Ilmenau

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Johann Wolfgang Goethe: Ilmenau (1783)

1
Anmutig Tal! du immergrüner Hain!
2
Mein Herz begrüßt euch wieder auf das beste;
3
Entfaltet mir die schwer behangnen Äste,
4
Nehmt freundlich mich in eure Schatten ein,
5
Erquickt von euren Höhn, am Tag der Lieb und Lust,
6
Mit frischer Luft und Balsam meine Brust!

7
Wie kehrt ich oft mit wechselndem Geschicke,
8
Erhabner Berg, an deinen Fuß zurücke.
9
O laß mich heut an deinen sachten Höhn
10
Ein jugendlich, ein neues Eden sehn!
11
Ich hab es wohl auch mit um euch verdienet:
12
Ich sorge still, indes ihr ruhig grünet.

13
Laßt mich vergessen, daß auch hier die Welt
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So manch Geschöpf in Erdefesseln hält,
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Der Landmann leichtem Sand den Samen anvertraut
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Und seinen Kohl dem frechen Wilde baut,
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Der Knappe karges Brot in Klüften sucht,
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Der Köhler zittert, wenn der Jäger flucht.
19
Verjüngt euch mir, wie ihr es oft getan,
20
Als fing' ich heut ein neues Leben an.

21
Ihr seid mir hold, ihr gönnt mir diese Träume,
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Sie schmeicheln mir und locken alte Reime.
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Mir wieder selbst, von allen Menschen fern,
24
Wie bad ich mich in euren Duften gern!
25
Melodisch rauscht die hohe Tanne wieder,
26
Melodisch eilt der Wasserfall hernieder;
27
Die Wolke sinkt, der Nebel drückt ins Tal,
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Und es ist Nacht und Dämmrung auf einmal.

29
Im finstern Wald, beim Liebesblick der Sterne,
30
Wo ist mein Pfad, den sorglos ich verlor?
31
Welch seltne Stimmen hör ich in der Ferne?
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Sie schallen wechselnd an dem Fels empor.
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Ich eile sacht, zu sehn, was es bedeutet,
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Wie von des Hirsches Ruf der Jäger still geleitet.

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Wo bin ich? ist's ein Zaubermärchenland?
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Welch nächtliches Gelag am Fuß der Felsenwand?
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Bei kleinen Hütten, dicht mit Reis bedecket,
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Seh ich sie froh ans Feuer hingestrecket.
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Es dringt der Glanz hoch durch den Fichtensaal;
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Am niedern Herde kocht ein rohes Mahl;
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Sie scherzen laut, indessen, bald geleeret,
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Die Flasche frisch im Kreise wiederkehret.

43
Sagt, wem vergleich ich diese muntre Schar?
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Von wannen kommt sie? um wohin zu ziehen?
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Wie ist an ihr doch alles wunderbar! Soll ich sie grüßen?
46
Soll ich vor ihr fliehen?
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Ist es der Jäger wildes Geisterheer?
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Sind's Gnomen, die hier Zauberkünste treiben?
49
Ich seh im Busch der kleinen Feuer mehr;
50
Es schaudert mich, ich wage kaum zu bleiben.
51
Ist's der Ägyptier verdächtiger Aufenthalt?
52
Ist es ein flüchtiger Fürst wie im Ardennerwald?
53
Soll ich Verirrter hier in den verschlungnen Gründen
54
Die Geister Shakespeares gar verkörpert finden?
55
Ja, der Gedanke führt mich eben recht:
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Sie sind es selbst, wo nicht ein gleich Geschlecht!
57
Unbändig schwelgt ein Geist in ihrer Mitten,
58
Und durch die Roheit fühl ich edle Sitten.

59
Wie nennt ihr ihn? Wer ist's, der dort gebückt
60
Nachlässig stark die breiten Schultern drückt?
61
Er sitzt zunächst gelassen an der Flamme,
62
Die markige Gestalt aus altem Heldenstamme.
63
Er saugt begierig am geliebten Rohr,
64
Es steigt der Dampf an seiner Stirn empor.
65
Gutmütig trocken weiß er Freud und Lachen
66
Im ganzen Zirkel laut zu machen,
67
Wenn er mit ernstlichem Gesicht
68
Barbarisch bunt in fremder Mundart spricht.

69
Wer ist der andre, der sich nieder
70
An einen Sturz des alten Baumes lehnt
71
Und seine langen, feingestalten Glieder
72
Ekstatisch faul nach allen Seiten dehnt
73
Und, ohne daß die Zecher auf ihn hören,
74
Mit Geistesflug sich in die Höhe schwingt
75
Und von dem Tanz der himmelhohen Sphären
76
Ein monotones Lied mit großer Inbrunst singt?

77
Doch scheinet allen etwas zu gebrechen.
78
Ich höre sie auf einmal leise sprechen,
79
Des Jünglings Ruhe nicht zu unterbrechen,
80
Der dort am Ende, wo das Tal sich schließt,
81
In einer Hütte, leicht gezimmert,
82
Vor der ein letzter Blick des kleinen Feuers schimmert,
83
Vom Wasserfall umrauscht, des milden Schlafs genießt.
84
Mich treibt das Herz, nach jener Kluft zu wandern,
85
Ich schleiche still und scheide von den andern.

86
Sei mir gegrüßt, der hier in später Nacht
87
Gedankenvoll an dieser Schwelle wacht!
88
Was sitzest du entfernt von jenen Freuden?
89
Du scheinst mir auf was Wichtiges bedacht.
90
Was ist's, daß du in Sinnen dich verlierest
91
Und nicht einmal dein kleines Feuer schürest?

92
»o frage nicht! denn ich bin nicht bereit,
93
Des Fremden Neugier leicht zu stillen;
94
Sogar verbitt ich deinen guten Willen;
95
Hier ist zu schweigen und zu leiden Zeit.
96
Ich bin dir nicht imstande, selbst zu sagen,
97
Woher ich sei, wer mich hierher gesandt;
98
Von fremden Zonen bin ich her verschlagen
99
Und durch die Freundschaft festgebannt.

100
Wer kennt sich selbst? Wer weiß, was er vermag?
101
Hat nie der Mutige Verwegnes unternommen?
102
Und was du tust, sagt erst der andre Tag,
103
War es zum Schaden oder Frommen.
104
Ließ nicht Prometheus selbst die reine Himmelsglut
105
Auf frischen Ton vergötternd niederfließen?
106
Und konnt er mehr als irdisch Blut
107
Durch die belebten Adern gießen?
108
Ich brachte reines Feuer vom Altar;
109
Was ich entzündet, ist nicht reine Flamme.
110
Der Sturm vermehrt die Glut und die Gefahr,
111
Ich schwanke nicht, indem ich mich verdamme.

112
Und wenn ich unklug Mut und Freiheit sang
113
Und Redlichkeit und Freiheit sonder Zwang,
114
Stolz auf sich selbst und herzliches Behagen,
115
Erwarb ich mir der Menschen schöne Gunst:
116
Doch ach! ein Gott versagte mir die Kunst,
117
Die arme Kunst, mich künstlich zu betragen.
118
Nun sitz ich hier, zugleich erhoben und gedrückt,
119
Unschuldig und gestraft, und schuldig und beglückt.

120
Doch rede sacht! denn unter diesem Dach
121
Ruht all mein Wohl und all mein Ungemach:
122
Ein edles Herz, vom Wege der Natur
123
Durch enges Schicksal abgeleitet,
124
Das, ahnungsvoll, nun auf der rechten Spur
125
Bald mit sich selbst und bald mit Zauberschatten streitet
126
Und, was ihm das Geschick durch die Geburt geschenkt,
127
Mit Müh und Schweiß erst zu erringen denkt.
128
Kein liebevolles Wort kann seinen Geist enthüllen
129
Und kein Gesang die hohen Wogen stillen.

130
Wer kann der Raupe, die am Zweige kriecht,
131
Von ihrem künft'gen Futter sprechen?
132
Und wer der Puppe, die im Boden liegt,
133
Die zarte Schale helfen durchzubrechen?
134
Es kommt die Zeit, sie drängt sich selber los
135
Und eilt auf Fittichen der Rose in den Schoß.

136
Gewiß, ihm geben auch die Jahre
137
Die rechte Richtung seiner Kraft.
138
Noch ist bei tiefer Neigung für das Wahre
139
Ihm Irrtum eine Leidenschaft.
140
Der Vorwitz lockt ihn in die Weite,
141
Kein Fels ist ihm zu schroff, kein Steg zu schmal;
142
Der Unfall lauert an der Seite
143
Und stürzt ihn in den Arm der Qual.
144
Dann treibt die schmerzlich überspannte Regung
145
Gewaltsam ihn bald da, bald dort hinaus,
146
Und von unmutiger Bewegung
147
Ruht er unmutig wieder aus.
148
Und düster wild an heitern Tagen,
149
Unbändig, ohne froh zu sein,
150
Schläft er, an Seel und Leib verwundet und zerschlagen,
151
Auf einem harten Lager ein:
152
Indessen ich hier still und atmend kaum
153
Die Augen zu den freien Sternen kehre
154
Und, halb erwacht und halb im schweren Traum,
155
Mich kaum des schweren Traums erwehre.«

156
Verschwinde, Traum!

157
Wie dank ich, Musen, euch,
158
Daß ihr mich heut auf einen Pfad gestellet,
159
Wo auf ein einzig Wort die ganze Gegend gleich
160
Zum schönsten Tage sich erhellet!
161
Die Wolke flieht, der Nebel fällt,
162
Die Schatten sind hinweg. Ihr Götter, Preis und Wonne!
163
Es leuchtet mir die wahre Sonne,
164
Es lebt mir eine schönre Welt;
165
Das ängstliche Gesicht ist in die Luft zerronnen,
166
Ein neues Leben ist's, es ist schon lang begonnen.

167
Ich sehe hier, wie man nach langer Reise
168
Im Vaterland sich wiederkennt,
169
Ein ruhig Volk in stillem Fleiße
170
Benutzen, was Natur an Gaben ihm gegönnt.
171
Der Faden eilet von dem Rocken
172
Des Webers raschem Stuhle zu;
173
Und Seil und Kübel wird in längrer Ruh
174
Nicht am verbrochnen Schachte stocken;
175
Es wird der Trug entdeckt, die Ordnung kehrt zurück,
176
Es folgt Gedeihn und festes ird'sches Glück.

177
So mög, o Fürst, der Winkel deines Landes
178
Ein Vorbild deiner Tage sein!
179
Du kennest lang die Pflichten deines Standes
180
Und schränkest nach und nach die freie Seele ein.
181
Der kann sich manchen Wunsch gewähren,
182
Der kalt sich selbst und seinem Willen lebt;
183
Allein wer andre wohl zu leiten strebt,
184
Muß fähig sein, viel zu entbehren.

185
So wandle du – der Lohn ist nicht gering –
186
Nicht schwankend hin, wie jener Sämann ging,
187
Daß bald ein Korn, des Zufalls leichtes Spiel,
188
Hier auf den Weg, dort zwischen Dornen fiel;
189
Nein! streue klug wie reich, mit männlich steter Hand,
190
Den Segen aus auf ein geackert Land;
191
Dann laß es ruhn: die Ernte wird erscheinen
192
Und dich beglücken und die Deinen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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