1
Sing', unsterbliche Seele, der sündigen Menschen Erlösung,
2
Die der Messias auf Erden in seiner Menschheit vollendet,
3
Und durch die er Adam's Geschlecht zu der Liebe der Gottheit,
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Leidend, getödtet und verherrlichet, wieder erhöht hat.
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Also geschah des Ewigen Wille. Vergebens erhub sich
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Satan gegen den göttlichen Sohn; umsonst stand Juda
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Gegen ihn auf: er that's und vollbrachte die große Versöhnung.
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Aber, o That, die allein der Allbarmherzige kennet,
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Darf aus dunkler Ferne sich auch Dir nahen die Dichtkunst?
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Weihe sie, Geist Schöpfer, vor dem ich hier still anbete,
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Führe sie mir, als Deine Nachahmerin, voller Entzückung,
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Voll unsterblicher Kraft, in verklärter Schönheit entgegen.
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Rüste mit Deinem Feuer sie, Du, der die Tiefen der Gottheit
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Schaut und den Menschen, aus Staube gemacht, zum Tempel sich heiligt!
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Rein sei das Herz! So darf ich, obwol mit der bebenden Stimme
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Eines Sterblichen, doch den Gottversöhner besingen
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Und die furchtbare Bahn mit verzieh'nem Straucheln durchlaufen.
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Menschen, wenn Ihr die Hoheit kennt, die Ihr damals empfinget,
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Da der Schöpfer der Welt Versöhner wurde, so höret
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Meinen Gesang, und Ihr vor Allen, Ihr wenigen Edlen,
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Theure, herzliche Freunde des liebenswürdigen Mittlers,
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Ihr mit dem kommenden Weltgerichte vertrauliche Seelen,
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Hört mich und singt den ewigen Sohn durch ein göttliches Leben.
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Nah an der heiligen Stadt, die sich jetzt durch Blindheit entweihte
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Und die Krone der hohen Erwählung unwissend hinwegwarf,
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Sonst die Stadt der Herrlichkeit Gottes, der heiligen Väter
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Pflegerin, jetzt ein Altar des Bluts, vergossen von Mördern;
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Hier war's, wo der Messias von einem Volke sich losriß,
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Das zwar jetzt ihn verehrte, doch nicht mit jener Empfindung,
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Die untadelhaft bleibt vor dem schauenden Auge der Gottheit.
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Jesus verbarg sich diesen Entweihten. Zwar lagen hier Palmen
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Vom begleitenden Volk; zwar klang dort ihr lautes Hosanna;
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Aber umsonst. Sie kannten ihn nicht, den König sie nennten,
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Und den Gesegneten Gottes zu sehn, war ihr Auge zu dunkel.
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Gott kam selbst von dem Himmel herab. Die gewaltige Stimme:
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»sieh, ich hab' ihn verklärt und will ihn von Neuem verklären!«
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War die Verkündigerin der gegenwärtigen Gottheit.
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Aber sie waren, Gott zu verstehn, zu niedrige Sünder.
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Unterdeß nahte sich Jesus dem Vater, der wegen des Volkes,
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Dem die Stimme geschah, mit Zorn zu dem Himmel hinaufstieg.
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Denn noch einmal wollte der Sohn des Bundes Entschließung,
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Seine Menschen zu retten, dem Vater feierlich kund thun.
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Gegen die östliche Seite Jerusalem's liegt ein Gebirge,
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Welches auf seinem Gipfel schon oft den göttlichen Mittler
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Wie in das Heilige Gottes verbarg, wenn er einsame Nächte
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Unter des Vaters Anschaun ernst in Gebeten durchwachte.
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Jesus ging nach diesem Gebirg. Der fromme Johannes,
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Er nur folgt' ihm dahin bis an die Gräber der Seher,
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Wie sein göttlicher Freund die Nacht in Gebete zu bleiben.
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Und der Mittler erhub sich von dort zu dem Gipfel des Berges.
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Da umgab von dem hohen Moria ihn Schimmer der Opfer,
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Die den ewigen Vater noch jetzt in Bilde versöhnten.
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Ringsum nahmen ihn Palmen ins Kühle. Gelindere Lüfte,
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Gleich dem Säuseln der Gegenwart Gottes, umflossen sein Antlitz.
55
Und der Seraph, der Jesus zum Dienst auf der Erde gesandt war,
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Gabriel nennen die Himmlischen ihn, stand feirend am Eingang
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Zwoer umdufteter Cedern und dachte dem Heile der Menschen
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Und dem Triumphe der Ewigkeit nach, als jetzt der Erlöser
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Seinem Vater entgegen vor ihm in Stillem vorbeiging.
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Gabriel wußte, daß nun die Zeit der Erlösung herankam.
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Diese Betrachtung entzückt' ihn; er sprach mit leiserer Stimme:
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»willst Du die Nacht, o Göttlicher, hier im Gebete durchwachen?
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Oder verlangt Dein ermüdeter Leib nach seiner Erquickung?
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Soll ich zu Deinem unsterblichen Haupt ein Lager bereiten?
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Siehe, schon streckt der Sprößling der Ceder den grünenden Arm aus
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Und die weiche Staude des Balsams. Am Grabe der Seher
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Wächst dort unten ruhiges Moos in der kühlenden Erde.
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Soll ich davon, o Göttlicher, Dir ein Lager bereiten?
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Ach, wie bist Du, Erlöser, ermüdet! Wie viel erträgst Du
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Hier auf der Erd' aus inniger Liebe zu Adam's Geschlechte!«
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Gabriel sagt's. Der Mittler belohnt ihn mit segnenden Blicken,
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Steht voll Ernst auf der Höhe des Bergs am näheren Himmel.
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Dort war Gott. Dort betet' er. Unter ihm tönte die Erde,
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Und ein wandelndes Jauchzen durchdrang die Pforten des Abgrunds,
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Als sie von ihm tief unten die mächtige Stimme vernahmen.
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Denn sie war es nicht mehr, des Fluches Stimme, die Stimme,
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Angekündet in Sturm und in donnerndem Wetter gesprochen,
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Welche die Erde vernahm. Sie hörte des Segnenden Rede,
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Der mit unsterblicher Schöne sie einst zu verneuen beschlossen.
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Ringsum lagen die Hügel in lieblicher Abenddämmrung,
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Gleich als blühten sie wieder, nach Eden's Bilde geschaffen.
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Jesus redete. Er und der Vater durchschauten den Inhalt
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Grenzlos; dies nur vermag des Menschen Stimme zu sagen:
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»göttlicher Vater, die Tage des Heils und des ewigen Bundes
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Nahen sich mir, die Tage, zu größeren Werken erkoren
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Als die Schöpfung, die Du mit Deinem Sohne vollbrachtest.
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Sie verklären sich mir so schön und herrlich als damals,
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Da wir der Zeiten Reih' durchschauten, die Tage der Zukunft,
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Durch mein göttliches Schaun bezeichnet, und glänzender sahen.
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Dir nur ist es bekannt, mit was vor Einmuth wir damals,
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Du, mein Vater, und ich und der Geist die Erlösung beschlossen.
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In der Stille der Ewigkeit, einsam und ohne Geschöpfe,
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Waren wir bei einander. Voll unsrer göttlichen Liebe,
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Sahen wir auf die Menschen, die noch nicht waren, herunter.
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Eden's selige Kinder, ach, unsre Geschöpfe, wie elend
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Waren sie, sonst unsterblich, nun Staub und entstellt von der Sünde!
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Vater, ich sah ihr Elend, Du meine Thränen. Da sprachst Du:
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›lasset der Gottheit Bild in dem Menschen von Neuem uns schaffen!‹
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Also beschlossen wir unser Geheimniß, das Blut der Versöhnung
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Und die Schöpfung der Menschen, verneut zu dem ewigen Bilde!
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Hier erkor ich mich selbst, die göttliche That zu vollenden.
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Ewiger Vater, das weißt Du, das wissen die Himmel, wie innig
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Mich seit diesem Entschluß nach meiner Erniedrung verlangte!
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Erde, wie oft warst Du in Deiner niedrigen Ferne
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Mein erwähltes, geliebteres Augenmerk! Und, o Kanan,
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Heiliges Land, wie oft hing unverwendet mein Auge
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An dem Hügel, den ich von des Bundes Blute schon voll sah!
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Und wie bebt mir mein Herz von süßen, wallenden Freuden,
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Daß ich so lange schon Mensch bin, daß schon so viele Gerechte
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Sich mir sammeln, und nun bald alle Geschlechte der Menschen
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Mir sich heiligen werden! Hier lieg' ich, göttlicher Vater,
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Noch nach Deinem Bilde geschmückt mit den Zügen der Menschheit,
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Betend vor Dir; bald aber, ach, bald wird Dein tödtend Gericht mich
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Blutig entstellen und unter den Staub der Todten begraben.
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Schon, o Richter der Welt, schon hör' ich fern Dich und einsam
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Kommen und unerbittlich in Deinen Himmeln dahergehn.
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Schon durchdringt mich ein Schauer, dem ganzen Geistergeschlechte
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Unempfindbar, und wenn Du sie auch mit dem Zorne der Gottheit
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Tödtetest, unempfindbar! Ich seh' den nächtlichen Garten
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Schon vor mir liegen, sinke vor Dir in niedrigen Staub hin,
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Lieg' und bet' und winde mich, Vater, in Todesschweiße.
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Siehe, da bin ich, mein Vater. Ich will des Allmächtigen Zürnen,
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Deine Gerichte will ich mit tiefem Gehorsam ertragen.
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Du bist ewig! Kein endlicher Geist hat das Zürnen der Gottheit,
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Keiner je den Unendlichen, tödtend mit ewigem Tode,
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Ganz gedacht und keiner empfunden. Gott nur vermochte
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Gott zu versöhnen. Erhebe Dich, Richter der Welt! Hier bin ich!
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Tödte mich, nimm mein ewiges Opfer zu Deiner Versöhnung!
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Noch bin ich frei, noch kann ich Dich bitten, so thut sich der Himmel
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Mit Myriaden von Seraphim auf und führet mich jauchzend,
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Vater, zurück in Triumph zu Deinem erhabenen Throne!
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Aber ich will leiden, was keine Seraphim fassen,
133
Was kein denkender Cherub in tiefen Betrachtungen einsieht;
134
Ich will leiden, den furchtbarsten Tod ich Ewiger leiden!«
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Weiter sagt' er und sprach: »Ich hebe gen Himmel mein Haupt auf,
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Meine Hand in die Wolken und schwöre Dir bei mir selber,
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Der ich Gott bin wie Du: ich will die Menschen erlösen.«
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Jesus sprach's und erhub sich. In seinem Antlitz war Hoheit,
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Seelenruh' und Ernst und Erbarmung, als er vor Gott stand.
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Aber unhörbar den Engeln, nur sich und dem Sohne vernommen,
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Sprach der ewige Vater und wandte sein schauendes Antlitz
142
Nach dem Versöhner hin: »Ich breite mein Haupt durch die Himmel,
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Meinen Arm aus durch die Unendlichkeit, sage: ich bin
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Ewig! und schwöre Dir, Sohn: ich will die Sünde vergeben.«
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Also sprach er und schwieg. Indem die Ewigen sprachen,
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Ging durch die ganze Natur ein ehrfurchtvolles Erbeben.
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Seelen, die jetzo wurden, noch nicht zu denken begannen,
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Zitterten und empfanden zuerst. Ein gewaltiger Schauer
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Faßte den Seraph, ihm schlug sein Herz, und um ihn lag wartend,
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Wie vor dem nahen Gewitter die Erde, sein schweigender Weltkreis.
151
Sanftes Entzücken kam allein in der künftigen Christen
152
Seelen, und süßbetäubend Gefühl des ewigen Lebens.
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Aber sinnlos und zur Verzweiflung nur noch empfindlich,
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Sinnlos, wider Gott was zu denken, entstürzten im Abgrund
155
Ihren Thronen die Geister der Hölle. Da jeder dahinsank,
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Stürzt' auf jeden ein Fels, brach unter jedem die Tiefe
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Ungestüm ein, und donnernd erklang die unterste Hölle.
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Jesus stand noch vor Gott; und jetzt begannen die Leiden
159
Seiner Erlösung, ein Vorgefühl, so in furchtbarer Nähe
160
Grenzt' an das wirkliche, wie, ihn zu richten, Gott von des Throns Höhn
161
Kommen, mit Schuld ihn belasten der Spruch der verworfensten Menschen,
162
Er, mit Blute beströmt, den Tod der Kreuzigung sterben
163
Würd' auf Golgatha. Gabriel lag in der Fern' auf dem Antlitz,
164
Tiefanbetend, von neuen Gedanken mächtig erhoben.
165
Seit den Jahrhunderten, die er durchlebt, so lang', als die Seele
166
Sich die Ewigkeit denkt, wenn sie dem Leib in Gedanken
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Schnelles Fluges entfleugt, seit diesen Jahrhunderten hatt' er
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So erhabne Gedanken noch nie empfunden. Die Gottheit,
169
Ihre Versöhnten, die ewige Liebe des göttlichen Mittlers,
170
Alles eröffnet sich ihm. Gott bildete diese Gedanken
171
In des Unsterblichen Geiste. Der Ewige dachte sich jetzo
172
Als den Erbarmer erschaffner Wesen. Der Seraph erhub sich,
173
Stand und erstaunt' und betet', und unaussprechliche Freuden
174
Zitterten durch sein Herz, und Licht und blendendes Glänzen
175
Ging von ihm aus. Die Erde zerfloß in himmlische Schimmer
176
Unter ihm hin, so dacht' er. Ihn sah der göttliche Mittler,
177
Daß er den Gipfel des ganzen Gebirgs mit Klarheit erfüllte.
178
»gabriel,« rief er, »hülle Dich ein, Du dienst mir auf Erden!
179
Mache Dich auf, dies Gebet vor meinen Vater zu bringen,
180
Daß die edelsten unter den Menschen, die seligen Väter,
181
Daß der versammelte Himmel der Zeiten Fülle vernehme,
182
Die er mit innigem, heißem Verlangen verlangte. Dort leuchte
183
Als der Gesendete Jesus', des Mittlers, im Glanze der Engel!«
184
Schweigend, mit göttlichheitrer Geberd' erhub sich der Seraph.
185
Jesus schaut' ihm vom Oelberg nach. Der Göttliche sah schon,
186
Was der Seraph that, an dem Throne der Herrlichkeit Gottes,
187
Eh der eilende noch des Himmels Sonnen erreichte.
188
Jetzo erhuben sich neue, geheimnißvolle Gespräche
189
Zwischen ihm und dem Ewigen, schicksalenthüllendes Inhalts,
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Heilig und furchtbar und hehr, voll nie gehoffter Entscheidung,
191
Selbst Unsterblichen dunkel, Gespräche von Dingen, die künftig
192
Gottes Erlösung vor allen Erschaffnen verherrlichen werden.
193
Unterdeß eilte der Seraph zum äußersten Schimmer des Himmels
194
Wie ein Morgen empor. Hier füllen nur Sonnen den Umkreis,
195
Und gleich einer Hülle, gewebt aus Strahlen des Urlichts,
196
Zieht sich ihr Glanz um den Himmel herum. Kein dämmernder Erdkreis
197
Naht sich des Himmels verderbendem Blick. Entfliehend und ferne
198
Geht die bewölkte Natur vorüber. Da eilen die Erden
199
Klein, unmerkbar dahin, wie unter des Wanderers Fuße
200
Niedriger Staub, von Gewürme bewohnt, aufwallet und hinsinkt.
201
Um den Himmel herum sind tausend eröffnete Wege,
202
Lange, nicht auszusehende Weg', umgeben von Sonnen.
203
Durch den glänzenden Weg, der gegen die Erde sich wendet,
204
Floß seit ihrer Erschaffung, am Fuß des Thrones entspringend,
205
Einst nach Eden ein Strom der Himmelsheitre herunter.
206
Ueber ihm oder an seinem Gestad', erhoben von Farben,
207
Gleichend den Farben des Regenbogens oder der Frühe,
208
Kamen damals Engel und Gott zu vertraulichem Umgang
209
Zu den Menschen. Doch schnell ward der Strom herüber gerufen,
210
Als durch Sünde der Mensch zu Gottes Feinde sich umschuf.
211
Denn die Unsterblichen wollten nicht mehr in sichtbarer Schönheit
212
Gegenden sehn, die vor ihnen des Todes Verwüstung entstellte.
213
Damals wandten sie schauernd sich weg. Die stillen Gebirge,
214
Wo noch die Spur des Ewigen war; die rauschenden Haine,
215
Welche vordem das Säuseln der Gegenwart Gottes beseelte;
216
Selige, friedsame Thäler, sonst von der Jugend des Himmels
217
Gern besucht; die schattigen Lauben, wo ehmals die Menschen,
218
Ueberwallend von Freuden und süßen Empfindungen, weinten,
219
Daß Gott ewig sie schuf; – die Erde trug des Fluches
220
Lasten jetzt, war ihrer vordem unsterblichen Kinder
221
Großes Grab. Doch dereinst, wenn die Morgensterne verjünget
222
Aus der Asche des Weltgerichts triumphirend hervorgehn;
223
Wenn nun Gott die Kreise der Welten mit seinem Himmel
224
Durch allgegenwärtiges Anschaun alle vereinet:
225
Dann wird auch der ätherische Strom von dem himmlischen Urquell
226
Wieder mit hellerer Schöne zum neuen Eden sich senken.
227
Nie wird dann sein Gestade von hohen Versammlungen leer sein,
228
Die zu der Erde, Gespielen der neuen Unsterblichen, wallen.
229
Dies ist der heilige Weg, mit welchem Gabriel fortging
230
Und von fern dem Himmel der göttlichen Herrlichkeit nahte.
231
Mitten in der Versammlung der Sonnen strahlet der Himmel,
232
Rund, unermeßlich, des Weltgebäu's Urbild, die Fülle
233
Jeder sichtbaren Schönheit, die sich gleich flüchtigen Bächen
234
Ringsum durch den unendlichen Raum nachahmend ergießet.
235
Wenn er wandelt, ertönen von ihm auf den Flügeln der Winde
236
An die Gestade der Sonnen des Wandelnden Harmonien
237
Rauschend hinüber. Die Lieder der göttlichen Harfenspieler
238
Schallen mit Macht, wie beseelend, darein. So vereiniget schweben
239
Töne vor dem, der das Ohr gemacht hat, und Preise vorüber.
240
Wie sein freudiger Blick an seiner Werke Gestalten
241
Sich ergetzt, so vergnügten sein Ohr die Gesänge des Himmels.
242
Die Du himmlische Lieder mich lehrst, Gespielin der Engel,
243
Seherin Gottes, Du Hörerin hoher, unsterblicher Stimmen,
244
Melde mir, Sionitin, das Lied, das die Engel itzt sangen.
245
Sei uns gegrüßt, Du heiliges Land der Erscheinungen Gottes!
246
Hier erblicken wir Gott, wie er ist, wie er war, wie er sein wird,
247
Siehe, den Seligen ohne Verhüllung, nicht in der Dämmrung
248
Fern nachahmender Welten. Dich schauen wir in der Versammlung
249
Deiner Erlösten, die Du auch würdigst des seligen Anblicks.
250
Ach, unendlich vollkommen bist Du! Zwar nennt Dich der Himmel,
251
Und der Unaussprechliche wird Jehovah geheißen!
252
Unser Gesang, lebendig durch Kräfte der Urbegeistrung,
253
Suchet Dein Bild, doch umsonst; auf Deine Verklärung gerichtet,
254
Können Gedanken sich kaum von Deiner Gottheit besprechen.
255
Ewiger, Du bist allein in Deiner Größe vollkommen!
256
Jeder Gedanke, mit dem Du Dich selbst, o Erster, durchschauest,
257
Ist erhabner, ist heiliger als die stille Betrachtung,
258
Auf erschaffene Dinge von Dir hernieder gelassen.
259
Dennoch entschlossest Du Dich, auch außer Dir Wesen zu sehen
260
Und auf sie den beseelenden Hauch hernieder zu lassen.
261
Erst erschufst Du den Himmel, dann uns, die Bewohner des Himmels.
262
Fern wart Ihr da von Eurer Geburt, Du jüngerer Erdkreis,
263
Und Du Sonn', und Du Mond, der seligen Erde Gefährten.
264
Erstgeborner der Schöpfung, wie war Dir bei Deinem Hervorgehn,
265
Da nach undenkbarer Ewigkeit Gott zu Dir sich herabließ,
266
Dann zu der Stätte Dich der Herrlichkeit kor und des Anschauns?
267
Dein unermeßlicher Kreis, heraufgerufen zum Dasein,
268
Bildete sich zu seiner Gestalt; die schaffende Stimme
269
Wandelte noch mit dem ersten Getöse krystallener Meere;
270
Ihre Gestade, die sich wie Welten zusammengebirgten,
271
Hörten sie; noch kein Unsterblicher nicht! Da standest Du, Schöpfer,
272
Auf dem neuen erhabenen Thron Dich selber betrachtend,
273
Einsam und ernst. O, jauchzt der denkenden Gottheit entgegen!
274
Damals, ja, damals erschuf er Euch, Seraphim, Geistergeschöpfe,
275
Voll von Gedanken, voll mächtiger Kraft, die Gedanken des Schöpfers,
276
Die er in Euch von sich selber erschafft, anbetend zu fassen.
277
Halleluja, ein feirendes Halleluja, o Erster,
278
Sei Dir von uns unaufhörlich gesungen! Zur Einsamkeit sprachst Du:
279
Sei nicht mehr! und den Wesen: Entwickelt Euch! Halleluja!
280
Unter dem Liede, das nach dem Dreimalheilig der Himmel
281
Allzeit singet, hatte des Mittlers heiliger Bote
282
Eine der nächsten Sonnen am Himmel leuchtend betreten.
283
Ueberall schweigen die Seraphim jetzt und feiren den Anblick,
284
Welcher, des Preisgesangs Belohner, von Gott auf sie strahlte.
285
Und sie erblickten den helleren Seraph am Sonnenmeer. Gott
286
Schaut' auf ihn, der Himmel mit Gott. Er betete knieend.
287
Zweimal die Zeit, in der ein Cherub den Namen Jehovah,
288
Tief in Gebet, und das Dreimalheilig der Ewigkeit ausspricht,
289
Würdiget ihn des Anschauns Gott. Dann eilet der Thronen
290
Erstgeborner herab, ihn fei'rlich vor Gott zu führen.
291
Gott nennt ihn den Erwählten, der Himmel Eloa. Vor Allen,
292
Die Gott schuf, ist er groß, ist der Nächste dem Unerschaffnen.
294
Wie die ganze Seele des Menschen, geschaffen der Gottheit,
295
Wenn sie, ihrer Unsterblichkeit werth, gedankenvoll nachsinnt.
296
Sein umschauender Blick ist schöner als Frühlingsmorgen,
297
Lieblicher als die Gestirne, da sie vor dem Antlitz des Schöpfers
298
Jugendlichschön und voll Licht mit ihren Tagen vorbeiflohn.
299
Gott erschuf ihn zuerst. Aus einer Morgenröthe
300
Schuf er ihm einen ätherischen Leib. Ein Himmel voll Wolken
301
Floß um ihn, da er ward. Gott hub ihn mit offenen Armen
302
Aus den Wolken und sagt' ihm segnend: »Da bin ich, Erschaffner!«
303
Und auf einmal sahe vor sich Eloa den Schöpfer,
304
Schaut' in Entzückungen an und stand und schaute begeistert
305
Wieder an und sank, verloren in Gottes Anblick.
306
Endlich redet' er, sagte dem Ewigen alle Gedanken,
307
Die er hatte, die neuen, erhabnen Empfindungen alle,
308
Die das große Herz ihm durchwallten. Es werden die Welten
309
Alle vergehn und neu aus ihrem Staube sich schwingen,
310
Ganze Jahrhunderte werden dann erst in die Ewigkeit eingehn,
311
Eh der erhabenste Christ die großen Empfindungen fühlet.
312
Jetzo kam Eloa auf neu erwachenden Strahlen
313
Zu dem gesendeten Engel in seiner Schönheit hernieder,
314
Ihn zum Altar des Versöhners zu führen. Er ging noch von ferne,
315
Da er schon Gabriel kannte. Der Seraph zerfloß in Entzückung,
316
Von den Unsterblichen einen zu sehn, mit dem er vor diesem
317
Jeden Kreis der Schöpfungen Gottes und seine Bewohner
318
Sah, und mit dem er unnachahmbarere Thaten vollführte,
319
Als durch die Besten aus ihm das vereinte Menschengeschlecht that.
320
Jetzo verklärten sie sich schon liebend gegen einander.
321
Schnell, mit brünstig eröffneten Armen, mit herzlichen Blicken
322
Eilten sie gegen einander. Sie zitterten Beide vor Freuden,
323
Als sie sich umarmten. So zittern Brüder, die Beide
324
Tugendhaft sind und Beide den Tod für das Vaterland suchten,
325
Wenn sie, von Heldenblute noch voll, sich nach ewigen Thaten
326
Sehen und sich vor ihrem noch größeren Vater umarmen.
327
Gott sah sie und segnete sie. So gingen sie Beide,
328
Herrlicher durch die Freundschaft, dem Thron des Himmels entgegen.
329
Also kamen sie weiter zum Allerheiligsten Gottes.
330
Nah bei der Herrlichkeit Gottes, auf einem himmlischen Berge
331
Ruhet des Allerheiligsten Nacht. Lichthelles Glänzen
332
Wacht inwendig um Gottes Geheimniß. Das heilige Dunkel
333
Deckt nur das Innre dem Auge der Engel. Zuweilen eröffnet
334
Gott die dämmernde Hülle durch allmachttragende Donner
335
Vor dem Blick der himmlischen Schauer. Sie sehen und feiren.
336
Sieh, auf einmal stand bei des Allerheiligsten Eingang,
337
Wie ein Gebirg, der Altar des Versöhners vor Gabriel's Auge
338
Wolkenlos da. Er sah ihn und ging in festlicher Schönheit
339
Priesterlich zu dem Altar und trug zwo goldene Schalen,
340
Heiliges Räuchwerks voll, und stand tiefsinnig am Altar.
341
Neben ihm stand Eloa und rief aus seiner Harfe
342
Göttliche Töne, zum hohen Gebet den opfernden Seraph
343
Vorzubereiten. Der hört' ihn, und durch die mächtige Harfe
344
Hub sich sein Geist entflammter empor, wie der Ocean aufwallt,
345
Wenn auf ihm in Sturme daher die Stimme des Herrn geht.
346
Gabriel schauete Gott und sang mit mächtiger Stimme.
347
Jetzo hört der ewige Vater, es höret der Himmel,
348
Mittler, Dein Söhnungsgebet. Gott zündete selber das Opfer
349
Wunderbar an, und heiliger Rauch stieg mit dem Gebete
350
Stillbegleitend empor, dann hub er sich weiter und wallte,
351
Wie von der Erde Gebirgen ein ganzer Himmel, zu Gott auf.
352
Nieder zur Erde hatte bis jetzt Jehovah geschauet.
353
Denn es hielt noch immer der Sohn aus der Fülle der Seele
354
Mit dem Vater Gespräche des schicksalenthüllenden Inhalts,
355
Heilig und furchtbar und hehr, voll nie gehoffter Entscheidung,
356
Selbst Unsterblichen dunkel, Gespräche von Dingen, die künftig
357
Gottes Erlösung vor allen Erschaffnen verherrlichen werden.
358
Aber itzt füllte des Ewigen Blick den Himmel von Neuem;
359
Jeder begegnete feirend und still dem göttlichen Blicke.
360
All' erwarten die Stimme des Herrn. Die himmlische Ceder
361
Rauschte nicht, der Ocean schwieg an dem hohen Gestade.
362
Gottes lebender Wind hielt zwischen den ehernen Bergen
363
Unbeweglich und wartete mit verbreiteten Flügeln
364
Auf der Stimme Gottes Herabkunft. Donnerwetter
365
Stiegen zum Wartenden langsam das Allerheiligste nieder.
366
Aber noch redete Gott nicht. Die heiligen Donnerwetter
367
Waren Verkündiger nur der nahenden göttlichen Antwort.
368
Als sie schwiegen, that vor der Thronen freudigem Blick Gott
369
Offenbarend sein Heiligthum auf, die verlangenden Thronen
370
Zu den hohen Gedanken des Ewigen vorzubereiten.
371
Und da wandte sich Urim voll Ernst, mit göttlichem Tiefsinn,
372
Cherub Urim, des ewigen Geistes vertrauterer Engel,
373
Zu dem hohen Eloa und sprach: »Was siehst Du, Eloa?«
374
Seraph Eloa stand auf, ging langsam vorwärts und sagte:
375
»dort an den goldenen Pfeilern, da sind labyrinthische Tafeln
376
Voll Vorsehung; dann Bücher des Lebens, welche dem Hauche
377
Mächtiger Winde sich öffnen und Namen künstiger Christen,
378
Neue belohnende Namen, des Himmels Unsterblichkeit aufthun.
379
Wie die Bücher des Weltgerichts, gleich wehenden Fahnen
380
Kriegender Seraphim, furchtbar sich öffnen! Ein tödtender Anblick
381
Für die niedrigen Seelen, die wider Gott sich empörten!
382
O, wie Gott sich enthüllt! Ach, Urim, in heiliger Stille
383
Schimmern die Leuchter im Silbergewölk, bei tausenden tausend
384
Schimmern sie, Vorbilder der gottversöhnten Gemeinen!
385
Zähle sie, Urim, die heilige Zahl!« – »Die Welten, Eloa,
386
Siehe, der Engel gekrönete Thaten, die Freuden der Engel
387
Sind uns zählbar; allein die Folgen der großen Erlösung,
388
Gottes Erbarmungen nicht.« Da sprach Eloa: »Ich sehe
389
Seinen Gerichtsstuhl! Schrecklich bist Du, Weltrichter, Messias!
390
Schau des hohen Stuhles Gestalt. Er tödtet von ferne!
391
Und die zur Rache gerüstete Gluth! Ein lebender Sturmwind
392
Hebt ihn in donnernden Wolken empor. Ach, schone, Messias,
393
Schone, Richter der Welt, mit ewigem Tode bewaffnet!«
394
So besprachen Eloa und Urim sich unter einander.
395
Siebenmal hatte der Donner das heilige Dunkel eröffnet,
396
Und die Stimme des Ewigen kam sanftwandelnd hernieder:
397
»gott ist die Liebe. Ich war's vor dem Dasein meiner Geschöpfe.
398
Da ich die Welten erschuf, war ich auch Der. Bei der Vollendung
399
Meiner geheimsten, erhabensten That bin ich Ebenderselbe.
400
Aber Ihr sollt durch den Tod des Sohns den Richter der Welten,
401
Ganz mich kennen und neue Gebete dem Furchtbaren beten.
402
Hielt' Euch dann des Richtenden Arm nicht, Ihr würdet im Anschaun
403
Dieses großen Todes vergehn. Denn Ihr seid endlich.«
404
Und der Auszusöhnende schwieg. Die tiefe Bewundrung
405
Faltete heilige Hände vor ihm. Jetzt winkt' er Eloa,
406
Und der Seraph verstand die Red' in dem Antlitz Jehovah,
407
Wandte sich gegen die himmlischen Hörer und sagte zu ihnen:
408
»schaut den Ewigen an, Ihr vorerwählten Gerechten,
409
Heilige Kinder! Erkennt sein Herz, Ihr wart ihm das Liebste
410
Seiner Gedanken, als er sich das Heil des Erlösenden dachte.
411
Euch hat herzlich verlangt, Gott selber ist Euer Zeuge,
412
Endlich zu sehn die Tage des Heils und seinen Messias.
413
Seid gesegnet, Ihr Kinder des Herrn, von dem Geiste geboren!
414
Jauchzet, Kinder, Ihr schaut den Vater, das Wesen der Wesen.
415
Siehe, der Erst' und der Letzte, der ist er, und ewig Erbarmer!
416
Der von Ewigkeit ist, den keine Geschöpfe begreifen,
417
Gott, Jehovah, läßt zu Euch sich väterlich nieder.
418
Dieser Bote des Friedens, von seinem Sohne gesendet,
419
Ist zu dem hohen Altar um Eurentwillen gekommen.
420
Wäret Ihr nicht zu der großen Erlösung Zeugen erkoren,
421
O, so hätten sie sich in entfernter Stille besprochen,
422
Einsam, geheim, unerforschlich. Doch Ihr, Geborne der Erde,
423
Sollt die Tage mit Wonne, mit ewigem Jauchzen vollenden;
424
Wir mit Euch. Wir wollen den ganzen verborgenen Umfang
425
Eurer Erlösung durchschaun; mit viel verklärterem Blicke
426
Werden wir diese Geheimnisse sehn, als Eures Erlösers
427
Fromme, weinende Freunde, die noch in Dunkelheit irren.
428
Aber seine verlornen Verfolger! der Ewige hat sie
429
Lang' aus den heiligen Büchern vertilgt; allein den Erlösten
430
Sendet er göttliches Licht. Sie sollen das Blut der Versöhnung
431
Nicht mit weinendem Auge mehr sehn. Sie werden es sehen,
432
Wie sich vor ihnen sein Strom in das ewige Leben verlieret.
433
O, dann sollen sie hier, in des Friedens Schooße getröstet,
434
Feste des Lichts und der ewigen Ruh triumphirend begehen.
435
Seraphim und Ihr Seelen, erlöste Väter des Mittlers,
436
Fangt Ihr die Feste der Ewigkeit an! Sie dauren von jetzo
437
Mit der Unendlichkeit fort. Die noch sterblichen Kinder der Erde
438
Werden Geschlecht auf Geschlecht zu Euch sich alle versammeln,
439
Bis sie dereinst vollendet, mit neuen Leibern umgeben,
440
Nach vollbrachtem Gericht zu
441
Gehet indeß von uns aus, Ihr hohen Engel der Throne,
442
Meldet den Herrschern der Schöpfungen Gottes, daß sie sich der Feirung
443
Dieser erwählten, geheimnißvollen Tage bereiten.
444
Und Ihr Frommen des Menschengeschlechts, Ihr Väter des Mittlers –
445
Denn von jenem Gebein der Sterblichkeit, das Ihr im Staube
446
Reifend zur Auferstehung zurückließt, stammt der Messias,
447
Er, der Gott ist und Mensch – auch Euch ist die Freude gegeben,
448
Die allein bei sich mit seiner Gottheit Gefühl Gott
449
Ganz empfindet; unsterbliche Seelen, eilt zu der Sonne,
450
Welche den Kreis der Erlösung umleuchtet! Hier sollt Ihr von ferne
451
Eures Erlösers und Sohns versöhnende Thaten betrachten.
452
Diesen Lichtweg steiget hinab! Aus allen Bezirken
453
Sieht Euch die weite Natur mit verneuter Schönheit entgegen.
454
Denn Jehovah will selbst nach dieser Jahrhunderte Kreislauf
455
Einen Ruhtag Gottes, den zweiten erhabneren Sabbath
456
Bei sich feiren. Der ist viel höher als jener berühmte,
457
Jener von Euch, Ihr erhabenen Wesen, Seraphische Schaaren,
458
Heilig besungene Tag, den Ihr nach Vollendung der Welten
459
Einst an dem Schöpfungsfeste begingt. Ihr wißt es, o Geister,
460
Wie die neue Natur in liebenswürdiger Schöne
461
Da sich erhub, wie in Eurer Gesellschaft die Morgensterne
462
Vor dem Schöpfer sich neigten. Allein jetzt wird sein Messias,
463
Sein unsterblicher Sohn, viel größere Thaten vollenden.
464
Eilt, verkündigt es seinen Geschöpfen! Sein Sabbath erhebt sich
465
Jetzt mit des hocherhabnen Messias freiem Gehorsam.
466
Gott Jehovah nennt ihn den Sabbath des ewigen Bundes.«
467
Staunend schwieg Eloa, und schweigend sahe der Himmel
468
Zu dem Allerheiligsten auf. Dem Gesendeten Christus'
469
Winkte Gott; da stieg er hinauf zu dem obersten Throne.
470
Dort empfing er an Uriel und die Beschützer der Erde
471
Wegen der Wunder beim Tode des Sohns geheime Befehle.
472
Unterdeß waren die Thronen von ihren Sitzen gestiegen.
473
Gabriel folgte. Da er dem Altar der Erde sich nahte,
474
Höret' er Seufzer, die fern den hohen Gewölben entwallten
475
Und mit weinendem Laute das Heil der Menschen verlangten.
476
Aber vor allen Stimmen erscholl die Stimme des Ersten
477
Unter den Menschen. Er dachte den Fall Aeonen herunter.
478
Dieser ist der Altar, von dem auf Patmos des neuen,
479
Blutenden Bundes Prophet das himmlische Bild erblickte.
480
Dort war's, wo sich im hohen Gewölbe der Märtyrer Stimme
481
Klagend erhub; dort weinten die Seelen Thränen der Engel,
482
Daß er den Tag, der Richter den Tag der Rache verzögre!
483
Als jetzt zu der Erd' Altar der Seraph hinabstieg,
484
Eilt' ihm mit jedem heißen Verlangen Adam entgegen,
485
Nicht ungesehn; ein schwebender Leib, aus Heitre gebildet,
486
War dem seligen Geist zur verklärten Hülle geworden.
487
Seine Gestalt war schön wie Du vor des Schöpfers Gedanken,
488
Göttliches Bild, da er Adam zu schaffen gedankenvoll dastand,
489
Und im gesegneten Schooße des lebenduftenden Edens
490
Unter ihm heiliges Land zum werdenden Menschen sich losriß.
491
Also gebildet nahte sich Adam. Liebliches Lächeln
492
Machte sein Antlitz wie göttlich; er sprach mit verlangender Stimme:
493
»sei mir gegrüßt, begnadigter Seraph, Du Friedensbote!
494
Da uns die Stimme Deiner erhabenen Sendung erschallte,
495
Hub sich mein Geist in Jubel empor. Du theurer Messias,
496
Könnt' ich Dich auch holdselig in jener menschlichen Schönheit
497
Wie der Seraph hier sehn! ach, in jener Gestalt der Erbarmung,
498
Die Du korest, in ihr mein gefallnes Geschlecht zu versöhnen.
499
Zeige mir, Seraph, die Spur, wo mein Erlöser gewandelt,
500
Mein Erlöser und Freund, ich will ihn nur ferne begleiten!
501
Ruhstatt jenes Gebets, wo unser Mittler sein Antlitz
502
Aufhub, schwur, er wollte die Kinder Adam's erlösen,
503
Dürfte der erste der Sünder mit Freudenthränen Dich anschaun!
504
Ach, ich war ja vordem Dein erstgeborner Bewohner,
505
Mütterlich Land, o Erde! wie sehn' ich nach Dir mich hinunter!
506
Deine vom Donnerworte des Fluchs zerstörten Gefilde
507
Wären mir in des Messias Gesellschaft, den jenes Todes
508
Leib umhüllet, welchen ich dort in dem Staube zurückließ,
509
Lieblicher als Dein Gefilde, nach himmlischen Auen erschaffen,
510
O Paradies, verlorner Himmel!« So sagt er voll Inbrunst.
511
»deine Verlangen will ich, Du Erstling der Auserwählten,«
512
Sprach mit freundlicher Stimme der Seraph, »dem Söhnenden kundthun.
513
Ist es sein göttlicher Wille, so wird er Adam gebieten,
514
Daß er ihn seh', wie er ist, die erniederte Herrlichkeit Gottes.«
515
Jetzo hatten den Himmel die Cherubim feirend verlassen
516
Und sich überall schnell in der Welten Kreise verbreitet.
517
Gabriel schwebt' allein herab zu der seligen Erde,
518
Die der benachbarte Kreis vorübergehender Sterne
519
Still mit seinem allgegenwärtigen Morgen begrüßte.
520
Rings erschollen zugleich die neuen Namen der Erde.
521
Gabriel hörte die Namen: »Du Königin unter den Erden,
522
Augenmerk der Geschaffnen, vertrauteste Freundin des Himmels,
523
Zweite Wohnung der Herrlichkeit Gottes, unsterbliche Zeugin
524
Jener geheimen, erhabenen That des großen Messias!«
525
Also ertönte, durchhallt von englischen Stimmen, der Umkreis.
526
Gabriel hört' es, doch kam er mit eilendem Fluge zur Erde.
527
Schlummer sank und Kühle noch hier in die Thäler, und stille,
528
Dunkle, gesellige Wolken verhüllten noch ihr Gebirge.
529
Gabriel ging in der Nacht und suchte mit sehnendem Blicke
530
Gott den Mittler. Er fand ihn in einem niedrigen Thale,
531
Das sich herabließ zwischen den Gipfeln des himmlischen Oelbergs.
532
Hier war, tief in Gedanken versenket, der Gottversöhner
533
Eingeschlafen. Ein Felshang war des Göttlichen Lager.
534
Gabriel sah ihn vor sich in süßem, luftigen Schlafe,
535
Stand bewundernd still und sah unverwandt auf die Schönheit,
536
Durch die vereinte Gottheit der menschlichen Bildung gegeben.
537
Ruhige Liebe, Züge des göttlichen Lächelns voll Gnade,
538
Huld und Milde, noch Thränen der ewigtreuen Erbarmung
539
Zeigten den Geist des Menschenfreundes in seinem Antlitz;
540
Aber verdunkelt war durch des Schlafes Geberde der Abdruck.
541
Also sieht ein wallender Seraph der blühenden Erde
542
Halbunkenntliches Antlitz an Frühlingsabenden liegen,
543
Wenn der Abendstern am einsamen Himmel heraufgeht
544
Und, ihn anzuschaun, aus der dämmernden Laube den Weisen
545
Herwinkt. Endlich red'te nach langer Betrachtung der Seraph:
546
»o Du, dessen Allwissenheit sich durch die Himmel verbreitet,
547
Der Du mich hörest, obgleich Dein Leib von Erde da schlummert,
548
Deine Befehle richtet' ich alle mit eilender Sorg' aus!
549
Als ich es that, eröffnete mir der erste der Menschen,
550
Wie er Dein Antlitz zu sehn, erhabener Mittler, sich sehne.
551
Jetzo will ich, so hat's Dein großer Vater geboten,
552
Wieder von hier, die Versöhnung mit zu verherrlichen, eilen.
553
Schweiget indeß, o nahe Geschöpfe! die flüchtigsten Blicke
554
Dieser eilenden Zeit, da Euer Schöpfer noch hier ist,
555
Müssen theurer Euch sein als jene Jahrhunderte, die Ihr
556
Euren Menschen mit emsiger, reger Sorge gedient habt.
557
Schweig, Getöse der Luft, in dieser Oede der Gräber,
558
Oder erhebe Dich sanft mit stillem, bebenden Säuseln.
559
Und Du, nahes Gewölk, o, senke Du tiefere Ruhe
560
In die kühlenden Schatten aus Deinen Schößen herunter.
561
Rausche nicht, Ceder, und schweig, o Hain, vor dem schlummernden Schöpfer!«
562
Also verlor sich mit sorgsamem Ton des Unsterblichen Stimme.
563
Und er eilete zu der Versammlung der heiligen Wächter,
564
Die, Vertraute der Gottheit und ihrer verborgneren Vorsicht,
565
In geheimer Stille mit ihm die Erde beherrschen.
566
Diesen sollt' er noch jetzo, eh er sich erhübe zur Sonne,
567
Jenes Verlangen der seligen Geister, die nahe Versöhnung,
568
Und den zweiten, den Sabbath des großen Geopferten kund thun.
569
Der Du nach Gabriel jetzo den Kreis der Erlösung beherrschest,
570
Göttlicher Hüter der Mutter so vieler unsterblicher Kinder,
571
Die sie wie ihre Begleiter, die schnellen Jahrhunderte, eilend
572
Und unerschöpflich an Fülle, den höheren Gegenden sendet,
573
Dann zertrümmert die Hütte des ewigen Geistes hinabgräbt
574
Unter Hügel, auf denen der fliehende Wandrer nicht ausruht;
575
O Du, dieser einst verherrlichten Erde Beschützer,
576
Seraph Eloa, verzeih es Deinem künftigen Freunde,
577
Wenn er Deine Wohnung, seit Eden's Schöpfung verborgen,
578
Von der Sängerin Sion's gelehrt, den Sterblichen zeiget.
579
Hat er in tiefe Gedanken sich je voll einsamer Wollust
580
Und in die hellen Kreise der stillen Entzückung verloren,
581
Hat mit Gedanken der Geister sich sein Gedanke vereinigt,
582
Und die enthülltere Seele der Himmlischen Rede vernommen:
583
O, so hör' ihn, Eloa, wenn er, wie die Jugend des Himmels,
584
Kühn und erhaben, nicht singt verschwundene Größe des Menschen,
585
Sondern des Todes Geweihte, der Auferstehung Geweihte
586
Zu der Versammlung der Himmlischen führt, zu dem Rathe der Wächter.
587
In dem stillen Bezirk des unbetrachteten Nordpols
588
Ruhet die Mitternacht einsiedlerisch, säumend, und Wolken
589
Fließen von ihr wie ein sinkendes Meer unaufhörlich herunter.
590
So lag unter der Finsterniß Gottes, von Moses gerufen,
591
Einst der Strom Aegyptus, in vierzehn Ufer gedränget,
592
Und Ihr, ewige Pyramiden, der Könige Gräber.
593
Niemals hat noch ein Auge, von kleineren Himmeln umgrenzet,
594
Diese Gefilde gesehn, die in nächtlicher Stille ruhen
595
Unbewohnt, und wo von des Menschen Stimme kein Laut tönt,
596
Wo sie keinen Todten begruben, und keiner erstehn wird.
597
Aber, tiefen Gedanken geweiht und ernster Betrachtung,
598
Machen sie Seraphim herrlich, indem auf ihren Gebirgen
599
Gleich Orionen sie wandeln und, in prophetische Stille
600
Sanft verloren, der Sterblichen künftige Seligkeit anschaun.
601
Mitten in diesem Gefild' erhebt sich die englische Pforte,
602
Die der Erde Beschützer zu ihrem Heiligthum einführt.
603
Wie zu der Zeit, wenn der Winter belebt, ein heiliger Festtag
604
Ueber beschneiten Gebirgen nach trüben Tagen hervorgeht;
605
Wolken und Nacht entfliehen vor ihm, die beeisten Gefilde,
606
Hohe durchsichtige Wälder entnebeln ihr Antlitz und glänzen:
607
So ging Gabriel jetzt auf den mitternächtlichen Bergen,
608
Und schon stand des Unsterblichen Fuß an der heiligen Pforte,
609
Welche vor ihm wie rauschender Cherubim Flügel sich aufthat,
610
Hinter ihm wieder mit Eile sich schloß. Nun wandelt der Seraph
611
In der Erd' Abgründen. Da wälzten sich Oceane
612
Ringsum, langsamer Fluth, zu menschenlosen Gestaden.
613
Alle Söhne der Oceane, gewaltige Ströme
614
Flossen, wie Ungewitter sich aus den Wüsten heraufziehn,
615
Tiefauftönend ihm nach. Er ging, und sein Heiligthum zeigte
616
Sich ihm schon in der Nähe. Die Pfort', erbauet von Wolken,
617
Wich ihm aus und zerfloß vor ihm wie in himmlische Schimmer.
618
Unter dem Fuße des Eilenden zog sich flüchtige Dämmrung
619
Wallend weg. Nah hinter ihm an den dunkeln Gestaden
620
Blieb es in seinem Tritte zurück wie wehende Flammen.
621
Und der Unsterbliche war zu der Engelversammlung gekommen.
622
Da, wo ferne von uns zu der Mitte die Erde sich senket,
623
Wölbt sich in ihr ein weiter Bezirk voll himmlischer Lüfte.
624
Dort schwebt, leise bewegt und bekrönt mit flüssigem Schimmer,
625
Eine sanftere Sonne. Von ihr fließt Leben und Wärme
626
In die Adern der Erd' empor. Die obere Sonne
627
Bildet mit dieser vertrauten Gehilfin den blumigen Frühling
628
Und den feurigen Sommer, vom sinkenden Halme belastet,
629
Und den Herbst auf Traubengebirgen. In ihren Bezirken
630
Ist sie niemals auf- und niemals untergegangen.
631
Um sie lächelt in röthlichen Wolken ein ewiger Morgen.
632
Unterweilen thut, der alle Himmel erfüllet,
633
Seine Gedanken den Engeln daselbst durch Zeichen in Wolken
634
Wunderbar kund; dann erscheinen vor ihnen die Folgen der Vorsicht.
635
Also entdeckt sich Gott, wenn nach wohlthätigen Wettern
636
Ueber besänftigten Wolken der Himmelsbogen hervorgeht
637
Und Dir, Erde, den Bund und die Fruchtbarkeit Gottes verkündigt.
638
Gabriel ließ jetzo auf dieser Sonne sich nieder,
639
Die, ungesehen von uns, die innere Fläche der Erde
640
Und was dort Lebendigkeit athmet, mit bleibendem Strahl labt.
641
Also unsers Mondes Gefährt'. Wir sehn ihn nicht wallen;
642
Denn ihm entquillt nur dämmernder, bald versiegender Schimmer,
643
Auch verfinstert er nicht, so locker vereinte sein Stoff sich;
644
Aber die Menschen im Hesperus sehn, die im Jupiter sehn ihn.
645
Also der hohe Saturn. Der himmlischen Aehre Bewohner
646
Sehen des mondumwimmelten Sterns weitkreisenden Lauf nicht.
647
Um den Seraph versammelten sich die Beschützer der Völker,
648
Engel des Kriegs und des Todes, die im Labyrinthe des Schicksals
649
Bis zu der göttlichen Hand den führenden Faden begleiten;
650
Die in Verborgnem über die Thaten der Könige herrschen,
651
Wenn sie damit triumphirend als ihrer Schöpfung sich aufblähn.
652
Dann die Hüter der Tugendhaften, der wenigen Edlen,
653
Die in seiner Entfernung den denkenden Weisen begleiten,
654
Wenn er das Menschengewebe der Erdeseligkeit fliehet
655
Und die Bücher der ewigen Zukunft betend eröffnet.
656
Auch sind sie oft insgeheim bei einer Versammlung zugegen,
657
Wo der feurige Christ die Herabkunft Gottes empfindet,
658
Wenn ein brüderlich Volk, durch das Blut des Bundes geheiligt,
659
Vor dem Versöhner der Menschen in Jubellieder sich ausgießt.
660
Wenn die Seelen entschlafner Christen ihr todtes Antlitz
661
Und den Schweiß und die traurigen Züge des siegenden Todes
662
Und die bezwungne Natur auf ihrem Leichnam erblicken,
663
So empfangen sie diese Gefährten mit tröstendem Anblick:
664
»lieber, wir wollen dereinst die Trümmern alle versammeln!
665
Eben diese Wohnung der Sterblichkeit, diese Gebeine,
666
Welche die Hand des gewaltigen Todes so traurig entstellt hat,
667
Soll mit dem Morgen des Richters zur neuen Schöpfung erwachen.
668
Kommt, zukünftige Bürger des Himmels, helleres Anschaun,
669
Siehe, der erste der Ueberwinder erwartet Euch, Seelen!«
670
Auch die Seelen, die zarten, nur sprossenden Leibern entflohen,
671
Sammelten sich um den Seraph herum. Sie flohen noch sprachlos,
672
Mit der Kindheit zärtlichem Weinen. Ihr schüchternes Auge
673
Hatte kaum staunend erblickt der Erde kleine Gefilde;
674
Darum durften sie sich auf der Welten furchtbaren Schauplatz,
675
Noch ungebildet, so bald hervorzutreten nicht wagen.
676
Ihre Beschützer geleiten sie zu sich und lehren sie reizend,
677
Unter beseelender Harfen Klang in lieblichen Liedern:
678
Wie und woher sie entstanden, wie groß die menschliche Seele
679
Von dem vollkommensten Geiste gemacht sei, wie jugendlich heiter
680
Sonnen und Monde nach ihrer Geburt zu dem Schöpfer gekommen.
681
»euch erwarten vollendete Väter! Herrliches Anschaun
682
Eures Erbarmers erwartet Euch dort am ewigen Throne!«
683
Also lehren sie diese der Weisheit würdigen Schüler,
684
Jener erhabneren Weisheit, nach deren flüchtigem Schatten,
685
Durch ihr Glänzen geblendet, die irren Sterblichen eilen.
686
Jetzo hatten sie Alle die schimmernden Lauben verlassen
687
Und sich zu ihren Vertrauten, der Erde Hütern, versammelt.
688
Gabriel that jetzo der ganzen Geisterversammlung
689
Alles das kund, was Gott ihm befahl vom Messias zu sagen.
690
Diese blieb wie entzückt um den hohen göttlichen Lehrer,
691
Senkte froh die Gedanken in tiefe Betrachtungen nieder.
692
Aber ein liebenswürdiges Paar, zwo befreundete Seelen,
693
Benjamin und Jedidda, umarmten einander und sprachen:
694
»ist das nicht, o Jedidda, der holde, vertrauliche Lehrer?
695
Ist's nicht Jesus, von welchem der Seraph es Alles erzählte?
696
Ach, ich weiß es noch wohl, wie er uns inbrünstig umarmte,
697
Wie er uns an die klopfende Brust mit Zärtlichkeit drückte!«
698
»eine getreue Zähre der Huld, die seh' ich noch immer,
699
Netzte sein Antlitz; ich küßte sie auf, die seh' ich noch immer,
700
Benjamin, und da sagt' er zu unsern umstehenden Müttern:
701
›werdet wie Kinder, sonst könnt Ihr das Reich des Vaters nicht erben.‹« –
702
»ja, so sagt' er, Jedidda. Und Der ist unser Erlöser;
703
Durch Den sind wir so selig! Umarme Deinen Geliebten!«
704
Also besprachen sie sich mit Zärtlichkeit unter einander.
705
Gabriel aber erhub sich zur neuen Botschaft.. Der Feier
706
Festlicher Glanz floß über den Fuß des Unsterblichen nieder.
707
Also sehen der Erde Tag die Bewohner des Mondes,
708
Ihren Nächten zu leuchten, in stiller, thauender Wolke
709
Auf die Gipfel ihrer Gebirge herunterwallen.
710
Also geschmückt stand Gabriel auf, und unter dem Nachruf
711
Jauchzender Engel und Seelen betrat er den freieren Luftkreis.
712
Rauschend wie Pfeile vom silbernen Bogen, zum Siege beflügelt,
713
Flieget er neben Gestirnen vorbei und eilt zu der Sonne.
714
Und schon sinket er schwebend auf ihren Tempel herunter.
715
Auf der Zinne des Tempels fand er die Seelen der Väter,
716
Die unverwandt den suchenden Blick mit den Strahlen vereinten,
717
Welche den weckenden Tag in die Thäler Kanaan's sandten.
718
Unter den Vätern war einer von hohen, denkendem Ansehn,
719
Adam, der Sohn der erwachenden Erd' und der Bildungen Gottes.
720
Gabriel, er und der Sonne Beherrscher erwarteten sehnend
721
Unter Gesprächen vom Heil der Menschen des Oelbergs Anblick.