Wandrers Sturmlied

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Johann Wolfgang Goethe: Wandrers Sturmlied (1772)

1
Wen du nicht verlässest, Genius,
2
Nicht der Regen, nicht der Sturm
3
Haucht ihm Schauer übers Herz.
4
Wen du nicht verlässest, Genius,
5
Wird dem Regengewölk,
6
Wird dem Schloßensturm
7
Entgegensingen,
8
Wie die Lerche,
9
Du da droben.

10
Den du nicht verlässest, Genius,
11
Wirst ihn heben übern Schlammpfad
12
Mit den Feuerflügeln;
13
Wandeln wird er
14
Wie mit Blumenfüßen
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Über Deukalions Flutschlamm,
16
Python tötend, leicht, groß,
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Pythius Apollo.

18
Den du nicht verlässest, Genius,
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Wirst die wollnen Flügel unterspreiten,
20
Wenn er auf dem Felsen schläft,
21
Wirst mit Hüterfittichen ihn decken
22
In des Haines Mitternacht.

23
Wen du nicht verlässest, Genius,
24
Wirst im Schneegestöber
25
Wärmumhüllen;
26
Nach der Wärme ziehn sich Musen,
27
Nach der Wärme Charitinnen.

28
Umschwebet mich, ihr Musen,
29
Ihr Charitinnen!
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Das ist Wasser, das ist Erde
31
Und der Sohn des Wassers und der Erde,
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Über den ich wandle
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Göttergleich.

34
Ihr seid rein wie das Herz der Wasser,
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Ihr seid rein wie das Mark der Erde,
36
Ihr umschwebt mich, und ich schwebe
37
Über Wasser, über Erde,
38
Göttergleich.

39
Soll der zurückkehren,
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Der kleine, schwarze, feurige Bauer?
41
Soll der zurückkehren, erwartend
42
Nur deine Gaben, Vater Bromius,
43
Und helleuchtend, umwärmend Feuer?
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Der kehren mutig?
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Und ich, den ihr begleitet,
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Musen und Charitinnen alle,
47
Den alles erwartet, was ihr,
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Musen und Charitinnen,
49
Umkränzende Seligkeit
50
Rings ums Leben verherrlicht habt,
51
Soll mutlos kehren?

52
Vater Bromius!
53
Du bist Genius,
54
Jahrhunderts Genius,
55
Bist, was innre Glut
56
Pindarn war,
57
Was der Welt
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Phöbus Apoll ist.

59
Weh! Weh! Innre Wärme,
60
Seelenwärme,
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Mittelpunkt!
62
Glüh entgegen
63
Phöb' Apollen;
64
Kalt wird sonst
65
Sein Fürstenblick
66
Über dich vorübergleiten,
67
Neidgetroffen
68
Auf der Zeder Kraft verweilen,
69
Die zu grünen
70
Sein nicht harrt.

71
Warum nennt mein Lied dich zuletzt?
72
Dich, von dem es begann,
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Dich, in dem es endet,
74
Dich, aus dem es quillt,
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Jupiter Pluvius!
76
Dich, dich strömt mein Lied,
77
Und kastalischer Quell
78
Rinnt ein Nebenbach,
79
Rinnet Müßigen,
80
Sterblich Glücklichen
81
Abseits von dir,
82
Der du mich fassend deckst,
83
Jupiter Pluvius!

84
Nicht am Ulmenbaum
85
Hast du ihn besucht,
86
Mit dem Taubenpaar
87
In dem zärtlichen Arm,
88
Mit der freundlichen Ros umkränzt,
89
Tändelnden ihn, blumenglücklichen
90
Anakreon,
91
Sturmatmende Gottheit!

92
Nicht im Pappelwald
93
An des Sybaris Strand,
94
An des Gebirgs
95
Sonnebeglänzter Stirn nicht
96
Faßtest du ihn,
97
Den blumensingenden, Honiglallenden,
98
Freundlich winkenden
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Theokrit.

100
Wenn die Räder rasselten
101
Rad an Rad rasch ums Ziel weg,
102
Hoch flog
103
Siegdurchglühter
104
Jünglinge Peitschenknall
105
Und sich Staub wälzt'
106
Wie vom Gebirg herab
107
Kieselwetter ins Tal,
108
Glühte deine Seel Gefahren, Pindar,
109
Mut. – Glühte? –
110
Armes Herz!
111
Dort auf dem Hügel,
112
Himmlische Macht!
113
Nur so viel Glut,
114
Dort meine Hütte,
115
Dorthin zu waten!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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