Kaiphas aber lag, nach Satan's dunklem Gesichte

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Friedrich Gottlieb Klopstock: Kaiphas aber lag, nach Satan's dunklem Gesichte Titel entspricht 1. Vers(1759)

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Kaiphas aber lag, nach Satan's dunklem Gesichte,
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Noch voll Angst auf dem Lager, von dem die Ruhe geflohn war,
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Schlief bald Augenblicke, dann wacht' er wieder und warf sich
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Ungestüm, voll Gedanken, herum. Wie tief in der Feldschlacht
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Sterbend ein Gottesleugner sich wälzt; der kommende Sieger
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Und das bäumende Roß, der rauschenden Panzer Getöse
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Und das Geschrei und der Tödtenden Wuth und der donnernde Himmel
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Stürmen auf ihn; er liegt und sinkt mit gespaltetem Haupte
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Dumm und gedankenlos unter die Todten und glaubt zu vergehen;
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Dann erhebt er sich wieder und ist noch, denket noch, fluchet,
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Daß er noch ist, und spritzt mit bleichen, zuckenden Händen
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Himmelan Blut; Gott fluchet er, wollt' ihn gerne noch leugnen.
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Also betäubt sprang Kaiphas auf und ließ die Versammlung
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Aller Priester und Aelt'sten im Volk schnell zu sich berufen.
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Mitten im hohen Palast war ein weiter Saal der Versammlung,
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Aus des erhabenen Libanon's Hain Salomonisch erbauet.
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Dort versammelten sich die Priester und Aeltesten Juda's,
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Mit den Aeltesten Joseph von Arimathäa, ein Weiser
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Unter der ganzen entarteten Nachwelt des göttlichen Abram's,
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Von der Zahl der übergebliebenen wenigen Edlen.
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Still wie der friedsame Mond in der hohen, dämmernden Wolke
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Ueber uns wallt, so ging in diesen Versammlungen Joseph.
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Auch kam Nikodemus, ein Freund des Messias und Joseph's.
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Kaiphas trat jetzt herrisch hervor und ergrimmt' und sagte:
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»endlich, Ihr Väter Jerusalem's, müssen wir etwas beschließen
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Und mit gewaltigem Arm den Widersacher vertilgen;
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Oder er führet es aus, was er wider uns lange schon aussann,
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Und wir halten vielleicht heut unsere letzte Versammlung!
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Ja, dies Priesterthum Gottes, das Gott auf Sinai selber
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Durch den größten Propheten des Enkels Enkel gesetzt hat,
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Das in der langen Gefangenschaft selbst Babylon's Thürme,
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Das in der Waffen Sturm die schrecklichen sieben Hügel
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Nicht zu erschüttern vermochten, das wird ein sterblicher Seher,
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Israel, uns, dem Tempel des Herrn zur Schande, vertilgen.
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Ist nicht Jerusalem sein? Sind nicht die Städte Judäa's
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Sclavinnen ihres vergötterten Sehers? Entfliehet das Volk nicht
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Abergläubisch und blind dem Tempel weiserer Väter,
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Seine verführenden Wunder in weitentlegenen Wüsten
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Anzustaunen, die Wunder, die Satan durch ihn gethan hat?
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Und was blendet wol mehr? was ist dem staunenden Pöbel
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Wunderbarer, als wenn er sogar Gestorbne vom Tode,
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Oder vielmehr ohnmächtige Kranke vom Schlummer erwecket?
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Unterdeß sind wir ruhig und warten, wenn uns sein Anhang
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In der Empörungen Wuth vor seinen Augen erwürgt hat,
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Daß er uns auch von den Todten erwecke! Ja, Väter, Ihr seht mich
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Stumm und erstaunend an! Könnt Ihr noch zweifeln? Ja, zweifelt,
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Zweifelt nur und schlummert! Es rief ihn Juda zum König
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Niemals aus! Das wißt Ihr nicht! Niemals bestreut' es mit Palmen
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Ihm den Weg! Nie haben sie ihm Hosianna gesungen!
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Daß Du statt Hosianna den Fluch des Ewigen hörtest!
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Daß im betäubten Ohre Dir des Donnerers Stimme
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Statt des Triumphtons schallte! daß tief in dem Thore des Todes
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Könige Dir von dem eisernen Stuhl aufstünden, die Kronen
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Niederlegten, mit bitterem Spott Hosianna Dir riefen!
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Ja, unwürdige Väter des Volks (verzeihet dies Wort mir,
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Welches ergrimmt in heiligem Zorn mein wüthender Geist sprach!)
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Nicht die Klugheit allein, noch viel was Höhres gebeut uns,
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Gott gebeut uns, ihn schnell von dem Antlitz der Erde zu tilgen!
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Vormals redete Gott durch offenbarende Träume
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Unseren Vätern. Entscheidet, ob nicht auch Kaiphas Träume,
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Die Gott sendet, gesehn hat? Ich lag (voll Todesgraun war
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Mir die Nacht) auf dem Lager und dachte dem endlichen Ausgang
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Dieser neuen Empörungen nach. Das dacht' ich und schlief dann
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Unentschlossen und kummervoll ein. Da war ich in Traume
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In dem Tempel und eilte, mit Gott das Volk zu versöhnen.
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Schon floß Blut der Opfer vor mir; ich ging anbetend
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Schon in das Allerheiligste Gottes; ich hatte den Vorhang
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Schon eröffnet, da sah – noch beben mir alle Gebeine,
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Gottes Schreckniß fällt noch auf mich wie tödtend herunter –
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Aron sah ich im heiligen Schmuck mit drohender Stirne
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Gegen mich kommen. Sein Auge voll Feuer, von göttlichem Grimm voll,
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Tödtete! Siehe, der Brust Bild, voll gewaltiger Strahlen,
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Blitzte wie Horeb auf mich! Der Cherubim Fittige rauschten
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Fürchterlich her von der Bundeslade! Auf einmal entfiel mir
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Schwindend mein Hohespriestergewand wie Asch' auf die Erde.
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»fleuch!« rief Aron mit schreckendem Ton, »Du des Priesterthums Schande,
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Fleuch! Elender, Dir sag' ich, daß Du die heilige Stätte
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Künftig nicht mehr als Priester des Herrn verwegen entheiligst.
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Bist Du es nicht« – hier sah er mich grimmig mit tödtendem Blick an,
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Wie man herab auf den Todfeind blickt und lieber ihn würgte –
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»bist Du es nicht, Unwürdiger, Du, der jenen Verruchten,
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Jenen entsetzlichen Mann ungestraft das Heiligthum lästern,
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Meinen Bruder, Moses, und mich und Abraham schmähen
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Und die Sabbathe Gottes mit feiger Trägheit entweihn sieht?
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Geh, Elender, damit Dich nicht schnell, wo Du ferner verweilest,
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Gottes Gnadenstuhl mit dem heiligen Feuer verzehre!«
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Also sagt' er. Ich floh und kam mit zerfliegenden Haaren
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Und mit Asch' auf dem Haupte, gewandlos, entstellt und verwildert
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Unter das Volk. Da stürmte das Volk und wollte mich tödten.
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Da erwacht' ich. Drei Stunden voll Qual, drei ängstliche Stunden
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Hab' ich seitdem wie sinnlos im Todesschweiße gelegen.
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Und noch beb' ich, noch zittert mein Herz von geheimem Schauer,
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Und, der Stimme beraubt, erstarrt mir die Zung' im Munde!
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Er muß sterben! Von Euch, versammelte Väter, erwart' ich,
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Wie er sterben soll, schleunigen Rath!« Mit starrendem Blicke
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Stand er hier sprachlos. Endlich erwacht' er wieder und sagte:
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»besser tödten wir Einen, als daß wir Alle verderben!
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Aber auch dieses gebeut die Weisheit: die Tage des Festes
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Muß er nicht sterben, daß ihn sein sklavischer Pöbel nicht schütze.«
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Kaiphas schwieg. Kein Laut, noch Geräusch von Redenden wurde
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Durch die Versammlung gehört. Sie blieben Alle verstummend
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Sitzen und wie von dem Donner gerührt, hinstarrende Lasten.
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Joseph sah die herrschende Stille. Da wollt' er für Jesus,
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Ihn zu vertheidigen, reden; allein ein gefürchteter Priester,
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Seine Wuth, mit welcher er schnell zu reden hervortrat,
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Schrecken ihn. Philo war des Priesters Name. Noch hatt' er
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Nie von Jesus geredet, zu stolz, vor der Reife der Sachen
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Unentscheidend zu reden. Ihn hielten Alle für weise,
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Kaiphas selbst; doch haßt' ihn der pharisäische Philo.
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Der stand auf. Sein tiefes und melancholisches Auge
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Funkelte. Jetzo sprach er mit zorniggeflügelter Stimme:
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»kaiphas! Du wagst es, uns hohe, göttliche Träume
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Herzuerzählen, als wüßtest Du nicht, daß der Ewige niemals
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Wollüstlingen erscheinen, daß heimlichen Sadducäern
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Wol kein Geist was verkündigen wird. Entweder Du leugst uns,
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Oder Du sahst das Gesicht; Gott ließ so tief sich herunter!
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Ist da Erste, so zeigst Du Dich Deiner römischen Staatskunst
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Und des erhandelten Priesterthums werth; und, wär' auch das Letzte,
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Hoherpriester! so wisse, daß Gott, Verbrecher zu strafen,
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Sonst auch täuschende Geister zu falschen Propheten gesandt hat.
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Daß der Sklav' von Jesabel's Baal, daß Ahab verderbe,
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Daß nicht länger zu Gott das Blut des Getödteten rufe,
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Steigt ein Todesengel vom Thron und giebt den Propheten
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Falsche Prophezeiung! und siehe, die rollenden Wagen
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Trugen den sterbenden Ahab zurück. Er starb, und sein Blut floß
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Hin in das Feld, wo Nabot erwürgt ward, ins Feld, wo Gott stand,
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Und der Todesengel vor Gott des Mordenden Blut goß.
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Aber Dein Traum gebeut ja, den Widersacher zu strafen!
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Du hast keinen gehabt! doch mit Weisheit hast Du erfunden.
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Aber zitterst Du nicht, da ich den furchtbaren Namen
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Eines Todesengels Dir nenne? Vielleicht, daß ein solcher
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Schon Dein bald zu vergießendes Blut vor des Ewigen Thron wägt!
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Nicht, als ob ich für schuldlos hielte den schuldigen Jesus!
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Gegen den Nazaräer bist Du ein kleiner Verbrecher!
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Du entweihest das Heiligthum nur; er will es zerstören!
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Ihm ist in der richtenden Wage, die oft Verbrecher,
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Oft schon hochgethürmte Bezwinger der Völker zu leicht fand,
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Eh er wurde, sein Blut zum gewissen Tode gewogen!
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Er soll sterben! und ich, ich will es mit meinen Augen
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Sehen, wenn er erstarrt! Von dem Hügel, wo er erwürgt wird,
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Will ich Erde mit Blute bedeckt ins Heiligthum tragen
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Oder noch rauchende Steine von Blut an dem hohen Altare
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Niederlegen, Abraham's Volk ein ewiges Denkmal!
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Niedrige Furcht, die uns beugt, den wankenden Pöbel zu scheuen!
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Kleinmuth, nicht von den Vätern gelernt! Wofern wir dem Donner,
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Gottes rächendem Donner zuvorzukommen nicht eilen,
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Wird mit ihm uns Gott zerschmettern! Mit brechendem Auge
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Werden wir's sehn, wenn er stirbt, und unrein neben ihm sterben!
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Fürchtete Der aus Thisba den Pöbel, die Priester zu würgen,
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Als der schlafende Baal zu keinem Wetter erwachte?
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Oder vertraut' er ihm mehr, so vom Himmel Feuer ihm sandte?
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Stehen auch keine Wetter uns bei, so will ich allein mich
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Unter das Volk hinstellen! Und Weh Dem unter dem Volke,
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Der sich wider mich auflehnt, sagt, der Leichnam des Träumers
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Blute nicht Gott zu Ehren! Ihn soll die ganze Gemeine
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Steinigen, sendet mein schauender Blick ihr Winke zum Tode!
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Vor den Augen Israel's, vor dem Antlitz der Römer
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Soll der Empörer sterben! Dann wollen wir stolz im Gerichte
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Sitzen und lautfeirend zu Gottes Heiligthum einziehn.«
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Philo sprach dies und ging mit hocherhobenem Arme
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Vorwärts in die Versammlung und stand und rufte von Neuem:
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»seliger Geist, wo Du jetzo auch bist, wenn Du, himmlisch bekleidet,
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Neben Abraham ruhst und um Dich Propheten versammelst,
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Oder wenn Du vielleicht in Deiner Kinder Versammlung
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Würdigest einzukehren und unter Sterblichen wandelst,
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Moses' Geist! Dir schwör' ich, bei jenem ewigen Bunde,
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Den Du, gelehrt von Gott, aus donnernden Wettern uns brachtest:
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Ich will eher nicht ruhn, als bis Dein Hasser erwürgt ist!
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Als bis ich von des Nazaräers vergossenem Blute
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Volle Hände zum hohen Altar der Dankenden bringe
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Und sie über mein Haupt, das lange schon grau war, erhebe!«
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Also sagt' er und feur'te sich an, zu wähnen, die Gottheit
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Decke getünchte Gräber nicht auf; doch nannte sein Herz ihn
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Heuchler! Er fühlt' es und stand mit unverrathendem Auge
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Vor der Versammlung. Von Grimm und von übermannender Wuth voll,
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Lehnt' an seinen goldenen Stuhl sich Kaiphas nieder
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Und erbebte. Ihm glühte das Antlitz. Er schaut' auf die Erde
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Sprachlos, starr. Ihn sahn die Sadducäer und standen
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Gegen Philo mit Ungestüm auf. Wie tief in der Feldschlacht
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Kriegrische Rosse vor eisernen Wagen sich zügellos heben,
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Wenn die klingende Lanze daherbebt, fliegend dem Feldherrn,
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Den sie zogen, den Tod trägt, dann blutathmend zur Erd' ihn
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Stürzt. Sie wiehern empor und drohn mit funkelndem Auge,
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Stampfen die Erde, die bebt, und hauchen dem Sturm entgegen.
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Jetzo hätt' in der Wuth sich schnell die Versammlung getrennet,
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Wäre nicht unter ihnen Gamaliel aufgestanden.
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Heitre Vernunft erfüllte sein Antlitz. Der Weisere sprach so:
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»wenn in diesem Sturme des grimmigen Zorns die Vernunft noch
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Etwas vermag, ist Weisheit Euch lieb, so höret mich, Väter!
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Wenn der ewige Zwist stets wieder unter Euch aufwacht,
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Wenn Pharisäer und Sadducäer, wenn diese Namen
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Ewig Euch trennen, wie werdet Ihr da den Propheten vertilgen?
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Doch Gott sendet vielleicht die eifersüchtige Zanksucht
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Unter Euch, Väter, weil er es seinem hohen Gerichte
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Vorbehalten, zu sprechen dem Nazaräer sein Urtheil.
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Lasset, Väter, Gott sein Gericht! Ihr möchtet zu schwach sein,
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Seinen Donner zu tragen, und unter den mächtigen Waffen,
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Denen die Himmel erzittern, in niedrigen Staub hinsinken.
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Schweigt Ihr vor Gott und hört der Stimme des kommenden Richters
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Still entgegen! Er wird bald reden, und seine Stimme
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Wird von dem Aufgang hören die Erd' und dem Untergange.
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Spricht Gott zu dem Gewitter: »Zerschmettr' ihn!« und zu dem Sturme:
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»hauche sein sinkend Gebein wie Staub in alle vier Winde!«
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Oder zum blinkenden Schwert: »Auf, waffne rächende Hände,
205
Trinke des Sünders Blut!« gebeut er der Erd' Abgründen:
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»thut Euch auf und verschlingt ihn!« so ist er der schuldige Träumer!
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Aber wenn er durch himmlische Wunder die Erde zu segnen
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Fortfährt; wenn der Blinde durch ihn zu der Sonne sein Antlitz
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Freudig erhebt und mit sehendem Aug' auf den leitenden Vater
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Staunend blickt (verzeiht mir, wofern ich, entflammt von der Größe
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Seiner Thaten, vielleicht nach Eurem Sinn zu erhaben
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Von ihm rede); wenn Tauben das Ohr sich der Stimme des Menschen
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Wieder öffnet, wenn es die Rede des segnenden Priesters
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Wieder vernimmt und die Stimme der Braut und die weinende Mutter
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Und das feirende Chor und die Hallelujagesänge;
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Wenn durch ihn die Todten dahergehn, gegen uns zeugen,
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Ach, gen Himmel weinen mit wieder lebendem Auge,
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Göttlichzürnend auf uns herblicken, ihr Grab uns zeigen
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Und mit jenem Gericht uns drohn, vor dem sie schon waren;
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Wenn er, welches noch göttlicher ist, untadelhaft fortfährt,
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Vor uns zu leben; wenn er mit seiner mächtigen Tugend
222
Wunder thut und Gott gleicht, ach, so beschwör' ich Euch, Väter,
223
Beim lebendigen Gott, sprecht, sollen wir ihn verdammen?«
224
Also sagt' er. Itzt strahlt die erhabene Mittagssonne
225
Ueber Jerusalem nieder. Um die Zeit nahte sich Judas,
226
In die Versammlung der Priester zu gehn. Vor ihm wandelten Satan
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Eilendes Tritts und Ithuriel her, und sie standen im Saale
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Neben den Priestern und sahn ungesehn in die tiefe Versammlung.
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Aber Nikodemus saß und betrachtete schweigend
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Aller Antlitz. So wie ein Mann, der ein Sünder ist, zitternd
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Stehet und bleich wird, wenn über ihm nah der Donner des Herrn ruft,
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Also war die Versammlung. Auch Philo und Kaiphas schienen
233
Vor Gamaliel's Weisheit zu zittern. Mit Furcht und Verachtung
234
Sahe sie Nikodemus, stand auf und wagt' es, zu reden.
235
Hochgebildet, ein Mann von menschenfreundlichem Ansehn,
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Stand er. Wehmuth und Ernst erfüllte des Denkenden Antlitz,
237
Und die Ruh' des empfindenden, unbefleckten Gewissens
238
Sprach sein ganzes Gesicht. Sein treuer Zeuge, das Auge,
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Weint' und verbarg nicht die Thränen. Er glaubt', er spräche vor Menschen.
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Also sagt' er: »Gesegnet sei mir, Gamaliel, ewig
241
Unter den Männern! Gesegnet sei, Du Theurer, die Rede
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Deines Mundes! Es hat Dich der Herr zum Helden gesetzet
243
Und ein schneidendes Schwert in Deinen Mund Dir gegeben!
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Noch bebt unser Gebein, das Deine Rede getheilt hat!
245
Noch sinkt unser ohnmächtiges Knie! Noch decket Dunkel
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Unser Auge! Noch sehen wir Gott in strafenden Wettern,
247
Daß die Empörer wider sein Thun des Staubs sich erinnern,
248
Der sie gebar! Der Gott, der diese Weisheit Dich lehrte,
249
Der ein Herz des Entschlusses Dir und männlichen Muth gab,
250
Schütze, Gamaliel, Dich! Der gottgesandte Messias
251
Sei auch Dein Messias und Deines Samens Messias!
252
Aber Euch, Euch segnen, die Gottes erhabnen Propheten
253
Also verfolgen? Philo, Dich nicht! Dich, Kaiphas, auch nicht!
254
Weinen kann ich vor Euch, wenn anders die Stimme des Weines
255
Eurem Herzen hörbar noch ist, und wenn für die Unschuld
256
Menschlich vergossene Thränen noch Eure Seele bewegen!
257
Jetzo klagt noch der Thränen Stimme, zu retten die Unschuld.
258
Höret sie, Väter! Ist erst ihr heiliges Blut vergossen,
259
O, dann ruft wie die Wetter Gottes erhabner die Stimme
260
Ihres vergossenen Bluts; sie ruft und steigt in den Himmel
261
Zu des Ewigen Ohr. Der wird sie hören und kommen
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Und im Gericht ohn' Erbarmen um den Getödteten rechten:
263
»juda, Juda, wo ist Dein Messias?« Und wenn er nicht da ist,
264
Wird er vom Aufgang her bis zum Niedergange vertilgen
265
Alle Männer des Bluts, die seinen Heiligen würgten.«
266
Also trat er zurück. Noch saß mit drohendem Auge
267
Philo da und erbebte vor Wuth und grimmigem Zorne
268
In sich selber und zwang sich aus Stolz, den Zorn zu verbergen.
269
Aber er zwang sich umsonst. Sein Blick war dunkel, und Nacht lag
270
Dicht um ihn her, und Finsterniß deckte vor ihm die Versammlung.
271
Jetzo mußt' er entweder ohnmächtig niedersinken,
272
Oder sein starrendes Blut auf einmal feuriger werden
273
Und ihn wieder mächtig beleben. Es hub sich und wurde
274
Feuriger, und von dem hochaufschwellenden Herzen ergoß sich's
275
In die Mienen empor. Die Mienen verkündigten Philo.
276
Sieh, er sprang auf und riß sich aus seiner Reih' und ergrimmte.
277
So, wenn auf unerstiegnem Gebirg ein nahes Gewitter
278
Furchtbar sich lagert, so reißet sich eine der nächtlichsten Wolken,
279
Mit den meisten Donnern bewaffnet, entflammt zum Verderben,
280
Einsam hervor. Wenn andre der Ceder Wipfel nur fassen,
281
Wird sie von einem Himmel zum anderen waldichte Berge,
282
Wird hochthürmende, nicht absehbare Königsstädte
283
Tausendmal donnernd entzünden und sie in die Trümmer begraben.
284
Philo riß sich hervor. Ihn sahe Satan und sagte
285
Bei sich selber: »O, sei mir zu Deiner Rede geweihet!
286
Wie wir unten im Abgrund weihn, so weih' ich Dich, Philo!
287
Gleich gefürchteten Wassern der Hölle ströme sie wild hin!
288
Stark, wie das flammende Meer! Wie vom Hauch der Donner geflügelt,
289
Die mein Mund spricht, wenn er gebeut! Wie je in dem Abgrund
290
Menschenfeindlich, mit Grimm an seinen unendlichen Bergen
291
Von den Göttern hinuntergeredet ward, daß die Ströme
292
Horchend es lernten und um sich herum den Strömen erzählten:
293
So sprich, Philo! so führe dies Volk im Triumphe gebunden!
294
Also denke! so fließe Dein Herz von Empfindungen über,
295
Derer sich, wär' er ein Mensch, selbst Adramelech nicht schämte!
296
Sprich dem Nazaräer den Tod! Ich will Dich belohnen
297
Und Dein Herz mit der Hölle Freuden, sobald Du sein Blut siehst,
298
Ganz erfüllen und, kommst Du zu uns, Dein Führer werden
299
Und zu den Seelen Dich führen, die Helden waren und würgten!«
300
So sprach Satan für sich, und Seraph Ithuriel hört' ihn.
301
Aber Philo stand da, schaut' ernst gen Himmel und sagte:
302
»blutaltar, wo Gott das Lamm der Versöhnung gebracht wird,
303
Und Ihr anderen hohen Altäre, wo vormals die Opfer,
304
Gott ein süßer Geruch, sich unentheiligt erhuben!
305
Und Du Allerheiligstes selbst! Du Lade des Bundes!
306
Und Ihr Cherubim, Todesengel! Du Stuhl der Gnade,
307
Wo, von den Menschen unangefeindet, der Ewige vormals
308
Saß und über Verbrecher aus heiligem Dunkel Gericht hielt!
309
Tempel des Herrn, den Gott mit seiner Herrlichkeit füllte!
310
Und Du, Hörer der göttlichen Stimmen, Moria! Moria!
311
Wenn Euch der Nazaräer verwüstet, Euch diese Verworfnen,
312
Diese Männer der Bosheit, geführet von dem Empörer,
313
Mit verwüsten, so bin ich an der Verwüstung nicht schuldig!
314
Bin unschuldig, wenn unsere Kinder mit ängstlichem Blicke
315
Und mit bebendem Knie, mit bangzerrungenen Händen
316
Gehn und den Gott der Väter in seinem Heiligthum suchen,
317
Ihn nicht finden! sich Throne der Nazaräer gesetzt hat,
318
Wo Gott über den Cherubim saß! wenn vor Aller Antlitz
319
Götzensklaven dem Sünder entweihendes Räuchwerk bringen,
320
Wo der Vorhang hing, wo sonst nur der Hohepriester,
321
Betend, mit verhülltem Gesicht, zu dem Gnadenstuhle
322
Hintrat! Laß mich, Gott, den Jammer nicht sehn und mein Auge
323
Eher brechen, als dieser Gräul der Verwüstung Dein Volk trifft!
324
Aber, was ich noch thun kann, dem nahen Verderben zu wehren,
325
Dieses thu' ich vor Gott! Hier steh' ich vor Deinem Antlitz!
326
Hör', Gott Israel, mich, wenn Du je in dem Himmel gehört hast,
327
Was von Dir auf der Erd' ein Mensch in dem Staube gefleht hat!
328
Traf auf Elias' Gebet die gesandten Mörder des Königs
329
Feuer vom Himmel, und fraß es sie weg von dem Gipfel des Karmel's;
330
Riß, da Moses Dich bat, in ihre Tiefen die Erde
331
Korah lebend und Dathan hinab und die Abiramiden:
332
O, so hör', Gott Israel, mich! Ich fluche den Männern,
333
Die Dich schmähn und den Sünder, der Moses' Feind ist, beschützen.
334
Nikodemus, Dein Ende sei, wie das Ende des Träumers!
335
Und Dein Grab, wie das Grab des Empörers, unter den Mördern,
336
Welche fern vom Altar und dem Tempel gesteiniget werden!
337
Hart sei Dein Herz, wenn Du stirbst, ununterwürfig der Gottheit!
338
Thränenlos sei Dein Auge! Das Weinen müss' ihm versagt sein,
339
Willst Du zu Gott Dich sterbend bekehren, weil Du geweint hast,
340
Einen Verruchten zu schützen, und weil Dein dienstbares Auge
341
Wider den Ewigen stritt und unheilige Thränen herabgoß!
342
Auch Du schützest den Träumer, Gamaliel! Finsterniß decke
343
Und entsetzliches Dunkel das Auge Dir! Sitze dann, warte
344
Auf die Hilfe des Nazaräers und schmachte vergebens!
345
Taubheit schließe Dein Ohr! ein schreckliches Ende Dein Leben!
346
Lieg' dann und harre, daß Dich der Nazaräer erwecke!
347
Lieg' und verwes' und harr' umsonst! Und wenn Du dem Pöbel,
348
Der ihn, wie Du, anstaunt, in dem letzten Traume noch sagtest:
349
»merket darauf, er wird mich erwecken!« so trete der Pöbel
350
Auf Dein Grab und spotte daselbst des Propheten und Deiner!
351
Vor dem Gerichte steh' Dein Geist dann und höre sein Urtheil!
352
Heb' empor den gefürchteten Arm und schlage den Sünder,
353
Schlage Nikodemus, Gott, und vollende die Flüche,
354
Die ich zu Ehren Dir that! Den Andern, der nebst ihm das Knie bog,
355
Leg' auch ihn in den Staub, Gamaliel, hin, wo der Tod wohnt!
356
Aber Deinen grimmigen Zorn, worunter der Erde
357
Berge, gehst Du daher, worunter die Höll' erzittert,
358
Deine Donner, die rings um Dich her, Unendlicher, donnern,
359
Nimm und schlag' den schwärzeren Sünder, den Nazaräer!
360
Ich bin jung gewesen und bin zum Greise geworden,
361
Habe Dir stets nach der Weise der Väter gedient und geopfert;
362
Aber, lässest Du, Gott, den Jammer den Sterbenden sehen,
363
Daß der Empörer von Nazaret siegt, Dein ewiger Bund nichts,
364
Daß nichts mehr Dein Heiligthum gilt und Dein Eid und Dein Segen,
365
Den Du Abraham schwurst und nach ihm den Abrahamiden:
366
So entsag' ich hiermit vor dem Antlitz des ganzen Judäa
367
Deinem Recht und Gesetz, so will ich ohne Dich leben!
368
Ohne Dich soll mein sinkendes Haupt in die Grube sich legen!
369
Ja, wenn Du von der Erd' Antlitz den Träumer nicht wegtilgst,
370
Siehe, so erschienest Du Moses nicht! war es ein Blendwerk,
371
Was er im heiligen Busch an dem Fuße des Horeb erblickte!
372
Stiegest Du zu der Höh' des Sina nicht wunderbar nieder!
373
Keine Posaune klang! kein Donner! so bebte der Berg nicht!
374
Unsere Väter und wir sind seit undenkbaren Zeiten
375
Unter den Völkern der Welt die beweinenswürdigsten Menschen!
376
Weh uns! so ist kein Gesetz! so bist Du Israel's Gott nicht!«
377
Philo sprach's, trat grimmig zurück. Allein Nikodemus
378
Stand mit unverwendetem Antlitz. So wie ein Mann steht,
379
Welcher den Unterdrücker erduldet und in sich den Vorzug
380
Und die Erhabenheit seiner Tugend und Unschuld empfindet;
381
Ernst ist in seinem Gesichte, tief in der Seele der Himmel.
382
Jetzo dachte der göttliche Mann voll Gedanken der Ehrfurcht
383
An die heilige Nacht, wo allein mit ihm der Messias
384
Von der Ewigkeit sprach und von den Geheimnissen Gottes,
385
Wo er in Tiefsinn mit Mienen voll Seele, mit himmlischem Lächeln
386
Neben ihm stand und sprach. Er sah sein Antlitz voll Gnade
387
Und den mehr als menschlichen Geist der göttlichen Augen,
388
Sah die Enthüllung der Unschuld des Paradieses, erhabne,
389
Strahlende Züge des ewigen Bildes, den Sohn des Vaters.
390
Also stand er stillanbetend, zu selig, vor Menschen
391
Sich noch zu fürchten. Mächtiges Feuer, ein Schauer vom Himmel
392
Hub ihn empor. Ihm war, als ständ' er vor Gottes Anschaun,
393
Vor der Versammlung des Menschengeschlechts und dem Weltgerichte.
394
Auf ihn schaute die ganze Versammlung. Sein Auge voll Ruhe,
395
Voll des unwiderstehlichen Feuers der furchtbaren Tugend,
396
Schreckte die Sünder. Sie fühlten ihn grimmvoll. Er zwang sie; sie hörten.
397
»heil mir, daß mein Auge Dich, Du Göttlicher, schaute!
398
Heil mir, daß ich der Väter Hoffnung, den Retter, erblickte!
399
Welchen zu sehn in dem Hain zu Mamre schon Abraham oftmals
400
Einsam seufzte! den David, der Mann zum Beten geschaffen,
401
Gern aus des Vaters Arm herunter hätte gebetet!
402
Den die Propheten, in Staube gebückt, mit Thränen verlangten,
403
Die Gott sammelt' und zählte! den uns Unwürdigen Gott gab!
404
Ja, Du zerrissest die Himmel umher, Du eiltest hernieder
405
Unter Dein Volk, es zu segnen, Du Eingeborner des Vaters,
406
Oder, wie diese Männer Dich nennen, Du Träumer und Sünder!
407
Ach, unschuldiger Mann, wer sind sie, die also Dich nennen?
408
Und wenn hast Du Lügen geträumt? wenn hast Du gesündigt?
409
Stand er nicht vor dem Gesicht der versammelten Israeliten?
410
Standst Du nicht, Philo, dabei? und rief er nicht also und sagte:
411
Wer kann einer Sünde mich überzeugen? Wo war da,
412
Philo, der grimmige Zorn auf diesen Lippen der Lästrung?
413
Warum standest Du, stand um Dich her Dein Haufen so sprachlos?
414
Erst war überall herrschendes Schweigen und wartende Blicke,
415
Wilde Gesichte voll Freude, Gesichte, von sorgender Furcht voll.
416
Still und verstummend stand die Versammlung und wartete, bis sich
417
Einer erhüb' und wider ihn zeugte. Da aber nicht Einer
418
Unter dieser dichten Versammlung unzählbarer Menschen
419
Wider den Göttlichen aufstand und zeugte, da hub sich die Stimme
420
Vom zusegnenden Volk von allen Seiten gen Himmel,
421
Daß Moria davon, und des Oelbergs waldichte Gipfel
422
Von der Stimm' erbebten, der rufenden, drangen die Blinden
423
Und die vormals Tauben herzu und dankten und jauchzten.
424
Siehe, da kam ein unzählbares Volk, das er wunderbar vormals
425
Speist' in den Wüsten, und eilt' und dankte dem Menschenfreunde.
426
Da rief unter dem Volk mit lauter Stimme der Jüngling,
427
Den er vor Nain's Thoren erweckte, der rief und sagte:
428
»du bist mehr als ein Mensch! Du bist kein Sünder geboren!
429
Gottes Sohn, der bist Du! Die Hand, die ich gegen Dich strecke,
430
War mir erstarrt! Dies Auge, das weint, Dir, Göttlicher, zuweint,
431
War mir geschlossen! Auch sie, die Dir jauchzend betet, die Seele
432
War nicht bei mir! Sie trugen mich hin zu dem Grabe der Todten.
433
Aber Du gabest der starrenden Hand, Du gabest dem Auge
434
Leben und Feuer! Ich sah von Neuem die Erd' und den Himmel
435
Und die zitternde Mutter bei mir! Du riefest die Seele
436
Wieder zurück! Sie trugen nicht mehr zu dem Grabe den Jüngling!
437
Du bist mehr als ein Mensch! Du bist kein Sünder geboren!
438
Heil mir, Du bist des Ewigen Sohn! der Verheißne! die Wonne
439
Deiner Mutter! die Wonne der Erde, die Du erlösest!«
440
Also rief er. Allein Du standest und sahst zu der Erde.
441
Warum verstummtest Du so vor dem Antlitz des ganzen Judäa,
442
Philo? Doch was erzähl' ich dies hier? Ihr wißt es ja Alle!
443
Hättest Du Augen zu sehn und Ohren zu hören, und wäre
444
Nicht Dein Verstand mit Dunkel umhüllt und Dein Herz voll Bosheit,
445
O, Du hättest in ihm den Sohn des ewigen Vaters
446
Lang' erkannt! Und wärst Du hierzu zu niedrig gewesen,
447
Hättest Du Gott doch gescheut und tief in dem Staube gewartet,
448
Bis ihn vom Himmel herab der Richtende losgesprochen,
449
Oder über sein Haupt dem Untergange gerufen.
450
Religion der Gottheit! Du heilige Menschenfreundin!
451
Tochter Gottes, der Tugend erhabenste Lehrerin, Ruhe,
452
Bester Segen des Himmels, wie Gott, Dein Stifter, unsterblich!
453
Schön wie der Seligen einer! und süß wie das ewige Leben!
454
Schöpferin hoher Gedanken! der Frömmigkeit seligster Urquell!
455
Oder wie sonst Dich die Seraphim, Unaussprechliche, nennen,
456
Wenn Dein ewiger Strahl in edlere Seelen sich senket;
457
Aber ein Schwert in des Rasenden Hand! des Bluts und des Würgens
458
Priesterin! Tochter des ersten Empörers! nicht Religion mehr!
459
Schwarz wie die ewige Nacht! voll Grauns wie das Blut der Erwürgten,
460
Die Du schlachtest und über Altären auf Todten dahergehst!
461
Räuberin jenes Donners, den des Richtenden Arm sich
462
Vorbehalten; Dein Fuß steht auf der Hölle, Dein Haupt droht
463
Gegen den Himmel empor; wenn ungestalt des Verbrechers
464
Seele Dich macht, wenn das Herz des Menschenfeindes Dich umschafft
465
Zur Abscheulichen! Religion! Den lehrtest Du würgen?
466
Ohne den Du nicht wärst, den Deine göttlichsten Kinder
467
Sangen, eh Du zu den Menschen kamst, entheiligt zu werden,
468
Deinen Stifter zugleich und Deinen göttlichen Inhalt,
469
Religion! Den lehrtest Du würgen? Das lehrest Du uns nicht!
470
Das ist ferne von Dir, die Du des Ewigen Kind bist,
471
Friedensstifterin! Heil! Bund Gottes! ewiges Leben!
472
Meine Seele bewegt sich in mir, mein bebendes Knie sinkt;
473
Schwermuth und Mitleid und Angst erschüttern mir die Gebeine,
474
Wenn ich dies Alles in ernsten Betrachtungen überdenke.
475
Und ein Schauer vor Menschen, ein Graun vor Denen, die Gott schuf,
476
Ueberfällt mich, so oft ich es denke, wie wenig Ihr dieses
477
Bei Euch empfindet, wie niedrig Ihr seid, nur menschlich zu fühlen,
478
Wie ohnmächtig, zu sondern die Religion und die Mordsucht!
479
Und wie pöbelhaft klein, die lichten Strahlen der schönen
480
Und der liebenswürdigen Unschuld nur dunkel zu sehen!
481
Zwar was sorget die Unschuld, von Euch gesehen zu werden!
482
Gott sieht sie, der Himmel mit Gott! Sie wird nicht erzittern,
483
Wenn sie der niedrige Sünder verdammt! Wenn Seraphim dastehn
484
Und sie bewundern, ihr hoch von dem Himmel der Ewige lächelt;
485
Wenn dann wir in unserer Heimath niedrigem Staube
486
Stehn und wider sie zeugen, wie klein und verachtungswürdig
487
Stehen wir da und zeugen! Und wenn in dem Weltgerichte,
488
Wenn dereinst vor der ganzen Versammlung erwachender Todter
489
Seraphim gegen uns wandeln und stehn und wider uns zeugen;
490
Wenn die Stimme der Cherubim ruft und, auf uns herdonnernd,
491
Gottes Heilige nennt, Gott redet und die Gerechten
492
Zu sich in hohem Triumph zu seiner Herrlichkeit einführt,
493
O, wie werden wir da den Hügeln flehen: »Bedeckt uns!«
494
Und den Bergen: »Fallt auf uns her!» und den Meeren: »Verschlingt uns!«
495
Und »Vernichte Du uns!« dem Verderben, »daß Die uns nicht sehen,
496
Die wir verdammten! daß sie uns nicht sehn, die schrecklichen Frommen!
497
Daß uns der Vater so furchtbarer Kinder in Zorne nicht anschau'!«
498
Stärke mich, großer Gedanke, Gedanke vom Weltgerichte!
499
Sei mir ein Gottesberg, zu dem ich entfliehe, wenn nun mich,
500
Sterbender Mittler, Dein letzter, letzter Anblick erschüttert.
501
Ach, ich fühl' es zu sehr, wie meine Seele bewegt wird,
502
Welch zweischneidiges Schwert auf meinen Scheitel daherblinkt,
503
Wenn ich Deinen nahenden Tod von ferne betrachte!
504
Ach, vergebens erhöhest Du mir, erhabner Gedanke,
505
Meine Seele! dem fühlenden Herzen, dem Herzen voll Mitleids,
506
Voll von Jammer, voll Angst, sind Deine Donner nicht hörbar.
507
Du sollst sterben, Du göttlicher Jüngling! Du, welchen mein Arm hielt,
508
Als Du ein Knabe noch warst; umschlossen hielt Dich mein Arm da,
509
Drückte Dich an mein Herz mit freudigem, stillen Erstaunen!
510
Um Dich standen die Weisen herum und hörten Dich lehren
511
Und bewunderten Dich! O, damals stand auch der Himmel,
512
Aus den ewigen Pforten zu Legionen gegossen,
513
Um Dich herum und hörte Dich lehren und jauchzte Dir Lieder!
514
Siehe, Du wecktest Todte! Dein Auge gebot den Gewittern,
515
Und die Gewitter gehorchten Dir gern. Da ruhte der Sturmwind.
516
Du erhubest Dich, gingest daher; da sanken die Wasser,
517
Wie Gebirge, vor Dir und wurden Ebnen. Da gingst Du
518
Auf den schweigenden Wassern. Die Himmel sahen Dich wandeln.
519
Du sollst sterben? So stirb denn! Ist's Deines erhabenen Vaters
520
Heiliger Rathschluß, stirb! Ich aber will weinend gehen
521
An Dein Grab, zu dem heiligen Quell der Bethlehemiten,
522
Wo Dich Maria gebar; da will ich weinen und sterben,
523
Bester der Menschen! Du Gottessohn! Du Engel des Bundes!
524
Theurer Jüngling! Mein Ende sei wie Dein Ende! Mein Grab sei
525
Neben dem Grabe dieses Gerechten! nah den Gebeinen,
526
Die in Sicherheit ruhn und dem ewigen Leben erstehen!
527
Doch was säumet mein Fuß, aus dieser Versammlung zu gehen?
528
Heilig und rein, der geh' ich hinaus! Gott hat mich gehöret!
529
Rein des gerechten, unschuldigen Bluts! Nun rufe zu Dir mich,
530
Richter der Welt; denn ich habe kein Theil an dem Rathe der Sünder!«
531
Also spricht er und bleibt noch stehn, fällt nieder und betet:
532
»der Du vor Abraham warst, Messias, sei Du mein Zeuge
533
An dem Tage des Weltgerichts! Dich bet' ich als Gott an!«
534
Stand dann auf und red'te zu Philo. Sein Antlitz war heiter,
535
Wie der Seraphim Angesicht ist. »Du hast mir gefluchet;
536
Aber ich segne Dich, Philo! Der hat's mich also gelehret,
537
Den ich als Gott anbetete. Philo, vernimm mich und kenn' ihn!
538
Wenn Du nun sterben willst, Philo; wenn jetzt des Unschuldigen Blut Dich
539
Schreckt und auf Dich wie ein Meer sich herabstürzt; Deinem Ohr nun
540
Wie ein Wetter des Herrn der Rache Stimmen ertönen;
541
Wenn Du dann wirst hören um Dich durch das Dunkle dahergehn
542
Gottes Tritt, den eisernen Gang des wandelnden Richters
543
Und der entscheidenden Wagschal' Klang, des blinkenden Schwerts Schlag,
544
Welches er wetzt, sein Geschoß, von dem Blute der Grausamen trunken;
545
Wenn von dem Angesicht Gottes die Todesangst ausgehet,
546
Dich erschüttert, und nun ganz andre Gedanken die Seele
547
Ueberströmen, und um Dein starres, sterbendes Auge
548
Lauter Gericht ist; Du Dich alsdann vor dem tödtenden Richter
549
Windest und krümmst, mit bebender Angst lautweinend zu Gott flehst
550
Um Erbarmung, so höre Dich Gott und erbarme sich Deiner!«
551
Also sagt er und geht durch sie hin. Ihn begleitete Joseph.
552
Aber Ithuriel sah Nikodemus, den göttlichen Mann, gehn.
553
Da erhub sich der Seraph und schwebt' in hoher Entzückung
554
Mit weitausgebreiteten Armen. Des Denkenden Auge
555
Schaute voll Wonne gen Himmel empor, und göttliches Lächeln
556
Hellte die selige Stirn, und unaussprechliche Freude
557
Floß um sein Haupt, da er schwebte. So wie der Himmlischen Einer,
558
Der als Wächter Liebende schützt, die edler sich lieben,
559
Tief verloren in seiner Entzückung, auf blühenden Hügeln,
560
Stehet am ewigen Thron, indem Eloa vor Gott singt
561
Und der tönenden Harfe die höhere Sprache gebietet.
562
Von der Belohnung der Tugend, vom Wiedersehen der Freunde
563
Und der Liebenden singt dann Eloa. Der andere Seraph
564
Stehet entzückt. Die Harfe tönt fort mit geflügelten Stimmen,
565
Schlag auf Schlag, Gedank' auf Gedanke. Der hörende Jüngling
566
Jauchzt und zerfließt im Gefühle der Freuden, die Namen nicht nennen.
567
Also stand Ithuriel da und sprach zu sich selber:
568
»welche Seligkeit wird nach des Mittlers Tode Dich krönen,
569
Wenn Du noch mehr so erhabene Seelen, o Menschengeschlecht, hast,
570
Und nun bald die Christen so sind wie dieser Gerechte!«
571
Also sagt er und achtet nicht Satan, ihn hören zu lassen,
572
Was er sagt. Doch Satan sah ihn in seiner Entzückung
573
Und empfand den gewissen Triumph des erhabneren Seraph's.
574
Nikodemus ging bei dem Arimathäer und sagte,
575
Als er von ihm sich wandte: »Du aber schämtest Dich seiner,
576
Theurer Joseph!« Das ging ihm durchs Herz. Der frömmere Joseph
577
Hatte geheim schon geweint, daß er unentschlossen verstummt war.
578
Zitternd ging er von Nikodemus, vermochte vor Wehmuth
579
Nicht zu sprechen. Er hub nur den Blick voll Unschuld gen Himmel.
580
Nikodemus ließ die Versammlung in tiefem Erstaunen
581
Und auf den Tag des Gerichts mit Wunden der Seele gebrandmarkt,
582
Wunden, deren Gefühl sie jetzt zu betäuben sich zwangen,
583
Aber die offen einst sind, weit offen, den Tag der Vergeltung
584
Ewig zu bluten, wenn dann nicht mehr der Zeuge betäubt wird,
585
Den der Richter der Welt in das Herz des Menschen gesandt hat.
586
Alle schwiegen. Es hätte sich jetzt die Versammlung getrennet,
587
Wär' Ischariot nicht, des Gehaßten Jünger, gekommen.
588
Judas Ischariot ward hereingeführet. Sie sahn ihn
589
Voll Verwundrung die Reih'n der tiefen Versammlung vorbeigehn
590
Und mit ruhiger Miene dem Hohenpriester sich nähern.
591
Der empfing ihn und neigte sein lächelndes Antlitz auf Judas.
592
Judas spricht insgeheim mit dem Hohenpriester. Der kehrt sich
593
Zu der Versammlung und sagt: »Noch sind in Israel übrig,
594
Die ihr Knie vor dem Götzen nicht beugen. Der Mann ist sein Jünger
595
Und doch muthig genug, das Gesetz der Väter zu halten.
596
Er verdienet Belohnung.« Ischariot nahm die Belohnung.
597
Und erfüllt vom Stolze, daß ihn die Väter so ehrten,
598
Ging er aus der Versammlung. Nur war ihm der Lohn zu geringe.
599
Doch ermuntert' er sich mit der Hoffnung, mehr zu besitzen,
600
Hätt' er mit Weisheit und Eifer die That erst ausgeführet.
601
Philo sah den Vorübergehenden, haßt' ihn. Daß Einer
602
Von den Geringen des Volks an seiner Ehre den Antheil
603
Haben sollte, das quält' ihn. Doch sah er mit winkendem Lächeln
604
Nieder auf ihn und feuert' ihn an, sein Werk zu vollführen.
605
Lange schaut' er Ischariot nach. So schaut dem Erobrer,
606
Eilt er zur Schlacht, der erste der Mörder mit Spott und Triumph nach.
607
Dieser war's, so den Helden gesetzte Grausamkeit lehrte
608
Und in ihm das Gefühl der Menschenliebe betäubte.
609
Jetzo flattert der Traum des ewigen Ruhms um sein Auge;
610
Blühende Lorbeer umwinden des Siegers Stirne. Nur Menschen,
611
Die, den Unsterblichen nachzuahmen, Thiere wie er sind,
612
Hält er schätzbar. Es fliegt der Löwe, Tod zu gebieten.
613
Schon ertönen ihm süß in dem Ohre des eisernen Feldes
614
Dumpfe Gewitter; er hört unerweicht der Sterbenden Winseln
615
Und vergißt, daß auch ihn zu der Liebe das Christenthum einlud,
616
Und der Donner auch ihn mit den Todten dereinst zum Gericht weckt.
617
Judas, vom Aug' und dem Wunsche des Pharisäers begleitet
618
Und in goldene Träume vertieft, ging, Jesus zu suchen.
619
Jesus kommt aus den Schatten des nahen Kidron und wandelt
620
Durch die Palmen im Thal. Er sieht Jerusalem liegen
621
Und den Tempel, sein Bild, sieht seiner Feinde Versammlung
622
Und der Christen erste. »Seht da die Zeugin!« so sprach er
623
Zu den Jüngern, »ich weine nicht mehr um Jerusalem's Kinder.
624
Schaut der Heiligen Gräber! Die Alle hat sie getödtet.
625
Aber von ihren Söhnen sind viel', die werden einst mein sein,
626
Meine Zeugen mit Euch! Jetzt will ich ruhig den Rathschluß
627
Meines Vaters vollenden. Bald wird Euch Alles enthüllt sein.
628
Gehet, Petrus, und Du, Johannes, Beide zur Stadt hin.
629
Euch wird in Jerusalem's Mauer ein Jüngling begegnen;
630
Einen Wasserkrug trägt dieser Jüngling und sieht sich
631
Oft nach Euch um und liebt die beiden Fremdlinge. Folgt ihm,
632
Wo er hingeht. Kommt Ihr ins Haus, so sagt dem Bewohner:
633
Unser Lehrer sendet uns her, das Fest hier zu feiren.
634
Und der redliche Mann wird auf den oberen Saal Euch
635
Eilend führen. Der ist schon bereitet.« Es fanden die Jünger
636
Alles so und ließen das Lamm zu dem Mahle bereiten.
637
Petrus verweilte sich nicht, das Mahl bereiten zu sehen,
638
Eilt' auf den hohen Söller des Hauses und schaute mit Sehnsucht
639
Nach der Seite der Stadt, die auf Bethanien führte,
640
Jesus kommen zu sehn. Da er so mit geflügeltem Blicke
641
Jede Ferne durcheilt, da sieht er die liebende Mutter
642
Seines Messias, begleitet von wenigen Freunden, dahergehn.
643
Müd' und voll Schmerz – sie hatte den Sohn nun Tage gesuchet,
644
Lange Nächte geweint – doch durch den Schmerz nicht entstellet,
645
Ging die hohe Maria, unwissend der eigenen Würde,
646
Die ihr die Unschuld gab und strenge Tugend bewachte,
647
Reines Herzens, vom Stolz nicht entehrt, die menschlichste Seele,
648
Werth, wenn es Eine der Sterblichen war, der Töchter von Eva
649
Erstgeborne zu sein, wär' Eva unschuldig geblieben,
650
Hoch wie ihr Lied, holdselig wie Jesus, und geliebet
651
Von dem Sohne. Sie kam mit Freunden, die immer ihr folgten.
652
Lazarus, den der Messias vor Kurzem vom Tod erweckte,
653
Lazarus, himmlisch gesinnt und gewiß des ewigen Lebens,
654
Ging am Nächsten bei ihr. Sein niederschauendes Auge
655
Schauete Tiefsinn her, mit einer Hoheit vereinet,
656
Die, unaussprechlich der Sprache des Menschen, nur sterbende Christen
657
Fühlen und durch ihr Lächeln im Tode beim Namen sie nennen.
658
Lazarus dachte den Tod und die Auferstehung vom Tode,
659
Da er zu dem Messias, wie zu des Ewigen Anschaun,
660
Aus dem Staube, gefaßt von dem Schauer Gottes, heraufstieg.
661
Seine Schwester, Maria, die fromme Hörerin Jesus',
662
Die, in ihrer Unschuld und Ruh vor ihn hingegossen,
663
Da den ewigen Theil zu seinen Füßen erwählte,
664
Diese folgte dem himmlischen Bruder. Ihr ruhiges Antlitz,
665
War mit Todesblässe bedeckt. In dem Auge voll Wehmuth
666
Hielt sie die rührendste Thräne zurück, die jemals geweint ward.
667
Von Nathanael, ihrem Geliebten, dem Jesus den Namen
668
Des Rechtschaffenen gab, zu ihrem himmlischen Bruder,
669
Welcher gestorben und ihr von den Todten wiedergekehrt war,
670
Zitterten hin und her des heiligen Mädchens Gedanken.
671
Ruhig fühlt sie den kommenden Tod. Um Nathanael's willen,
672
Nur um ihres himmlischen Bruders, um Lazarus' willen,
673
Trauert sie wegen der Blässe, von der die Gespielinnen reden.
674
Neben ihr ging die sittsame Cidli, die Tochter Jairus'.
675
Still in Unschuld waren ihr kaum zwölf Jahre verflossen,
676
Als sie, dem jungen Leben entblühend, heiter und freudig
677
In die Gefilde des Friedens hinüberschlummerte. Todt lag
678
Cidli vor dem Auge der Mutter. Da kam der Messias,
679
Rief sie aus dem Schlummer zurück und gab sie der Mutter.
680
Heilig trägt sie die Spuren der Auferstehung; doch kennt sie
681
Jene Herrlichkeit nicht, mit der ihr Leben gekrönt ist,
682
Nicht die zartaufblühende Schönheit der werdenden Jugend,
683
Noch ihr himmlisches Herz, Dir, edlere Liebe, gebildet.
684
So ging, da sie erwuchs, der Israelitinnen schönste,
685
Sulamith, als die Mutter am Apfelbaume sie weckte,
686
Wo sie die Tochter gebar, in der Kühle des werdenden Tages.
687
Sanft rief sie der schlummernden Tochter, mit lispelnder Stimme
688
Rief sie: »Sulamith!« Sulamith folgte der führenden Mutter
689
Unter die Myrrhen und unter die Nacht einladender Schatten,
690
Wo in den Wolken süßer Gerüche die himmlische Liebe
691
Stand und in ihr Herz die ersten Empfindungen hauchte
692
Und das verlangende Zittern sie lehrte, den Jüngling zu finden,
693
Der, erschaffen für sie, dies heilige Zittern auch fühlte.
694
So geht Cidli. Sie hängt an der Hand der Hörerin Jesus'.
695
Und mit lockichtem, fliegenden Haar, in der Blume des Lebens,
696
Schön wie der Jüngling David, wenn er an Bethlehem's Quelle
697
Saß und entzückt in der Quelle den großen Allmächtigen hörte;
698
Aber nicht lächelnd, wie David, begleitet die sittsame Cidli
699
Semida, den von dem Tode bei Nain der Göttliche weckte.
700
Aber die Mutter Jesus' erhub ihr Antlitz und sahe
701
Petrus stehn. Da eilte sie schnell, den Messias zu finden.
702
Petrus war in den Saal heruntergegangen und kam ihr
703
Mit Johannes entgegen. Sie sahen sie kommen und staunten,
704
Als sie sie sahen. So viel sprach von der Hoheit des Geistes
705
Ihre Bildung! So hatte sie Der mit Würde bekleidet,
706
Der, eh er Mensch ward, Schöpfer war und wieder es sein wird,
707
Wenn er neue, nicht sterbliche Leiber den ewigen Seelen
708
Aus dem Staube der Auferstehung wird heißen hervorgehn!
709
Ihre Begleiterinnen, die unter den Töchtern Judäa's
710
Zwo der liebenswürdigsten waren und werth, von der Mutter
711
Ihres Propheten geliebt und übertroffen zu werden,
712
Gingen neben Maria mit sanfter, vertraulicher Demuth.
713
Wie vor allen Bergen Judäa's Tabor hervorragt,
714
Er, der Zeuge der Herrlichkeit Jesus' – zwar ruhet auch Sion
715
Lieblich vor Gott; zwar nahm den erhabnen Messias der Oelberg
716
Oft, wenn er rang in Gebet; zwar trägt die Stirne Moria's
717
Hoch das Allerheiligste Gottes und zittert darunter –
718
Aber vor allen Bergen Judäa's ist Tabor doch herrlich,
719
Tabor, verbreitet vor Gott, ein Zeuge der hohen Verklärung.
720
Also war unter den heiligen Frauen die hohe Maria.
721
Als sie bei den geliebteren Jüngern Jesus nicht sahe,
722
Blieb sie in Wehmuth stehn. Da sie zu reden vermochte,
723
Wandte sie gegen Johannes ihr Antlitz und lächelte weinend:
724
»den mein Arm getragen, der oft mit kindlichem Blicke
725
An mein Herz sich geneigt hat – ich zittre, Sohn ihn zu nennen!
726
Denn er ist viel zu erhaben für eine sterbliche Mutter,
727
Viel zu wunderthätig und groß, von Maria geboren
728
Und geliebet zu sein – wo ist, o theurer Johannes,
729
Ach, wo ist er, des Ewigen Sohn? Ich hab' ihn schon lange
730
Ueberall ängstlich gesucht, daß er nicht nach Jerusalem komme,
731
In die entheiligte, wüthende Stadt. Sie wollen ihn tödten!
732
Ach, sie wollen ihn tödten, den meine Hände getragen
733
Haben, meine Brüste gesäugt, der weinenden Augen
734
Mütterlich angeblickt, als er ein blühendes Kind war.«
735
Sanft erwidert der fromme Johannes: »Er hat uns geboten,
736
Hier ihm ein Mahl zu bereiten, das Lamm des Bundes zu schlachten.
737
Bald wird er selbst von Bethania kommen. Erwart' ihn, Maria!
738
Rede mit ihm, wenn er kommt, was dann Dein Herz Dir gebietet,
739
Das so mütterlich ist, so würdig unsers Propheten!«
740
Alle schwiegen, und Lazarus' Schwester, die Hörerin Jesus',
741
Neigte sich sanft an ihre geliebtere Cidli; zu Cidli
742
Trat itzt Semida näher; doch schwieg er und sah zu der Erde.
743
Diese kannte den Schmerz, der lange schon Semida's Herz traf,
744
Und sie blickte seitwärts ihn an und sah die Empfindung
745
Seiner Seel' in dem Auge voll Wehmuth, sahe die Hoheit,
746
Welche mit Zügen der Himmlischen schmückt die leidende Tugend.
747
Da zerfloß ihr das Herz und lispelte diese Gedanken:
748
»edler Jüngling! Um mich bringt er sein Leben mit Wehmuth,
749
Seine Tage mit Traurigkeit zu! Ach, war ich's auch würdig,
750
Daß Du so himmlisch mich liebst, war's Deine Cidli auch würdig?
751
Lange schon wünsch' ich, die Deine zu sein und von Dir zu lernen,
752
Wie sie so schön ist, die selige Tugend, Dich innig zu lieben,
753
Wie zu der Väter Zeit die Töchter Jerusalem's liebten,
754
Wie ein jugendlich Lamm um Deine Winke zu spielen,
755
Gleich den Rosen im Thal, die der frühe Tag sich erziehet,
756
So in Deiner reinen Umarmung gebildet zu werden,
757
Dein zu sein und Dich ewig zu lieben! Du Frohste der Mütter,
758
Warum gebotest Du doch das himmlische strenge Gebot mir?
759
Aber ich schweig' und gehorche der Weisheit der liebenden Mutter
760
Und der Stimme Gottes in ihr! Dem bin ich gewidmet!
761
Ich bin auferstanden, gehöre zu wenig der Erde,
762
Sterbliche Söhn' ihr zu geben! Nur Du mußt Deine Betrübniß,
763
Deine zärtlichen Klagen, Du edler Jüngling, auch mindern!
764
Würde doch meinem Leben der Trost noch einmal gegeben,
765
Daß ich in Deinem Gesicht das süße Lächeln erblickte,
766
Da Du keine Thränen noch kanntest, als Thränen der Freude,
767
Da Du ein Knabe noch warst, und ich dem schmeichelnden Arme
768
Deiner Mutter entfloh, hinüber in Deinen zu eilen!«
769
Also denkt sie. Es bricht ihr das Herz, sie kann sich nicht halten,
770
Stille Thränen zu weinen. Es sah sie Semida weinen,
771
Ob sie gleich mit dem fließenden Schleier ihr Auge bedeckte.
772
Semida geht still aus der Versammlung, und da er hinauskömmt,
773
Sieht er mit traurigem Angesicht nieder und denkt bei sich selber:
774
»warum weint sie? Ich konnte sie länger weinen nicht sehen;
775
Denn es brach mir mein Herz! Zu theure, zärtliche Thränen,
776
Schöne Thränen, so still, so zitternd im Auge gebildet!
777
Wäre nur
778
Immer um sie! Mein Leben voll Qual, mein trauriges Leben
779
Ist noch immer von ihr ein einziger langer Gedanke!
780
O Du, welches in mir unsterblich ist, dieser Hütte
781
Hohe Bewohnerin, Seele, von Gottes Hauche geboren,
782
Du des Erschaffenden Bild, der nahen Ewigkeit Erbin,
783
Oder wie sonst Dich bei Deiner Geburt die Unsterblichen nannten,
784
Red', ich frage Dich, lehre Du mich! enthülle das Dunkle
785
Meines Schicksals! öffne die Nacht, die über mich herhängt!
786
Red', antworte mir! ich frage Dich! Müde, zu weinen,
787
Müde bin ich, zu trauren in dieser Wehmuth mein Leben!
788
Warum, wenn ich sie seh', die vielleicht zur Unsterblichkeit aufstand,
789
Oder, ferne von ihr und nicht um Cidli, sie denke,
790
Warum fühl' ich alsdann im überwallenden Herzen
791
Neue Gedanken, von denen mir vormals keiner gedacht war?
792
Bebende, ganz in Liebe zerfließende, große Gedanken!
793
Warum weckt von der Lippe Cidli's die silberne Stimme,
794
Warum vom Aug' ihr Blick voll Seele mein schlagendes Herz mir
795
Zu Empfindungen auf, die mit dieser Stärke mich rühren?
796
Die sich rund um mich her, wie in hellen Versammlungen, drängen,
797
Jede rein wie die Unschuld, und edel wie Thaten des Weisen?
798
Warum decket der Schmerz mit mitternächtlichem Flügel
799
Dann mein Haupt und begräbt mich hinab in die Schlummer des Todes,
800
Wenn ich, sie liebe mich nicht, den trüben Gedanken entfalte?
801
Ach, dann wall' ich am Grabe, dem ich so nah war, und weine
802
Meinen Jammer. Mir horcht die schauernde Todesstille.
803
Oft will ich dann mit gewaltigem Arm den Kummer bestreiten;
804
Meine Seele versammelt in sich die Empfindungen alle,
805
Welch' ihr von ihrer hohen Geburt und Unsterblichkeit zeugen.
806
Sei, so red' ich sie an, sei wieder Dein, die himmlisch,
807
Die Du bist unsterblich erschaffen! So red' ich ihr Hoheit
808
Und Standhaftigkeit zu; sie aber verstummt, sich zu trösten,
809
Schaut auf ihre Wunden herab und weinet und zittert.
810
Warum bin ich's allein, der, ungeliebet, auf ewig
811
Liebt? Was erhebt sich mein Herz, auch über die edelsten Herzen,
812
Groß und elend zu sein? Was ist es in mir, das noch immer
813
Sie bei dem Namen mir nennt, will ich ihr Gedächtniß vertilgen?
814
Welche Stimme Gottes ist das, die mit heiligem Lispeln
815
Und mit Harmonien, den zärteren Seelen nur hörbar,
816
Meinem Herzen leise gebeut, sie ewig zu lieben?
817
Und so will ich denn ewig Dich lieben, wie schweigend Du mir auch,
818
Wie verstummend Du bist! Ach, da ich es, Cidli, noch wagte,
819
Zitternd zu denken, Du seist mir geschaffen, wie still war mein Herz da!
820
Welche Wonnen erschuf sich mein Geist, wenn Cidli mich liebte!
821
Welche Gefilde der Ruh um mich her! O, darf ich noch einmal,
822
Süßer Gedanke, Dich denken? und wird Dich mein Schmerz nicht entweihen?
823
Du warst, Himmlische, mein! durch keine kürzere Dauer
824
Als die Ewigkeit mein! Das nannt' ich für mich geschaffen!
825
Jeder Tugend erhabneren Wink, der unsichtbar mir sonst war,
826
Lernt' ich durch Deine Liebe verstehn! Mit zitternder Sorgfalt
827
Folgte mein Herz dem gebietenden Wink. Die Stimme der Pflichten
828
Hört' ich von fern! Ihr werdendes Lispeln, ihr Wandeln im Stillen,
829
Ihren göttlichen Laut, wenn Keiner sie hörte, vernahm ich!
830
Und nicht umsonst! Wie ein Kind voll Unschuld, mit biegsamen Herzen,
831
Folgt' ich dem leichten Gesetz der sanftgebietenden Stimme,
832
Daß ich Deinen Besitz, die Du mir theurer als Alles,
833
Was die Schöpfung hat, warst, durch keinen Fehl nicht entweihte.
834
Welche Gabe warst Du mir von Gott! Wie dankt' ich dem Geber,
835
Daß ich, wie auf Flügeln, von Deiner Unschuld getragen,
836
Näher dem Liebenswürdigen kam, der so schön Dich gebildet,
837
Der so fühlend mein Herz und Deins so himmlisch gemacht hat!
838
Wie mit dem Lächeln ihrer Entzückungen Deine Mutter,
839
Da Du geboren warst, über Dir hing, und wie sie sich neigte
840
Ueber Dein Antlitz mit Todesangst, da Du ihrer Umarmung
841
Still entschlummertest, sie den Schall der kommenden Füße
842
Noch nicht hörete, noch nicht die Stimme des Helfers in Juda:
843
Also hat meine Seele sich oft mit jeder Empfindung
844
Und mit jeder Entzückung in ihr, die sie mächtig erschüttert,
845
Auf den großen Gedanken gerichtet: Du seist ihr geschaffen!
846
Ausgebreitet hing auf ihn hin die schauende Seele,
847
Sah ihn ganz, den Gedanken der Ewigkeit, sah von dem Endzweck
848
Ihres Daseins viel in ihm, von Entzückungen trunken,
849
Wie sie selten ins Herz des Menschen vom Himmel strömen.
850
Aber in Traurigkeit, welche kein Maaß, kein endendes Ziel kennt,
851
Und in Schauer namloser Angst, in Schlummer des Todes
852
Löste meine Seele sich auf, wenn ich jenen Gedanken,
853
Jenen andern Gedanken der Nacht und der Einsamkeit dachte.
854
Dann, dann war ich von Allen verlassen! dann war ich einsam!
855
Ach, Du warst mir nicht mehr! Ich war allein in der Schöpfung!
856
O, bei Allem, was heilig ist, um der Tugend und Liebe,
857
Um der Schönheit willen, die Deine Seele voll Unschuld
858
Ueber den Staub der Erd' erhöht, und wenn was noch theurer,
859
Wenn was erhabner noch ist, bei Deinem Erwachen vom Tode
860
Und bei jeder Unsterblichkeit, die Du, mit Lichte bekleidet,
861
Unter des Himmels Bewohnern einst lebest, o, um der Kronen,
862
Um der Tugend Belohnungen willen beschwör' ich Dich, Cidli:
863
Sage, was denkt da Dein Herz? was fühlt's? wie ist es ihm möglich,
864
Dieses mein Herz, das so liebt, mein blutendes Herz zu verkennen?
865
Ach, der große Gedanke, der schauernde, süße Gedanke,
866
Daß sie vom Tod erweckt ist, daß ich erweckt bin vom Tode!
867
Daß wir von Neuem vielleicht nicht sterben! und Beide zum höhern,
868
Besserem Leben .... Doch schweigt, zu kühne, zu feurige Wünsche!
869
Dieser Gedanke führte vielleicht mich zu weit, und ich liebte
870
Sie zu heftig! Wie kann ich zu sehr Die lieben, mit der ich
871
Jenes erhabnere Leben vielmehr, als dies an dem Staube
872
Wünsche zu leben? mit der, es sei dort oder auf Erden,
873
Angefeuert durch sie, ich den ewigen Schöpfer der Himmel,
874
Unseren Schöpfer, noch mehr zu lieben so innig verlange?
875
Aber der göttliche Sohn des Angebeteten, Jesus,
876
Mein Erretter, ist in der Gefahr, getödtet zu werden!
877
Ist es jetzo! Aber ich kann nicht, wie kann ich es glauben,
878
Daß Der sterben werde, der mich von den Todten erweckt hat?
879
Und wie oft entging er nicht schon der Verfolgenden Unsinn!
880
Fehlet' ich dennoch, durft' ich, da diese Gefahren ihm drohen,
881
Meinem Schmerze mich nicht, nicht so hingeben der Wehmuth,
882
So verzeih' Du es mir, Du theurer, göttlicher Retter!
883
Reiß' denn von einem Kummer Dich los, der Dich nur angeht,
884
Traurender, Eines Ruhe nur nahm und vielleicht nicht auf immer!
885
Ganz sei Deine Seele gerichtet auf jenen Ausgang,
886
Den der Ewige Deinem erhabnen Retter bestimmt hat.«
887
Also denkt er, verläßt Jerusalem, eilt zu dem stillen,
888
Einsamen Felsen, der vor Kurzem zum Grab ihm gehau'n ward.
889
Aber die Mutter Jesus' stand auf. »Er kommt nicht, Johannes,«
890
Sagte sie ängstlich, »ich eil' ihm entgegen. Wenn ihn nur die Mordsucht
891
Seiner Feinde nicht schon zu den todten Propheten gesandt hat!
892
Wenn er noch lebet, mein Sohn noch lebet, und wenn ich es werth bin,
893
Ihn noch einmal zu sehn, mit meinen Augen zu schauen,
894
Ach, des Propheten Gestalt und meines Sohnes Geberde,
895
Dann sein gnädiges Antlitz auf seine Mutter noch einmal
896
Würdigt herab zu lächeln, so will ich zitternd es wagen,
897
Hin zu seinen göttlichen Füßen – es hat ja begnadigt
898
Magdale Maria zu seinen Füßen geweinet,
899
Die doch seine Mutter nicht ist – da will ich es wagen,
900
Zitternd mich niederzuwerfen! Ich will sie fest an mich halten,
901
Vor ihm weinen! und wenn mein Auge sich müde geweint hat,
902
Will ich mütterlich ihm in das Antlitz blicken und sagen:
903
›um der Thränen willen, der Erstlinge Deiner Erbarmung,
904
Die Du, als Du geboren warst, weintest! um jener Entzückung,
905
Jener Seligkeit willen, die da in mein Herz sich ausgoß,
906
Da die Unsterblichen Deine Geburt in Triumphe besangen!
907
Wenn ich Dir jemals theuer war, und wenn Du zurückdenkst,
908
Wie Du mit kindlicher Huld der Mutter Freude belohntest,
909
Als ich nach bangem Suchen Dich fand an der heiligen Stätte
910
Unter den Priestern, die Dich mit stummer Bewunderung ansahn;
911
Wie ich jauchzend, mit offenen Armen, entgegen Dir eilte,
912
Tempel und Lehrer nicht sah, nur Dich an das Herz gedrückt hielt
913
Und anbetend mein Auge zu Dem, der ewig ist, aufhub!
914
Ach, um dieser himmlischen Freude, der Ewigkeit Vorschmack –
915
Aber Du blickst mich nicht an – um Deiner Menschlichkeit willen,
916
Welche sie Alle begnadet! um jener Entschlafenen willen,
917
Die Du auferwecktest! erbarme Dich meiner und lebe!‹«
918
Also spricht sie und eilt. So fliegt ein großer Gedanke
919
Feurig gen Himmel zu Dem empor, von dem er gedacht ward.
920
Aber der ewige Sohn sah seine Mutter dahergehn,
921
Nicht mit dem menschlichen Auge, mit jenem Auge, mit dem er
922
Jedes Wurmes Geburt, den Staub, auf welchem er wohnet,
923
Den, wo sein Leben verfliegt, und des Seraph's Gedanken vorhersieht.
924
»ach, ich will mich Deiner erbarmen! Mehr, als die Mutter
925
Ihres Sohns sich erbarmt, will ich mich Deiner erbarmen,
926
Wenn ich auferstehe!« So dacht' er bei sich und nahm dann
927
Einen anderen Weg. Die Abenddämmerung kam jetzt.
928
Alle schwiegen um ihn, auch die ungeseh'nen Begleiter.
929
Also gingen sie still und kamen mit langsamen Schritte
930
Näher hin zu der Schädelstätte. Nicht fern von dem Hügel
931
War ein einsames Grab in hangende Felsen gehauen.
932
Noch kein Todter verweste daselbst. Dies baute der Weise,
933
Joseph von Arimathäa, am letzten Tage des Todes
934
Ueber dem Staub hier zu stehn, und wußte nicht, wem er es baute!
935
Welchen Tempel er baute! und welchem Todten den Tempel!
936
Jesus steht bei dem Grabe, und Blicke voll göttliches Tiefsinns
937
Richtet er auf Golgatha's Höh'. So denket der Gottmensch:
938
»ach, nun sinken die Lasten des Tags. Mit schlummernden Lüften
939
Kommt die erbetete Nacht, ruht über Gethsemane. Bald wird
940
Wieder erleuchten ein Tag den Hügel, der dämmernd dort aufsteigt,
941
Golgatha! den die Gebeine der niedrigsten Sünder bedecken!
942
Du bist zum Altar geworden! Das Opfer ist willig,
943
Dort geschlachtet zu werden! Es wird bald bluten! Willkommen,
944
Tod für das Menschengeschlecht! Dann wird mein Vater mich sehen
945
Von dem Thron, wo ich war. Die Seraphim werden mich sehen,
946
Und viel' Zeugen von Denen, für die ich sterbe! Willkommen,
947
Tod für die Erben des ewigen Lebens! Zur Rechte des Vaters
948
Saß ich mit Herrlichkeit überkleidet, der Schöpfer der Menschen
949
Und der Freund der Erschaffnen! Ich bin ihr Bruder geworden!
950
Auch mit Herrlichkeit überkleidet, voll schöner Wunden,
951
Will ich mein Leben für sie auf Deinen Höhen verbluten,
952
Golgatha! Dann (hier wandt' er sich um und schaut' auf das Grabmal),
953
Dann will ich hier in dem stillen Gewölbe des kühlenden Grabes
954
Wenige Stunden, wie in den Gefilden der Seligen, schlummern,
955
Einen sanfteren Schlaf als der, den Adam sich dachte,
956
Da das große Räthsel vom Tod ihm selber enthüllt ward
957
Und ihm an einem traurigen Abend der heiligen Wächter
958
Hoher Rathschluß scholl: er sollte sich legen und sterben,
959
Viel' Jahrhunderte schlafen, und über ihm sollten die Füße
960
Seiner Söhne wandeln, er ihre Stimme nicht hören!
961
Aber auch die sind gestorben, und über ihren Gebeinen
962
Hat der Söhne Fuß mit säumendem Schritte gewandelt!
963
Ach, ist unter den Freuden der jauchzenden Ewigkeit
964
Meiner Seligkeit zu vergleichen? Sie werden erwachen,
965
All' an
966
Und des Triumphs, der Feier, der Jubellieder erwachen,
967
Weil mein Leib in dem Mutterschooße der Erde geschlummert,
968
Ich des Menschensohnes Gebein zu dem Leben ohn' Ende
969
Auferweckte! Dann wird des zweifelnden Staubes Besorgniß,
970
Jede Thräne wird schweigen. Der Tod wird werden des Lächelns
971
Und des Triumphs ein süßer Gedanke. Kein drohendes Grab wird
972
Und kein Tod mehr sein auf der neuen Erde Gefilden.
973
Sinn' ich ihm nach, so zittert Entzückung mir durch die Gebeine,
974
Und der Menschheit Empfindung verstummt! Sie kommen und wandeln,
975
Hell, mit weißen Kleidern geschmückt. Viel' tragen auch Wunden,
976
Wie des Menschen Sohn, hellglänzende Wunden; sie jauchzen
977
Jubel dem Sieger und nennen ihn Sohn und nennen ihn Bruder!
978
Wer kann auf Erden sie zählen? wer in den Himmeln? Ihr Nam' ist
979
Tausendmal Tausend! Die Alle sind mein! Das Alt' ist vergangen!
980
Alles hab' ich verjüngt zu der Unschuld der Schöpfung! Doch erst muß
981
Golgatha sterben mich sehen, und mir Ruhstätte dies Grab sein.«
982
Also denkt er und eilt. Ihn fand an Jerusalem's Mauer
983
Judas, der in der Dämmerung stand. Er mischte sich schweigend
984
Unter die Heiligen, bildete schon die Miene der Unschuld
985
In betrügendem, heitren Gesicht; doch schlug ihm sein Herz noch.
986
Aber Ithuriel geht vor ihm her und hört von dem Wipfel
987
Einer Palme dem kommenden Fuß des Messias entgegen,
988
Senkt in den Schatten sich nieder, als Jesus am Baume vorbeigeht,
989
Wandelt unsichtbar neben ihm her und red't, wie die Seele
990
Eines entschlafenden Christen die letzten Empfindungen denket,
991
Sanft, mit leisen Worten, ihn an: »Ischariot's Elend
992
Ist, Allwissender, Deinem Auge vorübergegangen,
993
Und Du kennst des Unwürdigen That. Er hat Dich verrathen;
994
Den Dein Wandel gelehrt, der Deine Wunder gesehen,
995
Dem Dein Mund das Geheimste von jenem Leben enthüllt hat,
996
Den Du würdigtest Jünger zu nennen, er hat Dich verrathen!
997
Noch ertönt mir die fliegende Stimme des hohen Eloa
998
Süß in dem Ohre; noch öffnen sich mir die Lippen des Seraph's,
999
Als er zu Deinem Throne mich rief, zu der Erde zu eilen
1000
Und Ischariot's Engel zu sein. Ich verlasse den Sünder,
1001
Bin sein Engel nicht mehr! Sein Zeuge, den Tag der Vergeltung,
1002
Der will ich sein und wider ihn mit der Stimme der Donner
1003
Meine Rede bewaffnen und zwischen den glänzenden Stühlen
1004
Derer, die würdiger waren, mit Dir die Erde zu richten,
1005
Dunkel hervorgehn, gegen die Nacht am richtenden Throne
1006
Meine Hand ausbreiten und sagen: ›Bei Dem, der geblutet,
1007
Von der Höhe des Kreuzes herab, sein Leben geblutet
1008
Durch die Hand des Geliebten! Ischariot hat sich gebrandmarkt
1009
Auf den furchtbaren Tag! Er selber hat das Verderben
1010
Ueber sein Haupt gerufen, durch laute Thaten das Schicksal
1011
Jener Verworfnen gerufen! Er ist es würdig, gerichtet
1012
Und von dem Antlitz des Menschensohns verworfen zu werden,
1013
Würdig, die Wege zu wandeln des ewigen Todes! Sein Blut sei
1014
Ueber ihm selbst; ich bin unschuldig am Blute des Sünders!‹«
1015
Und der Unsterbliche sah in dem Auge des Mittlers, er dürfe
1016
Seinem Schmerze noch mehr sich überlassen. Er sagte:
1017
»ach, ganz andre Gedanken, von einer helleren Aussicht,
1018
Hatt' ich vordem von dem Jünger des Menschenfreundes! Du solltest,
1019
Judas, von seinem Tode durch schöne Wunden einst zeugen,
1020
Auch ein Märtyrer sein, die hohen Lieder auch hören,
1021
Die wir singen den Ueberwindern! So wärst Du gestorben!
1022
Deine Seele, mit Licht bekleidet, hätte Dein Freund dann
1023
Bei der Hand in Triumphe daher zum Messias geführet,
1024
Zu dem Ersten der Ueberwinder! Ich hätt' in der Ferne
1025
Unter den goldenen Stühlen der zwölf Erwählten des Mittlers
1026
Deinen erhabenen Stuhl Dir gezeigt! Du wärst in Entzückung
1027
Bei des glänzenden Stuhls Anblick und Deß auf dem Throne
1028
Ueberflossen! Ich hätte Dich Freund, ich hätte Dich Bruder,
1029
Ach, ich hätte mit froher Stimme Dich Seraph genennet!
1030
Mein Ischariot hätte mich dann in der Christen Geheimniß
1031
Unterrichtet: Was da in seiner Seel' er fühlte,
1032
Da der Geist der Propheten auf ihn von dem Himmel herabkam,
1033
Da Du den Muth zu sterben empfingst, von dem Geiste gelehret,
1034
Betetest unaussprechliche Worte, nicht sündigen konntest,
1035
Weil Dein Herz zu der Unschuld des Paradieses verjüngt war!
1036
Aber sie sind nun dahin, die Gedanken der frommen Entzückung!
1037
Wie ein lächelnder Frühling verblüht, die Blume des Lebens
1038
Bald im hoffenden Jünglinge stirbt vor der Reife der Jahre:
1039
Also sind sie vorübergegangen. Mein Jünger verlaßt mich!
1040
Kurz noch eines Heiligen Schutzgeist, wandl' ich itzt einsam
1041
Unter den Engeln, die traurend um mich verstummen. Gebiete,
1042
Gott Messias, soll ich mich wieder zum Himmel erheben?
1043
Oder bin ich gewürdiget worden, Dich sterben zu sehen?«
1044
Jesus wandt' auf den Seraph sein ernstes Antlitz und sagte:
1045
»simon Petrus wird auch gesucht von der Wuth des Verderbers.
1046
Sei sein Engel! Es sind zween Hüter Johannes gegeben;
1047
Petrus habe sie auch. Er wird die Lieder einst hören,
1048
Die den Ueberwindern Ihr singt, und im Tode mir gleichen.«
1049
Kaum vernahm es der Seraph, so strahlt' er vor wallender Freude
1050
In Orion's Umarmung, der ihren Jünger beschützte.
1051
Jesus eilte nunmehr, mit seinen Jüngern das letzte
1052
Festliche Mahl zu halten. Er ging viel' hohe Paläste
1053
Prächtiger Sünder vorbei, trat jetzt in die stillere Wohnung
1054
Eines verkannten redlichen Manns. Sie legten sich schweigend
1055
Um das bereitete Lamm des Bundes. Nah am Messias
1056
Lag Johannes und lächelte sanft. Viel heiterer schaute
1057
Jesus in die Versammlung. Von seinem Angesicht flossen
1058
Ruh und Wehmuth und Tiefsinn und Seligkeit in die Versammlung.
1059
So ist nach dem Gefühl der ersten Entzückungen Joseph
1060
Unter seinen Brüdern gewesen, da jetzo die Thränen,
1061
Da die lauten Thränen im sehenden Auge verstummten,
1062
Da die Sprache zurück ihm kam, nicht mehr an des Bruders
1063
Halse Benjamin hing, und nun sein Vater noch lebte.
1064
Singe, mein Lied, den Abschied des Liebenden von den Geliebten
1065
Und die Reden der traurenden Freundschaft. Wie damals der Jünger,
1066
Der mit dem hohen Jakobus ein Sohn des Donners genannt ward
1067
Und in der einsamen Patmos die Offenbarung auch sahe,
1068
An der Brust des Messias der vollen Seele Gefühl sprach,
1069
Dann zu dem Himmel vom Auge des Liebenswürdigen aufsah:
1070
Also fließe mein Lied voll Empfindung und seliger Einfalt.
1071
Jesus sprach und schaute voll Wehmuth in die Versammlung:
1072
»mich hat herzlich verlangt, mit Euch dies Mahl noch zu halten,
1073
Eh ich leide. Bald sind sie erfüllt, die Worte der Zeugen,
1074
Welche von mir verkündiget haben. Ihr kennt den Propheten,
1075
Der gewürdiget ward, zu sehn die Erscheinung der Gottheit,
1076
Der der Seraphim Stimme vernahm, die Den auf dem Throne
1077
Mit dem festlichen Halleluja der Himmel empfingen,
1078
Daß von dem Schalle der Lieder des Tempels Schwellen erbebten,
1079
Und das Heiligthum ganz von Opferwolken erfüllt ward.
1080
Damals war ich zugegen mit meinem Vater. Auch ich ward
1081
Heilig! Heilig! genannt. Auch mir erhuben sich Opfer
1082
Von den goldnen Altären! Auch mir erbebte der Tempel!
1083
Denn ich bin lang' vor Abram gewesen. Eh aus den Wassern
1084
Dieses heilige Land mit Gottes Bergen hervorstieg,
1085
Eh die Welt war, bin ich gewesen. Doch diesen Gedanken
1086
Faßt Ihr in seiner Größe noch nicht! Der himmlische Seher,
1087
Welcher der Gottheit Herrlichkeit sah, hat auch in der Zukunft
1088
Einen Menschen, wie Ihr seid, gesehn und, vom Geiste gelehret,
1089
Also von ihm verkündet: ›Die Schönheit des göttlichen Mannes,
1090
Seine Gestalt ist vergangen! Das Lächeln der friedsamen Jahre,
1091
Jede Ruh des Lebens ist hin. Das Elend der Sünder
1092
Ist ganz über sein Haupt gekommen! Die Menschen verstummen,
1093
Wenn sie sehen den Jammer in seiner Seele. Sie wenden
1094
Ihm ihr Angesicht weg. Er aber hat unsere Schmerzen,
1095
Unser Elend getragen! Wir wähnten, er trüge die Lasten
1096
Seiner Schuld, es hätte Gott den Sünder erschüttert;
1097
Aber um unsertwillen sind jene Wunden geöffnet,
1098
Die er blutet. Wir sind die Verbrecher! Die Hand des Verderbens
1099
Hat ihn um unsertwillen ergriffen! Er leidet, daß Friede
1100
Ueber uns komme, daß Heil mit seinem Flügel uns decke!
1101
Denn wir wandelten Alle den Weg der Irre. Wir Alle
1102
Waren elend genug, uns selber Weisheit zu wählen.
1103
Darum hat unsere Schuld auf ihn der Rächer geworfen!
1104
Er ist unser Versöhner und geht ins Gericht und leidet,
1105
Wird bis zum Tode gehorsam und öffnet den göttlichen Mund nicht.
1106
Wie ein verstummendes Lamm zu dem Opferaltare geführt wird,
1107
Also geht er geduldig daher und schweigt. Nun ist er
1108
Aus dem Gericht genommen! Wer kann nun seine Versöhnten
1109
Zählen? wer der Heiligen Schaar, die durch ihn gerecht sind?
1110
Weil er sein Leben für die Sünder zum Opfer gebracht hat,
1111
Werden ihm ganze Geschlechte zur neuen Schöpfung erwachen,
1112
Und sein Leben wird Ewigkeit sein!‹« So sagt der Erlöser,
1113
Schaut gen Himmel und schweigt. Er hatte lange geschwiegen,
1114
Fuhr jetzt fort: »Es ist das letzte Mal, daß wir zusammen
1115
Halten dies Abendmahl! Ich werde mit den Geliebten
1116
Nun nicht mehr das Gewächs der frohen Rebe genießen,
1117
Noch die Lämmer im Thal. Allein in den Hütten des Friedens,
1118
Wo viel' Wohnungen sind, dort werdet Ihr Euren Messias
1119
Wiedersehen und nebst den versammelten Vätern des Bundes
1120
Neue Feste begehn, die Abschiednehmen nicht trennet.«
1121
Jesus schwieg und die Jünger um ihn. So schwieg in den Hallen
1122
Auf Moria das heilige Volk, da der weiseste Jüngling
1123
Unter den Söhnen von Abram, da Salomo bei den Altären
1124
Seine Krone vor Dem, der ewig ist, niedergeworfen
1125
Und der Weihe Gebet vollendet hatte; da sichtbar
1126
Wurde der Tempel erfüllt von den Wolken der Herrlichkeit Gottes,
1127
Daß die schauenden Priester nicht mehr zu opfern vermochten
1128
Und der Jubelgesang der Halleluja verstummte.
1129
Jeder schwieg. Nur daß unterweilen der Betenden Einer,
1130
Schnell von heiligem Schauer ergriffen, sein Angesicht aufhub,
1131
Gegen die Nacht der Erscheinungen sah, mit bebender Stimme
1132
Heilig! Heilig! sprach und die Arme gen Himmel emporhielt.
1133
Also schwiegen die Jünger, und also red'te Lebbäus,
1134
Da er mit leiser Stimme sich gegen Ischariot wandte:
1135
»ach, nun weiß ich's gewiß! Der Sohn des Menschen wird sterben,
1136
Was die übrigen Jünger von seinen Reden auch denken,
1137
Die er vom Tode so oft an uns hält! Komm, Ruhe vom Elend,
1138
Tod, des müden Wanderers Schlaf, und erbarme Dich meiner,
1139
Wenn wie ein Lamm zum Altar der Beste der Menschen geführt wird,
1140
Komm dann, mein einziger Trost!« Hier sprach er lauter, und Seufzer
1141
Unterbrachen die Rede des Jünglings. Ihn sah der Messias;
1142
Dich, Ischariot, auch. Mit menschenfreundlicher Wehmuth
1143
Schaut' er in der Versammlung umher und sagte zu ihnen:
1144
»ja, ich muß es Euch sagen! Hier bei meinen Geliebten
1145
Ist ein Jünger, der mich verrathen wird, Einer der Zwölfe!«
1146
Banges Erstaunen ergriff die Versammlung. Sie fragten ihn Alle:
1147
»herr, bin ich's?« Der Messias erwidert: »Ja, Einer der Zwölfe!
1148
Einer von Euch, die mit mir das Mahl des Bundes itzt halten.
1149
Zwar (hier deckte sein Antlitz die ernste Miene des Richters),
1150
Zwar der Sohn des Menschen geht, wie die Seher verkünden,
1151
Seinen erhabenen göttlichen Weg; doch wehe dem Menschen,
1152
Der ihn verräth! Es wär' Dir besser, Du wärst nicht geboren!«
1153
Jesus schaute voll Ernst. Ihn fragte Judas noch einmal.
1154
Jesus erwidert mit leiserer Stimme: »Du sagtest es selber.«
1155
Aber Gedanken voll Ruh erheiterten wieder den Mittler,
1156
Süße Gedanken vom ewigen Heil. Er stand, das Gedächtniß
1157
Seines Todes zu stiften. Itzt sprach er die fei'rlichen Worte,
1158
Die so viele Priester der Christen, so viel' der Gemeinen
1159
Kühn entweihn und in lauten Gesängen das Urtheil des Todes
1160
Ueber sich rufen. Er kennt sie nicht, der göttlicher lebte
1161
Und am Kreuze nicht starb, für ewige Sünder zu büßen!
1162
All' empfingen von ihm das Brod, das er hatte geweihet,
1163
Und den heiligen Kelch. Sie kamen Alle mit Demuth
1164
Und in trauernder Stille, von seiner Hand es zu nehmen.
1165
Da Johannes sich naht' und auf den glänzenden Kelch sah,
1166
Warf er zu Jesus' Füßen sich nieder, küßte sie weinend,
1167
Trocknete dann die Thränen mit seiner fallenden Locke.
1168
»laß ihn meine Herrlichkeit sehn!« sprach Jesus und schaute
1169
Zu dem Vater empor. Johannes erhub sich und sahe
1170
In der Tiefe des Saals der Seraphim helle Versammlung.
1171
Und die Seraphim wußten, daß er sie sahe. Johannes
1172
Stand in Entzückung verloren. Er schaute Gabriel's Hoheit
1173
Starr, mit Erstaunen. Er schaute des himmlischen Raphael Glänzen
1174
Und verehrt' ihn. Er sah auch Salem in menschlichem Schimmer
1175
Und mit ausgebreiteten Armen entgegen ihm lächeln;
1176
Und er liebte den Seraph. Er wandte sich um und erblickte
1177
In des Messias ruhigem Auge die Spuren der Gottheit;
1178
Und er sank verstummend ans Herz des erhabnen Messias.
1179
Gabriel aber erhub sich mit leisen Lüften und sagte
1180
Feurig zu Jesus: »Umarme mich auch, wie Du Diesen umarmtest,
1181
Mittler Gottes!« Ihm sagt der Messias: »Du dienst mir am Thron einst
1182
Meiner Herrlichkeit und stehst auf der glänzenden Stufe,
1183
Wo Eloa stand, an dem Allerheiligsten Gottes!«
1184
Gabriel betet' ihn an. Zuletzt kam Judas und warf sich
1185
Wie Johannes zu Jesus' Füßen. Ihm sagte der Gottmensch:
1186
»judas, steh auf!« und gab ihm den Kelch, des Todes Gedächtniß.
1187
Er empfing ihn mit Ruh. Ihm sah der Messias ins Antlitz,
1188
Ward erschüttert im Geist und sprach mit erhabener Stimme:
1189
»alle kenn' ich, die ich mir auserwählte; doch Einer
1190
Wird mich verrathen! Ich sag' es Euch itzt, daß Ihr glaubt, wenn's geschehn ist.
1191
Und daß Ihr wißt, wie ich Den belohne, welcher getreu bleibt,
1192
So vernehmet von mir die Würde der Ueberwinder:
1193
Wer, wen ich send', aufnimmt, der nimmt mich selbst auf; wer aber
1194
Also mich aufnimmt, nimmt auch Den auf, der mich gesandt hat!
1195
Diese Kron' empfängt kein Verräther! Ich sag' es noch einmal:
1196
Einer von Euch wird gewiß den Sohn des Menschen verrathen!«
1197
Jeder sahe den Andern von Neuem mit sorgender Angst an.
1198
Petrus winket Johannes. Der neigt sich ans Herz des Messias.
1199
»herr, wer ist es?« So fragt mit sanfter Stimme Johannes.
1200
»dem ich dies Brod eintauche, dem ich's mit vertraulicher Liebe
1201
Und mit Bruderfreundlichkeit gebe, der ist es, Johannes!«
1202
Also sagt der Messias und reicht den Bissen voll Freundschaft
1203
Judas Ischariot hin. Johannes sah dies und bebte.
1204
Aber aus Menschenliebe schwieg er vom nahen Verräther.
1205
Judas ging mit Ungestüm fort. Die Nacht war gekommen.
1206
Ihn umgaben die Schrecken der Nacht. Mit starrendem Blicke
1207
Schauet' er in die Finsterniß aus und sprach zu sich selber:
1208
»also weiß er's gewiß! Nun wird's der sanfte Johannes,
1209
Der stets lächelt, wenn man um ihn zugegen ist, sagen,
1210
Alles sagen, was ihm an dem Herzen Jesus' vertraut ist.
1211
Alle werden es wissen! Es sei! Die neuen Beherrscher
1212
Müssen erst fliehn, eh sie Könige werden! Vielleicht, daß Johannes
1213
Bald sein Lächeln verlernt, und in Banden Petrus nicht kühn ist!
1214
Und (hier glüht' er von selbst, hier wirkte der zündende Traum nicht),
1215
Und selbst Jesus, wie streng, wie hochgebietend befahl er:
1216
Judas, steh auf! So gebietet er nicht dem Liebling Johannes!
1217
Zwar den Königen wird nicht befohlen! Ich will sie noch sehen,
1218
Eh sie Könige sind; in der Fessel will ich sie sehen!
1219
Aber ihr Freund will sterben! Was ist das? Welch ein Gedanke
1220
Ist das Sterben für Den, der selber Todte geweckt hat?
1221
Sterben? Will er mein Herz nur erweichen? Sei Du nicht zu menschlich,
1222
Leidendes Herz! Wenn er stirbt, so war's nichts zeigender Zufall,
1223
Daß er so oft den Feinden entging; so ist er ein Träumer
1224
Und von Gott nicht gesandt! Auch unsere Priester sind Weise,
1225
Sind Geweihte des Gottes der Götter. Sie haßten ihn immer,
1226
Und sie handeln nach Moses' Gesetz! Ich bin ihr Vertrauter.
1227
Aber er wird nicht sterben! Doch will ich ihn sehn in der Kette,
1228
Wie er da redet! Vielleicht, daß er dann der geliebteren Jünger
1229
Hohe Würde vergißt und den niedrigen Judas auch ansieht!
1230
Doch ich muß eilen! Es warten auf mich Jerusalem's Herrscher.«
1231
Also denket er, eilt zu des Hohenpriesters Palaste.
1232
Und die Versammlung war itzt ganz heilig. Wie damals der Frommen
1233
Heiliges Volk in reinerer Schöne dem Antlitz des Siegers,
1234
Dessen Wunden nun glänzten, erschien, da die Jugend der Christen,
1235
Von dem Grab Ananias', der Gott log, wiedergekommen,
1236
Kein Unedler mehr war, zu entweihn der Heiligen Einmuth.
1237
Jesus, seiner Größe gewiß und wegen der Nähe
1238
Seiner Versöhnung ins Helle der Ewigkeit ausgebreitet,
1239
Sprach mit göttlicher Hoheit und Ruh zu seinen Erwählten:
1240
»nun ist der Sohn des Menschen verherrlicht, und ob er gleich Mensch ist,
1241
Dennoch ist Gott auch verherrlicht durch ihn! Da durch ihn des Himmels
1242
Höchstes Geheimniß, die Gottheit durch ihn den Menschen enthüllt wird,
1243
Wird der Vater ihn auch durch Erbarmung ohn' Ende verklären.
1244
Bald wird er ihn den Menschen in seiner Schönheit entdecken!
1245
Eure Traurigkeit unterbricht mich. Was weinet Ihr, Kinder?
1246
Ja, es ist wahr, ich werd' Euch verlassen! Ihr werdet mich suchen
1247
Und nicht finden. Ihr könnet den Weg, den ich gehe, nicht gehen.
1248
Aber weinet nicht mehr. Ihr werdet mich wieder erblicken!
1249
Kinder, ich geb' Euch ein neues Gebot, ein Gebot, das edler,
1250
Viel erhabener ist, als was die Satzungen lehren:
1251
Liebet Euch unter einander! Wie Euer Mittler Euch liebte,
1252
Also liebet Euch unter einander! Dann wiss' es der Erdkreis,
1253
Daß Ihr mein seid, wenn Ihr so unter einander Euch liebet!«
1254
Simon Petrus stand auf, trat näher zu Jesus und sagte:
1255
»herr, wo gehest Du hin?« »Du kannst mir jetzo nicht folgen!«
1256
Sprach der Erlöser, »einst folgest Du mir, die Wege zu wandeln,
1257
Die ich wandle.« Hierauf erwiderte Petrus mit Feuer:
1258
»warum soll ich Dir jetzt nicht folgen? Ich lasse mein Leben
1259
Für Dein Leben!« »Du ließest Dein Leben? Ich sag' es noch einmal:
1260
Simon, Du wirst vor des Tags Anbruch mich dreimal verleugnen!«
1261
Jesus war aufgestanden. Er knieete nieder, zu beten.
1262
Neben ihm knieten die Jünger. »Seid Ihr auch Alle zugegen?«
1263
Sprach der Erlöser mit Wehmuth. »Hier sind wir!« sprachen die Jünger.
1264
»eines Stimme hör' ich nicht mehr! Seid Ihr Alle zugegen?«
1265
»judas Ischariot fehlt!« antwortete zitternd Lebbäus,
1266
Sank dann nieder. Der Mittler erhub sein Antlitz gen Himmel,
1267
Betete mit erhabener Stimme: »Die Stund' ist gekommen,
1268
Deinen Eingebornen in seiner Schönheit zu zeigen.
1269
Zeig' ihn nun, Vater, daß Du durch ihn verherrlichet werdest!
1270
Unter seine Gewalt gabst Du die Sterblichen alle,
1271
Daß er sie auferwecke vom Tod und ewiges Leben
1272
Ihnen gebe. Das aber ist ewiges Leben, Dich, Vater,
1273
Der Du der Ewige bist, und den Du gesandt hast, erkennen,
1274
Jesus, den Sohn und den Herrscher! Ich sehe, Vater, im Geiste
1275
Schon die Fülle der ganzen Vollendung. Ich hab' auf der Erde
1276
Dich verherrlichet, habe vollführt der Gottheit Rathschluß.
1277
Nun erwarten mich Kronen zu Deiner Rechte! Du wirst mir
1278
Wieder die Herrlichkeit geben, die mein war, eh wir erschufen.
1279
Deinen gefürchteten Namen hab' ich den Erwählten verkündigt
1280
Aus den Sündern. Du gabest sie mir. Sie haben die Weisheit,
1281
Die ich sie lehrte – ich bin ihr Zeuge – mit Treue gehalten!
1282
Nun erkennen sie auch, daß, was ich habe, von Dir ist;
1283
Denn ich habe sie Alles gelehrt, was Du selber mich lehrtest.
1284
Also haben sie's aufgenommen, die göttliche Wahrheit
1285
Tief in das Herz gefaßt, daß ich von dem Vater gesandt bin.
1286
Vater, ich bitte für sie – für die Welt nicht – weil sie auch Dein sind,
1287
Weil wir in jedem Besitz der Seligkeiten vereint sind!
1288
Vater, ich bitte für sie; denn auch durch sie bin ich herrlich!
1289
Ich verlasse die Erde nun, komme zum Throne des Himmels,
1290
Vater, zu Dir zurück; sie aber bleiben auf Erden,
1291
Sehn noch lange der Sünder Müh und fühlen ihr Elend.
1292
Laß sie, heiliger Vater, der hohen Erkenntniß getreu sein,
1293
Die sie haben werden von Dem, der jetzo versöhnt ist.
1294
Laß sie eins sein, wie wir, ein Haus voll Brüder! Ich sorgte
1295
Selber für sie, da ich noch gleich ihnen Mensch war. Ich wachte
1296
Ueber ihren unsterblichen Geist. Hier sind sie, mein Vater!
1297
Keinen hab' ich verloren; nur hat der Sohn des Verderbens
1298
Mich verlassen und ist den Propheten ein Zeuge geworden.
1299
Nunmehr komm' ich zu Dir! Das sag' ich, da ich bei ihnen
1300
Noch auf der Welt bin, daß sie an meine Herrlichkeit denken
1301
Und sich freuen, wie ich mich freue! Sie haben die Worte
1302
Deines Lebens gehört. Der Sünder hat sie gehasset,
1303
Wie er mich haßte. Nicht bitt' ich, daß Du der Erde sie nehmest;
1304
Schütze sie nur vor ihrem Verfolger, dem Geist des Verderbens!
1305
Denn sie gehören den Sündern nicht zu. Sie wandeln in Unschuld,
1306
Wie ich wandle. Die Welt hat kein Theil an Deinen Versöhnten.
1307
Heilige sie in Deiner Wahrheit! Dein Wort ist die Wahrheit!
1308
Wie Du in die Welt mich gesandt hast, so send' ich sie wieder,
1309
Lasse mein Leben für sie, damit sie rein und geheiligt,
1310
Ausgesöhnter, vor Dir erscheinen. Doch bitt' ich, o Vater,
1311
Nicht für die Jünger allein! Der neuen Schöpfungen Kinder
1312
Werden einst, wie aus dem Morgen der Thau, durch ihr Wort mir geboren.
1313
Auch für diese bitt' ich, mein Vater, daß Alle sie eins sein,
1314
Wie wir eins sind, und daß die ganze Erd' es erkenne,
1315
Daß Du mich, Vater, sandtest! Ich habe das ewige Leben,
1316
Meine Herrlichkeit Denen gegeben, die Du mir geschenkt hast,
1317
Daß sie eins sein wie wir, zu
1318
Alle vollendet, und daß die Sünder der Erd' es vernehmen,
1319
Jesus sei von dem Himmel gesandt! Gott liebe die Kinder
1320
Seiner Versöhnung, wie er den Erstling der Söhne geliebt hat!
1321
Vater, es sollen meine Versöhnten zu mir sich versammeln,
1322
Daß sie sei'n, wo ich bin, und meine Herrlichkeit sehen,
1323
Jene, die Du mir, Liebender, gabst, eh die Himmel entstanden!
1324
Dich verkennet die Welt, gerechter Vater; ich aber
1325
Kenne Dich! Den Erwählten hab' ich enthüllt das Geheimniß
1326
Meiner Sendung und Deiner Gottheit und will's noch enthüllen,
1327
Daß die Liebe, mit der Du mich liebtest, ihr Herz auch ergreife
1328
Und den unsterblichen Geist nur sein Versöhner erfülle.«
1329
Nun erhub sich der Mittler, entgegen zu gehn dem Vater
1330
Ueber Kidron in das Gericht. Ihm folgten die Jünger.
1331
Als er näher den Bach und das nächtliche Rauschen des Oelbaums
1332
Lauter vernahm, da stand er an einem Hügel und sagte:
1333
»gabriel, in der Tiefe des Gartens, am steigenden Berge,
1334
Ist ein einsamer Ort, von zwanzig Palmen umschattet;
1335
Gegen die hohen Wipfel der Palmen senkt sich vom Himmel
1336
Gleich herhangenden Bergen die Nacht; dort versammle die Engel!«
1337
Also sagt' er und nahete sich erhabneren Thaten,
1338
Als seit der Engel Geburt, dem Anbeginne der Erden
1339
Und der Sonnen geschahn, auf jeder Unendlichkeit Schauplatz
1340
Jemals geschahn! Er nahte sich still den göttlichen Thaten.
1341
Aeußerliches Geräusch und Lärm, süßtönend dem Eiteln,
1342
Klein genug, zu folgen des Helden Thaten, der Staub ist,
1343
War um den hohen Messias nicht und nicht um den Vater,
1344
Als er dem Unding einst die kommenden Welten entwinkte.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Gottlieb Klopstock
(17241803)

* 02.07.1724 in Quedlinburg, † 14.03.1803 in Hamburg

männlich, geb. Klopstock

deutscher Autor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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