1
Sei mir gegrüßt! ich sehe Dich wieder, die Du mich gebarest,
2
Erde, mein mütterlich Land, die Du mich in kühlendem Schooße
3
Einst bei den Schlafenden Gottes begräbst und mir die Gebeine
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Sanft bedeckest; doch erst – dies hoff' ich zu meinem Erlöser –
5
Wenn des neuen Bundes Gesang zu Ende gebracht ist.
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O, dann sollen die Lippen sich erst, die den Liebenden sangen,
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Dann die Augen erst, die seinetwegen vor Freude
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Oftmals weinten, sich schließen; dann sollen, mit leiserer Klage,
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Meine Freunde mein Grab mit Lorbeern und Palmen umpflanzen,
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Daß, wenn in himmlischer Bildung dereinst von dem Tod ich erwache,
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Meine verklärte Gestalt aus stillen Hainen hervorgeh'.
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O Du, die zu der Hölle mich führte, Sängerin Sion's,
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Und nun meinen noch bebenden Geist zurückgebracht hast;
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Du, die vom göttlichen Blick die ernste Gerechtigkeit lernte,
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Aber auch ihren Vertrauten mit süßer Freundlichkeit lächelt:
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Heitre die Seele, die noch, umringt von dem Grau'n der Gesichte,
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Innerlich bebt, mit himmlischem Licht und lehre sie ferner
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Ihren erhabenen Mittler, den besten der Menschen, besingen.
19
Jesus war noch allein mit Johannes am Grabe der Todten.
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Unter nahem Gebein, von Nacht und Schatten umgeben,
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Saß er und überdachte sich selber, den Sohn des Vaters
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Und den Menschen, zum Tode bestimmt. Vor seinem Gesichte
23
Sah er der Menschen Sünden, die alle, die seit der Erschaffung
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Adam's Kinder vollbrachten, auch die, so die schlimmere Nachwelt
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Sündigen wird, ein unzählbares Heer, Gott fliehend vorbeigehn.
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Satan war mitten darin und herrschte. Vom Angesicht Gottes
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Trieb er den Sünder, das Menschengeschlecht, und versammelt' es zu sich,
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Wie die Ebnen des Meers ein mitternächtlicher Strudel
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Ringsum in sich verschlingt und, stets zu dem Untergange
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Offen, unsichtbar unter den Wolken des sinkenden Himmels,
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Alle zu sichre Bewohner des Meers in die Tiefen hinabzieht.
32
Jesus sah die Sünden und Satan, sah dann zu Gott auf.
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Gott, sein Vater, schaute nach ihm tiefsinnig herunter.
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Zwar brach aus dem Blicke des Vaters das ernste Gericht schon
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Langsam hervor; zwar donnerte Gott und schreckt' ihn von ferne;
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Gleichwol blieben noch Züge des unaussprechlichen Lächelns
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In dem Antlitz voll Gnade zurück. Die Seraphim sagen,
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Damals habe der ewige Vater die andere Thräne
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Still geweint. Die erste weint' er, da Adam verflucht ward.
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Also schauten sie sich. In feirender Sabbathstille
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Neigt sich vor ihnen die ganze Natur. Ehrfürchtend und wartend
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Bleiben die Welten stehn, und gerichtet auf Beider Anschaun,
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Geht der betrachtende Cherub in stiller Wolke vorüber.
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Auch kam Seraph Eloa, von himmlischen Wolken umflossen,
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Zu der Erd' herunter und sah von Antlitz zu Antlitz
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Gottes Erlöser und zählte die menschenfreundlichen Thränen,
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Alle Thränen, die Jesus weinte. Dann stieg er gen Himmel.
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Als er hinaufstieg, sah ihn Johannes. Ihm öffnete Jesus,
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Daß er den Seraph erblickte, das Aug'. Er sah ihn und staunte
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Und umarmt' inbrünstig den Mittler, nannt' ihn mit Seufzern
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Seinen Erlöser und Gott; mit unaussprechlichen Seufzern
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Nannt' er ihn so und blieb bei ihm in süßer Umarmung.
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Aber die übrigen Elfe, die Jesus lange nicht sahen,
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Gingen im Dunkeln am Fuß des Berges und suchten ihn traurig.
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Außer Einem, der Jesus, wie sie, nicht liebend mehr ehrte,
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Waren sie Männer voll Unschuld. Die Göttlichkeit ihrer Herzen
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Kannten sie nicht. Gott kannte sie. Er erschuf sie zu Seelen,
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Welche dereinst des Ewigen Offenbarungen schauten.
59
Aber nicht Jener zugleich, so, der himmlischen Jüngerschaft unwerth,
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Jesus verrieth; er konnte sie schaun, verrieth er nicht Jesus.
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Ihnen wurden, eh sie der Leib der Sterblichkeit einschloß,
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Neben den Stühlen der vierundzwanzig Aeltsten im Himmel
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Goldene Stühle gesetzt; doch einen der goldenen Stühle
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Deckten einst Wolken von Gott, bald aber flohen die Wolken,
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Und lichtheller, ewiger Glanz ging wieder vom Stuhl aus.
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Damals rief Eloa und sprach: »Er ist ihm genommen
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Und ist einem Andern gegeben, der besser als er ist!«
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Ihre Beschützer, Engel der Erde, die unter der Aufsicht
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Gabriel's stehn, erhuben sich jetzt auf die Höhe des Oelbergs
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Und betrachteten da mit der süßen Freundschaft Genusse
71
Ungesehn die Gespielen, wie sie den göttlichen Mittler
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Ringsum thränenvoll suchten. Da kam mit eilendem Schritte
73
Von der Sonn' ein Seraph und stand auf einmal vor ihnen,
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Einer der Viere, die gleich nach dem hohen Uriel herrschen.
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Selia war sein Name. Jetzt sprach er also zu ihnen:
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»sagt mir, himmlische Freunde, wo ist, in welchen Gefilden
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Wandelt er itzt, der erhabne Messias? Die Seelen der Väter
78
Senden mich, daß ich ihn auf allen göttlichen Wegen
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Still begleite und jede That der großen Erlösung
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Achtsam bemerke; kein heiliges Wort, kein Seufzer des Mitleids
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Soll von seinem unsterblichen Mund ungehört mir entfliehen!
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Himmlische Freunde, kein tröstender Blick und keine der Zähren,
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Jener getreuen, der Gottheit und Menschheit würdigen Zähren,
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Soll mir ungesehn in dem göttlichen Auge sich zeigen.
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Ach, zu früh entfernst Du dem Blicke der heiligen Väter,
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Erde, Dein schönstes Gefilde, wo Gott in den Hüllen der Menschheit
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Wandelt, und wo er dem Söhnaltare, sein Opfer, sich nahet.
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Ach, zu früh entfliehst Du dem Tag und Uriel's Antlitz,
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Der nun traurig das Gegengefilde Salem's erleuchtet!
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Dort ist ihnen kein änderndes Thal, kein erwachend Gebirge
91
Angenehm; dort wandelt er nicht, der erhabne Messias!«
92
Selia endigte so. Ihm erwiderte Seraph Orion,
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Simon's Engel: »Dort unten, wo sich die traurigen Gräber
94
Oeffnen und sinkend sich mit des Oelbergs Fuße vertiefen,
95
Dort steht, himmlischer Freund, der hohe Messias und denket.«
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Selia sah ihn und blieb unverwandt in sanfter Entzückung
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Stehn. Schon waren eilendes Flugs zwo fliehende Stunden
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Ueber des Seraph's Haupte dahin mit der Stille geflogen,
99
Als er noch stand. Jetzt kam der letzte vertrauliche Schlummer
100
In das Auge des Mittlers herab. Die heilige Ruhe
101
Eilte, gesandt von Gott, vom Allerheiligsten Gottes
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Nieder in stillen Düften auf ihn und kühlendem Säuseln.
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Jesus schlief. Da wandte sich Selia zu der Versammlung
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Und trat mitten hinein und sprach vertraulich zu ihnen:
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»sagt mir, himmlische Freunde, wer sind die Männer am Hügel,
106
Die da wandeln und wie verlassen und traurig herumgehn?
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Sehet, sanfter, rührender Schmerz deckt ihre Gesichte,
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Doch entstellt er sie nicht. So zeigen edlere Seelen
109
Ihre Wehmuth. Sie weinen vielleicht um einen geliebten
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Und entschlafenen Freund, der ihnen an Tugenden gleich war.«
111
Ihm erwidert Orion: »Das sind die heiligen Zwölfe,
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Selia, die zu Vertrauten der Mittler Gottes sich auskor.
113
Ach, wie selig sind wir, daß uns ihr Meister geboten,
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Ihre Beschützer und Freunde zu sein! Da sehen wir immer,
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Wie er mit süßer, geselliger Huld sich ihnen eröffnet,
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Wie er sie lehret und bald mit mächtiger Rede den Eingang
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Zu den hohen Geheimnissen zeigt, in menschlichen Bildern
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Bald die unsterbliche Tugend verklärter und fühlbarer zeiget
119
Und dadurch ihr empfindendes Herz zu der Ewigkeit bildet.
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O, wie Vieles lernen wir da! Wie ladet sein Beispiel
121
Aufzumerken uns ein und ihm anbetend zu folgen!
122
Selia, solltest Du ihn und seine göttliche Freundschaft
123
Und sein edles, des ewigen Vaters würdiges Leben
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Täglich sehen, Dein Herz zerflöss' in stiller Entzückung!
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Auch ist es schön und klinget auch selbst in unsterblichen Ohren
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Lieblich, wenn seine Vertrauten von ihm sich zärtlich besprechen.
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Seraph, wie wir uns lieben, so lieben sie Jesus. Ich sagt' es
128
Oft in unsrer Versammlung und wiederhol' es auch jetzo:
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Vielmals wünsch' ich von Adam's Geschlecht, ja, selber auch sterblich
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Mit den Menschen zu sein, kann anders ohne die Sünde
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Sterblichkeit sein. Vielleicht verehrt' ich ihn inniger, treuer;
132
Meinen Bruder, von eben dem Fleisch und Blute geboren,
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Liebt' ich vielleicht weit brünstiger noch. Mit welcher Entzückung
134
Wollt' ich für ihn, der zuerst für mich starb, mein Leben verlieren!
135
Mitten in heißem, unschuldigen Blut, mit brechenden Augen
136
Wollt' ich ihn preisen! Mein schwaches Seufzen, mein sterbendes Stammeln
137
Sollte wie Harmonien der hohen Lieder Eloa's,
138
Geht er am Throne vorbei, in dem Ohre Gottes ertönen.
139
Dann, dann schlössest, Selia, Du, schlöss' Einer von Diesen
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Sanft mit unsichtbarer Hand die gebrochenen Augen des Todten,
141
Führte die fliehende Seele dann zu dem ewigen Throne.«
142
Selia sprach. »Wie rührest Du mich! Wie reizet Dein Wunsch mich,
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Auch ein Bruder der Menschen zu sein! Die Männer am Hügel,
144
Die sind also die Zwölfe, die heiligen Freunde des Mittlers,
145
Welche zu sein selbst Seraphim, auch mit der Sterblichkeit, wünschen?
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Seid mir gesegnet! Ihr seid es auch würdig, Unsterbliche! Jesus
147
Liebt Euch wie Brüder; Ihr werdet auf goldenen Stühlen am Throne
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Sitzen und einst die Erde mit Eurem Könige richten.
149
Seraphim, nennet sie mir! Ich will die Namen auch hören,
150
Die schon lang' in dem Buche des Lebens leuchtender glänzen.
151
Nennet mir Jenen zuerst, der dort mit feurigem Auge
152
Um sich blickt und mit Ungeduld in den Nächten des Waldes
153
Suchet, Jesus vielleicht! Muth seh' ich, entschloßnere Kühnheit
154
Seh' ich in seinem Gesicht. Aufrichtig sagt es mir Alles,
155
Was, vom fühlenden Herzen entflammt, die Seele gedenket.«
156
»dieser ist Simon Petrus,« erwiderte Seraph Orion,
157
»einer der Größten. Mich wählte, daß ich ihn beschützte, der Mittler.
158
Wie Du sagtest, so ist auch mein Freund. Du solltest ihn immer
159
Nebst mir in jedem kleinen Betragen, in Jesus' Gesellschaft,
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Wenn er freudig ihn hört, auch wenn er am fernen Gestade,
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Nicht vor dem Auge des Göttlichen mehr, doch von meinem begleitet,
162
Schlummert, verloren in Träume von Gott, da immer ihn sehen,
163
Seraph, Du würdest sein fühlendes Herz noch göttlicher nennen.
164
Einst, als Jesus die Jünger befragte, für wen sie ihn hielten,
165
Sprach er: »Du bist Christus, der Sohn des lebenden Gottes!«
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Dieses sagt' er und weinte vor Freude. Wir weineten, Seraph,
167
Mit dem Glücklichen, als er es kaum vor Wonn' und vor Wehmuth
168
Aussprach. Aber hätt' ich nur nicht, ach, selbst aus des Mittlers
169
Munde von Petrus gehört: »Du wirst mich dreimal verleugnen!«
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Traurige Worte, was sagtet Ihr mir! Ach, Simon, mein Bruder,
171
Hörtest Du sie? Und wenn Du sie hörtest, wie ward Dir's im Herzen?
172
Simon, Du sagtest zwar kühn, Du wolltest nie ihn verleugnen,
173
Deinen Erlöser und Gott; doch Jesus sagt' es noch einmal.
174
Wenn Du es wüßtest, wie mir mein Herz in Trauren zerfließet,
175
Denk' ich daran, Du stürbst viel lieber, als daß Du den besten,
176
Deinen getreusten, unsterblichen Freund unedel verkenntest.
177
Aber Du weißt ja, wie Jesus Dich liebt, Du sahst ja sein Auge,
178
Das voll göttlicher Huld bei diesen Worten Dich ansah.
179
Simon Petrus, Du wirst ihn doch nicht unedel verkennen?«
180
Selia hört' ihn. Den Seraph durchdrangen zärtliche Kummer.
181
»nein,« so sagt' er zu ihm, »nein, theurer Orion, er wird nicht
182
Seinen getreusten, unsterblichen Freund unedel verleugnen!
183
Schau' ihn nur an, welch redliches Herz dies Angesicht ausdrückt!
184
Aber wer ist Jener, der dort auf männlicher Stirne
185
Feuer zur Tugend und zürnenden Haß der Laster verbreitet,
186
Unerbittlich dem sklavischen Sünder, der Gott verkennet?
187
Ist er nicht Simon's Vertrauter? O, wie er um ihn sich beschäftigt!
188
Wär' er sein Bruder, so könnt' er ihm nicht vertrauter begegnen!«
189
Sipha, sein Engel, redete jetzt: »Du irrest nicht, Seraph,
190
Dieser ist Simon's Bruder, Andreas. Sie wuchsen zugleich auf,
191
Und Orion und ich erzogen der Jünglinge Seelen
192
Neben einander mit Sorgsamkeit auf. Oft hab' ich ihn damals,
193
Wenn mit Zärtlichkeit Beide die brünstige Mutter umarmte,
194
Unvermerkt zu jener vollkommneren Liebe gebildet,
195
Die er dereinst dem großen Messias heiligen sollte.
196
Als ihm Jesus am Jordane rief, da war er noch einer
197
Von den Jüngern Johannes'. Noch klang ihm die Rede Johannes'
198
Von dem kommenden Mittler am immerhörenden Ohre,
199
Als ihn mit seinem durchdringenden Blick, voll segnender Liebe,
200
Jesus berief. Ich hab' ihn gesehen; göttliches Feuer
201
Drang gewaltig in ihn, er flog dem Messias entgegen!«
202
Jetzo sprach Philippus' Beschützer, Libaniel, also:
203
»den Du dort um Beide gesellig und friedsam erblickest,
204
Dieser ist Philippus. Die menschenfreundliche Heitre
205
Bildet die Züge des stillen Gesichts, und treues Bestreben,
206
Alle, die Gott zum Bilde sich schuf, wie Brüder zu lieben,
207
Ist der geliebtere Trieb in seinem göttlichen Herzen.
208
Auch hat Gott in ihn der süßen Beredsamkeit Gaben
209
Viele gelegt. Wie vom Hermon der Thau, wenn der Morgen erwacht ist,
210
Träufelt, und wie wohlriechende Lüfte vom Oelbaum fließen,
211
Also fließt von Philippus' Munde die liebliche Rede.«
212
Selia sprach weiter: »Der dort mit langsamem Schritte
213
Unter den Cedern wandelt, wer ist Der? Auf seinem Gesichte
214
Glüht die edle Begierde nach Ruhm. Da geht er wie einer
215
Von den Unsterblichen, welche der Nachwelt ihre Geschäfte
216
Heiligen und von Enkel zu Enkel unsterblicher werden.
217
Oft erhebet sich über die Erd' ihr Ruhm; unbegrenzter
218
Geht er von einem Gestirn zu dem andern. Und wenn ihr Geschäft war,
219
Würdige Lieder von Gott und seinen Wegen zu singen,
220
Engel, so wißt Ihr, wie sie in unseren Chören erschallen.«
221
Seraph Adona sprach: »Der Zebedäide Jakobus
222
Ist Der, welchen Du siebst. Die Ehrbegierde des Weisen
223
Ist nur auf göttliche Dinge gerichtet. Vor jener Versammlung
224
Aller Menschen, im großen Gericht der erwachenden Todten
225
Durch die Entscheidung des ewigen Ersten und seines Gesalbten,
226
Würdig noch der Ehre zu sein, das ist sein Bestreben.
227
Weniger Ehre wär' Schmach für diese himmlische Seele!
228
Sieht er den Göttlichen kommen, so geht er, von Seligkeit trunken,
229
Ihm entgegen, als ging' er ihm schon am ewigen Throne
230
Jauchzend entgegen. Ich hab' ihn gesehn, da zu Tabor's Gebirge
231
Niederstiegen die Boten des Herrn, Elias und Moses.
232
Siehe! der Berg umzog sich mit hellen, schattenden Wolken.
233
Jesus wurde verklärt. Sein Antlitz war wie die Sonne,
234
Wenn sie allgegenwärtig und hoch im Mittag glänzet,
235
Und das Gewand war silbern wie Licht. Da eilte Jakobus,
236
Wie in das Allerheiligste Gottes der oberste Priester,
237
Aron, zu Gott und dem Gnadenstuhl und der Lade des Bundes,
238
Also eilte Jakobus, erfüllt von der Ehre des Anschauns,
239
Deß er gewürdiget ward, der hohen Erscheinung entgegen.
240
Unter den heiligen Zwölfen ist Dieser der Märtyrer Erstling.
241
Also sagen der Vorsicht Tafeln. Ihm ist es bestimmet,
242
Bald zu gehn in Triumph auf der Zukunft weiteren Schauplatz
243
Und des ewigen Geistes Begierd' unendlich zu stillen.«
244
»simon, der Kananit, den Du dort sitzend erblickest,
245
Sagte sein Engel, Megiddon, war ein Schäfer in Saron.
246
Jesus rief ihn vom Felde. Sein stilles Leben voll Unschuld
247
Und die Demuth, mit welcher er ihm in Einfalt diente,
248
Wandte das Herz des Erlösers ihm zu. Denn da er ermüdet
249
Einst zu ihm kam, da schlachtet' er Jesus mit sorgsamer Eile
250
Gleich ein jugendlich Lamm und stand und dient' ihm in Unschuld,
251
Segnete sich und die niedrige Hütte, wo Gottes Prophet war.
252
Jesus aß so froh, wie er einst in dem Haine zu Mamre
253
Mit zween Engeln und Abraham aß. »Komm, folge mir, Simon,«
254
Sagt' er zu ihm, »und laß den Gespielen die Heerde der Lämmer.
255
Denn ich bin es, von dem Du das Lied der himmlischen Schaaren
256
Neben der Quelle Bethlehem's einst, noch Knabe, vernahmest.««
257
»dort geht mein Geliebter hervor,« sprach Seraph Adoram,
258
»schau, Jakobus, der Alphäide! Dies ernste Gesichte
259
Ist verschweigende Tugend, die weniger saget als ausübt.
260
Kennt ihn der Ewige nur, wenn ihn auch von Enkel zu Enkel
261
Menschen nicht kennten, er unbekannt den Unsterblichen bliebe,
262
Sieh, er würde, vom Ruhm unbelohnt, doch edel und gut sein!«
263
Umbiel sprach ferner: »Der dort voll Gedanken und einsam
264
Tief in dem Walde sich zeigt, ist Thomas, ein feuriger Jüngling.
265
Stets entwickelt sein Geist aus Gedanken Gedanken. Ihr Ende
266
Findet er oft nicht, wenn sie vor ihm sich wie Meere verbreiten.
267
Bald hätt' er sich in dem finstern Gebäu des träumenden Saddok
268
Kläglich verloren; allein des Messias gewaltige Wunder
269
Retteten ihn, er verließ die labyrinthischen Irren,
270
Kam zu Jesus. Doch würd' ich mich seinetwegen noch öfter
271
Zärtlich bekümmern, hätt' ihm zu dieser denkenden Seele
272
Nicht die Natur ein redliches Herz und Tugend gegeben.«
273
»jener ist Matthäus,« so sprach Bildai, »ein Jünger,
274
Der in dem vollen Schooß wollüstiger Eltern erzogen
275
Und durch sie zu dem niedern Geschäft der Reichen verwöhnt ward,
276
Die, des unsterblichen Geistes uneingedenk, unersättigt
277
Wie für die Ewigkeit sammeln. Allein die mächtigern Triebe
278
Seines Geistes erhuben sich bald, da er Jesus erblickte.
279
Kaum winkt' ihm der Messias, er folgt' und ließ die Geschäfte,
280
Die ihn bisher zu der Erde gedrückt, den Thieren zurücke.
281
So entreißt sich ein Held der Könige weichlichen Töchtern,
282
Ruft ihn der Tod für das Vaterland. Ins Gefilde, wo Gott steht
283
Und dem Verderben, gerüstet mit Rache, die Schuldigen zuzählt,
284
Rufet ihn mehr als ewiger Ruhm die Stimme der Unschuld.
285
Dankbar wird ihn der Mund befreiter Glücklicher ehren;
286
Denn sein Krieg war gerecht. Und bleibet er, mitten im Würgen,
287
Da noch Mensch, so wollen wir ihn vor dem Ewigen singen.«
288
Seraph Siona fuhr fort: »Der dort mit silbernem Haupthaar,
289
Jener freundliche Greis, ist Bartholomäus, mein Jünger.
290
Schau sein frommes, heiteres Antlitz. Die heilige Tugend
291
Wohnt da gern. Den Sterblichen wird die Strenge der ernsten,
292
Wenn er vor ihnen sie thut, weit liebenswürdiger werden.
293
Du wirst Viel' zu dem Herrn versammeln. Sie werden Dein Ende
294
Sehen und sich wundern, wenn Du in dem Schweiße des Todes
295
Deinen Mördern und Brüdern wie junge Seraphim lächelst.
296
Trocknet mit mir, wenn er stirbt, das Blut von seinem Antlitz,
297
Himmlische Freunde, damit sein abschiednehmendes Lächeln
298
Alle Versammlungen sehn und sich zu dem Sohne bekehren.«
299
»jener blasse, verstummende Jüngling,« so sagte jetzt Elim,
300
»ist mein auserwählter Lebbäus. So zärtlich und fühlend
301
Als die Seele des stillen Lebbäus sind Wenig' erschaffen.
302
Da ich aus jenem Gefilde sie rief, wo die Seelen der Menschen
303
Schweben vor des Leibes Geburt, sich selber nicht kennend,
304
Fand ich sie im Trüben an einer rinnenden Quelle,
305
Welche wie fernherweinende Stimmen klagend ins Thal floß.
306
Hier hat einst, wie die Engel erzählen, der traurige Seraph,
307
Abbadona, geweint, als er aus Eden zurückkam
308
Und der heiligen Unschuld der Mütter erste beraubt sah.
309
Ach, Ihr wißt es, daß Seraphim oft hier Seelen beklagen,
310
Denen sie Gott zu Vertrauten erkor, die aber auf Erden
311
Erst die heilige Jugend mit frommer Unschuld bekrönen,
312
Dann des göttlichen Lebens Beginn entheiligen werden.
313
Ach, sie wird, vom Laster entstellt, ein schreckliches Ende
314
Nehmen. Sie sind es, um die vor ihrer dunkeln Geburtszeit
315
Brüderlich, mit Seufzern der himmlischen Freundschaft, mit Thränen,
316
Menschen unweinbar, die Seraphim klagen. Hier fand ich die Seele
317
Meines geliebten Lebbäus gehüllt in ruhige Wolken.
318
Also vernahm sie den traurigen Ton mit leiser Empfindung,
319
Welche, so lang' die stärkern der irdischen Sinnlichkeit walten,
320
Schlummert, aber erwacht und des ersten Lebens erinnert,
321
Wenn die Seele, mit Licht bekleidet, dem Leib entflohn ist.
322
Dennoch blieb das leise Gefühl der traurigen Stimmen
323
Mächtig genug, die erste Gestalt der Seele zu bilden.
324
Sie hab' ich sanft in dem Schooß leichtfliegender Morgenwolken
325
Bis zu der sterblichen Hütte gebracht. Die Mutter gebar ihn
326
Unter Palmen. Da kam ich vom Wipfel der rauschenden Palmen
327
Ungesehn und kühlte den Knaben mit lieblichen Lüften.
328
Aber er weinte schon dazumal mehr, als Sterbliche weinen,
329
Wenn sie mit dunkler Empfindung den Tod von ferne schon fühlen.
330
Also bracht' er, bei jeder Thräne, die Freunde vergossen,
331
Innig gerührt, bei jedem Schmerz der Menschen empfindlich,
332
Seine Jugend voll Traurigkeit hin. So ist er bei Jesus
333
Immer gewesen. Wie sehr bin ich Deinetwegen bekümmert!
334
Wenn der Erlöser stirbt, dann wirst Du, heiliger Jüngling,
335
Unter des Elends Last vergehn. Ach, stärk' ihn, Erlöser,
336
Stärk' ihn alsdann, Erbarmer der Menschen, damit er nicht sterbe!
337
Siehe, da kömmt er selbst, tiefsinnig, mit wankendem Schritte,
338
Gegen uns her. Hier kannst Du ihn, Seraph, näher betrachten
339
Und von Antlitz zu Antlitz der Seelen zärtlichste sehen.«
340
Als der Seraph noch sprach, da trat der stille Lebbäus
341
Unter sie hin. Mit Schnelligkeit wich die hohe Versammlung
342
Vor dem Sterblichen. Also zertheilen sich Frühlingslüfte
343
Vor der Nachtigall klagendem Ton, wenn sie mütterlich jammert.
344
Jetzo umgaben sie ihn und standen, wie Menschen, voll Liebe
345
Um ihn herum. Von Keinem wo, wie er glaubte, vernommen,
346
Klagte der stille Lebbäus und schlug in der herzlichen Klage
347
Ueber dem Haupt die Hände zusammen: »So find' ich ihn nirgends!
348
Schon ist ein trauriger Tag, schon sind zwo Nächte vergangen,
349
Und wir sehen ihn nicht! Ja, seine verruchten Verfolger
350
Haben ihn endlich gewiß ergriffen! Ich armer Verlassner
351
Kann noch leben, und Jesus ist todt! Dich haben die Priester
352
Kläglich erwürgt, Du göttlicher Mann, und ich sah Dich nicht sterben!
353
Ach, und ich habe Dir nicht Dein göttliches Auge geschlossen!
354
Sagt, Verruchte, wo würgtet Ihr ihn? In welche Gefilde,
355
Welche bange, verödete Wüste, zu welchen Gebeinen
356
Unter den Todten brachtet Ihr ihn und nahmt ihm das Leben?
357
Ach, wo liegest Du, göttlicher Freund? Ja, unter den Todten,
358
Bleich und entstellt, der innigen Huld und des himmlischen Lächelns,
359
Aller Deiner erbarmenden Blicke von Mördern beraubet,
360
Liegest Du, und Dich haben die Deinen nicht sterben gesehen!
361
Ach, daß nur dies bange Herz mir länger nicht schlüge!
362
Daß mein Geist, geschaffen zur Angst, wie dies dunkle Gewölke
363
Tief in die Nacht des Todes entflöh'! ich läg' und schliefe!«
364
Also klagt' er und sank ohnmächtig in Schlummer danieder.
365
Elim bedeckt' ihn mit Sprößlingszweigen des schattenden Oelbaums,
366
Wehete dann mit wärmenden Lüften sein starrend Gesicht an,
367
Ungesehen, und goß ihm Leben und ruhigen Schlummer
368
Ueber sein Haupt. Er schlief und sah im heiligen Traume
369
Durch den Engel den Mittler vor sich lebendig herumgehn.
370
Selia hing mit thränendem Blick und menschlichem Mitleid
371
Ueber ihm, als bei den Gräbern noch einer der Jünger heraufstieg.
372
»nennet mir auch Jenen,« so sagt er, »der dort an dem Berge
373
Uns sich nahet. Ihm fällt sein schwarzes, lockichtes Haupthaar
374
Ueber die breiten Schultern herab. Sein ernstes Gesicht ist
375
Voll von männlicher Schöne. Dies Haupt, das über die Häupter
376
Aller Jünger ragt, vollendet sein männliches Ansehn.
377
Aber darf ich es sagen, und irr' ich nicht, himmlische Freunde,
378
Wenn ich in diesem Zug des Gesichts Unruh' entdecke
379
Und in jenem nicht Edles genug? Doch er ist ja ein Jünger,
380
Und er wird ja dereinst Gericht mit dem Göttlichen halten!
381
Aber Ihr schweigt, Unsterbliche! Keiner von meinen Geliebten
382
Sagt mir ein Wort! Ach, warum schweigt Ihr, himmlische Freunde?
383
Hab' ich Euch traurig gemacht, daß ich diesen Jünger verkannte?
384
Redet mit mir, ich habe geirrt. Und Du, heiliger Jünger,
385
Zürne Du nicht! ich will, wenn Du einst als Märtyrer Gott ehrst
386
Und in Triumph die Unsterblichen siehst, dann will ich den Fehl Dir
387
Durch die zärtlichste Freundschaft vor diesen Seraphim gut thun.«
388
»ach, so muß ich denn reden,« sprach Ithuriel seufzend,
389
Ging mit banggerungenen Händen dem Seraph entgegen,
390
»ach, so muß ich denn reden, mein Freund! Ein ewiges Schweigen
391
Wäre für meinen Kummer und Deine Beruhigung besser!
392
Aber Du willst es, ich red', o Seraph. Ischariot heißt er,
393
Welchen Du siehst. Ja, Seraph, ich wollte nicht über ihn weinen,
394
Ungerühret und thränenlos und ohne Betrübniß
395
Wollt' ich ihn sehn und in heiligem Zorn den Schuldigen meiden,
396
Hätt' ihm Gott nicht ein Herz, das auch dem Guten erweicht ward,
397
Und in der unentheiligten Jugend Unschuld gegeben;
398
Hätt' ihn nicht der Messias der Jüngerschaft würdig geachtet,
399
Die er auch frommes Herzens begann und mit heiligem Wandel.
400
Aber ach, nun! Doch ich schweige, mein Leid nicht unendlich zu häufen!
401
Ja, nun weiß ich, warum, da wir von den Seelen der Jünger
402
Uns vor des Leibes Geburt, vor dem Antlitz Gottes besprachen,
403
Warum damals – so winkte der Richter ihm – Seraph Eloa
404
Traurig herunterstieg und einen der goldenen Stühle,
405
Die den Zwölfen der Ewige gab, mit Wolken bedeckte.
406
Auch ist Gabriel traurig und mit verhülltem Gesichte
407
Mir vorübergegangen, als ihn in der schrecklichen Stunde
408
Seine verlassene Mutter gebar. Wärst Du nicht geboren!
409
Hätte von Deiner ewigen Seele kein Seraph gesprochen,
410
Du Verlorner! dies wär' Dir besser, als daß Du den Mittler
411
Und der Jünger erhabnen Beruf unedel entheiligst.«
412
Seraph Ithuriel sprach's und blieb mit sinkendem Blicke
413
Bang vor Selia stehen. »Mein ganzes Herz erbebt mir,
414
Und ein trübes Dunkel, wie Dämmrung, umwölket mein Auge!«
415
Sagte Selia seufzend. »Ischariot, Einer der Zwölfe
416
Und Dein Jünger, Ithuriel? Was der Unsterblichen keiner,
417
Jemals geglaubt, was jetzo vor Wehmuth ihr Mund kaum ausspricht!
418
Der entheiligt der Jünger Beruf und den göttlichen Mittler?
419
Doch was ist denn des Armen Verbrechen? Was that der Verlorne,
420
Das ihn vor Jesus und Dir und allen Geistern entehrte?
421
Sag es frei, zwar bebt mir das Herz, doch, Ithuriel, sag es!«
422
»seraph, heimlicher Haß hat den unglückseligen Jünger
423
Wider den göttlichen Mittler empört. Er hasset Johannes,
424
Weil Den Jesus vor Allen mit inniger Zärtlichkeit liebet;
425
Und – zwar dies verbürg' er sich gern – er haßt den Erlöser!
426
Auch sind in einer erschrecklichen Stunde Begierden nach Reichthum
427
Tief in seiner Seele, die war sonst edler, gewurzelt.
428
Denn sie kannt' ich im Jünglinge nicht. Von ihnen geblendet,
429
Glaubt er, nun werde Johannes dereinst vor den anderen Jüngern,
430
Aber besonders vor ihm, in dem neuen Reiche des Mittlers
431
Ringsum herrliche Schätze, des Reichthums Erstlinge, sammeln!
432
Dies hab' ich oft, wenn er, wie er glaubte, von Keinem bemerket,
433
Einsam irrte, von ihm aus klagendem Munde vernommen.
434
Einst, als er auch – dies schreckliche Bild wird mir lange vor Augen
435
Schweben und lange mein Herz mit stiller Wehmuth erfüllen –
436
Einst, als er auch im Thal Benhinnon voll Unruh es sagte
437
Und in Wünsche der Bosheit bei seiner Beschuldigung ausbrach;
438
Als ich dabei, voll Kummer und trostlos in mich gekehret,
439
Stand und mein Antlitz erhub, da sah ich, wie Satan vorbeiging
440
Und mit bitterem Spott und triumphirendem Lächeln
441
Von Ischariot kam und stolzmitleidig mich ansah.
442
Jetzt ist sein Herz so elend, so bloß dem Sturme des Lasters,
443
Daß ich wegen jedes Gefühls und jedes Gedankens
444
Innig sorge, sie führen ihn einst zum schnellen Verderben.
445
Gott, daß Deine gefürchtete Hand jetzt Satan im Abgrund
446
Mit diamantenen Ketten der tiefsten Finsterniß hielte!
447
Daß die unsterbliche Seele, die Du, erhabner Messias,
448
Auch zu Deiner Ewigkeit schufst, von ihrer Verirrung
449
Wiederzukehren, die theuren ihr übrigen Stunden ergriffe!
450
Daß sie, würdig der hohen Geburt und der schaffenden Stimme,
451
Da zur Unsterblichkeit Gott sie rief und der Jüngerschaft weihte,
452
Ihrem ergrimmten Verderber unüberwindlich und furchtbar,
453
Gleich dem muthigsten Seraph, mit Heiligkeit widerstünde!«
454
»theurer Seraph, was sagt denn der Mittler,« sprach Selia ferner,
455
»ach, was sagt denn der göttliche Mittler von dem Verlornen?
456
Können des Göttlichen Blicke noch sehn den nahen Verbrecher?
457
Liebt er ihn noch? und, wenn er ihn liebt, wie entdeckt er sein Mitleid?«
458
»selia, Du zwingst mich, ich muß Dir Alles entdecken,
459
Was ich so gern vor mir selbst, vor Dir und den Engeln verbürge.
460
Jesus liebt den Unwürdigen noch. Voll sorgsamer Liebe,
461
Zwar mit Worten nicht, aber mit Blicken der göttlichsten Freundschaft,
462
Sagt' er ihm jüngst bei einem zufriednen, vertraulichen Mahle
463
Vor der Jünger Versammlung, er sei's, er werd' ihn verrathen!
464
Selia, siehe, da kömmt er herauf. Ich will den Verruchten
465
Ferner nicht sehn, komm mit mir.« Ithuriel sagt' es und eilte.
466
Selia folgte betrübt. Johannes' zweiter Beschützer,
467
Salem, ein himmlischer Jüngling, begleitete Beide von ferne.
468
Jesus gab dem geliebten Johannes zween heilige Wächter,
469
Raphael, einer vom Thron, der hohen Seraphim einer
470
Und aus Gabriel's Ordnung, der ward sein erster Beschützer.
471
Selia und Ithuriel gingen Beide zu Jesus
472
In die Gräber. Da trat mit heiterem Angesicht Salem
473
Unter sie hin und blickte sie an und umarmte sie zärtlich.
474
Frohe, besänftigte Züge verklärten das Angesicht Salem's,
475
Und ein jugendlich Lächeln umfloß des Unsterblichen Stirne,
476
Da, wie die Pforten des lieblichen Morgens im Frühling sich öffnen,
477
Sich sein heiliger Mund voll süßer Beredsamkeit aufthat,
478
Und ihm von der Lippe der Hauch sanfttönend herabfloß.
479
»seraph, beruhige Dich, der dort in den Gräbern bei Jesus,
480
Jener ist Johannes, der liebenswürdigste Jünger.
481
Schau ihn an, bald wirst Du nicht mehr an Ischariot denken!
482
Heilig wie ein Seraph, o, wie der Unsterblichen einer
483
Lebt er bei Jesus, der ihm sein Herz vor Allen eröffnet
484
Und mit göttlicher Huld sich ihn zum Vertrautesten wählte!
485
Wie die Freundschaft des hohen Eloa und Gabriel's Freundschaft,
486
Oder wie Abdiel's Liebe war zu Abbadona,
487
Als er mit ihm noch lebte in anerschaffener Unschuld,
488
Also ist Johannes' und Jesus' göttliche Freundschaft.
489
Und er ist es auch würdig. Noch ward in heiligen Stunden
490
Keine so himmlische Seele vom großen Schöpfer gebildet
491
Als die unschuldige Seele Johannes'. Ich hab' es gesehen,
492
Da die Unsterbliche kam. Sie priesen glänzende Reihen
493
Himmlischer Jünglinge selig und sangen von der Gespielin:
494
»sei uns zu Deiner Schöpfung gegrüßt, unsterbliche Freundin,
495
Heilige Tochter des göttlichen Hauchs, komm, sei uns gesegnet!
496
Du bist schön und zärtlich wie Salem, wie Raphael himmlisch
497
Und erhaben. Dir werden aus Deiner heiteren Fülle,
498
Wie aus der Morgenröthe der Thau, die Gedanken geboren,
499
Und Dein menschliches Herz, Dein Herz voll Innigkeit fließet
500
Ueber von süßem Gefühl, so wie der Unsterblichen Auge
501
Voller Entzückungen weint, wenn es frömmere Thaten erblicket.
502
Tochter des göttlichen Hauchs, vertraulichste Schwester der Seele,
503
Die einst Adam in ihrer unschuldigen Jugend beseelte,
504
Komm, wir führen Dich jetzt zu Deinem Genossen, dem Leibe,
505
Den die Natur schön bildet, damit sein Lächeln, o Seele,
506
Schatten Deiner Himmelsgestalt im Antlitze zeige.
507
Ja, er wird schön und Deinem Leibe, Du Göttlicher, gleich sein,
508
Den nun bald der ewige Geist zu dem schönsten der Menschen
509
Bilden wird, dem schönsten vor allen Kindern von Adam.
510
Ach, dies zarte Gebäu muß einst in den Staub hinsinken
511
Und verwesen! Aber Dich wird bei den Todten Dein Salem
512
Suchen und auferwecken und, wenn Du erwacht bist, verklären!
513
Herrlich, nach himmlischer Bildung, mit neuer Schönheit umkränzet,
514
Wird er Dich dann in kommenden Wolken, Du Richter der Menschen,
515
Deinem Messias entgegen zu seinen Umarmungen führe.
516
Also sang von meinem Johannes die himmlische Jugend.«
517
Salem sagt' es und schwieg. Er und die Seraphim blieben
518
Um Johannes herum voll süßer Zärtlichkeit stehen.
519
Also stehn drei Brüder um eine geliebtere Schwester
520
Zärtlich herum, wenn sie auf weichverbreiteten Blumen
521
Sorglos schläft und in blühender Jugend Unsterblichen gleichet.
522
Ach, sie weiß es noch nicht, daß ihrem redlichen Vater
523
Seiner Tugenden Ende sich naht. Ihr dieses zu sagen,
524
Kamen die Brüder; allein sie sehen sie schlummern und schweigen.
525
Unterdeß schliefen, müde von Kummer, die übrigen Jünger
526
In den Schatten des Oelbergs ein. Der unter dem Oelbaum,
527
Wo er seinen bedeckenden Arm am Tiefsten herabließ;
528
Jener im Thale, das sich bei kleinen Hügeln versenkte;
529
Dieser am Fuß der himmlischen Ceder, die hoch und erhaben
530
Stand und mit leisem Geräusch von dem stillen, waldigen Wipfel
531
Schlummer und Thau auf die Ruhenden träufte. Viel' schliefen in Gräbern,
532
Welche die Kinder der mordenden Stadt den Propheten erbauten.
533
Judas Ischariot war, nicht weit von dem stillen Lebbäus,
534
Der sein Verwandter und Freund war, voll Unruh eingeschlafen.
535
Aber Satan, der seitwärts in einer verborgenen Höhle
536
Alles, was die Engel von ihren Jüngern erzählten,
537
Hatte gehört, brach zürnend hervor und ließ, voll Gedanken
538
Zu dem Verderben entflammt, sich über Ischariot nieder.
539
Also nahet die Pest in mitternächtlicher Stunde
540
Schlummernden Städten. Es liegt auf ihren verbreiteten Flügeln
541
An den Mauren der Tod und haucht verderbende Dünste.
542
Jetzo liegen die Städte noch ruhig; bei nächtlicher Lampe
543
Wacht noch der Weise; noch unterreden sich edlere Freunde
544
Bei unentheiligtem Wein in dem Schatten duftender Lauben
545
Von der Seele, der Freundschaft und ihrer unsterblichen Dauer.
546
Aber bald wird der furchtbare Tod sich am Tage des Jammers
547
Ueber sie breiten, am Tage der Qual und des sterbenden Winselns,
548
Wenn mit gerungenen Händen die Braut um den Bräutigam wehklagt;
549
Wenn, nun aller Kinder beraubt, die verzweifelnde Mutter
550
Wüthend dem Tag, an dem sie gebar und geboren ward, fluchet;
551
Wenn mit tiefem, verfallneren Auge die Todtengräber
552
Durch die Leichname wandeln, bis hoch aus der Donnerwolke
553
Mit tiefsinniger Stirn der Todesengel herabsteigt,
554
Weit umherschaut, Alles still und einsam und öde
555
Sieht und auf den Gräbern in ernsten Betrachtungen stehn bleibt:
556
So kam über Ischariot Satan zum nahen Verderben,
557
Goß dann einen verführenden Traum in sein offnes Gehirne.
558
Schnell empört' er das klopfende Herz zu Begierden der Bosheit;
559
Senkte zuerst empfundne Gedanken, voll Feuer, stürmend,
560
Ihm in die Seele. So wie sich der Donner in schweflichte Berge
561
Himmelab stürzt, sie entzündet, dann neue Donner versammelt,
562
Dann durch die Tiefen, nunmehr ein ganzes Wetter, sich fortwälzt.
563
Denn der Seraphim hohes Geheimniß, den Seelen der Menschen
564
Edle Gedanken, der Ewigkeit würdige, große Gedanken
565
Einzugeben, war Satan zu seiner größern Verdammniß
566
Noch bekannt. Zwar kam aus treuer, sorgsamer Ahndung
567
Seraph Ithuriel wieder zurück, bei dem Jünger zu bleiben;
568
Aber da er entdeckte, wie über Ischariot Satan
569
Sich verbreitete, bebt' er und stand und sahe zu Gott auf
570
Und entschloß sich, vom Schlaf Ischariot aufzuwecken.
571
Dreimal schwebt' er auf Flügeln des Sturms durch brausende Cedern
572
Ueber sein Angesicht hin, ging dreimal mit mächtigem Schritte
573
Bei dem Jünger vorbei, daß des Bergs Haupt unter ihm bebte.
574
Aber Ischariot blieb, mit kalter, erblassender Wange,
575
Wie in tödtlichem Schlummer. Der Seraph verhüllte sein Antlitz.
576
Gleich erschien dem Jünger im Traum sein Vater und sah ihn
577
Starr und trostlos an und sprach mit bebender Stimme:
578
»und Du schläfst, Ischariot, hier unbekümmert und ruhig
579
Und entfernst Dich so lang' von Jesus, als wenn Du nicht wüßtest,
580
Daß er Dich haßt und die übrigen Jünger alle Dir vorzieht!
581
Warum bist Du nicht immer um ihn mit ihnen zugegen?
582
Warum suchest Du nicht von Neuem sein Herz zu gewinnen?
583
Ach, wem ließ, Ischariot, Dich Dein sterbender Vater!
584
Gott! mit welcher Vergehung hab ich's, mit welchem Verbrechen
585
Hat's mein Geschlecht verdient, daß ich aus dem Thale des Todes
586
Kommen und um Ischariot hier und sein trauriges Schicksal
587
Weinen muß? Und meinst Du, Du werdest im Reich des Messias,
588
Das er errichtet, glücklicher sein, so betrügst Du Dich, Aermster!
589
Kennest Du nicht Petrus, o, kennst Du die Zebedäiden,
590
Diese geliebteren Jünger, nicht mehr? Die sind es, die werden
591
Größer als Du und herrlicher sein! Die werden bei Jesus
592
Schätze wie Ströme zu sich von des Landes Milde versammeln.
593
Auch die Uebrigen werden ein viel glückseliger Erbe
594
Als mein verlassener Sohn von ihrem Messias empfangen.
595
Komm, ich will Dir ihr Reich in seiner Herrlichkeit zeigen.
596
Steige mir nach! auf, wanke nicht! komm, ermanne Dich, Judas!
597
Siehest Du dort vor uns das unendliche, breite Gebirge,
598
Welches ins fruchtbare Thal verlängte Schatten hinabstreckt?
599
Hier wird unaufhörlich, wie aus dem schimmernden Ophir,
600
Gold gegraben; hier trieft das Thal, durch selige Jahre,
601
Reich und unerschöpflich, vom Ueberflusse des Segens.
602
Dies ist seines erwählten Johannes gesegnetes Erbe.
603
Jene Hügel, belastet von dichten, schattenden Reben,
604
Diese von wallendem Korn weit überfließenden Auen
605
Sind dem geliebteren Petrus von seinem Messias gegeben.
606
Siehst Du die ganze Fülle des Landes? Wie hier sich die Städte,
607
Gleich der Königestochter, Jerusalem, unter der Sonne
608
Glänzend und hoch, voll unzählbarer Menschen, im Thale verbreiten!
609
Wie sich neue Jordane dort, die Städte zu wässern,
610
Unter jener Umwölbung der hohen Mauren dahinziehn!
611
Gärten, gleich dem befruchteten Eden, beschatten den Goldsand
612
Ihrer Gestade. Dies sind die Königreiche der Jünger.
613
Aber erblickst Du, Ischariot, auch in jener Entfernung
614
Dort das kleine gebirgichte Land? Da liegt es verödet,
615
Wild, unbewohnt und steinicht, mit dürrem Gehölz durchwachsen.
616
Ueber ihm ruhet die Nacht in der kalten, weinenden Wolke,
617
Unter ihr Eis und nordischer Schnee in unfruchtbaren Tiefen,
618
Wo, verdammt zu der Klage, zur Oed' und Deiner Gesellschaft,
619
Nächtliche Vögel die donnergesplitterten Wälder durchirren.
620
Ach, Dein Erbe! Wie werden vor Dir, verachteter Jünger,
621
Bald die übrigen Elfe mit triumphirender Stirne
622
Stolz vorübergehn und kaum in dem Staube Dich merken!
623
Judas, Du weinest vor Gram und edelmüthigem Zorne!
624
Sohn, Du weinest umsonst, umsonst fließt jede der Thränen,
625
Die in Deiner Verzweiflung Dir fließt, wenn Du selbst Dir nicht beistehst!
626
Höre mich an, ich schließe Dir ganz mein väterlich Herz auf:
627
Sieh, der Messias säumt mit seiner großen Erlösung
628
Und mit dem herrlichen Reich, das er aufzurichten verheißen.
629
Nichts ist den Großen verhaßter, als Nazaret's König zu dienen.
630
Täglich sinnen sie Tod' ihm aus. Verstelle Dich, Judas,
631
Schein', als wolltest Du ihn in die Hand der wartenden Priester
632
Ueberliefern, nicht Rache zu üben, weil er Dich hasset,
633
Sondern ihn nur dadurch zu bewegen, daß er sich endlich
634
Ihrer langen Verfolgungen müd' und furchtbarer zeige,
635
Daß er, mit Schande, Bestürzung und Schmach sie zu Boden zu schlagen,
636
Sein so lang' erwartetes Reich auf einmal errichte.
637
O, dann wärst Du ein Jünger von einem gefürchteten Meister;
638
Dann, dann würdest Du auch Dein Erbtheil früher erlangen!
639
Ist es auch klein, so kannst Du es doch, erlangst Du es früher,
640
Endlich mit unermüdendem Fleiß, mit Wachen und Arbeit,
641
Durch Anbauung und Handel bereichern, daß es der Andern
642
Großem gesegneten Erbe, wiewol von ferne nur! gleiche.
643
Hierzu füllen gewiß, für die Ueberlieferung Jesus',
644
Dir die dankbaren Priester mit ihrem Golde die Hände.
645
Dies ist der Rath, den Dir Dein bekümmerter Vater ertheilet.
646
Schaue mich an! Ist es nicht mein blasses, erstorbenes Antlitz?
647
Ja, aus des unteren Libanon's Hain selbst da für Dich wachend,
648
Komm' ich hierher und zeige Dir Deine Rettung im Traume!
649
Doch Du erwachst. Verachte nicht, Sohn, die ermahnende Stimme
650
Deines Vaters und laß mich nicht traurend zu meinen Genossen,
651
Zu den Seelen der Todten mit Herzeleid nicht hinabgehn!«
652
Satan richtete sich nach seiner Gesichte Vollendung
653
Ueber ihm auf. So richtet sich hoch ein werdender Berg auf,
654
Kurz noch ein Thal, wenn Thäler um ihn bei Erschüttrung der Erde
655
Mit den gesunknen Gewölben hinab in die Tiefe sich stürzen.
656
Judas erwacht, springt ungestüm auf. »Ja, sie war es, die Stimme
657
Meines todten Vaters, so redt' er, so sah ich ihn sterben!
658
Also ist es gewiß: Er hasset mich! Selbst bei den Todten
659
Ist es bekannt! Was Du immer mit zitternder Ahndung vermuthet,
660
Du Verlaßner, das melden Dir jetzt die Seelen der Todten!
661
Nun wolan! so will ich denn hingehn, Alles vollenden,
662
Was mein Gesicht mir gebot! Allein so handl' ich ja untreu
663
An dem Messias! Und wenn mir zürnende Schwermuth den Traum gab,
664
Oder Satan? Entfleuch, zu furchtsamer, kleiner Gedanke!
665
Aber ich fühle bei mir nach Reichthum heiße Begierden!
666
Heiße Begierden nach Rache! Was bist Du, Seele, so zärtlich,
667
Ach, so empfindlich und bang, Dich mit schwachen Gedanken zu quälen?
668
Träume zeigen sich Dir! Die Träume befehlen Dir Rache!
669
Wenn ein Gesicht sie gebeut, so ist die Rache geheiligt!«
670
Satan hört' ihn so reden, den schon die Gerichte des Richters
671
Leise trafen, weil er vorher die Unschuld der Seele
672
Schon entheiliget hatte. Mit vollem schweigenden Stolze
673
Schauete Satan auf ihn und mit wildem Antlitz herunter.
674
Also sieht ein gefürchteter Fels aus der hohen Wolke
675
In das wogende Meer auf schwimmende Leichname nieder.
676
Aber nun faßt der Donner ihn bald, bald ist er, zertrümmert,
677
Tief in dem Meer ein Thal und liegt; ihn werden die Inseln
678
Fallen sehn und rings zujauchzen dem rächenden Donner.
679
Satan verließ das Gebirg und ging mit gehobenem Schritte
680
Ueber Jerusalem hin und sucht' in den stillen Palästen
681
Kaiphas auf, den Feind und den Hohenpriester der Gottheit,
682
Ueber sein Herz voll Bosheit noch viel boshaftre Gedanken
683
Auszugießen und ihn mit dunkeln Gesichten zu täuschen.
684
Judas Ischariot blieb noch vertieft in irre Gedanken
685
Auf dem Gebirge. Der Tag ging jetzt der schlummernden Welt auf.
686
Jesus erwachte, Johannes mit ihm. Sie gingen zusammen
687
Auf den Berg und fanden daselbst die Jünger noch schlafend.
688
Jesus ergriff dem frommen Lebbäus die sinkenden Hände,
689
Sprach, als er jetzt erwachte, zu ihm: »Da bin ich und lebe,
690
Frommer Lebbäus!« Der Jünger sprang auf, umarmt' ihn mit Thränen,
691
Lief und weckte die übrigen Jünger und brachte sie Jesus.
692
Als sie ihn rings vertraulich umgaben, sprach er zu ihnen:
693
»komm, Du heilige Schaar, wir wollen uns unter einander
694
Diesen übrigen Tag vor dem Abschiedskusse noch freuen!
695
Komm, jetzt stehet uns Saron noch offen, thaut noch der Himmel
696
Ueber uns aus dem frühen Gewölk in die Segensgefilde.
697
Siehe, die himmlische Ceder, von meinem Vater erzogen,
698
Sendet noch kühlende Schatten herab. Noch seh' ich den Menschen
699
Von so göttlicher Bildung bei meinen Unsterblichen wandeln!
700
Aber bald ist das Alles nicht mehr! Bald wird sich der Himmel
701
Dunkel mit schreckenden Wolken umziehn! Bald werden die Tiefen
702
Ungestüm erzittern und dies Gefilde voll Segen,
703
Dies geliebte Gefilde verwüsten! Bald schaun die Menschen
704
Mit Mordblicken mich an! bald werdet Ihr Alle mich fliehen!
705
Weine nicht, Petrus, und Du, mein zärtlichbekümmerter Jünger,
706
Weine Du nicht! Wenn der Bräutigam da ist, weinet die Braut nicht.
707
Ach, Ihr werdet mich wieder erblicken, mich sehn, wie die Mutter,
708
Sie ein einziger Sohn bei den Auferstehenden sehn wird.«
709
Dieses sagt' er und stand mit göttlichheiterem Antlitz
710
Unter ihnen; allein in seinem Herzen empfand er
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Innerlich Seelenangst und der Söhnung erhabene Leiden.
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Also ging er und ward von Allen vertraulich begleitet,
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Nur von Ischariot nicht. Der hatt' ihn unter den Schatten
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Waldichter Wipfel von ferne gehört. »So weiß er ja selbst schon,«
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Sagt' er in sich, da er Jesus, der eilt', in der Ferne noch nachsah,
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»daß ihm ein Tag der Finsterniß droht! So wird er auch wissen,
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Wie er seinen Verfolgern begegnen und, unüberwindlich,
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Was er anfing, endigen soll. Doch weiß er auch, Judas,
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Weiß er, was Du beschlossest, auch schon? Du willst ihn verrathen!
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Aber wenn das Gesicht mich nun täuschte? der Traum mich betröge?
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Täuschet mein Traum mich, und kam er, noch mehr den Gehaßten zu quälen,
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O, so sei sie verflucht, die Stund', in welcher ich einschlief,
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Und zu mir mein Vater, wie Todtengestalt, heraufkam!
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Kehrt sie zurück, dann müsse man sterbend Geheul auf den Bergen
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Hören! sterbend Geheul in tiefen, fallenden Gräbern
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Müsse man hören! Verflucht sei der Ort, wo ich lag und einschlief!
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Dort, dort müss' ein entsetzlicher Sohn den Vater erwürgen!
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Ha! dort fließe das Blut von meinem geliebteren Freunde,
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Wenn er mit eigner Hand in seiner Wuth sich erwürgt hat!
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Judas, wohin verirrest Du Dich! Verirrest? Was zürnst Du
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Ueber Dich selbst? Du verirrest Dich nicht, wenn Du also getäuscht wirst!
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Lehret mich ein gesandtes Gesicht den Messias verrathen,
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Und ich sündige dran, seist Du auch unter den Tagen,
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Schrecklichster Tag, verflucht, da mich der Messias erwählte,
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Da er voll Liebe, mit Blicken der Huld, dem Gehorchenden sagte:
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»folge mir nach!« Du müssest umwölkt und dunkel und Nacht sein!
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Nahest Du, müsse die Pest in Finsternissen umhergehn!
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Tödten, senkt die Sonne den Strahl, verderbende Seuche!
739
Dich, Tag, nenne kein Mensch! und unter den Tagen vergeß Dich
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Gott! Wie ergreift mich die Angst! wie zittern mir alle Gebeine!
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Judas, wo bist Du? Erwache, sei stark! Was quälst Du Dich, Aermster?
742
Deine Gesichte täuschen Dich nicht! Und wenn sie Dich täuschten,
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Kannst Du es anders als so, wonach Du dürstest, erlangen?«
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Also rief er, wüthet' er, war seit seinem Gesichte
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Zwo erschreckliche Stunden der Ewigkeit näher gekommen.