1
Die Du am Sion den heiligsten unter den Sängern Jehovah'
2
Sahst, von ihm lerntest, als er, von dem ewigen Geiste gelehrt, sang,
3
Den der Richter im Tode verließ, den größten der Todten,
4
Lehr, Sionitin, mich wieder; Du lerntest himmlische Dinge!
5
Komm und leite den Schritt des Wankenden, Deines Geweihten,
6
Führe mich in des Gekreuzigten Nacht. Des Heiligthums Schauer
7
Faßt mich; ich will den Sterbenden sehn, ich will die gebrochnen
8
Starren Augen, den Tod auf der Wange, den Tod in den schönsten
9
Unter den Wunden, Dich sehn, Du Blut der Versöhnung! Er bebte,
10
Rang mit dem Tode; da sank ihm sein Haupt, er blutete, neigte
11
In die Nacht sein heiliges Haupt; da verstummte der Gottmensch.
12
Von des Richtenden Antlitz flog Eloa herunter,
13
Kaum den Unsterblichen sichtbar, so eilt' er herab durch die Himmel.
14
Und er hielt in der Linken die himmlische Krone; die Rechte
15
Hob die Posaune. Sie tönt, und es tönen die Welten im Kreislauf.
16
Und der Nächste dem Unerschaffenen rief durch die Himmel:
17
»feiert! Es flamm' Anbetung der große, der Sabbath des Bundes,
18
Von den Sonnen zum Thron des Richters! Die Stund' ist gekommen!
19
Feiert! die Stunde der Nacht ist gekommen! Sie führen das Opfer.«
20
Und die Himmel umher vernahmen des Rufenden Stimme.
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Doch schon war er vorübergeeilt. Zween Winke, so schwebt er
22
Ueber Golgatha. Um ihn herum versammeln der Erde
23
Engel sich eilend. Er rief sie. Ihr strahlenwerfender Kreis schloß
24
Jetzt um Eloa sich zu. Eloa stieg aus dem Kreise,
25
Feierlich stieg er nieder auf Golgatha, stand auf der Höhe.
26
Dreimal neigt' er nunmehr sein tiefanbetendes Antlitz
27
Auf den Staub des Hügels herab; dann erhub er sich, streckte
28
Ueber den Hügel aus den weitverbreiteten Arm, schaut'
29
Auf den Messias herab, der in der Ferne, begleitet
30
Von Judäa, langsam gen Golgatha wandelt und schwerer
31
Trägt wie sein Kreuz das Weltgericht. So sah ihn Eloa,
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Stand, hielt über den Hügel den hohen Arm hin und sagte:
33
»höret mich, Himmel, und jauchzt! Abgrund, vernimm mich und bebe!
34
In dem Namen des Auszusöhnenden, Deß, der zu bluten
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Kommt, des Versöhners Namen und in des Geistes, der Sündern
36
Himmlisches Licht strahlt, weih' ich Dich, Hügel, zum Tode des Sohnes!
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Heilig, heilig, heilig ist Der, der sein wird und sein wird!«
38
Also weiht Eloa und staunt. Des Unsterblichen Schimmer
39
Wurde Dämmrung, so staunet' er. Nun verstummt er nicht länger,
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Senket gegen den Mann von Erde gefaltete Hände,
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Welcher die Tief' herauf sein niederbeugendes Kreuz trägt,
42
Siehet ihn unter dem wankenden Kreuz, fällt nieder aufs Antlitz,
43
Betet: »O, der dem Altare sich naht, zu sterben den schönsten
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Und den wunderbarsten der Tode, Du Menschlicher! Schöpfer!
45
Mitgeborner und Sohn des Geschlechts, das Gräber begraben!
46
Bethlehem's Kind! Du weintest; wir sangen Dir Jubel! Du lässest
47
Dich bis auf Golgatha nieder; die tiefre Bewundrung verstummt Dir,
48
Mehr zu jauchzen! O Sohn, Sohn Gottes und der Gebornen!
49
Unerschaffner! kein Endlicher sang da Jubel! Vollender
50
Alles deß, so das Höchste, das Wundervollste, das Beste,
51
Das ganz Herrlichkeit ist! tiefangebeteter Gottmensch!
52
Wiederbringer der freudigen, gottgefallenden Unschuld!
53
Todtenerwecker! Vertilger des ewigen Tods! Weltrichter!
54
Oder, wie Deine Menschen Dich nennen, Du Lamm, das erwürgt wird!
55
Höre mein tiefes Gebet, vernimm des Endlichen Stimme,
56
Die von dem Staube, worauf Dein Blut wird bluten, Dir betet!
57
Wenn Dein Auge nun bricht, die letzte Blässe des Todes
58
Ueber Dich, Geopferter, strömt, die Himmel der Himmel
59
Nun erzittern und fliehn, nun nur Jehovah mit vollem
60
Hingehefteten Blick anschaut den Sterbenden: stärke
61
Dann aus der hangenden Nacht mich, in die Dein Leben hinabstirbt,
62
Stärke, großer Vollender, mich dann, damit ich nicht hilflos,
63
Nicht zu bebend unter der Erde Gräber versinke,
64
Und, wenn in schwimmender Dämmrung um mich die Schöpfung nun wanket,
65
Ich, wie dunkel mir auch das Aug' hinstarret, Dich sterben
66
Sehe! Tod des Sohnes! Du nahest Dich, Tod! Von dem Ersten,
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Der ein Sterblicher ward, bis hinab zu dem Letzten von Adam,
68
Dessen jungem Leben der Auferstehung Posaune
69
Wegzuathmen gebeut, sie Alle wirst Du versöhnen,
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Wenn Du, noch einmal Schöpfer: Es ist vollendet! nun ausrufst.
71
Tod, o Tod des Sohnes! und Du, des Geopferten Blut! Heil,
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Heil den erlösten Seelen! Sie kommen und wandeln und jauchzen!
73
Ihre Kleider sind hell in des Todten Blute gewaschen!«
74
Drauf erhebt sich Eloa, vertheilt die Engel der Erde
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Weit um Golgatha her. Auf niederhangender Wolke
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Sammeln sie sich, bedecken die breiten Rücken der Berge
77
Oder schweben über der Ceder und gehen voll Tiefsinn
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Auf den wallenden Wipfeln; er selbst steht über des Tempels
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Höhen: ein weitumkreisendes Heer! der allmächtigen Vorsicht,
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Welche von fern herrscht, furchtbare Diener! Engel des Todes
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Und des Gerichts, der Menschen Hüter, künftiger Christen
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Hüter! und weil sie Engel der Märtyrer wurden, am Throne
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Deß, dem der Palmenträger, der Märtyrer blutet, die Ersten!
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Gabriel aber, ihn hatte gesandt zu der Sonne der Mittler,
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Ließ sich mit silbertönendem Flug auf den strahlenden Tempel
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Nieder und stand vor der Väter Seelen und sagte zu ihnen:
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»kommt nun näher, Ihr Väter der Menschen! Ihr sehet ihn!« (Hier wies
88
Er mit der bebenden Rechte.) »Da trägt der Sündeversöhner
89
Gegen den Hügel sein Kreuz. Dies ist der Hügel des Todes!
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An dem höheren dort, der mit zween Gipfeln heraufragt,
91
Ging er ins erste Gericht. Von diesem sollt Ihr ihn sehen,
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Wenn er für Eure Kinder und Euch sein Leben wird bluten.
93
Kommt, Erlöste! Die Enkel der Enkel, die noch die Geburt nicht
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Zu Unsterblichen schuf, er geht, er eilt, er versöhnt sie!«
95
Feurig sagt es der Seraph. Verstummt vor Wehmuth und Wonne,
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Folgen die Väter ihm schon. Sie eilen. Der schnelle Gedanke,
97
Der aus des Betenden Seele von Sternen zu Sternen hinaufdenkt,
98
Eilet nur eilender. Gabriel führte die schimmernden Schaaren.
99
Schon betrat ihr schwebender Fuß den liegenden Oelberg.
100
Adam betrat ihn zuerst, sank nieder und küßte die Erde.
101
»mütterlich Land,« so sprach er, »ich seh', o Erde, Dich wieder!
102
Seit den Jahrhunderten, da mein Gebein an dem Abend des Todes
103
Du in Deinen friedsamen Schooß, o Mutter, zurücknahmst,
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Stand ich nicht über dem Staube der todtenvollen Gefilde!
105
Nun, nun steh' ich darauf. Sei mir, o Erde, gegrüßet!
106
Seid mir, Gebeine der Todten, gegrüßt! Ihr werdet erstehen!
107
Meine Kinder, ach, meine Kinder, Ihr werdet erstehen!
108
Und, o Stunde, Du nahende, sei auch Du mir in Jubel,
109
In Triumphe genannt! Du entlastest die Erde vom Fluche!
110
Ihrem heiligen Staub erschallt des Blutenden Segen!
111
Halleluja! er kommt, er kommt, der Erdegeborne!
112
Siehe, der Allerheiligste kommt und nahet dem Tode!«
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Also sprach er. Noch hielt er sein Herz, das in himmlische Wehmuth
114
Aufzuschauern begann; er hielt es noch, schwieg und schaute.
115
Aber Eloa stand auf dem Tempel und sahe die Väter
116
Kommen. Er wandte sein Antlitz und sah hoch über dem Kreuze
117
Satan und Adramelech in wildem Triumphe schweben,
118
Satan wegen des Werks, das er schon vollendet, und Beide
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Wegen künftiger Thaten. Eloa sieht die Empörer,
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Wie sie, erhoben über die Wolken der wandelnden Erde,
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In weitkreisendem Schwunge die höheren Wölbungen messen.
122
Und in seiner Herrlichkeit hub sich Eloa vom Tempel
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Gegen die ewigen Sünder empor. Er ging in dem Glanze
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Dieses gefeirtesten Tags vor allen Tagen der Feier.
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Gottes Schrecken schwebten um ihn. Die leiseren Lüfte
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Wurden vor ihm zu Sturm und rauschten. Des Kommenden Gang war
127
Eines Heers Gang, welchem die tragenden Felsen erzittern.
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Und der Unsterbliche tönt' und glänzte daher. Die Empörer
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Sahen ihn, hörten ihn kommen und strebten umsonst, zu verbergen
130
Ihr Erstaunen. Sie standen und wurden dunkler. So stehen
131
In der untersten Höll' Abgrund zween nächtliche Felsen.
132
Blitzeil' hatte der letzte Schwung Eloa's; er trat jetzt
133
Vor die Verworfnen und sprach: »Ihr, deren Namen die Hölle
134
Nenne, verlaßt – Ihr seht der hohen Unsterblichen Lichtkreis –
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Diesen verlaßt und entlastet von Euch die heilige Stätte!
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Siehe, so weit der äußerste Glanz der Seligen Grenzen
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Euren Empörungen strahlt, schwebt da nicht über der Wolke!
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Kriecht da nicht an dem Staube der Erde!« Der Seraph gebot so.
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Aber wie zwei Gewitter, die an zwo Alpen herunter
140
Dunkel kommen (ein stärkerer Sturm tönt ihnen entgegen,
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Wird sie verstreun), wie die in ihrem Schooße den Donner
142
Fliegend reizen, damit er die krummen Thäler durchbrülle:
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Also rüsten sich wider Eloa die Stolzen zur Antwort.
144
Was die Wuth Entsetzliches hat, die Rache Verwegnes,
145
Runzelt' auf ihrer Stirne sich, rollt' in dem flammenden Auge.
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Aber mit herrschendem Blick schaut ihnen Eloa ins Antlitz:
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»erst verstummt! dann flieht! Käm' ich mit der siegenden Stärke,
148
Die Jehovah mir gab, so sollte von diesem erhobnen
149
Treffenden Arm Euch ferne von mir mein Donner verschleudern.
150
Aber ich komm' in dem Namen des Sohns von Adam, der – schaut ihn –
151
Trägt sein Kreuz! In dem Namen des Ueberwinders der Hölle:
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Flieht!« Sie flohen, dunkler als Nächte. Ereilende Schrecken
153
Hefteten sich an die Ferse der Flucht und trieben sie seitwärts
154
Auf die Trümmern Gomorra im todten Meere. Die Engel
155
Sahen sie fliehn; es sahen sie fliehn die Väter. Eloa
156
Stieg zu der Zinne des Tempels in seiner Herrlichkeit nieder.
157
Jesus war zu dem Todeshügel gekommen. Ermattet
158
Schwankt' er am Fuß des Hügels. Die blutbegierigen Haufen
159
Zwangen einen Wanderer, der an Golgatha's Hange
160
Furchtsam hinabstieg, daß er das Kreuz dem Ermatteten trüge.
161
Unter dem Volk, so ihm folgte, beweinten ihn Einige, weiche,
162
Wuthlose Seelen, doch die mit ganzem Herzen am Eiteln
163
Hingen und kaum den Göttlichen kannten. Ihr flüchtiges Mitleid
164
War nur sinnlich, nicht edel, nicht Mitleid der Seele. Der Gottmensch
165
Höret sie klagen und wendet sich um und redet mit ihnen:
166
»warum meinen die Töchter Jerusalem's? Weinet mich nicht!
167
Weinet über Euch selber und über Eure Kinder!
168
Denn es nahn die Tage der Angst. In den furchtbaren Tagen
169
Werden sie jammern: ›O, selig die Unfruchtbaren! die Leiber,
170
Die nicht gebaren! die Brust, die nicht säugte!‹ dann werden sie sagen
171
Zu den Bergen: ›Fallet auf uns!‹ und den Hügeln: ›Bedeckt uns!‹
172
Denn geschahe das mir, was wird den Sündern geschehen!«
173
Jetzt war Jesus gekommen zur Höh des großen Altares.
174
Und er schaute zum Richter empor. Die Kreuziger nehmen
175
Ihm das Kreuz ab, richten es unter Todtengebein auf.
176
Und das Kreuz erhub gen Himmel sich, stand. Der geweihte
177
Festliche Tag, er schimmert noch sanft; noch freut sich die kleinste
178
Schöpfung im Labyrinthe der lebenathmenden Lüfte;
180
In den geheimsten, entlegensten Tiefen mit leiser Erschüttrung
181
An zu beben. Ueber dem Antlitz der schauernden Erde
182
Rüsten Stürme sich, wirbeln und heulen in hangenden Klüften.
183
Und es schwankte das Kreuz. Der Gottmensch stand bei dem Kreuze.
184
Adam sah ihn und hielt sich nicht mehr. Mit glühender Wange,
185
Mit hinfliegendem Haar, mit offenen bebenden Armen
186
Eilt' er hervor zu dem äußersten Hange des Bergs, sank nieder.
187
Als er hinsank, flammte der Himmel im schauenden Auge
188
Deß, der nicht mehr ein Sterblicher war. Er weinte vor Wonne.
189
Wonn' und ewiges Leben und Schauer und Wehmuth und Staunen
190
Ueberströmten sein Herz. Des vollen Herzens Empfindung
191
Wurd' itzt Stimme; da betete Adam. Die Kreise der Engel
192
Hörten des Betenden Stimme. Er blickt auf die Gräber und saget:
193
»nein, der Seraph nennt Dich nicht aus! Die Unsterblichen weinen,
194
Wenn sie, in Deine Liebe vertieft, die tausendmal tausend
195
Herrlichkeiten zu nennen beginnen und betend verstummen!
196
Ach, ich nenne Dich Sohn und verstumm' und weine mit ihnen!
197
Jesus Christus, mein Sohn! Mein Sohn, wo wend' ich mich hin? wo,
198
Daß ich dies unnennbare Heil, die Wehmuth ertrage?
199
Jesus Christus, mein Sohn! O, die Ihr früher als ich wart,
200
Aber nicht früher als er, schaut, Engel, auf ihn herunter,
201
Schaut herunter! Er ist mein Sohn! Dich segn' ich, o Erde!
202
Dich, o Staub, aus dem ich gemacht ward! O Wonne, Du volle
203
Ewige Wonne, die ganz die Begier des Unsterblichen ausfüllt!
204
O, der große, der tiefe, der himmelvolle Gedanke,
205
Dein Gedanke, Jehovah: Du schufst! da schufst Du auch Adam,
206
Adam aus Staube, damit er der Vater des Ewigen würde!
207
Steh hier still, unsterbliche Seele, durchschaue die Tiefe,
208
Diese weite Tiefe der Wonne! Was sind, o Ihr Himmel,
209
Diese vor Augenblicke, die jetzt die Unsterblichen leben!
210
Jeder ist göttlich, und jeder trägt auf dem eilenden Flügel
211
Ewigkeiten der Ruh, und die wird Adam durchleben!
212
Nun ist Dieser nicht mehr! nun Dieser! Erhabnere kommen
213
Immer näher, noch näher! O, Eure Stimmen, Ihr Himmel,
214
Gebet mir Eure Stimmen, daß ich's durch die Schöpfungen alle
215
Laut ausrufe: Das Opfer steht an dem Schatten des Todes!
216
Mache Dich auf, erhebe Dein Haupt, komm, stehe vom Staub auf,
217
Menschengeschlecht, und schmücke Dich schön mit betenden Thränen!
218
Denn der Allerheiligste steht an dem offenen Grabe.
219
Meine Kinder, ach, meine Kinder, Ihr seid die Geliebten!
220
Euch versöhnet er! Kommt zu dem Sterbenden, Kinder von Adam!
221
Wer im Palast mit Golde bedeckt wohnt, lege die Krone
222
Nieder und komm'! Ihr, die sich mit Erdehütten beschatten,
223
Laßt die niedrigen Hütten und kommt! Ach, aber sie hören
224
Meine Stimme, die Stimme des Liebenden, nicht. Ihr Verwesten,
225
Welche die Gräber und das Gericht mit Tode bedecken,
226
Höret sie auch nicht! Du bist, der Du Dich opferst, auf ewig
227
Bist Du Erbarmer! Vollender, Du gnadevoller Erdulder,
228
Siehe, Du wirst es vollenden! Und nun – unaussprechliche Wehmuth
229
Ueberfällt mich und dringt in jede Tiefe der Seele –
230
Nun, nun gehet er hin! O, stärke mich Endlichen, stärke
231
Mich, den Ersten der Sünder, und der die Verwesung gesehn hat,
232
Du, der ihn in dem Tode verläßt, Weltrichter Jehovah!«
233
Adam rief so. Indem trat, Dessen Namen die Himmel
234
Ewig nennen, nah an das Kreuz, hub seine Hand auf,
235
Hielt sie vor sein Antlitz und neigte sich tief und sagte,
236
Was kein Seraph vernahm und kein Erschaffner verstünde.
237
Aber von dem Thron des Gerichts antwortet Jehovah.
238
Von der Antwort klangen des Allerheiligsten Tiefen,
239
Und es bebte des Richtenden Thron. Die Kreuziger nahten
240
Sich dem Versöhner. Da betraten die wandelnden Welten
241
Mit weitwehendem Rauschen des Kreislaufs Stätten, von denen
242
Jesus' Tod sie verkündigen sollten. Sie standen. Die Pole
243
Donnerten sanfter herab und verstummten. Die stehende Schöpfung
244
Schwieg und zeigt' in den Himmeln umher die Stunden des Opfers.
245
Auch Du standest, der Sünder Welt und der Gräber! Das Grabmal
246
Dessen, der bluten sollte, mit Dir! Nun schauten mit allen
247
Ihren Unsterblichkeiten die Engel. Es schaute Jehovah,
248
Hielt die Erde, die vor ihm sank, es schaute Jehovah,
249
Siehe, der war und sein wird, auf Jesus Christus herunter;
250
Und sie kreuzigten ihn. Die Du unsterblich wie sie bist,
251
Welch' ihn sahen, o Du, die seine Wunden auch sehn wird,
252
Neige Dich tief an das unterste Kreuz, umfass' es, verhülle
253
Dich, o Seele, bis Dir die bebende Stimme zurückkömmt!
254
Als ob über der Schöpfung umher allmächtig der Tod läg',
255
Und in den Welten allen nur stille Verwesungen schliefen,
256
Nun kein Lebender auf der Verwesenden Staube mehr stünde:
257
So mit feirlicher, todter Stille schauten die Engel
258
Und die Väter auf Dich, Gekreuzigter! Aber sein Leben,
259
Da sein unsterbliches Leben begann, mit dem stärksten der Tode
260
Nun zu ringen, und nun sein erstes Blut floß: Stimme
261
Wurde da das Erstaunen der Engel. Sie jauchzeten, weinten,
262
Und es hallten die Himmel von neuen Anbetungen wider.
263
Nun noch einmal und nun noch einmal blicket' Eloa
264
Nach dem Blutenden nieder, und dann mit einer Erhebung,
265
Wie ihn noch nie ein Unsterblicher sah, mit lautem Erstaunen
266
Schwung er sich in die Himmel der Himmel und rufte – so tönen
267
Eilende Stern' im kreisenden Lauf – er rufte: »Sein Blut fließt!«
268
Flog in der Tiefe des Unermeßlichen, rufte: »Sein Blut fließt!«
269
Schwebete dann mit stiller Bewundrung herauf zu der Erde.
270
Als er durch die Schöpfung einherkam, sah er die Engel
271
Auf den Sonnen, die ersten der Cherubim an den Altären
272
Stehen. Sie standen feirend, und von den goldnen Altären
273
Flammten Morgenröthen hinauf zu des Richtenden Throne.
274
Rings umher in der ganzen Schöpfung flammten die Opfer,
275
Bilder des blutenden Opfers am Kreuz: ein himmlischer Anblick!
276
Also sahen die Aeltesten einst des gottgewählten
277
Und lautzeugenden Volks auf Sina die Herrlichkeit Gottes.
278
Oder so hub sich, dem heiligen Volk den Weg zu gebieten,
279
Von der Hütte, worin Dein Allerheiligstes ruhte,
280
Offenbarter, die Flammensäul' in donnernde Wolken.
281
Aber der Gottmensch blutet. Er schaut' auf Juda hernieder,
282
Das von Jerusalem an bis nah zu dem Kreuze gedrängt stand.
283
Sieh, er neigte sich hin und rief herab von dem Hügel:
284
»vater! sie wissen es nicht, was sie thun. Erbarme Dich ihrer!«
285
Stille Bewundrungen wandelten Dir, Du Stimme der Liebe,
286
Durch die Heere der Schauenden nach. Die huben ihr Antlitz
287
Zu dem Blutenden auf und sahn die Blässe des Todes,
288
Deine, Du tödtlichster unter den Toden, über ihn strömen.
289
Dieses nur sah der Sterblichen Auge; der großen Gestorbnen
290
Seelenvolleres sah geheimere Dinge: sein Leben,
291
Wie es rang, sein Leben, von keinem Tode zu tödten,
292
Hätte Gott den Tod nicht gesandt; wie allmächtige Schauer
293
Durch den Sterbenden schütterten; wie er, verlassen vom Vater,
294
Hing an dem hohen Kreuz; zu welchem Heile sein Blut floß;
295
Welche Versöhnung dies Blut aus diesen Wunden herabquoll.
296
Sieh, er hub sein Auge gen Himmel, suchte nach Ruhe.
297
Aber er fand nicht Ruhe; mit jedem fliegenden Winke
299
Unterweilen war der Unsterblichen einer, durch kurzes
300
Hinschaun, in den Gefilden des heut kaum irdischen Frühlings,
301
Schöpfend aus diesem Quell ein wenig linderndes Labsal.
302
Mit dem Versöhner waren zween Verbrecher gekreuzigt;
303
Denn zu dieser Tiefe beschloß des Ewigen Rathschluß
304
Und sein eigener, ihn zu erniedrigen. Einer der Mörder
305
Hing zu der Rechten ihm, und zu der Linken der andre. Der eine
306
War ein versteinerter Sünder, ein graugewordner Verbrecher.
307
Dieser kehrte sein finstres, entstelltes Gesicht zu dem Mittler:
308
»christus wärst Du? Ha, wärest Du's, hülfst Du uns, hülfest Dir selber!
309
Stiegest von diesem Baum herunter, den Gott verflucht hat!«
310
Aber der andre Verbrecher, ein Jüngling, verführt in der Blüthe,
311
Böses Herzens nicht, doch hingerissen zur Sünde,
312
Rang aus seinem Elend sich auf und strafte den Andern:
313
»und auch Du, dem Tode so nah, so nah dem Gerichte –
314
Denn das sind wir – Du fürchtest auch jetzo Gott nicht! Wir leiden
315
Zwar mit Recht, was wir leiden, den Lohn von dem, so wir thaten;
316
Aber Dieser (er winkt auf Jesus) hat nichts verbrochen.«
317
Und nun kehrt er sich ganz zu dem Gottversöhner und strebet
318
Gegen ihn tief sich hinzuneigen. Ihm fließen die Wunden
319
Blutiger, als er es thut; allein er achtet des Bluts nicht,
320
Nicht der offneren Wunden. Er neigt zum Versöhner sich nieder,
321
Rufet: »Ach, Herr, wenn Du zu Deiner Herrlichkeit eingehst,
322
Dann erinnre Dich meiner!« Mit göttlichstrahlendem Lächeln
323
Sah dem erschütterten Sünder der sterbende Mittler ins Antlitz:
324
»heut, ich sag' es Dir, wirst Du im Paradiese mit mir sein!«
325
Jener vernahm mit heiligem Schauer die Worte des Lebens;
326
Ganz empfand er sie, ganz war seine Seele durchdrungen,
327
Und vor Seligkeit zittert er laut. Er wendet sein Auge
328
Nun nicht mehr von dem Göttlichen weg. Nach ihm nun ist es,
329
Stets nach dem Menschenfreunde mit thränendem Blicke gerichtet,
330
Und so brach es zuletzt. Itzt, da sein Leben noch athmet,
331
Spricht er in sich gebrochene Worte, des ewigen Lebens
332
Dunkles Gefühl; er denkt: »Wer war ich? wer bin ich geworden?
333
Dieses Elend zuvor, und nun die Wonne, dies Beben,
334
Dieser Seligkeit süßes Gefühl! Wer bin ich geworden?
335
Wer ist Der an dem Kreuze bei mir? Ein frommer, gerechter,
336
Heiliger Mensch? Viel mehr, viel mehr! des ewigen Vaters
337
Sohn! der gottgesandte Messias! Sein Reich ist erhabner,
338
Herrlicher, weit von der Erde, weit! Das ist er, Ihr Engel!
339
Aber wie tief erniedrigt er sich! zu diesem Tode
340
Und noch tiefer, zu mir! Zwar dies erforschet mein Geist nicht;
341
Aber er hat mich von Neuem erschaffen. Jetzt, da dem Tod ich
342
Unterliege, da schuf er mich neu. So sei denn auf ewig
343
Angebetet von mir, obwol ich Dich nicht begreife!
344
Du bist göttlich und mehr, mehr als der erste der Engel;
345
Denn ein Engel konnte mich so von Neuem nicht schaffen,
346
Konnte mir meine Seele zu Gott so hoch nicht erheben!
347
Göttlich, ja, das bist Du, und Dein, Dein bin ich auf ewig!«
348
Also dacht' er und sank in entzücktes Staunen. Wohin er
349
Blickt, vom Himmel herab, herauf von der liegenden Erde,
350
Lächelt ihm Alles. Auf ihn war Gottes Ruhe gekommen.
351
Und ein Wink des Versöhners beschied der Seraphim einen.
352
Dieser verließ mit Eile den Kreis, der um Golgatha glänzte,
353
Stand dann unten am Kreuze. Des göttlichen Winkes Befehl war:
354
»seraph, bringe Du diesen Erlösten zu mir, wenn er todt ist!«
355
Und er eilte zurück und kam zu dem Kreise der Engel.
356
Abdiel war's, der Unüberwundne. Die Pforte der Hölle
357
Hütete jetzt auf Gottes Befehl ein Engel des Todes.
358
Schnell umgeben ihn Schaaren der anderen Engel und fragen;
359
Abdiel sprach: »Mit Entzückung empfing ich die hohen Befehle,
360
Jenen erlösten Sünder nach seinem Tode zum Mittler
361
Hinzuführen. Dieser Gedanke durchströmt mich; je mehr ich
362
Ihn entfalte, je mehr werd' ich von Seligkeit trunken.
363
Einen geretteten Sünder, und selbst in den Stunden gerettet,
364
Da das Opfer für das Geschlecht der Sterblichen blutet,
365
Diese Seele, so rein nun, so hell in Blute gewaschen,
366
Diese dem Ewigen wiedergegebne, zu dem Versöhner
367
Hinzuführen. O, segnet zu dieser Wonne mich, Engel!«
368
Also verlor sich die Stimme des seliggepriesenen Seraphs.
369
Uriel aber, der Engel der Sonne, hatte schon lange,
370
Fortzueilen bereit, auf den Höhn der Gebirge gestanden.
371
Endlich war gekommen die Zeit, den Befehl, den er hatte,
372
Auszuführen. Er machte sich auf, er allein durch die Himmel.
373
Lichthell schwebt er empor, den Stern, zu welchem ihn Gott schickt,
374
Vor die Sonne zu führen, damit Dein Leben, Versöhner,
375
Unter fürchterlicheren Hüllen, als Hüllen der Nacht sind,
376
Blute. Schon stand hoch über des Sternes Wende der Seraph.
377
Diesen Stern umschweben die Seelen, eh die Geburt sie
378
Sendet in das große, doch sterbliche Leben der Prüfung.
379
Uriel blickt' auf die Seelen der künftigen Menschengeschlechte
380
Nieder und nannte den Stern bei seinem unsterblichen Namen.
381
»adamida, der Dich in dieses Unendliche streute,
382
Sieh, er gebeut's! erheb aus Deinem Kreise Dich seitwärts
383
Gegen die Sonne! dann fleuch und werde der Sonne zur Hülle!«
384
Und die Himmlischen hörten umher die gebietende Stimme.
385
Da sie in den Gebirgen des Adamida verhallt war,
386
Wendet' herüberschauernd der Stern die donnernden Pole.
387
Und die stehende Schöpfung erscholl, da mit schreckendem Eilen
388
Adamida mit stürzenden Stürmen, rufenden Wolken,
389
Fallenden Bergen, gehobenem Meer, gesendet von Gott, flog.
390
Uriel stand auf der Wende des Sterns und hörte den Stern nicht;
391
So in Tiefsinn verloren betrachtet' er Golgatha. Donnernd
392
Eilte der fliegende Stern. Itzt war er in Deine Gebiete,
393
Sonne, gekommen; itzt naht' er sich Dir. Es erstaunten beim Anblick
394
Dieser neuen Sonne die sanften menschlichen Seelen
395
Und erhuben sich über des Sterns hocheilende Wolken.
396
Adamida erreicht die Sonne. Nun wandelt er. Langsam
397
Tritt er vor ihr Antlitz und trinkt die äußersten Strahlen.
398
Aber die Erde ward still vor der sinkenden Dämmrung. Die Dämmrung
399
Wurde dunkler, stiller die Erde. Schatten mit bleichem
400
Schimmer, ängstliche trübe Schatten beströmten die Erde.
401
Stumm entflogen die Vögel des Himmels in tiefere Haine;
402
Bis zu dem Wurme verschlichen bestürzt die Thiere der Felder
403
Sich in die einsame Kluft. Die Lüfte rauschten nicht: todte
404
Stille herrschte. Der Mensch sah schwer aufathmend gen Himmel.
405
Jetzo wurd' es noch dunkler, und nun wie Nächte. Der Stern stand,
406
Hatte die Sonne verlöscht. In fürchterlich sichtbare Nächte
407
Lagen gehüllt die weiten Gefilde der Erd' und schwiegen.
408
Aber am hohen Kreuz hing Jesus Christus herunter
409
In die Nacht, und es rann mit des Duldenden Blute des Todes
410
Schweiß. Die Erde lag in ihrer Betäubung. Betäubter
411
Bleibet der Freund nicht am Grabe des frühentfliehenden Freundes
412
Oder, wer große Thaten versteht, an dem Marmor des edlen
413
Patrioten, der Tugenden nachließ. Starrer Geberde
414
Hängt er über der heiligen Trümmer und weint nicht. Auf einmal
415
Faßt ihn mit anderem Wüthen der Schmerz, erschüttert ihn. Also
416
Lag die Erde betäubt, so bebte sie auf. Der bewegte
417
Golgatha schauerte jetzo mit ihr bis zum obersten Kreuze.
418
Und des Geopferten Wunden ergießen das ewige Leben
419
Strömender, da das umnachtete Kreuz mit Golgatha's Höhn bebt.
420
Fürchterlich überschattet die Nacht den Hügel des Todes
421
Und den Tempel und Dich, Jerusalem. Selber die Engel
422
Sehn ihr reineres Licht wie in Abenddämmrung erblassen.
423
Und es strömte sein Blut. Nun stand das Volk vor Entsetzen
424
Eingewurzelt und sah mit wildem Blick zu dem Kreuz auf.
425
Furchtbar strömte das Blut der Versöhnung. Es kam nun, sein Blut kam
426
Ueber ihre Kinder und sie. Sie wollen ihr Antlitz
427
Wenden; allein stets richten's allmächtige Schrecken zum Kreuz hin.
428
Aber Uriel hatte noch einen Befehl zu vollenden.
429
Und er stieg von dem Pole des stehenden Adamida
430
Zu den Seelen herab. Die sahn den Himmlischen kommen.
431
Denn auch sie schon waren in Leiber menschlicher Bildung
432
Wie in luftige Düfte gehüllt, die der Abendschimmer
433
Röthet. Uriel sprach: »Ich führ' Euch, folgt mir; Ihr kennt uns,
434
Daß wir zu Euch von dem großen Unendlichen kommen. Er sendet
435
Euch zu jener Erde, die Euer Schatten verhüllt hat.
436
Sieh, Ihr werdet ihn sehn! Sein großer, göttlicher Name
437
Heißet: Des Ewigen Sohn! Allein vor Eurem Gesicht hängt
438
Diese Nacht, Ihr kennt ihn noch nicht. Doch wird in der Ferne
439
Eine Dämmerung himmlischer Wonne vor Euch sich eröffnen.
440
Kommt, Glückselige, kommt, zu dieser Wonne Geschaffne!
441
Schaut die Himmel umher, mit welchem Staunen sie feiren!
442
Aller Kniee beugen sich Dir! Dir sinken die Kronen
443
Alle! Dir schufest Du, Dir versöhnst Du die ewigen Seelen!«
444
Und nun flog er den führenden Flug. Ihn umgaben die Seelen.
445
Wie wenn ein Weiser in Tiefsinn und seiner Unsterblichkeit werther,
446
Von den Uneinsamen fern, mit des Mondes Düften zum Walde
447
Wandelt und nun, geführt an der Hand der frommen Entzückung,
448
Dich, Unendlicher, denkt; wie ihm dann zu tausenden neue,
449
Bessere, große Gedanken die glühende Stirne voll Wonne
450
Schnell umschweben: so eilet, umringt von den Seelen, der Seraph.
451
Diese näherten sich der liegenden Erde. Die Väter
452
Sahn die zahllose Schaar in hohen, dämmernden Wolken
453
Kommen, ein feirlicher Zug von den Erstgebornen der Schöpfung,
454
Denkende Wesen, verehrungswürdige Kinder des Lebens,
455
Tausendmal tausend Schaaren Unsterblicher. Freudig, mit Wehmuth,
456
Jetzt das erste Mal, wandte vom Kreuz die Mutter der Menschen
457
Ihr aufschauendes Antlitz. Es kamen die Kinder, sie kamen!
458
All' ungeborne Jahrhunderte kamen! Die liebende Mutter
459
Stützt auf die bebende Linke sich, zeigt mit der Rechte der Menschen
460
Vater die Kinder, die Christen, und ruft; doch heftet ans Kreuz sich
461
Wieder ihr Blick, ans blutige Kreuz, da sie red'te: »Sie sind es,
462
Vater meiner Unsterblichen, sieh, die Kinder, sie sind es!
463
Welche Namen nennen Dich aus, Du, der für sie blutet!
464
Welch Hosianna vermag den Wundenvollen zu singen!
465
Wäret Ihr schon, Ihr Kinder des Heils, Ihr Christen, geboren!
466
Führten Euch tausend und tausend und wieder tausend entzückte
467
Weinende Mütter zum Kreuz! und kenntet Ihr schon der Gebornen
468
Heiligsten, ihn, der zu Bethlem die frühe Menschlichkeit weinte!
469
Doch sie werden ihn kennen, sie werden, Adam, den Mittler
470
Unseres Bundes, den liebenden Sohn, den Göttlichen kennen!
471
Ach, wie in Sturm gebrochen, die Purpurblume dahinsinkt,
472
Also werden von Euch die Geliebteren vor der Erwürger
473
Schwerte sinken und, wenn sie sinken, dem Tode noch lächeln.
474
Eure Mutter segnet Euch zu! Ihr seid die erkornen
475
Höheren Zeugen des größten der Todten! Der sinkenden Wange
476
Blässe, der brechende Blick strahlt himmlisch herüber! sie schimmern,
477
Eure Wunden! Ihr röchelt, Märtyrer, Lieder der Wonne!«
478
Aber der Mittler erhub sein Aug' und sahe die Seelen.
479
Mit dem Blicke zerrann auf jedes Himmlischen Wange
480
Eine Thräne des ewigen Lebens. Denn Jesus Christus
481
Schaute mit einem Blicke der gottversöhnenden Liebe,
482
Jener, mit welcher er bis zum Tod an dem Kreuze jetzt liebte,
483
Zu den Seelen empor. Die Seelen schauerten Wonne.
484
Auf die Wange des Sterbenden kam noch die Farbe des Lebens
485
Schnell wie Winke zurück, geschwinder als Winke zu fliehen.
486
Aber itzt kam sie nicht mehr. Die todesvollere Wange
487
Senkte sich sichtbar. Sein Haupt, von dem Weltgerichte belastet,
488
Hing zum Herzen. Er hub's arbeitend empor gen Himmel;
489
Aber es sank zu dem Herzen zurück. Der hangende Himmel
490
Wölbt sich um Golgatha, wie um Verwesungen Todtengewölbe,
491
Graunvoll, fürchterlich, stumm. Der Wolken nächtlichste schwebte
492
Ueber dem Kreuz, hing weitverbreitet herab, an der Wolke
493
Feirliche Todesstille, die selbst den Unsterblichen Graun war.
494
Ein Gedanke, so war sie nicht mehr. Von keinem gelindern
495
Schalle nicht angekündet, zerriß ein Getöse, das aufstieg,
496
Laut die Erde; da bebte der Todten Gebein, da bebte
497
Bis zu der Zinne der Tempel. Das war ein Bote des Sturmwinds.
498
Und der Sturmwind kam und braust' in den Cedern, die Cedern
499
Stürzten dahin; er braust' auf der stolzen Jerusalem Thürme,
500
Und sie zitterten ihm. Der war ein Bote des Donners.
501
Fürchterlich schlug in das Meer des Todes der Schlag, und die Wasser
502
Fuhren schäumend empor, und die Erd' und der Himmel erschollen.
503
Als Eloa das sah, da hatt' er den großen Gedanken;
504
Hatt' ihn nicht nur, er schuf ihn zu That. Von Antlitz zu Antlitz
505
Wollt' er Den, der Gericht hielt, sehn, Jehovah im Dunkeln,
506
In der furchtbaren Herrlichkeit, Gott. Er betete dreimal
507
Gegen Dich, Geopferter, an und erhob sich gen Himmel.
508
Jetzo naht' er den Sonnen und kannte den himmlischen Weg kaum,
509
So durchströmet' ihn Trübes wie Dämmerung. Sieben Sonnen
510
Vom Eingange begegneten ihm zween Engel des Todes
511
Mit verhülltem Gesicht. Er schwebt' erstaunend vorüber.
512
Aber mit starrem Fuße stand auf der Erde die Stille
513
Wieder. Es schaute von Neuem das Menschengeschlecht, Gestorbne,
514
Ungeborene, Sterbliche, sprachlos auf den Versöhner.
515
Aber die erste Gebärerin blickt' am Wehmuthsvollsten
516
Auf den Sohn, den Versöhner, der sichtbar den langsamen Tod starb.
517
Wenn von dem Anschauen ihr Aug' in trübender Wehmuth
518
Dunkel nun ward, ihr Blick mit Dämmrungen kämpfte, so sank er
519
Nieder dann auf Eine der Sterblichen, Eine vor Allen,
520
Die mit hangendem Haupt, auf wankenden Füßen, mit bangem
521
Jammerbleichen Gesicht, mit niederstarrendem Auge,
522
Leer der Thränen – noch wurd' ihr nicht die lindernde Thräne –
523
Unbeweglich und stumm – der Tod verstummt so – am Kreuze
524
Stand. »Sie ist es, sie ist des großen Geborenen Mutter!«
525
Dachte schnell die erste der Mütter. »Mir sagt's Dein Jammer!
526
Siehe, Du bist Maria! Das fühlet' ich, als am Altar lag
527
Abel im Blut! Das fühlest Du! bist des Sterbenden Mutter!«
528
Also hing sie mit liebendem Blick an Maria. Sie hätt' ihn
529
Noch von der Dulderin nicht, der theuren Tochter, gewendet,
530
Wären vom Aufgang her mit ernstem feirlichen Fluge
531
Nicht zween Todesengel gekommen. Sie kamen, schwiegen,
532
Schwebten langsam. Ihr Blick war Flamme, Verderben ihr Antlitz,
533
Nacht ihr Gewand. So schwebten sie langsam gegen des Kreuzes
534
Hügel her. Sie hatte vom Thron der Richter gesendet.
535
Fürchterlich kamen sie näher zum Kreuz herüber. Da sanken
536
Tiefer zur Erd' hinab der Väter Seelen. So ferne
537
Sich ein Unsterblicher kann in Gedanken vom Grabe verlieren,
538
Nahten sie sich der Sterblichkeit Grenzen, und Bilder des Todes
539
Strömten um sie, das Graun der erdebegrabnen Verwesung
540
Um die Unsterblichen! Da die Todesengel am Hügel
541
Standen und nun von Antlitz zu Antlitz den Sterbenden sahen,
542
Wandten sie, Der zu der Rechten und Der zu der Linken erhoben,
543
Jeder den tönenden Flug, und ernst und todweissagend
544
Flogen sie siebenmal so um das Kreuz. Zween Flügel bedeckten
545
Ihren Fuß, zween bebende Flügel das Antlitz, mit zweenen
546
Flogen sie. Von diesen, indem sie sich breiteten, rauschte
547
Todeston. So ertönt's dem Menschenfreunde vom Schlachtfeld,
548
Wenn zu Tausenden schon in ihrem Blut die Erschlagnen
549
Liegen. Er flieht gewendet; indem verröchelt noch Einer,
550
Dann noch Einer, und nun der einsame Letzte sein Leben.
551
Schrecken Gottes lagen auf ihren Flügeln verbreitet,
552
Schrecken Gottes rauschten herab, da die Furchtbaren flogen.
553
Und sie flogen das siebente Mal. Der Sterbende richtet
554
Müde sein Haupt auf, blickt den Todesengeln ins Antlitz,
555
Blickt gen Himmel, dann ruft mit unhörbarer Stimm' aus der Tiefe
556
Seine Seele: »Laß ab, den Wundenvollen zu schrecken!
557
Ihrer Flügel Schlag und diesen Ton des Entsetzens
558
Kenn' ich! laß ab, Weltrichter!« Er ruft's und blutet. Jetzt wandten
559
Ihren wehenden Flug die Todesengel gen Himmel,
560
Ließen trübere Wehmuth den Schauenden, bangeren Tiefsinn,
561
Stummer Erstaunen zurück, Erstaunen über die Gottheit;
562
Denn es hing die Hülle des Ewigen vor dem Geheimniß
563
Unbeweglich. Mit starrendem Blick, auf die Gräber gerichtet,
564
Auf einander, gen Himmel, doch immer wieder zu Dem hin,
565
Welcher in seinem Blut von dem Kreuz herab in die Nacht hing,
566
Standen die Schauenden. So unzählbar sie standen, so war doch
567
Unter allen Augen voll Wehmuth kein Auge, wie Deins war,
568
Kein Unsterblicher so in heiße Schmerzen zerflossen
569
Als Du, Mutter des Menschengeschlechts, der Todten Mutter!
570
Siehe, sie senkt ihr entschimmertes Haupt zu der Erde, dem Grabe
571
Ihrer Kinder, und breitet die hohen Arme gen Himmel.
572
Nun berührt der Traurenden Stirne den Staub, nun falten
573
Vor der umnachteten Stirn die gerungnen Hände sich bang zu.
574
Halb erhebt sie sich, sinket wieder, erhebet sich, blicket
575
Starr umher. Es dämmert um sie. Sie ist bei Gebeinen,
576
Irgendwo unter Todtengebeinen; zwar drüben am Grabe,
577
Aber am Grabe doch! Endlich begann die gebrochnere Stimme,
578
Und der Unsterblichen Harmonieen zerflossen in Seufzer.
579
»darf ich Sohn Dich nennen, noch Sohn Dich nennen? O, wende,
580
Wende nicht weg Dein Auge, das bricht! Du vergabst mir, Versöhner,
581
Mein Versöhner und der Gebornen! Die Himmel erschollen,
582
Und der Thron des Ewigen klang von der Stimme der Liebe,
583
Die der Verbrecherin Leben gebot, unsterbliches Leben.
584
Aber Du stirbst! jetzt stirbst Du! Zwar ist es ewige Gnade,
585
Die mich lossprach; aber Du stirbst! Er dringt wie ein Wetter
586
Gegen mich an, der Gedanke voll Nacht! die Unsterblichkeit stürzt er
587
Auf die Gräber zurück! Laß Dir mich, Göttlicher, weinen!
588
Zwar bist Du für Thränen zu groß; doch laß mich Dir weinen!
589
Sieh ich durste nach Ruh! vergieb, vergieb auch die Thränen,
590
Du Versöhner, Du Opfer, des Todes Opfer, mein Mittler,
591
Wundenvoller, Geliebter, o Du, Geliebter, Du Liebe,
592
Du verzeihest! Verzeihet Ihr auch, zu dem Tode Geborne,
593
Ihr, die Eva gebar? Wenn mir ihr Röcheln, ihr letzter
594
Starrender Blick mir flucht, so segne Du mich, Erwürgter!
595
Fluchet der Todten nicht, Kinder! Um Euch durchweint' ich mein Leben;
596
Da mein Herz brach, weint' ich um Euch, und Thränen verwesten
597
Mit der Verwesenden! Bricht nun Euer Herz auch, Kinder,
598
Nun im Tode, so strömt aus seinen Wunden Euch Labsal,
599
Wonne des besseren Lebens Euch zu! Ihr sterbt nicht, Ihr schlummert
600
Nur zu dem Gottversöhner hinauf! Dann glänzen die Wunden,
601
Die jetzt bluten, die Wunden des Unerschaffnen, der todt war.
602
Fluchet der Mutter nicht, Kinder! Ihr seid unsterblich, und
603
Jesus Christus ist auch mein Sohn! Ach aber, Geliebter,
604
Du, der Geliebten Geliebtester, Du – doch Dich nennet kein Nam' aus –
605
Siehe, Du stirbst! O, wär' die trübe, die bebende Stunde,
606
Wär' sie mit Flügeln des Lichts vorübergeflogen! Gedanke,
607
Grabgedanke, laß ab! Noch wird sie bleicher, noch sinket
608
Seine todte Wange! Die Wunden, noch schauern sie Blut aus!
609
Ach, sein göttliches Haupt, jetzt sank's noch tiefer herunter
610
In die Nacht! Dies Athmen, o Tod, ist Deine Stimme!
611
Ja, so röchelst Du, Tod! es ist Deine Stimme! Wo bin ich?
612
Aber er wendet sein Antlitz auf mich! Der Seraphim Jubel
613
Sing' es, daß er sein Angesicht wandte! Die Pforten der Himmel
614
Hallen es nach, daß der Gottversöhner noch einmal sein Antlitz
615
Auf die Mutter der Sterblichen wandte! Des ewigen Lebens
616
Ruh umschattet mich wieder. Ich hebe zum Schöpfer mein Aug' auf,
617
Strecke die heißgefalteten Hände zu Dem, der erwürgt wird,
618
Meine Kinder, und segn' Euch! In seinem Namen (ihn schließen
619
Himmel nicht ein; vor ihm hat das Unermeßliche Grenzen),
620
In des Heiligen Namen, des Wiederbringers der Unschuld,
621
In des Todtenerweckers, im Namen des Richters der Welten,
622
In des Sterbenden Namen, der zählt der Leidenden Thränen,
623
Und durch seinen blutigen Schweiß in Gethsemane, durch die
624
Vollen Wunden, dies Blut, das aus diesen Wunden herabquillt,
625
Durch dies hangende Haupt, die müden Augen voll Jammer,
626
Diese Stirne der Angst, die Todesmiene, dies Schauern,
627
Durch sein Rufen zum Richter, segn' ich Euch, Kinder, zum Tod ein!«