nur noch stammeln, Ihr treuen Wenigen würdet
742
Mir's antworten, ob Ihr ihn sahet, als er es zu Gott rief?
743
Ob Ihr sahet sein Haupt empor ihn richten? sein Auge
744
Nach dem Himmel starren? des Rufenden Angesicht sahet?
745
Seine donnernde Stimme, mit der er rufte, vernahmt Ihr.
746
Könnt' ich's Euch stammeln! Um mich vergingen Himmel und Erde,
747
Und es entströmte mir heißeres Blut; ich glaubt', ich stürbe.
748
Ach, sie sehn mitleidig mich an! Ihr Sanften, Ihr Frommen,
749
Weinen kann mein Auge nicht mehr; es würd' Euch beweinen!
750
Dich vor Allen, o Mutter! Verlaß sie nicht, wie Dein Vater
751
Dich verließ! ach, mich, verlaß mich so nicht, Erbarmer!«
752
Also dacht' er und rang mit dem Tode. Gottes Erleuchtung
753
Ueberstrahlt' ihn jetzt heller. Den Zweck des göttlichen Opfers,
754
Daß des Geopferten Blut in das ewige Leben gequollen,
755
Gott versöhnet sei, lehrt' ihn der Geist des Sohns und des Vaters.
756
Und er erstaunte, wie nur zu erstaunen vermag, wen Gott lehrt.
757
Von Pilatus – ihn hatten die Hohenpriester gebeten,
758
Nicht, bis die Uebelthäter den Tod der Kreuzigung stürben,
759
Nicht zu warten, sie jetzt zu tödten, sie jetzt zu begraben,
760
Daß der Verfluchten Gebein des Passa Fest nicht entweihte –
761
Darum kommt von Pilatus ein Sklav, und er eilt, und er redet
762
Mit dem Hauptmann. Dieser gebeut. Schnell fasset der Nächste
763
Eine Keule voll Bluts von vieler Gekreuzigter Tode,
764
Nahet sich eilend, und schon begleiten ihn seine Genossen,
765
Hält sie mit dem nervichten Arm hoch über dem Haupte:
766
»stirb!« und schmettert nieder; da brach das Gebein des Verbrechers,
767
Da erscholl von der Wurzel das Kreuz bis hinauf zu dem Wipfel.
768
Und der begnadigte Jüngling vernahm des erschütterten Kreuzes
769
Dumpfen Schall, den Verkündiger seines nahenden Todes.
770
Sanft klang ihm die prophetische Stimme des nahenden Todes.
771
Und schon wandte der Römer sich, ging mit starrendem Grauen
772
Vor dem Kreuz in der Mitte vorbei. Denn Götter der Rache
773
Schwebten, so daucht' es ihm, schwebten um dieses Kreuz in der Mitte.
774
Und er kam zu dem Jüngling; der blickte mit Ruh' auf ihn nieder.
775
Und der Kreuziger, schnell des Jünglings Qualen zu enden,
776
Stürzte mit allen Kräften, die ihm der härtende Krieg gab,
777
Auf sein müdes Gebein die blutige, triefende Keule
778
Aechzend nieder; da brach's und schütterte, blutete; krachend
779
Hallte das Kreuz. Herauf von der Wurzel stäubte die Erde,
780
Ringsumher erbebten der Hingerichteten Schädel.
781
Endlich ging er noch einmal, allein mit säumendem Fuße,
782
Nach dem Kreuz in der Mitte und stand und sah auf den Leichnam,
783
Rufte dem Hauptmann zu, der unten am Hügel voll Tiefsinns
784
Langsam ging, er rief: »Bei den Göttern, er ist gestorben!«
785
Ihm antwortet der Hauptmann: »Ich weiß, daß er todt ist; doch nimm Du
786
Einen Speer und durchstoß ihm das Herz!« So sagt' er und wandte
787
Wieder sich weg und blickte mit trüberem Ernst auf die Erde.
788
Schon erhub sich der blinkende Speer, schon zucket' er rückwärts,
789
Eilender vor und drang in die Seite des göttlichen Leichnams.
790
Wasser entquoll und Blut der Seite des göttlichen Leichnams.
791
Jetzo sahn die verlöschenden Augen des sterbenden Jünglings,
792
Aber nur fern, so daucht' es ihm, nur in trübender Dämmrung
793
Noch dies Blut aus dem Leichnam des heiligen Dulders rinnen.
794
Und es brach ihm sein Herz. Indem der Leib und die Seele,
795
Nicht zu scheiden, Dir nicht, o Tod, zu weichen, noch ringen;
796
Eh des starken Bands der Natur unerforschte Gewebe
797
Alle zerreißen, empfindet des Sterbenden Seele so, denkt so
798
Oder ist sich bewußt – doch Worte menschlicher Sprachen
799
Streben umsonst, zu sagen, wie Seelen der Sterbenden handeln:
800
»nun, nun ... Ach, auch meiner erbarme Dich! Deines Blutes,
801
Um des Todes willen, den Du für Alle! ... Verließ Dich,
802
Gott, Gott, Gott verließ Dich! Erbarme Dich Aller! meiner!
803
Ja, um Deiner Geburt, um Deiner Duldungen willen
804
In dem Gericht, um Deines versöhnenden Todes am Kreuze,
805
Deiner Auferstehung und der Erhebung zum Vater,
806
Ach, des Todes, des Lebens willen! ... Du bist es, Du bist es!
807
Amen, Amen! Du bist der Vollender und eingegangen,
808
Hoherpriester, ins Allerheiligste! Deine Versöhnung,
809
Gottversöhner, ist ewig! Wie dürstete Jesus Christus!
810
Sünde gemacht und Fluch, wie dürstete Jesus, mein Retter!
811
Hör' ich: Es ist vollendet! allmächtige Stimme, Dich wieder?
812
Todeshügel, mein Grab, Du warst sein Altar! O, freu' Dich
813
Deiner Verwesung, zermalmtes Gebein! Hier wirst Du verwesen!«
814
Als er so in der Tiefe des Herzens flehte, da nahte
815
Abdiel sich und schwebt' um ihn mit leiserem Fluge,
816
Blicket' ihn an. Schnell ward des Unsterblichen Angesicht heller;
817
Also segnet' er ihn zu dem Tod ein: »Quelle des Lebens,
818
Unaussprechlicherer Barmherzigkeit, höherer Gnaden
819
Geber, als je der Mensch und der Engel verstanden und baten,
820
O, des Richters der Welt Versöhner mit Denen, die fielen,
821
Sei die Stunde mit ihm, vor der selbst Engel erbebten,
822
Wenn sie durch diese gefürchtete Nacht zu dem Ewigen gingen,
823
Wandl' in dem finstern Thale mit ihm und laß ihn die Wonne
824
Deines Lebens von fern und seiner Vollendung erblicken!«
825
Abdiel segnet' ihn so. Noch flehte des Sterbenden Seele:
826
»gott, Du Liebe, die ewig liebt! Gerettete Seele,
827
Stamml' es nicht! Du ringest vergebens, hier noch zu danken.
828
Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig und treu und geduldig,
829
Gott, Verzeiher der Sünde, der Missethat, des Verbrechens,
830
Herr, in Deine Hände ... Ach, Schaaren des Paradieses!
831
Und in hellem Gewande! ... Wie wehn die Palmen der Sieger!
832
Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig und treu und geduldig,
833
Herr! in Deine Hände befehl' ich ... Jetzo nicht länger,
834
Länger nicht weilen, versöhnte, gerechte, begnadigte Seele!
835
Mittler, in Deine Hände befehl' ich« ...Er starb. Da verließen
836
Mit der Seele die feinsten noch übrigen Leben die Leiche,
837
Nun die Hülle der Seele zu werden, dereinst die Verklärung
838
Ihres verflogenen Staubes, wenn ihm das nahe Gericht ruft.
839
Also dachte die Seele: »War dies der Tod? O sanfte
840
Schnelle Trennung, wie soll ich Dich nennen? Tod nicht! es heiße
841
Tod Dein Name nicht mehr! Und Du, Du selbst, der Verwesung
842
Fürchterlicher Gedanke, wie schnell bist Du Freude geworden!
843
Schlummere denn, mein Gefährt' in dem ersten Leben! verwese,
844
Saat, von Gott gesät, dem Tage der Garben zu reifen!
845
Ja, verwese! Wie viel' und welche Leben empfind' ich!
846
Diese können nicht sterben, die neuen Leben nicht sterben!«
847
Abdiel hielt sich nicht mehr. Er hatte des Jünglinges Seele,
848
Wie mit himmlischem Glanz sie bekleidet wurde, gesehen.
849
Und er kam ihr, strahlend vor Wonne der innigsten Liebe,
850
Strahlend vor höherer Wonn' entgegen, daß sie erlöst sei.
851
Thränen rannen vom Auge des Himmlischen, als ihm der Sünder,
852
Welcher Buße gethan und Gott sich geheiliget hatte,
853
Auch entgegeneilte. So sprach zu dem Engel die Seele:
854
»knecht des Höchsten – denn Du bist einer der Seligen Gottes,
855
Deine Hoheit und Ruh, die aus Deinem Angesicht leuchten,
856
Sagen es mir – als Dich mein werdendes Auge von fern sah,
857
Deines schwebenden, tönenden Ganges melodisches Rauschen
858
Dort mir scholl, da erschrak ich freudig. Du siehest, ich bebe
859
Noch vor Dir; allein Entzückung ist, Seraph, mein Beben!«
860
Und, in die Zukunft tief verloren, sagte der Engel:
861
»komm, Du erster Todter, den Christus' Opfer versöhnet,
862
Du, der spät zu Gott, erst in dem Gefängniß, sich wandte,
863
Gnad' am Altare selber empfing, Du, künftiger Sünder
864
Weisheitverlassene Hoffnung und nach dem Tod ihr Entsetzen,
865
Komm, was Dir der Versöhner verhieß, wird jetzo erfüllet!
866
Denn ich führe Dich hin zu den Freuden de Paradieses.«
867
Also sprach er und eilte. Die Seele folgte dem Seraph.
868
Er, deß Angesicht strahlte, da er von des Ewigen Anschaun
869
Nieder am Sinai kam, so strahlete, daß er dem Volke
870
Sich verhüllen mußte, der, weil er nur einmal nicht glaubte,
871
Und ihm nicht schnell in dem nächtlichen Augenblicke der Fels quoll,
872
Kanaan auch von fern, von dem Nebo nur Kanaan sahe,
873
Moses schwebt' itzt allein an seinem einsamen Grabe,
874
Und kein Engel um ihn. Er hatt' in dem Leben der Prüfung
875
Keinen gehabt. So groß war Der, der, ohne zu sterben,
876
Gottes Herrlichkeit sah. Er schwebt vertieft. Vor ihm flohst Du
877
Wie in erscheinender Schatten, sein Erdeleben, vorüber.
878
»pharao, Pharao, lange sind von Deinem Gebein schon
879
Und von Deiner Heere die Schilfgestade nicht weiß mehr!
880
O, wie stürzten die Mauren des Meers, wie rauschte der Sturmwind,
881
Hergesandt aus der wolkenerreichenden Flammensäule,
882
Und wie sank Aegyptus zum Tod hinab, wie begrub sie
883
Gott! Auch dort und da, diesseit und über den Hügeln
884
Führten uns seine Wolken und seine Feuer. Da schlug Gott,
885
Amalek, Dich, so lange sie mir die Arme gen Himmel
886
Hielten, und Israel, sanken sie mir. Dort brannte der Busch mir.
887
Heilig, Stätte, bist Du! Ach, langsam wurdest Du Quelle,
888
Fels! Wie war, Abiram, Dir, Dathan und Korah, wie war Euch,
889
Als die Erd' Euch verschlang? Da brüllte die Hölle Triumph auf.
890
Ja, er ist es, Du bist des Donnerhalls, der Posaunen
891
Berg, bist Sinai! Groß bist Du, o Wüste, bist Aller,
892
Welche vom blutigen Strom durch das Meer der Mächtige führte,
893
Großes Grab! Und Nebo ist meins! Ach, strahlt nicht Garizim's
894
Höh' ans Kanaan her? und Golgatha's ewiger Altar?«
895
Golgatha's blutiger, heilerfüllter, ewiger Altar!
896
Sangen am Nebo die Engel herauf, durch die des Gesetzes
897
Bund der Ewige sandte, sie glänzten wie Orione,
898
Kamen, umschwebten das Grab und hielten die goldenen Harfen
899
Hoch gen Himmel und tönten und sangen: »Segen Garizim's
900
Haben wir nicht, nicht Leben der Zeit; des Golgatha Segen
901
Haben wir. Moses, Aaron's Gott, was säumet Dein Leichnam?
902
Staub, Du ruhest, steh auf in das Leben, Dir ruft der Versöhner!«
903
Und in leisem und sanftem, in himmlischem Harfengelispel
904
Schlummert' er hin und erwacht' in Posaunenhall. Es erbebte
905
Nebo von jeder Todtenweckerin, wenn sie ins Grab scholl.
906
Feierlich beugte sein Knie und sank der Herrliche nieder,
907
Anzubeten, und lang' erhub sein Wonnegebet sich,
908
Lange sein Preis; kein Engel hielt ihm die Arme gen Himmel.
909
Auch der Könige Grab bewegte sich. David erwachte,
910
Ach, glückseligkeitssatt und nach dem herrlichen Bilde,
911
Siehe, des Unverwesenden, dessen der Auferstehung
912
Hoher Triumph auch harrte, des Erstlings unter den Todten!
913
Als in dem dunkeln Gewölbe der Sohn Isai's daherging
914
Und bei ihrem Gebein die Seele Salomo's sahe,
915
Blieb er bei ihr, wie er schimmerte, stehn. Der Sohn erstaunte,
916
Ueber den Auferstandnen der Unerwachte. Da eilten
917
Engel zu ihnen ins Grab und Auferstandne. Sie riefen:
918
»o, sie erwachten vom Tode!« »Ja, wir erwarten vom Tode!
919
Unser dürres Gebein,« rief Abraham in der Entzückung,
920
»hörte die Stimme des Herrn, wir erwachten, ihn zu empfangen,
921
Ganz unsterblich wir er, wenn er nun selber heraufstrahlt.
922
Vater des göttlichen Todten, auch Du bist, David, erkoren,
923
Um die Ceder Gottes, ein Frühlingsbäumchen, zu grünen
924
Und zu lispeln im Hauche des sanften Säuselns vom Himmel,
925
Wenn sie nun ihren Wipfel bis in die Wolken emporhebt!«
926
»aber«, Gabriel sprach's, »o Seele Salomo's, weine,
927
Du begnadigte, nicht, Dich wird Dein Staub nicht bekleiden,
928
Wenn die Ceder Gottes des Frühlings Erstlingen schattet.«
929
S. »Weinen? den er mit so viel Gnade der Himmel bekrönt, ich,
930
Der aus solchen Irren herauf zu der Rettung geführt ward?
931
Ruhe bis zu dem Tage der größeren Ernte des Lebens,
932
Mein verwesend Gebein; und wenn dies Todtengewölbe
933
Dich nicht mehr zu halten vermag, so wehe, zerstreuet,
934
In den Lüften ein Duft, in der sanften Kühlung am Abend,
935
Unter dem schimmernden Monde, so lang' er Sterblichen leuchtet!«
936
G. »Auch den künftigen Christen wirst Du,« antwortet der Engel,
937
»nicht erscheinen. Denn nur die Auferweckten erscheinen.«
938
S. »Aber ich seh' die Erscheinungen doch, und ich freue mit Denen,
939
Die erscheinen, und welchen die hohen Erscheinungen strahlen,
940
Mich der Freuden des Himmels.« G. »Die warten, Seliger, Deiner!«
941
Endigte Gabriel, und sie verließen der Könige Gräber,
942
Mamre zu sehn und die Auferweckten im Schatten des Haines.
943
Aber noch stand Hiskia nicht auf. Der Bezwinger des Sera
944
Durch die Schrecken des Herrn, ob sein Heer gleich zahllos heraufzog,
945
Assa erwacht'; auch der, dem Volke zu predigen, zweimal
946
Durch Judäa von Berseba zog bis Ephraim, alle
947
Seine Fürsten mit ihm und die Priester Gottes, und dem dann
948
Heil, wie Keiner empfing, Gott gab. Denn Josaphat führte
949
Gegen die Feinde sein Heer mit Loben in heiligem Schmucke
950
Und mit Psalmen und Preisen und großem Geschrei gen Himmel,
951
Nicht zu schlagen, schon jetzt zu danken dem Retter, der bald nun
952
Kommen würde, zu siegen und bis zu der Wüste mit Haufen
953
Todter Feinde (da war kein Entrinnen) die Erde zu decken.
954
Auch Usia erwacht' in seinem einsamen Grabe,
955
Und in der Könige Gräbern sein Sohn, mit diesem der ernste,
956
Fromme Jüngling Josia, der eifernde Götzenzerstörer.
957
Auch barmherzig war er. Die Sängerinnen und Sänger
958
Weineten ihn, der Benjaminit, deß Thrän' auch auf Salem's
959
Trümmer fiel, am Herzlichsten; ach, sie weinten, den Necho's
960
Bogen trafen, in sanftem, in daurendem Liede voll Klage!
961
Denn noch sang es die Enkelin. Die Fünf' erstanden
962
All' auf einmal und schnell, fünf himmelfallende Blitze.
963
Aber noch stand Hiskia nicht auf. Ein Engel des Abgrunds,
964
Nisroch, ein Götze vordem, und Sanherib's Geist entschwebten
965
Langsam jetzo Libanon's Höhn. Den Eroberer mußte
966
Nisroch herauf von der Hölle zum Grabe der Könige Juda's
967
Führen. S. »Wer zwingt uns hinauf?« sprach schnell zu dem Götzen der Würger.
968
N. »Sanherib, hätt' ich gehorcht, wär' es nicht ein Engel des Todes,
969
Der den Befehl uns brachte, gewesen? Du hörtest ihn reden.
970
War sie, die Donnerstimme, nicht eisern, mit der er uns zurief?
971
Schnell wie Blitze? Mehr Tod ist der Tod, daß diese so furchtbar
972
Sind, so unwiderstehlicher Macht.« S. »Du Schwacher, dem Opfer
973
Bluteten! haben denn je dem furchtbaren Engel des Todes
974
Opfer geblutet?« N. »Du Schwächerer, der dem Gehorcher gehorchen,
975
Fliehn muß, wenn er gebeut, fleuch, hochgeschwollner Erobrer!
976
Fleuch und bete den Staub der todten Könige Juda's,
977
Sanherib, an! Hohnsprecher des Mächtigen, der um die Nase
978
Ringe Dir, in Dein Maul Gebisse Dir legt' und des Weges,
979
Den Du verwüstet hattest, zurück Dich führte, Du kennest
980
Also seinen Engel nicht mehr, dem ich heute gehorche?
981
Kennest den Furchtbaren nicht, der Deine Heer' in den Schlummer
982
Stürzt' und weit umher das Gefild mit Leichnamen deckte,
983
Daß mit dem Wehn der kommenden Sonne geflügelt Geschrei schrie,
984
Und der trunkene Blick der Adler Libanon's flammte?
985
Den nicht, Götterbezwinger zu Hamath und Arpad? Wo sind sie
986
Nun, die Götter zu Haran und Rezeph und zu Thalassar?
987
Wo die Götter zu Sepharvaim? Sie sind in der Hölle,
988
Dein zu spotten. Ich neide Dein Glück Dir, daß Du dem Hohne
989
Dieser Bezwungnen entronnen und, nur des todten Hiskia
990
Staub zu küssen, heraufgesendet bist!« Sanherib eilte.
991
Und die beiden Geister des Abgrunds traten ins Grabmal,
992
Wo Hiskias allein mit seinem Engel noch schwebte,
993
Langsam herein. H. »Warum entheiligen diese Verworfnen,
994
Engel Gottes, mein Grab? Wer sind sie?« E. »Sanherib's Seele
995
Und sein Götze. Du wirst, warum sie kamen, erfahren.
996
Sanherib, kennest Du diese verklärte Seele?« S. »Wie kenn' ich,
997
Ich Unglücklicher, alle die Söhne des glücklichen Schicksals?«
998
E. »Unglückseliger, weil Du ein Böser warest, er ist es,
999
Der in den Staub vor ihm sich bückte, welchem Du Hohn sprachst,
1000
Der auf Gott sich verließ, da Deine Schaaren wie Ströme
1001
Kamen! Du kennst die Gerichte, die schon auf der Erde Dich trafen;
1002
Dann die folgten, und nun folgt dieses: Der Dir so klein schien,
1003
Daß Du ihn kaum verachtetest, mehr dem Mächtigen Hohn sprachst,
1004
Auf deß Rettung allein der erhabnere König sich stützte,
1005
Sanherib, den sollst Du in neuer Herrlichkeit sehen!«
1006
S. »Hab' er seine Herrlichkeit doch, die alt' und die neue!
1007
Laß mich in meine Tiefe nur fliehn! Was geht mich Hiskias
1008
Oder das ewige Licht, was mich, den Genossen der Nacht, an?
1009
Laß mich, Tyrann des Himmels, entfliehn!« E. »Nah gehn die Gerichte
1010
Gottes Dich an, Du Stolzer! Hier ruhet sein Staub, und der Deine
1011
Liegt von Ninive's Trümmer belastet. Auch er wird erwachen,
1012
Aber dunkel und jammervoll, anders, als den Du nun sehn wirst.«
1013
Schrecken und Wuth ergriffen den blutigen Völkerbezwinger,
1014
Als sich auf einmal das Grab des erhabnen Hiskia bewegte,
1015
Und er ebenso schnell in der neuen Herrlichkeit dastand.
1016
H. »Fleuch nun, Lästerer! fleuch, Hohnsprecher des Todtenerweckers!«
1017
Rufte, bewaffnet mit blitzendem Strahl, Hiskia. »Was säumst Du?
1018
Fleuch in Deine Tiefen hinab! Du hast mich gesehen!«
1019
Aber Sanherib war in des Grabmals Felsen gewurzelt,
1020
Konnte vor Wuth nicht entfliehn. Da rief Hiskias herüber:
1021
»siehe, noch anderer Spott, als der vor der Flucht in den Tempel
1022
Nisroch's, wo Deiner Söhne gehobene Schwerter Dein harrten,
1023
Anderer Spott lohnt jetzo Dich! Sion's Tochter im Himmel,
1024
Sie mit der goldenen Krone des Heils verachtet Dich, Todter,
1025
Und die hohe Jerusalem droben schüttelt ihr Haupt Dir,
1026
Niedergestürzter Verderber, nach! Denn wen, o Du Stolzer,
1027
Hast Du geschmäht? Dein Aug' erhoben und Deine Stimme
1028
Wider wen?« Und Sanherib floh und der Götze zur Hölle.
1029
David eilte zu Kis' Grabmal in Zela Benoni's;
1030
Denn so nennet' ihn Rahel, als ihr den Tod der Geliebte,
1031
Sie das Leben ihm gab; zu seinem Jonathan eilt' er.
1032
J. »Ach, Du bist es doch selber? Du bist, mein David, es selber?
1033
Siehe, so sind nur Henoch und nur Elia. Wer bist Du,
1034
Vater des großen Todten, geworden!« D. »Der Staub in dem Grabmal
1035
Meiner Kinder und meinem bewegte sich, siehe, da bin ich
1036
Auferstanden!« J. »Du Vater des Gottgeopferten, Heil Dir
1037
Auch zu dieser Herrlichkeit!« D. »Du mein Jonathan, wirst auch
1038
Aufstehn.« J. »Ich? bin ich der Väter des Göttlichen einer?«
1039
D. »Adam erstand und Noa und Abraham.« J. »Sind sie nicht alle
1040
Väter des Mittlers?« D. »Auch Moses erstand.« J. »Wer kann sich mit Moses,
1041
Ihm vergleichen, der Aaron's Gott war?« D. »Auch ich bin erstanden.
1042
Hast Du gesündigt wie ich?« J. »Das nicht; doch war ich so edel
1043
Und so fromm als, David, Du warst? und über das Alles,
1044
Stammet denn nicht der Messias von Dir? Wie wenig verdient' ich,
1045
Und wie dank' ich dafür, daß ich gewürdiget wurde,
1046
Mit von dem Himmel herab zu kommen und Jesus zu sehen!
1047
David, ich habe genug, ich hab' ihn sterben gesehen,
1048
Und mein Auge wird auch zum Triumphe des Herrlichen aufschaun!
1049
Auch dadurch bin ich selig, daß Du, mein David, zu mir kommst.
1050
Wehmuth hätte beinah mich an diesem Grab ergriffen;
1051
Denn hier bin ich allein, und keiner von meinen Vätern
1052
Ist mit mir und keiner von meinen Brüdern. Die Meisten
1053
Sind zwar selig; allein, ach, ruhet nicht hier sein Gebein auch,
1054
Saul's?« D. »Du klagest doch nicht, o Du mein Jonathan?« J. »David,
1055
Lieber wollt' ich vergehn! Ich klagen? machte mich Gott nicht
1056
Auch zum Erben des Lichts? Auf meines Vaters Gebein ließ
1057
Ohne Klag' ich nur die
1058
Nein vor Gott sind selbst die hohen Engel nicht, selber
1059
Unsre Seligkeit kann ein Wölkchen Wehmuth umschatten.«
1060
D. »Jetzo, mein Jonathan, darf nicht Wehmuth trüben, denn Christus
1061
Ist gestorben. Als er noch litt, traf mehr wie nur Wehmuth
1062
Unsere Herzen, und sieh, es erwachen die ersten der Zeugen
1063
Seines Todes und Lebens!« Indem rief Jonathan's Engel:
1065
Trockn' auch sie!« Er hatt's mit der Stimme der Halleluja
1066
Kaum gerufen, als Jonathan schnell in Schlummer dahinsank,
1067
Ebenso schnell vor David, nun ganz ein Unsterblicher, dastand.
1068
Wer am Throne dereinst die hohen Jubelgesänge
1069
David's und Jonathan's hört, der wird auch hören, was damals
1070
Sie sich sagten, und was sie sich nicht zu sagen vermochten.
1071
Gideon, der die Krone nicht nahm, die Juda ihm brachte,
1072
Schwebt' in dem Glanz der Unsterblichkeit auf. So werden nicht glänzen,
1073
Wenn das Rufen des ernsten Gerichts an dem Throne des Sohns ruft,
1074
Die aus dem Blut der Bezwungnen empor die schreckliche Krone
1075
Huben und auf ihr Haupt mit dem Recht der Tyrannen sie setzten
1076
Oder, bessre Besitzer, in jener Schlacht sie entweihten,
1077
Die nicht Schuldlose rettet und gern sich dem Richter verbürge;
1078
Aber ihres Blutes Geschrei hat er vernommen
1079
Und wird ihm, wenn er kommt, laut anzuklagen gebieten.
1080
Jetzt erwachte sein stäubend Gebein, des Todtenerweckers,
1081
Eh er selber verwest war, Elisa verließ – so verlassen
1082
Frommer Seelen den Leib – sein deckendes Grab, und er eilte
1083
Purpurstrahlend hervor, er allein ein Morgen des Frühlings.
1084
Einst, da weiß zu werden begann das Gebein des Propheten,
1085
Trugen sie einen Todten hinaus und legten ihn nieder
1086
In sein Grab, ein jugendlich Weib, die Wonne des Mannes,
1087
Welchem sie einen Sohn der Schmerzen sterbend geboren.
1088
Lange hatten sie sich geliebt und besaßen sich endlich;
1089
Doch sie starb. Er weint' ihr nicht nach. In stummer Betäubung
1090
Ging er voran in dem Todtengefolge. Der Klagenden eine
1091
Trug, der Gebärerin Tod, den Knaben, der schön wie der Rosen
1092
Frühe Knospe zu blühen begann. Jetzt legten die Träger
1093
Auf Elisa Gebein die Mutter des lächelnden Knaben.
1094
Schleunig entstand ein Rufen des Freudeschreckens, und bleicher
1095
Ward auf einmal das Antlitz der Weinenden, schneller ihr Athem;
1096
Denn die Mutter erhub sich, sprang hin und riß aus den Armen
1097
Jener Fremden ihr Kind und bracht' es bebend dem Vater.
1098
Und sie, deren Wange, da sie in das Leben zurückkam,
1099
Glühete, ward jetzt auch vor Entzückung bleich. Ihr Geliebter,
1100
Der Erscheinungen sah und in dem Arme des Geistes
1101
Seines Kindes Gestalt, betrachtete lächelnd die Beiden,
1102
Mehr glückselig als je. »Ich folg', Ihr winket, ich folge!«
1103
Aber da sie nun wirklich es war, da die Zeugen es riefen,
1104
Und sie selber es rief, ward's um sein Angesicht dunkel.
1105
Und sie reichte den Weibern das Kind und führt' ihn zur Hütte,
1106
Wie, so freuet' er sich, ihn Todesdämmrung umschwebte.
1107
An Debora's Grabe bewegten auf einmal die Palmen
1108
Ihre Wipfel, und schnell stand unter den rauschenden Palmen
1109
Auferweckt die Prophetin und pries den Erschaffer des Lebens.
1110
Mirjam trat in Triumphe daher aus dem Staube der Erde.
1111
Freudeglänzend erhub sie ihr hohes Auge gen Himmel,
1112
Suchte mit feurigem Blick umher in den weiten Gefilden;
1113
Aber sie fand den Unsterblichen nicht, der vom Tod in das Leben
1114
Schnell sie gebracht, dazu an der Allmacht Throne gerüstet.
1115
»engel der Auferstehung, wo weilest Du, Ernter? Wo decken
1116
Heilige Schatten Dein strahlendes Haupt? In welchen Gebirgen
1117
Ist der Ruf der Posaune verhallt, mit dem Du mich wecktest?
1118
Ach, wo ruhest Du aus von Deinem Werk, in Erstaunen
1119
Selbst verloren, daß Gott zu diesem Wunder Dich sandte?«
1120
Volk, das Hesekiel sah aus seiner Gefängnisse Gräbern
1121
Kommen, wenn wirst Du, Volk des Gerichts, das zweite Mal aufstehn?
1122
Deine Rettung nicht nur, der Sterbenden fröhliche Hoffnung
1123
Auch zu lernen, erblickt' er die Auferstehung der Todten,
1124
Sieh, ein ernstes Gesicht! Er stand weissagend, da rauscht' es,
1125
Und da regt' es sich, und die Gebeine kamen zusammen,
1126
Jedes zu seinem Gebein. Er sah, es wuchsen darüber
1127
Adern und Fleisch, und mit Haut bekleidete Gott sie; allein noch
1128
War kein Odem in ihnen. Doch er weissagte von Neuem,
1129
Da kam Odem in sie, sie wurden lebend und standen
1130
Aufgerichtet, ein zahllos Heer. Dies himmlische Bild war
1131
Ihm von dem Ehebar übrig geblieben, und, lichter durch Strahlen
1132
Seiner Seligkeit, hatt' es ihn nicht in dem Himmel verlassen.
1133
Jetzt, da die Auferstehung des göttlichen Todten sich nahte,
1134
Und der großen Entwicklung bei seinem Staub er sich freute,
1135
Ging es von Neuem ihm auf, ein Strahlenmorgen des Frühlings.
1136
Und sein Engel begann: »Ich hör' in den Fernen ein Säuseln
1137
Als der Gegenwart Gottes. Von allen Seiten der Erde
1138
Wehet es her. Wenn nun Einer von seinen Hauchen den Staub hier
1139
Unter uns rührte? Jetzt schlummern sie wieder, die athmenden Lüfte;
1140
Ach, nun erwachen sie wieder!« Er sprach's, und es weht' in des Engels
1141
Goldenen Locke. »Hesekiel!« rief der hellere Seraph;
1142
Aber schon hört' er nicht mehr, schon rauscht' und regte sein Staub sich,
1143
Schon kam Odem in ihn, ein Hauch zu dem ewigen Leben.
1144
Und der Unsterbliche trat auf seine Füße, zu freudig,
1145
Auszusprechen, was er empfand; doch erhub er gefaltet
1146
Seine Hände gen Himmel, und nun umarmt' er den Engel.
1147
Und sie schwebten, geführt von dem Säuseln der Gegenwart Gottes,
1148
Nach den anderen Todten, sie auch erwachen zu sehen.
1149
Asnath schien in Schlummer zu sinken. So schwebt in der Aue
1150
Leicht ein werdender Duft, den der Mond in Silber wandelt,
1151
Wie sie des Grabes Staub mit zweifelndem Schweben berührte.
1152
»ach, mein Hüter, was ist es, das so mich umdämmert? Was gleiten
1153
Mir vor Bilder vorbei, die ich sonst nicht kannte? Was fühl' ich
1154
Neues in mir? Ich habe für diese neuen Gefühle
1155
Keine Namen; allein sie gleichen, doch ferne nur, denen,
1156
Die ich im ersten Leben empfand, da der Tod mich wegrief.
1157
Sterb' ich, Engel Gottes, noch einmal? Mich däucht, die Stimme
1158
Bebt mir, und, ach, zum leisen, gesunknen, unhörbaren Laute
1159
Wird ihr Silberton. Ich sterbe wieder, Du Engel
1160
Gottes! In sanftem Geräusch, als ob Eden's Quellen mir rauschten,
1161
Seraph, in lieblichem Wehen des schattenden Paradieses
1162
Schlummr' ich hin.« So entsanken Asnath die letzten Laute.
1163
Aber von lichten Gedanken umringt, als wären's des Aufgangs
1164
Röthen, durchdrungen von inniger Freuden schnellem Gefühle,
1165
Schwebte sie auf, war ganz der Unsterblichkeit Erbin geworden.
1166
In der Entzückung, als weit um ihn her das Todesgefilde
1167
Rauschte von Auferstehung, da blies die hohe Posaune
1168
Einer der Engel. Mit ihrem erschütternden Donnerhalle
1169
Trat der Held, den Gott zur Bezwingung Kanaan's sandte,
1170
Aus den Schatten des Todes herauf. So leuchten aus Nächten
1171
Blitze, so sah auf Dothan's bestrahlten Bergen Elisa
1172
Flammende Wagen der Engel, die ihn mit Rettung umgaben.
1173
Wie ein Erstling der Frühlingsblumen in duftigen Thälern
1174
Aufblüht, also erwacht zu dem Leben der Leben, nicht wieder
1175
Wegzuwelken, die Tochter Jephtha's. Zu Silbergetöne
1176
Ward es, wovon die Lippe der Preisenden bebte. Ihr Engel
1177
Tönt's mit der goldenen Harf' ihr nach und erhub es auf Flügeln
1178
Frohbegeisterter Harmonien noch höher gen Himmel.
1179
Nah an Jerusalem hatte die Mutter der sieben Söhne
1180
Mit den Söhnen ein Frommer in einer Höhle begraben.
1181
Muthig grub er die Heiligen ein, entschlossen, dem Wüthrich,
1182
Der sie erwürgte, die That zu bekennen und selber zu sterben.
1183
Oft war diese Höhle die Ruhstatt müder Wandrer;
1184
Oft beschatteten ihre Gewölbe des einsamen Beters
1185
Heiße Thränen. Sie füllte mit ernstem Tiefsinn die Seele
1186
Aller, welche vor ihr vorübergingen; denn Alle
1187
Hatten gehört, welch heilig Gebein die Höhle begrübe.
1188
Jetzo knieten in ihr um ihre Mutter die Söhne,
1189
Märtyrer neben der Märtyrerin, voll dankender Wonne,
1190
Daß sie, als seine Zeugen, der Mittler sterben zu lassen
1191
Sie gewürdiget, da ihn sein erstes Gesetz noch verhüllte,
1192
Da er in bildendem Schatten sich nur dem Forschenden zeigte,
1193
Und ihn Tabor noch nicht, noch Golgatha ihn nicht verklärten.
1194
Als von ihrem Grabe zu Gott ihr dankend Gebet stieg,
1195
Kamen über den Bach, der an der Höhle vorbeifloß,
1196
Semida und ein Bethlehemit, der Dich in der Hütte,
1197
Wo Du das erste Mal weintest, Erlöser, von Engeln geführt, sah.
1198
Und sie setzen, lang' von ihren Schmerzen ermüdet,
1199
Am Eingange des Grabs sich gegen einander und weinen.
1200
»semida!.. Doch ich schweige von ihm. Wenn spräch' ich es ganz aus,
1201
Was ich über den Tod des Menschenfreundes empfinde!
1202
Aber, o, sage mir, sage, was dieses vor ein Gefühl ist,
1203
Welches, seitdem mich des heiligen Grabmals Schatten umgeben,
1204
Mich mit sanften noch nie empfundenen Schrecken erschüttert?
1205
Aber ich denke zurück. So war es mir, als sich die Engel,
1206
Die uns seine Geburt verkündeten, ferne nur nahten,
1207
Gleich der Dämmrung, und noch in der Himmel Glanze nicht strahlten.«
1208
S. »Heilig ist, Jethro, ihr Grab. Ich empfinde, was Du empfindest.
1209
Laß uns eilen! Denn Engel, Geliebter, oder Entschlafne
1210
Weihen jetzo dies Grab zum Heiligthume. Drum laß uns,
1211
Laß uns eilen! Der Schauer, der aus den Tiefen der Höhle
1212
Uns erschreckt', ist ein Wink, uns schnell zu entfernen. Sie wollen
1213
Einsam und mit Dem, den sie anbeten, allein sein.«
1214
Semida sprach es. Aber eh er sich wendete, ging er
1215
Einige Schritte tiefer und ruft' in die nächtliche Halle:
1216
»ihr, o Unsterbliche, betet mit uns den Todten des Herrn an!
1217
Göttlich hat er gelebt, und göttlich ist er gestorben,
1218
Jesus Christus. Vor seiner Geburt schon nannten die Engel
1219
Seinen Namen. Ihr kennt den heiligsten aller Namen,
1220
Jesus Christus, des Todten. Vom Tode wird er erwachen.
1221
Ihr, ob Eure Gegenwart gleich mit Schauer uns schreckte,
1222
Seid Erschaffne wie wir. Ihr seid unsterblich. Unsterblich
1223
Sind auch wir. O, lasset mit süßen menschlichen Namen,
1224
Lasset Brüder Euch nennen! ach, Ihr seid unsere Brüder!
1225
Dieses Grab der Märtyrer sei, wenn wir einst zu Euch kommen,
1226
Unser Zeuge, daß wir, schon auf der entheiligten Erde,
1227
Noch in der Hülle der Sterblichkeit, unsre Brüder Euch nannten!
1228
Euch erinnre dies Grab der Märtyrer, daß, wenn wir kommen,
1229
Ihr, die Ersten im Himmel, als Eure Brüder uns aufnehmt!«
1230
Thirza und ihre Söhne vernahmen den Jüngling; sie sahen
1231
Ihn und seinen Gefährten, indem mit melodischer Stimme
1232
Semida redete, Beide mit freudigstaunenden Blicken
1233
Unverwendet auf sie, so daucht' es ihnen, hinabschaun.
1234
Als er endete, wandte zu ihren Söhnen sich Thirza:
1235
»möchten sie weilen! ich liebe sie. Voll von Einfalt und Unschuld
1236
Ist ihr Herz; doch vielleicht, daß der Schauer, welcher sie schreckte,
1237
Von dem Ewigen kam. Geht hin in Frieden! Der Herr sei
1238
Euer Gott und leit' Euch zu unserem ewigen Leben!
1239
Ja, bei unserm Staube, der einst der Unsterblichkeit aufwacht,
1240
Ja, wir kommen, entschlummert Ihr, Euch von dem Himmel entgegen.«
1241
Jethro und Semida wendeten sich und verließen die Höhle.
1242
Als der beiden Sterblichen Bild noch um Thirza's Seele
1243
Schwebte, verdrang's auf einmal ein Anblick voller Erstaunen.
1244
Ihre Söhne, wie sie von dem Leben der Himmlischen strahlten,
1245
Sanken um sie in Schlummer; doch dauchte sie, zween von ihnen
1246
Wären vielmehr in Entzückungen als in Schlummer gesunken.
1247
Denn es leuchtete heller als sonst ihr Antlitz. Sie red'ten;
1248
Wonne war ihr Gefühl, und Harfen waren die Stimmen.
1249
Voll von Seligkeit rief der dritte der Brüder, Beninu:
1250
»stiegest Du schon, o Du schönster der Morgen, Du seliger Morgen
1251
Seiner Auferstehung, herauf? Ja, Morgen der Wonne,
1252
Siehe, Du bist gekommen – das Grab erbebt, es erbeben
1253
Golgatha und das Kreuz – Du bist, o Morgen, gekommen!«
1254
Also rief er und sank, wie seine Brüder, in Schlummer.
1255
Voll von Seligkeit rief der Brüder jüngster, Jedidoth:
1256
»o Ihr Engel, wo bin ich? Hat er zu dem Throne des Vaters
1257
Schon sich erhoben? Ach, himmlisch, Jerusalem, schimmerst Du! himmlisch
1258
Glänzest Du, Thron des Siegers! Allein wie strahlen, wie strahlen
1259
Seine Wunden!« Er rief es und sank dahin, wie die Brüder.
1260
Thirza erstaunte noch stets. Vor ihrem Angesicht lagen
1261
Sieben Unsterbliche, welche, wie Menschen, Schlummer umwölkte.
1262
Süß zwar ist der Liegenden Anblick – das Antlitz der Mutter
1263
Hängt mit stillen Betrachtungen über dem Antlitz der Söhne –
1264
Aber die Schlummernden sind Unsterbliche. »Sollen,« so dachte
1265
Ihre Mutter, »so lange das Grab des Versöhnenden Leichnam
1266
Heiligt, auch sie die festlichen menschentröstenden Stunden,
1267
Zwar im Tode nicht, aber doch schlummern?« Sie dacht' es. Indem schloß
1268
Sich ihr Auge. Sie sahe sich nicht, sie fühlte sich sinken.
1269
Umgeschaffen erhub sie sich dann. Ihr Engel, wie ward ihr,
1270
Als sie in ihrer neuen verklärten Gestalt sich erblickte!
1271
»danken, danken will ich,« sie rief's mit zitternder Stimme,
1272
»ewig danken! Ach, mehr wie die froheste Hoffnung entzücket,
1273
Gabest Du mir der Freuden! Auch sie erwachen, Du Geber
1274
Unaussprechlicher Wonne, Du Geber des ewigen Lebens!«
1275
Und sie kniete nieder und sah, mit verbreiteten Armen
1276
Und mit lautem Weinen, um sich die Kinder erwachen,
1277
Sah sie werden. So schnell, wie der Gluth sich die Flammen entschwingen,
1278
Sahe sie, daß aus wehendem Staube sich Engel erhoben,
1279
Und der Leib der Heitre den neugeschaffnen verklärte,
1280
Sah sie ihr erstes Lächeln (es lächelte nicht der Mutter),
1281
Sah ihr werdendes Auge gen Himmel sich öffnen und schimmern,
1282
Höret' ihr erstes Stammeln zu Gott, die seligste Mutter.
1283
Neben einander begrub
1284
War das Felsengewölbe, worunter die Leichname ruhten,
1285
Im Erdbeben entstürzt. Sie sahen ihre Gebeine
1286
Ueber ihrer Verwesungen eingesunkenen Asche
1287
Liegen und segneten diese zerstreuten Trümmern des Lebens,
1288
Mit dem Wunsche der Auferstehung; aber sie hofften
1289
Jetzo des freudigen Wunsches Erfüllung noch nicht. Der Entschlafnen
1290
Letzter, der Ethan und Chalkol zur Ruh und Heman begleitet,
1291
Dann noch ein Wenig auf Erden, ihr Uebriger, hatte gewandelt,
1292
Darda sprach zu seinen Geliebten: »Wie waren wir immer
1293
So glückselig, Ihr Freunde! Das Leben am Grabe vereint' uns,
1294
Dann das Grab, die Ewigkeit auch. Zwar sahen wir Ethan
1295
Sterben und weinten ihm nach; Dein Gebein ist weißer, o Ethan!
1296
Heman sah ich und Chalkol des Todes Weg zwar ziehen,
1297
Aber zu Ethan hinauf, und wir weinten sanfter. Darauf schlief
1298
Chalkol in meinen Armen auch ein, und ich blieb übrig,
1299
Noch zu dem Leben so reif nicht als Ihr. Wie war mir Verlassnen,
1300
Als ich, o Chalkol, das Grab Dir schloß! Doch mächtiger stärkte
1301
Gott den Weinenden, gab mir Ermannung, gen Himmel zu schauen.
1302
Bald hernach starb Salomo auch und wurde versammelt
1303
Neben David's Gebein. Kurz war mein übriges Leben;
1304
Wenige Nächte, da kam mit dem Todesschlafe die letzte.
1305
Siehe, da liegt nun unser Gebein und harret des Rufes,
1306
Welcher ihm zu erstehn gebeut. Wie entzückt das Verlangen,
1307
Auferstehung, nach Dir! wie wirst Du selber entzücken,
1308
Auferstehung!« »Wie wirst Du,« mit himmlischen Harmonien
1309
Sang es Heman, »o Du Erwachen zum Leben, entzücken,
1310
Du Erwachen, nicht mehr zu entfliehenden Tagen! Vergönne,
1311
Geber der Seligkeit, mir, der Wünsche frömmsten zu wagen,
1312
Der zu Hoffnung beinah in meiner Seele gereift ist,
1313
Diesen, mit Dir zu erwachen! Denn Du verwesest nicht, Mittler!
1314
Jesus Christus, wie könnte Dein Gott Dich verwesen lassen!
1315
Hier von meinem Leibe, deß Erde lange schon hinsank,
1316
Fleh' ich zu Dir hinauf, weit über den Hügel des Kreuzes,
1317
In die Himmel der Himmel hinauf: Laß, großer Beginner
1318
Deiner Ernte, den Keim in dem Staube, den schlummernden Leichnam,
1319
Unter Deinen Schatten, Du Aehre der Aehren, erwachsen!«
1320
»ach, sie schattet noch nicht,« rief Chalkol heftig, »und Heman
1321
Blühet schon auf! Ihr Glücklichen, seht Ihr den Todten erwachen?
1322
Seht Ihr ihn glänzender werden?« Er rief's und verstummt' und erwachte
1323
Mit dem Erwachenden. Darda, auch Dir, und Ethan, Euch wurde
1324
Keine Zeit zum Erstaunen gelassen. Der Todten Gebeine
1325
Rauschten und regten sich mit und wurden mit Lichte bekleidet.
1326
So, wie sie strahleten, huben sie sich, verernigte Schimmer,
1327
Hand in Hand in die Wolken empor und sangen dem Mittler.
1328
Nah an Jerusalem schlief die Prophetin Hanna, vor Vielen
1329
Ihrer Tage glücklich. Sie sah in dem Tempel den Knaben
1330
Bethlem's und wußte, wer der Sprößling aus Juda's Stamm sei.
1331
Er entrann in Aegyptus, und sie in das Grab. Sie erwachte
1332
Jetzt zu der Herrlichkeit. Als sie herauf aus dem kühlen Gewölbe
1333
Ihres Grabmals trat und nun die Augen, so niemals
1334
Wieder sich schließen sollten, eröffnete, sah sie des Todten
1335
Leichnam gegen sich über am Kreuz. »Ja, dennoch, Du Todter,
1336
Bist Du mein Auferwecker! Du bist es, Du hast mir den neuen,
1337
Ach, den unsterblichen Leib vor dem Tage der Tage gegeben!
1338
Ach, wie trieft er von heiligem Blute! Laut in des Himmels
1339
Fernen Hallen vernahm und erhörte der ewige Richter
1340
Dieses Blutes Rufen um Gnade.« Sie sprach's und verstummte
1341
Voller Wonne, vertieft in die Folgen dieser Erhörung.
1342
Joel, Samma's Erster, nun Einziger, hatte den Vater
1343
Und den Todeshügel verlassen und war zu des Oelbergs
1344
Thale niedergeirrt, Gethsemane durch, zu dem Grabe
1345
Seines Bruders. Er sucht' es mit schwerem Schritte. Der Stein war
1346
Schon mit stillem Moose bedeckt. Er sank bei dem Steine
1347
Kraftlos nieder mit starrem und blutenden Auge von Thränen
1348
Ueber Jesus und über Benoni. »Du hast in der Kinder
1349
Und der Säuglinge Munde Dir Lob bereitet; in meinem
1350
Jammer. Ich hatt' um Benoni den Schmerz zu stillen begonnen,
1351
Aber darauf.. Ich mag den göttlichen Namen nicht nennen
1352
Mit dem Namen des Todes. Und, ach, nun still' ich mein Jammern
1353
Um Benoni nicht mehr. Er ist mir noch einmal gestorben.
1354
Jener große Todte, kaum wag' ich es, ihn zu beweinen,
1355
Ist ein Bruder der Engel; ihn dürfen Engel nur weinen.
1356
Aber, Benoni, Benoni, Dich darf, Dich will ich ewig
1357
Weinen!« Er senkte sein glühendes Haupt auf den Stein mit trübem
1358
Bangen Auge, mit bleichen und sanftgeöffneten Lippen,
1359
Seines Bruders und seines Engels Wehmuth und Wonne.
1360
Denn sein Engel und Du, vollendete Seele Benoni's,
1361
War't heruntergekommen zur heiligen Stille der Gräber.
1362
Joel wußte das nicht. So kennt ein duldender Frommer
1363
Hier im Leiden die helfende Hand nicht, die ihm so nah ist,
1364
Nicht entfernter als jene Lüftchen, welches schon säuselt,
1365
Ihn mit stiller Kühlung ins Grab hinunterzuwehen.
1366
Denn schon hat ihn des Lebens Herr und des Todes zum Sterben
1367
Eingesegnet. B. »Ich lebe mehr, o Seraph, als er lebt;
1368
Aber wie weint er den Todten und denkt nicht hinauf an mein Leben!«
1369
J. »Hingegangen bist Du und hast allein mich gelassen,
1370
Mein Benoni, Du Blume, von schnellem Sturme gebrochen,
1371
Duftende Morgenblume, des Thales Saron die schönste!«
1372
B. »Hingegangen, mein Joel, mein Bruder Joel, zu wachsen
1373
Hoch im Himmel ein Schatten empor an dem Strome des Lebens.«
1374
J. »Unser Vater ist alt. Dein Tod, Dein Tod, o Benoni,
1375
Wird auch ihn mir nehmen und, ach, hinab in die Grube
1376
Bringen mit Herzeleid sein graues Haar! Ich, der Waise
1377
Und der Bruderlose, wie werd' ich schmachten und dürsten
1378
Nach des Todes Kelch, der Anderen bitter, mir süß ist!«
1379
B. »Seraph, des Knaben Schmerz geht durch die Seele mir. Trockn' ihm
1380
Seine Thränen, ach, trockne die unaushaltbaren Thränen!«
1381
E. »Gott, Gott nimmt sie von ihm, ist seine Stunde gekommen.
1382
Weißt Du nicht, daß wir Engel zu früh die Thränen nicht trocknen?«
1383
J. »Schlummere sanft, Du Inniggeliebter! Doch Lazarus kam ja
1384
Aus der Verwesung. Allein da lebte der Göttliche selbst noch.
1386
B. »Wird er lange noch leben, o Du sein Engel?« E. »Das weiß nur,
1387
Der, wenn er sterben soll, mir gebeut, ihn gen Himmel zu führen.«
1388
J. »Lehre mich, den Betrübten, den Bruderlosen, o Vater
1389
Aller Väter, die Weisheit, die durch die Wüste des Lebens
1390
Uns in das Land der Verheißungen leitet! Du siehst ja, Du Vater
1391
Aller Väter und Kinder, die innige, bittre Betrübniß
1392
Meines schmachtenden Herzens. Ich fühle die wachsenden Kräfte
1393
Meiner Jugend und sehe vor mir ein Leben ohn' Ende,
1394
Ohne Benoni, bald ohne Vater und ach, ohn' Ende!«
1395
B. »Seraph, der innige Schmerz, wird der sein Leben nicht kürzen?
1396
Tage nur wird er noch leben; doch Jahre sind ihm die Tage.«
1397
J. »Seele meines vollendeten Bruders, ach, wenn Du hier wärst
1398
Um Dein Grab und Deinen verlassenen Joel noch kenntest,
1399
O, so würdest Du auch ein kurzes Leben mir wünschen.«
1400
B. »Weniger nicht gehöret dazu, o Seraph, des Knaben
1401
Kümmernisse zu sehn und ruhig sie auszuhalten,
1402
Als der Besitz des ewigen Lebens. Du warst, o sein Engel,
1403
Stets ein Unsterblicher, ließest in jenen Hütten des Elends
1404
Keinen Bruder zurück!« E. »Doch empfind' ich Dir nach, o Benoni,
1405
Was Du empfindest! So oft wir von unsern Geliebten uns trennen
1406
Und um neue Befehle zum Thron des Ewigen steigen,
1407
Lassen wir Brüder zurück.« B. »Was ist es, mein himmlischer Bruder,
1408
Daß mein Grab sich bewegt, ach, daß vom erschütterten Steine
1409
Joel aufspringt, daß es um mich wie Dämmrungen herschwimmt?
1410
Daß ich.. O Gott, wo bin ich? o Geber des ewigen Lebens,
1411
Du erhältst doch, o, Du vernichtest mich nicht, Du Geber?«
1412
Also stammelt' er sanft, wie sich Widerhalle verlieren,
1413
Und durch den neuen Leib der Auferstehung verherrlicht,
1414
Rief er: »Du erhältst mich nicht nur, Du unendlicher Geber,
1415
Du bekleidest mich auch mit diesem unsterblichen Leibe.
1416
Preis Dir, Herrscher, Herrscher, der der Gaben so viel' hat!
1417
Nun, mein Bruder, wenn einst auch Dir der Leichnam verwest ist,
1418
Weckt Dein Schöpfer ihn auch, er, der der Gaben so viel' hat!«
1419
J. »Wacht' ich? oder hatte der Schmerz sein fürchterlich Schlummern
1420
Ueber mich ausgebreitet? Empfind' ich in meiner Kindheit
1421
Schon, was Samma empfand, wenn er in der starren Betäubung
1422
Niedersenkte sein Haupt, dann auf einmal aufsprang und rufte:
1423
Kind, Benoni, mein Kind, am blutigen Felsen zerschmettert!
1424
War ich also betäubt, ach, oder bewegte der Stein sich
1425
Wirklich? Ihr ruhet doch sanft, Ihr meines Bruders Gebeine?
1426
Bebte die Erde noch nach? Da kommt mein Vater und sucht mich.«
1427
B. »Siehe, mein Vater, o Seraph! Ach, weine, Du redlicher Alter,
1428
Nicht bei meinem Grabe! Ich bin ja so selig, und leer ist
1429
Meines Staubes der Staub, den dieser ruhende Stein deckt.«
1430
S. »Lange sucht' ich Dich, Joel, nun find' ich Dich endlich. O, laß uns
1431
Diesem Graun der Gräber entfliehn! Ist das nicht Benoni's?
1432
Komm, mein Joel! Ist das nicht Benoni's? Laß uns entfliehen!
1433
Komm, mein Uebriger. Gott, Gott segne Dich, Joel!« Sie gingen.
1434
B. »Gott, Gott segne Dich bald,« sprach, da sie sich wandten, Benoni,
1435
»mit dem ewigen Leben, Du duldender redlicher Vater!«
1436
Simeon, als er hatte gesehen den Heiland Gottes,
1437
Ihn, das Licht zu erleuchten die Völker, den Herrlichen Juda's,
1438
Und den innigsten Dank nun über ihn ausgeweinet,
1439
Säumte nicht lang', sein grauendes Haupt zu der Ruhe zu legen.
1440
Simeon machte sich auf, ward sterbend Licht; denn sein Licht war
1441
Drüben am Grabe noch heller, und Du, o Herrlichkeit Gottes,
1442
Gingst dort leuchtender über ihm auf. Das Verwesliche war ihm
1443
Schon zu Staube zusammengesunken. Der Geist des Propheten
1444
Schwebt' an der deckenden Gruft, wo seinen Leichnames Saat lag,
1445
Schnell (er wußte das nicht) zum hohen Halme zu wachsen,
1446
Vor dem Tage der großen Ernte, mit wenigen Halmen
1447
Ueber die Saat der Todten empor, die seit Adam entschliefen,
1448
Ueber das Menschengeschlecht, das hinab bis an das Gericht stirbt.
1449
Und im röthlichen Wege, der durch das Rauschen des Kidron's
1450
Von Jerusalem sich an des Oelbergs Fuße herumzog
1451
Und mit seinen Krümmungen dicht an Simeon's Grab kam,
1452
Wandelten langsam ein Greis, mit ihm ein führender Knabe,
1453
Simeon's Bruder und Enkel. Des Alten Aug' umhüllte
1454
Blindheit, die frühere Nacht des Todes, eh noch der Tod selbst
1455
In das dunkele Thal uns führt. Ihn tröstete kindlich
1456
Boa, der Knabe, des Gleitenden Stab. B. »O, trockne Dein Auge
1457
Endlich wieder, Du redlicher Vater, und weine nicht immer.«
1458
G. »Lang' schon sah mein Auge nicht mehr; so laß es denn das thun,
1459
Was es allein noch vermag. Ich werde den säumenden Tod doch
1460
Endlich erweinen und mich aus dieser Nacht des Lebens
1461
In die bessere Nacht hinneigen. Doch sage mir, Boa:
1462
Sind wir noch ferne von dem Gebein des heiligen Alten?«
1463
B. »Nein, nicht ferne, mein Vater.« G. »Ist schon mit Moose der Grabstein
1464
Wie mit ihrem Epheu die öde Trümmer, bewachsen?
1465
Zeuget schon der gesunkene Stein von des frommen Entschlafnen
1466
Langen Ruh? Ha, blühender Knabe, mein starrendes Herz fliegt
1467
Freudig empor, wenn ich die alternden Gräber, wie rührend
1468
Und ehrwürdig sie sind, mir denke. Mein Simeon legte
1469
Sich in sein Grab so lange nun schon. Zwar lang' ist mein Grab auch
1470
In den Felsen gehaun; doch stets noch fehlt ihm der Todte.«
1471
Also sagt' er und stand und lehnt' in der bitteren Wehmuth
1472
Sich auf Boa. »Mein Sohn, für den die Sonne nicht auslosch,
1473
Dessen Auge der Sommernacht sanftschimmerndes Licht sieht,
1474
Ist der Himmel heiter? Mir wehete liebliche Kühlung
1475
Und erfrischte den Müden.« B. »Die Luft ist heiter, mein Vater,
1476
Und verschönt in dem weiten Gefilde den sprossenden Frühling.«
1477
G. »Wär' er auch in Wolken gehüllt und dunkel von Wettern,
1478
Boa, mein Sohn, soll doch der Tag, an welchem ich sterbe,
1479
Mir ein Tag des Frühlinges sein!« S. »Er dürstet, zu sterben,«
1480
Sagte Simeon's Seele zu dem Geleiter, dem Engel,
1481
»weil er den trüben Gedanken von Jesus' Tode nicht aushält.«
1482
E. »Simeon, ach, den weiß er noch nicht. Sie haben dem Greise,
1483
Daß er lebe, verborgen die schreckenvolle Geschichte.«
1484
S. »Siehe, so stirbt er, o Seraph, sobald er sie hört. Doch ich sagte
1485
Ja auch ihm, es würde dies Schwert durch die Seele der Mutter
1486
Gehen.« Indem sie so redeten, setzte sich Simeon's Bruder
1487
Mit dem Knaben ans Grab. Die aschebedeckten Gebeine
1488
Simeon's sonderte jetzt von der Erde Staube der Cherub
1489
Zu der Unsterblichkeit ab. Sie rauschten und regten sich, sichtbar
1490
Nur für Engel, für die nur hörbar, die fern in den Himmeln
1491
Preise der Sterne vernehmen. Indem sein Schimmer, des neuen
1492
Werdenden Leibes Verklärung, auf diesen wallend herabsank,
1493
Daucht' es der hohen Seele, daß ihr die Gedanken sich ferne,
1494
Wie auf Flügeln entzückender Harmonien getragen,
1495
Immer ferner verlören. Doch kehreten eilend sie wieder,
1496
Da der unsterbliche Leib der neuen Schöpfung vollendet,
1497
Und des Todten Seele mit jeder innigen Freude
1498
Seiner Auferstehung erfüllt war. Ein Pilger des Festes
1499
Lief in dem Wege daher und eilte nach Bethlehem's Hütten.
1500
B. »Warum eilest Du so, Du Pilger?« P. »Sollt' ich nicht eilen
1501
Und den Meinen erzählen des Todes bange Geschichte?«
1502
G. »Welches Todes?« so rief des Auferstandenen Bruder.
1503
P. »Bist Du der Einige, der nicht wisse, daß unsere Herrscher
1504
Jesus, den göttlichen Mann, an dem Kreuze tödteten?« Sprachlos
1505
Sank der Alte zurück. Nach langem Mühen brachten
1506
Endlich der Pilger und Boa den Leidenden über den Kidron
1507
Weg von den Gräbern. Er flehte, zurückgeleitet zu werden,
1508
Aber umsonst, sie leiteten ihn zu Jerusalem's Thoren.
1509
S. »Wollen wir neben ihm wallen und seinem Geiste begegnen,
1510
Wenn er, o Seraph, die Hütte verläßt, die jetzt ihn belastet?
1511
Denn der Morgen wird sie gesunken finden.« E. »Er stirbt nicht,
1512
Simeon, denn sein Engel ist um ihn nicht zugegen,
1513
Und er wird noch sogar in jenem Leben der Freuden
1514
Viel' empfahn. Denn Du, mein Simeon, wirst ihm erscheinen
1515
Und von der Auferstehung des Herrn mit dem Leidenden reden!«
1516
»lieg und ruh,« so dachte bei seinem Leichnam Johannes,
1517
»bis an jenen gefürchteten Tag, den großen Entscheider:
1518
Wessen Sünde Du trugst, Lamm Gottes! Wir sollen hier weilen;
1519
Länger wol nicht, als Nacht den Leib des Getödteten einhüllt,
1520
Als Du schlummerst, o Lamm, deß Altar von dem Blute noch rauchet.
1521
Du versammelst uns dann, wenn Du ein Sieger hervorgehst,
1522
Wieder um Dich, daß wir auch Deine Herrlichkeit sehen!
1523
Dann verlass' ich Dich, Staub, dem einst Posaunen ertönen!
1524
Jetzo säum' ich gerne bei Dir. Was werdet Ihr selbst sein,
1525
Freuden der Auferstehung, da Eure Hoffnung so froh macht!
1526
Was vor ein Traum umschwebt, vor ein hocherhebender Wunsch mich,
1527
Bald zu erwachen? auf Deinen Tag nicht, Richter, zu warten?
1528
Sieh, ein Wunsch, den Hoffnung die Himmel höher hinaufträgt!
1529
Wunderbar sind die Gnaden des Herrn, unzählbar, und neue
1530
Dürfen wir stets erwarten.« So dacht' er und sah Benoni,
1531
Einen Schimmer, daher in der Abenddämmerung kommen.
1532
J. »Welcher Engel entschwebt dem hangenden Felsen, o Seraph?«
1533
Sagte zu seinem Hüter Johannes. »Jeder Entzückung
1534
Frühlingsschönheit umgiebt den himmlischen Jüngling. Ich kenn' ihn,
1535
Höre sein Schweben. Er gleicht Benoni. Er ist Benoni's
1536
Schützender Engel. Wer ist, o Seraph, wer ist er? Ich kenn' ihn
1537
Nun nicht mehr. Er ist kein Engel nicht, keine der Seelen
1538
In dem Gewande des Lichts; doch gleicht er Benoni. Erstanden,
1539
Ach, von dem Tode wärest Du, himmlischer Jüngling, erstanden?
1540
Komm, beflügle den Schwung, den Harfenklang, den Du schwebest,
1541
Wer Du auch bist. Vielleicht ein Benoni, vor Kurzem gestorben
1542
Drüben am Ocean, erstanden, herübergesendet,
1543
Irgend ein neues Wunder des großen Erbarmers zu lehren
1544
Oder selber zu sein.« Jetzt hatte dem Harfenklange
1545
Flügel Benoni gegeben und war leichtschwebend gekommen.
1546
B. »Größter von Denen, die Weiber gebaren, von Ewigkeit segne
1547
Dich der Vater der Wesen zu Ewigkeit! Himmlische Botschaft
1548
Bring' ich: Siehe, der heilige Staub, die Todten erwachen!
1549
Täufer des Herrn, das ganze Gefild bewegt sich und rauschet,
1550
Rauschet von Auferstehung, die Todten Gottes erwachen!«
1551
J. »Jüngling, wen sahest Du? sahst Du?« B. »Ich sah den Vater der Menschen!
1552
Henoch und Elias erstaunten, und Abraham glänzte,
1553
Wie die Heere des Himmels. Auch kam in Purpurgewölke
1554
Isak. Ick sah – es danket' ihr Aug', erhoben zum Himmel –
1555
Moses und Hiob. Ich sah die Sieben, die Märtyrer kommen
1556
Und verlor mich in der Entzückung. Von Ewigkeit segne
1557
Dich zu Ewigkeit Gott! Auch Dich, Johannes, erblickt' ich,
1558
Aber noch nicht erstanden. Bereite Dich, Größter von Adam,
1559
Deiner Auferstehung!« Johannes sahe verwundernd,
1560
Daß sich regte sein Leichnam, sich aufrichtete, lebte,
1561
Aber noch nicht verklärt, noch nur aus Erde geschaffen.
1562
Schleunig verlor die erhabene Seele die letzten Gedanken
1563
Ueber das Wunder, das letzte Gefühl der frohen Erwartung;
1564
Denn sie vereinigte sich. Nun war das Wunder vollendet,
1565
Und der Heilige pries in verklärtem Leibe den Mittler.
1566
Dieser Erstandenen Namen erschollen mir laut, bei der Palmen
1567
Wipfel verwehten die andern; allein in den Stunden der Weihe
1568
Kommt die Sionitin und nennt mir die himmlischen Namen.