Künstlers Morgenlied

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Johann Wolfgang Goethe: Künstlers Morgenlied (1773)

1
Der Tempel ist euch aufgebaut,
2
Ihr hohen Musen all,
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Und hier in meinem Herzen ist
4
Das Allerheiligste.

5
Wenn morgens mich die Sonne weckt,
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Warm, froh ich schau umher,
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Steht rings ihr Ewiglebenden
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Im heil'gen Morgenglanz.

9
Ich bet hinan, und Lobgesang
10
Ist lauter mein Gebet,
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Und freudeklingend Saitenspiel
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Begleitet mein Gebet.

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Ich trete vor den Altar hin
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Und lese, wie sich's ziemt,
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Andacht liturg'scher Lektion
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Im heiligen Homer.

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Und wenn er ins Getümmel mich
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Von Löwenkriegern reißt
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Und Göttersöhn auf Wagen hoch
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Rachglühend stürmen an

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Und Roß dann vor dem Wagen stürzt
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Und drunter und drüber sich
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Freund', Feinde wälzen in Todesblut –
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Er sengte sie dahin

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Mit Flammenschwert, der Heldensohn,
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Zehntausend auf einmal,
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Bis dann auch er, gebändiget
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Von einer Götterhand,

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Ab auf den Rogus niederstürzt,
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Den er sich selbst gehäuft,
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Und Feinde nun den schönen Leib
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Verschändend tasten an:

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Da greif ich mutig auf, es wird
34
Die Kohle zum Gewehr,
35
Und jene meine hohe Wand
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In Schlachtfeldwogen braust.

37
Hinan! Hinan! Es heulet laut
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Gebrüll der Feindeswut,
39
Und Schild an Schild, und Schwert auf Helm,
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Und um den Toten Tod.

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Ich dränge mich hinan, hinan,
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Da kämpfen sie um ihn,
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Die tapfern Freunde, tapferer
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In ihrer Tränenwut.

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Ach, rettet! Kämpfet! Rettet ihn!
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Ins Lager tragt ihn fort,
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Und Balsam gießt dem Toten auf
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Und Tränen Totenehr!

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Und find ich mich zurück hierher,
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Empfängst du, Liebe, mich,
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Mein Mädchen, ach, im Bilde nur
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Und so im Bilde warm!

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Ach, wie du ruhtest neben mir
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Und schmachtetest mich an,
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Und mir's vom Aug durchs Herz hindurch
56
Zum Griffel schmachtete!

57
Wie ich an Aug und Wange mich
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Und Mund mich weidete,
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Und mir's im Busen jung und frisch,
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Wie einer Gottheit, war !

61
O kehre doch und bleibe dann
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In meinen Armen fest,
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Und keine, keine Schlachten mehr,
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Nur dich in meinem Arm!

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Und sollst mir, meine Liebe, sein
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Alldeutend Ideal,
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Madonna sein, ein Erstlingskind,
68
Ein heiligs, an der Brust;

69
Und haschen will ich, Nymphe, dich
70
Im tiefen Waldgebüsch;
71
O fliehe nicht die rauhe Brust,
72
Mein aufgerecktes Ohr!

73
Und liegen will ich Mars zu dir,
74
Du Liebesgöttin stark,
75
Und ziehn ein Netz um uns herum
76
Und rufen dem Olymp,

77
Wer von den Göttern kommen will,
78
Beneiden unser Glück,
79
Und soll's die Fratze Eifersucht,
80
Am Bettfuß angebannt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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