1
Wie dem sterbenden Weisen, indem des Todes Gefühl ihm
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Jede Nerve beschleicht, die festlichen Augenblicke
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Theurer werden als Tage vordem; denn der Richter gebietet
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Nun den letzten Gehorsam und Tugend, welche, geboren
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Noch aus brechendem Herzen, ihn auf erhabnere Stufen
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Seiner Vollendung erhebt; er zählt die bessern Minuten
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Tiefanbetend und krönt mit Thaten sie, Thaten der Seele,
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Die durch ewigen Lohn der schauende Richter begnadigt.
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Also wurden die Stunden des großen, mystischen Sabbaths
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Festlicher, schauervoller und Gott selbst theurer, je näher
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Zu dem Altare das Opfer trat, je mehr der Versöhner
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Eilte, zu bluten und: Werde! der neuen Schöpfung zu rufen
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Laut an dem Kreuz, in die Mitternacht sein blutendes Antlitz
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Dann zu neigen. Eloa, vom Werth der heiligen Stunden
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Hingerissen – sie waren ihm mehr als die jauchzenden Stunden
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Seiner frühen Geburt – so ergriffen, hüllt' er sein Antlitz
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Gegen Gabriel auf und sprach zu dem göttlichen Freunde:
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»sahst Du ihn leiden? Ich bebe noch. Gabriel, sahst Du ihn leiden?
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Keine Namen im Himmel und keine Sprache der Engel
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Nennt mir, was ich empfand. Du hast ihn selber gesehen.
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Und was wird er noch leiden! An jedem Augenblick hangen
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Ewigkeiten!« Er schwieg. Und Gabriel sprach: »Ich vertiefte
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Mich Jahrtausende schon, das künftige Wunder zu lernen,
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Dunkel es nur zu sehn, nicht auszuforschen; doch irrt' ich.
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Laß uns schweigen! Es ist rund um uns heilig. Zwar Gräber
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Liegen auch um uns her; doch werden dort Engel erwachen.
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Schlummert in Frieden! Aber, o sieh, wer drüben im Dunkeln
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Wild mit der Flamme sich naht. Euch sandte die Höll', Empörer!
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Welch ein niedriger Haufen! Allein der Schöpfer des Sandkorns
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Und der Sonnen, der Ewige, herrscht durch den Wurm und den Seraph!
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Und ihr Führer, ihr Führer! Eloa ... So wird er nicht wandeln,
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Wenn die Posaune den Staub aus jenen Hügeln hervorruft,
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Die vor dem Richter ihn deckten, so froh wirst dann Du nicht wandeln,
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Du Verräther!« Er sprach's. Der Haufen nahte sich wüthend,
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Trug die Flammen empor und irrte mit suchendem Auge
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Durchs Labyrinth der Bäum' und der Nacht. Ihn sahe der Gottmensch.
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Nun erhub sich die dunkelste Nacht, die über ihn herhing,
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Wolkicht empor, und als sie sich hub, entflossen ihr Schauer.
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Einer ergriff den Verräther. Er trotzte der mächtigen Warnung,
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Und so rüstet' er sich: »Wo ist er? Die Lieblinge sahn ihn,
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Wie sie sagen, auf Tabor in Himmelswolken gekleidet,
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Aber in Banden noch nicht! So sollen sie jetzo ihn sehen
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Und sich Hütten der Freude zu baun vergessen! Doch bebst Du,
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Schauerndes Herz! Kann Kühle der Nacht auch Männer erschüttern?
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Schweig, Empörer! bald ist es gethan! Dann will ich mir Hütten
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Nicht in Traume nur baun!« Er dacht's, und er eilte von Neuem.
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Als der Mittler die Kommenden sah, da betet' er also
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In sich selber: »Es ist weit, weit von den ewigen Höhen
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Bis zu diesen Sündern herunter. O Weg' in dem Staube,
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Die ich wandle! Ich will sie wandeln! Sie werden einst glänzen,
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Wenn in diesen Tiefen die Auferstehung erwacht ist,
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Und nun ganz das Gericht es enthüllet, warum sie Gott ging.«
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Judas Ischariot führte den Haufen. Der Priester Befehl war:
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Männer zu waffnen und Jesus bei seinen Gräbern zu suchen,
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Ihn zu binden und vor die Versammlung zu führen. Es kannte
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Judas den Ort des stillen Gebets und der nächtlichen Sorge
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Für die Menschen. Er hatte der Schaar ein Zeichen gegeben:
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»welchen ich küsse, Der ist es!« Allein noch erbarmt des Verräthers
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Sich die Nacht und läßt ihm noch nicht den entsetzlichen Kuß zu.
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Aber nicht lang', und es fiel mit ungeduldigem Grimme
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Auf die schlafenden Jünger die Schaar. Da ging der Erlöser
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Gegen die Sünder und sprach mit seiner Hoheit: »Wen sucht Ihr?«
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Sie ergrimmten und ruften und schwangen die bebenden Fackeln:
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»jesus, den Nazaräer!« Nun waren die übrigen Jünger
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Alle gekommen; nun schauten auf ihn die geflohenen Engel.
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Und mit göttlicher Ruh, als wenn er dem Wurme zu sterben,
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Oder dem kommenden Meere vor ihm zu schweigen geböte,
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Sprach er zur Schaar: »Ich bin's!« Sie ergriff des Sohnes Allmacht,
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Und sie sanken betäubt vor seiner Stimme danieder.
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Judas sank mit ihnen. So liegen im Felde des Treffens
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Todte; so wälzet sich unter den Todten der Grimmigsten einer,
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Wenn aus der stilleren Mitte der Schlacht der denkende Feldherr
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Um sich herum – ihm gebot es Gott – Verderben versendet.
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Aber itzt war die Betäubung vorüber; itzt hub der Verräther
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Von der Erde sich auf; nun war die schrecklichste Stunde
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Seiner Erschaffung und er ganz nah dem Gerichte gekommen.
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Ueber ihm rauscht' ein Todesengel mit nächtlichem Flügel.
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Voll verborgenes Grimms, mit aufgeheiterter Miene
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Trat er zu dem Messias und küßt' ihn! Er hatt' es vollendet!
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Und der Thaten schwärzeste schlich wie ein Schatten zur Hölle.
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Aber der Gottmensch sah dem Verräther mitleidig ins Antlitz:
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»judas! und Du verräthst durch einen Kuß den Messias?
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Ach, mein Freund, wärst Du nicht gekommen!« So sagte der Beste
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Unter den Menschen und gab sich der Schaar, sich binden zu lassen.
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Petrus sah es. Den Kühneren weckt der Anblick; er reißt sich
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Durch die Jünger hervor und verwundet im muthigen Angriff
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Einen der Schaar. Dem heilet der Menschenfreund die Wunde,
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Schaut auf Petrus herüber und sagt: »Sei ruhig, mein Jünger!
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Bät' ich meinen Vater um Schutz, es würden vom Himmel
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Mächtige Legionen erscheinen, dem Sohne zu dienen.
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Aber wie würden alsdann der Propheten Worte vollendet?«
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Und zu der Schaar, die ihn band: »Ihr seid gerüstet gekommen,
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Mich zu sahen, als wär' ich ein Mörder, der Wüthenden Einer,
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Die dem Tode bestimmt und durch der Unmenschlichkeit Thaten
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Ueber andere Sünder erhöht sind. Ich bin ja im Tempel
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Immer um Euch gewesen, hab' Euch die Wege des Lebens
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Und des Todes gelehrt; Ihr ließet ruhig mich lehren!
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Aber Eure Stund' ist gekommen, der Finsterniß Werke
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Auszuführen.« Er schwieg und war an dem Bache der Cedern.
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Unterdeß stand in dem hohen Palast die Versammlung der Priester,
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Wie auf Wogen der zweifelnden Hoffnung. Ihr sorgendes Murmeln
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Stieg von der Höh' des innersten Saals die Marmorgeländer
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Zum vielhörenden Ohr des fürchtenden Pöbels hinunter.
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Dieser staunte mit starrendem Blick, sprach von dem Propheten
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Zitterndes Lob und stammelnde Flüche, vergaß der Bewundrung
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Und der goldenen Leuchter, die flammend die Säulen umgaben.
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Aber die Priester besprachen sich unter einander: »Die Boten
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Kommen noch nicht! wo bleiben die Boten? Vielleicht, daß sie Judas
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Und den Haufen verfehlten? Vielleicht wird der schwarze Verräther
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Auch zum Verräther an uns? Ach, vielleicht verleitet, wie vormals,
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Durch Blendwerke des Schreckens der Nazaräer die Männer!«
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Also besprachen sie sich. Da kam ein Bote. Die Haare
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Flogen ihm, und die Wange war bleich; erkaltender Schweiß lief
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Ueber sein Antlitz; er rang die bebenden Hände. So sprach er:
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»hoherpriester! wir kamen dahin und fanden ihn endlich
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Ueber dem Bache, nicht fern von den Gräbern. Das Grauen der Gräber
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Schrecket' uns nicht; allein es hingen schwärzere Wolken,
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Als ein Mensch noch gesehn hat, am ganzen Himmel herunter.
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Und doch drangen die Männer hinein; ich blieb in der Fern' stehn.
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Aber ich sah den Propheten. Da liefen, ich kann's nicht erzählen,
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Wie es geschah, da liefen mir Schauer durch alle Gebeine!
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Doch sie erkannten ihn nicht, so nah er auch dastand, und drangen
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Auf die Männer um ihn. Da sprach er gewaltig: ›Wen sucht Ihr?‹
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Unsere Männer fürchteten nichts und ruften mit Grimme:
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›jesus, den Nazaräer!‹ Da sprach er – noch hör' ich's, noch sinken
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Alle Gebeine mir hin – er rief mit der Stimme des Todes
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Gegen uns her. ›Ich bin's!‹ So sprach die Stimme. Sie stürzten
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Auf ihr Angesicht hin! Sie liegen todt da; nur ich bin
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Ihm entronnen, damit ich die Todesbotschaft Euch brächte!«
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Und die Priester hörten des Schreckens Worte den Boten
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Sagen und standen entfärbt und blieben starr, wie ein Fels steht,
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Stehn. Nur Philo vermag, unüberwältigt vom Schrecken,
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Diese Worte zu zürnen: »Du bist sein Jünger, Verwegner!
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Oder Dich täuschte die bildende Nacht! Geöffnete Gräber
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Sandten Dir Schwindel und Todte. Die Todten sahst Du! die Männer,
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Welche wir sendeten, leben und fallen vor Worten nicht nieder!«
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Als er noch redete, kam ein anderer Bote: »Wir haben
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Viel gelitten; wir sind vor ihm zu der Erde gesunken;
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Denn sein Blick war entsetzlich, und Tod in des Redenden Stimme.
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Aber dennoch führen wir ihn gebunden. Er gab uns
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Selbst die Hände, sich binden zu lassen. Sie führen ihn bebend,
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Wissen nicht, ob sie von Neuem gebietende Worte des Schreckens
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Hören werden. Allein er geht mit geduldiger Stille
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Und ist schon in den Mauren Jerusalem's.« Also der Bote.
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Und der Dritte kam an und rief: »Gott segne die Väter!
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Aber so müssen sie Alle verderben, die wider Euch aufstehn,
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Alle Feinde des Herrn wie der Galiläer verderben!
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Denn wir führen gebunden ihn her mit Banden, die Worte
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Nicht auflösen, noch lächelnde Mienen. Ihn haben die Seinen
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Alle verlassen. Er naht dem Palast. Gott gebe sein Blut Euch«!
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Als der Wüthende schwieg, trat Satan in die Versammlung,
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Und die Freude der Hölle mit ihm. Sie fasset die Priester
153
Schwindelnd, umflattert ihr Auge mit Bildern quellender Wunden
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Und des bleichen kommenden Todes, umströmt mit der Stimme
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Seiner Qualen ihr Ohr. Er verstummt nun ewig, und über
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Seinem Gebein empor erhebt der Heiligen Fuß sich.
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Lang' ergriff sie der Taumel; allein noch blieb der Prophet aus.
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Und sie wütheten sehr und sandten das zweite Mal Boten.
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Philo ging mit den Männern. Es hatte die Schaar den Messias
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Auf dem Wege zu Hannas, dem Hohenpriester, geführet;
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Denn es war der Greis in der Nacht schwerduftenden Stunden
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Aufgestanden, zu sehn den Mann, der Juda verwirrte.
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Und Johannes folgte von fern. Der friedsame Schlummer
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War von dem Aug' ihm entflohn, der Wehmuth Kummer bedeckt' es,
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Deckte die bleichere Wange; zuletzt (er kannte den Priester,
166
Daß er kein Wüthrich wie Kaiphas war) bezwang er die Wehmuth
167
Seines Herzens, ging in den Richtsaal, sah den Messias,
168
Wie er vor Hannas stand. Der Hohepriester befragt' ihn:
169
»kaiphas wird Dich richten! O, wärst Du so schuldlos, als, was Du
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Thatest, ruchtbar ward, so würden die Völker der Erde,
171
Würde Abraham's Gott und seiner Kinder Dich segnen!
172
Sag nun selber, was hast Du gelehrt? was hast Du für Jünger?
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Lehrtest Du Moses' Gesetz? und thatst Du es? thaten's die Jünger?«
174
Hannas sprach's und bewunderte Jesus, der mit der Geberde
175
Eines Propheten vor ihm dastand, mit bescheiden Hoheit,
176
Unentheiligt vom Stolze. Der Gottmensch würdigt ihn, also
177
Ihm zu erwidern: »Ich lehrt' in dem Tempel, frei vor dem Volke,
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Frei vor den Lehrern im Volk. Du fragst mich; frage die Hörer!«
179
Als er noch sprach, drang Philo herein. Da fuhr die Versammlung
180
Ungestüm auf; da that ein Knecht, mit knechtischer Seele,
181
Eine That, die niedrig genug war, Unmenschlichkeiten
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Anzukündigen. Philo gebot, den Empörer zu nehmen
183
Und ihn entgegen zu führen dem Todesurtheil. Sie thaten's.
184
Als ihn Johannes in Philo's Gewalt sah, deckt' ihm des Todes
185
Blässe die Wang' und Dunkel sein Auge; da zittert' er, brach ihm
186
In der Wehmuth das Herz. Zuletzt, da er aus dem Palaste
187
Wankete, sieht er von fern die wehenden Fackeln: »Ich folge,
188
Nein, ich folge Dir nicht, ich bete Dir nach, o Du Bester
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Unter den Menschen! Doch ist in Gottes Rath es beschlossen,
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Mußt Du sterben, so laß, den meine Seele geliebt hat,
191
Den ich liebe mit viel mehr Liebe, wie Liebe der Brüder,
192
Laß mit Dir mich sterben, Du Heiligster! nur daß mein Auge
193
Nicht Dein brechendes Auge, nicht Deine Todesangst seh',
194
Ich des Verstummenden Segen, den letzten, letzten, nicht höre!
195
Würger, wo bin ich? Ist hier kein Retter? kein Retter auf Erden?
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Keiner im Himmel? und schlummert Ihr auch, die über ihm sangen,
197
Als sie dem Tode – Das dachtest Du nicht, Du liebende Mutter –
198
Diesem entsetzlichen Tod ihn gebar! Du allein bist Retter,
199
Du bist Helfer allein, o der Todten und Lebenden Helfer!
200
Vater der Menschen, erbarme Dich meiner und laß ihn nicht sterben,
201
Laß ihn nicht sterben, den Besten der Kinder Adam's! Den Priestern,
202
Gieb den grausamen Würgern ein Herz, das Menschlichkeit fühle!
203
Ach, ich seh' ihn nicht mehr! die hohen Flammen verschwinden!
204
Nun, nun richten sie ihn! Daß ihre grimmige Seele
205
Schaure beim Anblick der leidenden Tugend, sich einmal, nur einmal,
206
Einmal im Leben nur das Gericht, das kommen soll, denke!
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Doch wer wandelt im Dunkeln herauf? Ist es Petrus? vernahm er,
208
Wie sie zum Tod ihn verdammten? So schnell! Nun steht er! Wen sah ich?
209
Keines Fußtritt hör' ich nicht mehr! Wie ist es hier öde!
210
Wie so stumm die entsetzliche Nacht! Doch die Stille verliert sich.
211
Welche Mengen stürmen da her! Ach, sie eilen und reißen
212
Ihn in der deckenden Nacht zu dem Tode, damit ihn des Volkes
213
Menschlichkeit nicht errette, damit an rinnenden Steinen
214
Oder herunter am triefenden Schwert nur Engel sein Blut sehn!
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Ach, erbarme Dich meiner, erbarme Dich meiner und laß ihn,
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Vater des Mitleids und Deiner Erschaffenen, laß ihn nicht sterben!«
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Also dacht' er und sprach's mit gebrochnen Worten und wankte
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Gegen des Hohenpriesters Palast und blieb in der Nacht stehn.
219
Aber der Führer der Schaar, die Jesus begleitete, Philo,
220
Reißet sich wüthend voran, eilt in die Versammlung, und Alle
221
Sehn's an seinem Triumph und dem hohen flammenden Auge,
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Daß der Todtenerwecker gebunden und dicht am Palast sei.
223
Doch sie hatten nicht Zeit, daß sie Philo jauchzten. Der Gottmensch
224
Trat herein. Sie sahn den Kommenden, trauten dem Anblick
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Kaum die Wirklichkeit zu und bebten vor Wuth und Entzückung.
226
Aber er trat die Stufen herauf und stand vor dem Richtstuhl.
227
Alle Hoheit, sogar die Hoheit des sterblichen Weisen
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Leget' er ab und war nur ruhig, als säh' er den Abfall
229
Einer Quelle vor sich und dächte nur sanfte Gedanken,
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Nach erhabnern an Gott, die Augenblicke zu ruhen.
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Wenige leise Züge nur behielt er von seinem
232
Göttlichen Ernst. Doch konnte sie kein Engel nicht haben,
233
Rang er danach; allein auch nur ein Engel vermochte
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Dieser Göttlichkeit Mienen und ihren Geist zu bemerken.
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Also stand er. Philo und Kaiphas hefteten grimmig
236
Ihren Blick auf die Erde. Dem gab die Würde das Vorrecht,
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Erst zu reden, Jenem der Eifer. Noch schwiegen sie Beide.
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Aber es zog im Seitenpalast, von einsamen Lampen
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Halb durchdämmert, ein kreisender Gang sich hinüber zum Richtsaal.
240
Dort, an ein Marmorgeländer gebückt, stand unter den Frauen
241
Portia, jugendlich schön, das Weib Pilatus', des Römers.
242
Aber ihr Geist war nicht jung. Die Blume blühte, mit Früchten,
243
Wie die Mutter der Gracchen, die ausgearteten Römer
244
Zu bereichern; allein in dem ernsten Rathe der Wächter
245
War Rom's Untergang und kein Erretter beschlossen.
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Hingerissen von der Begier, den großen Propheten
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Endlich zu sehn, war, nur von wenigen Sklaven begleitet,
248
Portia eilend gekommen. Sie hatte diesmal die Würde
249
Einer herrschenden Römerin, jeden Zweifel der Hoheit
250
Leicht vergessen; es leitete sie des Ewigen Vorsicht.
251
Und sie stand und sah ihn, der Todte weckte, des Priesters
252
Muthigen Haß noch muthiger trug und entschlossen genug war,
253
Unter einem so niedrigen Volk unerkannt, unbewundert,
254
Groß zu handeln. Sie sah den erhabnen Mann mit Bewundrung,
255
Heiß von Erwartung und froh, daß mit dieser Ruh er vor seinen
256
Hassern und vor dem gezückten Schwerte des Todesurtheils
257
Dastand. Doch so kannt' ihn nicht Philo; es sagte der Heuchler:
258
»bringt ihn näher und bindet ihn fester. Doch, eh wir ihn richten,
259
Hebt auch heilige Hände zu Gott, daß er endlich sein Urtheil
260
Ausgesprochen und uns nicht länger durch Schweigen geprüft hat!
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Höre ferner der Deinen Gebet! So müssen sie Alle,
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Die sich empören, verderben, und Keiner müsse die Stätte,
263
Wo sie standen, bemerken, und Keiner ihrer gedenken,
264
Außer, wo bei entfleischtem Gebein der Getödteten Schädel
265
Liegen, und wo das Blut der Empörer der Hügel hinabtrank,
266
Daß er dampfte! Ja, Dank, Dank, laute festliche Wonne
267
Bei den Altären, und Israel soll
268
Du wirst bluten! Bis jetzt schloß Juda die Augen und sahe,
269
Hielt sein Ohr zu und hörte; doch ist der schwindelnde Taumel
270
Endlich vorübergerauscht. Sie sehen nun, hören, was da ist,
271
Den, so vor Abraham war, in der Todeskette! Zwar oftmals
272
Sahn sie ihn schon und warfen auf Augenblicke des Irrthums
273
Eiserne Bande von sich, mit freiem männlichen Arme
274
Heilige Steine zu fassen, den Lästerer Gottes zu tödten;
275
Aber sie wurden von Neuem getäuscht. Doch heut ist das Ende
276
Ihrer Verblendung und Deines Betrugs, Empörer, gekommen!
277
Wie auch in kleinen Haufen das Volk dastehet, so werden
278
Aus den Wenigen doch sehr Viele wider Dich zeugen,
279
Wenn wir sie rufen. Das wird der Hohepriester gebieten.
280
Aber ich klage Dich an, und ich nehme Juda zum Zeugen,
281
Erd' und Himmel zum Richter: Du bist ein Empörer! Du hast Dich
282
Selbst zum Gotte gemacht, Du, der in der Krippe geweint hat!
283
Schläfer wecktest Du auf und keine Todte! Doch Mütter,
284
Selbst die Mütter und Schwestern, die sahn ja die Sterbenden sterben!
285
Auf, Dich trifft nun die Reih'; erwecke Dich selbst! doch es werden
286
Männer in Tode Dich sehn. Der soll so leise nicht schlafen!
287
Lieg' dann bei den Erwürgten, die Gott verworfen hat! Schlaf' dort,
288
Dort den eisernen Schlaf, dort, wo die kommende Sonne
289
Und der wandelnde Mond den Dampf der Verwesungen auftrinkt,
290
Bis der Tod reift und von Gebeinen Golgatha weiß wird!
291
Also liege! ja, so! Und ist noch irgend ein größrer,
292
Heißerer Fluch, der siebenfältig Verwünschungen hinströmt,
293
Dem die Mitternacht aufhorcht, Grabheulen mit ausspricht,
294
Dieser treffe« ... Hier starrte die schwellende Lippe dem Lästrer,
295
Und sein Antlitz herunter ergoß sich Todesblässe.
296
Denn in dem Augenblicke der Nacht, in dem er der Flüche
297
Schrecklichsten auszusprechen begann, und umsonst das Gewissen
298
Ihm sich empört', ihn nun selbst nicht der Allmächtige schreckte,
299
Wandt' ein Todesengel – der war sein Engel – er wandte
300
Seinen Blick, den Verderber, auf Philo und trat vor den Sünder:
301
»o, der Fluch, den Du fluchest, der wird Dich selber ergreifen,
302
Du entsetzlicher Mann! Ich hebe mein Auge zu Gott auf,
303
Zu dem Vergelter mein flammendes Schwert und schwöre den Tod Dir!
304
Soll ich ihn jetzt, Allmächtiger, schlagen? Noch nicht! doch die dunkle,
305
Schwarze, blutende Stunde, die Todesstunde beflügelt
306
Ihren kommenden Schritt! Bald stehet sie da! Ich schwöre,
307
Wie ihn jemals ein Sterblicher starb, den furchtbarsten Tod Dir,
308
Du Verruchter, und ihn leer, leer der letzten Erbarmung,
310
Wenn um Dich die Mitternacht dann liegt, und des Todes
311
Stunde durch sie herwandelt und Dir mit dem Heulen Gomorra's
312
Furchtbar rufet, der Tod den großen Schlag gethan hat,
313
Und Dein Geist nun röchelnd entflieht: dann sollst Du mein Antlitz –
314
Dort bescheid' ich Dich hin – in dem Thal Benhinnon erblicken!«
315
Also droht' ihm der Todesengel und zog auf der Stirne
316
Zorn wie Wolken zusammen. Vom hohen treffenden Auge
317
Strömet' er Rache. Sein Haupthaar sank in Locken der Nacht gleich
318
Auf die Schultern; es stand sein Fuß wie ein ruhender Fels da!
319
Aber noch schlug der Verderber ihn nicht. Er ließ nur die Stimme
320
Seiner Schrecken, ließ den Todeston um sich rauschen.
321
Philo empfand des Unsterblichen Schrecken, wie Menschen empfinden,
322
Was Unsterbliche thun. Er fühlt' es im mächtigen Angriff
323
Schauervoller und schneller, als je ein Mensch es gefühlt hat.
324
Denn es war ein Schrecken von Gott. Noch entsank ihm das Leben,
325
Und noch zittert' er laut. Doch, was er noch athmete, waren
326
Flüche wider sich selber, daß ihn ein Schauer so täusche.
327
Und er kam zu sich selbst. Doch trafen die Schrecknisse Gottes
328
Noch sein Gebein und bebten ihm noch in dem innersten Marke.
329
Wie ein Wurm, der unter des Wanderers Fuße sich windet,
330
Krümmt' er sich auf und sagte: »Was ich mit Schweigen bedeckte –
331
Denn ich entsetzte mich sehr vor des Sünders Verbrechen – das Alles
332
Hüllet der Ausgang auf. Beschleunige Du ihn und richte,
333
Hoherpriester!« Er sprach's und starrt' und konnte nicht zürnen.
334
Aber die Stille ward stiller. Und Portia sah den Propheten,
335
Wie er gegen die Rede des Todfeinds dastand. Freude
336
Funkelt' ihr Blick, und ihr Herz schlug lauter, und hohe Gedanken
337
Strömten herauf in ihr Haupt. Ihr war, als hübe das neue
338
Hohe Gefühl sie empor. Dann forscht sie mit feurigem Auge
339
Um sich herum, ob sie unter der Menge nicht Edlere fände,
340
Welche mit ihr den Propheten bewunderten. Aber sie suchte
341
Gute Seelen umsonst in einem Volke, das reif war,
342
Bald gerichtet zu werden, zu stehn auf der flammenden Trümmer
343
Seines Tempels, in welchem nun nicht Jehovah mehr wohnte.
344
Einen bemerkte sie nur, der fern in dem untern Palaste
345
Mit dem Haufen am Feuer sich wärmte. Sie schauten ihn wild an,
346
Und sie stritten mit ihm; er widerlegte sie feurig,
347
Endlich schien ihm der Muth zu entsinken, und bleich und verwildert
348
Schaut' er um sich herum, dann wieder auf den Propheten.
349
»ach, der Mann ist sein Freund,« so dachte die Heidin, »er strebet,
350
Ihn zu retten, und will, daß dieser Pöbel die Wege,
351
Welche der Weise wandelt, begreife, wie edel er lebte,
352
Und wie menschlich er war und Gutes ohne Geräusch that.
353
Aber sie fassen ihn nicht und drohn, ihn auch vor den Pöbel,
354
Der dort richtet, zu führen. Davor erschrak er und bebte
355
Vor dem Tode zurück, den ihm die Wüthenden drohten.
356
Und ihn sandte vielleicht des Bedrängten Mutter und fleht' ihm,
357
Hingesunken in Thränen vor ihm, daß er ging' und vom Tode,
358
Ach, vom Tode befreite der Söhne besten und liebsten!
359
O, wie wird sie vor Schmerz, die liebenswürdige Mutter
360
(liebenswürdig ist sie, sonst hätte sie ihn nicht geboren,
361
Diesen Weisen), wie wird sie vor Schmerz und Jammer versinken,
362
Wenn sie vernimmt, wie der wüthende Pharisäer gered't hat!
363
Aber was ist es in mir, daß zu so zärtlichen Sorgen
364
Für die Unbekannte mein Herz mit Empfindungen aufwallt,
365
Die ich niemals empfand? Sind es Wünsche, den Edlen geboren,
366
Ihn der Erde gegeben zu haben? Dein Leben verfließe,
367
Mutter, zu glückliche Mutter, voll Stolzes auf ihn, und Dein Auge
368
Seh' ihn nicht sterben, obgleich sein Tod die Erde wird lehren!«
369
Jetzo erhub der Hohepriester sich auf den Gerichtsstuhl;
370
Also sagt' er: »Obgleich ganz Juda die Lasten empfindet,
371
Die auf Aller Schultern der Mann, den wir richten, gelegt hat;
372
Und so sehr die Erd' ihn auch kennt, daß er wider den hohen,
373
Rächenden Gott auf Moria, des Allerheiligsten Priester
374
Und den großen Cäsar in Rom sich wüthend empörte;
375
Ob ganz Israel gleich ihm das Todesurtheil mit ausspricht,
376
Und nicht Kaiphas nur dem Schwerte gebeut, daß es schlage:
377
Dennoch wollen wir ihn mit Zeugen richten und hören.
378
Zwar ist Israel jetzt nicht versammelt, die meisten der Zeugen
379
Decket die Mitternacht (bald werdet Ihr, selige Völker,
380
Unentweihteren Festen erwachen, als die der Empörer
381
Noch mit beging); allein, so wenige Menschen auch hier sind,
382
Wird es an Zeugen uns doch nicht mangeln. Es komme, wer Recht thut
383
Und das Vaterland liebt und spricht, was lauter und wahr ist!«
384
Also sagte der Hohepriester. Da traten belohnte,
385
Unterrichtete Männer herauf und zeugten. Vor Allen
386
Hatte mit Schmähsucht Philo und erdekriechender Bosheit
387
Ihre schon kleinen beweglichen Herzen erfüllt. Mit entflammten,
388
Wildem Blick sah Einer der Männer seitwärts und sagte:
389
»wie er den Tempel entweiht, das wissen wir Alle. Doch hat er
390
Nie so sehr ihn entheiligt als damals, da er der Opfer
391
Fromme Verkäufer vertrieb. Ihr wart versammelt, zu beten;
392
Aber er trieb mit Grimm der Opferthiere Verkäufer
393
Aus der geweihten Halle. Gewiß, er ehret den Gott nicht,
394
Dem Ihr die Opfer zu heiligen kamt: er hätte die Opfer
395
Sonst nicht verdrungen, noch diesen Raub an dem Tempel begangen!«
396
Also zeugt' er. Nach ihm erschien ein Andrer, erklärte
397
Jesus' göttlichen Eifer mit gleichem Unsinn: »O, damals
398
Wollt' er den Tempel nehmen, von dort auf Jerusalem fallen!
399
Aber der Schwarm, der ihn wol in der fernen Wüste zum König
400
Ausrief, blieb ihm hier nicht getreu. Er mußte zurückfliehn.«
401
Drauf erhub ein Levit sich und that, als könnt' er verachten,
402
Zeugete: »Hat er nicht Gott gelästert, weil er voll Stolzes
403
Wähnt, er könne die Sünde verzeihn? An dem Sabbath erlaubt er
404
Aehren zu lesen, belebt an dem Sabbath verdorrende Hände;
405
Und doch wähnt der Verbrecher, er könne Sünden vergeben!«
406
Jetzo sprach der Vierte. Die wilde Lache des Hohns stieg
407
Ihm in die Mienen empor und tönt' in des Redenden Stimme.
408
Also sagt' er: »Ich muß zwar zeugen; doch brauchet Ihr, Väter,
409
Zeugnisse wider den Mann, der von Unternehmungen schwindelt,
410
Die auf solchen Träumen erbaut sind? Er hat es geredet,
411
Und das Volk, so ihm gleichet, vernahm's mit starrendem Auge:
412
›brecht den Tempel; drei Tag', und es hebt sich ein neuer vom Staube
413
Wieder empor. Ich bau' ihn!‹ Das war er fähig zu sagen.«
414
Auch ein Greis entehrt sein Alter und sagt: »Zu den Zöllnern,
415
Diesen Sündern, gesellt (ich bin ein Zöllner gewesen),
416
Hat er jene Weisheit erfunden, die Moses verachten
417
Und durch sündiger Kranken Heilung den Sabbath entweihn lehrt.«
418
Also zeugten die Zeugen; und ringsum strömt der Erwartung
419
Blick auf Jesus, wie sich der Empörer vertheidigen werde.
420
Also stehn um den sterbenden Christen, mit bleichen Gedanken
421
Und mit halber Freude, die gern sich freute, die Haufen
422
Niedriger Spötter und athmen leis' und stammeln Erwartung:
423
Auch ihm wird der muthige Traum vom unsterblichen Leben,
424
Wie er selber, vergehn. Er bekennt's noch! Aber der Weise
425
Betet für sie und für sich und lächelt die Gräber vorüber.
426
Also starrt ihn das wartende Volk an. Aber der Gottmensch
427
Schweiget. Kaiphas reißt geflügelter Grimm fort, er saget:
428
»frevler, schweigst Du zu dem, was Diese wider Dich zeugen?«
429
Aber der Gottmensch schwieg. Da ergrimmte der Priester von Neuem:
430
»rede! beim lebenden Gott beschwör' ich Dich: Bist Du Christus?
431
Christus, des Angebeteten Sohn?« Er hatt' es gesprochen;
432
Und nun stand er emporgerichtet und schaute Verderben.
433
Satan schaute mit ihm. Der Todesengel Obaddon,
434
Philo's Engel, dacht' entflammt auf die Sünder herunter:
435
»würdigt er einer Antwort die Würger, so ist es Erbarmung.
436
Aber es rüstet sich schon mit allen Schrecken der Rache,
437
Die Gott schreckte, seitdem an dem Thron der Donner gerollt hat,
438
Sieh, er weckt das Gericht und kommt, der letzte der Tage!
439
Dunkler, schwarzer, tödtender Tag, Du Tag der Entscheidung!
440
Sei mir in Deiner furchtbaren Schöne gegrüßt, o Du schönster
441
Unter der Ewigkeit Söhnen, Du festlicher Tag der Vergeltung,
442
Tag des richtenden Maaßes, der tönenden Wage! dann schallen
443
Kommende Welten umher in die Silbertöne der Wagschal'!
444
Sei mir gegrüßt, Du Tag! es verbirgt dann unter den Schaaren
445
Derer, die Palmen tragen, die Gnade sich! Diesen Gebornen
446
Aus der Erde, den Staub, den sterblichen Sünder seit gestern,
447
Welcher wider den Ewigen schwillt! und jenen Gebornen
448
Unseres Himmels, der seit der Erschaffung Empörungen aufthürmt!
449
Heil mir! es wird sie Beide der Tag, der Donnerer, fassen,
450
Daß er sie ganz verderbe! Drum hüll' ich mich ein und verstumme.
451
Aber mein Schweigen ist Tod, mein Verstummen des Rächenden Bote!«
452
Also dacht' er in eilendem Flug der Gedanken und sahe
453
Auf den Priester, der schon des Messias Antwort verdammte.
454
Aber der Gottmensch schaute gen Himmel. Die Seraphim staunten,
455
Als er es that: so sehr sahn sie an seiner Geberde,
456
Wie er zurück die Gottheit hielt und in menschlicher Ruhe
457
Das verbarg, was Welten erschuf. So hält er noch jetzt auf,
458
Fürchterlicher durch Säumen, sein Weltgericht und erduldet's,
459
Daß der Empörungen Strom mit langen Jahrhunderten ströme.
460
Jetzo sah er dem Priester ins Antlitz, sagt' ihm: »Ich bin es,
461
Was Du sagtest, und wisse, daß ich jetzt Thaten vollende,
462
Welche der Anfang sind des Gerichts! Den Menschen von Erde,
463
Den auch eine Mutter gebar, Ihr werdet ihn sehen
464
Sitzen zur Rechte Gottes und kommen in Wolken des Himmels!«
465
Also öffnete Der, der mit dem letzten der Tage
466
Schreckenvoller wird kommen, als je ein Engel des Todes
467
Ihn in der Nächte tiefsten den stürmenden Psalter herabsang,
469
Schloß dann schnell dem erstaunenden Blick den furchtbaren Schauplatz.
470
Kaiphas – denn nun schleuderten ihn die Ströme des Grimms fort,
471
Und nun kannt' er kein Maaß, nicht Schranken, nicht zwingende Schranken –
472
Kaiphas schritt entflammter hervor, trug Tod auf der Stirne,
473
Zitterte laut, zerriß sein Gewand; mit glühendem Auge
474
Starrt' er fürchterlich hin, rief in die verstummende Menge:
475
»redet! Er lästerte Gott! Was brauchen wir Zeugen? Ihr hörtet's!
476
Redet, was denkt Ihr? Er lästerte Gott!« Sie ruften: »Er sterbe!«
477
Philo schwoll empor: »Er sterb', er sterbe! Die Fülle
478
Meines Herzens ergeußt sich! Er sterbe den Tod der Verfluchten,
479
Oben am Kreuz, den langsamen Tod der eisernen Wunden!
480
Daß sein modernd Gebein kein Grabmal finde, kein Hügel
481
Ueber ihm mit Blumen bewachse! Verwes' an der Sonne,
482
Ha, der offenen Sonne, Gebein, und hör an dem Tage,
483
Wenn dem verdorrten Gebein Gott ruft, die Stimme des Herrn nicht!«
484
Also sagte der Mann, so dem Tode reif war. Er sagt' es!
485
Angefeuert von ihm, drang nun in wüthendem Taumel,
486
Nun das Volk auf den Göttlichen zu. O, gieb mir die Hülle,
487
Sionitin, mit der, wenn Du vor dem Ewigen schwebest,
488
Still Du Dich deckest, daß ich mit den Engeln mein Auge bedecke!
489
Gabriel und Eloa enthüllten sich seitwärts und sagten:
490
»gabriel, Gottes Geheimniß, wie tief, wie den Endlichen allen
491
Unergründbar ist Gottes Geheimniß! Ich sah sie geboren
492
Werden, die Orione, ich weiß, was jedes Jahrtausend
493
Auf den Orionen vor Wunder geschahn; doch ein Wunder,
494
Wie die Erniedrung des Sohns zu dieser Tiefe, geschah nicht.
495
Er, den erst Jehovah vom donnernden Tabor herunter
496
Richtete, der das Gericht mit dieser Göttlichkeit aushielt,
499
Vom weitherrschenden Sturm der neuen Schöpfung ergriffen,
500
Einst erstehen, daß rings in ihren Wehen die Erde
501
Laut, mit einer Gebärerin Angst, dem Allmächtigen zuruft,
502
Der alsdann mit der Donnerposaune, mit zeugenden Engeln,
503
Mit hinsinkenden Sternen, zum Weltgerichte wird kommen!«
504
E. »Sieh, er rief ihm, da wurde das Licht! Du, Gabriel, sahest,
505
Wie es hervorriß! Er ging voll tausendmal tausend Gedanken,
506
Tausendmal tausend Leben an seiner Rechte versammelt,
507
Und beseelender Sturm vor ihm her! Da rollten die Sonnen,
508
Da erklang's um die jauchzenden Pole, da schuf er die Himmel!«
509
G. »Sieh, er gebot der ewigen Nacht, die stellte sich jenseit
510
Seiner Himmel. Eloa, Du sahst, wie er über der Nacht stand!
511
Und er ruft' ihr, da ward ein ungeheurer, ein todter
512
Klumpen. Der lag vor ihm wie eine zertrümmerte Sonne
513
Oder wie Leichname hundert zusammengeworfener Erden.
514
Und er gebot der Flamme; da strömte die nächtliche Flamme
515
Durch des Todes Gefild, da ward das Elend, da tönten
516
Seine Tiefen Jammer herauf, da erschuf er die Hölle!«
517
Also sprachen sie. Portia sah den Göttlichen leiden;
518
Konnte den bangen Anblick nicht mehr ertragen; erhub sich
519
Auf den Söller. Mit aufgehobenen, ringenden Händen
520
Stand sie, mit Augen, die starr zu dem dämmernden Himmel hinaufsahn,
521
Und so zweifelt' ihr Herz: »O Du, der erste der Götter,
522
Der die Welt aus Nächten erschuf und dem Menschen ein Herz gab,
523
Wie Dein Namen auch heißt: Gott, Jupiter oder Jehovah!
524
Romulus' oder Abraham's Gott! nicht einzelner Menschen,
525
Nein, Du Aller Vater und Richter! darf ich's Dir weinen,
526
Was mir meine Seele zerreißt? Was hat er verbrochen,
527
Dieser friedsame Mann, daß ihn Unmenschliche tödten?
528
Ist er Dir so festlich, der Anblick, die leidende Tugend,
529
Gott, von Deinem Olympus zu sehn? Er ist es den Menschen;
530
Süß und schauervoll ist den Menschen die stolze Bewundrung.
531
Aber, der die Sterne gemacht hat, kann Der bewundern?
532
Nein, Du kannst nicht bewundern! Allein ein hohes Gefühl ist's
533
Für den Gott der Götter; es könnte sein göttliches Auge
534
Sonst nicht sehn, daß der Schuldlose litte! Wie wirst Du belohnen,
535
Der Dir diesen festlichen Pomp der Menschheit aufführt?
536
Mir, mir rinnt das Mitleid die Wang' herunter; allein Du
537
Kennest nur an der leidenden Tugend die bebende Thräne!
538
Gott der Götter, belohn' und, ist es Dir möglich, bewundr' ihn!«
539
Als sie jetzt sich gebückt und geneigt hat über den Söller,
540
Hört sie am untern Palast wie eines Verzweifelnden Stimme.
541
Petrus war es. Der fromme Johannes war an dem Thore
542
Stehn geblieben. Er hörte den jammernden Petrus, erkannt' ihn,
543
Rief ihm entgegen: »Ach, lebet er, Petrus? Du weinst, Du verstummest!
544
Rede!« P. »Laß mich, Johannes, ach, laß mich im Einsamen sterben!
545
Sterben will ich! Er ist verloren! Ich bin noch verlorner!
546
Judas, Judas, entsetzlicher Jünger, Du hast ihn verrathen!
547
Ich verrieth ihn mit Dir! Vor Allen, welche mich fragten,
548
Hab' ich ihn, ach, in meinem zu tiefen Elend verleugnet!
549
Fleuch, fleuch, wende Dich weg, Johannes, laß mich im Stillen
550
Sterben! Stirb, stirb auch! Er ist zu dem Tode verurtheilt!
551
Und ich Treuloser hab' ihn vor allen Sündern verleugnet!«
552
Petrus rief's dem Verstummenden zu und riß sich von dannen.
553
Aber er blieb im einsamen Dunkel am thauenden Eckstein
554
Stehn und schwankt' an den Stein und hielt sich und sank an ihm nieder,
555
Neigte sein müdes Haupt und weinete lang' und verstummte.
556
Endlich strömte sie aus in brechende Worte, die volle
557
Tieferschütterte Seele: »Laß ab, mit des Todes Gestalten
558
Mich zu schrecken – sie dringen wie Schwerter mir in die Gebeine,
559
Meine zermalmten Gebeine – laß ab und wend', o, wende
560
Diese tödtenden Blicke von mir, womit Du mich ansahst,
561
Als die schreckliche That, der Thaten tiefste, geschehn war.
562
Ach, was that ich! Mein Freund, mein Freund, Dich hab' ich verleugnet,
563
Den ich liebte, der mich, wie sonst kein Lehrer, geliebt hat,
564
Der ein göttlicher Mann war! Zu kleine Seele, was thatst Du!
565
Siehe, nun wird er mich auch in dem Weltgerichte, vor seinen
566
Frömmeren Jüngern, vor seinen erhabenen Engeln, nicht kennen!
567
Kenne mich nicht, ich verdien' es! O, kenne mich wieder! erbarme
568
Meiner Angst Dich! Was hab' ich gethan! Je mehr ich's empfinde,
569
Desto tiefer gräbt es mir in die Gebeine den Tod ein.
570
Stirb! o, könnt' ich sterben! Ich werde sterben, doch langsam!«
571
Hier verstummt' er und weint' und verdiente, weinen zu können.
572
Neben ihm stand sein Hüter, Orion, sah ihn und fühlte
573
Mitleid zwar, doch auch Engelfreuden. Da wandte sich Petrus,
574
Hub sich empor und schaute gen Himmel: »Du furchtbarer Richter,
575
Vater der Menschen und Engel und Deines Sohnes, Du kennest
576
Mein erschüttertes Herz und das Beben des tiefsten Gedankens.
577
Dein Kind Jesus hab' ich verleugnet! Erbarme Dich meiner!
578
Ach, erbarme Dich meiner, Du Vater des göttlichen Kindes!
579
Er soll sterben! Ich bin es nicht werth, mit dem Theuren zu sterben!
580
Aber laß mich ihn noch, eh er zu dem Grabe sein Hupt neigt,
581
Eh er unter die treueren Jünger den Segen, die letzte
582
Liebe vertheilt, laß dann mich noch den Liebenden sehen,
583
Daß sein sterbender Blick mir verzeih'! Dann fleh' ich nur Gnade,
584
Keinen Segen, zu bang, zu sehr Verbrecher, zu rufen:
586
Ach, wenn ich nur Vergebung erweine, so will ich hingehn,
587
Ihn vor allen Menschen bekennen. So lange, mein Schöpfer,
588
Du mir Tage des Menschen gebeutst zu leben, so lange
589
Sei's mein theures Geschäft: Ich will die guten, die frommen,
590
Alle reinen Herzen, ich will sie suchen und ihnen
591
Unaufhörlich mit Wehmuth und diesen Thränen erzählen:
592
›ja, ich kannt' ihn, den Guten, den Theuren, den Besten der Menschen,
593
Jesus, des Allerheiligsten Sohn, und ich war es nicht würdig,
594
Ihn zu kennen! Ich war sein erkorner Jünger! Er liebte
595
Seinen Jünger! Doch war ich nicht würdig, ihn wieder zu lieben.‹
596
Denn ich liebt' ihn nicht mehr in der trüben Stunde, den besten
597
Unter den Menschen! Er war der beste, beste! Sein Leben
598
War für Andre, nicht sein, voll Menschlichkeiten! Die Armen
599
Speist' er, heilte die Kranken, rief aus dem Grabe die Todten.
600
Darum tödteten ihn der Menschlichkeit Hasser! Erhebt Euch,
601
Kommt, Ihr Männer, und lasset uns gehn zu dem Todten und weinen!
602
Ach, zu fürchterlich ist der Gedanke von seinem Grabe!
603
Jesus, Du göttlicher Mann, wo wird es sein? wo wirst Du
604
Schlummern im Stillen? wofern der Wüther Wuth Dir ein Grab läßt!«
605
Also flehte der Mann, den der Erde Sünder in Worten
606
Kennen, verleugnen in Thun; er erweinte de Märtyrer Krone.