Immer weiter komm' ich auf meinem furchtbaren Wege

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Friedrich Gottlieb Klopstock: Immer weiter komm' ich auf meinem furchtbaren Wege Titel entspricht 1. Vers(1759)

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Immer weiter komm' ich auf meinem furchtbaren Wege,
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Immer näher zum Tode des Sohns. Ach, wär's nicht der Liebe
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Tod, den sie starb von dem Anbeginne der Welt, so erläg' ich
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Unter der Last der Betrachtung! Auf beiden Seiten ist Abgrund!
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Da zu der Linken: Ich soll nicht zu kühn den Göttlichen singen!
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Hier zu der Rechten: Ich soll ihn mit feirlicher Würdigkeit singen!
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Und ich bin Staub! O Du, deß Blut auf Golgatha strömte,
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Dessen Allgegenwart mich von allen Seiten umringt hat,
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Du erforschest meine Gedanken! Du siehest es Alles,
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Was ich denke, vorher, Du Naher! ja, selber kein Wort ist
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Mir auf der Zunge, das Du nicht wissest. Mein Gott, mein Versöhner!
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Leite mich, mein Versöhner, und wenn ich strauchle, vergieb mir's!
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Deines Lichts
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Ist dem Erkenntnißbegierigen, ist dem Durstenden Fülle!
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Von dem Throne, der sonst, die hellste sichtbare Schönheit,
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Leuchtete, nun in schreckenerschaffende Nächte gehüllt stand,
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Einsam stand, um den jetzt kein Unsterblicher feirte,
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Außer daß von der weithinbebenden untersten Stufe
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Knieend, mit betendem Auge, mit banggerungenen Händen,
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Starr vor Erwartung, der erste der Todesengel emporsah:
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Von dem Throne schaute mit ungewendetem Antlitz
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Auf den göttlichen Sündeversöhner Jehovah herunter.
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Durch die helleren Stäubchen, die Sonnen, die dunklern, die Erden,
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Durch die verstummte Natur, mit Blicken, von Dem nur verstanden,
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Dem nur gefühlt, auf den sie vom Auge des Ewigen strömten,
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Schaut' er hinab. Es empfindet den Blick des richtenden Vaters
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Jesus Christus, weiß, daß Jehovah noch nicht versöhnt ist,
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Weiß es und fühlt's unaussprechlich, durchströmt von des näheren Todes
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Schauer. Es zittern in ihrem verborgensten Leben die Welten.
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Banger, trüber, verstummender stehn die Unsterblichen alle
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Bei der Empfindung des Sohnes, die mit mehr Todesblässe
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In des Göttlichen Antlitz stieg. Dem müden Auge,
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Das zu brechen begann, entsanken verlöschende Blicke,
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Fielen auf sein Grab, das gegen Golgatha über
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Einsam, unter alternden Bäumen, in Felsen gehaun lag.
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»todesschlummer, bald wird Dich mein Leib dort schlummern!« so dachte
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Jesus Christus, indem sein Blick an dem Grabe verweilte,
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»darum nahm ich ihn an, den Leib von Staube! Verwesen
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Soll er nicht; doch soll er entschlafen liegen. Mein Vater,
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Trockne die Thränen von Deren Gesicht, die dann um mich weinen!
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Ausgesöhnter, erbarme Dich ihrer, sie weinen um Jesus,
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Deinen Eingebornen! Erbarme Dich ihrer, wenn nun auch
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Ihre letzte Stunde von Dir zu ihnen gesandt wird!
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Heiliger Vater, erbarme Dich Aller, die an den Geliebten,
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Deinen ewigen Sohn, den Gottgeopferten, glauben,
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Wenn in diesem Glauben nun auch mit dem Tode sie ringen!
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Ach, ich fühl' ihn, fühle den Tod! Des Ewigen Schrecken
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Trägt er! er ist ein Schwert in der Hand des Allmächtigen! furchtbar
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Ist er! Zwar sie werden, was ich empfand, nicht empfinden:
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Sie sind endlich; allein aus dem Meer, in welches ich sinke,
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Kann
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Einige – göttlicher Vater, Du hast es also beschlossen –
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Einige werden entschlummern, es werden Einige sterben,
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Einige Deiner Geliebten, o Vater, des Todes sterben!
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Vater, Vater, erbarme Dich Aller, die dürstend nach Hilfe,
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Die in des Todes Kampf um Labsal, um Gnade Dich anflehn!
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Derer, die aus viel Trübsal ihr müdes Leben dem Grabe
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Brachten, in Dürftigkeit lebten und dennoch Dich nicht verkannten;
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Die, wie schuldlos sie waren, mit Schmach der Sünder befleckte;
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Die, den Freunden getreu, die Feinde segneten, Demuth,
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Liebe der Brüder und Liebe der Menschen durch Handlungen zeigten;
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Derer, die, unverblendet von Ehr' und Reichthum und Hoheit,
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Gutes zu thun sie brauchten und sie zu entbehren vermochten;
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Aller, die, nach den verschiednen von Dir gegebenen Gaben,
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Weniger oder mehr Anlasse, durch welchen die Vorsicht
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Sie anlockte, mit reiner, mit herzlicher Liebe Dir dienten:
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Derer erbarme Dich, Vater, in ihrer letzten Stunde!
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Wenn ihr Auge nun auch zu brechen beginnt, die Verwesung
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Ihren Leib verlanget, der Schöpfer die Seele: dann sende
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Deine Tröstung, den Geist, der unaussprechlich in ihnen
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Bete, bis über das, so sie kannten und baten, Du sie
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Ueberschwänglich erhörst und zu Deiner Ruhe sie einführst.
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Gott der Liebe, mein Vater, um dieser quellenden Wunden,
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Dieser blutigen Krone, die meiner Schläfe sich eingrub,
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Dieser Todesangst, die mir die Gebeine durchschüttert,
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Dessen, was ich litt, jetzt leide, noch leiden werde,
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Dieser Liebe willen, mit der ich, erniedrigt zum Tode,
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Bis zu dem Tod am Kreuze, das Heil der Menschen vollende:
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Hör mich und laß, die ich liebe, getreu bis ans Ende mir bleiben,
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Trostvoll sterben, den Lohn der Ueberwinder empfangen!«
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Also dacht' und betet' in sich
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Anfang starb, der Herr, barmherzig und gnädig und duldend,
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Voller Güte, voll Treu'! der ewige Hohepriester
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Betete so, da er jetzt zu dem Allerheiligsten einging.
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Aber er wandte vom Grabe sein menschenliebendes Auge
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Gegen das todte Meer, wo Adramelech und Satan
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Lagen. So wie sich der Blick des sterbenden Gottversöhners
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Wandte, so ward von fliegendem erderschütternden Schrecken
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Bis in die nächtliche Tiefe des todten Meers er begleitet.
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Und da sanken die beiden Verworfnen zur niedrigsten Stufe
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Ihres Elends hinab. Der Rathschluß Gottes in Eden:
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Jesus soll der Schlange den Kopf zertreten! er wurde
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Nun vollendet. Seitdem der Gottversöhner am Kreuze
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Blutete, fühlte die Hölle des Ueberwinders Gerichte.
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Aber vor Allen empfanden sie Adramelech und Satan.
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Satan, indem er vor Qual der unterirdischen Felsen
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Einen zermalmt' und kaum mit schwerem dumpfen Gebrülle
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Stammeln konnte, begann: »Fühlst Du sie wie ich, die entflammte
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Unversöhnliche Qual, die in jeden Abgrund des Herzens
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Tod auf Tod mir, ewigen Tod, stets heißer hinabstürzt?
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Sieh, ich will, Du verruchter, gerichteter, ewiger Sünder,
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Ich, wie Du, ein verruchter, gerichteter, ewiger Sünder,
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Ihre schwarze Gestalt, so viel ich vermag, Dir beschreiben.
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Zwar sie hat nicht Bilder genug, die unterste Hölle,
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Meine Qualen Dir ganz, so ganz, wie ich's dürfte, zu zeigen;
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Dennoch höre, Verruchter, mich! Wenn Du etwa nicht Alles,
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Was ich empfind', empfindest, so soll das, was ich Dir sage,
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Elend genug Dich machen! mit mir sollst Du es empfinden
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Oder es doch, als künftig, mit starrenden Ahndungen fürchten!
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Höre: So sehr hat mich mein Jammer niedergeworfen,
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Daß mich sogar nicht Deiner Qual Anschaun mehr froh macht!
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Wie ich erniedriget bin, so ward ich niemals erniedrigt!
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Siehe, so tief, daß ich's mit grimmigem Zagen bekenne!
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Ja,
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Was bin ich? Das schwärzste der Ungeheuer des Abgrunds!
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Ganz, ganz unten lieg' ich, auf mir die Hölle! von jeder
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Seiner Qualen beladen! von allen seinen Gerichten
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Ueberlastet! Und hat
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In dies tiefste der Gräber mit seinem Donner zu werfen
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Würdig geachtet? Ein Engel gebot uns, zu fliehn, und wir flohen!
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Und in wessen Namen gebot's der Gesendete Gottes?
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O, was ist es in mir? was vor ein neues Gericht ist's,
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Das mir drohet? Ich darf den erhabnen Namen nicht nennen!
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Und er stirbt itzt vielleicht, in dessen Namen wir flohen!
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Den wir verfolgten! Ein neuer, ein flammender Pfeil des Verderbens
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Fliegt mit diesem Gedanken mir durch das unsterbliche Leben!
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Nacht umringt mich an Nacht! Ich sehe von dem Geheimniß
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Nicht den flüchtigsten Schimmer! Auch dies ist Elend! ha, Alles,
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Alles um mich ist Elend, und ich sein ewiges Opfer!
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Selbst die Hoffnung, vernichtet zu werden, die grimmige, schwache,
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Quälende Hoffnung, auch sie ist ganz dem Verworfnen verschwunden!
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Werdet zu Chaos, zu Nacht, zu der Höll', Ihr Welten, und Himmel
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Du, fallt über mich her! deckt mich vor dem Zorne der Allmacht!«
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Adramelech, der niedergeschmetterte Stolze, vermochte
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Kaum mit röchelnder Angst, mit verzweifelndem Blicke zu sagen:
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»hilf mir, ich flehe Dich an, ich bete, wenn Du es forderst,
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Ungeheuer, Dich an!« (Er faßt', indem er es brüllte,
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Satan mit eisernem Arm.) »Verworfner schwarzer Verbrecher,
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Hilf mir! ich leide die Pein des rächenden ewigen Todes!
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Vormals konnt' ich mit heißem, mit grimmigem Hasse Dich hassen;
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Jetzt vermag ich's nicht mehr! Auch das ist herrschender Jammer!
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O, wie bin ich zermalmt! Ich will Dir fluchen und kann nicht!
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Fluchen, daß ich um Hilfe Dir flehte! Vielleicht war ein Tropfen
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Lindrung darin, wenn ich mit flammender Rache Dir fluchte!
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Aber ich will es, ich will's!« Ruft's, stürzte zurück, lag stumm da.
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Also empfanden die Beiden des Ueberwindenden Allmacht.
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Weit war ausgestreckt ihr zerschmetternder Arm. Die andern
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Stolzen Empörer empfanden sie auch. Die unterste Hölle
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Hallte vom dumpfen Geheul gestürzter Verzweiflungen wider.
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Aber enthüll, Sionitin, der qualbelasteten Hölle
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Tiefen nicht weiter! Ein anderer Schauplatz heiliger Wehmuth,
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Voll Anbetung und jenes Todes, der unsern versüßt hat,
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Voll von göttlicher Huld, der Schauplatz öffnet vor Dir sich!
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Jesus wandte sein Auge vom todten Meer, und er schaute
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Auf die Schaaren, die ihn von allen Seiten umringten,
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Standen, knieeten, dachten, verstummten, beteten, weinten.
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Und ein mächtig Gefühl der ewigen Liebe durchschauert
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Jesus Christus. Der Blick des Gottversöhners verweilte
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Bei den Seelen am Längsten, die keine sterbliche Hütte
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Noch betreten, noch den Staub nicht geheiliget hatten.
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Denn es nahte sich einer der festlichen Augenblicke,
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Die auf einmal die Erde mit vielen edleren Seelen
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Segnen, und die mit daurender Macht Jahrhunderte bilden.
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Zwar nicht immer strömte der Ruf von dem, was sie thaten,
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Mit den Jahrhunderten fort; allein die mächtige Wirkung
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Ihres Beispiels, welches an ihnen der lernende Freund sah,
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Wieder dem Enkel es zeigte, verflicht in die Thaten der Nachwelt,
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Zwar insgeheim, doch gewiß sich. So bleibt vom gesunkenen Wurfe
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Auf der Fläche der Wasser ein ausgebreiteter Kreislauf.
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Aber eh noch die Seelen, der Segen der festlichen Stunde,
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Von den Engeln zu ihrer Geburt in das sterbliche Leben
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Wurden geführt, begann der edelsten eine die Zweifel
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Ihrer Gedanken bei sich zu entwickeln. Ein Schimmer vom Lichte,
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Welches sie in der Verweilung auf Erden heiligen sollte,
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Senkte sich sanft in sie nieder. So dachte der Ewigkeit Erbin:
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»immer empfind' ich es mehr, daß
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Denn wie die Sonnen des Sternengefilds, von welchem wir kommen,
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So unzählbar, so mächtig, doch mit viel milderem Einfluß,
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Strahlen aus seinem Gesicht die unerforschten Gedanken.
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Aber er ist noch anders als unsere Freunde, die Engel,
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Ach, er ist wie die Menschen, die ihn umgeben, gestaltet!
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Doch die gleichen ihm auch an Gestalt nur. In ihrem Gesicht ist
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So was Trübes und Niedriges, etwas wider den Schöpfer!
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Ach, wer müssen sie sein, die Menschen? Wir sollen zu Menschen
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Kommen, wie sie in Leiber, die sterben müssen, gekleidet,
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Wenige Zeit so leben, dann näher zum Ewigen kommen!
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Sind noch andere Menschen, zu denen der Schöpfer uns sendet?
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Oder sind diese die Kinder Adam's? Wenn diese von Adam
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Stammen, so sind sie auch unsere künftigen Brüder. Doch scheint mir
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Dies die Erde nicht, welch' ich, als Adam geschaffen war, sahe.
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Denn die war viel herrlicher. Was Du, o Vater, beschlossest,
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Vater der Engel und Menschen, Dein göttlicher Wille geschehe,
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Und Dein Wille, Du Sohn des Vaters! Von Allem, was schwer ist
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Zu ergründen, ist mir am Schwersten zu fassen: Du leidest,
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Gottes Sohn! Da, wo Du erhoben über den Hügel
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Hingeheftet hängst, da scheint ein endliches Leben
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Dir aus Deinem Leibe zu quellen, Du selbst zu empfinden,
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Daß es dahinquillt. Und Ihr Engel, die ehmals die Fragen,
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Welch' ich Euch that, auflösten, verstummt der fragenden jetzo!
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Doch das fühl' ich in mir, daß dies wegströmende Leben,
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Dies Hinsinken des Leibes, der Dich, Du Göttlicher, einhüllt,
202
Nahe mich angeht, näher vielleicht als die Seraphim angeht.
203
Unaussprechlich lieb' ich ihn, mehr wie ich jemals noch liebte.
204
Ach, wenn er mich mit eben der Liebe, die mich zu ihm hinreißt,
205
Lieben könnte, so würd' er vielleicht den Flecken verbergen,
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Welcher, als ich an dem Stolze der Erstgeschaffenen Theil nahm,
207
Mich entheiligte, würde für mich den Ewigen anflehn,
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Mir verzeihen und mich zu dem Anschaun Gottes erheben!
209
Gott, vollende Dein Thun in mir, die Du schufest! Erfülle
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Ihr entflammtes, immer empfundenes, frommes Verlangen
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Nach Glückseligkeit! Du, nur Du, Unendlicher, Du bist
212
Ihr Glückseligkeit! Dir sich nahen, ist ewige Wonne!«
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Also denkt sie und denkt's nicht umsonst. Gott, welcher von fern her
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Oft, was er thut, bereitet, er bildete also die Seele
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Zu dem Leben der Prüfung und zu dem ewigen Leben.
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Siehe, nun flog mit freudigem Schwunge die Zeit. Die erkorne,
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Von den Engeln gehoffte, nur von den Engeln gefeirte
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Stunde kam. Es stehn, auf das Kreuz gerichtet, erwartend,
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Voll von frommer heißer Begier, die künftigen Hüter
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Dieser Seelen, die jetzt dem sterblichen Leben sich nahten.
221
Banger vor Freuden und bebender stehn die Hüter. Indem geht
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Von dem Auge des Gottversöhners der große Befehl aus,
223
Mit dem Befehl ein Segen des Sterbenden: »Gehet und lebet,
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Glaubet und überwindet! Ich liebt' Euch, ehe die Welt ward!«
225
Und die Engel führten sie fort. Sionitin, erzähle,
226
Wie sie lebten, und wie sie dem großen Sündeversöhner,
227
Jede nach ihren Gaben, im Pilgerleben sich weihten.
228
Wirkungen von der neuen Empfindung, die sie erfüllte,
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Da sie sahn an dem Kreuze den Göttlichen, blieben in allen,
230
Wuchsen, entwickelten sich, mit des sterblichen Lebens Begriffen
231
Und den höhern der Gnade, die Jesus über sie ausgoß.
232
Eine der schönsten unter den Seelen war Deine, Du edler,
233
Frommer Jüngling, Timotheus. Denn Du warest noch Jüngling,
234
Da Du mit feuriger Treu' der Gemeinen eine bewachtest.
235
Willig nahm er die Botschaft von Jesus Christus, dem Todten
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Und dem Auferstandenen, an. Der Gewählte des Mittlers,
237
Er, der Gerüstete gegen die Höhen, die sich erhuben
238
Wider die Lehre von Jesus, dem Ueberwinder des Todes,
239
Paulus brachte sie ihm aus jenem furchtbaren Lichte,
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Das von dem Herrn ihn erschreckte. Die schöne Seele des Jünglings
241
Lernete freudigzitternd das ewige Leben und lehrt' es
242
Tausende. Tausende lehrte sein Tod, da er unter der Würger
243
Schwerte sank, bis ans Ende der Laufbahn standhaft, ein Leuchter
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In den Gemeinen, ein mächtiger Zeuge, wie Paulus und Kephas.
245
Jesus nennet dereinst vor den Todten allen die Namen
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Seiner Zeugen und krönt sie dadurch mit der höchsten der Ehren.
247
Früh empfing die erhabne Belohnung der Treuen Antipas.
248
Denn der Richter der Welt, als er die Gemeinen aus Patmos
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Richtete, nannt' er Deinen unsterblichen Namen, Antipas!
250
Denn mit fester Treu', mit reiner, brennender Liebe
251
Hattest Du den Dulder geliebt, geliebt bis zum Tode!
252
Hermas sang in Psalmen voll Wonn' und Thränen den Mittler,
253
Sang den Entschlafnen, den Auferstandenen, Himmelerhobnen,
254
Gottes Sohn, den Erbarmer der schwachen sterblichen Menschen,
255
Gottes Sohn, den Todtenerwecker, den Richter der Welten.
256
Seine Psalme sangen, verscheucht in einsame Höhlen,
257
Christen, die aus den heiligen Chören feirender Brüder,
258
Wenn sie dahin der Wille des Angebeteten winkte,
259
Schnellgetödtet, ins höhere Chor der Vollendeten gingen.
260
Phöbe verließ die Schranken, in die ihr Geschlecht sie einschloß.
261
Feurig, Gutes zu thun und Seelen Gott zu gewinnen,
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Weiht sie sich einer ganzen Gemeine, zu lindern des Armen
263
Elend, zu helfen dem Kranken, den Sterbenden aufzurichten,
264
Ach, zu trösten mit Gottes Trost, mit der Salbung des Himmels,
265
Mit weissagendem Laute von jenem Liede des Sohnes
266
Droben am Thron den Müden vom Todeskampfe, zu zeigen
267
Durch Hinwinken hinauf zu dem Erbe des Lichts – denn sie war schon
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Selig hier – dem Verstummten die Palmen der Ueberwinder.
269
Also drang sie die Liebe zu Christus. Nur wenige Fromme
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Kannten sie; aber sie kannten die Engel des Herrn und die Todten.
271
Jedem täuschenden Zweifel der falschen Weisheit entriß sich
272
Endlich Herodion, kam zu dem göttlichsten unter den Lehrern
273
Und erkannte, daß der, nicht mehr durch Wunder erhaben
274
Als durch Wahrheit, den Willen des ewigen Vaters der Wesen
275
Ganz und rein den sterblichen Söhnen der Todten eröffne,
276
Und daß diesen wissen und thun zu dem Ewigen führe.
277
Welchen krummen Wegen des dornichten Grübelns entklomm er,
278
Eh er zum Lichte, das ihn von Gott umleuchtet', emporflog!
279
Wie vergebens, wie ängstlich, wie tief in der Seele verwundet,
280
Sann er, ehe zu leicht er des menschlichen Wissens Wagschal'
281
Fand und die furchtbare Schwere sah der anderen Wagschal'!
282
Epaphras ward ein mächtiger Beter. Mit Paulus gewürdigt,
283
Wegen des ewigen Sohns an des Wüthrichs Kette zu liegen,
284
Rang er für die Gemeinen in heißem Gebete. Der Segen
285
Seines Gebets ergoß sich vor Allen auf die zu Kolossen,
286
Seine Geliebten. Und war er bei ihnen, so wachet' er, kämpfte
287
Und ermüdete nicht. Gott lohnt's dem Treuen. Sie trugen
288
Früchte der Heiligung. Auch zu Laodicea erhielten
289
Epaphras' brennender Eifer und seine Gebete noch lange
290
Einige bessere Seelen in unverlöschender Liebe
291
Zu dem Gekreuzigten. Aber zuletzt sank Laodicea
292
Ganz in Laulichkeit hin. So lag es, als ihm von Patmos
293
Jesus' Prophet das Todesurtheil des Richtenden sandte.
294
Aber auch dieses war noch voll lockender Gnade. Noch wurde
295
Diesen Sterbenden Leben gezeigt, noch weiße Gewande,
296
Sie zu kleiden, noch ihnen die Krone der Ueberwinder.
297
Persis war der Zärteren eine, die durch geheime
298
Ungesagte Leiden ihr Gott zu der ewigen Ruh führt.
299
Aber es flossen in ihrer Bekümmerniß Thränen des Himmels,
300
Heilende Thränen, wenn sie in stillem Gebete zu Gott rief.
301
Nichts für den Ruf, den halben und lauen Tugendbelohner,
302
Oefter noch ihren Verfolger und schlangezüngichten Lästrer,
303
That Apelles, sogar auch für die Ehre, des Weisen
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Beifall, nichts. Daß der Weise selbst, wie scharf er auch denke
305
Und wie edel, doch nicht bis zur Absicht kenne die Handlung,
306
Und die Handlung nur sichtbarer Leib, die Absicht ihr Geist sei,
307
Dacht' er sich oft. Der Allsehende nur und jene Belohnung,
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Die er dem Reinen verheißt, der höhre Gedanke bestimmt' ihn,
309
Der nur, wenn er zu handeln und nicht zu handeln es wagte.
310
Flavius Clemens' Verdienst war nicht, daß er muthig dem Glanze,
311
Den des Cäsar's Verwandtschaft ihm gab, sich entzog. Des Tyrannen
312
Nicht zu achten, war leicht; allein da Weisere selber
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Ihn anklagten, er wälze sich in unrömischer Trägheit,
314
Sei den Geschäften, der Ehre, dem Vaterlande gestorben,
315
Und er dennoch, so sehr die zärtere Seele des Edlen
316
Auch der Vorwurf rührte, sich ganz den Pflichten der Christen
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Weihete, Pflichten, die er für die ersten erkannt' und die höchsten:
318
Macht' er sich, wie es ein Sterblicher kann, der Märtyrer Krone
319
Würdig. Er hätte die Thaten, durch die er die Heiligen lehrte,
320
Gerne näher am Throne gethan. Allein da er wußte,
321
Unverstanden vom schmeichelnden Knecht und seinem Beherrscher,
322
Würd' er dort umsonst für das Wohl der Menschen sich mühen,
323
So entschloß er sich männlich, im engeren Kreise zu bleiben,
324
Gutes, wo er es vermochte, zu thun und mehr der Betrachtung
325
Seines Todes und mehr der unsterblichen Seele zu leben.
326
Mit zu vielen Geschäften für Einen umringt und dennoch
327
Niemals in ihrem Netze verstrickt, that Lucius eifrig,
328
Was er sollte, nicht stolz darauf, nicht niedergeschlagen,
329
Wenn er oft die Aehre der Saat, die er streute, nicht sahe.
330
Sorgsam, ein weiser Käufer der Zeit, ersparet' er immer
331
Stunden zu dem Gebet und der weltentfernten Betrachtung,
332
Heilige Stunden. Und so entrann er ins ewige Leben.
333
Enkelinnen, Euch reize Tryphäna's Wandel! Auch Ihr lebt
334
Unter Heiden. Mit jener gereinigten edleren Liebe,
335
Welche Tugend ist, liebte Tryphäna. Was schön ist und schätzbar,
336
Hatte der Jüngling; aber ein Heide war er, entschlossen,
337
So zu sterben. Tryphäna befürchtete viel von des Jünglings
338
Leichtgewandten Beredsamkeit, mehr noch von seiner Liebe,
339
Alles von ihrer. Die überwindet sie. Heitere Freude
340
Wird schon hier die Belohnerin des frommen Entschlusses,
341
Sich, die unsterblich ist, in diese Gefahr nicht zu wagen.
342
Linus, von keinem Schimmer des Erdelebens zu täuschen,
343
Unbezwingbar den Kleinigkeiten, in welche sich Fromme
344
Selbst verstricken, und denen sie oft zu mühsam entrinnen,
345
Linus, allein mit sich selbst und seines Herzens Erforscher
346
Oder von Freunden entflammt, die reiner waren und edler,
347
Liebte vor Allen, den Menschen mit jenem Maaße zu messen,
348
Mit dem Deine Weisheit ihn mißt, Wort Gottes, Du Urquell
349
Jedes höhren Gedankens und jeder bessern Empfindung,
350
Liebte, Blumen zu streun auf das Grab und sich zu verlieren
351
In der Auferstehung entzückenden seligen Aussicht.
352
Von Trajanus, der hier sein edleres Herz befleckte,
353
Weg in Banden geführet und von dem Todesurtheil
354
Seines Verfolgers beladen, ertrug Ignatius freudig
355
Jesus', des Gottgeopferten, Schmach. Kein niedriger Vorwurf
356
Wag' es, die hohe Seele des gottgeweihten Gerechten
357
Anzuklagen, er habe zu sehr nach der Ehre gerungen,
358
Welche das Haupt der Märtyrer krönt. Nur Söhne des Unsinns
359
Und des Lasters können's zu sehr, wofern sie es können.
360
Wie er war aufgegangen, so ging Ignatius unter,
361
Leuchtend mit Lebensergusse. Wie theuer dem Christen des Lebens
362
Letzte Zeit sein müsse; was, schon an dem Ziele der Sieger,
363
Was er, obwol bedeckt mit dem müdesten Schweiße der Laufbahn,
364
Für die Genossen des Streits und der großen Belohnung noch thue,
365
Lehret er uns. Er stärkte zum ewigen Leben die Brüder,
366
Welch' ihn geleiteten, einmal ihn noch zu sehn und zu segnen.
367
Die sein freudeweinendes Auge nicht sieht, die ermahnt er,
368
Tröstet, entflammt er durch Boten zur Liebe des Gottversöhners,
369
Bis in der Schauenden Kreis er tritt, und Thier' ihn zerreißen.
370
Heiden blieben die Eltern der jungen Claudia, Heiden
371
Ihre Brüder, die Schwestern. Ein redlicher Mann war ihr Vater,
372
Sanft die Mutter, und liebenswürdig die Schwestern und Brüder.
373
Claudia liebt sie und wird von ihnen geliebet; allein sie
374
Thut es, wird eine Christin und bleibt in dem Glauben und stirbt so.
375
Fern von der Welt – nicht immer ist menschenfeindlicher Trübsinn,
376
Von der Welt sich entfernen – vereinigte Amplias weise,
377
Mit tiefsehender Kenntniß der menschlichen Schwächen, entflammten
378
Daurenden Eifer, dem großen erstaunungsvollen Gesetze:
379
Seid vollkommen wie Gott! mit bebender Demuth zu folgen.
380
Von der Zinne der Ueberwinder umflammet dies hohe,
381
Göttlichstrahlende Licht den Staubbewohner. Er blickte,
382
Nie gewendet, hinauf zu der engen Pforte, durch die es
383
Flammte, und ging und strauchelt' und klomm den schmalen Weg auf.
384
Phlegon hatte den schimmernden Kreis der griechischen Weisheit
385
Ganz gemessen, besaß viel Güter der Erde; doch drückten
386
Die ihn zur Wollust nicht, nicht jene zur Eitelkeit nieder.
387
Wo er hintrat, floß in des Edlen Gange der Balsam
388
Stiller geheimerer Milde. Die Kranken labt' er, die Nackten
389
Kleidet' er. Aber er gab noch wesentlichere Gaben,
390
Treuen Rath dem kränkeren Geist, wie der Leib es sein kann;
391
Volle Tröstung den Seelen, die in lichtdürftige Zweifel
392
Sich verwebten. Er brachte der halbgewendeten Christen
393
Viele zurück zu dem blutenden Menschenfreunde, zum Himmel.
394
Nicht aus Bescheidenheit nur, er schien auch selber aus Demuth
395
Nichts von der Weisheit der Erde zu wissen. Jesus nur kannt' er,
396
Jesus, den Sündeversöhner, den Helfer in Leben und Tode.
397
Aber wenn unentwickelter Tiefsinn schwankende Brüder,
398
Daß sie grübelten, trieb, dann floß unerschöpflich die Quelle,
399
Bis durch starke Züge der lechzende Wandrer gelabt war.
400
Sanft von Natur, noch sanfter aus Pflicht, die beste der Mütter
401
War Tryphosa. Von Kindern umringt, erzog sie die Kinder
402
In der Religion des gottversöhnenden Todes.
403
Nicht zu ermüden und unerschöpflich an Künsten der Klugheit,
404
That sie ihr Werk und ward der Gemeine Jesus' zur Stütze,
405
Ohne Vermuthung, sie sei's. Sie hatte den letzten der Söhne
406
Kaum geboren, da starb sie, flehend: Ach könnte sie Diesen
407
Auch erziehn! Sie weint' es und starb. Des Ewigen Segen
408
War auf ihre Kinder gekommen. Die ältesten lehrten
409
Diesen jüngsten. Er ward ein Märtyrer. Seraphim führten
410
Ihn aus den Armen des Todes ihr zu. Da weinte die Mutter,
411
Aber andere Thränen als die am offenen Grabe.
412
Sich nicht rächen, auch dann nicht, wenn Rache Gerechtigkeit wäre,
413
Das ist edel. Erhaben ist's, den Beleidiger lieben;
414
Ihn in der Noth mit verborgener Wohlthat laben, ist himmlisch.
415
Du, Du thatst es! ich nenne den großen Namen mit Ehrfurcht,
416
Deinen Namen, Erastus! Von ihren goldenen Thronen
417
Standen Engel ihr auf, da die hohe Seele zu Gott kam.
418
Diese waren die Seelen, die ihre beschützenden Engel
419
In das Leben der Prüfung vom Kreuz des Sterbenden führten.
420
Und sie schwebten mit ihnen den Oelberg nieder und kamen
421
Nach Gethsemane. Da sie die zwanzig Palmen erreichten,
422
Unter denen ins erste Gericht der ewige Sohn ging,
423
Schauerte sie. Es segneten ihnen, die unter den Palmen
424
Standen, mit inniger Liebe, mit himmelvollem Gefühl nach:
425
Simeon, und der gewürdiget ward, den Versöhner zu taufen
426
Und zu sehen den Geist herunterschweben auf Jesus
427
Und zu hören, als Gott aus strahlenden Wolken von Gott sprach;
428
Amos' Sohn, der große Prophet des söhnenden Opfers,
429
Und der Seher der Auferstehung, Hesekiel: Hör Du,
430
Dürres Gebein! Da rauschte das Feld, da erwachten die Todten!
431
Noah, den rein der Ewige fand, Loth, Samuel, Aron
432
Und Melchisedek, Gottes Prophet und Priester und König;
433
Joseph und Benjamin, die ersten liebender Brüder;
434
Mit der Mutter die sieben Söhne, Märtyrer alle;
435
David und Jonathan; aber sie wenden sich weg von einander,
436
Daß die Wehmuth des Einen des Anderen Schmerz nicht entzünde;
437
Mirjam und Du, Debora, die Gott, den Rettenden, sangen!
438
Simeon wendete sich vom erhabnen Johannes und sagte:
439
»selige Seelen, erwählte begnadigte Kinder des Glaubens,
440
Gehet, der Herr ist mit Euch und seiner Erbarmungen Fülle!
441
Macht der Glaubenden viel', viel' mitgerettete Brüder!
442
Menschlichkeit breite durch Euch sich über Adam's Geschlecht aus!
443
Menschlichkeit, reiner und besser, als sie nur Weisheit der Welt lehrt!
444
Ach, Johannes, wie schön ist ihr Schicksal! ihr Lohn, wie erhaben!
445
Brannte nicht Deine Seele beim Anblick dieser Gerechten?
446
Lindert' er nicht den Schmerz, so vom blutigen Todeshügel
447
Ueber uns strömt?« So sagt' er und sah dem Geliebten ins Antlitz.
448
»wenn ich es auszusprechen vermöchte,« sagte Johannes,
449
»hätt' ich Worte für das, so ich denke, für das, so ich fühle;
450
Könnten der Wehmuth Thränen, es Thränen der Wonne Dir sagen:
451
O, so wollt' ich, Simeon, Dir, Du Geliebter, es sagen,
452
Was ich empfinde, seitdem er am Kreuz der Gerichteten Tod stirbt
453
Und in diesem Tode sich Aller, Aller erbarmet.
454
Aber verstummen will ich, ich will noch länger verstummen!
455
Meine Hand auf den Mund anbetend legen!« so sagt' er.
456
S. »Ach, Du wälzest von Neuem auf mich, Du Theurer, des Schmerzes
457
Ganze Last! O, hättest Du von dem Tode geschwiegen!
458
Jedes Wort, das Du sprachest, ward zum Donner mir, traf mich.
459
Denn ich sah ihn, ich seh' ihn sterben! Du theurer Johannes,
460
Schon erhub sich mein Geist zu der gottbelohnten Vollendung
461
Seiner Leiden, es glänzten mir schon des Entschlafenen Wunden;
462
Aber ich sinke zurück. Ach, den ich weinend umfaßte,
463
Den ich sprachlos zum Allerheiligsten Gottes emporhielt,
464
Bis ich endlich zu reden und anzubeten vermochte,
465
Der, der blutet – zwar zeigte mir Gott sein End' in der Ferne;
466
Aber, wie ich es seh', so schrecklich zeigt' es mir Gott nicht! –
467
Blutet jetzo, verkannt, von Gott verlassen, am Kreuze,
468
Bei Verfluchten!« Er schwieg und unterlag dem Gedanken.
469
I. »Habe mit mir auch Mitleid! Erinnre mich nicht an das Leben,
470
Welches mit Augen des Fleisches wir ihn sahn leben! Es dringt mir
471
Dieser Gedanke zu tief in meine Seele, verwundet
472
Mich zu sehr, Du Geliebter! So oft ich ihn, Simeon, sahe –
473
Und oft sah ich ihn, der, ein Lamm, die Sünde der Welt trägt –
474
Ach, so oft umleuchteten mich der Himmlischen Freuden!
475
Denn kaum sah ich den blutenden Kampf; ich sah nur den Sieger.
476
Aber verstummen, verstummen will ich, bis er es vollbracht hat!«
477
Also strebeten sie, sich der Wehmuth Gefühl zu entreißen.
478
Jetzo kam's von dem Himmel wie sanftere Lüfte, und Tröstung
479
Gottes labte den Dulder im schnellverwehenden Säuseln.
480
Mirjam's und Deine Wehmuth, Debora, wurden nach langem
481
Traurenden Schweigen zum sanften, zum weinenden Liede voll Klage.
482
Denn der Unsterblichen Stimme zerfließt von sich selbst in Gesänge,
483
Wenn sie Empfindungen sagt, wie Debora und Mirjam sie fühlten.
484
Die auf Ephraim's Berge nach ihrem Namen die Palme
485
Nannt', und Amram's Tochter, so sangen sie gegen einander:
486
D. »Schönster unter den Menschen! er war der schönste der Menschen;
487
Aber entstellt, entstellt hat Dich der blutige Tod, Dich!«
488
M. »Zwar es weinet mein Herz, und trübes Trauren umringt mich;
489
Aber er ist der Schönste, vor allen Erschaffnen der Schönste,
490
Schöner als alle Söhne des Lichts, wenn sie, strahlend vor Andacht,
491
Beten zu dem Unendlichen, schöner in seinem Blute!«
492
D. »Trauert, Cedern! auf Libanon stand sie, ein Schatten des Müden;
493
Aber sie ist zum Kreuze gehaun, die seufzende Ceder!«
494
M. »Trauert, Blumen im Thal! er stand am silbernen Bache;
495
Aber er ist um des Göttlichen Haupt zur Krone gewunden!«
496
D. »Unermüdet faltet' er seine Hände zum Vater,
497
Für die Sünder, zum Heiligen! Unermüdet betraten
498
Seine Füße der Leidenden Hütte! Nun sind sie durchgraben,
499
Seine Händ' und Füße, mit eisernen Wunden durchgraben!«
500
M. »Seine göttliche Stirn, die er hier am Berg in den Staub hin
501
Niederbückte, von der schon Schweiß mit Blute gemischt rann,
502
Ach, wie hat sie die Krone, die blutige Krone durchgraben!«
503
D. »Seiner Mutter Seele durchdringt ein Schwert! Ach, erbarme
504
Deiner Mutter Dich, Sohn, und labe sie, daß sie nicht sterbe!«
505
M. »Wär' ich seine Mutter und schon in dem Leben der Wonne,
506
Ach, es ginge mir dennoch ein Schwert durch meine Seele!«
507
D. »Mirjam, sein Auge verlischt, und schwerer athmet sein Leben!
508
Bald, nun blicket er bald zum letzten Male gen Himmel!«
509
M. »Todesblässe bedeckt die gesunkne Wange, Debora!
510
Bald, nun sinket ihm bald sein Haupt, das letzte Mal, nieder!«
511
D. »Die Du droben den Himmlischen strahlst, Jerusalem, weine
512
Thränen der Wonne! Bald ist de Opfers Stunde vorüber!«
513
M. »Die Du sündigst auf Erden, Jerusalem, weine Dein Elend!
514
Denn bald fordert sein Blut von Deinen Händen der Richter!«
515
D. »Still in ihrem Lauf sind alle Sterne gestanden,
516
Und die Schöpfung umher verstummt dem leidenden Gotte;
517
Denn es ist Jesus Christus, der ewige Hohepriester,
518
Zu versöhnen, im Allerheiligsten! Halleluja!«
519
M. »Auch die Erd' ist stillgestanden, und die auf der Erde,
520
Staub auf Staube, wohnen, Euch ist die Sonne verloschen;
521
Denn es ist Jesu Christus, der ewige Hohepriester,
522
Zu versöhnen, im Allerheiligsten! Halleluja!«
523
Also sangen Debora und Mirjam gegen einander.
524
Eva konnte sich nicht dem Gefühl entreißen, das schnell sie
525
Ueberströmte. Sie eilt' hinab zu dem Kreuze; nun stand sie
526
Neben Maria, begleitete mit dem Auge der Mutter
527
Innige Blicke, hielt nicht aus das erschütternde Hinschaun,
528
Senkte die Stirn in den blutigen Staub bei der Wurzel des Kreuzes,
529
Floh von Golgatha, floh an das Grab des Geopferten, weilte
530
Lange, starr von Entsetzen, an dem verstummenden Grabe.
531
Endlich verläßt sie's; ihr war verloschen der Himmlischen Klarheit.
532
Sichtbar kam der Versöhner dem Tode näher. Der Frommen
533
Meiste zerstreun sich, vermögen nicht mehr des Sterbenden Anblick
534
Auszuhalten. Mit gleitendem Fuß, mit starrendem Auge
535
Ging Lebbäus fort. Nicht so von dem Trauren erschüttert,
536
Aber durchdrungen von Wehmuth, folgt' in der Ferne dem Jünger
537
Lazarus. Als Lebbäus zu einem verfallneren Grabmal
538
An dem Oelberg kam, da ging er hinunter. Es säumt' ihn
539
Eine Trümmer. Er sank auf den Felsen, umfaßt' ihn und legte
540
Seine Stirne darauf. Allein er verstummte. So kniet' er
541
In noch trüberer Nacht, als jetzt die Erde bedeckte.
542
Lazarus stand an der Oeffnung des Grabs und begann mit sanfter,
543
Leiser Stimme, mit der, die selbst der müdeste Schmerz hört:
544
»sinke nicht, Du Geliebter, nicht ganz in Traurigkeit unter!
545
Höre mich, habe Dein Antlitz aus diesem Grab auf! Kennst Du
546
Meine Stimme nicht mehr? Ich bin's, den Du immer geliebt hast,
547
Der so herzlich Dich liebt, um den Du vor Kurzem auch weintest,
548
Lazarus, den der Gekreuzigte Gottes ins Leben zurückrief.
549
Ach, mit namlosen Freuden, entzücktem bebenden Staunen
550
Danktest Du unserem göttlichen Retter! O, denk es Dir wieder!
551
Augenblicke vorher, eh wir ihm dankten, da lag ich
552
Noch im Grab und begann zu verwesen. Wir haben es oftmals
553
Mit einander besprochen; allein stets riß Dich der Jünger
554
Meinung mit fort: Es muß sein Reich ein weltliches Reich sein,
555
Eh es kann zum himmlischen werden! Doch löstest Du niemals
556
Ganz den Zweifel mir auf, der meine Seele zurückhielt,
557
In den Worten des Irdischen mühsam zu suchen, durch die uns
558
Unser göttlicher Freund viel klärer Himmlisches kund that.
559
Winde von Deinem Jammer Dich los, Du Geliebter! Erkläre
560
Mich nicht anders, als dies mitweinende Herz es gemeint hat!
561
Ja, Du sollst ihn beweinen, den Göttlichen sollst Du beweinen;
562
Denn er ist unaussprechlich, der Schmerz, mit dem er am Kreuze
563
Nun so lange schon stirbt. Doch mußt Du unter dem Jammer
564
Nicht erliegen! Er kann, wenn er will, von dem Kreuze noch steigen,
565
Oder, wenn er entschläft, ist es möglich, daß er verwese?
566
Jesus, des Angebeteten Sohn, der Himmelgesandte,
567
Der vor Abraham war, ist es möglich, daß er verwese?«

568
Also sagt er. Es hält mit unbeweglichen Händen
569
Noch den Felsen Lebbäus; allein er wendet sein Antlitz
570
Gleichwol nach Lazarus um. Zwar blickt' er mit starrendem Auge;
571
Aber er sah zu dem Freunde doch auf. Da lief, da umarmte
572
Lazarus ihn und entriß den Jammervollen dem Grabmal,
573
Fasset' ihn bei der Rechten und blieb mit ihm stehn. Sie sahen
574
Unter hangenden Nächten die stolze Jerusalem liegen,
575
Sahn den entschimmerten Tempel, den überschatteten Sion
576
Und auch Golgatha. »Hebe,« so sprach zu dem zitternden Freunde
577
Lazarus, »hebe Dein Aug' auf, Jünger, und sieh! Ich sehe
578
Gottes Gegenwart auf dem benachteten furchtbaren Schauplatz,
579
Sehe sie wandeln über der Erde, dem Grabe der Menschen.
580
Einen Tag, wie dieser ist, hast Du den jemals gesehen?
581
Haben, Lebbäus, mit Dir Dein Vater, und der ihn gezeugt hat,
582
Jemals von einem Tage, wie dieser Tag ist, gesprochen?
583
Welche Feierlichkeit hat Gott ihm gegeben! Wie furchtbar
584
Hat er die Erd' und den Himmel in seine Schrecken gehüllet!
585
Wie mit todter Stille die Schauenden alle gefesselt!
586
Wenn nun Gott durch den Tod des Heiligen Dinge vollbrächte,
587
Welche wir nicht verstünden? Dir kann ich's sagen, Geliebter,
588
Leidender, weil es vielleicht Dir Deine Traurigkeit lindert;
589
Sonst verschwieg' ich es noch. Seitdem der Göttliche blutet,
590
Fühl' ich in mir, wie soll ich es ganz und würdig Dir sagen?
591
Fühl' ich so was Stilles und Friedevolles, das selber
592
Meine Wehmuth, mit der ich ihn leiden sehe, besänftigt.
593
Rings ist Alles heilig um mich. Wohin ich mich wende,
594
Find' ich des Ewigen Spur, des Allgegenwärtigen Nähe:
595
Ja, was Göttliches ist es, das mir die heilige Ruh giebt!
596
Als der erhabne Dulder den Todeshügel hinaufstieg,
597
Fühlt' ich dieses noch nicht. Allein seitdem er am Kreuze
598
Blutet, vernimmt mein Ohr ein wehendes Rauschen, als hört' ich
599
Schaaren Unsterblicher wandeln. Ich hörte sie so, da ich todt war.
600
Auch umschimmert nicht selten das Auge mir Himmlisches, das sich
601
Schleunig verliert, so schnell, wie es kam. Dies läßt in der Seele
602
Ruh mir zurück und Seligkeit, den Frieden Gottes!«
603
In dem Augenblicke, da Lazarus endete, rief ihm
604
Schnell Lebbäus: »Du staunest, Du bleibst in Entzückungen stehen!
605
Ach, wer ist es? wem sieht mit dieser Wonne Dein Blick nach?«
606
Lazarus, als er zu reden vermag, antwortet: »Itzt eben
607
Schwung ein Unsterblicher sich vor mir vorüber! Noch niemals
608
Hab' ich auf einmal so viel von eines Unsterblichen Klarheit,
609
So viel Wonne der anderen Welt noch niemals gesehen!
610
Und er brachte vielleicht von dem Himmel göttliche Botschaft;
611
Denn er eilte, dem schnellsten Gefühl gleich flammt' er und eilte.
612
Nein,« so fuhr er mit stammelnder Freude, mit thränendem Blick fort
613
Und umarmte in der Entzückung Lebbäus, »er wird nicht,
614
Er, bei dessen Geburt schon diese Himmlischen feirten,
615
Nein, des Ewigen Sohn, er wird die Verwesung nicht sehen!«
616
Uriel war's, von dem die weggewendeten Strahlen
617
Lazarus sah. Der Unsterbliche kam von der Sonne geflogen,
618
Trat, so wie ihm das Antlitz vom eilenden Fluge noch flammte,
619
Unter die Väter und sprach: »Ich muß, ich muß es Euch sagen,
620
Was ich sah! Er stieg von dem Himmel herunter. Sein Gang geht
621
Nach der Erde, gerad' auf sie zu. Jetzt steht er, dann wieder
622
Eines Winks Zeit, sich, wie es scheint, zu erfrischen; weil aber
623
Alle Schöpfungen ruhn, so weht den Müden kein Stern an.
624
Soll ich Euch seine Gestalt, o, soll ich des Schreckenden Ansehn,
625
Wie er heut ist, den ersten der Todesengel beschreiben?
626
Ach, noch nie hat mit diesem Entsetzen Gott ihn gerüstet;
627
Seit der Erschaffung ist er noch nie so furchtbar gewesen.
628
Gott, Weltrichter, Du ewiger Richter, wer bist Du, wer bist Du,
629
Wenn Du Gericht hältst! Flammen des Herrn gehn weit vor dem Boten
630
Seines Gerichts her. Schwingt er die schlagenden Flügel, so rauschen
631
Sie wie Wetter. Vor ihm entflieht die Stille der Himmel.
632
Träfe sein flammendes Schwert auf der Welten eine, so würde
633
Schnell der entzündeten Staub in dem Unermeßlichen schwimmen.
634
Fürchterlich ist sein Blick, viel fürchterlicher als damals,
635
Da er über die Erde die Fluth des ersten Gerichts goß
636
Und in den Oceanen der himmlischen Wasser einherging,
637
Tödtend, ein schneller Verderber. Ihr werdet ihn sehn, und wenn Ihr
638
Ihn nun seht, wird ein Graun vom Unendlichen über Euch kommen,
639
Wie es über mich kam. Was mich am Mächtigsten schreckte,
640
War das trübe, das ernste, sein unaussprechliches Trauren,
641
Das ihm zugleich sein Angesicht deckt. Ach, wenn er gesandt ist,
642
Gottes Mittler den Tod jetzt anzukündigen!« Zitternd
643
Wandte sich Uriel weg und verlor sich unter die Engel.
644
Erst sprachloses, starrendes, unbewegtes Erstaunen,
645
Wehmuth dann, die Worte noch weniger nennen, beklommne,
646
Aufgeschreckte, versinkend, weinende, thränenlose,
647
Nie empfundene Wehmuth ergriff die Seelen der Väter.
648
Jesus Christus, den keiner der Engel, wie sehr sie auch streben,
649
Und wie hoch sie auch über die Stufen der Menschen erhöht stehn,
650
Keiner ganz zu erkennen vermag, den Gott allein kennt,
651
Gottes Sohn, nun sollt' er sterben! Die Seelen, für die er
652
Sterben sollte, sie sanken zu ihres Lebens am Staube,
653
Zu der Empfindung der Sünde, so tief sie konnten, herunter.
654
Die Erinnrung umgab sie mit allem ihren Entsetzen.
655
Zwar sie waren versöhnt, sie empfanden's, daß sie es waren;
656
Doch nun sollte für sie der Gottversöhnende sterben!
657
Ganz von diesem Gefühl durchdrungen, stützet sich Henoch
658
Auf ein Grab mit der Linken und streckt die Rechte gen Himmel.
659
Henoch, wie göttlich sein Wandel auch war gewesen, und ob ihn
660
Gleich der Tod nicht getödtet, nicht hatte verstäubt die Verwesung,
661
War er doch vor dem Richter nicht rein gewesen. Der Glaube,
662
Handelnder Glaub' an den Heiland, der jetzt dem Tode sich nahte,
663
Hatte den Sohn von Adam ins ewige Leben gerettet.
664
Wären die Erden um ihn, um ihn die Sonnen versunken,
665
Er hätt' es unerschüttert gesehn; allein des Versöhners
666
Nahender Tod durchströmte sein innerstes Wesen mit Trauren,
667
Und die Engel, die Väter, die Seelen, die Sterblichen, Alle
668
Schwanden ihm; kaum daß sein Auge noch Den, der blutet', erkannte.
669
Neben ihm neigte sich Abel an einen Felsen und hielt sich.
670
Zwar von Adam gezeugt, doch so unschuldig als Einer,
671
Welcher noch nicht vollendet ist, sein kann, hatt' er sein Leben
672
Gott geheiligt und war durch Mörderhände gestorben.
673
Ach, zu dem sein letztes Röcheln im Tode gerufen,
674
Dem er hatte gefleht, da er in rauchendem Blute
675
Lag, vor allen Gerechten der Unschuldsvollste, der sollte
676
Sterben wie er, nicht sterben wie er, so sanft nicht entschlummern!
677
Ach, mit jedem Verbrechen der Kinder Adam's belastet,
678
Sollte der, und zerschmettert vom Zorn des Allmächtigen, sterben!
679
Seth, der würdige Bruder des Ersten unter den Todten,
680
Und der früh ein Prediger ward des künftigen Opfers
681
Für die Sünde des Menschengeschlechts, wie sehr er dem Tode
682
Deß, dem zu büßen gesetzt war, auch nachgesonnen, wie oft er
683
Jene Jahrtausende, die er gelebt, des Versöhnenden Ausgang
684
Hatte betrachtet, so war es doch Alles ein dämmerndes Bild nur
685
Dessen gewesen, was er davon nun fühlte. »O Richter,
686
Richter Aller, die leben, gestorben sind, leben werden!«
687
Bebte sein innerstes Herz und seine stammelnde Zunge.
688
Und indem er es stammelte, wandt' er gen Himmel, zum Kreuz hin,
689
Auf die andern Erlösten, hinab zu den Gräbern sein Antlitz.
690
Lange schon war es dunkel um David's Auge geworden;
691
Lange zittert' er hin und her. Seit Uriel's Ankunft
692
Zitterte David nicht mehr. Er stand, an die Erde geheftet,
693
Stand und schauet' auf Den, so dem Tode nahte. Sein Herz hing
694
Ganz an jenem Bilde von Jesus' Tode, deß Gott ihn,
695
Tief es ihm in die Seele zu senken, gewürdiget hatte.
696
Dies nur dacht' er, nur dies vermocht' er jetzo zu denken.
697
Als die Sprache zurück ihm kam, entsanken des Sehers
698
Munde gebrochene Worte. Die Thränen rannen ihm wieder.
699
Also jammert' er: »Gott, sein Gott, Du hast ihn verlassen!
700
Dir, Dir seufzet er; aber ihm kommt nicht Hilfe, nicht Hilfe!
701
Sohn, Du bist ein Wurm und kein Mensch! Die niedrigsten Sünder
702
Haben Dich wüthend umringt und spotten Dein, Du Erdulder!
703
Deines Vertrauens auf Gott, deß spotten gerichtete Sünder!
704
Ausgeschüttet ist er wie Wasser. Jedes Gebein ist
705
Ihm zertrennet, sein Herz in seinem Leibe geschmolzen,
706
Seine Kraft wie ein Scherbe vertrocknet. Am Gaumen klebt ihm
707
Seine Zunge. Bald wirst Du, o Tod, ihn niederlegen
708
In den Staub! Ja, Thiere, nicht Menschen sind's, die ihn würgen.
709
Ach, wie haben sie Dir, Du Wundenvoller, die Hände,
710
Wie die Füße durchgraben! Wie breiteten sie Dich am Kreuz aus!
711
Alle Deine Gebeine, Du könntest sie zählen. Sie aber
712
Stehn und schauen an Dir der Hölle Lust, Du Erwürgter!
713
Wenn er todt ist – o Richter der Welt, Gott, Sündevergeber,
714
Welch ein erstaunlicher, hoher, geheimnißvoller Gedank' ist's,
715
Daß er nun bald wird todt sein – wenn er todt ist, verkündet's
716
Bis an das Ende der Erde, daß sie zu Gott sich bekehre,
717
Und daß alle Geschlechte der Menschen vor ihm anbeten!«
718
Wie ein Waldstrom, welcher sich hier von Gebirgen herabstürzt,
719
Und wie einer, der dort in der Ebne durch Felsen zögert,
720
Hallt aus der Fern' dem Verirrten in einsamer Nacht; er vernehme,
721
Meinet er, lautausrufende Klag' und weinende Wehmuth:
722
So scholl's jetzt um das Kreuz in den Schaaren der leidenden Zeugen.
723
Hiob, der, durch Leiden bewährt, ein Mann nach dem Herzen
724
Deß, der die Leiden ihm sandte, geblieben war, ein Gerechter,
725
Wie es ein Sterblicher bleibt, den der prüfende Richter in Staub wirft,
726
Hiob, der weiß, was es sei, von jedem Schrecken der Allmacht
727
Eingeschlossen, dem Tode sich nahn, vermag den Gedanken
728
Von des Gekreuzigten Tode nicht mehr zu denken, entschwingt sich
729
Diesen Tiefen und stärkt sein Herz, das dürstet nach Ruhe.
730
»leben, leben wird er, wird aus der Erde sich wecken,
731
Auferstehn, ach, ein Ueberwinder des Tods und der Hölle,
732
Stehen über dem Staube! Dann soll mein Auge Dich schauen,
733
Dich in Deiner Herrlichkeit schaun, Gott Mittler, Vollender!«
734
Also durchdrang die Frommen des Todesengels Erwartung.
735
Aber Keiner empfand den näheren Tod des Versöhners,
736
Als der Vater und als ihn die Mutter der Menschen empfanden.
737
Da sich Uriel wendet' und nun sein entschimmertes Antlitz
738
Unter den Engeln verbarg, da standen sie Beide – sie waren
739
Nah bei einander – mit starrendem hingehefteten Blicke
740
Unbeweglich und fühlten in ihrem innersten Leben
741
Jeden Schrecken von Neuem der Donnerworte des Engels.
742
Endlich sahen sie sich. So wird an dem letzten der Tage
743
Seinen Gewählten der Freund, der Bruder kennen den Bruder,
744
Welchen er kurz vorher, in Erstaunen verloren, nur ansah.
745
Denn der Posaune gebietender Ruf, der Hall der Gefilde,
746
Die vor der mächtigen Arbeit der Auferstehung erbebten,
747
Und ihr eignes Gefühl des umgeschaffenen Lebens
748
Hatten jeder andern Empfindung ihr Herz noch verschlossen.
749
Eva reichet ihm weinend die Hand. »Was sollen wir,« sagte
750
Sie mit Worten, die kaum zu Laute wurden, »o Adam,
751
Sage Du es, was sollen wir thun? was sollen wir nicht thun?
752
Wollen wir gehn und suchen, wo am Tiefsten die Tief' ist?
753
Dort uns niederwerfen in Staub? dem Allmächtigen flehen,
754
Ach, dem tödtenden Richter, daß er den Tod ihm lindre?«
755
Adam hielt ihr weinend die Hand. »Nein, Mutter der Menschen,
756
Wir sind viel zu endlich, für ihn zu dem Richter zu flehen.
757
Wenn mit unaussprechlicher Wehmuth, mit ringender Inbrunst,
758
Daniel, Hiob und Noah mit uns, wenn selber der erste
759
Aller Erschaffnen, Eloa, es thut: wir flehen vergebens!
760
Was dem Geopferten Gottes noch zu dulden gesetzt ist,
761
Das, das Alles wird er noch dulden. Es lindert kein Labsal,
762
Ach, kein Labsal die Angst; mein ganzes Dasein entsetzt sich!
763
Aber es lindert kein Labsal die letzte Todesangst ihm,
764
Hat es der Unerforschte, dem er sich opfert, beschlossen.
765
Komm, ein Gedanke, nicht ohne den Einfluß Gottes entstanden,
766
Reißet mich fort; komm, folge mir nach, thu, was Du mich thun siehst!«
767
Und sie schwebten mit traurigem Flug an dem Oelberg nieder
768
Nach der Schädelstätte. Die Engel und Väter begleiten
769
Ihren einsamen Flug mit wunderndem Blicke. So viel es
770
Ihnen die stärkern Empfindungen und ihr banges Erstaunen
771
Ueber den furchtbaren Tod des Gottgeopferten zuläßt,
772
Folget ihr Blick mit Erwartung und Zweifel den Erstgeschaffnen.
773
Diese näherten sich dem Todeshügel und wurden
774
Immer dunkler vor Wehmuth, je mehr sie dem Hügel sich nahten.
775
Jetzo standen sie still. Da, wo der Getödtete schlummern,
776
Bald nun, nach der Vollendung der größten unter den Thaten,
777
Auch in dem Staube begraben, wie seine Brüder, die Menschen,
778
Schlummern sollte, da standen sie still. Gewälzt vor des Grabes
779
Oeffnung, lag ein Fels. An der einen Seite des Felsen
780
Stand der Vater und an der andern die Mutter der Menschen.
781
Sie sank gleich an den Felsen hin. Der Gedanke vom Grabe,
782
Vom so nahen Grabe des Wundenvollen durchdrang ihr
783
Zu gewaltig, ein Pfeil des Allmächtigen, ihre Seele.
784
Er ermannte sich noch; er streckte gen Himmel die Arm' aus.
785
Dreimal nannt' er in sich des Gottversöhnenden Namen,
786
Und so lange sah er mit bleibendem Blick ihm ins Antlitz,
787
Ihm, der dahing, bleich war, als nie ein Sterbender bleich war.
788
Aber auch Adam hielt nunmehr den erschütternden Anblick
789
Länger nicht aus. Er sank in den Staub der Erde danieder,
790
Hub vor seine Stirn die festgefalteten Hände,
791
Blickte zur Erde nieder, aus welcher ihn einst Gott aufschuf,
792
Aber in der sein Gebein, des Gerichteten, in der verfluchten,
793
Auch verwest war, in der von einem Jahrhundert zum andern
794
Schon so oft das ganze Geschlecht der Menschen verwest war.
795
Itzt erhub er in lautem Gebet die flehende Stimme,
796
Daß sie die Väter umher und die Engel alle vernahmen.
797
»herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig und treu und geduldig!
798
Gott, Verzeiher der Sünde, der Missethat, des Verbrechens,
799
Du, der für uns von dem Anbeginne der Welten erwürgt ist,
800
Hoherpriester, Prophet und König, Du Menschensohn, hör,
801
Höre auf Deinem Söhnaltar, auf dem Du erwürgt wirst,
802
Unser tiefes Gebet, das von Deinem Grabe zu Dir fleht!
803
Unsere Missethat hat Gott uns vergeben. Wir schauen
804
Nun Jahrtausende schon von Antlitz zu Antlitz die Gottheit.
805
Einer Seligkeit voll, die wir drüben am Grabe vergebens,
806
Auch mit den reinsten Gedanken vom Schöpfer, rangen zu denken,
807
Schauen wir Gott; denn es ward, uns ward die Sünde vergeben,
808
Um des Todes willen, der Dich, geschlachtetes Opfer
809
Für die Verbrecher, Erbarmender, Dich jetzt tödtet, vergeben.
810
Aber an diesem Tage der zweiten Schöpfung, an dem Du,
811
Mittler, das ganze Menschengeschlecht zu des Ewigen Anschaun,
812
Wenn sie nicht widerstreben, zurückführst, Alle versöhnest,
813
Aller Sünde vernichtest und sie der Strafe der Sünde,
814
Jenem gefürchteten ewigen Tod, allmächtig entreißest:
815
An dem Tage, da Du auch für mich, Gott Mittler, Dich opferst,
816
Darf ich mich meiner Sünde mit stiller Wehmuth erinnern.
817
Nicht, daß ich wähne, Du werdest noch einmal mit mir ins Gericht gehn;
818
Du Erbarmer, wie könnt' ich, der Gottes Antlitz geschaut hat,
819
Und für welchen Du jetzt zu dem Allerheiligsten eingehst!
820
Dennoch laß es noch einmal vor Dir, mein Gott, mich bekennen,
821
Wer ich war! Ach, bis zu dem Tode bist Du erniedrigt,
822
Bis zu dem Tod am Kreuz Du, der Welten Richter, erniedrigt!
823
Heut darf Adam sich des verziehenen Falles erinnern.«
824
Voll von heiliger Wehmuth und Seligkeit hielt er hier inne.
825
Eva hatte mit ihm gebetet, nicht ihre Stimme,
826
Aber ihr Herz und Antlitz. Sie hörte jetzt auf zu verstummen.
827
»ja, Du Hingegebner, an diesem Tage des Blutes,
828
Ach, am Tage, da sie Dich begraben werden, Erdulder,
829
Darf auch Eva sich des verzieh'nen Verbrechens erinnern
830
Und mit frommen Trauen und weinendem Dank es bekennen!«
831
Also betete sie, und Adam begann von Neuem:
832
»ja, wir fingen es an, wir setzten es fort und vollbrachten's!
833
Ach, wir thaten's! Und, ach, wer war's, wer hatte das leichtste
834
Aller Gebote gegeben? Es war Jehovah, das erste,
835
Höchste, liebenswürdigste, beste, das Wesen der Wesen,
836
Unser Schöpfer, der uns aus Staube zu Menschen emporschuf,
837
Den wir kannten, den wir in unsrer staunenden Seele
838
Unaussprechlich empfanden, der jedes Gebet mit Entzückung,
839
Jeden neuen Entschluß, nicht von dem Baume zu essen,
840
Jeden Gehorsam vor unserem Fall mit Wonne belohnte,
841
Der uns immer an sich durch tausendmal tausend Geschöpfe
842
Voll tiefsinniger Schönheit erinnerte, wo die Betrachtung
843
Sicher mit neuen Entdeckungen, neuen Freuden gekrönt ward,
844
Der die Mutter der Menschen mir gab, mich der Mutter der Menschen,
845
Dessen erscheinende Herrlichkeit uns noch höher zu ihm hub
846
Als das Alles, das uns von allen Seiten umringte,
847
Unser Schöpfer! Und doch erkühnten wir uns, der Geschaffnen
848
Schranken uns entschwingen zu wollen und Dir, o der Wesen
849
Wesen, zu gleichen! Du hast es uns, unser Vater, vergeben!
850
Preis, Anbetung und Dank und liebevoller Gehorsam
851
Sei dem Mittler, auf den der Richter unsere Last wirft
852
Und die Last des ganzen Geschlecht der sterblichen Sünder!«
853
Also betete Adam, mit ihm die Mutter der Menschen:
854
Er mit lauter Stimme, sie in der Tiefe der Seele.
855
Und von dem Angesichte des sterbenden Gottversöhners
856
Kam Barmherzigkeit, göttliche Stärke, Ruhe des Himmels,
857
Kamest Du, Frieden Gottes, der höher als Aller Vernunft ist,
858
Nieder auf sie. Sie empfanden es ganz, wie ihr Mittler sie liebte.
859
Neuer Inbrunst voll, streckt' Adam die Arme zum Kreuz aus.
860
»du, mein Herr und mein Gott, wie kann ich, Du Liebe, Dir danken?
861
Ewigkeiten, sie sind zu kurz, genug Dir zu danken.
862
Hier will ich liegen und beten, bis Du Dein göttliches Haupt nun
863
Neigest im Tode. Nur vor dem fürchterlichsten der Engel,
864
Nur vor seiner Stimme soll meine Stimme verstummen,
865
Wenn er kommt und es nun von Deinem Vater verkündigt,
866
Der Dich verlassen hat. Höre, um dieses Todes willen,
867
Den für die Sünder Du stirbst, hör, Gottverlassner, mein Flehen!
868
Herr, für Deine Versöhnten, für meine Kinder, für Alle,
869
Die das weite, das furchtbare Grab, die Erde – doch hat's auch
870
Deine Gnade mit Blumen bestreut – noch künftig bewohnen
871
Und mit jedem vor der Versöhnung entschlafnen Jahrhundert
872
An dem Tage der großen Entscheidung einst auferstehen,
873
Meine zahllosen Kinder, für diese fleh' ich Dich, Herr, an!
874
Weinend, mit dürftigem Leibe, mit viel mehr dürftiger Seele,
875
Kommen sie auf die Erde. Du, ihr Mittler, erbarmst Dich
876
Dann schon ihrer und nimmst sie in Deinen göttlichen Bund auf.
877
Wenn sie nun kaum Gedanken zu stammeln vermögen, so laß sie
878
Oft den wiederholen: Du habest sie früh durch ein Wunder
879
Aufgenommen zu Dir, und Dein, Herr, sei'n sie auf ewig!
880
Die den Geist des Vaters und Sohns in dem heiligen Wasser
881
Zu dem ewigen Leben empfangen, und die Du anders
882
Führest zum ewigen Leben, die Alle, welche mit Blut Du
883
Theuer erkauft und sie dem Anschaun Gottes geweiht hast,
884
Leite sie, wenn ihr Alter nun aufblüht, pflege der zarten,
885
Biegsamen Sprosse, daß sie zu jeder Fruchtbarkeit reifen,
886
Welche Du in sie legtest. In ihnen trübe die Sünde
887
Nie zu sehr den Schimmer der früh erleuchtenden Gnade,
888
Lösche das Feuer nicht aus, das, Dich zu lieben, sie anflammt!
889
Mittler, vor Allen in Denen nicht, deren reiferes Alter
890
Du, der Erde zu leuchten und sie an Gott zu erinnern,
891
Oder in Jenen, die Du erkorest, vom höheren Schauplatz,
892
Wo durch Dich sie stehen, auf ihre Brüder, die Menschen,
893
Wohlthun, Frieden und Schutz und Gerechtigkeit auszuschütten!
894
Alle, die es nun wissen, was Gott von ihnen, der Wesen
895
Höchstes, heiligstes, bestes, der anzubetende Schöpfer,
896
Mit so vieler Geduld, so viel Barmherzigkeit fodert,
897
Laß, laß alle Menschen ihr kurzes Leben am Staube,
898
Diese Stunde der Prüfung, zu ihrer Seligkeit leben,
899
Daß der Wanderer nicht an dem Quell und unter den Schatten
900
Jene Krone, die Gott von fern ihm zeigte, verschlummre
901
Oder sie gar an der Kette zu kleiner Freuden verachte!
902
Deren Herzen nicht ganz am Unendlichen hangen, und die sich
903
Auf den Arm des sterblichen Helfers zu sehr verlassen;
904
Denen die Ehre zu süß ist, und die, ach, Menschenbeifall,
905
Den sich zu ihrer Thaten Belohner wählen und Gottes,
906
Welchem Tadel und Lob der Menschen wie Blasen der Luft wiegt,
907
Gottes Auge, das schaut und zählt und richtet, vergessen;
908
Die sich in Sinnlichkeiten verweben – sie hatten der Lüste
909
Bande muthig zerrissen; allein die feinere Wollust
910
Lockt sie täuschend vom Gipfel der besseren Freuden herunter –
911
Die den Bruder nicht ganz, mit herzlicher Liebe nicht, lieben;
912
Wer zwar wohlthut, aber gesehn will werden und Ehre,
913
Für die leichteste Pflicht der Menschlichkeit Ehre verlanget;
914
Wer nur halb dem Feinde verzeiht, unbiegsam, der Rache
915
Dessen, der rächen will, Alles zu überlassen, noch minder
916
Fähig, Den, der ihm flucht, aus voller Seele zu segnen;
917
Alle, die über das Grab zu selten blicken, zu flüchtig
918
An die Unsterblichkeit denken, zu der Du, ihr Gott, sie gemacht hast;
919
Wenn sie nicht hören die Stimme der Huld, die sanfte des Vaters:
920
Herr, so ruf sie durch Leiden zurück aus der furchtbaren Irre!
921
Aber die ganz von Gott abweichen, das Laster zum Abgott
922
Machen und sklavisch dem falschen, dem spottenden Peiniger dienen,
923
Die Unseligen wecke von ihrem Tode durch Elend!
924
Meine Kinder, ach, meine Kinder, er liebt unaussprechlich,
925
Der am Kreuze für Euch sein Leben dem Ewigen opfert!
926
Ist es möglich, Unsterbliche, könnt Ihr Euren Versöhner,
927
Euren Beruf, zu wandeln im Licht, in dem Himmel, verkennen?
928
Rühre die steinernen Herzen mit Deiner allmächtigen Liebe,
929
Schaffe sie um und bringe sie rein zu dem Ewigen wieder!
930
Euer erschüttertes Herz vernehme die Stimme des Blutes,
931
Da von Golgatha strömt und Gnade, Gnade für Euch fleht,
932
Gnade! Mit heiligem Schauer vernehme sie Eure Seele,
933
Mit Anbetung und jener Entzückung, des ewigen Lebens
934
Vorschmack, welcher die Erben des Grabs bei des Todes Anblick
935
Ueberschwänglicher stärkt als alle Weisheit der Erde!
936
Nicht des Sterbenden brechender Blick, noch der liegende Todte,
937
Nicht die Gruft voll Verwesungen, nicht die verzehrende Flamme,
938
Nicht die Asche des Todten, zerstreut in die Tiefen der Schöpfung
939
Nichts, was Deinen Rächer, den Tod, mit Furchtbarkeit rüstet,
940
Wird sie schrecken; denn Du erhörest mein Flehn, Du Erwürgter,
941
Weckest ihre Seelen, bevor die Leiber entschlafen,
942
Zu dem ewigen Leben! Ach, daß sie, hast Du sie, Gottmensch,
943
Auferweckt, mit Zittern und Furcht die Seligkeit suchen,
944
Die kein Auge nicht sah, kein Ohr nicht hörte, die niemals
945
Eines noch Sterblichen Herz empfand! Nichts scheide sie, Gottmensch,
946
Nichts von Deiner Liebe! Von Staub ist der Leib, in dem sie,
947
Die Du versöhnst, die heilige Seele, der Ewigkeit Erbin,
948
Tragen. Es krümme die Last des drückenden irdischen Leibes
949
Nicht zu der Erde sie nieder, nicht sie, die Du, Göttlicher, liebest,
950
Sie, mit denen der Vater der Wesen nicht ins Gericht geht,
951
Die der Geist des Vaters und Sohns zum Tempel sich heiligt!
952
Heiß, voll Thränen, voll Arbeit, und werth der großen Belohnung,
953
Werth, wie es sein kann, was Sterbliche thun, die Schwachen, die Sünder,
954
Sei der daurende Kampf der himmelerringenden Seele!
955
Seligkeit überströmt mich und Wonne mein innerstes Wesen,
956
Denk' ich an jene Gnaden, die auf die Siegenden warten:
957
Gottes Anschaun, dies vor dem Tode noch ihnen verborgne
958
Namenlose Gefühl und Erkenntniß des Unerschaffnen!
959
Gott, Vollender, wenn Du zu Deinem letzten Gericht kömmst,
960
Wenn Du entlastet die Erde vom Fluch und zum Eden sie umschaffst:
961
Ach, dann laß unzählbar, wie Sand an dem Meere, die Schaar sein
962
Derer, die losgesprochen zu Deiner Herrlichkeit eingehn!
963
Wolken werden sich oft – Du hast es mir, Herr, nicht verborgen –
964
Ueber Deine Gewählten, die unsichtbare Gemeine
965
Deiner Kinder, verbreiten, des schwärmenden Aberglaubens
966
Und der geleugneten Religion verfinsternde Wolken.
967
Selber Herrscher der Welt, die zu dieser Höh' Du emporhubst,
968
Daß sie Dein großes Gesetz, wie sich selbst die Brüder zu lieben,
969
Ungefesselt, durch eigene Noth, fast grenzenlos thäten;
970
Die, in dem Staube gebückt, den Gott verherrlichen sollten,
971
Der vor ihnen dies weite Gefild der Menschlichkeit aufthat:
972
Die erniedrigen sich, des blutigen Aberglaubens
973
Oder des Wahnes, der Dich verleugnet, Sklaven zu werden,
974
Ihre Brüder zu peinigen oder, durchs mächtige Beispiel,
975
Sie in Wüsten zu führen, wo Deine Quellen nicht rinnen,
976
Wo die Beweinenswerthen kein Trost der besseren Welt labt.
977
Diese Zeiten der Nacht, so oft sie über den Erdkreis
978
Kommen, verkürze Du sie, daß nicht auch Deine Geliebten,
979
Mit dem Sünder verleitet, sich jener Krone berauben,
980
Die Du ihnen mit Blut erwirbst, mit diesem Tode!
981
Zahllos, Herr, sei die Schaar der Ueberwinder, wie Tropfen
982
Auf dem frühen Gefilde, wie Sterne der leuchtenden Schöpfung,
983
Wenn Du sie nach vollbrachtem Gericht zu der Herrlichkeit einführst,
984
O Du, der uns geliebt, mit einer Liebe geliebt hat,
985
Die ein Geheimniß der Himmel und ihres Staunens Gesang ist,
986
Ewiges Licht vom ewigen Licht, Sohn Gottes, Versöhner,
987
Heil, Fürbitter und Freund und Bruder der sterblichen Menschen!
988
Deiner Erstgeschaffnen Gebet, ach, Derer, die fielen,
989
Deiner Erlösten tiefes Gebet, erhör, erhör es!«
990
Als er noch betet', erhub Eloa sein Angesicht, wandt' es
991
Nach der Versammlung der Väter und rief von der Zinne des Tempels,
992
Daß mit dem Fuße Moria's des Heiligthums Hallen erbebten,
993
Rufte mit einer Stimme der Traurigkeit und des Entsetzens,
994
Wie sie von ihm noch nie die Unsterblichen hörten, herunter
995
Zu den Vätern: »Er kommt!« Der Bote der richtenden Gottheit
996
Schwebte zur Erd' hinab, trat auf den Sinai nieder,
997
Stand, entsetzte sich. Einsam, von Gottes Befehl belastet,
998
Stand er auf Sinai. Himmel und Erde, so däucht' es ihm, wollten
999
Fliehn, hinsinken, vergehn. Der Endlichkeiten Erhalter
1000
Stärket' ihn, daß er nicht selbst hinsank und verging. Das Entsetzen
1001
Ließ mit dem eisernen Arme jetzt von ihm ab; doch war er
1002
Ganz Erstaunen noch, ganz noch Wehmuth. Die sinkende Rechte
1003
Hielt arbeitend das flammende Schwert, und in Schimmer erblaßten
1004
Seine blutiggerötheten Strahlen, die, jeder ein Blitz, glühn,
1005
Zücken und tödten, wenn er von dem Richter zu tödten gesandt ist.
1006
So von des sterbenden Gottversöhners Anblick erschüttert,
1007
Sank er gegen den Hügel des Todes aufs Angesicht nieder,
1008
Anzubeten, eh er die Befehle Jehovah's vollbrächte.
1009
Seine Stimme, verwandelt in leise Laute des Traurens,
1010
Donnerte nicht wie vordem; doch hörte der Heiligen Kreis ihn.
1011
Also betet' er: »Sohn, Weltrichter, mich Endlichen sendet
1012
Er, den nur Dein Opfer versöhnt! O, stärk, Unerschaffner,
1013
Stärke den Müden, daß ich den Befehl zu vollbringen vermöge!
1014
Ach, die Lasten des großen Befehls, wie gesunkene Welten
1015
Liegen sie, seit Du am Kreuz das unerforschte Gericht trägst,
1016
Herr, auf mir, dem Endlichen! Gott, Weltrichter, wer bin ich,
1017
Ach, wer bin ich, daß Gott, den fürchterlichsten der Tode
1018
Anzukünden, mich sendet? Ein Geist, seit gestern erschaffen
1019
Und in einen Leib, der Endlichkeit ersten Erinnrer,
1020
Eingeschlossen, den Du aus einer nachtenden Wolke
1021
Und aus strömenden Flammen erschufst. Allmächtiger Mittler,
1022
Graun umgiebt mich und Trauren und Angst, die ich niemals noch fühlte!
1023
Aber ich muß den Befehl vollbringen; Jehovah gebot ihn!«
1024
Also sprach er und stand mit Schauer auf Sinai's Höh' auf.
1025
Jede Furchtbarkeit gab, da er stand, Jehovah ihm wieder.
1026
Schreckend stehet er da und hält nach der Schädelstätte
1027
Sein weitflammendes Schwert, und hinter ihm macht sich ein Sturm auf.
1028
Mit dem fliegenden Sturm erscholl des Unsterblichen Stimme.
1029
Siehe, die Palmenwälder, der Jordan, Genezaret rauschten
1030
Vor dem mächtigen Sturm, und es strömte das Abendopfer
1031
Erdwärts mit vorschießender Gluth. Der Unsterbliche sagte:
1032
»dem Du Dich opferst, es hat Jehovah Dein göttliches Opfer
1033
Angenommen. Unendlich ist des Gerechtesten Zürnen.
1034
Mittler, Du hast dem unendlichen Zorne Dich unterworfen,
1035
Du allein, und mit Dir ist keiner aller Erschaffner!
1036
Deines Blutes Geschrei um Gnad', um die Gnade des Richters,
1037
Ist vor
1038
Wird Dich verlassen, bis Du den gottversöhnenden Tod stirbst!
1039
Fliegende Winke nur noch, so wirst Du ihn, Göttlicher, sterben!«
1040
Also sagte der Todesengel und wandte sein Antlitz.
1041
Jesus Christus erhub die gebrochnen Augen gen Himmel,
1042
Rufte mit lauter Stimme, nicht eines Sterbenden Stimme,
1043
Mit des Allmächtigen, der sich, das Staunen der Endlichkeiten,
1044
Freigehorsam dem Mittlertod hingab; er rufte:
1045
»mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?«
1046
Und die Himmel bedeckten ihr Angesicht vor dem Geheimniß.
1047
Schnell ergriff ihn, allein zum letzten Male, der Menschheit
1048
Ganzes Gefühl. Er rufte mit lechzender Zunge: »Mich dürstet!«
1049
Ruft's, trank, dürstete, bebte, ward bleicher, blutete, rufte:
1050
»vater, in Deine Hände befehl' ich meine Seele!«
1051
Dann: (Gott Mittler, erbarme Dich unser!) »Es ist vollendet!«
1052
Und er neigte sein Haupt und starb.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Gottlieb Klopstock
(17241803)

* 02.07.1724 in Quedlinburg, † 14.03.1803 in Hamburg

männlich, geb. Klopstock

deutscher Autor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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