Als ich unter den Menschen noch war, da war ich ein Jüngling

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Friedrich Gottlieb Klopstock: Als ich unter den Menschen noch war, da war ich ein Jüngling Titel entspricht 1. Vers(1749)

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Als ich unter den Menschen noch war, da war ich ein Jüngling,
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Weiblich und zart von Gefühl,
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Ganz zur Empfindung der Liebe geschaffen. So zärtlich und fühlend
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War kein Sterblicher mehr.
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Also sah ich ein göttliches Mädchen; so zärtlich und fühlend
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War keine Sterbliche mehr.
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Aber ein unerbittliches Schicksal, ein eisernes Schicksal
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Gab mir ein hartes Gesetz,
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Ewig zu schweigen, und einsam zu weinen. So zärtlich und elend
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War kein Sterblicher mehr.
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Einst sah ich sie im Haine; da ging ich seitwärts und weinte
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Seitwärts ins Einsame hin,
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Tief in den dunkelsten Hain, der den bängsten Schmerzen geweiht war,
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Und dem erbebenden Geist.
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Ach, vergebens erschaffne – wenn jene, die die Natur dir
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Gleich schuf, ewig dich flieht –
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Ach, vergebens unsterbliche Seele! wenn ewig einsam
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Dir die Unsterblichkeit ist.
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Wenn du, da du die Seelen erschufst, zwo Seelen von vielen,
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Mütterliche Natur,
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Zärtlicher und sich ähnlich erschufst, und gleichwohl sie trenntest,
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Sage, was dachtest du da,
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Mütterliche Natur? Sonst immer weise, mir aber
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Hier nicht weise genug,
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Hier nicht zärtlich genug! nicht mehr die liebende Mutter,
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Die du immer sonst warst!
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Ach, wenn dich noch Tränen erweichten! und wenn ein vor Wehmut
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Bang erbebendes Herz
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Dich und dein eisernes Schicksal und seine Donner versöhnte,
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Wenn du Mutter noch wärst!
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Wenn, wie vormals, dein Ohr, zur Zeit des goldenen Alters,
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Stammelnde Seufzer vernähm'!
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Aber du bleibst unerbittlich und ernst. So sei es denn ewig!
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Sei's! nicht mehr Mutter, Natur!
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Warum hast du mich nicht, wie diesen Hain hier, erschaffen,
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Ruhig und ohne Gefühl?
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Warum nicht, wie den Sänger des Hains? Er fühlt sich vielleicht nicht,
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Oder ist es Gefühl,
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Was er tönet; sinds zärtliche Klagen, die seufzend sein Mund singt,
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Ach, so wird er gehört!
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Ach, so lieben ihn Sängerinnen! so donnert kein Schicksal
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Sie zu trennen daher!
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Ach, so fühlt er kein menschliches Elend! – Auf, laß mich wie er sein!
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Nicht mehr Mutter, Natur,
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Schaffe zur Nachtigall mich! doch laß mir die menschliche Seele,
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Diese Seele nicht mehr!
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Also sagt' ich, und wurde verwandelt, doch blieb mir die Seele
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Und mein zu fühlendes Herz;
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Und, nicht glücklicher, klag' ich noch einsam, und weine die Nacht durch
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Und den mir nächtlichen Tag.
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Wenn der Morgen dahertaut, wenn glücklichern Vögeln und Menschen
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Du, o Abendstern, winkst,
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Geht, die ich lieb', im Haine daher; dann sing' ich ihr Klagen,
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Aber sie höret mich nicht.
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O so höre mich, Jupiter, dann, du, des hohen Olympus
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Donnerer, höre du mich:
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Schaffe zum Adler mich um, laß deinen Donner mich tragen,
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Daß sein kriegrischer Schall
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Hart und fühllos mich mache, daß in den hohen Gewittern
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Zärtlich mein Herz nicht mehr bebt,
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Daß ich die ehernen donnernden Wagen des Zeus nur erblicke,
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Aber kein blühend Gesicht,
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Und kein lächelndes Auge, das seelenvoll redt, und die Sprache
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Der Unsterblichen spricht.–
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Also sang er und wurde zum Adler, und an dem Olympus
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Zog sich ein Wetter herauf.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Gottlieb Klopstock
(17241803)

* 02.07.1724 in Quedlinburg, † 14.03.1803 in Hamburg

männlich, geb. Klopstock

deutscher Autor und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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