Lebendiges Andenken

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Johann Wolfgang Goethe: Lebendiges Andenken (1767)

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Der Liebsten Band und Schleife rauben,
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Halb mag sie zürnen, halb erlauben,
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Euch ist es viel, ich will es glauben
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Und gönn euch solchen Selbstbetrug:
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Ein Schleier, Halstuch, Strumpfband, Ringe
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Sind wahrlich keine kleinen Dinge;
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Allein mir sind sie nicht genug.

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Lebend'gen Teil von ihrem Leben,
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Ihn hat nach leisem Widerstreben
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Die Allerliebste mir gegeben,
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Und jene Herrlichkeit wird nichts.
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Wie lach ich all der Trödelware!
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Sie schenkte mir die schönen Haare,
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Den Schmuck des schönsten Angesichts.

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Soll ich dich gleich, Geliebte, missen,
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Wirst du mir doch nicht ganz entrissen:
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Zu schaun, zu tändeln und zu küssen
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Bleibt die Reliquie von dir. –
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Gleich ist des Haars und mein Geschicke;
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Sonst buhlten wir mit
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Um sie, jetzt sind wir fern von ihr.

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Fest waren wir an sie gehangen;
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Wir streichelten die runden Wangen,
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Uns lockt' und zog ein süß Verlangen,
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Wir gleiteten zur vollern Brust.
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O Nebenbuhler, frei von Neide,
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Du süß Geschenk, du schöne Beute,
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Erinnre mich an Glück und Lust!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Wolfgang von Goethe
(17491832)

* 28.08.1749 in Frankfurt am Main, † 22.03.1832 in Weimar

männlich, geb. Goethe

natürliche Todesursache | Herzinfarkt

deutscher Dichter, Dramatiker, Naturforscher und Politiker (1749–1832)

(Aus: Wikidata.org)

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