1
Aber Jehovah saß voll Ernst auf dem ewigen Throne.
2
Neben ihm stand Eloa und sprach: »Wie ist jetzo Dein Antlitz,
3
Ewiger, furchtbar! Wie strahlet herab von Deinem Auge
4
Lauter Gericht! Wie reden so laut die Donner herunter!
5
Dies Zehntausend sprach; schon spricht das andre; nun hör' ich
6
Schon das Rauschen des dritten von fern! Dort wandelten Sterne;
7
Gott, kaum sahst Du herab, und die Sterne waren geflohen!
8
Warum hör' ich nicht um mich herum die Gesänge der Welten?
9
Wo Du hinblickst, weit um Dich her, da schweigen die Welten!
10
Alle Seraphim schweigen, es schweigen die Cherubim alle!
11
Keine von allen unüberzählbaren Myriaden
12
Singet ein Lied von dem ewigen Sohne! keine von allen!
13
Sollt' ich Euch überzählen, ich müßte Jahrhunderte zählen;
14
Ihr schweigt Alle! Nicht Einer singt von dem ewigen Sohne!
15
Alle verhüllen vor Gott, ihn anzubeten, ihr Antlitz!
16
Willst Du Dich, Gott, aufmachen, zu halten über der Erden
17
Eine Gericht? Denn dies ist das Angesicht des Verderbers!
18
Dieses des Richters Schaun! Gott, oder hast Du beschlossen,
19
Satan's Reich zu zerstören? den Lästerer Gottes zu schlagen?
20
Ziehest Du aus im Dunkeln daher, daß den ewigen Sünder
21
Du vernichtest und um ihn her die Tiefen der Hölle?
22
Soll sein Name nicht mehr in dem Buche der Lebenden stehen,
23
Die Du erschufst? er unter den Ewigen ganz vertilgt sein?
24
Liegen will ich ihn dann, dann will ich, Rächer, vor Dir ihn
25
Liegen sehn, wie ihn lasten Dein Zorn und unnennbare Qualen,
26
Daß das Heulen seiner Verzweiflung die Höll' und der Himmel
27
Und die Welten vernehmen, und ein Gestirne dem andern
28
Ruf' im Vorübergange: ›Da liegt er gestürzt, der Empörer!‹
29
Bis Du wirbelwehend mit ihm und flammend es endigst.
30
Willst Du das, o Richter, so waffne mich, laß mich mit ausziehn,
31
Gegen des Schrecklichen Angesicht! Gieb mir aus diesen Gewittern
32
Tausend Donner und Nacht um mich her und göttliche Stärke,
33
Daß ich, vor Deinem Antlitz vorbei, in dem Thore des Todes,
34
Jene wilden Verflucher der Reu' zu Tausenden schlage.
35
Ach, wie schrecklich bist Du! Wie sendet Dein tödtendes Auge
36
Lauter Zorn und Gericht, Zorn ohn' Erbarmen, Jehovah!
37
Lange war ich, ich schaue zurück in Ewigkeiten!
38
Als Du wurdest, o Welt, da waren schon viel' der Aeonen
39
Vor Eloa vorübergeflossen, und meine Tage
40
Sind nicht eines Sterblichen, der aufblühet und Staub wird.
41
Ewigkeiten sind es, daß ich, Jehovah, Dich schaute;
42
Doch so hab' ich noch nie Dein furchtbares Antlitz gesehen!
43
Ach, Dein ganzes Gericht und alle Deine Verderben
44
Wecktest Du, Ewiger, auf, und diese Herrlichkeit Gottes,
45
Die sonst Liebe nur war, ist ganz zu Zorne geworden!
46
Und ich habe mich unterwunden, mit Gott zu reden,
47
Der ich eine Wolke nur bin, woraus Du mich aufschufst,
48
Und von Deinem Odem ein Hauch, ein endlicher Seraph!
49
Zürne nicht, Vater, und schaue mich nicht mit dem schreckenden Blick an,
50
Den Du hinab zu der Erde gesenkt hast, daß ich nicht sterbe,
51
Dann mein Name nicht mehr in dem Buche der Ewigen stehe,
52
Und nicht länger mein Sitz sei am Allerheiligsten Gottes!«
53
»seraph, ich steig' hinunter, Gott den Messias zu richten,
54
Welcher zwischen mich und das Menschengeschlecht sich gestellt hat,
55
Dasteht, Gottmensch ist und mein ganzes Gericht erwartet.
56
Folge mir, mein Erwählter, in Deiner Schöne von fern nach!«
57
Gott sprach so und stand auf vom ewigen Throne. Der Thron klang
58
Unter ihm hin, da er aufstand. Des Allerheiligsten Berge
59
Zitterten und mit ihnen der Altar des göttlichen Mittlers,
60
Mit des Versöhnenden Altar die Wolken des heiligen Dunkels.
61
Dreimal fliehn sie zurück. Zum vierten Mal bebt des Gerichtstuhls
62
Letzte Höh', es beben an ihm die furchtbaren Stufen
63
Sichtbar hervor, und der Ewige steigt von dem himmlischen Throne.
64
So, wenn ein festlicher Tag durch die Himmel alle gefeirt wird,
65
Und mit allgegenwärtigem Wink der Ewige winket,
66
Stehen dann auf einmal auf allen Sonnen und Erden
67
Glänzender von den goldenen Stühlen, bei tausenden tausend,
68
Alle Seraphim auf; dann klingen die goldenen Stühle
69
Und der Harfen Gebet und die niedergeworfenen Kronen.
70
Also ertönte der himmlische Thron, da Gott von ihm aufstand.
71
Gott ging nun und wandelt' einher in dem Wege der Sonnen,
72
Der hinab zu der Erde sich senkt. Ihm kommt bei der letzten
73
Aus der Tief' ein Seraph entgegen; der führt sechs Seelen,
74
Die seit Kurzem der Erd' und ihren Leibern entflogen,
75
Sechs Gerechte. Die Hölle nahm mehr in die ewige Nacht ein.
76
Diese verklärte der Seraph und goß unsterbliche Strahlen
77
Um den neuen, schwebenden Leib. Sie waren die Seelen
78
Jener Weisen der Morgenlande, die kamen und Jesus,
79
Von dem eilenden Sterne geführt, Anbetungen brachten,
80
Jesus, dem himmlischen Kinde, mit seinen Engeln die Ersten!
81
Hadad, so war der Name des ersten, ließ die Geliebte
82
Seiner Seele, die schönste der Töchter im Hain zu Bethurim.
83
Er entschläft; sie weint nicht um ihn. Dies hatte sie Hadad
84
Einst in einer heiligen Stunde der Liebe geschworen.
85
Ihrer und seiner Unsterblichkeit sicher, vergaß sie der Thränen;
86
Aber sie liebten sich mehr, als sonst sich Sterbliche lieben.
87
Selima hatte sein Leiden ertragen. Er starb und war glücklich.
88
Simri lehrte das Volk. Das Volk entehrt' ihn und lebte
89
Sündigend fort. Doch bewegt' in dem Tode Simri noch Einen,
90
Daß er gleich ihm ein göttliches Leben führte. Da starb er.
91
Mirja erzog fünf Söhne, die macht' er tugendhaft. Reichthum
92
Ließ er den Tugendhaften nicht da. Sie sahen ihn sterben.
93
Beled drückte die lächelndbrechenden Augen sein Todfeind
94
Weinend zu. Es hatte sich Beled gerochen durch Großmuth,
95
Und die Hälfte des Reichs ihm gegeben. Der lebte wie Beled.
96
Sunith sang in dem Hain zu Parphar Bethlehem's Knaben,
97
Und drei heilige Töchter mit ihm. Dich haben die Cedern
98
Und am einsamen Ufer geweint die Bäche Jedidoth,
99
Ach, Dich haben, in Schleier gehüllt, jungfräuliche Thränen
100
Deiner Töchter die Harfen herab, o Sunith, geweinet.
101
Diese Seelen verklärte der Seraph. Ihr helleres Auge
102
Sahe weit um sich her, einst Schauer der Herrlichkeit Gottes.
103
Leichter und freier erhuben sie sich, von zärteren Sinnen,
104
Nichts Geringerem als dem ewigen Leben gebildet.
105
Aber des Ewigen Herrlichkeit ging vor den Seelen vorüber,
106
Und anbetend rufte der freudenhelle Geleiter:
107
»das ist Gott!« Und Selima wagte die neue Stimme.
108
Da er sprach, erstaunt' er vor dieser tönenden Stimme,
109
Die mit silbernem Laute wie in Gesänge dahinfloß:
110
»o Du, den ich erblicke, mit welchem Namen, o Erster,
111
Ach, mit welchem würdigen Namen, mit welcher Entzückung
112
Nenn' ich Dich, den mein Auge nun, ach, zum ersten Mal anschaut?
113
Gott! Jehovah! Richter der Welt! mein Schöpfer! mein Vater!
114
Oder hörst Du Dich lieber den Unaussprechlichen nennen?
115
Oder Vater des ewigen Sohns, der zu Bethlehem Mensch ward,
116
Den wir sahn und mit uns der Seraphim feirende Schaaren?
117
Sei gegrüßt, des ewigen Sohnes ewiger Vater!
118
Halleluja, mein Schöpfer! Dir jauchzt die unsterbliche Seele,
119
Deines Odems ein Hauch, die Erbin des ewigen Lebens.
120
Seliger, unaussprechlicher Schöpfer, Dich hört' ich die Liebe
121
Unter den Sterblichen nennen; wie bist Du aber so schrecklich!
122
Und Dein Auge, wie ist's zu dem Tode gerüstet! Dein Seraph
123
Tröstete mich, da ich todt war, er führe mich nicht ins Gericht hin,
124
Nicht ins ernste Gericht, vor dem kein Endlicher stehn kann;
125
Aber furchtbar bist Du, sehr furchtbar, Gott, mein Erbarmer!
126
Doch Du richtest mich nicht! Das fühlt sie, die betende Seele,
127
Die Du Dir schufest, ihr Ewigkeit gabst und Deinen Erlöser!
128
Kamest Du, Richter der Welt, das Geschlecht der Feinde zu tödten?
129
Soll die Stätte der Sünder nicht mehr vor Deinem Antlitz,
130
Ewiger, sein? und tilgst Du sie weg, die den Sohn noch verkennen?
131
Ach, so wirst Du nicht richten! Auch ihnen hast Du den Gottmensch,
132
Deinen erhabnen Messias, gesandt! So wirst Du nicht richten!
133
Sei gegrüßt, des ewigen Sohnes ewiger Vater!
134
Laß, Gott, Deiner Herrlichkeit Spur von Weitem uns anschaun!«
135
Selima sprach's und fiel mit den Seelen aufs Angesicht nieder.
136
Auf der anderen Seite des Sonnenweges erhub sich
137
Auf den glänzenden Wagen Eloa, worauf er Elias
138
Einst in den Himmel brachte, worauf er, Führer der Engel,
139
Dothan, auf Deinen Bergen entwölkt von Elisa gesehn ward.
140
Seraph Eloa stand hoch auf dem Wagen. Ihm kam in das Antlitz
141
Durch die Himmel entgegen ein tausendstimmiger Sturmwind.
142
Da erklang's um die goldenen Achsen, da flog ihm das Haupthaar
143
Und das Gewand wie Wolken zurück. Mit der Ruhe der Stärke
144
Stand der Unsterbliche da. In der hochgehobenen Rechte
145
Hielt er ein Wetter empor. Bei jedem erhabnen Gedanken
146
Donnert' er aus dem Wetter hervor. So folgt' er Jehovah.
147
Tausend Sonnenmeilen – der Raum von Sonne zu Sonne
148
Ist von jeder das Maaß – die Ferne folgte der Seraph.
149
Gott ging jetzt durch die Sterne, die Milchstraße wir nennen,
150
Aber bei den Unsterblichen heißt sie die Ruhstatt Gottes.
151
Denn da der erste himmlische Sabbath vollendet die Welt sah,
152
Stand der Ewige dort und schaute den werdenden Sabbath.
153
Gott ging nah an einem Gestirne, wo Menschen waren,
154
Menschen wie wir von Gestalt, doch voll Unschuld, nicht sterbliche Menschen.
155
Und ihr Vater stand in freudiger, männlicher Jugend,
156
Ob in dem Rücken des Jünglinges gleich Jahrhunderte waren,
157
Unter seinen unausgearteten Kindern. Das Auge
158
War ihm nicht dunkel geworden, die seligen Enkel zu schauen,
159
Noch zu der Freudenthräne versiegt. Sein hörendes Ohr war
160
Nicht verschlossen, die Stimme des Schöpfers, der Seraphim Stimme
161
Und aus der Enkel Munde Dich, Vaternamen, zu hören.
162
An der Rechte des Liebenden stand die Mutter der Menschen,
163
Seiner Kinder, so schön, als ob der bildende Schöpfer
164
Ihres Mannes Umarmungen jetzt die Unsterbliche brächte,
165
Unter ihren blühenden Töchtern der Männinnen Schönste.
166
An der linken Seite stand ihm sein erstgeborner,
167
Würdiger Sohn, nach dem Bilde des Vaters voll himmlischer Unschuld.
168
Ausgebreitet zu seinen Füßen, auf lachenden Hügeln,
169
Leichtumkränzet mit Blumen ihr Haar, das lockichter wurde,
170
Und mit klopfendem Herzen, des Vaters Tugend zu folgen,
171
Saßen die jüngsten Enkel. Die Mütter brachten sie,
172
Frühlinges alt, der ersten Umarmung des segnenden Vaters.
173
Und er hub von dem seligen Anblick sein Auge gen Himmel,
174
Sah Gott wandeln und neigte sich tief und ruft' und sagte:
175
»das ist Gott, versammelte Kinder, der mich und Euch Alle
176
Zu Lebendigen schuf, der jene Thäler mit Blumen,
177
Diese Berge mit Wolken umkränzte! Doch gab er dem Thal nicht,
178
Nicht dem Berg unsterbliche Seelen; die gab er Euch, Kinder!
179
Auch gab er dem Gebirg und dem Thale die schöne Gestalt nicht,
180
Die Ihr habt, nicht die menschliche Bildung, so mächtig, der Seele
181
Tiefstes Denken herunter zu sagen vom redenden Antlitz,
182
Keinen freudigen Blick, so gen Himmel dankbar hinaufschaut,
183
Stimmen nicht, mitanbetend der Seraphim Lieder zu singen.
184
Der erschien in dem wehenden Hain mir des Paradieses,
185
Als er aus Erde zum Menschen mich schuf, Der führte mich segnend
186
Eurer Mutter Umarmungen zu. Sprich, Ceder, und rausche!
187
Sprich! denn unter Dir sah ich ihn wandeln. Reißender Strom, steh!
188
Steh dort! denn da ging er hinüber. Du sanfteres Athmen
189
Stiller Winde, lisple von ihm, wie Du lispeltest, als Er,
190
Ach, der Unendliche, lächelnd von jenen Hügeln herabkam!
191
Steh vor ihm, Erd', und wandle nicht fort, wie ehmals Du standest,
192
Als er über Dir ging, als sein erhabneres Antlitz
193
Wandelnde Himmel umflossen, als seine göttliche Rechte
194
Sonnen hielt und wog, und Morgensterne die Linke!
195
Darf ich mich unterwinden, von Neuem Dich anzublicken,
196
Ewiger? Aber gebeut, daß jene Mitternacht flieh',
197
Welche Dich, Vater, umgiebt! Ach, laß Dein Auge nicht füllen
198
Diesen schreckenden Ernst, den kein Unsterblicher schaun kann!
199
Ach, wer müssen sie sein, auf die dies Antlitz sich rüstet
200
Und dies Auge voll Zorn? Wahrhaftig, keine Geschöpfe,
201
Die Du liebst; ein unseliges Volk von Geistern, die fielen
202
Und es wagten – ich kann den Gedanken nicht denken – es wagten,
203
Gott zu erzürnen! Vernehmt es denn, Kinder! lange verschwieg ich's,
204
Eure selige Ruh durch keine Wehmuth zu stören.
205
Ferne von uns, auf der Erden einer, sind Menschen, wie wir sind,
206
Nach der Bildung, allein der anerschaffenen Unschuld
207
Und des göttlichen Bildes beraubt, ach, sterbliche Menschen!
208
Ihr erstaunt darüber, wie der kann ein Sterblicher werden,
209
Welchen Gott gewürdiget hat, ihn ewig zu schaffen.
210
Nicht ihr Geist ist sterblich, der ewige Geist nicht; der Leib nur
211
Wird zur Erde, woraus er gemacht war. Das nennen sie Sterben.
212
Ihrer Schöne beraubt, der anerschaffenen Unschuld,
213
Tritt alsdann vor Gottes Gericht die entflohene Seele
214
Und vernimmt ein erschreckliches Urtheil. Ernster Gedanke,
215
Fleuch! Dich denke nur Gott, der Wesen Schöpfer und Richter!
216
Das schon ist schrecklich genug für einen Unsterblichen, Sterben!
217
Das zu denken. Dem Sterbenden bricht das Auge und starret,
218
Sieht nicht mehr. Ihm schwindet das Antlitz der Erd' und des Himmels
219
Tief in die Nacht. Er höret nicht mehr die Stimme des Menschen,
220
Noch die zärtliche Klage der Freundschaft. Er selbst kann nicht reden,
221
Kaum noch mit bebender Zunge den bangen Abschied stammeln,
222
Athmet tiefer herauf, und kalter, ängstlicher Schweiß läuft
223
Ueber sein Antlitz; das Herz schlägt langsam, dann steht's, dann stirbt er!
224
In der liebenden Mutter Arm, die gern mit ihr stürbe
225
Und nicht sterben kann, stirbt die Tochter. Umfaßt von dem Vater
226
Und an das Herz gedrückt, stirbt, ach, der Jüngling im Aufblühn,
227
Seines Vaters einziger Sohn. Vor jammernden Kindern
228
Sterben Eltern, ihr Trost und die Stütze der wankenden Jahre.
229
In ihr Elend vertieft, stirbt eine theure Geliebte
230
An des zärtlichen Jünglings Brust. Die himmlische Liebe,
231
Und was sie von sanften und edlen Empfindungen eingiebt,
232
Ist, doch nur wie ein Schattengebilde, wenigen Bessern
233
Von der Unschuld übrig geblieben; aber nicht lange,
234
Ach, nicht lang', und sie sterben, und Gott erbarmt sich nicht ihrer,
235
Nicht des abschiednehmenden Lächelns der frommen Geliebten,
236
Nicht der brechenden Augen, die gern noch weinten, der Angst nicht,
237
Die sie betet und Gott nur um
238
Nicht der Verzweiflung des bebenden Jünglings, der stumm sie umarmt hält,
239
Deiner auch nicht, bekümmerte Tugend, welcher die Liebe
240
Und ihr zartes Gefühl die beiden Sterblichen weihte.«
241
Also sagt' er. Ihn unterbrach wehmüthiges Weinen
242
Seiner Kinder um ihn. Die Väter drückten die Söhne,
243
Und die Mütter die Töchter, geschreckt, an die schlagenden Herzen.
244
Knaben faßten das Knie sich niederbiegender Väter
245
Und entküßten dem Auge der Väter die männliche Thräne.
246
Hand in Hand saß Schwester und Bruder und sahen sich bang an.
247
Und an der theuren Geliebten Brust herunter gesunken,
248
Lagen, bebten unsterbliche Jünglinge, fühlten das Leben
249
Von den Herzen der himmlischen Mädchen gewaltiger schlagen.
250
Doch es ermannte sich wieder der Vater der heiligen Menschen.
251
Liebend an ihn gelehnt stand ihre Mutter. Er sagte:
252
»wenn es nur diese nicht sind, zu denen in Zorn Gott hingeht,
253
Gegen deren unheiliges Antlitz der Ewige wandelt!
254
Ach, sie haben vielleicht zu sehr den Richter entrüstet,
255
Und er ist herab gestiegen, sie Alle zu tödten!
256
Unser Brudergeschlecht, einst auch unsterbliche Menschen,
257
Wenn Ihr es wüßtet, wie sehr wir Euch lieben, und unsere Wehmuth
258
Ueber Euch, so hättet Ihr nicht den Richter gezwungen,
259
Von dem Himmel herabzusteigen, Euch Alle zu tödten.
260
Unser Brudergeschlecht! wenn ja die Erde Dein Grab wird,
261
Und auf einmal Dich Gott in ihre Tiefen hinabstürzt,
262
O, so wollen wir hier die Todten Gottes beweinen,
263
Oft hinab zu der Erde, der Ruhstatt ihres Gebeins, sehn!
264
Aber Du hast ja diesem Geschlecht, o Vater, den Gottmensch,
265
Deinen erhabnen Messias, gesandt: ach, willst Du sie richten?
266
Davon reden sie Alle, die Seraphim, wenn sie hier wandeln,
267
Und die feirenden Himmel umher. Der soll sie erlösen!
268
Deine Todten sollen dereinst zu dem Leben erwachen,
269
Und wir sollen sie sehn! ach, willst Du, Vater, sie richten?
270
Seht, er wendet sein Antlitz von mir und steiget, noch furchtbar,
271
Immer noch furchtbar und ernst, gerade zur Erd' hinunter.
272
Wunderbar sind, Gott, Deine Gerichte, Dein ewiger Weg ist
273
Dunkel vor uns; Du aber bist heilig und ewig Dir selbst gleich!
274
Halleluja, mein Schöpfer! Dir beten unsterbliche Menschen
275
Von der heiligen Erde! Dir beten sterbliche Menschen,
276
Die Du tödtest, im Staube gebückt! Der weisere Seraph
277
Betet Dir, Gott, das Antlitz umhüllt, am ewigen Throne!«
278
Also sagt' er und sah der Herrlichkeit Gottes von fern nach.
279
Jetzo nahete Gott der Erde sich. Seraph Eloa
280
Sah Gott und den Messias von einem Wolkengebirge.
281
Und er hielt in den Wolken, stand da und donnert' und sagte:
282
»sohn des Vaters, wie groß mußt Du sein, dies Gericht zu ertragen!
283
Ach, wenn doch in der Endlichkeit Raum die Erkenntnisse strahlten,
284
Dies Geheimniß zu fassen und diese Tiefen zu schauen,
285
Gottheit! Schweig, Eloa! verhülle Dich, anzubeten!
286
Heil Dir, Menschengeschlecht! Bald wirst Du selig wie ich sein!«
287
Also sprach Eloa und stand mit verbreiteten Armen,
288
Gegen die Erde gekehrt, und segnete bei sich die Erde.
289
Gott ging nach dem Tabor hinab und schaute die Erd' an
290
Aus der Mitternacht, in die er einsam gehüllt war.
291
Und er sahe der Erd' Antlitz mit Götzenaltären,
292
Sah es mit Sündern bedeckt; auf ihren weiten Gefilden
293
Ausgebreitet den Tod, des Richters ewigen Zeugen!
294
Alle Sünden, vom Anbeginn der Schöpfung herunter
295
Bis zum Gericht, der Götzensklaven, der Diener Jehovah's,
296
Und die schrecklicheren der Christen erhuben sich bebend
297
In die Wolken empor, zu dem schauenden Antlitz des Richters.
298
Hingerissen vor Gott, aus ihren Nächten gehoben,
299
Aus den Tiefen, in die sie begräbt das Herz, der Empörer
300
Wider Den, der es schuf, mit daurender Schande gebrandmarkt,
301
Kamen sie Alle, Die auch, so der fliegende, schnelle Gedanke
302
Oder zartes Gefühl in dem dünnen Gewebe verdeckten.
303
Und es führten das nächtliche Heer die Sünden der hohen
304
Und weitgrenzenden Seelen, die Dich in der himmlischen Schönheit,
305
Fromme Tugend, sahn, doch Deinem Lächeln nicht folgten!
306
Zwar voll leises Gefühls, Dich doch entweihten! Sie gingen,
307
Aufgethürmt in Riesengestalten und näher dem Donner.
308
Alle rief mit allmächtiger Stimme das ernste Gewissen
309
Hin vor Gott, nannt' Alle mit Namen, die namenlos waren
310
Unter dem Menschengeschlecht, das sich täuscht und die Zeugin verkennet
311
Zwischen ihnen und Gott, des Todes nahende Stunde.
312
Da erhub in dem Himmel sich allgemeines Verklagen.
313
Auf den zitternden Flügeln der Winde Gottes erklangen
314
Stille Seufzer der leidenden Tugend, ein einsames Jammern.
315
Gleich dem kommenden Meer, ertönte der Sterbenden Winseln
316
Von dem Schlachtfeld her und zeugete gegen Erobrer.
317
Siehe, dem Blute der Märtyrer ward die Stimme des Donners
318
Und der Gewitter Gottes gegeben; es rief durch die Himmel:
319
»du, der ruht auf dem Thron und des Weltgerichts Wagschal' hält
320
In der furchtbaren Hand, ich bin unschuldig vergossen!
321
Ich bin heiliges Blut, um Deinetwillen vergossen!«
322
Jetzt denkt Gott sich selbst und das Geisterheer, das ihm treu blieb,
323
Und den Sünder, das Menschengeschlecht. Da zürnet er. Ruhend
324
Hoch auf Tabor, hält er den tieferzitternden Erdkreis,
325
Daß der Staub nicht vor ihm in das Unermeßliche stäube,
326
Wendet gegen Eloa darauf sein schauendes Antlitz,
327
Und der Seraph versteht die Red' in dem Antlitz Jehovah's,
328
Steigt von dem Tabor gen Himmel. So hub von der Hütte des Bundes
329
Sich die Führerin weg, die himmelstützende Wolke,
330
Wenn das Volk, der sichtbare Zeuge von Bethlehem's Sohne,
331
Seine Gezelte von Oede zu Oed' auf Moses' Gebot trug.
332
Und der Gesendete stand auf einer Mitternacht still,
333
Schaute zum Oelberg nieder, erhub die Donnerposaune,
334
Tönte des Weltgerichts Entsetzen aus der Posaune,
335
Rufte gegen die Erd' und sprach: »Bei dem furchtbaren Namen
336
Dessen, der ewig ist und seiner Gerechtigkeit Dauer
337
Mit Unendlichkeit maß, der hält die Schlüssel des Abgrunds,
338
Der mit rügender Flamme die Hölle, den Tod mit Allmacht
339
Und mit Gericht bewaffnet! Ist Einer unter den Himmeln,
340
Welcher statt des Menschengeschlechts im Gericht will erscheinen,
341
Dieser komme vor Gott!« So ruft' Eloa vom Himmel.
342
Und der Gottmensch schaute dem hohen Seraph ins Antlitz,
343
Hörte den Klang der Posaune. Da ging er mit schnellerem Schritte
344
In Gethsemane fort. Noch folgten ihm drei von den Jüngern
345
In die schreckende Nacht. Er entriß sich ihnen und eilte
346
Ganz in das Einsame hin. Jehovah hub das Gericht an.
347
In das Heilige hast Du mich zwar, Sionitin, geführet,
348
Aber nicht in das Allerheiligste. Hätt' ich die Hoheit
349
Eines Propheten, zu fassen die ewige Seele des Menschen
350
Und mit gewaltigem Arm sie fortzureißen; und hätt' ich
351
Eines Seraphs erhabene Stimme, mit welcher er Gott singt;
352
Tönete mir von dem Munde die schreckenvolle Posaune,
353
Die auf Sina erklang, daß unter ihr bebte des Bergs Fuß;
354
Sprächen der Cherubim Donner aus mir, Gedanken zu sagen,
355
Deren Hoheit selbst der Posaune Ton nicht erreichte:
356
Dennoch ersänk' ich, Du Gottversöhner, Dein Leiden zu singen,
357
Als mit dem Tode Du rangst, als unerbittlich Dein Gott war.
358
Der Du des ersten Bundes Propheten, den kühnsten der Beter,
359
Als er bat, von Antlitz zu sehn zu Antlitz Jehovah,
360
In der Höhle verbargst, bis vor ihm die Herrlichkeit Gottes
361
War vorübergegangen, und er in der Ferne die Schönheit
362
Dessen, der ewig ist, sah, und ihm Gottes Stimme von Gott sprach,
363
Geist des Vaters und Sohns, ich bin dem Tode bestimmter,
364
Mehr von Staub als Moses: o, laß in meiner Entfernung
365
Mich, von Deinem umschattenden Flügel ins Dunkle gesichert,
366
Gott, den leidenden Sohn, in seiner Todesangst sehn!
367
Ueber den Staub der Erde gebückt, die, im Graun vor dem Richter,
368
Gegen sein Antlitz herauf mit stillem Schauer erbebte
369
Und im Beben den Staub zahlloser Kinder von Adam,
370
Alle verdorrten Gebeine der todten Sünder, bewegte,
371
Lag der Messias, mit Augen, die, starr auf Tabor gerichtet,
372
Nichts Erschaffenes sahn, des Nichtenden Antlitz nur schauten,
373
Bang, mit Todesschweiße bedeckt, mit gerungenen Händen,
374
Sprachlos, aber gedrängt von Empfindungen! Stark, wie der Tod trifft,
375
Schnell wie Gottes Gedanken, erschütterten Schauer auf Schauer,
376
Auf Empfindung Empfindung, des ewigen Todes Empfindung
377
Den, der Gott war und Mensch. Er lag und fühlt' und verstummte.
378
Aber da immer bänger die Bangigkeit, heißer die Angst ward,
379
Dunkler die Nacht, gewaltiger klang die Donnerposaune;
380
Da stets tiefer bebte der Tabor unter Jehovah;
381
Statt des Todesschweißes vom Antlitz des Leidenden Blut rann:
382
Hub er vom Staube sich auf und streckte gen Himmel die Arm' aus;
383
Thränen flossen ins Blut; er betete laut zu dem Richter:
384
»vater, die Welt war noch nicht ... Bald starb der erste der Menschen;
385
Bald ward jede der Stunden mit sterbenden Sündern bezeichnet!
386
Ganze Jahrhunderte sind, von Deinem Fluche belastet,
387
Also vorübergegangen. Nun ist sie, Vater, gekommen;
388
Da die Welt noch nicht war, da noch kein Todter verwes'te,
389
Wurde sie schon, die selige Stunde des Leidens, erkoren,
390
Und nun ist sie gekommen! O, seid mir, Schlafende Gottes,
391
Seid mir in Euren Grüften gesegnet! Ihr werdet erwachen!
392
Ach, wie fühl' ich der Sterblichkeit Loos! Auch ich bin geboren,
393
Daß ich sterbe. Der Du den Arm des Richters emporhältst
394
Und mein Gebein von Erde mit Deinen Schrecken erschütterst,
395
Laß die Stunde der Angst mit schnellerem Fluge vorbeigehn!
396
Vater, es ist Dir Alles möglich, ach, laß sie vorbeigehn!
397
Ganz von Deinem Zorn, von Deinen Schrecken gefüllet,
398
Hast Du mit ausgebreitetem Arm den Kelch der Leiden
399
Ueber mich ausgegossen. Ich bin ganz einsam, von Allen,
400
Die ich liebe, den Engeln, den Mehrgeliebten, den Menschen,
401
Meinen Brüdern, von Dir, von Dir, mein Vater, verlassen!
402
Schau', wo Du richtest, ins Elend herab! Jehovah, wer sind wir,
403
Adam's Kinder und ich! Laß ab, die Schrecken des Todes
404
Ueber mich auszugießen! Doch nicht mein Wille geschehe!
405
Vater, Dein Wille gescheh'! Mein hingeheftetes Auge
406
Schauet aus in die Nacht und kann nicht weinen; mein Arm bebt,
407
Starrt nach Hilfe gen Himmel empor; ich sink' auf die Erde;
408
Sie ist Grab! Es ruft durch alle Tiefen der Seele
409
Laut ein Gedanke dem andern, ich sei von dem Vater verworfen!
410
Ach, da der Tod noch nicht war! da noch die Stille des Vaters
411
Ruht' auf dem Sohne! da Adam ward, daß er ewig lebte ...
412
Aber mein Erdegebein trägt auch die Gottheit! Ich leide!
413
Ich bin ewig wie Du! Es gescheh', o Vater, Dein Wille!«
414
Also sprach er und richtete sich von seinem Gebet auf,
415
Stützt' auf die wankende Rechte sich nieder und schaut' in die Nacht hin.
416
Und da gingen ihm vor den Gedanken des ewigen Todes
417
Schreckengestalten vorüber. Er sah die verworfenen Seelen,
418
Welche der Schöpfung Tage, dem Rufer zur Ewigkeit, fluchten,
419
Hörte das dumpfe Geheul des widerhallenden Abgrunds,
420
Donnernde Ströme, von Felsen herab in die Tiefe sich stürzend,
421
Auf den donnernden Strömen der Angst geflügelte Stimme,
422
Sanftere Flüsse, die täuschend die Seelen zur Ruh einluden,
423
Zu dem Entschlummern ins Nichts. Dann stieg die Qual der Getäuschten;
425
Ausgegossen, empörte die Stimme des Menschengeschlechts sich,
426
Klagte der Schöpfung den Schöpfer an, verwünschte sein Dasein,
427
Und daß er ewig sei! Ihr Elend fühlte der Gottmensch.
428
Lange schon hatt' auf ihn hin von einem verödeten Felsen
429
Adramelech geschaut. Jetzt stieg er herab von dem Felsen,
430
Blickt' auf die Erde. Da sah er vor sich in rauchendem Blute
431
Einen Mörder, der sich erwürgte. Der Schrei der Verzweiflung,
432
Jammernde Seufzer der wiederkehrenden Menschlichkeit füllten
433
Jeden Hügel umher. Von dieser Stimme begleitet,
434
Nahte sich Adramelech und stand, des Messias zu spotten.
435
Mit vernichtendem Stolz in dem hohen Auge gerüstet
436
Und in Meere verruchter Gedanken, in sich, verloren
437
Stand er und feurte sich an, die Gedanken tönen zu lassen,
438
Wie ein Strom sich ergeußt, die Donnerwolke daherrauscht.
439
Aber es wandte der hohe Messias sein Angesicht, sah ihn
440
An mit der Miene des Weltgerichts. Der Wüthende fühlte,
441
Wer ihn ansah, bebt' ohnmächtig zurück in sein Elend.
442
Mitten in einem verruchten, emporgethürmten Gedanken
443
Blieb er gedankenlos stehn. Nur diese Leerheit empfand er,
444
Sahe den Fels, die Erde nicht mehr, nicht mehr den Messias,
445
Nur sich selber! Zuletzt vermocht' er kaum zu entfliehen.
446
Drauf verließ der Messias der Leiden traurige Stille,
447
Wandte sich zu den schlafenden Jüngern, nach diesem Leiden,
448
Dieser einsamen Qual, der Menschen Antlitz zu sehen.
449
Mit dem Anblick der Menschen, mit diesem Troste zufrieden,
450
Ging der Erlöser und nahte sich still den schlafenden Jüngern.
451
Aber ihm jauchzten die Himmel umher und feirten den Sabbath,
452
Seit der Schöpfung den zweiten, der heiliger ist als der erste.
453
Wenn der Gerichtstag untergegangen ist, gehet der dritt' auf;
454
Ewigkeit heißet sein Maaß, sein erster Feirer Messias!
455
Jetzo feirten die Himmel des Sabbaths heiligste Stunden.
456
Alle wußten, daß jetzt der ewige Hohepriester
457
In dem Allerheiligsten war, die Versöhnung zu stiften.
458
Denn Eloa hatte gesagt und also gesprochen:
459
»wenn wird tönen um Euch der Pole Donnern, mit ihnen
460
Dann der Welten Gesang, in Stimmen der Meere verwandelt,
461
Brausend vorübergehn; wenn aus ihren Kreisen die Sterne,
462
Tausend Sonnenmeilen herauf und tausend hinunter,
463
Werden erzittern durch die Unendlichkeit; über Euch kommen
464
Schauer von Gott, und Eurem Haupt die goldenen Kronen
465
Schnell entsinken, und unter Euch beben die goldenen Stühle:
466
Dann, dann richtet das ernste Gericht! Dann leidet der Gottmensch!«
467
Jetzo sangen die Himmel: »Sie ist, der erhabensten Leiden
468
Erste Stunde, die ewige Ruh den Heiligen brachte,
469
Jetzo ist sie vorübergegangen!« So sangen die Himmel.
470
Aber es stand der Messias vor seinen Jüngern und sah sie
471
Tief in Schlafe. Noch füllte der Ernst des hohen Jakobus
472
Glühendes Antlitz. So schlummert ein Christ, wenn dem Tod er nahet,
473
Ruhig und ernst. An den sanften Johannes lehnte sich Petrus,
474
Nicht, wie Johannes, voll lächelnder Ruh; um den Jünger der Liebe
475
Schwebeten Salem's Erscheinungen noch. Jetzt rief der Messias:
476
»simon Petrus, Du schläfst! vermagst Du mit mir, da ich leide,
478
Bald der Schlummer nicht mehr Dein weinendes Auge bedecken.
479
Wachet und betet, damit der Versucher nicht über Euch komme!
480
Zwar Ihr wolltet es gern; allein auch Ihr seid Erde,
481
Und den himmlischen Geist drückt noch der Sterblichkeit Bürde!«
482
Also sah er die Drei. In einer weiteren Aussicht
484
Aller Derer, die sündigten, starben und auferstehen,
485
Ging dann wieder in das Gericht, für Alle zu leiden.
486
Aber seitwärts an dem Gebirge kam Abbadona
487
In den Hüllen der schweigenden Nacht und sprach zu sich selber:
488
»ach, wo werd' ich endlich ihn finden, den Mann, den Versöhner?
489
Zwar ich bin unwürdig, zu sehn den Besten der Menschen;
490
Aber ihn hat doch Satan gesehn. Wo soll ich Dich suchen,
491
Und wo find' ich endlich Dich auf, Mann Gottes, Versöhner?
492
Alle Wüsten hab' ich durchirrt. Ich bin zu den Quellen
493
Aller Flüsse gegangen. In aller dämmernden Haine
494
Einsamkeit hat sich mein Fuß mit leisem Beben verloren.
495
Zu der Ceder hab' ich gesagt: Verbirgst Du ihn, Ceder,
496
O, so rausche mir zu! Ich sprach zu dem hangenden Berge:
497
Neige Dich, einsamer Berg, nach meinen Thränen herunter,
498
Daß ich sehe den göttlichen Mann, der etwa dort schlummert!
499
Ihn hat, dacht' ich, vielleicht mit stiller Sorge sein Schöpfer
500
Unter schattende Decken der Abendwolke geleitet.
501
Ihn hat die Weisheit vielleicht und menschenfliehender Tiefsinn
502
In die Höhlen der Erde geführt. Doch er war nicht am Himmel,
503
Nicht in der Erde Schooß! Ich bin unwürdig, Dein Antlitz,
504
Ach, unwürdig, die Blicke zu sehn, mit welchen Du lächelst,
505
Bild der Gottheit, unsterblicher Mensch! Du erlösest nur Menschen;
506
Mich erlösest Du nicht! Du hörst die jammernde Stimme
507
Meiner Ewigkeit nicht! ach, Du erlösest nur Menschen!«
508
Also sagt' er und sahe vor sich die schlafenden Jünger.
509
Und es lag der schöne Johannes in lächelndem Schlummer
510
Nahe vor ihm; er sah ihn und trat mit zitterndem Fuße
511
Fürchtend zurück. Kaum wagt' er zuletzt still also zu sagen:
512
»wenn Du es bist, den ich suche, Du dieser göttliche Mensch bist,
513
Der, sein Geschlecht zu erlösen, erschien, so sei mir mit Thränen,
514
Sei mir in Deiner Schöne voll Huld mit ewigen Thränen
515
Und mit bangen unsterblichen Seufzern, Erlöser, gegrüßet!
516
Wahrlich, in Deinem Gesicht sind Züge der himmlischen Unschuld,
517
Laute Zeugen von einer bewundernswürdigen Seele!
518
Ja, Du bist es! Dich hab' ich gesucht! Wie athmet die Ruhe,
519
Deiner Tugend Belohnung, aus Dir! ein Schauer befällt mich,
520
Da ich sehe die Ruh, die aus voller Seele Dir zuströmt.
521
Wende Dein Antlitz, oder ich muß wegsehen und weinen!«
522
Also sprach er. Indem er noch redete, wandte sich Petrus
523
Aengstlich gegen Johannes und rief, da er itzo erwacht war:
524
»ach, Johannes, ich sah in Traum den Meister! Er sah mich
525
Ernst mit Blicken voll Drohungen an, mit Blicken des Mitleids!«
526
Dieses vernahm der Seraph und blieb voll Verwunderung stehen.
527
Ihn umgab die Stille der Nacht, und er hörte von fern her
528
Durch die schauernde Stille wie eines Sterbenden Stimme.
529
Und er neigte sein forschendes Ohr nach dem Orte der Stimme,
530
Wo sie herkam, neigte sich tiefer und hörte sie werden
531
Immer trauervoller und fürchterlicher. Da stand er
532
Bang und erstaunt, da bebte sein Herz von diesen Gedanken:
533
»soll ich gehn und schauen den Mann, der dort mit dem Tode
534
Und mit Gedanken von jenem Gericht in schreckender Angst ringt?
535
Soll ich sehen das Blut des Erschlagnen? Vielleicht, daß er ruhig
536
In den Schatten der Nacht forteilete, stammelnde Kinder
537
An dem Halse der Mutter mit Vaterfreuden zu grüßen;
538
Da erschlug ihn ein laurender Feind, ein Mörder im Dunkeln!
539
Und es war doch vielleicht gekrönt sein Wandel mit Unschuld
540
Und sein Thun mit Weisheit geschmückt! Ach, soll ich ihn sehen?
541
Soll ich sehen des Sterbenden Angst, die brechenden Augen
542
Und die Todesblässe der Wangen, die jetzo verblüht sind?
543
Soll ich hören der Seufzer Getön, den rufenden Donner
544
Seiner Stimme, mit welcher er stirbt? Ach, Blut des Erschlagnen!
545
Furchtbares Blut des unschuldigen Manns, auch Du bist ein Zeuge
546
Wider mich vor jenem Gericht, das Erbarmung nicht kennet!
547
Auch ich habe zum Tode die Kinder Adam's verleitet.
548
Blut, Du Blut unschuldiger Menschen, das jemals vergossen
549
Ward und lange Jahrhunderte noch vergossen wird werden,
550
Laß von mir ab! Ich höre die Stimme, mit der Du donnerst!
551
Ach, ich höre Dein furchtbares Seufzen, mit dem Du zu Gott schreist,
552
Rache forderst und mich der ewigen Rache dahingiebst!
553
Ich muß schauen dahin, wo Deine Verwesungen ruhen!
554
Kinder Adam's, auf Euer Gebein, dahin muß ich schauen!
555
Mein Gewissen ergreift mein weggewendetes Antlitz
556
Wie ein Krieger, und wendet es, kehrt es dahin, wo die Todten,
557
Die auch ich erschlug, im stillen Grabe verwesen.
558
Todesstille, mich schauert vor Dir! Er kommt nicht in Stillem,
559
Nicht in dieser ruhenden Nacht, der gegen mich wüthet!
560
Donnernd geht er in Wolken daher, sein Schritt ist ein Wetter,
561
Seines Mundes Gespräch ist Tod, ist Gericht ohn' Erbarmen!«
562
Also dacht' er und nahte sich säumend des Sterbenden Stimme.
563
Jetzo sah er von fern den Messias; doch sah er sein Antlitz
564
Und die blutende Stirne noch nicht. Es lag der Messias
565
Auf dem Antlitz und betete still mit ringenden Händen.
566
Abbadona schwebte von fern am ruhenden Boden
567
Um den Messias herum. Indem trat Gabriel langsam
568
Aus den dichten Schatten hervor, in die er gehüllt war.
569
Abbadona bebte zurück. Der himmlische Seraph
570
Trat herzu und neigte sein Ohr zu dem Mittler herunter,
571
Hielt in dem ernsthinschauenden Auge, voll tiefer Ehrfurcht,
572
Eine menschliche Thräne zurück, stand denkend und hörte
573
Nach dem Messias herab, und mit dem Ohre, mit dem er,
574
Tausendmal tausend Meilen entfernt, den Ewigen wandeln
575
Hört und am Himmel herunter die Orionen in Jubel,
576
Hört' er das langsam wallende Blut des betenden Mittlers
577
Bang von Ader fließen zu Ader. Lauter vernahm er
578
In den Tiefen des göttlichen Herzens betende Seufzer,
579
Unaussprechliche, himmlische, sie, dem Ohre des Vaters
580
Mehr als aller Geschöpfe Gesang, die ewig ihn singen,
581
Herrlicher als die Stimme, die schuf, so erhaben ihm selber
582
Gott Jehovah erklingt, wenn er Jehovah sich nennet!
583
Also vernahm des Messias geheimes Leiden der Seraph.
584
Und er hub sich von ihm empor, trat schauernd seitwärts,
585
Faltete hoch die Hände zu Gott und schaute gen Himmel.
586
Abbadona blickte kaum auf, da er Gabriel sahe,
587
Ach, auf einmal über sich sah der Himmlischen Schaaren,
588
Ihrer Augen Gebet und ihres Schweigens Gedanken,
590
Und der Verworfene schauert' und senkte Blicke der Ohnmacht
591
Auf den Messias, der jetzt aus dem noch blutigen Staube
592
Und dem Todesschweiße sein Antlitz langsam emporhub.
593
Mit dem Anblick umströmt des Todes Nacht den Geschreckten.
594
Da er wieder zu denken vermag, da denket er also;
595
Jetzt verschließt er die bangen Gedanken; itzt läßt er sie jammernd
596
Durch die Schauer der Nacht in vollen Seufzern ertönen:
597
»o Du, der Du vor mir mit dem Tode ringest, wer bist Du?
598
Einer, vom Staube gebildet, ein Sohn der niedrigen Erde,
599
Die verflucht ward und, reif dem Gericht, vor dem letzten der Tage
600
Und dem offenen Grabe der alten Vergänglichkeit zittert?
601
Einer, von diesem Staube gebildet? Ja! doch es decken
602
Deine Menschheit Schimmer von Gott, was Höhres als Gräber
603
Und Verwesung redet Dein Auge! So ist nicht das Antlitz
604
Eines Sünders, so schaut er nicht hin, der Verworfene Gottes!
605
Du bist mehr als ein Mensch. In Dir sind Tiefen verborgen,
606
Deren Abgrund mir unsichtbar ist, Labyrinthe
607
Gottes! Ich seh' stets mehr in Dir. Wer bist Du? O, wende,
608
Wende Dein Auge von ihm, Verworfner! Ein schneller Gedanke
609
Trifft, wie ein Donner, auf mich, ein schreckender großer Gedanke!
610
Eine furchtbare Gleichheit erblick' ich. Verlaßt mich, verlaßt mich,
611
Ahndende Schrecken! umströmt mich nicht, Schauer des ewigen Todes!
612
Ach, er gleicht dem ewigen Sohn, der ehmals vom Thron her,
613
Hoch von dem Thron, auf Flügeln getragen des flammenden Wagens,
614
Donnernd über uns kam und dicht an unsere Fersen
615
Heftete seine Verderben und kein Erbarmen nicht kannte,
616
Da die Unsterblichkeit Fluch, das Leben ewiger Tod ward;
617
Da die Unschuld der Schöpfung mit allen Freuden des Himmels
618
Uns auf ewig entfloh, verloren ins Heer der Gerechten;
619
Da Jehovah nicht Vater mehr war. Ich wandte mein Antlitz
620
Einmal bebend herum und sah ihn hinter mir kommen,
621
Sah den furchtbaren Sohn, des Donnerers schauendes Auge.
622
Hoch stand er auf dem flammenden Wagen, die Mitternacht stand
623
Unten, unten der Tod. Ihn hatte gewaffnet mit Allmacht
624
Gott, mit Verderben gerüstet den Allbarmherzigen! Weh mir,
625
Wehe! den Schwung der strafenden Rechte, des Donnernden Wurf rief,
626
Bebte die bange Natur in allen Tiefen der Schöpfung
627
Schauernd nach! Ich sah ihn nicht mehr, mein Auge verlor sich
628
Tief in die Nacht. So schlummert' ich hin, durch Sturm und durch Donner
629
Hin und das Weinen der bangen Natur, im Gefühl der Verzweiflung
630
Und unsterblich! Noch seh' ich ihn, noch! Ihm gleichet das Antlitz
631
Dieses Mannes, im Staube gebückt, der mehr als ein Mensch ist.
632
Ist er, ach, ist er des Ewigen Sohn? der gegebne Messias?
633
Jener Richter? Aber er leidet, er ringt mit dem Tode!
634
Er, der stand auf dem Flammenwagen, ringt mit dem Tode!
635
Ohne Maaß ist die Angst, die seine göttliche Seele
636
Rings erschüttert, er jammert in Staube, die steigenden Adern
637
Bluten Todesangst. Ich, dem kein Jammer verdeckt ist,
638
Der ich alle Stufen der Qual und Verzweiflung hinabstieg,
639
Weiß mit keinem Namen die Angst der Seele zu nennen,
640
Die er fühlt, ihm mit keiner Empfindung nachzuempfinden
641
Diesen daurenden Tod! In tiefer, nächtlicher Ferne
642
Seh' ich neue Gedanken, voll wunderbarer Entdeckung,
643
Aber in Labyrinthe verirrt, sich gegen mich nähern.
644
Jener König des Himmels, der Sohn Jehovah, des Vaters
645
Ewiges Bild, stieg nieder vom Thron in einen Menschen?
646
Leidet jetzt für die Menschen? für seine sterblichen Brüder
647
Gehet er hin ins Gericht? Kann ich mich himmlischer Dinge
648
Recht noch erinnern, so hab' ich, habe von diesem Geheimniß
649
Einst was Dunkles im Himmel gehört. Auch zeuget es Satan
650
Durch das Schlangengezisch von seinen Reden und Thaten.
651
Und wie nahn die Engel sich ihm, wie betet ihr Antlitz
652
Und die gefaltete Hand vor ihm an! Auch scheint die Natur hier
653
Ueberall still zu schauern, als wäre Gott wo zugegen.
654
Wenn Du gehst ins Gericht für Deine sterblichen Brüder,
655
Wenn Du bist des Ewigen Sohn: o Sohn, so entflieh' ich,
656
Daß Du nicht, wenn Du mich siehst vor Deinen Füßen hier zittern,
657
Gegen mich zornig erwachst und auf Deinen Thron Dich erhebest.
658
Aber Du blickst mich nicht an; doch kennst Du mein innerstes Denken!
659
Darf ich, diesen Gedanken hinauszudenken, es wagen,
660
Dessen ersten Zittern ich fühle? Du wardst der Messias
661
Für die Menschen und nicht der Messias der höheren Engel.
662
Ach, wenn Du uns gewürdiget hättest, ein Seraph zu werden,
663
Und so über des Himmels Gefild' hinübergebreitet
664
Lägest, wie hier im Staube Du liegst, so in das Gericht gingst,
665
Unsertwegen in das Gericht des ewigen Vaters,
666
Faltetest so die Hände zu Gott, zu dem Thron so aufsähst:
667
O, wie wollt' ich alsdann mit aufgehobenen Händen
668
Gehen um Dich herum und mit Hallelujagesängen
669
Dich, mit der Stimme der Harfenspieler, Du Göttlicher, segnen!
670
Aber, weil Ihr es denn seid, die süßen Lieblinge Gottes,
671
Kinder Adam's, so fasse der Fluch mit ewigem Feuer
672
Jedes Haupt, das den Sohn zu verkennen, niedrig genug denkt,
673
Jedes Herz, das, seiner nicht werth, die Tugend entheiligt!
674
Die Ihr kommen werdet, Geschlechte so vieler Erlöster,
675
Wenn Ihr entehret das Blut, so von diesem Angesicht rinnet,
676
Sei es Euch zu dem Tode vergossen, zum ewigen Tode!
677
Ja, Euch mein' ich und nenn' Euch zugleich bei dem furchtbaren Namen,
678
Den Euch der Unerschaffene gab, unsterbliche Seelen,
679
Wenn nun auch in Euch das Vorgefühl des Gedankens
680
Mit dem erschütternden Graun der ernsten Ewigkeit strömet,
681
Dann er selber: daß Ihr gleich uns verworfen von Gott seid,
682
Von dem ersten und besten der Wesen, ewig verworfen!
683
Dann will ich auf die offenen Wunden der ewigen Seelen
684
Durch die Gefilde voll Elend und Nacht hinschauen und sagen:
685
Heil Dir, ewiger Tod, Dich segn' ich, Jammer ohn' Ende!
686
Zwar ihr Anschaun wird, die selige Ruh' der Erlösten,
687
Die mit weiserer Sorge durch Tugend der Ewigkeit lebten,
688
Wird von dem Himmel herab mich aus ihrer Herrlichkeit schrecken;
689
Doch will ich auf die offenen Wunden der ewigen Seelen
690
Durch die Gefilde voll Elend und Nacht hinschauen und sagen:
691
Heil Dir, ewiger Tod, Dich segn' ich, Jammer ohn' Ende!
692
Aus dem eisernen Arm der Hölle will ich mich reißen,
693
Gehn zu dem Throne des Richters und rufen mit donnernder Stimme,
694
Daß es die Erden umher und die Himmel alle vernehmen:
695
Ich bin ewig wie er! was hab' ich gethan, daß Du ihn nur,
696
Nur den menschlichen Sünder und nicht den Engel versöhntest?
697
Zwar Dich hasset die Hölle; doch
698
Einer, der edler gesinnt ist und nicht Dein Hasser, Jehovah!
699
Einer, der blutende Thränen und Jammer, der nicht gesehn wird,
700
Ach, zu lange vergebens, zu lange, Gott, vor Dir ausgießt,
701
Satt, geschaffen zu sein, und der bangen Unsterblichkeit müde!«
702
Abbadona entfloh. Es stand der Messias vom Staube
703
Jetzt das zweite Mal auf, der Menschen Antlitz zu sehen.
704
Und da sangen die Himmel: »Sie ist, der erhabensten Leiden
705
Zweite Stunde, die ewige Ruh den Heiligen brachte,
706
Jetzo ist sie vorübergegangen!« So sangen die Himmel.
707
Aber der Mittler verließ von Neuem die schlummernden Jünger,
708
Ging das dritte Mal hin, sich Dem zum Opfer zu geben,
709
Der mit gefürchtetem Arme noch stets die Wag' emporhielt,
710
Todesworte noch stets und des Weltgerichts Fluch aussprach.
711
Ueber ihn hing, da er litt, die Nacht von dem Himmel herunter,
712
Eine schreckliche Nacht. So hängt, vor dem richtenden Tage,
713
Dunkel von allen Himmeln dereinst die letzte der Nächte.
714
Dicht an sie drängt eilend der Tag sich heran. Der Posaune
715
Donnerhall ruft bald, bald rufet der Schwung der Gebeine
716
Und das rauschende Feld voll Auferstehung, vom Thron her
717
Jesus, der auch ein Todter einst war, zu der großen Entscheidung.
718
Aber es schaut' auf den Sohn von dem Tabor der Vater herunter,
719
Sah des ewigen Todes Geberd' in dem Antlitz des Sohnes.
720
Unten am Fuß des Berges, in mitternächtlicher Stille
721
Stand Eloa. Er hatte sein Haupt in Wolken verhüllet
722
Und die denkenden Blicke starr auf die Erde gerichtet.
723
Gott rief aus den Wolken herab: »Eloa!« Da eilte
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Schweigend ins Dunkle der Seraph hinauf und stand vor der Gottheit.
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Da sprach Gott zu Eloa: »Hast Du die Leiden gesehen,
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Die der Ewige litt? Geh, singe dem Sohn ein Triumphlied
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Von den Schaaren der Heiligen alle, durch Leiden des Todes
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Und mit Blute versöhnt, von dem Halleluja der Himmel,
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Wenn er König wird sein, zu der Rechte Gottes erhoben!«
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Zitternd erwidert der Seraph: »Wie aber soll ich Dich nennen,
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Wenn ich geh' zu dem Sohne, die göttliche Botschaft zu bringen?«
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Gott sprach: »Nenne mich Vater!« Mit tiefanbetendem Blicke
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Und mit heiliggefalteter Hand sprach Seraph Eloa:
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»aber wenn ich von Antlitz zu Antlitz, im blutigen Schweiße
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Und in die Leiden des Todes gehüllt, den Gottmensch sehe;
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Wenn ich seh' das Gericht in des Sohns erloschnen Geberde
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Und in der müden Geberde nur dunkel der Göttlichkeit Spuren:
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Werd' ich nicht sprachlos stehn? wird mir mein schlagendes Herz nicht
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Auch den leisesten Laut der himmlischen Lieder versagen?
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Werden mich selbst die Schrecknisse Gottes, die Bilder des Todes
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Nicht umschatten? und werd' ich vor ihm in dem Staube nicht liegen?
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Vater, sende mich nicht! Ich bin zu gering, dem Messias,
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Viel zu endlich, dem leidenden Sohn Triumphe zu singen.«
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Voller Huld sprach Gott: »Wer hub hoch über die Himmel
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Deinen feurigen Muth, wer gab Dir da Dein Triumphlied,
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Als an dem Tage des ersten Gerichts das Heer der Verworfnen
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Meine Donner verfolgten, Du auf den Flügeln der Donner?
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Wer ermannte Dein Herz, den Tod des Ersten der Menschen
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Und mit ihm alle Tode der Kinder Adam's zu sehen?
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Eil', ich führe Dich selbst! Und wenn Du mehr auch erzitterst
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In der Nähe des Richters der Welt, so wird er Dich lehren,
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Unter die zitternden Stimmen den Ton der Triumphe zu mischen!«
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Gott sprach so. Der Seraph ging fort mit dem Rauschen des Jordan's
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Und mit dem Wehen der Donner von Tabor. Er stieg an dem Oelberg
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Langsam herab. Ein furchtbarer Schauer nächtlicher Winde
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Trug ihm die betende Stimme des hohen Messias entgegen,
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Und ein stilles Zittern befiel den staunenden Seraph.
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Aber als er sah des Sterbenden Antlitz, den Blick sah
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Voller Gefühl des Gerichts, den Sohn, von dem Vater verlassen,
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Stand er, auf die Erde geheftet, des himmlischen Glanzes,
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Seiner Schönheit beraubt, nicht mehr der unsterbliche Seraph,
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Gleich dem Menschen von Erde gemacht. Der Gottversöhner
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Richtete Blicke der Hoheit auf ihn und lächelte Gnade.
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Mit dem Anblick ward des Himmels Schimmer dem Seraph
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Und der Unsterblichen Schöne von Neuem. Er hub wie am Throne
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Sich auf goldenen Wolken empor und sang aus den Wolken:
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»sohn des Vaters, von welchem Gedanken erweckte Dein Blick mich!
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Heil mir! Ich bin gewürdiget worden, Dir nachzuempfinden,
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Was Du empfindest, von ferne zu schaun des Versöhners Gedanken,
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Die in der Stunde der bängsten Erniedrung der Göttliche denket.
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Ueber Euch senkt sich die Decke der tiefsten Geheimnisse nieder,
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Ganze Himmel voll Nacht, der Einsamkeit Gottes Umschattung,
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Hüllen Euch ein, kein Endlicher sah Euch, Gedanken der Gottheit!
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Und ich bin gewürdiget worden, von fern Euch zu schauen,
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Aus der gemeßnen Endlichkeit Kreis hinüber zu blicken,
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Ich, ein kurzer Gedanke des Unerschaffnen, ein Tropfen
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In der Schöpfungen Meer, gleich einer Sonne, die aufgeht,
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Einem Staube zu leuchten, der schwimmt und Erde genennt wird!
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Heil mir, daß ich geschaffen bin! Heil, daß Ihr ewig seid! Heil Euch,
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Vater und Sohn! Und Ihr, die meine Seele noch füllen,
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Die mit der Stille der Gegenwart Gottes noch über mich kommen,
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Heilige Schauer, fahrt fort, aus meiner Endlichkeit Grenzen
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Mich hinüber zu tragen ans Dunkle der Herrlichkeit Gottes!
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Ganz empfind' ich, was einst die Auferstehenden fühlen!
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Wie aus diesem tiefen Erstaunen der Mittler mich weckte,
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Adam's Geschlecht, so weckt er Dich einst! Dies freudige Zittern,
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Diese Wonne des ewigen Lebens wird über Dich kommen!
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Sitzen wird dann auf dem Throne, der hier in dem Staube gebückt liegt,
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Einen langen furchtbaren Tag das Gericht der Gerichte
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Halten, vollenden den Bund, durch diese Leiden gestiftet!
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O, mit welchem Gefühl der neuen Schöpfung, wie selig
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Werden, die Du versöhntest, Dich dann auf dem Thron des Gerichts sehn,
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Deine schimmernden Wunden, der Liebe Zeugen, der Liebe
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Bis zu dem Tod am Kreuze, mit betendem Auge betrachten
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Und Dir feiren, Dir Halleluja der Ewigkeit singen!
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Dann wird schweigen vor ihnen der Todesengel Posaune
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Und der Donner am Thron. Es wird die Tiefe sich bücken,
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Und gefaltete Hände die Höh' zu dem Richter erheben,
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Wird der letzte der Tage den stillverlöschenden Schimmer
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Vor dem Throne der Ewigkeit niedersenken, und Du wirst
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Deine Gerechten um Dich versammeln zu Deinem Anschaun,
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Daß sie Dich sehn, wie Du bist! Sie werden's fühlen und jauchzen,
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Daß sie Unsterbliche sind und des ewigen Lebens Gedanken,
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Weil Du sie liebest, erst ganz in seiner Hoheit empfinden.
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Also saget Er, den des Himmels Heere Jehovah,
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Rächer nennen, die er verwarf, der Vater sich Dir nennt.«
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Also sang Eloa vom Himmel. Es schaute der Gottmensch
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Sanft dem preisenden Seraph ins Angesicht, sanfter auf Tabor.
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Aber noch daurte das ernste Gericht, die bängsten der Leiden
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Ueber ihn auszugießen und kein Erbarmen zu kennen.
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Und er neigte sich tief, rang seine Hände gen Himmel
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Und verstummte. So windet ein Lamm, geschlachtet am Altar,
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Sich in seinem Blut. So lag, umströmt von des Himmels
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Ihm nun nächtlichen Wolken, umströmt von Blute, so neigte
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Abel sich, als er entschlief und seinen Vater nicht sahe.
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Alle Seraphim, welche bis jetzt den Versöhnenden hatten
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Angeschaut mit halbgewendetem bebenden Antlitz,
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Konnten den Gottmensch nicht, nicht diese Todesangst mehr
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Sehen, fühlten die Endlichkeit, wandten sich ganz und entflohen.
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Gabriel nur blieb stehn und verhüllte sich. Auch Eloa
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Blieb, sank, neigte sein Haupt in eine trübere Wolke.
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Und die Erde stand still. Der Richter richtete. Dreimal
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Bebte die Erde, zu fliehn, und dreimal hielt sie Jehovah.
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Jetzt erhub sich vom Staube der Erd' als Sieger der Gottmensch;
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Jetzo sangen die Himmel: »Sie ist, der erhabensten Leiden
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Dritte Stunde, die ewige Ruh den Heiligen brachte,
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Jetzo ist sie vorübergegangen!« So sangen die Himmel.
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Und Gott wandte sein Antlitz und stieg zu dem ewigen Thron auf.