Winter-Gedancken

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Barthold Heinrich Brockes: Winter-Gedancken (1736)

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Mein GOtt! das Feuer wärmet mich
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Und macht nicht nur, daß ich nicht friere;
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Daß ich im Frost auch Anmuth spühre,
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Dafür erheb’ und preis’ ich dich!

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Ich fühl’ ietzt einen Trieb in mir,
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Ein Winter-Opfer dir zu bringen,
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Und deine Wunder zu besingen,
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Die ich, auch selbst im Frost, verspühr.

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Die düstern Tag’ erhellt der Schnee,
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Der jetzt die dunckle Welt bedecket,
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Und mehr vergnügt und nützt, als schrecket;
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So daß ich ihn mit Anmuth seh.

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Nicht ohne Regung unsrer Brust
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Erblickt man weisse weite Felder.
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Die Wipfel der beschneiten Wälder
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Erregen uns besondre Lust.

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Indem die schwartze Dunckelheit
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Der Aeste, welche nicht beklebet,
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Den weissen Schnee noch mehr erhebet,
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Jm Gegensatz und Unterscheid.

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Desgleichen wircken hier und dort
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Verstreut- und halb-beschneite Reiser.
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Die Gipfel der bemoosten Häuser
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Sind gleichfals schön an manchem Ort.

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So lassen auch, nicht minder schön,
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Die regel-rechten Ziegel-Dächer
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Jm Schnee die nett-gevierten Fächer
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Viel deutlicher, als sonsten, sehn.

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Durchs Wassers Blau, wenn noch kein Eis
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Die Fluht mit Schollen überbrücket,
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Wird der gefallne Schnee geschmücket,
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Es macht sein Weiß noch einst so weiß.

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Zumahl wenn in dem Wieder-Schein
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Des Ufers weiß beschneite Höhen,
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Auf dunckler Fläche hell zu sehen
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Und weiß und blau gemischet seyn.

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Seht wie uns, selbst der Dorn vergnügt,
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Wenn, nach der weiß-beschneiten Speise,
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Durch ihn, zusammt der bunten Meise,
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Der Zäune kleiner König fliegt.

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Des welcken Schilffes gelber Schein
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Wird auch nicht ohne Lust verspühret;
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Es unterbricht es schmückt, und zieret
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Das weisse, das sonst allgemein.

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Jmgleichen theilt und unterbricht
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Mit seiner Striche duncklen Länge,
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Der tieffen Wasser-Graben Menge
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Vom weissen Schnee das weisse Licht.

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Wenn hier ein Gräschen, dort ein Straus
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Aus Schnee, worin es meist verstecket,
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Ein grünes Spitzgen eintzeln strecket,
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Sieht es nicht minder lieblich aus.

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Jmgleichen, wenn das glatte Grün
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Des Buxbaums, der im Garten gläntzet
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Und das gevierte Land begräntzet,
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Durch Schnee recht übersilbert schien.

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Auch bricht der Gärten Winter-Flor
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Des braunen Kohles Purpur-Pflantze,
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Mit einem Silber-gleichen Glantze,
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Aus Silber-weissem Grund’ hervor.

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Und kurtz: man spührt, zur Winters-Zeit,
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Zu unsers weisen Schöpfers Preise,
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Wie auch, so gar im Schnee und Eise,
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Die Welt ein frommes Aug’ erfreut.

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Ach sähe denn doch jederman,
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Zumahl der, den der Frost nicht drücket,
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Die Welt, wie selbst der Frost sie schmücket,
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Mit Luft, zu GOttes Ehren an!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Barthold Heinrich Brockes
(16801747)

* 22.09.1680 in Hamburg, † 16.01.1747 in Hamburg

männlich, geb. Brockes

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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