1
Die Schöpfung schläft in mütterlichen Flügeln
2
Der schwarzen Nacht verhüllt: die Stille schleicht
3
Mit leiserm Tritt einher, und jede Stimme schweigt.
4
Nur murmelt noch von Schlafbetrunknen Hügeln
5
Der müde Wiederhall dem Bach
6
Durchs öde Thal in Schlummertönen nach,
7
Dem armen Wanderer die Augen zu versiegeln,
8
Den, weil ihm hier die Kraft entwich,
9
Der Mond, sein freundlicher Gefährte,
10
Der Stärkung überließ, die die Natur begehrte,
11
Und hinter die Gebirg' entschlich.
12
Vollendet ist noch eine Lebensscene:
13
Der Glückliche, der auf den frohen Tag
14
Von Sorgenlosigkeit und Leichtsinn eingewieget
15
Dem Schlaf im weichen Arme lieget,
16
Genießt sein Glück in süßen Träumen nach.
17
Vielleicht daß, nach verweinter Thräne,
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Auf den so gar, den harte Schickung prüft,
19
Des spätern Schlummers Balsam trieft,
20
Der sonst, wie alle Schmeichler, nur die Söhne
21
Des frohen Glücks liebkosend, ach!
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Den Dornenpfühl nicht gern besuchen mag,
23
Zu welchem ihn der Seufzer ruft! –
25
Der Weisheit opfert sie, die ihrem Pflegekinde
26
Die Menschlichkeit in anderm Lichte weis't,
27
Als Weltsinn, dieser arme Blinde,
28
Sie jemals sehen wird, wenn Unglück nicht die Binde
29
Wohlthätig ihm vom Auge reis't.
30
Nach dieser dürstend flieht
31
Mit Ueberdruß des Pantomimenspiels,
32
Die große Welt; vertauscht für eine süße Thräne
33
Des sympathetischen Gefühls
34
Gern alle Lustbarkeit, und flüchtet aus dem Schwarme
35
Dem stillen Tiefsinn in die Arme.
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Getreu, wie fromme Redlichkeit
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Dem in der Schauervollen Stunde
38
Des Todes ihrem Freund mit feyerlichem Eid,
39
Und Hand in Hand beschwornem Bunde,
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Ist sie der selbst gewählten Zeit;
41
Und pünktlicher hält nicht die Zärtlichkeit
42
Der Liebenden die abgeredte Stunde.
43
Da hängt, wenn jeder müde Stern bereits
44
Am Himmel bleicher wird, die Holde
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Der Menschenscheue Geitz.
47
Der Kummer wischet ihr die Rosen,
48
(ein ungetreuer Liebling!) vom Gesicht:
49
Der Jugend Lenz entschleicht der Schlummerlosen
50
Nicht unbemerkt, allein sie achtets nicht!
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Vertauschet gern den Liebreitz dieser Rosen
52
Für eine schöne Seele, gönnt
53
Den Lenz mit allen Grazien
54
Die dann erst froh und selbstzufrieden,
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Wenn ein Verehrer mehr sie eine Göttin nennt,
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Von Menschenschönheit nur den Theil, der ihr beschieden,
57
Nur Farben, Haut und Umriß kennt.
58
Nicht einer den Tribut der Sinnenlust versagen:
59
Mit Blumen fesselt ihr der Leichtsinn und der Scherz
60
Die Seeligkeit der Welt an ihren Siegeswagen.
61
In Wonne schwimmt ihr trunknes Herz,
62
So oft ein Aug' ihr sagt, wie mächtig sie gefalle.
63
Wenn sie, und alle Freudengötter mit,
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Von allen angestaunt in die Versammlung tritt,
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Wie viel bedeutender, als Worte sprechen können,
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Verrathen dann der Wangen hohe Gluth,
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Die gleich der Morgenröthe brennen,
69
Der Feuerblick, der Siegesübermuth,
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Mit welchem, dann umsonst der Lüsternheit verhüllet,
71
Ihr Busen im Triumphe schwillet,
72
Welch seeliges Gefühl der tiefen Huldigung
73
Wenn taumelnd, voll Bewunderung,
74
Die ganze Seel' in einem heissen Blicke
75
Der Jüngling, wie im Boden fest
76
Gewurzelt steht, und staunt, und in der süßen
77
Bezauberung zu ihren Füßen
78
Den goldnen Apfel fallen läßt!
79
Sie lebt allein dem rauschenden Gewühle
80
Der Sinnlichkeit; genießet mit der Welt,
81
Die ihr so reizend dünkt, der sie so wohl gefällt,
82
Die Freuden, die sie hat, Gesellschaft, Tänze, Spiele,
83
Und jede Lust, womit abwechselnder Gefühle
84
Vergnügung sie bezaubert hält.
85
Betrunken von dem Kelch, den ihr die Zauberinnen,
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Die Wollust, und der Leichtsinn reicht,
87
Bemerkt sie nicht, wie schnell sich jeder Tag verschleicht,
88
Der ihr der angenehmste deucht.
89
So täuscht Bewegung unsre Sinnen;
90
Der Bach, in welchem wir den Himmel sehn,
91
Scheint, wie ein Spiegel, still zu stehn,
92
Je schneller seine Wasser rinnen.
93
»sich freuen, ›das ist ihr System,‹
94
Vergnügen, wie man kann, genießen,
95
Und jeden Tag zum wenigsten bequem,
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Wo nicht berauscht von Sinnenlust beschließen;
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Zum Mitgenuß der Freude zwar bereit,
98
Wenn Wonnetrunkne Seelen überfließen,
99
Sein durstig Herz weit offen schließen,
100
Doch die Bezauberung der eignen Seeligkeit
101
Nie durch Gemeinschaft mit den Zähren
102
Der Unglückseeligen zerstören;
103
Und träf uns selbst ein Schmerz, nicht in der Einsamkeit
104
Ihn an der Brust der Ueberlegung nähren;
105
Gedanken fliehn, und durch Vergessenheit
106
Und Leichtsinn sein Gefühl beschwören:«
107
Ein eigensüchtiges zerbrechliches System!
108
Der Unsinn mag ihm Beyfall geben.
109
Indeß wer wünscht nicht angenehm,
110
Der Wunsch ist ein Geboth! zu leben?
111
Nicht gänzlich sich in seinen Busen ziehn,
112
Um keinen Theil an fremdem Gram zu nehmen,
113
Heißt nie so viel, als den Vergnügten fliehn,
114
Um mit Gebeugten sich zu grämen?
115
Genug wird jedermann von eigner Last gedrückt!
116
Der Mensch empfindet, daß er leide.
117
Wie saure Wanderschaft, bevor ein Blümchen, Freude,
118
Des Lebens armer Pilgrim pflückt!
119
Die Ruh ist doch nur Linderung der Qualen,
120
Erhohlungsfrist zu neuen Weh'n:
121
O! zehnmal glücklich, dem die Schaalen
122
Von Freud' und Gram im Gleichgewichte stehn!
123
Und sind wohl gegen eins von tausend Uebeln
124
Die Stärkungsgründe, die wir uns, wie klug
125
Und muthig, wenn wir glücklich sind! ergrübeln,
126
Zwar schmeichelt sich der Mensch, durch Weisheit überwunden
127
Zu haben seinen Schmerz; doch tröpfelte die Zeit,
128
Des Viehes Arzt, ihm in die Wunden
129
Den Balsam der Vergessenheit.
130
Die Weisheit? – heißet sie am gähen Hügel
131
Dem Bach, indem er stürzt, allmächtig stehn,
132
Dem schnellen Strom zurück die Wogen drehn,
133
Erhaschet bändigend den Sturm beym Flügel,
134
Und zähmet die Natur an ihr Gesetz;
135
So mag sie auch den Ausbruch heißer Zähren,
136
Und den Tumult des Bluts bedreun:
138
Sind für das Ohr des Leidenden Geschwätz.
139
Verächtlich mag dem Dünkel weiser Schulen,
140
So oft sie doch mit beyden heimlich buhlen,
141
Vergessenheit und Leichtsinn seyn;
142
Kein schöner Sittenspruch wiegt die Empfindung ein!
143
Zerstreuung ist der Uebergang zum Frieden,
144
Dem erst die Freude folgt; und alle Seeligkeit
145
Des Lebens (viel zu stolzes Wort!) hienieden
146
Keimt endlich aus Vergessenheit.
147
Doch laß es seyn, daß Weisheit stärker mache
148
Auch den, der innig fühlt, und lange denkt;
149
Mit Weisheit ward nicht jeder Mensch beschenkt,
150
Der Frieden mehr bedarf, als Brodt: und für die schwache
151
Die weiche gute Seel', ach! sprich, wo ist
152
Erquickung sonst für sie, als Leichtsinn, der vergißt?
153
Wann wird Empfindsamkeit für aller Menschen Sache
154
Mit Frieden ausgesöhnt? O! undankbare Ruh!
155
Wenn wir von jedem Streiche bluten,
156
Der unsre Brüder trift, wie lieblos fliehest du,
157
Wie einen Thoren, den gequälten Guten,
158
Dem Mitgefühl ans brüderliche Herz
159
Die Schicksal' aller webt, die ihm nur elend dünken,
160
Mit allen zwingt, die bittre Schaale, Schmerz,
161
Bis auf die Hefen auszutrinken!
162
Der Pöbel, den allein sein häuslich Unglück beugt,
163
Lebt ruhiger in seiner engern Sphäre.
164
Nur fühlend für sich selbst wird ihm von keiner Zähre
165
Der Sympathie das Auge feucht.
166
Er weiß die Fäden abzuschneiden,
167
Womit Empfindsamkeit an aller Menschen Leiden
168
Der zärtern Seele Nerven spinnt,
169
Und Uebel erblich macht, die ihr nicht eigen sind.
170
Er fühlet keinen Schmerz, als seiner eignen Glieder,
171
Ihn selbst beseufzt sein ausgestoßnes
172
Der tiefste Seufzer seiner Brüder
173
Hallt nie in seiner tauben Seele nach.
174
Gewohnt, für sich allein zu hoffen und zu zittern,
175
Ist, was ihn selbst nicht trift, zu schwach,
176
Sein Herz von Felsen zu erschüttern.
177
Fast abgesondert von der Welt,
178
Als wenn der Himmel ihn nur sich erschaffen hätte
179
Zum Nebenglied, das an der Wesen Kette
180
Nur eingefügt durch äußerliche Noth,
181
Nur in dem diamantnen Ringe
182
Der zwingenden Bedürfniß' hinge;
183
Nicht Bruder, und nicht Freund, noch minder Patriot;
184
Durch Hofnung oder Furcht, mit keinem warmen Triebe,
185
Verkettet nur, nicht zugethan,
186
Fühlt er mit wenigen, und fühlt nur im Organ
187
Der Selbsucht und der Eigenliebe.
188
Des Guten weiches Herz, das mehr als einer Art
189
Von Wesen inniglich verbrüdert,
190
In tausend Ringe mehr, als jener, eingegliedert,
191
Ein Organon für alle Menschen ward,
192
Schöpft, schon genug gequält von innen,
193
Von außen noch zehn tausend Schmerzen ein,
194
Und häuft durch Einbildung, Erinnerung und Sinnen
195
Den Reichthum eingebohrner Pein.
196
Zu wohlgesinnt, sich abzulösen
197
Von Einem dieser Bande nur,
198
Wird er ein Erb' und Raub des Bösen,
199
Was in dem weiten Umfang der Natur
200
Lebendigen und todten Wesen
201
Izt wiederfährt, und jemals wiederfuhr.
202
Und wenn noch hier die Gränze seiner Sphäre,
203
Des Mitgefühls, und seines Leidens wäre!
204
Ach! das so gar, was nur geschehen kann,
205
Ein Traum, dem Leib und Daseyn fehlen,
206
Gedanken nehmen Körper an,
207
Ihn, welcher sie erschuf, zu quälen.
208
Wie schreyt ein Laut der Angst, der deine Nerven trift,
209
Die bange Seele durch! Von Einem Tropfen Gift
210
Wird so die ganze Menschheit aufgerühret!
211
Zieht nicht des Philoctetes Schmerz
212
Ein schneidend Schwerdt durch deine Glieder?
213
Dein zehnfach wiederhallend Herz
214
Giebt o wie tiefe Seufzer wieder
215
Für jeden Laut so gar, den einer unsrer Brüder
216
Mit nachgeäftem Gram von kalten Lippen haucht,
217
Wenn er dein Bislein Brod zu seinem Schmause braucht.
218
Und hat wohl Ruhe statt, wenn äffender Gebärden
219
Und Blicke Pantomimenspiel
220
Bey dir zu wahren Leiden werden,
221
So bald es ein Betrüger will?
222
Wenn in zerrißnem Tuch sich bis zur Erde bückend
223
Der Heuchler unverschämt mit deiner Güte spielt,
224
Und tief des Mittleids Dolch in deine Seele drückend
225
Durch seine Seufzer dich bestiehlt?
226
Wenn dein bestochnes Herz mit Klopfen
227
Dir Einbildung für Wahrheit unterschiebt,
228
Und für den kalten Wassertropfen
229
Ihm heisse Zähren wieder giebt?
230
Wenn den von dir bedaurten Armen,
231
Den Blutsfreundschaft an jene Hand verweis't,
232
Die, Raben sättigend, durch menschliches Erbarmen
233
Allgütig auch den Bösen speis't;
234
Wenn diesen dich, sein ganzes Elend fühlend,
235
Im Kittel, den der Nordwind, höhnisch spielend,
236
Grausamer Hohn! noch mehr zerreißt,
237
So abgestorben allen Freuden
238
Des Lebens, durch die lange Reihe seiner Leiden
239
Die Phantasie begleiten heißt:
240
Wenn sie mit ihm am Tisch, der frohe Prasser weidet,
241
Den Abfall, den der Hund nicht fressen will, beneidet;
242
Hier fortgestossen wird, und dort bedroht
243
Von Marmorstuffen, die nur Glückliche betreten,
244
Vom ehrnen Thor des Geitzigen, dem Bethen
245
Zu wenig dünkt für eine Rinde Brodt:
246
Wenn sie zu seinem Winkel ihn begleitet,
247
Wo die nachläßge Hand der rauhen Dürftigkeit
248
Aus Stroh, das auch dem Vieh ein Wärter unterstreut,
249
Sein Lager auf der Erde zubereitet,
250
Und da den Seufzer hört, wie brünstig er den Schlaf
251
Herunter ruft; umsonst! er flieh't die Augenlieder
252
Des Seufzenden, den harte Prüfung traf,
253
So lieblos, wie die Menschen, seine Brüder!
254
Wenn warme Phantasie dich durch die ganze Länge
255
Von diesen Uebeln führt, o welch ein wilder Schmerz
256
Des Mitgefühls schlägt seine Geyerfänge,
257
Und oft für wen? Das Aeussre täuscht so leicht! –
258
Der Kittel hilft der falschen Thräne lügen,
259
Wodurch muthwillge Noth Barmherzigkeit erschleicht,
260
Die kluge Sparsamkeit um Gaben zu betrügen.
261
Ein nasses Aug', ein flehendes Gesicht,
262
Ein frommer Blick zum Himmel und zur Erde,
263
Was Thrän' und Kummer scheint, ist Wasser und Gebärde,
264
Wodurch ein Sycophant dein weiches Herz besticht,
265
Damit dein Fleiß ihm zinsbar werde:
266
Denn graben mag er nicht!
267
Der Bettler selbst, der an dem Wanderstabe
268
So tief gebeugt auf deine Schwelle trat,
270
Wie inniglich! um eine milde Gabe,
271
Er hüllte sich in dies zerrissne Tuch,
272
(einst ein Begüterter, auf dessen Uebermuthe
273
Schon längst zuerst des frommen Vaters Fluch,
274
Und dann beraubter Waisen ruhte!)
275
Und nahm, von der Gerechtigkeit verbannt,
276
Den Stab des Bettlers in die Hand,
277
Durch Seufzer nun der Menschlichkeit zu rauben,
278
Was er vorhin dem leicht erschlichnen Glauben
279
Des Redlichen durch falschen Schwur entwand.
280
Das Wasser täuschet dich, was dem Verbrecher
281
Die hohle Wange niedertroff!
282
Er weinte nicht, wenn er aus goldnem Becher
283
Betrogner Wittwen Thränen soff!
284
Wenn seiner pflegbefohlnen Waisen
285
Beraubte Morgengift der Bösewicht
286
Am Busen der Glyceren, und in Schmäusen
287
Verprassete, da weint er nicht!
288
Wenn er in seinem Park dem matten
289
Erschöpften Ackersmann auf seiner Rasenbank
290
Den kühlen Sitz, des Baumes Schatten,
291
Den Bach misgönnend, den er trank,
292
Sein saurerworbnes Mittagsmahl zu essen
293
Verboth, und – o! wer kann die schwarze That vergessen! –
294
Mit Schadenfreud' im höhnenden Gesicht
295
Die Hunde kommen ließ, des Armen Brodt zu fressen,
296
Der Eiserne, da weint er nicht!
297
Die Armuth bändigte vielleicht den Bösewicht?
298
Doch die Natur wird nicht so leicht besieget!
299
Du traust der Schmeicheley des Tigers nicht,
300
So still er an der Kette lieget,
301
Und dem zu danken scheint, der seinen Hunger pflegt.
302
Die Noth verändert oft nichts mehr, als Kleid und Minen!
303
Bedarf, wer böse war, um Mittleid zu verdienen,
304
Nur ein zerriss'nes Tuch, das seine Fersen schlägt?
305
Noch immer ist die List, den Menschen zu berauben
306
Des Müssiggängers Kunst, wodurch er sich versorgt:
307
Gleichgültig, ob er dich um Mitleid oder Glauben
308
Betrügend, bettelt oder borgt;
309
Nur daß vorhin ein Stern vielleicht das Mittel
310
Des größern Diebstals war, als izt der Kittel.
311
Durch diesen lügt er sich in dein Erbarmen ein,
312
Damit dein mildes Herz die Wittwe und die Waise
313
Mit ihrem Plünderer an einem Tische speise.
314
O! wäre nur kein Rabenstein,
315
Nie würd' er diesen Kittel wählen!
316
Für Demuth, die ihn izt so tief zur Erden krümmt,
317
Dich ungeahndet zu bestehlen,
318
Ergriff' er dann den Dolch, und würde dir befehlen,
319
Zu geben, was er nun durch einen Seufzer nimmt!
320
Doch wohlzuthun gebeut die erste unsrer Pflichten;
321
Und weh dem Dürftigen, der unserer bedarf,
322
Wenn schlauer Eigennutz, berechtigt, erst zu richten,
323
Bevor er giebt, um ihren Opferscharf
324
Die Bruderliebe zu betrügen,
325
Nur heuchlerisch aus gern geglaubten Lügen
326
Entschuldigung erschleichen darf!
327
Nur Ihm, aus dessen Hand sich alle Wesen nähren,
328
Der auch die unsichtbaren Zähren
329
Der Seele rinnen hört, wovon kein Auge feucht
330
Geworden: Ihm, dem kein Gedank' entschleicht,
331
Gebührt das Herz des Bittenden zu richten,
332
Dem meine Hand die Gabe reicht.
333
Allein, die weiche Menschenliebe,
334
Mehr, als dein Bruder will, und mehr, als ihm gebührt.
335
Ein tiefrer Gram macht deine Seele trübe,
336
Als selbst den Armen drückt, der deine Schwelle tritt.
337
Sein Seufzer fodert doch nur Gaben;
338
Du giebst ihm mehr, als er begehrt zu haben,
339
Giebst, was er nicht bedarf, ihm deine Ruhe mit,
340
Und weinst umsonst für ihn die ungenoßnen Thränen!
341
Doch sind noch Leidende durch engre Sympathie
342
Dir inniger verbrüdert, denen
343
Dein ganzer Reichthum nichts zu geben hat, als sie!
344
Ach! hast du die Erquickung je genossen,
345
Wenn tiefe Wehmuth ausgegossen
346
Auf einer Freundin Busen rann,
347
Die mit zerschmolznem ofnem Herzen
348
Mit dir empfinden jeden deiner Schmerzen,
349
Und jede deiner Zähren weinen kann?
350
Erinnre dich der Wonne, wenn du leidend
351
Von ihrem weichen Arm umwunden lagst,
352
Und dich in Wollustvoller Schwermuth weidend
353
Mit ihr in Seufzern sprachst,
354
Erinnre dich, empfindende
355
Und schätze dann den Werth von einer Thräne!
356
Der Reichthum gebe, was er hat:
357
Arm ist der Reichthum, arm das stolze Glücke,
358
Wenn es nur Gold zu geben hat,
359
Und weiset unbefriediget zurücke
360
Den Armen, der um eine Thräne bat.
361
Nicht jeder bittet dich um eine milde Gabe,
362
Der arm, oft o wie arm ist! Nein!
364
Ein wenig Brodt kann dieses Labsal seyn.
365
Ein wenig Brodt versagen, nennet Sünde
366
Auch der noch, welcher hart für dich
367
Das warme Herz nicht hat, das gleich mit dir empfinde,
368
Und keine Thränen, als für sich.
369
Wo ist er, ach! der, gleich mit mir gestimmet,
370
Mich mit der ganzen Seele liebt,
371
Und wenn mein Aug' in heissen Zähren schwimmet,
372
Mir jede heißer wiedergiebt!