Am kalten Süderpol, vom Nebel rund umflossen

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Johann Jakob Dusch: Am kalten Süderpol, vom Nebel rund umflossen Titel entspricht 1. Vers(1756)

1
Am kalten Süderpol, vom Nebel rund umflossen,
2
Verflucht von der Natur, in Wogen eingeschlossen,
3
Droht ein verwegner Felsen, den Wind und Fluth bestürmt,
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Mit siebenfachem Gipfel unordentlich gethürmt.
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Das Meer braust um ihn her, und schleudert seine Wellen
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Rauhtönend an den Strand, den Sammelplatz der Höllen.
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In ihm liegt, wie ein Kerker, in Mauren eingedrängt,
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Im fürchterlichen Schatten, der vom Gebirge hängt,
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Ein Land, das Gott verflucht. Hier öffnet sich die Schwelle
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Zum Reich, wo Satan herrscht, der Eingang in die Hölle.
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Zuerst lag er gefangen, und sein verworfnes Heer,
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Im Mittelpunkt der Erde, und hier war alles Meer.
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Doch in der Sündfluth sind die Riegel aufgesprungen,
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Und dies Gebirg entstand in Erderschütterungen.
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Im Donner borst die Rinde, und warf aus dieser Kluft
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Der Erden Eingeweide, und Dampf stieg in die Luft.
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Die Wasser flohn zurück; mit Wettern dicht umzogen,
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Verbarg die Sonn ihr Licht; ein Sturmwind hob die Wogen;
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Die Elemente kämpften: in Bergen kam das Meer,
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Und schob in seinem Grimme die Felsen um ihn her.
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Der fürchterliche Fels verzäunt von aller Wonne
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Das Reich der Finsterniß, und raubet es der Sonne.
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Sein siebenfacher Gipfel, vom Schwefel angehaucht,
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Steigt glüend aus dem Meere, wie Flammen, auf, und raucht.
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Der Schiffer, der hier irrt, hört, meilenweit, mit Grausen
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Den Donner in der Kluft, und der Gewässer Brausen.
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Sechs Meilen in die Höhe, sechs Meilen tief im Meer,
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Sechs Meilen in die Weite, regiert die Pest umher.
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Hier stehet Satans Thron in einer düstern Wunde
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Des eisernen Gebirgs, nah an der Höllen Schlunde.
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Kein Feur, kein Licht zertheilet den Dampf der sichtbarn Nacht,
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Als wenn ein Blitz den Teufeln ihr Elend sichtbar macht:
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Denn Rache donnert hier, daß die Gestade zittern,
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Um sie in fliegenden unendlichen Gewittern.
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Der Pöbel weicht erschrocken, der sich um Satans Sitz,
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Wie Wogen um den Fels, drängt, wenn hinter ihm ein Blitz,
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Und Blitze gegen ihn, und Blitze aus den Gründen,
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Und vor und um ihn her, und über ihm entzünden.

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Hier saß der Fürst der Höllen, und um ihn her die Großen,
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Die Mächte, und das Volk, zu tausend ausgegossen.
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Ein furchtbar Schweigen herrschte: denn Satan sann in sich
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Auf Kriege und Empörung: noch immer königlich,
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Noch immer hoch genug, dem Himmel Hohn zu sprechen,
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Und, nach so manchem Fall, den Schimpf an Gott zu rächen:
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Als eben ein Getöse durch die Versammlung brach,
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Und Gog sich zu ihm nahte. Gog neigte sich, und sprach:

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Unüberwindlicher, Beherrscher dieser Mächte,
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Die dein unsklavisch Herz dem betenden Geschlechte
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Der Himmlischen entrissen; die, obgleich oft besiegt,
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Sich neben dir gerüstet, und wider Gott gekriegt,
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Und dir, irr ich nicht sehr, zum Strich der Finsternissen,
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Das, was der Tag beschaut, noch unterwerfen müssen.
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Auf dein Geheiß, o König, durchkreuzten wir das Land
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Des felsigten Arabiens; von Sinai den Strand
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Des rothen Meers hinab. Ich kam in wenig Tagen
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Bis in die Wüste Sin, wo Gottes Sklaven lagen.
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Herr, da ist alles öde; und meilenlang von hier
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Dehnt sich der starren Wüsten erstorbenes Revier,
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Von keinem Kraut bedeckt, von keinem Strom gewässert:
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Ja, wenn der Wunderthäter nicht die Natur verbessert,
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Wenn er nicht plötzlich Wasser aus trocknen Felsen schlägt;
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Wenn nicht auf seinem Winke die Klippe Erndten trägt:
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So wird, dacht ich bey mir, und jauchzte schon vor Freuden,
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Das Volk des Donnerers des Himmels Adler weiden.
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Wie er dies Volk erhalten, erfuhr ich nicht genau;
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Dies weiß ich nur, vor Hitze verschlangen sie den Thau.
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Nach Dophka ging ihr Zug. Gott denkt sie aufzureiben,
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Und sein gelobtes Land wird wohl die Wüste bleiben.
69
Der Donnrer weiß so wenig, wohin er sie beschied,
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Als ihr elender Führer, der in der Irre zieht.
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Denn jetzt, dacht ich gewiß, wird sich, in wenig Tagen,
72
Das Volk den graden Weg durch alle Feinde schlagen.
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Doch, Satan, ich erstaunte, als, statt ins heilge Land,
74
Der Zug sich wieder südwerts, ans Meer hinunter wandt.
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Vielleicht soll der Befehl, die Wüste zu durchstreichen,
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Ein feiner Staatsstreich seyn, und tiefer Weisheit gleichen!
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Vielleicht auch fühlt der Donnrer, mit allem seinen Zug,
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Sich gegen Kanans Krieger, und uns nicht stark genug!
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Er zog nach Rhaphidim. Da liegen nun die Knechte
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Von Reis' und Fasten matt, und träumen lange Nächte
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Vom künftgen Ueberflusse im Lande Kanaan,
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Und sättgen sich des Morgens im Thau, und nennen's Man.
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Indeß sind edle da, die insgeheim erröthen,
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Und tausend lästern schon den stammlenden Propheten:
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Und die hab ich empöret. Dient Korah unsrer Macht,
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So nennt es meine Ehre: ich hab ihn aufgebracht.
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Bald will ich Sieger seyn, wenn die, die schon erröthen,
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Erst in Empörungen die Wunderthäter tödten;
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Wenn Söhne Vater würgen, und, wild und aufgebracht,
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Ganz Israel sich wütend im Aufruhr niedermacht.
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Ja, Satan, glaube mir, sie wären aufgerieben,
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Wenn eine Nachricht mich nicht schleunig fortgetrieben.
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Ihr Mächte, wenn es wahr ist, wenn nicht die Staatsklugheit
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Dies fliegende Gerüchte im Lager ausgestreut,
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Daß Israel sich nicht in seiner Noth empöre,
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Und Mosen in der Furcht noch sklavischer verehre;
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So steigt der, der uns vormals den Stoß vom Himmel gab,
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Mit allem seinen Donner auf Sinai herab,
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Den Bund des Abrahams, wie etliche erdichten,
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Mit Abrahams Geschlecht von neuem aufzurichten.
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Obs wahr ist, wird sich zeigen: zum mindsten ziehen sie
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Von hier am dritten Morgen den Weg nach Sinai.
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Die Zeit ist kurz; ich eilte, damit es Satan wisse;
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Faßt nun für unsren Muth anständige Entschlüsse.

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Er schwieg. Ein wilder Schrecken nahm die Versammlung ein;
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Ein dunkeles Gemurmel lief durch der Teufel Reihn.
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Wie, wenn der Ocean zum Aufruhr sich empöret,
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Wenn brausend über ihm der schwarze Sturmwind fähret,
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Wie, oder wenn im Abend ein Wetter sich erhebt,
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Und der entfernte Donner dumpf durch die Himmel bebt.

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Doch Satan sahe kaum die Hölle in Bewegung,
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So rafft er sich schon auf. In seiner ersten Regung
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Verleugnet schon die Stirne die Furcht, die ihn ergriff;
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Jetzt stand sein Riesenkörper. So sieht in Teneriff
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Der Wolkenhohe Piko, und überschaut, wie Zwerge
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Ein Riese überschaut, die meilenhohen Berge.
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Der Reichthum von ganz Ormus hing wild um seinen Sitz,
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Ein ungestalter Zierath, barbarisch, ohne Witz.
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Jetzt zwang er sich mit Macht im Angesicht der Höllen,
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Im Auge voller Spott, den Tiefsinn zu verstellen,
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Der doch, ob gleich Verachtung vom ganzen Antlitz sprach,
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Noch immer wild, und finster aus seinen Augen brach.
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So wie ein Freygeist scherzt, wenn ihn die Stimme Gottes
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Im Donner Zittern lehrt, und mit der Min' des Spottes,
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Der Welt, die auf ihn merket, die Furcht unkenntlich macht,
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Im Herzen tief erbebet, und auswerts mühsam lacht:
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So stand er, sah umher, und gleich ward eine Stille.

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Ihr Thronen! daß nicht Furcht die Könige erfülle!
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Sprach er mit hoher Stimme: was künftig auch geschicht,
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Das soll den Himmel treffen, das Reich der Höllen nicht!
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Furcht muß um unsern Feind der Beter Hände falten;
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Und Unerschrockenheit mein weites Reich erhalten.
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Denn das war meine Absicht, als wider Zebaoth
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Ich euch, ihr Geister, aufrief, vernichtet, oder Gott!
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Und dieser mein Entschluß, den ich noch stets erneure,
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War, kenn ich euch sonst recht, ihr Fürsten, auch der eure.
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Was minder können Helden, die nicht so sklavisch blind,
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Nicht durch den Namen Tugend verworfner Pöbel sind,
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Was minder können die anständiges begehren,
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Wenn sie nicht Götter sind, als daß sie gar nicht wären?
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Erinnert euch, da Gott sich von uns belagert sah:
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War jemals was zu fürchten, mich dünkt, so war es da!
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Doch uns zerschlug kein Blitz, den Gottes Grimm entflammte;
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Noch sind wir; zwar verdammt, doch ehrenvoll Verdammte.
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Und dieser Ort der Qualen, die Pein, die Finsterniß,
146
Macht aus dem Muth Verzweiflung, und Tod, und Rache süß.
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Was fürchtet ihr denn jetzt? wer mit mir dem Geschütze
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Des ganzen Himmel stand, bebt vor sinasche Blitze?
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Er mag herunter steigen; die Hölle ist gerüstt;
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Und hilft ihr keine Rüstung, so hat die Hölle List.
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Er soll sein Israel, er mag ihm auch verheissen,
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Was er verheissen will, dem Satan nicht entreissen.
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So denk ich: und erfindet sonst jemand königlich,
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Der diene, durch Entdeckung, der Hölle, mir und sich.

155
Er sprachs, und setzte sich; der rauhe Boden drönte,
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Borst unter seiner Last, und das Gebirg ertönte.
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Und aus den tiefen Reihen erhob sich Belial,
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Der schönste Geist des Himmels vor seinem Sündenfall.
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Durch Satans Schmeicheln ward der eifrige Verehrer
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Des Ewigen verführt, und endlich ein Empörer.
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Jetzt quält ihn Satans Anblick, den Belial verflucht,
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Und der nur seiner spottet: mehr trostlos, als verrucht
163
Verzehrt er sich in Pein; und hoffnungslos zu sterben,
164
Spricht er den Donner an, und rufet dem Verderben;
165
Doch nirgend ist Verderben. Sein Peiniger erwacht,
166
Und treibt ihn in die Schrecken der dicksten Mitternacht.
167
Der stand: Melancholie saß an der finstern Stirnen,
168
Sein Auge, todt von Gram, sah Satan an mit Zürnen.
169
Feind Gottes, Feind der Menschen, Feind aller Creatur,
170
Die selig, und verdammt ist; so sprach er, rathe nur,
171
Empörer rathe nur, daß die Gewalt der Hölle,
172
Wie du dies Elend nennst, sich Gott entgegen stelle;
173
Denn Satans Ruhm sind Strafen der Hölle ohne Zahl,
174
Und deines Muths Triumphe, Verfluchter, unsre Qual.
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Verführet hast du uns, der Seligkeit entrissen;
176
Nun häuf uns auch noch hier die Angst der Finsternissen.
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Zieh aus in deiner Rüstung, und kehre bald mit Spott
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Und Ketten in dein Elend zurück, und dann sey Gott!
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Dann soll dir im Triumph die Höll entgegen fliessen,
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Der Abgrund Veste weihn, und dich als Sieger grüssen!
181
Elender Gott! vergißt du die überstandne Schmach?
182
Wer war da, Satan, als noch der Erdkreis auf dich lag?
183
Doch daran denkst du nicht, und seitdem dies Gefängniß
184
Aus seinen Riegeln sprang, glaubst du, daß kein Verhängniß
185
Dich wieder fesseln könne, und prahlest hochmuthvoll,
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Daß dir die Erde dienen, und Gott dich fürchten soll.
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Ja fürchten! wenn er dich mit neuen Flammen peinigt,
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Und langsam uns zerstört, und seine Schöpfung reinigt!
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Doch dünkst du dich so mächtig; warum denn thatest du
190
Nicht Wunder gegen Wunder? Sprich, warum gabst du zu,
191
Daß Furcht den Jannes schlug, und Angst den Jambres schreckte,
192
Und daß kein Zauberer die Todten auferweckte?
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Warum verließ die Macht dich am rothen Meer so früh,
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Und warf mit keinem Sturmwind die Wogen über sie?
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Der sie dort aus der Hand des Pharao gerissen,
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Der wird auch gegen dich sein Volk zu schützen wissen!

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Er wollte weiter reden: doch der Empörer stand
198
Schon mitten im Gewitter: es fuhr aus seiner Hand
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Ein siebenfacher Blitz: es zitterten die Heere;
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Doch keine Flamme traf; er donnerte ins Leere,
201
Und stampft, als er den Spötter geruhig lächeln sah,
202
Und stand vor Grimm ohnmächtig, und dumm, und sprachlos da:
203
Und sah und hörte nicht. Sein flüchtig Auge schwebte
204
In Nebeln rund umher. Die Hölle schwieg, und bebte,
205
Besorgt, daß von dem Donner ihr Felsengrund zersprang,
206
Und in Erschütterungen verloren untersank.
207
So hüpft Catanea, schon einmal halb verschlungen,
208
Wenn Aetna Flammen speit, in Erderschütterungen,
209
Der Bürger flieht, und fürchtet den Jammer anzusehn,
210
Wenn Städte sich verlieren, und Berge untergehn.

211
Zuletzt begriff sich Satan; ohnmächtig sich zu rächen,
212
Bricht er in Drohung aus: so will ich mit dir sprechen!
213
Verzagter! deinem Ende seh aller Pöbel zu,
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Die vor dem Himmel beben, und Sklaven sind, wie du!
215
Fleuch! reinige den Ort, den Könige bewohnen,
216
Fleuch in die Einsamkeit, und flehe da Verschonen!
217
Dort bete ausgebreitet vergebens um die Ruh,
218
Und bring die Ewigkeiten gequält und sklavisch zu!
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Ihr aber, die mit mir zu edlen Thaten branntet,
220
Und in dem Himmel schon eur Götterwesen kanntet:
221
Die ihr die Finsternissen, mit allem, was euch quält,
222
Weit lieber, als den Himmel mit seiner Knechtschaft wählt;
223
Ihr Helden, redet selbst, so lange wir noch kriegten,
224
Wer wars, der überwandt, wer waren die Besiegten?
225
Wahr ists, wir flohn geschlagen der Seligen Revier:
226
Im Himmel ist er stärker, doch auf der Erden wir.
227
Umsonst erschuf er sich im sterblichen Geschlechte,
228
Die eiteln Hoffnungen von einer Welt voll Knechte;
229
Umsonst verschloß er Eden im diamantnen Thor,
230
Und legte Legionen von Seraphim davor!
231
Die Sünde, mein Geschöpf, und mit ihr, das Verderben,
232
Dringt durch die Pforten ein; sie sündigen und sterben.
233
Und was von ihnen abstammt, das lebt zum Theil für mich,
234
Die Sünde muß sie tödten, und in der Sünden ich!
235
Zwar eine Sage geht, daß die gefangne Erde
236
Vom Himmel aus ein Held dereinst befreyen werde,
237
Der von Gott ausgerüstet, und selbst der Gottheit voll,
238
Die Macht der Hölle fesseln, und uns zertreten soll;
239
Das klinget stolz genug, und mächtig; doch ihr Götter,
240
Jahrhunderte sind fort, und wo ist der Erretter?
241
Wer kann nach so viel Jahren noch warten, daß er kömmt?
242
Vielmehr sah Gott den Erdkreis von Sünden überschwemmt,
243
Daß er, statt das Geschick der Sterblichen zu bessern,
244
Im Grimm dem Untergang, mit tobenden Gewässern
245
Sie zu vertilgen, winkte; da sah ich aus der Ruh,
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Als im Triumph, dem Schiffbruch der ganzen Schöpfung zu!
247
Dies, wißt ihr, Könige; da feyrte noch drey Nächte
248
Die Höll ihr zweites Fest; und jauchzte dem Geschlechte
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Der Sterblichen entgegen, das wie ein kommend Meer
250
Mit Wogen ans Gestade, von allen Seiten her,
251
An unser Ufer floß: So viel verlor Gott Seelen;
252
Doch fällts ihm wieder ein, ein neues Volk zu wählen.
253
Und welch ein Volk, ihr Mächte? Ein Volk, das an dem Nil,
254
So gut, wie der Aegypter, vor Götzen niederfiel.
255
Ein Volk, das furchtsam, tumm, leichtgläubig, leicht betrogen,
256
In steter Furcht gelebt, und sklavisch auferzogen;
257
Ein Volk, das unbeständig in Lehren sich verirrt,
258
Und heute Gott verehren, und morgen lästern wird!
259
Seht da, ein mächtig Volk, gerüstet wider Sünden,
260
Ein heilig Volk des Herrn, zu stark zum Ueberwinden!
261
Und dennoch sind nicht alle, dem Namen nach, Ebräer,
262
Zu tausend floß der Pöbel Aegyptens in ihr Heer.
263
Kein Volk ist mehr dem Dienst des Ewigen zuwider;
264
Es betet Zwiebeln an und kniet vor Thieren nieder.
265
Nun urtheilt selbst, ihr Thronen, verdient es wohl der Müh,
266
Dies Sklavenvolk zu halten? nein! reisen ließ ich sie!
267
Gott zwar erschöpfte sich, ließ alle Wunder zeigen;
268
Doch ich war sorgenlos, und hieß die Zaubrer schweigen.
269
Nachdem ich Gott vergeblich drey Monat lang bemüht,
270
War ich mit mir zufrieden, und dachte endlich: zieht!
271
Die Wüst' ist weit genug, die mögen sie durchstreichen,
272
Doch nimmer soll ein Fuß den Sinai erreichen!
273
So tief verlor sich Satan in Fabeln gegen Gott
274
Und färbte seine Schande, und machte unter Spott
275
Sein Elend unsichtbar, und seine Ohnmacht prächtig,
276
Zu ewgen Schimpf verdammt, und nur in Worten mächtig.

277
Jetzt näherte sich Moloch: von seinem ehrnen Gang
278
Erbebten die Gestade, und das Gebirg erklang;
279
Wohin er wandelte, lag hinter ihm Verwüstung;
280
Ein kriegerischer Geist, in siebenfacher Rüstung,
281
Womit er wider Gott sich im Himmel aufgelehnt,
282
Und die so, wie er wandelt, wild um ihn her ertönt,
283
Trat er im Sturm herein: der Pöbel wich ihm schüchtern,
284
Und stand von fern um ihn mit Schrecken in Gesichtern.
285
Zwar Moloch flucht, wie Satan, dem furchtbarn Donnerer;
286
Doch nicht so stolz, wie Satan, hält er sich mächtiger.
287
Er kriegt nicht wider Gott, damit er überwinde,
288
Aus Bosheit krieget er; denn Moloch liebt die Sünde,
289
Bloß um der Sünde willen. Gern will er alle Pein,
290
Nur mit dem Ruhm Empörer und Gottes Feind zu seyn.
291
Wenn Satan thöricht hofft, den Himmel zu besiegen,
292
Verlacht er seinen Stolz; doch räth er ihm zu kriegen.
293
Jetzt riß er wild und rauschend sich aus dem Volk hervor,
294
Stand, wie ein Fels, gegründet mit seiner Last empor,
295
Und sprach: Der Hölle Sieg! Das Lager der Ebräer
296
Zieht bis nach Sinai; dort, heißt es, wird ihr Seher
297
Ein neu Gesetz empfangen. Dies wisset ihr vielleicht;
298
Doch, daß es ohne Krieg nicht den Sinai erreicht,
299
Das wisset ihr noch nicht. Ein Heer Amaleckiten
300
Wird bald zu Raphidim in ihrem Lager wüten.
301
Zwar alles dient uns hier, Heth, Moab, Kanaan
302
Vom Amaleck herunter bis hin an Madian;
303
Und Ammon ist mein Volk; dort raucht, mich zu verehren,
304
Der Opfer süßer Dampf von blutigen Altären;
305
Dort strömt im Thale Hinnom für mich der Kinder Blut;
306
Da seh ich mit Entzücken die Mutter, an der Gluht,
307
Die Früchte ihrer Schooß von ihren Brüsten reissen,
308
Und, der Natur zur Schmach, in meine Flamme schmeissen;
309
Doch wählt ich unter allen, den Pöbel der Ebräer,
310
Auf einmal aufzureiben, des Agags mächtig Heer;
311
Damit nicht ohne Greul des knechtschen Jakobs Erben
312
Von Blutsverwandter Hand, von Esaus Enkeln sterben.
313
O daß sie Brüder wären, o Blut, das brüderlich
314
Vom Bruder strömend raucht, ein süßer Duft für mich!
315
Zudem ist unter sie von Vätern auf die Väter
316
Ein Haß herabgeerbt, den Jakob, der Verräther
317
Des Esau, sich erworben, als er, so saget man,
318
Den Segen seines Vaters, das Recht auf Kanaan,
319
Und die Geburt erschlich: dies mögt ihr Träume nennen;
320
Doch Träume, die uns mehr, als Wahrheit, nutzen können.
321
Ihr Haß ist mehr, als feindlich: und rasend wird ihr Grimm
322
In die Ebräer toben. Dann will ich Raphidim,
323
Voll Aufruhr und Verwüstung, und Feinde, die sich würgen,
324
Mit Blute überschwemmt, und Leichen in Gebirgen,
325
Vorm Angesicht des Helfers mit Lust der Höllen sehn,
326
Ja ihm das Blut der seinen entgegen dampfen sehn.
327
Ich ging, damit ich euch zu diesem Schauspiel lade;
328
Ihr Krieger, eilt mit mir zum blutigen Gestade,
329
Und seht den Tod da würgen; erschrecket die Ebräer
330
Mit Zittern und Entsetzen, daß ihr verscheuchtes Heer
331
Im grimmigen Tumult sich selber niedermache,
332
Und fluch, und Mosen schmäh und Gott; das sey die Rache!

333
Er schwieg: die Hölle jauchzte, und ein Triumph durchdrang
334
Den Abgrund, der erbebte, und donnernd wieder klang.
335
Auf eine Zeitlang schwieg der Grimm der andern Schmerzen,
336
Und Rachgier peinigte; denn Rachgier peinigt Herzen.
337
Verzweiflung an der Rache nahm erst die Geister ein,
338
Doch Moloch goß ein Leben und Flammen in die Pein.
339
So, wenn ein Kriegesherr das Schlachtfeld vor sich siehet,
340
Erblaßt, und ohne Muth dem Feind entgegen ziehet;
341
Schon steht des Todes Rüstzeug in fürchterlichen Reihn,
342
Auf seinen Zug Verwüstung und Donner auszuspeyn:
343
Es bebt: doch plötzlich stürmt der Trommel und der Flöte
344
Belebende Musik; die weckende Trompete
345
Ertönt beseelend drunter; belebt die feige Schaar
346
Und gießt in ihren Busen Verachtung der Gefahr.
347
So weckte Molochs Geist das Herz der blassen Krieger,
348
Und Satan segnete den künftgen Gottes-Sieger;
349
So, wie die Hölle segnet. So sey die Wüste dann
350
Durch dich, nächst Satan König, der Sklaven Kanaan!
351
Hier will ich ihren Staub in Wirbelwinden jagen,
352
Und durch den Himmel streun, und dann zum Donnrer sagen:
353
Errette die Ebräer, nimm endlich doch den Raub
354
Der Macht der Hölle wieder, und wecke diesen Staub!

355
Er sprachs, und nun entflohn die eingebildten Götter,
356
Im schrecklichen Tumult, wie sieben ehrne Wetter.
357
Zugleich auf einmal donnern. Indeß ging Belial
358
Einsiedlerisch ins Finstre, verfluchte seinen Fall;
359
Verglich die Seligkeit und diese Finsternissen,
360
Und weckte selbst die Quaal sein fressendes Gewissen.
361
Dort saß am Feuermeere auf einem Felsen On,
362
Sah schwindlend in den Tiefen den dicken Phlegeton
363
Voll Seelen, die vordem dem Schöpfer Hohn gesprochen,
364
Und in der Qual noch schmähn, zu seinen Füßen kochen.
365
Ein anderer lag bebend, und krümmte sich, und wandt
366
Die Glieder in einander, und fror am heissen Strand.
367
Und der Verdammten mehr, die hier in Myriaden
368
Die Quaal gefangen hält, wie Sand an den Gestaden.
369
Die Krieger aber flohen; vor ihnen floß das Meer
370
In Furchen, wie Gebirgen; schwarz schossen sie daher,
371
Und brausend, wie der Sturm, wie ganze Inseln fliessen,
372
Die die Gewalt der Fluth vom vesten Land gerissen;
373
Mit ausgedehnten Flügeln, worinn ein Sturmwind bließ,
374
Den Satan, eh er flohe, aus Süden brausen ließ.
375
So segeln sie durchs Meer; in allen Augenblicken
376
Sind hundert Meilen schon weit hinter ihrem Rücken.
377
Dann ruhn sie auf Gebirgen, und stürzen sich von dort
378
Schnell über breite Bänder auf ihren Flügeln fort.
379
Im Parom senkten sie ihr schattigtes Gefieder,
380
Und stürzten mit der Nacht auf einen Felsen nieder.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Johann Jakob Dusch
(17251787)

* 12.02.1725 in Celle, † 18.12.1787 in Hamburg

männlich

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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