1
Jetzo kam Eloa zurück von dem Throne des Richters.
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Voll von tiefen Gedanken und langsamer schwebt' er des Tempels
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Zinne vorüber, trat in der Väter Versammlung und sagte:
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»eh ich rede, betet mit an; denn ich will anbeten,
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Eh ich rede!« Da sanken sie All' auf ihr Angesicht nieder,
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Beteten still den Unendlichen an. Mit eben der Stille
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Standen sie auf. Eloa verstummte noch. Endlich redt' er.
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»o Du, welchen der Name nicht nennt, der Gedanke nicht denket,
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Erster! Zu ihm erhub ich mich, wollte von Antlitz zu Antlitz
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Schaun, der Gericht hielt, schaun den Unausgesöhnten im Dunkeln,
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In der furchtbaren Herrlichkeit, Gott! Ich kam an die Sonnen;
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Und die dämmerten! kam zu des Himmels Pole; da rangen
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Trübe Schimmer mit Nächten! Ich ging zu dem Throne; da wurd' es
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Dunkler um mich, und nun noch dunkler, und nun ... Doch ich suche
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Namen und finde sie nicht, wie es um den Unendlichen Nacht war!
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Keine Namen dem Schauer, der von dem Unendlichen ausging!
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Und ich stand, und ich hörte von fern die Ströme der Hölle
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Rauschen unter der tiefen verstummenden Schöpfung. Ich schwebte
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Langsam weiter. Da rufte der erste der Todesengel
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Gegen mich her: ›Weß Schweben ist dieses Endlichen Schweben?‹
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Und ich bebte zurück, sank auf mein Angesicht nieder,
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Betet' ihn an und verstummt' und betet' ihn an, der Gericht hielt.«
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Also sagt' er und wandte sich weg und verhüllte sein Antlitz.
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Jesus war sein Haupt zu dem Herzen niedergesunken,
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Und es schien, als schlummert' er. Selbst der lästernden Menge
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Ungestüm legte sich, wie an dem unbestürmten Gestade
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Endlich das Weltmeer ruht. Die den Göttlichen liebten, umirrten
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Golgatha oder die äußerste Fern', aus der den Versöhner
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Noch mit weinendem Blick sie zu sehn vermochten. Doch Jeder
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Mied den Andern, damit sie sich nicht die tiefe Wunde
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Tiefer grüben, sprächen sie sich. Nur der Jünger der Liebe
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Und des Leidenden Mutter verließen sich nicht. Sie standen
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Unten am Kreuz. Der Jünger, der schwur, daß er Jesus nicht kenne,
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War die schlaflose Nacht und den Morgen umhergezittert,
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Hatte Ruhe gesucht und keine Ruhe gefunden.
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Also irret ein Sohn bei Geripp und Scheiter am Meere,
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Dem sein Vater nicht ferne von ihm an einem der Felsen
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Umkam; sprachlos irrt er umher und sieht unverwendet
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Nach dem Felsen, auf dem sein Vater geschmettert und todt liegt.
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Endlich rufet er jammernd gen Himmel: er habe den Vater,
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Ach, er hab' ihn verlassen, im tiefen Meere verlassen!
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Petrus ermattet itzt ganz und bleibt auf einer der Anhöhn
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Nah an Golgatha stehn und läßt die bleicheren Hände,
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Die er nicht mehr zu ringen vermag, hinsinken. Sein Schutzgeist,
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Seraph Ithuriel, sieht ihn und gießet ihm einige Tropfen
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Ruh in das Herz. Nur dieses vermag er jetzo zu geben,
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Ob er gleich ein Unsterblicher ist. Der traurende Jünger
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Fühlt die Lindrung und kommt so weit zu sich selbst, daß er aufsieht
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Und mit wünschendem Auge nach seinen Freunden umhersucht,
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Daß er zu ihnen gehe, sie ihn bestrafen und trösten.
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Aber er stand noch immer und sah nach Jerusalem nieder.
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Denn zu dem Hügel hinauf, dem Todeshügel, zu sehen,
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Dieses vermocht' er nicht. Sein Aug' arbeitet mit scharfem
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Untersuchenden Blick, die stolze Stadt zu erkennen.
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Aber sie lag, so weit sie Gefilde deckte, so hoch sie
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Thürmte, gehüllt in traurende schwerbelastende Dämmrung,
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Fürchterlich da. Kaum daß noch von seiner Zinne der Tempel,
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Und von den steigenden Thürmen der Sion sterbenden Schimmer
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Sinken ließen. So lag Jerusalem. Petrus wandte
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Nach der Seite sein Auge, von der ein dumpfes Gemurmel
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Kam, Gespräche der Fremdlinge, die zu dem Feste gekommen
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Waren und jetzo eilten, am Kreuz den Propheten zu sehen.
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Petrus geht zu ihnen herab. Nach seinen Geliebten
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Suchet er unter den stilleren Haufen. Er suchte vergebens.
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Jetzo hält ein Gespräch ihn. Ein Mann in fremdem Gewande,
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Glänzend gekleidet und schwarz von Gesicht, fragt einen der Greise,
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Dessen Auge Vertraulichkeit ist, und dem ein geliebter,
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Zarter, bebender Sohn an dem Arm hängt: »Aber so sag denn,«
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Sprach der Fremdling, »was hat er, daß sie ihn tödten, verbrochen?« –
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»was er verbracht? Sie tödten ihn, weil er den Kranken Genesung,
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Gehende Füße den Lahmen, den Tauben Ohren, den Blinden
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Augen gab, die Besess'nen – ich war der Elenden einer –
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Ihren Qualen entriß, ach, weil er die Todten erweckte,
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Weil er in mächtigen Reden die Pforten des ewigen Lebens
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Unseren Seelen eröffnete, weil er ein göttlicher Mann war.
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Aber (er sah, indem er sich wendete, Petrus) Du siehst hier,
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Fremdling, einen seiner Geliebten, die der Prophet sich
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Auserwählete, daß sie ihn sähen und hörten, und die er
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Von der wahren Verehrung des Ewigen Alles gelehrt hat.
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Unterrichte Du selbst« – er kehrt zu Petrus sich – »lehre
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Diesen Fremdling und mich, warum sie den Göttlichen tödten.
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Laß, Mann Gottes, laß Dich erbitten und wende Dein Antlitz
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Nicht von mir weg! Du kennest ihn, Du warst sein Erwählter!
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Brüder lieben sich so nicht, als Du und Johannes ihn lieben.«
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Petrus wandte noch immer sich weg, nicht, weil er erkannt war,
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Denn itzt war er zu sterben bereit. Das Wort von Johannes
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Und ihm selber durchdrang sein innerstes Mark ihm. »Ihr Freunde,«
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Sprach er endlich mit stammelnder Wehmuth, »was ich zu sagen
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Jetzo vermag, das ist: Es stirbt der beste der Menschen!«
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Mit dem eilenden Worte verlor er sich unter die Menge.
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Aber Samma und Joel und Candacens Vertrauter,
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Welchen nachher Philippus von Gottes Geiste gerufen,
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In die Quelle des Heils eintauchte, gingen mit Staunen
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Hin nach Golgatha. Petrus entdeckt' in der Ferne Lebbäus,
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Wie er in Trübem an einem verdorrenden Baume gebückt stand,
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Und ging gegen ihn hin. Nun kam er nahe; Lebbäus
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Aber erkannt' ihn noch nicht. Ihn redete Petrus mit leisem,
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Brechenden Laut an: »Hast Du ihn auch an dem Kreuze gesehen?
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Zwar auch Du bist elend, doch darfst Du zu ihm Dein Auge
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Offen erheben; aber ich ... O, lindre mein Elend!
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Hier, hier blutet sie mir, hier blutet die brennende Wunde!
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Einen Laut nur, den einzigen Trost nur von meinem Geliebten!
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Aber Du schweigst?« Noch schwieg er. Vergebens rang sein Gefühl sich,
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Nun zur Stimme zu werden. Doch waren sein bebendes Antlitz,
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Seine Thränen nicht sprachlos. Allein die Tröstung berührte
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Simon's Seele nur leise. Mit schwerem Herzen entweicht er,
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Ueberläßt sich von Neuem der Menge Wogen und treibt so
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Mit dem Strome. Da er itzt einem der eilenden Haufen,
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Weggedrungen, entkommt, da sieht er auf einmal Andreas,
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Seinen Bruder, vor sich. Er wollt' ihn fliehen; allein er
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Winket ihm zu, daß er sich mit ihm noch weiter entferne.
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Nunmehr wendet Petrus sich um: »Mein Bruder, mein Bruder!«
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Und umarmt ihn, nicht feurig wie sonst: mit müder Umarmung
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Faßt er ihn um und weint an des Bruders Halse. »Mein Bruder,
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Ach, mein Bruder!« erwidert mit sanfter Wehmuth Andreas.
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»gerne wollt' ich, allein ich kann, ich kann's nicht verschweigen!
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Simon, es blutet mein Herz mit Deinem Herzen! Den besten
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Unter den Menschen, den treusten, den liebevollsten der Freunde,
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Gottes Sohn, den hast Du vor seinen Feinden verleugnet!«
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Göttliche Traurigkeit, Dem, den er verleugnete, heilig,
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Voller herzlicher Dank, geweiht der Treue des Bruders,
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Waren in Simon's Augen; allein der Mund verstummte.
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Und sie hielten und sahen sich kaum. Dann gingen sie seitwärts
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Hand in Hand und sahen sich kaum. Zuletzt entsanken
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Ihre Hände sich, und sie verließen einander. Des Trostes
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Stets noch bedürftig, noch immer voll heißes Durstes nach Troste,
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Ging der einsame Petrus. Nicht lang', so schreckt' ihn der Anblick
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Zweener Männer, die er verehrte. Zwar wollt' er entrinnen;
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Aber sie waren zu nah. »Kennt uns des göttlichen Lehrers
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Theurer Jünger nicht mehr?« sprach Joseph von Arimathäa.
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»simon, wir sind auch Jünger. Wir waren es heimlich; doch jetzo
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Sind wir bereit, uns zu ihm vor allem Volk zu bekennen.
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Nikodemus, mein Freund, Du kennst den Edlen, er that's schon
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Vor der Versammlung des Raths. Mit unerschüttertem Muthe
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Sprach er für Jesus; ich aber, ach, ich bekannt' ihn so spät erst,
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Nur durch das Weggehn, als Nikodemus der Sünder Versammlung,
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Sich nicht mehr zu entweihn, verließ.« – »So hemme denn, Joseph,
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Theurer Joseph, den Schmerz,« sprach Nikodemus, »der immer
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Deine sanfte Seele noch quält. Du gingst ja mit mir weg!
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Du bekanntest ihn ja!« Mit thränenhellerem Blicke
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Richtete Joseph sein Auge gen Himmel: »Erhör, o, erhöre,
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Du Gott Jesu und Abraham's Gott, warum ich Dich anfleh'!
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Den ich so schwach, da er lebte, bekannte, laß Den mich, Du Helfer,
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Wenn er todt ist, mit Muth vor Aller Auge bekennen!«
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Hier schweigt Joseph. Indem sein Gebet zu des Ewigen Throne
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Stieg, und zu ihm die Erhörung mit ihren Gnaden herabkam,
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Wandte sich Nikodemus zu Petrus: »Du blickest, o Simon,
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Wehmuthsvoll von uns weg. Wir fühlen's, was Du empfindest;
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Ach, wir empfinden den Tod, der den heiligsten unter den Menschen
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Jetzt zu tödten beginnt und vielleicht den gefürchteten Schlag bald,
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Bald den letzten gethan hat! Allein, o liebender Jünger,
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Sag es uns auch, geuß diesen Balsam in unsere Seelen,
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Daß uns dies Dein Auge voll Wehmuth zugleich nicht mit anklagt,
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Daß wir vordem den göttlichen Mann insgeheim nur bekannten.
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Doch wir verdienen es wol.« Wie ein Baum, ergriffen von Sturme,
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Nach der einen Seite durch bleibendes Brausen gebogen
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Steht, so stand mit gewandtem Gesicht der bebende Petrus.
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Aber itzt unterlag er der Angst, verhüllte sich, flohe,
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Suchte Ruh in größerer Qual. Denn er kehrte mit Eile
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Zu dem Todeshügel zurück. Er war zu des Hügels
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Fuße mit schwerem Schritt gekommen. Ihm athmet sein Leben
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Schneller, und jetzo wagt er es, zu dem Kreuze die Augen
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Aufzuheben, allein nicht bis zu des Sterbenden Haupte.
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Unten am Kreuz erblickt er, nicht fern von einander, Johannes
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Und die Mutter des großen Geopferten, Beide vor Jammer
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Eingewurzelt, Beide verstummt, und thränenlos Beide.
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Auch nicht fern umgaben das Kreuz nicht wenige Treue,
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Welche von Galiläa gefolgt dem Göttlichen waren.
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Wie geringer Geburt, wie unbeladen vom Glücke,
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Wie unmerklich der Welt sie auch waren, so hat der Geschichten
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Ewigste doch aus dem redlichen Haufen einige Namen,
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Einige theure Namen erhalten der glaubenden Nachwelt.
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Engel nannten sie früher mit neuen Namen am Throne.
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Magdale Maria, Maria, die Mutter Joses'
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Und Jakobus', Maria, die Mutter der Zebedäiden,
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Und Du, deren Schwester, die jetzt den besten der Menschen,
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Ihren einigen Sohn, am langsamtödtenden Kreuz sah,
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Auch Maria genannt: Die waren von Denen, die näher
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Kamen zum Kreuz als Viele, die auch den Göttlichen liebten!
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Magdale Mirjam war zu der Erde niedergesunken.
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Sehnsuchtsvoll, zu sterben, nun auch zu sterben, entriß sie
182
Jeder Hoffnung, jeder Erinnrung der Wunder des Mittlers
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Sich mit Ungestüm, ward von ihrer Traurigkeit Strome
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Unaufhörlich ergriffen und fortgeschleudert. So lag sie
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Auf dem Hügel und füllte mit ihrer Klage den Himmel.
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Sie zu trösten geneigt, obgleich selbst trostlos, redet
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Joses' sanfte Mutter sie an und verstummt im Reden.
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Bleich steht in der dämmernden Nacht der Zebedäiden
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Klagende Mutter. Sie ringt die Hände gen Himmel und blicket
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Starr hinauf und staunt, daß die göttliche Rache noch säume.
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Ganz von Schmerze betäubt und so vor Traurigkeit sprachlos,
192
Daß die schwache Lindrung der Seufzer, auch die ihr versagt war,
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Kniete nicht fern von Maria, der Mutter des göttlichen Dulders,
194
Ihre Schwester und sah in der Nacht den Blutenden schweben.
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Keiner beklagt wehmüthiger diese Beängsteten, Keiner
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Herzlicher als der gerettete mitgekreuzigte Jüngling.
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Aber auch der Unsterblichen Blicke, den Vätern entgehen
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Dieser Traurenden Schmerzen nicht ganz, ob sie am Versöhner
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Gleich mit jeder von ihren erhabnern Empfindungen hangen.
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Abraham hatte die Rettung des mitgekreuzigten Jünglings
201
So mit Freuden des ewigen Lebens erfüllt, daß er Alles,
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Was der Sterbende that, mit inniger Liebe bemerkte.
203
Jetzo bewegt' ihn das Mitleid, mit dem der geheiligte Jüngling
204
Auf die frommen Leidenden sah, so sehr, daß er schnell sich
205
Seinem verstummten Erstaunen entriß und zu Moses sich wandte,
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Welcher, verstummt wie er, bei ihm stand. Der erhabene Vater
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Von dem zwölfgestämmten Judäa sprach zu dem Stifter
208
Jener Hütte, die, lang' des Allerheiligsten Vorbild,
209
Opferte, zu dem Schreiber des gottgebotnen Gesetzes:
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»was wir sehen, o Sohn, was diese wenigen Stunden
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Uns enthüllen, davon wird Ewigkeiten Dein Vater
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Sich mit Dir besprechen. Itzt, da das verstummende Staunen
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Mich verlassen hat, wollen wir diesem grenzlosen Meere
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Einige Tropfen entschöpfen. Du sahst auf Horeb des Mittlers
215
Herrlichkeit, ich in Mamre's geweihetem Haine. Da war er
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Sanfter, da tönte des Göttlichen Mund melodische Gnaden.
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Ebenso sanft, so süßbetäubend erklang mir die Stimme
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Von dem geretteten Sünder, von meinem Kinde.. Mein Jubel
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Ström' in die Jubel der Himmel, daß Du die Sünder erlösest,
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Gottgeopferter! Wie dem nahen Grabe der Jüngling
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Sanft zulächelt! wie ihn die Erbarmungen Gottes beseelen!
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Wie der Friede des ewigen Lebens sich über ihn breitet!
223
Wie gerührt er zugleich, obschon des besseren Lebens
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Ruhe so nah, und wie voll Mitleid die Leidenden anblickt!
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Aber, daß meine Kinder den Allerheiligsten tödten,
226
Keine Reue sie schmelzt, sie nicht, wie Jener, zurückfliehn:
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Ach, was würd' ich darüber, wofern ich noch sterblich am Grabe
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Stünde, was würde darüber ihr grauer Vater empfinden!
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Was mir Gabriel gern verschweigen wollte, nicht konnte,
230
Laß den trüben Trauergedanken, doch schnell und geflügelt,
231
Vor Dir über, o Sohn, dann zurück zur Vergessenheit gehen:
232
Der mit diesen Wunden zum Weltgerichte wird kommen,
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Hat prophetisch gesprochen den Gottverlaßnen ihr Urtheil.
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Auch sie haben es über sich selbst gesprochen. Der Heide
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Wollt' ihn nicht verdammen; sie aber thaten es, riefen:
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›ueber uns komme sein Blut und über unsere Kinder!‹
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Ach, hat nur kein Engel des Todes die schrecklichen Worte
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Nicht mit eisernem Griffel in ewige Felsen gegraben
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Und vor Gott sie gestellt! Ich seh', ich sehe die Völker
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Aller Enden, so weit der Aufgang strahlt und der Abend,
241
Alle Menschen zum Kreuz des Gottversöhners versammelt,
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Aber meine Kinder nicht mit!« Ihm erwiderte Moses:
243
»vater Isak's und Jakob's und jener Treuen, die dennoch,
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Ob zu dem Bilde das Volk gleich lief, Jehovah verehrten,
245
David's Vater und Der, die den Gottversöhner geboren,
246
Und Deß Vater, der nun Söhnopfer blutet, o, hebe,
247
Abraham, auf Dein Aug' und sieh! Zwar, was ich Dir sage,
248
Weißt Du Alles; doch ist es gut die gesehene Wahrheit
249
Wieder zu sehen. Sie sind ein Volk des Gerichts und der Gnade!
250
Er, der thun wird, was er gethan hat, der Unerforschte,
251
Der mit der Rechten Erbarmung, Gericht mit der Linken herabwinkt,
252
Hat sie auf einen Felsen gestellt, dem Menschengeschlechte,
253
Allen Söhnen des Staubes, zum strahlenhellen Beweise,
254
Daß es in ihrer Gewalt sei, Tod oder Leben zu wählen.
255
Wer nun unter ihnen den warnenden Felsen entdeckt hat,
256
Wenn ein solcher Pilger der Erdewanderschaft dennoch
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Nicht aufschauet und lernt, der verwirft sich selber. Sein Blut sei
258
Ueber ihm selbst, wenn er nun jenseit des Grabs zu dem andern
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Größeren Tod hinunter geführt wird!« So endete Moses.
260
Abram begann von Neuem: »Du hast das dankende Lächeln,
261
Sohn, gesehn, mit dem ich Dich hörte. Vielleicht, wenn sie lange
262
Als ein furchtbares Mal gestanden, zu sündigen haben
263
Aufgehört – denn es trägt des Vaters Sünde der Sohn nicht –
264
Dann, o Moses, vielleicht, dann werden sie (sanftes Entzücken
265
Ueberfällt mich, und Friede von Gott umlächelt mein Auge),
266
Ach, dann werden sie zu dem Gottversöhner, zum Retter
267
Aller Menschen, zu ihm, der sie des Tags in der Wolke
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Und in seiner Flamme die Nacht nach Kanaan führte,
269
Der an dem Kreuze für sie auch blutete, wiederkommen!
270
Kommt, kommt wieder, o, kommt zu Dem, der Euch retten will, wieder,
271
Meine Kinder, zu Ihm, zu Ihm, den Ihr tödtetet, wieder!
272
Zu dem geschlachteten Lamm! kommt wieder zum ewigen Leben!«
273
Betend schaut' er gen Himmel. Ihn sah der Geliebte, die Tröstung
274
Seines Alters, sein Sohn. Der Jüngling kam zu dem Vater.
275
Denn ihm war die Jünglingsgestalt nach dem Tode gegeben,
276
Daß er dem Himmel auf ewig den Gottgeopferten bilde.
277
Isak sprach: »Ich sah in Deinem Antlitz, o Vater,
278
Deine Gedanken von fern. Ach, unsere Kinder tödten,
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Den, der für sie sich heiliget, tödten sie! Ewiger Richter,
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Du erbarmst Dich noch ihrer und trägst sie auf Adlersflügeln,
281
Wie Du aus Aegyptus sie trugst, zu ihrem Erretter!
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Seligkeit gießet diese Betrachtung, Entzückungen gießt sie
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Mir in die Seele! Noch
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Ach, Du weißt es noch wol, als Du auf jenem Gebirge –
285
Heilig, auf immer heilig ist mir die Stätte des Opfers –
286
Als Du dort zum Altare mich führtest. Dein freudiger Sohn ging
287
Neben Dir her und wollte mit Dir dem Ewigen opfern.
288
Aber, da ich nunmehr auf dem Opferholze gebunden
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Lag, und der heilige Brand bei mir aufflammte, mein Auge
290
Thränend gen Himmel blickte, Du mich das letzte Mal küßtest,
291
Dann Dich wandtest und nun den blinkenden Dolch, den Verderber,
292
Ueber Deinem Geliebten emporhieltst, da ... Doch von dieser
293
Stunde Trauren schweig' ich! Jahrhunderte Freuden bekrönen
294
Sie mit Seligkeit! Ach, Dein Isak wurde gewürdigt,
295
Gottes Opfer, das Opfer, das nun auf Golgatha blutet,
296
Vorzubilden! Entzückung und sanfte Traurigkeit rinnen
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Durch mein unsterbliches Leben!« Er sprach's, und Abraham's Stimme
298
Hauchte mit leisem Lispel ihn an. Sie sprach zu dem Sohne:
299
»laß uns zu dem Geopferten beten!« Dann knieten sie Beide
300
Dicht an einander. Ein Arm war um den andern geschlungen,
301
Ihre Hände nach Golgatha hin gefaltet, und Abram
302
Betet': »O Du – allein mit welchem göttlichen Namen
303
Soll ich zuerst Dich nennen, Du großer Sündeversöhner?
304
Oder hörst Du Dich lieber die Wonne der Glaubenden nennen?
305
Sohn des Vaters, was hab' ich, seitdem Dich in Bethlehem's Hütte
306
Eine sterbliche Mutter gebar, was hab' ich empfunden!
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O Du weinendes Kind, mit welchem Donner durchhalltest
308
Du die Himmel, als Du an dem Staube der Sterblichen weintest!
309
Unbegriffen von Engeln, doch ihrer Jubelgesänge
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Höchste Begeisterung, hülltest Du Dich in niedriges Leben!
311
Kaum, daß sie Dich noch erkannten; Du aber thatst es und gingest
312
Auf dem erhabenen einsamen Wege daher und dachtest
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Deinen Tod. Du bist zu dem großen Ziele gekommen,
314
Jenem Ziele, nach dem Du seit Ewigkeiten herabsahst,
315
Lange, lange zuvor, eh ich war! Unendlicher, Du nur
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Konntest diesen Tod, den Erretter, zum Ziele Dir wählen,
317
Meinen Erretter und aller Söhne des ersten Gefallnen!
318
Und nun blutest Du, nun, ihn zu sterben! Wir halten, o Gottmensch,
319
Unser Mitleid zurück! Denn Du bist über das Mitleid
320
Aller Endlichen weit erhoben; allein wir empfinden
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Diesen großen gefürchteten Schlag, mit welchem der Tod Dich
322
Trifft, der die weite grenzlose Schöpfung herab und hinauf bebt,
323
Wir empfinden ihn mit! Erbarme Dich unser, erhabner,
324
Ewiger Mittler, damit wir ihn nicht zu mächtig empfinden!
325
O Du Menschlicher! mehr, noch mehr erbarme Dich Jener,
326
Die an dem Staube dort stehn und dem Staube verwandter als wir sind!«
327
Abraham betete so. Sie schwiegen Beide. Darauf kehrt
328
Isak sich um und fragt: »Wer sind die kommenden Seelen,
329
Welche der Cherub gegen das Kreuz herführet?« Indem war
330
Schon die schimmernde Schaar dem Kreuze näher gekommen.
331
Wie ein Morgen erhuben sie sich. Sie hatten vor Kurzem
332
Ihre Leiber, die sinkenden Hütten, verlassen. Es waren
333
Seelen aus jedem Geschlecht der Menschen. Von Wende zu Wende
334
Wurde jetzo gebracht der schnellverzehrenden Flamme
335
Oder dem Grabe der Leib. Sie waren das kleinere Leben,
336
Ihrem Herzen getreu und rein, wie ein Sterblicher rein ist,
337
Durchgewandelt; allein kein gottgesendetes Licht war,
338
Ihnen zu leuchten, gekommen. Sie führte der denkende Cherub,
339
Wie sie voll des ersten Erstaunens über das neue
340
Höhere Leben waren und still zum Allmächtigen flehten,
341
Tausend Seelen. Zu ihnen kehrt der Cherub sein Antlitz.
342
Abraham und die Väter vernehmen's, was er herabruft
343
Zu den Seelen, indem an dem nächtlichen Kreuze sie schweben.
344
»was Ihr sehet, erwägt's mit allen forschenden Kräften,
345
Die Euch zu der Betrachtung ließ die fromme Bewundrung.
346
Keiner, welchen ein Weib gebar, kann ohne den Mittler,
347
Der an dem Kreuze vor Euch dort blutet, den Ewigen schauen.
348
Seelen, ich künd' Euch an das Geheimniß der Ewigkeit. Jesus
349
Wird der Name genannt des Göttlichen, der für die Menschen,
350
Für die Verbrecher, des Todes Erben, dem Richter sich opfert.
351
Siehe, des Ewigen Sohn und einer sterblichen Mutter –
352
Ach, dort steht sie am Kreuz – ward Jesus der Erde geboren.
353
Leiden und Beten und Wunderthun und Lehren und Leiden
354
War sein Leben; und nun – der ganzen Ewigkeit Wonne
355
Hänget daran – nun stirbt er für alle Erdegebornen,
356
Stirbt für Euch! Wär' er von dem Anbeginne der Welten
357
Nicht erkoren gewesen zum Gottversöhner, so stürbt Ihr
358
Nun den ewigen Tod, den alle Sünder einst sterben,
359
Denen sein Heil verkündiget wird, und die es verwerfen!
360
Gott, der Euer künftiges Leben vor Eurer Geburt sah,
361
Weiß, Ihr hättet das Heil des Erlösenden angenommen,
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Hätt' er das Leben, das Euch an der Erde Staube bestimmt ward,
363
Mit den Tagen vereint der göttlichen Botschaft von Jesus.
364
Seelen, um Jesus' willen hat Euch das Wesen der Wesen
365
Los von der Strafe der Missethat gesprochen! Ihr seid nun
366
Rein vor Gott! Den Ihr zu erkennen rangt, nicht erkanntet,
367
Er hat Eure Thränen gesehn; das Flehen, der Sünde,
368
Die Ihr fühltet, wie wenig Ihr auch die tödtende kanntet,
369
Euch zu entreißen, dies innige Flehn, unsterbliche Seelen,
370
Hat er in seinem Himmel erhört! Es betete da schon
371
Der am Kreuze für Euch, daß Euch sein Vater erhörte
372
Und in Euch der Missethat tiefbrennende Wunde
373
Heilete! Denn Ihr wart zu dem ewigen Tode verwundet!
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Sinkt auf das Antlitz und dankt dem Wiederbringer der Unschuld,
375
Eurem Mittler, dem Geber des ewigen Lebens, dem Dulder
376
Jesus, des Ewigen Sohne, dem Sohn der sterblichen Mutter!«
377
Unaussprechlich gerührt, von sanfter Wehmuth, von Staunen
378
Und von Seligkeit voll, sank jede der Seelen nieder,
379
Betete zu dem Sohne, dem wunderbaren Erretter,
380
Zu dem Sterbenden, der, eh Welten wurden, sie liebte.
381
Salem, Johannes' Engel, und Selith, der Hüter Maria's,
382
Sprachen, als sie vor sich die dankenden Seelen erblickten,
383
So mit einander: »Wie diese Begnadeten, Selith, es fühlen,
384
Daß sie es sind! Wie in ihnen den Frieden des ewigen Lebens
385
Seine Wunden, des liebenden Mittlers Wunden erschaffen!
386
Ach, sie sind nun auf immer der Trübsal des sterblichen Lebens,
387
Sind auf immer dem Schmerze der Staubbewohner entrissen!
388
Aber unsre Geliebten, so überschwänglich begnadigt,
389
Sonst mit Frieden von Gott, mit jeder Ruhe beschattet,
390
Zwar noch Pilger, allein die der Sterblichkeit Bürde nicht fühlten!
391
Aber nun ... Wie haben der Mutter, des Freundes Entzückung
392
Diese Wangen voll Tod, die grabverlangenden Blicke,
393
Diese strömenden Wunden getrübt! O Selith, ich fühl' auch,
394
Fühle das Schwert, das durch die Seele den Weinenden gehet!«
395
»salem, ich sah viel Leidende, sah viel duldende Menschen;
396
Aber keinen so elend als sie! Doch mischt sich Bewundrung
397
In mein Mitleid. Was vor ein Anblick ist diesem zu gleichen,
398
Menschen, die der Ewige liebt, so leiden zu sehen?
399
Aber was mir mein Erstaunen mit Beruhigung mildert,
400
Ist die Tröstung, die Gott dann oft den Leidenden sandte,
401
Wenn sie nun kaum noch hofften, und wenn die blutende Wunde
402
Ihnen am Tiefsten in den zerrissenen Seelen itzt brannte.
403
Und, o Salem, wofern die Begier, die beiden Geliebten
404
Wieder in Gottes Ruhe zu sehen, Selith nicht täuschte,
405
Sah ich, sah jetzt eben im sanften Auge des Mittlers
406
Kommende Tröstung für sie!« So redete Selith und irrte
407
Nicht in seinen Gedanken. Des Gottversöhners Erbarmung
408
Konnte gegen Johannes sich nicht und die Mutter in Jammer
409
Länger nicht halten. Er sah auf sie mit Blicken herunter,
410
Welche mit neuem Leben ihr sinkendes Leben durchströmten.
411
Und er neigte, sie anzureden, sein göttliches Antlitz
412
Gegen sie nieder. Da hörte mit bebendem Warten die Mutter
413
Freudigbang, als ob sie vom Tod erwacht', in die Höhe.
414
Und zu ihr kam die Stimme des ewigen Sohnes herunter:
415
»meine Mutter, er ist Dein Sohn!« Darauf zu dem Jünger:
416
»sie ist Deine Mutter!« Die beiden Liebenden wandten
417
Sich mit Staunen und Dank und Thränen gegen einander.
418
Aber der Sterbende schwebte, von Gottes Gericht belastet,
419
Litt, was zu denken die Seel' erbebt, was zu sagen die Sprache,
420
Selbst der Himmel, die Gott an dem Throne besingt, verstummet.
421
Stille voll Tiefsinn schwieg um den Todeshügel. Die Erde
422
Zitterte unaufhörlich in ihren Tiefen; doch wurden
423
Ihre verborgneren Schauer noch in den Thalen nicht hörbar,
424
Wo Jerusalem lag. Erst einmal war die Erschüttrung
425
Zu der Empörerin aufgestiegen. Dunkles Gefühl nur,
426
Etwas, das von fern herdroht, noch versenkt in der Zukunft
427
Meere, doch rauscht schon Fluth des Gehobnen, Ahndung von Rache
428
Wegen des Blutes, das jetzo floß, befiel in dem ganzen
429
Weiten Drang um Golgatha her mit Graun des Volks Herz.
430
Aber der Erde geheimes Entsetzen bebt' in den Klüften
431
Eines finstern Felsengebirgs, zu welchem, daß einsam
432
In der Erd' Abgrund er trauerte, ferne vom Oelberg
433
Abbadona geflohn war. Er saß an dem Hange des Felsen,
434
Sah dem stürzenden Strome, der ihm bei den Füßen herabfiel,
435
Starrend nach und begleitete mit hinhörendem Ohre
436
Jeden Donner des schäumenden Stroms, der hinab von den Höhen
437
Ueberhangender Berge von Abgrund rauschte zu Abgrund.
438
Schnell empfindet er unter sich wandelndes Beben; dann stürzen
439
Neben ihm Felsen bin. Abbadona schreckte der Erde
440
Lautes Trauren! So nannt' er ihr Zittern. »Jammert die Erde,
441
Daß der Staub ihr Kinder gebar? und ist sie ermüdet,
442
Ihrer Söhne Verwesung in ihrem Schooße zu tragen,
443
Ihnen ein ewiges Grab, das stets von neuem Gebeine
444
Schwillt, inwendig fürchterlich ist, ob es außen der Frühling
445
Gleich mit der Blume beduftet? Ach, oder klagt sie den großen,
446
Göttlichen Mann, den am Berg in Mitternächten ich sahe?
447
Leiden sahe, was nie ein Endlicher litt? Was ist wol
448
Jetzt sein Schicksal? Und warum weil' ich, ihn wieder zu suchen?
449
Ist mir die Hand des ernsten Gerichts auf der oberen Erde
450
Etwa näher als hier? Ihr kann ich nirgends entfliehen!
451
Flöh' ich auch aus der Schöpfung, sie würde doch mich ergreifen!
452
Ja, ich such' ihn! Ich will der furchtbaren Duldungen Ausgang
453
Sehen, will ganz die erstaunungsvolle Begebenheit wissen!
454
Aber wenn ihn nur nicht so vieler Himmlischer Schaaren
455
Stets umgäben! Als ich vor ihm jüngst flohe, wie schreckte
456
Mich ihr schleuniger Anblick! Und, wagt' ich der Himmlischen Schimmer
457
Nachzuahmen und kühn in einen Engel des Lichtes
458
Mich zu verwandeln, würden mich nicht die Blitze des Richters
459
Schnell enthüllen? die Engel mich nicht in meiner Gestalt sehn?
460
Aber Satan thut es ja, er, so mit größern Verbrechen
461
Gott erzürnt hat als ich! der unnachlassende Sünder
462
Thut es! Dazu verhehl' ich in meinem Herzen voll Jammers
463
Keinen niedrigen Zweck, warum ich mich also verstelle!
464
Aber soll ich es, soll sich Abbadona verstellen?
465
Geh, Verworfner, in Deinem Elend! Also beschließ' ich,
466
Nicht zu gehn und das Ende des wunderbarsten der Leiden
467
Nicht zu wissen? Denn wie vermöcht' ich der Cherubim Herschaun,
468
Das zu empfinden und nicht zu fliehn?« So denket er, schwingt sich,
469
Zweifelnd noch, aus der Tief' empor. Kaum hat er der Erde
470
Oberen Staub betreten, als er mit Erstaunen zurückbebt.
471
Denn er sahe vor sich in schreckenden Nächten die Erde
472
Liegen. »Am Mittag,« dacht' er, »in diesen belastenden bangen
473
Finsternissen! Ist sie nun auch dem ernsten Gerichte
474
Reif geworden? und soll sie vergehn? Des Ewigen Schrecken
475
Ruhen auf ihr! Die Hand des Allmächtigen hat sie ergriffen!
476
Und warum? Hat ihr Schooß den wunderbaren Erdulder
477
In sich begraben, und fordert von ihren Söhnen ihn Gott nun?
479
Jeder neue Gedanke! Viel besser eil' ich und such' ihn,
480
Seh' ihn und lerne dadurch, als daß ich einsam hier grüble.«
481
Als er so sich entschloß, da stand er am waldichten Gipfel
482
Eines Gebirgs und sucht' in der überhüllenden Dämmrung,
483
Lange sucht' er die heilige Stadt mit fliegenden Blicken;
484
Sah sie endlich, wie Trümmern, auf denen bewölkender Dampf schwimmt,
485
Ferne liegen. Und nun – es bebeten ihm die Gebeine,
486
Da er es that – nahm er die Gestalt der Engel des Lichts an,
487
Seine Jünglingsgestalt, worin er im Thale des Friedens
488
Schimmerte. Aber sie ward ein fernnachahmendes Bild nur.
489
Zwar floß glänzendes Haar auf seine Schultern hernieder,
490
Unter den glänzenden Locken erklangen ihm goldene Flügel,
491
Und die Klarheit des werdenden Tages deckte des Seraphs
492
Leuchtendes Antlitz; doch fast entrann die Thräne den Augen.
493
Endlich flog er den bebenden Flug. Wo am Dicksten die Nacht lag,
494
Diesem Gefilde nähert' er sich. Zu dem Todeshügel
495
Strömt' am Dicksten die Nacht vom schweigenden Himmel herunter.
496
Als er an dem Gestade des todten Meeres heraufschwebt,
497
Höret er fürchterliches Gebrüll der steigenden Wasser,
498
Mit der Wogen Gebrüll gequälter Verzweiflungen Jammern.
499
So, wenn die Erde bebt und gerichtbelasteter Städte
501
Mit der sinkenden sinkt, so winseln dann mit dem schnellen
502
Dumpfen Donnerschlage der unterirdischen Rache
503
Todesstimmen herauf. Noch einmal bebet die Erde,
504
Und noch einmal ertönen mit ihr entheiligte Tempel,
505
Stürzende Marmorhäuser und ihrer zu sichern Bewohner
506
Todesstimmen. Es flieht der bleiche rufende Wandrer.
507
Abbadona vernimmt mit des todten Meeres Getöse
508
So das Gebrüll der beiden Gerichteten, kennt sie, entsetzt sich,
509
Flieht mit wankendem Fluge die jammerhallenden Ufer.
510
Und nun nähert' er sich der Cherubim Kreise. Ein schnelles,
511
Unbezwingbares Schrecken ergriff ihn, als er den vollen,
512
Himmelglänzenden Kreis der Ungefallnen erblickte.
513
Bald wär' ihm die lichte Gestalt in entstellendes Dunkel
514
Wieder zerflossen! Die äußersten Engel, vertieft in das Anschaun
515
Deß, so den wunderbaren, den fündeversöhnenden Tod starb,
516
Sahen den Kommenden nicht. Allein Eloa erblickt' ihn,
517
Schnell erkannt' er ihn, denkt: »Du Gottverlassner! ... Der bange,
518
Jammernde Seraph, will er den Gekreuzigten sehen? Er sah ihn
519
Schon an dem Oelberg leiden! Er suchet ihn wieder! Wie elend
520
Ist er! Geschmolzen von dieser gebeugten daurenden Reue!
521
Fast seit seiner Erschaffung in diese Thränen ergossen!
522
Gott, Weltrichter, Du wirst mit ihm es Alles vollenden,
523
Was Du beschlossest! Und ich, wie könnt' ich über sein Schicksal
524
Noch erstaunen? Ist nicht, durch den die Unsterblichen wurden,
525
Jesus Christus am Kreuz, den ewigen Tod zu erdulden
526
Und zu sterben der Menschen Tod?« Er fällt auf sein Antlitz
527
Betend nieder und liegt und weint zu dem großen Erdulder.
528
Jetzt erhub er sich, winkte der Engel einem. Der Seraph
529
Stand vor ihm da. So sprach Eloa: »Fleug zu den Engeln
530
Und den Vätern, sage zu ihnen: Mit zweifelndem Zittern
531
Nahet sich Abbadona. Wofern er in Eure Versammlung
532
Noch zu kommen es wagt, so laßt den Traurenden kommen.
533
Denn er naht sich mit Thränen, zu sehn den sterbenden Mittler.
534
Keiner gebiet' ihm, zu fliehen! Laßt ihm die quälende Lindrung!
535
Denn es umgeben das Kreuz schuldvollere Sünder, als er ist!«
536
Abbadona umzitterte noch die Versammlung der Engel,
537
Zweifelte, schwebt' und stand und glitt an dem Boden. Er wäre
538
Gerne geflohn; allein er ermannte sich durch den Gedanken:
539
Keinen Geringeren als den Versöhner könnte der große
540
Festliche Kreis der Engel umgeben. Nun wagt' er es, schwebte
541
In den schreckenden Kreis. So wie die Engel ihr Antlitz
542
Wendeten und ihn erblickten, so sahen sie bange Verstellung,
543
Todtes Lächeln und Glanz, der keine Seligkeit strahlte,
544
Tausendjährigen Gram, unüberwindliches Trauren,
545
Abbadona. Sie ließen mit stillem Mitleid ihn fortgehn.
546
Und er näherte sich dem nachtbelasteten Hügel,
547
Sah die Gekreuzigten, wandte sich. »Nein, ich will sie nicht sehen,
548
Nicht der Sterbenden Antlitz! Ihr Gram verwundet zu tief mich!
549
Führt zu trübe Bilder vor meinem Geiste vorüber!
550
Klaget zu laut vor dem Richter mich an! Denn, ach, der gewandte,
551
Kurze, fliegende Blick auf ihre Wunden durchflammt mich
552
Schon mit wüthender Angst! Mitunglückselige Menschen
553
Und so sehr mitschuldige, daß durch schwarze Verbrechen
554
Eure Brüder Euch zwingen, sie vor dem Antlitz der Sonne,
555
Feierlich vor der Versammlung unzählbarer Mengen zu tödten!
556
Nein, es soll sie mein Auge nicht sehn, die Ihr jetzt der Verwesung,
557
Grausam oder gerecht, zusendet! Dem trüben Gedanken,
558
Qualenvoller, entreiß Dich dem ängstlichen Todesgedanken!
559
Den ich suche, wo find' ich ihn auf? Ja, diese Versammlung
560
Aller Himmel ist nicht umsonst heruntergestiegen!
561
Sie umgiebt ihn! Er ist auf dieser heiligen Stätte!
562
Aber wo? In Gethsemane war das furchtbarste Dunkel,
563
Wo er war; doch hier strömt's auf den Hügel der Schädel,
564
Und da kann er nicht sein. O, wenn ihn ein Engel mir zeigte!
565
Wenn ich fragen dürfte, mir dann ein Engel ihn zeigte!
566
Unglückseliger! Wenn sie mich nur an dieser Erschüttrung,
567
Dieser schleunigen Wehmuth nicht kennen, zu fliehn mir gebieten!
568
Nein, sie bemerken mich nicht, vertieft in große Gedanken
569
Von dem göttlichen Manne, zu dem sie der Richtende sandte!
570
Ach, wo ist er? Ist er vielleicht in des deckenden Tempels
571
Allerheiligstem? Betet er dort von Neuem? und soll ihn,
572
Wie er leidet, kein Endlicher mehr, nicht den blutigen Schweiß sehn,
573
Welcher ihm von dem Angesicht rinnt? Doch der Himmlischen Augen
574
Sind ja mehr auf den Hügel als auf den Tempel gerichtet,
575
Wenn ich anders es seh', wohin sie blicken. Verworfner!
576
Ja, so bist Du erniedrigt, Du darfst Dein Auge, der Scham voll,
577
Nicht zu den Gottgetreuen erheben, obgleich Du es wagtest,
578
Ihnen selber in ihrer verklärten Gestalt Dich zu zeigen!
579
Auf dem Hügel der Schädel? Vielleicht, daß er dort, wo Verbrecher,
580
Diese lautesten Zeugen des Falls der Sterblichen, bluten,
581
Was er auf Erden zu dulden beschloß, vollendet? Vielleicht liegt
582
Unter Gebein der Göttliche dort und fleht zu dem Richter?
583
Ach, so muß ich denn wieder zum Todeshügel mein Antlitz
584
Wenden!« Er wandt' es, doch schwebet' er bang mit säumendem Fluge;
585
Seitwärts schwebt' er hinab und suchte lange mit scharfen
586
Schnellen Blicken unter den Kreuzen. Er findet Johannes
587
Und begleitet des Jüngers Blick mit geheftetem Auge.
588
Und der Geopferte für die Verbrecher hing in die Nacht hin,
589
Schien mit brechendem Aug' ein Grab zu der Ruhe zu suchen.
590
Als von dem ersten Entsetzen sich Abbadona emporwand,
591
Dacht' er: »Es ist nicht möglich! ist nicht möglich! er ist's nicht!
592
Sterben? es ist nicht möglich! Allein, Ihr Himmel, was wag' ich
593
Mir zu überreden? Ich täusche mich nicht! Ich seh' ihn!
594
Ja, er ist es dennoch! Ach, den ich sah an dem Oelberg,
595
Leiden sahe, was nie ein Endlicher litt, Dein Opfer,
596
Unerbittlicher Richter, er ist es!« Er sank zu dem Hügel
597
Tiefer hinab. »Hier will an der Erde Staub ich,« so dacht' er,
598
»auf das Ende des unerforschlichsten aller Gerichte
599
Warten und, wenn's ein Endlicher kann, den göttlichen Dulder
600
Sterben sehn! Was ist es in mir, das wie Ruh mich besänftigt?
601
Ist es der Angst Betäubung? ist es wirkliche Hoffnung?
602
Ach, der Hoffnungen beste, vernichtet zu werden? O, täusche,
603
Einzige Hoffnung, täusche mich nicht! Mich däucht ja, ich dürfe
604
Um die Vernichtung dem Richter itzt flehn! Es däucht mich, er werde
605
Jetzt mich erhören! O, wenn der göttliche Dulder sein Haupt nun,
606
Richter der Welt, an dem Kreuze geneigt hat, und Du ein Vergelter,
607
Daß wir die Sünd' erschufen, ach, zu der Sünde verführten,
608
Einige dieser Verbrecher als Todesopfer dem Schatten
609
Deines Getödteten weihst und an seinem Grabe vernichtest:
610
Ach, dann sondre mich auch, den Verworfensten unter den Sündern,
611
Abbadona mit aus, daß Du dem Todten mich opferst!
612
Ach, dann bin ich nicht mehr, dann fühl' ich der nächtlichen Qualen
613
Flamme nicht mehr! Ich war einmal; dann bin ich vergangen,
614
Aus der Wesen Reihe verlöscht, bin auf immer vergangen,
615
Von den Engeln, von allen Erschaffnen, von Gott vergessen!
616
Sieh, ich neig' entgegen mein Haupt, Gott, Deiner Allmacht!
617
Würdige, Richter der Welt, mich, daß sie mit geheimer Berührung
618
Oder mit fallendem Strahl aus Deiner Schöpfung mich tilge!«
619
Also wünscht, so wähnet er, hoffen zu dürfen; er freut sich,
620
Und er entsetzt sich über die Hoffnung. Er schwebt' an dem Staube,
621
Blickte zum blutigen Kreuz hinauf, zu dem sterbenden Mittler,
622
Dachte mit jedem fliegenden Blick, der Göttliche würde,
623
Nun, nun sterben. Und trüberes Graun, vernichtet zu werden,
624
Ueberströmte mit jedem Gedanken ihn. Sichtbar verdunkelt,
625
Stand er und strebet' und rang, die lichte Gestalt zu behalten.
626
Da er also strebt' und sich in der Bangigkeit wandte,
627
Sah er nicht ferne von sich bei einem der Kreuze, zur Rechten
628
Jenes höheren Kreuzes, das mitten schreckender aufstieg,
629
Dort auf einmal in Strahlen den mitgeschaffnen, geliebten,
630
Furchtbaren Abdiel schweben. Die ringsumglänzenden Engel
631
Hüllet' ihm Dunkelheit ein. Die Schöpfung ward ihm zu enge.
632
So ergriff ihn die Angst, es würde sein Freund ihn erkennen.
633
Was in ihm Unsterbliches war, die geistigen Kräfte
634
Alle ruft er zurück, daß Abdiel ihn nicht erkenne.
635
Eilend, als wär' er von Gott aus fernen Welten zu andern
636
Fernen Welten gesandt und dürft' auf der Erde nicht weilen,
637
Wandt' er zu Abdiel sich und sprach die geflügelten Worte:
638
»sag, Geliebter, Du weißt es vielleicht: Wenn ist es dem Mittler,
639
Daß er sterbe, gesetzt? Mir ward, daß ich eilte, geboten,
640
Und ich wünsche doch auch, die heilige, gottgewählte,
641
Schreckliche Stunde, wo ich auch sei, anbetend zu feiren!«
642
Abdiel stand gewendet. Allein nun kehrt er sein Antlitz
643
Auf den Verlornen und sagt mit Ernste, den Wehmuth mildert:
644
»abbadona!« So steigt ins Gesicht des blühenden Jünglings,
645
Welchen der rufende Blitz erschlug, die Farbe des Todes
646
Schleunig herauf; so strömte des Abgrunds Nacht in das Antlitz
647
Abbadona's empor. Die Heiligen sahen ihn alle
648
Dunkel werden. Er floh aus ihrem schreckenden Kreise.
649
Als er am fernen Himmel bei Palmenbüschen hinabsank,
650
Kam an der anderen Seite des Wäldchens ein bebender Todter
651
Dunkler als Abbadona herauf. Die Himmlischen sahn ihn.
652
Und es sprach zu dem Andern der Himmlischen einer: »Wer ist er,
653
Jener Verworfne, der dort von den Palmen gegen uns herkommt?
654
Wie die Hand des Gerichts ihm seine Stirne gebrandmarkt,
655
Wie der ewige Tod den Gottverlassnen entstellt hat!
656
Aber er wagt's, in unsre Versammlung zu fliehn! Doch ich staune
657
Jetzt, Geliebter, nicht mehr. Erkennst Du den hohen Obaddon,
658
Der dem Todten gebeut? Ach, es ist der Geist des Verräthers!«
659
Nunmehr brachte den bangen Verworfnen der Todesengel
660
Näher zum Kreuz herüber; nun sahn ihn die Himmlischen alle!
661
Dunkel, ein Flecken der Nacht, die über die Erd' herabhing,
662
Angstvoll, als wenn, wohin er auch schwebete, über ihm Blitze
663
Sich zu entzünden, unter ihm sich die Erde zu öffnen,
664
Jene des Rächenden Feuer auf ihn herunter zu schleudern,
665
Diese mit gleichem Ergrimmen ihn zu verschlingen bereit sei:
666
Also näherte sich dem Kreuze der Geist des Verräthers.
667
Und er sahe – das mußt' er – zum Todesengel Obaddon
668
Unverwendet empor. So wie die Rechte des Seraphs
669
Und in der schreckenden Rechten das flammende Schwert sich bewegte
670
Und den Flug ihm gebot, so flog der gerichtete Sünder.
671
Jetzo blieb Obaddon auf einer hangenden Wolke
672
Mit dem Bebenden stehn und sprach mit gebietender Stimme:
673
»schau, Verworfner! Da liegt Bethania! Kaiphas' Hütte
674
Hier! dort unten das Haus, wo Du seines Todes Gedächtniß
675
Auch empfingst! Da ist Gethsemane! jener Dein Leichnam!
676
Bebest Du? aber fleuch nicht!« Er streckte das flammende Schwert aus.
677
»an dem Kreuz, das umnachteter über die andern heraufragt,
678
Der ist Jesus Christus! Er stirbt, sich wegen der Menschen
679
Gott zu opfern, ihr Leben und ihren Tod zu versüßen,
680
Diesem Tode, den Du jetzt leidest, dem ewigen Tode
681
Sie zu entreißen und sie zu erhöhn zu der Gottheit Anschaun!
682
Diese Wunden, aus denen das gottversöhnende Blut quillt,
683
Glänzen, wenn er mit ihnen dereinst, ein Richter der Welt, kommt!
684
Und nun wende Dich, Todter!« Mit niedergebückter Verzweiflung
685
Wendete sich der Todte. Von ihm entlastet Obaddon
686
Schnell der Heiligen Kreis. Schon schweben sie unter Gestirnen.
687
Und die unübersehbare Weite der schweigenden Schöpfung
688
Schreckt den Verräther. Ein schneller, ihm qualenvoller Gedanke
689
Von dem allgegenwärtigen Richter erschüttert ihn. Lange
690
Bebet er, eh er es wagt, zu dem Todesengel zu sagen:
691
»fürchterlichster der Engel, vernichte mit dem entflammten,
692
Blitzewerfenden Schwerte mich! Ach, zu dem ewigen Richter,
693
Führe zu seinem Throne mich nicht!« – »Gehorch und verstumm Du!«
694
Also gebot ihm der Todesengel, und zürnender führt' er.
695
Endlich stand auf der Sonnen einen (das flammende Schwert wies)
696
Judas Ischariot still, bei ihm der Engel des Todes.
697
Und er zeigt dem Verräther von fern den Himmel der Gottheit,
698
Ihrer sichtbarsten Herrlichkeit Stätte, die Stätte des Anschauns.
699
Ob der Richter itzt gleich in heiliger Dunkelheit thronte,
700
Und die Halleluja des ewigen Lebens, die Feier
701
Seiner Gerechten um ihn, und ihre Wonne verstummten:
702
Dennoch war der Himmel nicht minder Himmel, der Gottheit
703
Würdiger Sitz; und selbst für die ersten der Seligen hatt' er
704
Nichts von seiner den Menschen undenkbaren Wonne verloren.
705
»dies,« so sagt' Obaddon zum Gottverworfenen, »dies ist
706
Gottes Himmel, der seligsten Offenbarungen Schauplatz,
707
Welcher Die, so ihn lieben, der Unaussprechliche würdigt.
708
Gott hat vor den Endlichen jetzt sein Antlitz verborgen.
709
Auf dem Throne, den Nacht – fall nieder, beb und verzweifle –
710
Heilige Nacht, wie sie Dein neues Auge noch nie sah,
711
Schreckend umhüllt, dort schauen wir sonst die Herrlichkeit Gottes!
712
Jener himmlische Hügel, er heißet Sion. Auf ihm wird
713
Er, so vom Anbeginne der Welt für die Menschen erwürgt ist,
714
Oft den vollendeten Frommen mit seinen Gnaden erscheinen.
715
Zwölfe jener goldenen Stühle, die Du auf dem Sion
716
Gleich den Sonnen erblickest, sind des Erlösenden Jüngern
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Von dem großen Belohner bestimmt. Auf diesen, Verräther,
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Richten die Jünger dereinst die Welt. Du warest ein Jünger!
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Jammere nicht, daß vernichtet Du werdest; Du jammerst vergebens!
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Schau! So viele Dein Auge der Herrlichkeiten des Himmels
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Jetzt zu entdecken vermag: so viele Qualen hat Gott Dir
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Hier, Gerichteter, zugemessen! Vergebens bestrebst Du
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Dich, Ohnmächtiger, nicht zu dem Himmel hinüber zu blicken!
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Lerne die Allmacht kennen des Richtenden! Felsen im Meer gleich,
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Die kein Sturm nicht bewegt, sollst Du hier stehen und schauen!
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Daß er in diesen Himmel, zu dieser ewigen Ruhe,
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Die ihn lieben, erhöh', stirbt Jesus Christus am Kreuze!«
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Mit den Worten verließ Obaddon ihn, schwebte zum Himmel
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Weiter hinüber und blieb auf der Sonnen einen des Himmels,
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Anzubeten. Er kommt zurück von dem ernsten Gebete
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Zu dem Verworfnen, der stehet und schaut und ewigen Tod fühlt.
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»wende, Todter, Dich! komm! Ich führe Dich jetzt zu der Hölle,
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Deiner ewigen Wohnung!« So sprechen Donner, so sprach es
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Mit zerschmetternder Stimme der Todesengel und eilte.
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Und schon näherten sie der Hölle sich, hörten von ferne
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Ihr Getöse, das an der äußersten Schöpfung Gestade
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Brüllend schlug und unter den nächsten Sternen verhallte.
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In dem Raume, den Gott ihr in dem Unendlichen abmaß,
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Wälzt sie sich, keiner Ordnung gehorsam, auf und nieder,
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Keinem Gesetz der langsamen oder schnellen Bewegung,
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Fleugt sie eilend einher; so hatte Gott ihr geboten,
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Ihrer Bewohner neue Verbrechen durch wildere Flammen,
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Durch geschärftere Pfeile des ewigen Todes zu rügen.
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Damals flog sie mit wüthender Eil' herauf. Der Verworfne
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Und sein mächtiger Führer verlassen die Grenzen der Welten,
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Schweben hinab zu der Hölle Thor. Der Engel des Todes,
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Der es hütet, erkennt Obaddon, sieht den Verbrecher,
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Der sich neben ihm krümmt und noch zu entfliehen sich martert.
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Aber unter dem flammenden Schwerte gebückt, muß er eilen.
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Und der herrschende Seraph, des Abgrunds Hüter, eröffnet
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Mit weitschmetterndem Krachen die diamantene Pforte.
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Lägen Gebirge darin, sie würden den furchtbaren Eingang
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Nicht ausfüllen; sie würden nur rauher ihn machen. Obaddon
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Bleibt hier stehn mit dem Todten. Es führet kein Weg zu der Hölle
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Schreckenden Tiefen. Es wälzen sich nah bei der Pforte die Felsen
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Unabsehlich hinab, durch träufelndes Feuer gespaltet.
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Sprachlos, schwindelnd, bleich, mit weitvorquellendem Auge
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Blickt das Entsetzen hinunter. Der göttlichen Rache Vollender
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Stand an diesem Grab – hier schläft der Tod nicht – mit Dir still,
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Judas Ischariot, Du Verräther! Da sagte der Seraph
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Weggewendet, allein das niedersinkende Schwert wies
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In die Tiefe: »Dies ist der Gerichteten Wohnung und Deine!
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Daß sie nicht, die Erdegebornen, die Sünder, den Tod hier
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Leiden, den ewigen Tod, stirbt Jesus Christus am Kreuze!«
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Also sagt er und stürzt den Verworfnen hinab in den Abgrund,
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Eilet, entschwingt der Hölle sich, fliegt durch die Welten. Itzt kömmt er
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Zu dem Altar des Geopferten Gottes, zu Golgatha wieder,
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Steht und wartet auf neue Befehle der zürnenden Allmacht.