Von Ungeduld gespornt, durchstrichen wir die Felder

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Johann Jakob Dusch: Von Ungeduld gespornt, durchstrichen wir die Felder Titel entspricht 1. Vers(1756)

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Von Ungeduld gespornt, durchstrichen wir die Felder,
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Und hinter uns entflohn in Schatten Höhn, und Wälder,
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Ach! meinem Wunsch zu langsam! mit Sehnsucht maß mein Blick
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Die Fernen vor sich über, und schaute oft zurück.
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Ihr Götter! hätte mich
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Der Vogel
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Ja wär ich selbst den Flügeln des Blitzes gleich geflohn:
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So kam mein Herz doch früher, und meldete mich schon!
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Jetzt zeigte sich die Stadt: im Kranze blauer Hügel
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Stand manche Zinn empor; der Anblick gab dem Flügel
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Die ersten Kräfte wieder: da liegt der schönste Ort
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Der Erden! rief ich feurig: und riß mich schneller fort.
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So zieht ein mächtger Strom, der zum Gestade schießet,
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Des Meeres Fläche theilt, und sich ins Land ergießet,
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Von fern her einen Nachen, der, wenn er ihn ergreift,
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Geflügelter zum Hafen auf seinen Wogen läuft.
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Die Wälder wuchsen nun, so wie wir näher gingen;
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Die Schatten schwärzten sich, die von den Hügeln hingen;
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Schon hob sich aus dem Chaos der Göttinn heiligs Haus,
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Und breitete dem Auge die stolzen Flügel aus.
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Die Gegend, die entfernt, nicht gänzlich ausgewischet,
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Ihr Mannigfaltiges in Blau zusammenmischet,
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Fiel nun in mehr Gestalten und Farben ins Gesicht;
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Hier kam ein tiefrer Schatten, und dort ein hellers Licht.
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Nun war der Schauplatz hell. Wie sah ich mit Vergnügen
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Ihr Götter! wie verändert! es war nicht mehr das Thal,
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Das ich verlassen hatte, das öde, finstre Thal!
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Hier stieg der Buchwald auf, dort schlung um grüne Hügel
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Die Wonne, die Entzückung, die ich vordem nicht sah,
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Der Himmel, der verschwunden, war jetzo wieder da!
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Die Rosen glüheten an schattigen Gestaden,
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Und schienen selbst die Hand der Schönen einzuladen.
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Jetzt überstreute Flora, aus einer mildern Hand,
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Mit mehr, als tausend Farben, das aufgeblühte Land:
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Hier gab sie, trotz der Kunst, die stolzen Königinnen
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Mit Gold und Perlen schmückt, den Putz für Schäferinnen,
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Für deren Stirn die Myrthen, und junge Veilchen blühn,
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Der May sein Blümchen schaffet, und volle Rosen glühn.
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Der Westwind gaukelte, und wälzete die Düfte,
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Der blühenden Natur, wie Wolken durch die Lüfte
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Nichts fehlte, als
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Hätt ich die frohe Gegend
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Ein seliges Gefild, ein Reich der Tugendhaften,
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Das zur Glückseligkeit die Götter selbst erschafften.
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Der heilge Wald
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Ehrwürdge, greise Eichen ihr Glück verkündigen,
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Rauscht denen nicht so sanft, die dort ihr Schicksal suchen,
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Entzückungen herab, als mir der Wald von Buchen!
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Hier irrte durch die Blumen, und Büsche, Paar bey Paar;
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Die Freude auf den Wangen; gleich der beglückten Schaar,
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Die ruhig, voll Gefühl, wie edel sie gehandelt,
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Nun in
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Hier sah ich einen Schäfer, der seine Braut umfing,
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Bedeckt von einer Buche, die tiefer niederhing;
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Jetzt flocht er einen Kranz von Rosen, und von Myrthen
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Um ihre schöne Stirn, die Locken aufzugürten;
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Jetzt riß, bey einem Kusse, den sie ihm wilder gab,
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Die Locke aus dem Gürtel, und fiel mit Stolz herab.
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Hier floh ein loses Kind zum Schatten einer Buchen,
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Und schaute lächelnd um, und stand, und ließ sich suchen.
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Wie ängstlich sucht ihr Schäfer! wie gern sieht sie die Pein!
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Nun rauscht sie in den Büschen, und will gefunden seyn:
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Nun fliegt er auf sie zu, und rächet sein Verlangen,
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Und schlingt die Arm um sie, und küßt die frischen Wangen.
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Voll Feuer, und Empfindung, sah ich ihr süßes Spiel,
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Und keine Misgunst mischte Verdruß in mein Gefühl;
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Ach! sagt ich, siehe, Freund! so schön, so ganz empfunden,
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Verfließen Zärtlichen der Jugend heitre Stunden!
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Beglückte, frohe Schäfer! für euch schafft die Natur
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Die Rosen auf den Wangen, die Rosen auf der Flur!
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Die Götter, denen wir den Himmel oft beneiden,
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Verlassen den Olymp, und suchen eure Freuden:
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Doch bald, ja bald, ihr Schäfer! umarmt
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Und dann, o! dann wird keiner so glücklich seyn, als ich!
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Wie will ich sie noch oft, an meine Brust gerissen,
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Hier drücken, wo ihr scherzt, und satt, recht satt mich küssen!
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Satt sagt ich? – welche Menge ersättigt die Begier?
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Nein, tausend, tausend Küsse,
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Und fodre immer mehr, bis hier, auf allen Sträuchen,
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Die Blätter nicht an Zahl der Zahl der Küsse gleichen!
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Nun sehen wir den Tempel, und eine Welt umher:
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So wallt um eine Insel, zur Zeit der Fluth, das Meer.
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Ein Strom drang erst dahin, ein andrer floß zurücke,
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Und Hoffnung, oder Ruh bezeichnete die Blicke.
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In diesem kam
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Riß plötzlich mich zurücke, und rief: Freund, siehe da!
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Siehst du den Fremdling dort zwo junge Schönen führen?
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Siehst du
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An der geheimen Sorge auf ihrem Angesicht,
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An diesem blöden Auge, das stilles Leiden spricht,
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Erkenne deine Braut! Und siehest du auch jene,
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Die ihr zur Seiten scherzt? die ist
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Schau ihre Stirn, wie heiter! ihr Auge, wie vergnügt!
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Sieh, wie sie leicht dahergeht, und wie die Locke fliegt!
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Ich kenne meine Braut! rief ich; ach! mein Entzücken
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Drückt keine Sprache aus; lies es aus meinen Blicken!
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Komm mit mir, eile, fliege, misgönne dem Geschick,
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Das unser Herz zerrissen, den kleinsten Augenblick!
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O! Liebe, halt sie dort, daß sich ihr Fuß verweile,
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Und mich beflügele, damit ich sie ereile!
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Ihr Götter! welche Freude, wenn sie mich nicht erblickt,
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Dann plötzlich vor sich siehet, und angenehm erschrickt,
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Ach! oder sieht sie mich, wenn sie mit heißen Wangen,
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Mit offnen Armen eilt, mich zärtlich zu umfangen!
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Wir flohn; so flog der
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Von Zärtlichkeit beflügelt, der Fuß
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Der Boden fühlet kaum, daß ihn die Sohle drücke,
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Sein Haar strömt wild empor, die Erde rollt zurücke.
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Nun näher, und nun immer; und nun, nun streckt er sich,
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Die Nymphe zu ergreifen – nicht so beglückt, als ich!
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Der Gott ereilte sie, sie ewig zu verlieren:
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Ich aber kam, umfing, und küssete
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In dem den Göttersprüchen geweihten, dunklen Hain,
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Erfuhr ich mein Geschicke, holt ich
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Ach! itzo durfte mir nichts sein Orakel sagen!
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Ihr Auge konnt ich hier, statt dich, o! Göttinn, fragen!
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Welch Roth stieg ins Gesicht, indem ich näher trete!
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So glüht die Rose nicht, so nicht die Morgenröthe:
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Ach! seufzte sie, und flohe zu mir, so schnell, wie ich;
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Ich schlung um sie die Arme, und sie die Händ um mich,
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Und Mund auf Mund gepflanzt, und Herz an Herz geschlossen,
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Stumm, eingewurzelt, starr, in einem Kuß zerflossen,
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In einen Leib geschlungen, den einerley Begier,
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Den nur ein Geist beseelte, wie Bilder, standen wir.
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Itzt faß ich ihre Hand, und trete matt zurücke,
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Und schweige immer noch, und hang an ihrem Blicke.
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Nun seufz ich: ach,
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Der meinen zu vergleichen? nein, keine Marter, nein!
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Es sey denn diese Qual, die nicht die Unschuld kennet,
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Die Flamme, die allein den Lasterhaften brennet.
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Nun aber, ach
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Wer ist so froh, so zärtlich, so glücklich, als
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Zwar
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Muß, um mir schön zu seyn, durch dich verschönert werden.
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Du hast nicht mehr empfunden, als ich um dich empfand,
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Als, auf
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Die doch noch menschlicher, als diese Freundinn, waren,
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(denn Geld, das Sklaven zwinget und meine Räuber zwung,
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Erpreßte das Bekenntniß, daß sie
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Als diese, die kein Flehn, kein Schrecken im Gewissen.
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So viel gewann, als Geld, mich deinem Arm entrissen!
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Doch komm mit mir zum Tempel; der erste Augenblick
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Vereinige auf ewig, auf ewig unser Glück!
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Ach komm! der Altar soll von unsern Opfern rauchen,
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Und heilger Weihrauch erst der Göttinn Düfte hauchen.
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Dann kehren wir zurücke, und dann ergießt mein Schmerz
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Sich frey in deinen Busen, und deiner in mein Herz.
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Dann schwatzen wir uns satt; dann sollen in Vergnügen
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Und Liebe, Tage uns, Minuten gleich, verfliegen!
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Ich fühlte, daß
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Ich fühlt in mir den Himmel: wir flohen zum Altar:
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Ein
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Ach! wo ist noch ein Glück, das wir zu wünschen hätten!
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Ein Lächeln: o wie fahren die Sorgen schnell zurück!
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Und wenn noch oft ein Zweifel hervorstürmt, nur ein Blick,
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Der wie ein Blick des
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Die wilden Furien zur Höll hinunter sendet.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Jakob Dusch
(17251787)

* 12.02.1725 in Celle, † 18.12.1787 in Hamburg

männlich

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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