7
Heil dir, du kleines Dorf! – Zwar schlechte Hütten nur
8
Beschatten hie und da die angenehme Flur,
9
Von altem Moose grau, mit Rebenlaub umwunden,
10
In Büschen halb versteckt, still, wie die Abendstunden,
11
Einfältig, wie die Treu, von Menschen leer, allein,
12
Vergessen von der Welt, – wie ich gewünscht zu seyn.
13
Zwar steiget hier kein Thurm, begaft von blödem Volke,
14
Verwegen Himmel an, und trägt die dunkle Wolke;
15
Kein marmorner Pallast, von dem am hohen Tag
16
Auf langen Gassen noch der kalte Schatten lag,
17
Sieht über andre hin, und zeiget auf Corniesen,
18
Umsonst! der Nachbarschaft zu klein gehaune Riesen.
19
Kein strebender Alcid trägt hier ein Thor, und fasst
20
Mit nervenvollem Arm des Bogens schöne Last;
21
Allein, gewährte mir der Himmel eine Bitte,
22
Wie froh vergäss ich ihn, und wählte jene Hütte!
23
In jener Dunkelheit, von Bäumen eingehüllt,
24
Dort, wo der Anger sanft zum kleinen Hügel schwillt,
25
Am spiegelklaren Bach, in dem des Ufers Höhen
26
Die über ihren Hang gelehnte Eiche sehen,
27
Beschaut sie hier das Feld, und dort den schönen Bach;
28
Die Wände schlechter Thon, bemoostes Stroh ihr Dach,
29
Vom nachbarlichen Grund durch Weiden abgeschieden,
30
Vergnügen innerhalb, und rings umher der Frieden.
31
Nur unterbricht das Lied der süssen Nachtigall,
32
Und von der Weide her ein froher Wiederhall,
33
Der West, den, wenn er laut durch rege Büsche spielet,
34
In jedem Blatt beseelt, die ganze Eiche fühlet,
35
Der Schwalbe froh Geschwätz vom Moos bewachsnen Dach,
36
Der dunkel murmelnde vorbey gegossne Bach,
37
Und bald des Hirten Lied, und bald des Viehs Gebrülle,
38
[o ländliche Musik!] die angenehme Stille!
39
Ein schlankes Immergrün, geleitet von der Hand
40
Des Landmanns, schlinget sich beschattend um die Wand,
41
Bebt um die Fenster her, und kühlt die heissen Lüfte,
42
Und vor der Schwelle haucht das Veilchen süsse Düfte.
43
O! unverdorbene, o reizende Natur,
44
Der Ort, der dich nicht hat, bedarf der Künste nur!
45
Auch die Zufriedenheit, hasst, so wie du, Gepränge,
46
Wählt für den Schimmer Ruh, und Stille für Gedränge.
47
Der Philomele gleich, die, durch Gewühl verjagt,
48
Einsame Büsche sucht, und ödern Fluren klagt,
49
Entweicht sie dem Geräusch um prangende Gebäude,
50
Wo aussen Schimmer herscht, und innen Lerm für Freude.
51
Der schlechten Geldsucht feind, und eitler Ruhmbegier,
52
Geht sie der Einfalt nach, und findet Ruh bey ihr;
53
Besucht, dem Landmann gleich, die Schatten seiner Wälder,
54
Bepflügt mit ihm sein Land, und mäht mit ihm die Felder;
55
Theilt Arbeit, und Genuss, wie Lust und Ungemach,
56
Vergiesset Schweiss mit ihm, und schläft bey ihm am Bach.
57
Der abgedankte Knecht der Schwelgerey, der reiche
58
Unglückliche, erschöpft, des weiten Pallasts Leiche,
59
Der jetzt den siechen Leib, im Alter seine Last,
60
Auf Stützen mühsam schleppt, und seine Jugend hasst,
61
Mag satt am vollen Tisch, und freudenleer bey Freude,
62
Und durstig unterm Wein, und schlummerlos auf Seide,
63
Im ungeniessbaren, verwünschten Ueberfluss,
64
Ein immer lüsterner, und ekler Tantalus,
65
Der Sonne ungesehn, in seinem Schatz begraben,
66
Mit allem überhäuft, vergeblich alles haben!
67
Bey jenem kehrt Genuss bey frommer Armuth ein,
68
Der Reichthum ohne Gold, und Freuden ohne Wein,
69
O dreymal glückliche Bewohner solcher Hütten!
70
Was lässt der Himmel euch verwünschen oder bitten?
71
Was oft dem König fehlt, was Städter selten sehn,
72
Die süße Freyheit, Erd und Himmel find hier schön.
73
Es lacht rings um euch her die Freude aus den Wäldern,
74
Die Ruh vom kühlen Bach, der Seegen von den Feldern:
75
An Wonne unerschöpft, an tausend Schätzen reich,
76
Ist Frühling, Sommer, Herbst, ist ganz das Jahr für euch!
77
Zum Lohn für eure Müh, zur Lust bey der Beschwerde,
78
Schmückt und bereichert sich die mütterliche Erde.
79
Der Hunger, den kein Koch, der Schlummer, den kein Geld,
80
Gesundheit, die kein Arzt, und Ruh, die keine Welt,
81
Die Ruhe ohne Neid, die selbst nicht Kronen geben,
82
Das unschätzbare Gut, das Glück, das wahre Leben,
83
Die alle giebet euch eur Stand, und Fleiss er schafft,
84
Verdienet, würzt eur Mahl, und giebt ihm seine Kraft.
85
Wenn noch geschwellt vom Schnee, den heitre Sonnen schmelzen,
86
Durchs Thal die Bäche sich, so voll, wie Flüsse, wälzen,
87
Bevor, vom öftern Hauch des Ostes eingezwängt,
88
Der ungeborne Flor die schwangre Knospe sprengt,
89
Treibt, wenn die Sonne kömt, wenn rund umher die Höhen
90
Und Büsche, weiss von Reif, durch dünne Nebel sehen,
91
Im kalten Morgenwind der Landmann seine Schaar,
92
Schweiss rinnt von seiner Stirn, und Eis hängt ihm im Haar. –
93
Die Sonne gehet auf; die Nebel sinken nieder,
94
Der Hügel steigt hervor, die Welt erscheint ihm wieder.
95
Bald aber lässt ihr Strahl den Schoos der starren Flur,
96
Und weckt die Zeugungskraft der wirksamen Natur:
97
Dann schwillt der Acker auf, dann wickeln Büsch und Wälder
98
Die jungen Schatten aus, und Grün bedeckt die Felder:
99
Bis, tief im schönen Jahr, der heisse Südwind keicht,
100
Das Blatt sich tiefer färbt, die volle Aehre bleicht;
101
Und dann ist weit umher – welch eine Augenweide!
102
Wohin der Blick nur fällt, nur Himmel und Getraide,
103
Und Hecken sehn daraus, wie Inseln aus dem Meer,
104
Und Weste jagen drauf die Wellen vor sich her.
111
So folgt hier Müh auf Müh; jedoch belohnte Mühe,
112
Vom Lenz zum Winter fort, belohnte süsse Mühe!
113
Die Sonne gehe auf, sie senke sich ins Meer,
114
Nie ist er Arbeitslos – und niemals Freudenleer.
115
Am Abend werden ihn der Seinigen Verlangen,
116
Der Hunger an dem Tisch, der Schlaf auf Streu empfangen.
117
Mit keinem Saft des Mohns erkünstelt er sich Ruh,
118
Sie überschleicht ihn selbst, sein Auge fällt ihm zu:
119
Der balsamreiche Schlaf, ihn wieder zu verjüngen,
120
Regt säuselnd über ihm die schwanenweichen Schwingen.
121
Kein schwarzes Bild der Nacht, das Kind der Phantasey,
122
Empfangen von der Schuld, gesäuget von der Reu;
123
Kein Traum, der Grosse quält, von Rechten, die verachtet,
124
Von Ländern, die verprasst, von Menschen, die geschlachtet,
125
Und Wittwen, die gedrückt, Weh über Unrecht schreyn,
126
Spricht bey den Dürftigen, in kleinen Hütten, ein.
127
Die Sorge, die sich leis' ins Schloss der Fürsten schleichet,
128
Und oft den Schlaf vom Aug' auch eines
129
Was den verfallnen Geiz, und was die Ehrsucht quält,
130
Das Gold, worauf er liegt, der Orden, der ihr fehlt,
131
Besorgniss, Hofnungen, Gram, Neid, Gewissenszweifel,
132
Der Höllen ganzes Heer, die innerlichen Teufel,
133
Mit jedem Sträflichen, durch ein gleich enges Band,
134
Wie Ruh und Tugenden, der Fromm' und Gott verwand,
135
Die alle führt mit sich, so bald die goldne Röthe
136
Am Horizont verblasst, der Abend in die Städte.
137
Dort äffen sie im Slaf die Thaten, die der Tag
138
Gesehn, und nicht gesehn, – so gar Gedanken nach.
139
Dort, im bewachten Saal, wo der gekrönte Würger
140
Auf weichen Rosen liegt, weint der bedrängte Bürger:
141
Und Gräber senden ihm, wenn Menschen um ihn her
142
Stumm, oder Schmeichler sind, ernsthaftre Prediger.
143
Auf Eidern wälzt sich dort, durch lange grause Nächte,
144
Gefoltert von sich selbst, der grosse Ungerechte.
145
Angst stürmt in seiner Brust, um ihn verbreitet sich
146
Die ernste Mitternacht, todt, schaurvoll, fürchterlich.
147
Da kennt er sich erst selbst, des Heiligen Verächter,
148
Der Waisen Plünderer, den Schänder keuscher Töchter,
149
Der durch Betrug und Raub sich Fluch und Schätze häuft,
150
Der Armen Schweiss verschwelgt, der Wittwen Thränen säuft;
151
Und was nur Frevler quält, belagert seine Schwelle:
152
Sein Pfühl ein Folterbett, sein Pallast eine Hölle!
153
Er bebt, er windet sich, sein Herz fliegt, kalter Sekweiss
154
Quillt aus der blassen Stirn. – Indessen schläft ein Greis,
155
Vom seligen Gefühl der Unschuld eingewieget,
156
Geruhig, ob er gleich auf blosser Erde lieget,
157
Und sicher legt der Hirt auf einen nackten Stein
158
Sein Haupt, und schläft im Thal sanft unter Beten ein.
159
O beste Trösterin, Unsträflichkeit der Sitten!
160
Wie wohl verwandelst du in Schlösser arme Hütten!
161
Wenn in den Wassertrunk, der unsern Durst erfrischt,
162
Sich keines Armen Schweiss, und keine Thräne mischt;
163
Wenn für genugsam Brodt, der Erd und Gottes Gaben,
164
Die Erde und ihr Gott, nur Dank und Pflege haben;
165
Wenn wir, durch Stroh geschützt, für Regen, Frost und Wind,
166
Und durch Leutseligkeit, für Menschen sicher sind;
167
Im guten Glück nicht stolz, im widrigen gelassen,
168
Den Tod nicht weichlich scheun, noch feig das Leben hassen! –
169
Und diese Trösterin – wofern sie ein Revier,
170
Vor tausenden bewohnt – wo wohnt sie sonst, als hier?
171
Hier, im vergessnen Dorf, wo einer so viel Gaben
172
Des Glücks, als andere, und alle wenig haben.
173
Nie sät hier Momus das, warum die eine Welt
174
Die andre öde macht, der Zwietracht Saamen, Geld.
175
Kein Reichthum zeugt hier Stolz, kein Stolz erweckt zum Neide,
176
Kein Neid zum Menschenhass, kein Hass zu böser Freude.
177
Er flösst den Seelen nicht im schwelgerischen Wein
178
Durst nach des andern Gold, und endlich Blutdurst ein.
179
Die Armuth, oft ein Schutz und Zaum der Tugendhaften,
180
Verwahrt das fromme Herz für starke Leidenschaften.
181
Des Landmanns reines Blut hält immer einen Lauf,
182
Erstarret nie vor Furcht, kocht nie vom Jachzorn auf.
183
Ihn pflegt nicht Müssiggang, er trinkt nicht aus den Brüsten
184
Der weichen Schwelgerey die heisse Brunst in Lüsten.
185
Der allersüsseste der Triebe der Natur,
186
Das menschlichste Gefühl, die Lieb', erwärmt ihn nur;
187
Wenn gleiche Zärtlichkeit, gleich frey, gleich angeerbet,
188
Wo Lycidas erscheint, der Phillis Wange färbet.
189
Die graue Mutter siehts, schliesst, segnet ihre Eh,
190
Und druckt des Mädchens Hand sanft in die seinige.
191
Kein Hymen schmiedet hier aus Golde seine Kette,
192
Und reisst die blasse Braut in ein verwünschtes Bette:
193
Kein Vater wuchert hier mit Töchtern, und das Band
194
Der Ehrsucht fesselt nie die ungegebne Hand.
195
Kein schnöder Kuss entweiht die Liebe: kein Verräther
196
Stösst einen Dolch ins Herz der Männer, und der Väter,
197
Drückt Schand auf einen Stamm, entzweyt ein glücklich Haus,
198
Und löscht, vielleicht in Blut, die Fackel Hymens aus:
199
Kein Lovelace missbraucht in fürchterlichen Schwüren
200
Den Namen Gottes, um die Unschuld zu verführen;
201
Entweiht das Lieblingskind, das er der Mutter nahm,
202
Und freuet sich des Siegs. Gequält von Reu, und Schaam,
203
Sitzt die Verlassene, und Ströme Thränen fliessen
204
Auf den verwelkten Kranz, [er liegt zu ihren Füssen]
205
Sinnt, jammert, seufzt um ihn. – Doch er lässt sie der Schmach,
206
Die Leidende, und flieht – Fluch jägt dir, Mörder, nach!
207
Zwar ist das Land, wo nur der beste der Gewinnste
208
Ein Kranz von Aehren ist, kein Boden für die Künste.
209
Die Sonne, welche ihr belebendes Gesicht
210
Auf diese Felder kehrt, ist ihre Sonne nicht.
211
Im güldnen Strahl des Hofs, gepflegt von stolzer Güte,
212
Und milder Eitelkeit, entfalten sie die Blüte.
213
Hier steht kein Flaccus auf, erwecket vom Mäcen,
214
Und singt uns Tugenden – und mahlt uns Laster schön:
215
Kein Angelo erwärmt die Seele hier durch Minen
216
Der Andacht – und das Blut durch Reize nackter Phrynen;
217
Kein Hasse steht hier auf, der Zaubersaiten schlägt,
218
Entzückt – und weichliche Empfindungen erregt;
219
Hier schafft kein Phidias aus Felsen, oder Eichen
220
Den Zevs, der Blitze trägt – zum Untergang der Reichen;
221
Kein künstlicher Vitruv thürmt hier sein Schloss aus Stein
222
Von Paros auf – und prägt Bewundrern Hochmuth ein.
223
Doch, Armuth! wenn von dir die Künste sich entfernen,
224
So fehlt dir nur Gefahr, die Ueppigkeit zu lernen!
225
Dies schwesterliche Chor füllt ein wollüstig Land
226
Mit schönen Thorheiten, und königlichem Tand;
227
Verkleidet unter Pracht die innerliche Blösse,
228
Und täuschet den Begriff von Kleinheit oder Grösse.
229
Verachtung höhnt durch sie der Tugend Hütten an;
230
Im Pallast wohnt da nur des Pöbels grosser Mann.
231
Dem dienet jede Kunst, den sichern seine Schätze,
232
So oft er Waisen drückt, für Schand und für Gesetze.
233
Sein Nachbar ahmt ihm nach – dem Neid ist nichts zu schwer! –
234
Er scharrt, saugt Wittwen aus, raubt, und wird gross, wie er.
235
O Zeit der Redlichkeit und Einfalt, bessrer Sitten!
236
Als Helden pflügeten, die für die Freyheit stritten;
237
Als man für Brodt und Ruh – des Lebens bestes Gut! –
238
Der Erde Schweiss bezahlt', und seinem Lande Blut;
239
Als Consuls ihre Hand, in ungestümen Tagen,
240
Am Pfluge härteten, und lernten, Frost ertragen;
241
Als – o! der güldnen Zeit, die Curier gebahr! –
242
Der Name, Ackermann, ein Ehrennamen war;
243
Als Regulus, Valer und Cincinnatus trieben,
245
Wo bist du, beste Zeit! wo bist du? – blieb von dir
246
Der Erde noch ein Theil, so find ich ihn nur hier!
247
In diesen Hütten nur, wo graue Männer sterben,
248
Und Stärke, Einfalt, Muth auf ihre Kinder erben;
249
Wo, rauher von Natur, die Erde minder blüht,
250
Und harte Jünglinge und starke Eichen zieht.
251
Die Stadt giebt ihre Ruh Gedungnen zu verfechten,
252
Ihr Wohl den Fremdlingen, und ihre Felder Knechten.
253
Die Erde rächt den Schimpf; sie giebt für schweres Korn
254
Dem Städter Spreu zurück, und trägt für Aehren Dorn.
255
Wie würde doch, noch warm vom Busen der Themiren,
256
Die weiche Hand Adons das Schwerdt des Krieges führen?
257
Wie wär er stark genug, den Pflug durchs Land zu ziehn?
258
Ein Hauch, ein Thau, ein Strahl der Sonne tödtet ihn.
259
Und doch verachtet er den Landmann! – Froh, gelassen,
260
Vergiesst der Schweiss, und darbt: die Müssiggänger prassen.
261
Er darbt? – Im Ueberfluss, den seine Händ erwarben,
262
Wofür er Schweiss vergiesst, o Schicksal! muss er darben?
263
Der Städter nennt es so. Ihm, der den Spruch nicht fasst,
264
Reich seyn, heisst gnügsam seyn, ihm darbet, wer nicht prasst.
265
Wie selig lebt indess, von seiner Welt geschieden,
266
Vergnügt mit seinem Stand, mit der Natur zufrieden,
267
Getränkt vom reinen Bach, genährt von seiner Saat,
268
Der fromme Mann, der nichts begehrt, als was er hat!
269
Er kennt die Güter nicht, die andre Länder nähren,
270
Fühlt kein Bedürfniss mehr, und weiss nicht zu begehren,
271
Lässt, was der Geiz umsonst, der Stolz zur Straf erhält,
272
Den Crassus ihren Schatz, den Cäsars ihre Welt,
273
Und denkt im kühlen Busch, an Quellen heitrer Wasser
274
Nicht an des Fürsten Schloss, nicht an den Kelch der Prasser.
275
Sein frohes Leben fliesst geschäftig Sorgen leer,
276
Wie über Veilchen hin die Quelle bebt, daher. –