Adler und Taube

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Johann Wolfgang Goethe: Adler und Taube (1773)

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Ein Adlersjüngling hob die Flügel
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Nach Raub aus;
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Ihn traf des Jägers Pfeil und schnitt
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Der rechten Schwinge Sennkraft ab.
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Er stürzt' hinab in einen Myrtenhain,
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Fraß seinen Schmerz drei Tage lang
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Und zuckt' an Qual
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Drei lange, lange Nächte lang.
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Zuletzt heilt ihn
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Allgegenwärt'ger Balsam
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Allheilender Natur.
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Er schleicht aus dem Gebüsch hervor
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Und reckt die Flügel – ach!
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Die Schwingkraft weggeschnitten –
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Hebt sich mühsam kaum
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Am Boden weg
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Unwürd'gem Raubbedürfnis nach,
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Und ruht tieftrauernd
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Auf dem niedern Fels am Bach;
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Er blickt zur Eich hinauf,
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Hinauf zum Himmel,
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Und eine Träne füllt sein hohes Aug.

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Da kommt mutwillig durch die Myrtenäste
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Dahergerauscht ein Taubenpaar,
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Läßt sich herab und wandelt nickend
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Über goldnen Sand am Bach
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Und ruckt einander an;
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Ihr rötlich Auge buhlt umher,
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Erblickt den Innigtrauernden.
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Der Tauber schwingt neugiergesellig sich
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Zum nahen Busch und blickt
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Mit Selbstgefälligkeit ihn freundlich an.
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»du trauerst«, liebelt er,
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»sei guten Mutes, Freund!
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Hast du zur ruhigen Glückseligkeit
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Nicht alles hier?
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Kannst du dich nicht des goldnen Zweiges freun,
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Der vor des Tages Glut dich schützt?
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Kannst du der Abendsonne Schein
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Auf weichem Moos am Bache nicht
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Die Brust entgegenheben?
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Du wandelst durch der Blumen frischen Tau,
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Pflückst aus dem Überfluß
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Des Waldgebüsches dir
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Gelegne Speise, letzest
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Den leichten Durst am Silberquell
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O Freund, das wahre Glück
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Ist die Genügsamkeit,
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Und die Genügsamkeit
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Hat überall genug.«
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»o Weise!« sprach der Adler, und tief ernst
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Versinkt er tiefer in sich selbst,
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»o Weisheit ! Du redst wie eine Taube!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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