Warum gabst du uns die tiefen Blicke...

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Johann Wolfgang Goethe: Warum gabst du uns die tiefen Blicke... (1776)

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Warum gabst du uns die tiefen Blicke,
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Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun,
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Unsrer Liebe, unserm Erdenglücke
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Wähnend selig nimmer hinzutraun?
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Warum gabst uns, Schicksal, die Gefühle,
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Uns einander in das Herz zu sehn,
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Um durch all die seltenen Gewühle
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Unser wahr Verhältnis auszuspähn?

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Ach, so viele tausend Menschen kennen,
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Dumpf sich treibend, kaum ihr eigen Herz,
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Schweben zwecklos hin und her und rennen
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Hoffungslos in unversehnem Schmerz;
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Jauchzen wieder, wenn der schnellen Freuden
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Unerwart'te Morgenröte tagt.
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Nur uns armen liebevollen beiden
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Ist das wechselseit'ge Glück versagt,
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Uns zu lieben, ohn uns zu verstehen,
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In dem andern sehn, was er nie war,
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Immer frisch auf Traumglück auszugehen
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Und zu schwanken auch in Traumgefahr.

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Glücklich, den ein leerer Traum beschäftigt!
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Glücklich, dem die Ahndung eitel wär!
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Jede Gegenwart und jeder Blick bekräftigt
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Traum und Ahndung leider uns noch mehr.
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Sag, was will das Schicksal uns bereiten?
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Sag, wie band es uns so rein genau?
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Ach, du warst in abgelebten Zeiten
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Meine Schwester oder meine Frau.

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Kanntest jeden Zug in meinem Wesen,
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Spähtest, wie die reinste Nerve klingt,
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Konntest mich mit
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Den so schwer ein sterblich Aug durchdringt;
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Tropftest Mäßigung dem heißen Blute,
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Richtetest den wilden irren Lauf,
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Und in deinen Engelsarmen ruhte
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Die zerstörte Brust sich wieder auf;
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Hieltest zauberleicht ihn angebunden
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Und vergaukeltest ihm manchen Tag.
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Welche Seligkeit glich jenen Wonnestunden,
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Da er dankbar dir zu Füßen lag,
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Fühlt' sein Herz an deinem Herzen schwellen,
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Fühlte sich in deinem Auge gut,
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Alle seine Sinnen sich erhellen
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Und beruhigen sein brausend Blut!

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Und von allem dem schwebt ein Erinnern
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Nur noch um das ungewisse Herz,
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Fühlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern,
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Und der neue Zustand wird ihm Schmerz.
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Und wir scheinen uns nur halb beseelet,
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Dämmernd ist um uns der hellste Tag.
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Glücklich, daß das Schicksal, das uns quälet,
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Uns doch nicht verändern mag!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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