Erbauliche Betrachtung schnell- verge- hender Wolcken

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Barthold Heinrich Brockes: Erbauliche Betrachtung schnell- verge- hender Wolcken (1736)

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Ich sitze hier und seh den Düften,
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Wie sie sich, in den regen Lüften
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Formiren, mit Bewundrung, zu.
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Wie sie sich bilden und entbilden,
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Sich hier versilbern, dort vergülden,
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In steter Aendrung, ohne Ruh.

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Bald sieht man sie sich schnell verdunckeln;
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Bald wie Rubin und Purpur funckeln,
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Durch wechselnden Empfang des Lichts.
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Bald gleichen sie erhabnen Bergen,
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Bald werden sie zu kleinen Zwergen;
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Bald sind sie klein, bald groß, bald nichts.

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So schnell formiren sich Figuren,
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So schnell vergehn die Creaturen
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Dort oben in der Lüfte Reich:
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Allein! sind Cörper, die auf Erden,
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Dem Schein nach, fest gefunden werden,
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Nicht ihnen fast an Dauer gleich?

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Die Blumen, welche man im Lentzen,
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In zierlichsten Gestalten gläntzen,
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Und schön an Form und Farben sieht,
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Sind oftermahls in wenig Stunden
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Verwelcket, ihre Pracht verschwunden,
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Und, eh man sichs versieht, verblüht.

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So gar auch von der Menschen Leben
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Kann ein Gewölck ein Beyspiel geben;
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Kann nicht, mit Recht, ein Felß, ein Stein
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Zu uns, wie wir zum Wolcken, sagen:
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Wie laßt ihr euch so schnell verjagen,
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Wie ist doch eure Dau’r so klein!

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Da ihr fast sterbt, wann ihr entstehet,
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Jm Kommen gleichsam schon vergehet,
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Wie schleunig seyd ihr nicht mehr da!
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Doch, lieber Stein, du magst nur schweigen;
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Du kannst uns keinen Fehler zeigen:
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Es ist des Schöpfers Ordnung ja.

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Zudem da Dinge dieser Erden
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Das, wofür sie gehalten werden,
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Nur blos Vergleichungs-weise seyn;
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Und wie ein Ton, für sich betrachtet,
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Nicht hoch nicht niedrig wird geachtet,
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So ist, für sich, nichts groß, nichts klein.

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Es sollen mir denn Stein und Eisen
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Nicht meiner Daur Vergleichung weisen,
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Ich gehe zu der schnellen Luft;
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Da wirst du ja nicht läugnen können,
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Daß wir uns nicht so plötzlich trennen,
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Als wie ein stets-vergehnder Duft.

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Man thut dann wol, es umzukehren,
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Daß wir vom Duft uns lassen lehren,
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Daß wir so plötzlich nicht vergehn;
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Daß tausend Ding’ auf dieser Erden,
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Wenn sie mit uns verglichen werden,
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So lange nicht, als wir, bestehn.

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Ja wär uns Menschen auch ein Leben
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Von grössrer Daur, als Stein, gegeben;
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Wär es doch eine kurtze Zeit:
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Man würd’ es nicht einst rechnen können
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Und wäre kaum ein Punct zu nennen;
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Verglich mans mit der Ewigkeit.

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Noch mehr: verlischt die Lebens-Kertze,
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So traure darum nicht, mein Hertze,
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Daß sie nicht länger brennen kann.
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Wenn etwan Seel’ und Leib sich trennen,
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Must du dieß kein Vergehen nennen;
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Die Aendrung geht den Leib nur an.

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Der Schöpfer hat dein wahres Wesen
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Zu einer grössern Daur erlesen;
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Indem er selber ewig ist.
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So thut man wol, wenn ihm zu Ehren,
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Man, unsrer Seelen Daur und Währen,
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Nach seiner ew’gen Liebe mißt.

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Drum wünscht nicht länger hier zu bleiben,
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Als, unser Ziel uns vorzuschreiben
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Beschlossen hat, der uns gemacht.
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Wenn unser Lebens-Tocht verlodert,
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Und uns der Schöpfer zu sich fodert,
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So saget frölich: gute Nacht!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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